Noch während er las und ein leichtes, spöttisches Lächeln über seine
Züge blitzte, klopfte es stark an die Thür. Fast unwillkürlich nahm er
das Paket Banknoten, schob sie in die Tasche und rief dann: »Herein!«
Der Anklopfende ließ sich nicht lange bitten.
»Guten Abend, Herr Handor! Das freut mich ja sehr, daß ich Sie endlich
einmal zu Hause treffe -- ich bin heute schon viermal da gewesen und
immer umsonst!«
»Ah, Meister Seilitz,« sagte Handor, der seine Augen mit der Hand gegen
das Licht schützen mußte, um ihn zu erkennen -- wenn er ihn nicht
schon an der Stimme erkannt hatte, denn er schien eben nicht angenehm
überrascht von der Entdeckung, -- »und was verschafft mir die Ehre Ihres
fünfmaligen Besuches?«
»Ja, mein bester Herr Handor, Sie wissen ja wohl -- die Rechnung. Dem
Fabrikanten muß ich vierteljährlich seine Tuche bezahlen, die Gesellen
wöchentlich, und ich bin nicht mehr im Stande, die Auslagen zu
bestreiten, wenn mich meine Kunden so im Stich lassen. Ich möchte
Sie dringend bitten, mir wenigstens einen Theil meiner Rechnung
abzubezahlen!«
»Mein guter Herr Seilitz,« sagte Handor lächelnd, »Sie wissen aber doch,
daß ein Schauspieler nie vor dem Ersten Geld hat, und mit dem besten
Willen wär' ich jetzt nicht im Stande --«
»Aber Sie erinnern sich doch, Herr Handor, daß ich Ihnen das letzte Jahr
hindurch regelmäßig am Ersten meine Aufwartung gemacht habe, und der
Himmel weiß, wie es kommt, ich konnte nie den günstigen Moment treffen,
denn einmal kam ich eine Stunde zu früh und das andere Mal eine Stunde
zu spät -- aber es war immer nichts.«
»Sie haben wirklich Unglück gehabt, Meister Seilitz,« sagte Handor,
»aber diesmal soll ihnen das nicht wieder so begegnen. Ich gebe Ihnen
mein Wort, daß wir diesmal am Ersten meine Rechnung abschließen --
vielleicht noch früher.«
»Ich würde Ihnen unendlich dankbar sein, Herr Handor,« sagte der
Schneidermeister, »und da es nur noch ein paar Tage bis zum Ersten
sind, so will ich auch nichts weiter dagegen sagen. Dann aber müßte ich
wirklich -- so leid es mir thun sollte -- die Gerichte zu Hülfe rufen,
denn ich _kann_ nicht länger warten.«
»Nun, Meister Seilitz, wenn Sie mir auch nicht gerade gleich mit den
Gerichten drohen...«
»Es thut mir wirklich leid, Herr Handor, denn ich behandle meine Kunden
gern mit Achtung, aber...«
»Jetzt werden Sie doch so freundlich sein und mich verlassen, Herr
Seilitz,« sagte Handor, der auch anfing ärgerlich zu werden. »Wenn Sie
bis zum Ersten Ihr Geld nicht haben, »so thun Sie nachher, was Ihnen --
angenehm ist.«
»Sehr wohl, Herr Handor -- Sie haben mir Ihr Wort gegeben, und
ich verlasse mich darauf. Sie wissen, wenn ich Ihnen einmal etwas
versprochen, habe ich es auch gehalten.«
»Das haben Sie -- also für den Augenblick...«
»Ich will Ihnen nicht länger lästig fallen -- am Ersten, Morgens
zwischen zehn und elf Uhr, werde ich mir wieder erlauben nachzufragen.«
»Sehr wohl, Herr Seilitz.«
»Guten Abend, Herr Handor.«
Handor stand, als ihn der Mann verließ, mit dem rechten Arm auf den
Tisch gestützt, die Linke in der Tasche, in die er die Banknoten
gesteckt, und blieb in der Stellung noch lange, nachdem sein Gläubiger
schon die Stube und das Haus verlassen hatte. Leise nickte er dabei mit
dem Kopf und murmelte:
»Das geht nicht mehr länger so -- das geht bei Gott nicht mehr! Das
ist ein Hundeleben, und keine Existenz -- aber bah,« rief er, den Kopf
zurückwerfend, daß ihm das lange, lockige Haar aus der Stirn flog,
»steh' ich denn nicht am Vorabend großer Ereignisse? Bis zum Ersten? --
Bis zum Ersten sind die Würfel gefallen, und Sie bekommen Ihr Geld, Herr
Seilitz, oder -- Sie bekommen es nicht,« setzte er gleichgültig hinzu,
ging zum Secretär, in dem er das eben vom Director erhaltene Geld, den
Rest seiner ganzen Gage für diesen Monat, verschloß und den Schlüssel in
die Tasche steckte. Dann klingelte er und nahm Hut und Mantel um, blieb
aber noch mitten in der Stube, so fertig angezogen zum Ausgehen, stehen,
bis die Thür aufging und sein kleiner Laufbursche, der aber eine dünne
Goldlitze als Ansatz einer Livrée um den Rockkragen trug, in der Thür
erschien.
»Ich gehe aus, Fritz.«
»Sehr wohl, Herr Handor.«
»Weißt Du, wohin ich gehe?«
»In die »Hölle«, Herr Handor.«
»Allerdings, mein Bursche -- wenn Dich aber Jemand danach fragen
sollte?«
»Bis dahin werd' ich's wohl wieder vergessen haben, Herr Handor.«
»Gute Nacht, mein Bursche,« sagte der junge Mann, ihm mit dem Kopf
zunickend, und stieg langsam und leise vor sich hin pfeifend die Treppe
hinunter.
17.
Festvorkehrungen.
Die nächsten Tage brachten in Haßburg nicht viel Neues. Jahrmarkt und
Vogelschießen waren vorbei, und die gewöhnliche Erschlaffung nach allen
solchen Wochen lang dauernden Aufregungen trat ein. Nur die Haßburger
Jugend amüsirte sich noch eine Zeit lang auf dem Platz, wo die Buden
gestanden hatten oder vielmehr noch standen oder eben abgerissen wurden,
um einen Blick in die oft sehnsüchtig, jedenfalls neugierig umlagerten
Heiligthümer zu gewinnen. Und wie oft wurde diese Ausdauer mit Erfolg
gekrönt, denn jetzt lag den Besitzern ja doch nichts mehr daran, ihre
Sehenswürdigkeiten jedem sterblichen Auge verborgen zu halten. Die Zeit
war um, in der sie vom Magistrat concessionirt gewesen, Geld für das
Anschauen derselben zu nehmen; von denen, die hier umherstanden,
zahlte ihnen doch keiner mehr Entrée, und das »Aufladen« wurde ziemlich
öffentlich betrieben.
Nicht geringe Schwierigkeiten bot es dabei der wißbegierigen Jugend,
um heute im Sonnenlicht und in Alltagskleidern die verschiedenen
Persönlichkeiten wieder herauszufinden, deren Leistungen sie vielleicht
noch gestern Abend bei dem Licht einer Anzahl von Oellampen und im
bunten, phantastischen Flitterputz bewundert und angestaunt hatten.
»Du, das ist der, der gestern Abend das Feuer gefressen hat und sich den
Degen bis in den Magen stieß,« rief einer der Jungen seinem Nachbar zu,
indem er ihm den Ellbogen in die Seite rannte.
»Ach, dummer Junge, der doch nicht in der grünen Jacke!«
»Der mit der langen Troddel an der Mütze, gewiß; ich sag' Dir, ich kenn'
ihn. Gestern hatt' er 'nen rothen Kittel an. Siehst Du, jetzt macht er's
gerade so wieder, wie gestern mit dem linken Bein -- das ist er.«
»Und Du, das ist das kleine Mädchen, das auf dem Seil tanzte -- na,
sieht die aber heute aus!«
Die Jungen hatten in ihrer Unschuld Recht. Die beiden bezeichneten
Individuen glichen heute Morgen auch nicht im Entferntesten ihrem
gestrigen Ich und sahen ruppig genug aus. Der Mann ging in großcarrirten
Hosen, trug eine gestickte Mütze mit einer wohl eine halbe Elle langen
Troddel von unächter Quaste, und war in eine grüne, abgeschabte Pikesche
gekleidet. Das Mädchen trug einen zerfetzten Kattunrock und darüber ein
altseidenes, von Fettflecken starrendes Tuch -- und wie unbeschreiblich
prächtig waren sie ihnen gestern dagegen erschienen.
Der Jugend blieb aber nicht lange Zeit, sich mit dem Studium der
verschiedenen Charaktere zu befassen, denn Einer rief es in diesem
Augenblick dem Andern zu, daß die Thierbude ausgeräumt würde, und
Alles drängte dorthin, um einen Blick auf die wilden Bestien gratis zu
bekommen.
Boshafter Weise hatten die Wärter allerdings die verschiedenen Kästen
mit Matten und alten Decken verhangen, so daß nichts frei blieb, als
einige Affen und ostindische Arras, die aber von keinem Interesse
waren, da sie den ganzen Markt über außen an der Bude der Schaulust des
Publikums preisgegeben gewesen. Hier und da rutschte aber doch einmal
ein oder der andere Vorhang bei Seite oder war nicht gut genug befestigt
und glitt, das Innere des Käfigs enthüllend, nieder.
»Der Eisbär!« ging dann der Ruf durch die ein Hurrah ausstoßende Jugend.
»Hast Du ihn gesehen? Und das war der eine Löwe!«
»Ach bewahre, das war ein Leopard.«
»Ja, Du weißt's -- ich habe den Schwanz und das ganze Hinterbein
gesehen.«
»Du, da ist der Seehund -- hurrah!« schrieen die Jungen, als das
fragliche Thier, durch die ungewohnte Bewegung vielleicht, aus seinem
Faß oder Kübel hinausschnellte und von dem zuspringenden Eigenthümer
wieder zurück in sein nasses Element geworfen wurde.
Es gab so viel zu sehen, das kleine Volk wußte gar nicht, wohin es sich
zuerst wenden, was es zuerst anstaunen sollte, und doch starrte das
nackte Elend fast aus all' diesen halbzerrissenen Schaubuden dem
Sonnenlicht entgegen. Bleiche, überwachte Gesichter, schlecht und
ärmlich gekleidete, aber trotzdem mit unächtem Schmuck bedeckte
Gestalten, widerliche rohe Kerle, die brennende Cigarre im Munde;
abgelebte, verdrossene Frauen oder freche Dirnen, die mit den
Vorbeipassirenden ihre nichts weniger als zarten Scherze trieben. Und
dabei hämmerten die Zimmerleute, warfen die Dächer der Buden hinab,
wo die bisherigen Inhaber derselben sie noch nicht einmal vollständig
geräumt hatten, und allerlei wunderliches Fuhrwerk hielt dabei mitten
zwischen den verschiedenen Haufen von »Künstlern«, Kindern, Hunden,
Ponies und Affen, um ihre bunte Fracht aufzunehmen und dann einen
andern Platz, eine andere Stadt zu suchen, wo sie ihr trauriges Geschäft
fortsetzen und ihr Leben fristen konnten.
Und wie froh waren die Insassen der benachbarten Häuser, daß dieses
wüste Toben und Treiben, dem sie eine volle Woche hatten still halten
müssen, nun doch endlich einmal seinen Abschluß gefunden! Wie weggefegt
waren die Drehorgelspieler und Mordgeschichten-Ausschreier,
die Fleckenreinigungs- und Glasdiamanten-Männer, die blinden
Bergwerksbesitzer und Luftballon-Jungen. Kein Kameel drückte mehr der
nordischen Promenade seine Fährten ein, kein Bärenpaar balgte sich
unterwegs zum Entsetzen harmloser Kindermädchen. Es war vorbei, das
Vogelschießen beendet, und die Stadt lag wieder still und ruhig
wie immer, die Bewohner derselben gingen auf's Neue ihren gewohnten
Beschäftigungen nach.
Und doch bereitete sich schon wieder eine neue Aufregung für die Stadt
vor, die aber dieses Mal nur in bestimmten und bevorzugten Kreisen
blieb: die Ankunft des Erbprinzen, die am ersten Abend eine
Festvorstellung im Theater eröffnen und am zweiten ein Ball beschließen
sollte, zu dem der größte Theil der =haute volée= und sogar auch sehr
viele bürgerliche Familien geladen waren. Wie viele Hände setzt aber
ein solcher Ball in Bewegung, denn was für eine Masse von Putz und Staat
wird für einen solchen Abend aufgespart und zur Schau gestellt, und wie
viel unsagbare Mühe kostet es, bis alle die nothwendigen Ingredienzen,
vom weißen Atlasschuh bis hinauf zum dominirenden Haarschmuck,
ausgewählt, geprüft, verworfen, verändert und endlich für brauchbar
befunden, zusammengetragen und zur wirklichen Benutzung hergestellt
sind!
Und wie wird da geschneidert und gestärkt, gewaschen, aufgeputzt und
abgemessen, und was für große Berathungen finden -- bei geschlossenen
Thüren und im Corset -- statt, und mit welcher Wichtigkeit wird das
Alles betrieben, als ob das Wohl der einzelnen Familienglieder davon
abhange -- und wie wünschen sich die Töchter, daß der Abend schon da --
und Vater und Mutter, daß er erst vorüber wäre!
Dieser Hast des Zusammenbauens stand aber das Theater nicht nach, denn
es hatte sich herausgestellt, daß »Hamlet« als Festvorstellung nicht
genügen würde. Der junge Prinz -- oder der alte Hofmeister vielleicht
-- liebte nämlich auch Ballet, und da es sich doch nicht gut in den
»Hamlet« einlegen ließ (obgleich einige Directoren doch vielleicht einen
Geistertanz in der Kirchhofsscene möglich gemacht haben würden), so war
beschlossen worden, in den Zwischenacten, und zwar nach dem ersten und
dritten Act, eine besonders zu dem Zweck herbeigerufene Balletgröße
springen zu lassen.
Das gab jetzt Proben. Der Theaterdiener kam gar nicht mehr von den
Füßen, ausgenommen wenn er unterwegs einmal aus Versehen in ein Bierhaus
hineinfiel, wo er dann wunderbarer Weise fast jedesmal den Souffleur
Mauser traf. Dieser benutzte nämlich die verschiedenen Zwischenpausen
auf das Geschickteste, um sowohl seinen Durst wie Aerger mit einem
oder verschiedenen Gläsern Bier hinunter zu waschen. Jede Probe und
Vorstellung erfüllte ihn aber auch mit neuem Gift, denn er konnte noch
immer nicht die Zeit vergessen, wo er selber da oben auf den Brettern
gestanden und seiner Lunge freien Lauf gelassen hatte. Aber es war nicht
gegangen -- Chicane natürlich arbeitete dagegen an: das Publikum zeigte
sich in den ernstesten Scenen heiter, und der Director behauptete, daß
er seine Rolle zu Schanden schriee. Da wurde er aus Rache Souffleur, und
der Ingrimm kochte mit ihm im Kasten drin.
Und heute erst -- heute war der Erbprinz angekommen, und Alles drängte
auf den Straßen zusammen, um ihn vorüberfahren zu sehen; nur in den
düsteren Theaterräumen hatte man keine Zeit dazu, denn dort wurde die
Generalprobe für den heutigen Abend abgehalten, und Handor wußte kein
Wort mehr von seiner Rolle.
Zehnmal wenigstens mußte er den »Hamlet« schon gespielt haben, aber so
zerstreut wie heute war der unglückselige Mensch noch in seinem ganzen
Leben nicht gewesen, und Mauser hätte ihn erwürgen können.
Der Director selber ging in Todesangst hinten auf der Bühne auf und
ab, denn Handor ließ sich nie etwas sagen und war im Stande, wenn
er irgendwie geärgert wurde, heut Abend statt seiner Garderobe ein
ärztliches Zeugniß auf die Bühne zu schicken, daß er nicht spielen
könne. Er wollte wie ein rohes Ei behandelt werden, und wenn er
heute stecken blieb -- und nach der Generalprobe _mußte_ er stecken
bleiben --: der Director trug eine Perrücke, aber er hätte sich mögen
die Haare ausreißen.
Rebe hatte die Rolle des Güldenstern, und in der Scene mit ihm und
Rosenkranz wußte Handor in der That kein einziges Wort mehr; er mußte
vor dem Souffleurkasten stehen bleiben und dem Souffleur nur eben
nachsprechen, was er ihm vorsagte. Es war eine peinliche Situation
für die übrigen Schauspieler, und nach der Scene, als Handor in das
Conversationszimmer ging, wo er eine Flasche Wein stehen hatte, folgte
ihm der Director.
»Mein bester Herr Handor!«
»Herr Director?«
»Nicht wahr, Sie memoriren heute noch tüchtig? Es -- es haperte ein
wenig; denn wenn wir uns heut Abend blamiren sollten...«
»Glauben Sie, daß _ich_ mich blamiren werde, Herr Director?« sagte
Handor.
»Sie -- oh Gott, nein, gewiß nicht, lieber Handor! Aber schon ein Zögern
im Dialog -- der Erbprinz kennt den »Hamlet« durch und durch, und Sie
können sich doch denken, daß ich eine Art von Stolz darein setzen würde,
wenn Sie ihn so recht packten und hinrissen!«
»Haben Sie keine Furcht,« sagte Handor gleichgültig -- »ich -- bin
heute Morgen etwas zerstreut -- ich erhielt gerade vor der Probe einen
unangenehmen Brief -- die Todesnachricht eines Verwandten; ich kann
meine Rolle, Sie werden heut Abend sehen.«
»Das gebe Gott!« sagte der geplagte Director mit einem recht aus
tiefster Brust herausgeholten Seufzer; »Sie wissen ja auch, Herr Handor,
daß ich Ihnen überall gern gefällig bin, wo ich nur irgend kann.«
»Ich weiß es, mein lieber Director; Sie werden heut Abend keine Ursache
haben, sich über mich zu beklagen. Mauser soll mir kein einziges Wort
souffliren.«
»Mein lieber Herr Handor!«
»Gewiß, mein bester Director; kommen, Sie, nehmen Sie ein Glas Wein mit
mir. Mir ist die Kehle wie ausgebrannt.«
»Ja, mir auch,« stöhnte der Director, indem er der Einladung Folge
leistete, »und hier wollen wir auf eine gute und zusammengreifende
Vorstellung anstoßen -- Hamlet lebe!«
»Hamlet der Däne lebe,« lachte Handor, »wenn Sie ihn auch heut Abend
umbringen lassen!«
»Ach, Du lieber Gott, wenn nur der Abend erst vorüber wäre!« sagte der
Director, wischte sich den Schweiß von der Stirn und griff dann seinen
Strohhut auf, um nach Hause zu gehen. --
* * * * *
Draußen im Schlosse des Grafen Monford ging es fast noch unruhiger zu,
als im Theater, denn einige dreißig Gäste waren auf heut Abend angesagt,
und die Vorbereitungen dazu wurden im großartigsten Maßstabe getroffen.
Allerdings genirte den Grafen die Festvorstellung im Theater, und er
würde die Verlobung seiner einzigen Tochter gern verlegt haben, wenn
sich nicht gerade an diesen Tag eine besondere Erinnerung knüpfte. Aber
eben heute vor achtundzwanzig Jahren hatte er sich mit seiner eigenen
Frau verlobt, und es war schon seit langer Zeit sein Lieblingswunsch
gewesen, Paula's und später George's Verlobung an dem nämlichen Tag zu
feiern. Selbst die Ankunft des Erbprinzen konnte deshalb keine Aenderung
in seinem ursprünglichen Plan hervorrufen, hätte er sich selbst mit dem
regierenden Hause besser gestanden, als er wirklich stand. Aber das
war eine alte Geschichte, und der regierende Herr ihm einmal in einer
Rangsache zu nahe getreten, was ihm Graf Monford nie vergab; weshalb
also sollte er jetzt auch Rücksicht auf den Thronfolger nehmen! Es
geschah ihm ganz recht, wenn er den ersten Rang nur spärlich besetzt
fand, denn die Herrschaften hatten den Adel überhaupt vernachlässigt und
mochten es sich selber zuschreiben, wenn der Adel ein Gleiches mit ihnen
that.
Um so mehr fühlte sich aber der Graf Monford dafür verpflichtet, heute
jeden Glanz zu entfalten, den sein Haus bot, und während das ganze
Schloß von oben bis unten in einen blühenden Garten verwandelt worden
war, brach die Tafel fast unter der Last des Silbers, die sie zu tragen
hatte, und immer noch schleppten die Diener Kisten und Ballen herbei,
deren Inhalt die hier schon ausgestreute Pracht vermehren sollte.
Dadurch aber glich das Haus trotz der Blumen und der ausgestellten
Herrlichkeit mehr einer Packkammer, als einer Festhalle.
Graf George war den ganzen Tag abwesend, denn er hatte in der Stadt alle
Hände voll mit der Inscenesetzung seines Stückes zu thun, welche auf der
Privatbühne einer andern befreundeten Familie in Haßburg stattfand. Wie
erschrak er freilich, als er hörte, daß die junge Gräfin Rottack gleich
nach der Leseprobe unwohl geworden sei und einen ganzen Tag das Bett
hüten mußte. Er fürchtete schon einen neuen Schlag für sein Theater.
Glücklicher Weise war es aber nur ein leichtes Unwohlsein gewesen, und
sie fühlte sich schon am nächsten Morgen wieder wohl genug, die einmal
übernommene Pflicht auch zu erfüllen.
Aber wie viel gab es für den armen jungen, daran gar nicht gewöhnten
Grafen noch dabei zu thun, und wie geheimnißvoll mußte das Alles
betrieben werden! Was für Mühe hatte es außerdem gekostet, das kleine,
schon lange nicht mehr benutzte Privattheater im Schlosse selber wieder
in Stand zu setzen, ohne daß Paula etwas davon merkte -- und nur der
geringste Verdacht würde ja die ganze Ueberraschung zerstört haben.
Paula schien ihm aber dabei ordentlich selber in die Hände zu arbeiten,
denn sie sah nichts von Allem, was um sie her vorging, und war nie
zufriedener, als wenn sie ungestört und allein in ihrem Zimmer bleiben
oder im Garten auf und ab gehen konnte.
Recht bleich und angegriffen sah sie aus, das konnte selbst dem jungen,
leichtherzigen Grafen nicht entgehen, und er hatte sie oft gefragt, ob
sie sich unwohl fühle, aber immer eine entschieden verneinende Antwort
erhalten. Sollte sie sich wirklich in der Verbindung unglücklich fühlen?
Aber Hubert war solch ein herzensguter und tüchtiger Mensch, sie mußte
glücklich an seiner Seite werden, noch dazu, wenn sie sah, wie glücklich
sie die Eltern dadurch machte. Das gab sich auch gewiß schon nach
den ersten Tagen: nur das Neue der Situation, nur der Gedanke, in ein
vollkommen fremdes Leben selbstständig einzutreten, machte sie jetzt
so befangen und zerstreut und raubte ihren Wangen die sonst so blühende
Farbe, ihren Augen den gewohnten freundlichen Glanz. Damit beruhigte
sich George vollkommen, und hatte auch in der That jetzt so viel und
so Verschiedenes zu denken, daß er gar nicht recht zu Besinnung kommen
konnte. Die Schwester hätte ihm auch wirklich gar keinen größeren
Gefallen thun können, als daß sie sich still und abgeschlossen hielt.
Paula war in der Zeit viel im Garten und ihr liebster Spaziergang der
nach dem alten Thurm, wo sie Stunden lang allein und träumend saß und
nach den fernen Bergen hinüberschaute. War sie doch auch jetzt von
ihrer Gouvernante oder Gesellschafterin vollständig erlöst, die sich
allerdings noch im Hause befand, aber alle Macht über sie verloren
hatte.
Graf Monford wollte, daß seine Tochter sich frei und unabhängig fühlen
lernen sollte, ehe sie das elterliche Haus verließ, und Paula dankte ihm
das wenigstens aus vollem Herzen.
Auch heute Morgen war das junge Mädchen erst langsam auf der Terrasse
eine Zeit lang auf und ab und dann ihrer Lieblingsstelle zugegangen, und
George hatte mit Schmerzen auf den Augenblick gewartet, wo er sie in
den Büschen verschwinden sah, denn eine neue Decoration, mit deren
Anfertigung sich der Maler verspätet hatte, lag schon seit zwei Stunden
im Hinterhalt und konnte nicht in das Schloß geschafft werden, so
lange er jeden Augenblick der Gefahr ausgesetzt war, daß die Schwester
plötzlich aus ihrem Zimmer treten und ihm die ganze Freude stören
möchte.
Jetzt war sie fort, und eben wollte er den Befehl geben, die etwas
unbehülflichen Versetzstücke rasch herbeizuschaffen, als Mademoiselle
Beautemps auf dem Schauplatz erschien. Daß die nicht schweigen konnte,
wo sie nur die Ahnung hatte, daß es ein Geheimniß galt, wußte er
aus Erfahrung, und die mußte deshalb ebenfalls unter jeder Bedingung
entfernt werden.
»Ah, Mademoiselle,« rief er ihr zu, »wo haben Sie denn gesteckt? Paula
hat Sie schon seit einer Viertelstunde gesucht.«
»Die Comtesse mich?« rief die Französin, nicht ohne Grund erstaunt; »das
wäre wunderbar.«
»Ja gewiß, sie ist in den Garten gegangen, um Sie dort zu suchen. Im
Park oder am alten Thurm werden Sie sie finden.«
Mademoiselle schüttelte mit dem Kopf, folgte aber doch der Weisung und
nahm ebenfalls die von Paula eingeschlagene Richtung.
»So, nun aber rasch,« lachte George fröhlich vor sich hin; »tummelt
Euch, Ihr Leute, in zehn Minuten muß Alles im Hause und hinter
verschlossenen Thüren sein, damit uns die Damen nicht wieder in den Weg
kommen, denn das Fräulein wird bald wieder abgefertigt werden. Was Paula
nur denken wird,« schmunzelte er dann leise vor sich hin, »daß ich ihr
die alte Französin über den Hals schicke; aber heut Abend erzähl' ich
ihr, weshalb.«
Die Leute sprangen mit gutem Willen zu, und die verschiedenen Coulissen
und Versetzstücke wurden rasch in's Schloß und die Treppe hinauf
gebracht. Nur der alte Jonas schüttelte den Kopf dazu, daß sie auch noch
gemalte Bäume in das Haus schleppten, wo er selber schon Alles in einen
blühenden Wald verwandelt hatte, und schimpfte auf die ungeschickten
Träger, die ihm da und dort an den Ecken die aufgestellten Blumenstöcke
umgeworfen und sogar ein paar Töpfe zerbrochen hatten. Nichts wie Aerger
mit dem unnützen Volk, das nicht einmal eine Distel von einer Camellie
unterscheiden konnte und so rücksichtslos mit der einen wie mit der
andern umging.
Mademoiselle Beautemps wandelte indessen in majestätischer Haltung den
Weg entlang, den vor ihr, leicht wie ein scheues Reh, Paula geschlüpft
war, und wunderte sich im Stillen, was die Comtesse von ihr haben wolle,
da sie sich in der letzten Woche kaum mit einem Blick um sie gekümmert
hatte.
Ihre Stellung hier war überhaupt eine unhaltbare geworden, so strenge
Gewalt sie auch bis noch vor ganz kurzer Zeit über die einzige Tochter
des Hauses ausgeübt. Der alte Graf selber mochte sie dabei nicht leiden,
wie sie recht gut fühlte, und sie war auch schon fest entschlossen,
nicht, wie es vorher bestimmt, bis zur Vermählung der Comtesse hier
auszuhalten, sondern gleich nach der Verlobung die Familie zu verlassen.
Was sollte sie auch noch länger hier, wo sie doch nichts mehr befehlen
durfte und von keiner Seite geliebt, nur von der Gräfin selber noch
gehalten wurde? Die Comtesse haßte sie ja doch, das wußte sie genau, und
das Gefühl war gegenseitig.
Albernes, eigenwilliges Ding, vom Glück verzogen, von ihren Eltern und
ihrer ganzen Umgebung verwöhnt, nur nicht von ihr -- beim Himmel, nicht
von ihr! Hatte sie sich nicht aufgeopfert für das alberne Geschöpf und
sogar eine Stelle bei der Fürstin Negitchow ausgeschlagen, und welchen
Dank dafür gehabt, als stummen Gehorsam und ein verdrossenes Wesen? Und
jetzt mußte sie auch noch erleben, daß sie die reichste und beste Partie
im ganzen Lande machte und dann jedenfalls mit Stolz und Hochmuth auf
sie herabgesehen hätte; dem wenigstens wollte sie entgehen, den Kelch
sich ersparen und morgen -- sie war fest dazu entschlossen -- ihre
Stellung aufgeben und dann auch ohne Weiteres Haßburg verlassen.
Mit diesen Gedanken, die langen, mageren Arme vor sich fest in
einander geschlagen, die Brauen zusammengezogen und die dünnen Lippen
eingekniffen, schritt sie vorwärts und erreichte jetzt, den Windungen
des mit Büschen besetzten Weges folgend, das kleine Plateau, auf welchem
der alte Thurm stand.
Von hier aus konnte sie freilich noch nicht die ganze Terrasse
überblicken; wie sie aber um den Thurm herumschritt, sah sie Paula,
die dort, den Ellbogen auf die niedere Mauer gestützt, unter einer der
Aloevasen lehnte und einen kleinen, rosafarbenen Zettel in der Hand
hielt, der ihre Aufmerksamkeit ausschließlich in Anspruch zu nehmen
schien. So vertieft war sie in denselben, daß sie nicht einmal das Nahen
der sonst so gefürchteten Gouvernante bemerkte, und erst als sie deren
Schritt auf dem knisternden Kies hörte, hob sie rasch erschreckt den
Kopf und knitterte zugleich das kleine Blatt wie unwillkürlich in ihrer
Hand zusammen.
»Mademoiselle!«
»Gnädige Comtesse sind so angelegentlich beschäftigt, daß Sie mein
Kommen nicht einmal gewahrten,« sagte die Französin mit einer fast
spöttischen Höflichkeit, indem ihr Blick scharf und forschend bald auf
den Zügen des jungen Mädchens haftete, bald zu der Hand hinflog, die
noch immer das Blatt, aber jetzt verborgen, hielt.
»Und weshalb schleichen Sie hinter mir drein?« sagte Paula finster, denn
zum ersten Mal erhob sich ihr Herz zum offenen Widerstand gegen die ihr
lästige, widerliche Persönlichkeit.
»Schleichen, gnädige Comtesse?« lächelte die Mademoiselle. »Wie ein
Grenadier bin ich aufgetreten, aber Sie hörten und sahen nicht. Es muß
etwas sehr Interessantes sein, was Sie da studirten.«
»Und was wollen Sie?«
»Was ich will? Ich könnte Ihnen einfach sagen, daß ich spazieren ginge,
wie Sie,« bemerkte die Gouvernante kalt; »aber Sie scheinen selbst
vergessen zu haben, daß Sie mich gesucht und nach mir verlangt. Graf
George schickt mich zu Ihnen.«
»Mein Bruder? Sie zu mir? Und weshalb, wenn ich fragen darf?«
»Ich sage Ihnen ja, daß er behauptet, Sie hätten mich gesucht.«
»Das ist denn ein Irrthum,« erwiderte die Comtesse kalt, drehte sich
ab und lehnte sich wieder auf die Terrassenmauer, ohne ihre frühere
Gouvernante weiter eines Blickes oder einer Antwort zu würdigen.
Die Französin faßte ihre Unterlippe mit den Zähnen, und einen Augenblick
war es fast, als ob sie ihrer Gereiztheit über solche augenscheinliche
Mißachtung Worte leihen wolle; aber sie hatte das Terrain verloren. Ein
Zank mit der jetzt gefeierten jungen Herrin konnte ihr nur schaden,
und sich auf dem Absatz herumdrehend, schritt sie schweigend, aber in
wahrlich nicht besserer Laune den Weg zurück, den sie vorher gekommen,
und erreichte das Schloß eben wieder, als Jonas, leise dabei vor sich
hinmurmelnd, die umgeworfenen Blumentöpfe auf's Neue ordnete.
* * * * *
Oben im Park, der Stelle gerade gegenüber, wo der Maulwurfsfänger an
jenem Morgen seinem heimlichen Angeln oblag, kniete jetzt der nämliche
Mann mitten auf der Wiese und war eifrig bemüht, die dort gefangenen
Maulwürfe an ihrer Drahtschlinge aufzuheben, die Fallen wieder
zu stellen und die ertappten Uebelthäter an einer schwanken Ruthe
aufzuhängen. Neben ihm saß sein Spitz.
Unten vom Drahtzaun her kam der Förster, die Flinte auf dem Rücken, den
gescheckten Jagdhund neben sich. Wie er die freie Wiese betrat, bemerkte
er augenblicklich die dort kauernde dunkle Gestalt des Mannes, und
schritt quer über den Rasen auf den Burschen zu.
Der Spitz knurrte, sowie der Förster seine Richtung änderte, und Fritz
sah erst seinen Hund an und dann nach der Gegend hinüber, die dieser
andeutete.
»Ruhig, Spitz,« sagte er aber, wie er nur die Gestalt erkannt hatte;
»der thut uns hier nichts und muß höchstens mit langer Nase wieder
abziehen. Kommt mir gerade recht und bin eben in der Stimmung, ihm
Audienz zu ertheilen.«
Ohne den Nahenden auch nur so weit zu beachten, den Kopf noch einmal
nach ihm umzudrehen, fuhr er in seiner Arbeit fort; aber der Spitz
knurrte stärker, denn der Jagdhund genirte ihn, und er rückte auch etwas
näher zu seinem Herrn, als er bis jetzt gesessen.
Er und der Jagdhund schienen auch in der That keine großen Freunde zu
sein, als ob sie die Antipathie theilten, die ihre beiden Herren
gegen einander empfanden. Caro, wie der Hund des Jägers hieß, kam mit
gesträubten Haaren und hochgehobenem Schwanze, an dem auch nicht die
geringste Spur von Wedeln sichtbar war, langsam näher; er knurrte
freilich nicht, aber seine oberen Lefzen zogen sich zusammen, daß die
blanken und scharfen Zähne sichtbar wurden, und er sah den kleinen Köter
dabei von der Seite mit einem Blick an, als ob er nur einen leisen
Wink seines Herrn erwartete, um mit einem Sprung über den Eindringling
herzufallen.
Der Spitz schien sich übrigens gar nicht so sehr vor dem ihm an Stärke
vielleicht viermal überlegenen Gegner zu fürchten. Den Rücken deckte er
freilich dicht an seinem Herrn, dort aber hielt er auch Stand und wies
dem großen Hunde die Zähne so lebhaft und kampfesmuthig, und hob sein
kleines Schwänzchen so keck und herausfordernd empor, daß man ihm
ansah, er würde einem Angriff von der andern Seite keinen Zollbreit ohne
Gegenwehr weichen.
»Na, mein Bursch, was treibst Du hier wieder?« redete der jetzt dicht
herangekommene Förster den Maulwurfsfänger mit eben nicht freundlicher
Stimme an. »Eine Woche fast bist Du ausgeblieben, und ich hatte schon im
Stillen gehofft, daß wir Dich los wären; Du scheinst aber zäher zu sein,
als Deine Maulwürfe.«
»Ein freundliches Waidmannsheil wäre wohl ein besserer Gruß für einen
Collegen gewesen, Herr Förster,« lächelte der Angeredete spöttisch vor
sich hin, »aber manche Menschen verstehen es nicht besser. Und wo ich
gewesen bin? Auf einem andern Revier, Herr College, um dem Raubzeug
nachzustellen, denn wenn ich von der Monford'schen Besitzung allein
leben sollte, möcht' ich in der Woche wohl kaum ein Stück Fleisch in den
Topf bekommen, und am Sonntag erst gar nicht.«
»Und wie haben die Fasanen geschmeckt?« fragte der Forstmann tückisch.
»Na, wenn's auch gerade keine Fasanen sind,« erwiderte gleichgültig
der alte schlaue Bursche, der nicht auf solche Weise zu fangen war,
»so ist's doch wenigstens ein gesundes Stück Rindfleisch oder eine
Bratwurst. Uebrigens thun Sie mir die Liebe und halten Sie Ihren Hund
zurück, denn wenn er mit meinem Spitz anbindet, stehe ich Ihnen für
nichts. Der verwünschte Köter hat mir erst gestern einen Metzgerhund
todtgebissen.«
»Das Ding da!« lachte der Förster verächtlich; »wenn ich meinem Caro Ein
Wort sagte, frißt er ihn mit Haut und Haaren!«
»Möchte eine verwünscht theure Mahlzeit werden!« erwiderte trocken der
Maulwurfsfänger, indem er seine letzte Beute an der Ruthe befestigte;
»aber wo wollen Sie hin, Herr Förster?«
»Wenn Dich Jemand darum fragen sollte, mein Bursche,« erwiderte der
Forstmann, »so sag' ihm nur einfach, Du wüßtest es nicht -- verstanden?«
»Sehr wohl, Herr Förster,« lächelte der Mann, »werd' es ausrichten.
Haben Sie vielleicht sonst noch etwas zu bestellen?«
»Komm, Caro,« sagte der Jäger, »das ist keine Gesellschaft für uns.
Uebrigens,« fuhr er fort, sich nochmals nach dem Manne umdrehend,
»erwische ich Dich noch einmal Nachts zwischen meinen Fasanen, mein
Bursche -- und daß ich Dir jetzt aufpasse, darauf kannst Du Dich
verlassen, -- so will ich von Gott verdammt sein, wenn ich Dir nicht die
Jacke voll Schrot schieße -- und nun Gott befohlen!«
»Gott befohlen, Herr Förster, und viel Glück zur Jagd,« lächelte ihm der
Alte stillvergnügt nach.
Der Förster murmelte einen gotteslästerlichen Fluch in den Bart, wußte
aber, daß er mit Reden doch nichts bei dem da ausrichtete, und schritt
so hochbeinig fort, wie sein Hund, der sich alle Mühe gab, dem verhaßten
Spitz durch ärgerliche Stellung begreiflich zu machen, daß sein Rückzug
kein freiwilliger wäre und er eben nur seinem Herrn folgen müsse.
Der Maulwurfsfänger nahm aber gar keine weitere Notiz von ihm, und wie
er sich erst überzeugt hatte, daß der Waidmann wirklich eine andere
Richtung eingeschlagen, lachte er still vor sich hin und brummte:
»Alter Esel, Du wärst der Rechte, mich zu fangen! Mein Spitz hat mehr
Grütze im Kopfe, als Du, und wenn's mich nach Fasanen gelüstete, holte
ich mir heut Abend noch meinen Theil. 's ist doch wunderbar in der
Welt,« setzte er dann hinzu, indem er still mit dem Kopf schüttelte,
»was unser Herrgott in all' seinen verschiedenen Fächern für Kerle
herumlaufen hat. Wem er ein Amt giebt, giebt er auch Verstand, sagt man
gewöhnlich; -- ja Prosit! Wär' ich in Deiner Stelle, und Du in meiner,
alter Schneesieber, verdammt will ich sein, wenn Du mir auch nur eine
Feder vom Platz holen solltest, ohne daß ich Dich erwischte, und jetzt
plündere ich dem albernen Strohkopf schon ein Vierteljahr lang in
Wasser, Wald und Feld sein Revier aus, ohne daß er auch mehr wie einen
Verdacht hat, wer der Thäter ist -- Du wärst mir der Rechte, mich zu
fangen!«
»Holla, Fritz, wie geht's?« rief den Alten eine Stimme vom Wege herüber
an, und als der Maulwurfsfänger rasch den Kopf nach ihm drehte -- denn
der Spitz hatte den Nahenden in seinem Aerger über den Caro gar nicht
beachtet, -- erkannte er Einen von der Dienerschaft, der mit einem Korb
am Arme durch den Park ging und, als er den Maulwurfsfänger nicht weit
aus seinem Weg sah, ein Stück quer über die Wiese hinüberschritt, um ein
paar Minuten mit ihm zu plaudern.
»Nun, Alter, wie geht's -- immer so fleißig? Heute solltest Du aber den
Maulwürfen doch auch Frieden geben,« redete er ihn an.
»Heute -- so? Und wer giebt mir Frieden? Sollen's die Bestien etwa
besser haben, als ich?«
»Wer Dir Frieden giebt?« lachte der Lakai; »komm nur heut Abend auf's
Schloß, Du gehörst ja doch gewissermaßen mit zu den Gutsleuten und
kannst da auf ein derb Stück Braten und eine Flasche Wein sicher
rechnen.«
»Nun, weißt Du, Thomas,« sagte der Maulwurfsfänger, und sein kleines
graues Auge blitzte ordentlich wie in Stolz auf den betreßten Diener,
»wenn ich einmal eine Flasche Wein trinken will, so zahle ich sie mir
auch und brauche mich nachher bei Niemandem dafür zu bedanken.«
»Jetzt blas mir aber den Staub weg!« lachte der Lakai. »Na, wenn
Unsereiner sich nicht zu gut dafür dünkt und der Förster selber herüber
kommt, dann wirst Du Dich doch auch wohl nicht wegwerfen, wenn Du mit
von der Partie bist!«
Es war fast, als ob der Alte eine trotzige Antwort geben wolle; aber er
verbiß die Worte und benutzte die Pause, um sich eine frische Pfeife zu
stopfen. Endlich sagte er, während er die Pfeife mit den Zähnen hielt
und sich mit Stahl und Schwamm Feuer schlug:
»Und was ist heute da oben los, daß der Alte so freigebig mit dem Stoff
herausrückt? Habe doch kein Wort davon gehört!«
»Nun, Verlobung ist heute, die junge Comtesse heirathet den Sohn vom
Grafen Bolten -- die erste Familie im Lande nach unserer, und da kannst
Du Dir doch wohl etwa denken, daß es da hoch hergeht.«
»Sieh, sieh, sieh,« sagte der Maulwurfsfänger, leise vor sich hin mit
dem Kopf nickend, »was man doch nicht Alles erlebt, wenn man alt wird;
die Comtesse Paula heirathet den Windbeutel, den jungen Grafen Bolten!«
»Windbeutel? Ich wollte Dir nicht rathen, daß der Graf das Wort gehört
hätte,« rief der Lakai, »bei Gott, es ginge Dir schlecht!«
»Und hat sie ihn gern?« sagte der Maulwurfsfänger, der einem ganz andern
Ideengang folgte.
»Wer -- die Comtesse? Soll sie ihn nicht gern haben, einen jungen,
hübschen, vornehmen und steinreichen Menschen?«
»Wie ich ihr aber heute nicht weit vom Schloß begegnete, kam's mir
beinahe so vor, als ob sie recht bleich und elend aussähe, und so in
Gedanken war sie, daß sie nicht einmal bemerkte, wie ich sie grüßte, und
sonst dankt sie immer so freundlich.«
»Na ja, ein bischen elend sieht sie wirklich aus,« meinte der Lakai;
»aber das haben die vornehmen Fräuleins alle, das gehört mit zum guten
Ton.«
»So?« sagte der Maulwurfsfänger zerstreut, der augenscheinlich gar nicht
die Worte verstanden hatte. »Merkwürdig, daß so ein Fluch von der Mutter
auf die Tochter vererben kann!«
»Was für ein Fluch?«
»Oh, nichts,« sagte der Mann kopfschüttelnd; »und um welche Zeit geht
die Festlichkeit an?«
»Um acht Uhr natürlich, früher paßt es sich nicht. Aber ich muß fort,
heute weiß man wahrhaftig nicht, wohin man zuerst springen soll.«
»Wohin willst Du denn?«
»In's Dorf und noch Eier holen; eine zwanzig Schock hat der Koch schon
heute verbraucht, und immer langt's noch nicht. Nu, komm heut Abend nur,
ich werde schon Sorge dafür tragen, daß Du nicht leer ausgehst!« -- Und
mit den Worten nickte er ihm protegirend zu und schlenderte dann, als ob
er dem Maulwurfsfänger beweisen wolle, daß er über seine Zeit verfügen
könne, wie es ihm beliebe, langsam den Weg hinab, der zum nächsten und
hinter den Bäumen versteckten Dorfe führte.
»Bedientenpack,« murmelte der Maulwurfsfänger in den Bart, als er dem
davonschwenkenden Lakai nachsah, »serviles, lumpiges Gesindel, das
hinter dem Rücken der Herrschaft die Nase unter dem Hutrand trägt
und sie dann wieder vor lauter Unterthänigkeit bis in den Boden
hineindrücken möchte -- Bedientenpack, ob sie in einer gestickten
Uniform oder in einer Livrée stecken! Da doch, bei Gott, lieber
Holzhacker oder Tagelöhner, wenn ich mein freies Gewerbe einmal mit
einer andern Branche vertauschen müßte! Unter _Deiner_ Protection
Wein saufen, Du Lump? Lieber faules Wasser aus einer Regenmulde! Aber
nützlich sind die Kerle doch,« lachte er plötzlich still vor sich hin,
»denn wie hätte ich ohne den Tagedieb jetzt erfahren, daß heut Abend
großer Volksschmaus im Schlosse und der Förster ebenfalls geladen
ist. Wart', Grünrock, für morgen früh will ich Dir wenigstens eine
Ueberraschung bereiten, die Dich freuen soll! Aber da wird es Zeit, daß
ich mich jetzt nach Hause mache. Komm, Spitz, heut Abend wollen wir auch
hochleben und Braten essen und Wein trinken, wenn auch auf andere Weise,
wie der Lump da denkt. Die Maulwürfe mögen heute Feierabend haben
-- Hurrah, die Verlobung soll leben!« -- Und seine alte Waidtasche
umwerfend und den Stock aufgreifend, schritt er rüstig den Weg entlang,
der nach der Stadt hinunter führte.
18.
Leiden eines Theater-Directors.
Der Abend rückte heran und das Theater prangte im Festesschmuck.
Director Krüger hatte sich nämlich nicht damit begnügt, eine
außergewöhnliche Anzahl von Gasflammen zu öffnen und überhaupt Alles
anzuzünden, was leuchten wollte, sondern auch schon seit zwei Tagen den
benachbarten Eichenwald plündern und dicke Guirlanden binden lassen, die
den ganzen ersten Rang schmücken sollten. In der herrschaftlichen Loge
waren sogar zwei Lehnsessel neu gepolstert, kurz, das Außerordentlichste
geleistet, und wer Krüger kannte, behauptete, er lebe nicht mehr lange,
denn es sei kurz vor seinem Ende.
Natürlich war heute =Abonnement suspendu= -- nicht des Hamlet wegen,
oh nein, denn in die classischen Stücke brachte er sonst, selbst im
Abonnement, kaum das Nothwendigste von Zuschauern hinein! Aber daß
keiner der Haßburger morgen sagen wollte, er habe den Erbprinzen noch
nicht gesehen, wußte er, und die Neugierde mußte ihm heute das Haus
füllen. Das Stück selber hätte deshalb auch recht gut »Der Erbprinz«
heißen können und würde dann nach beiden Seiten hin gepaßt haben.
Es war noch früh und die Kasse eben erst geöffnet worden, aber trotzdem
fingen die Räume schon langsam an sich zu füllen. Einzelne Damen mit
stattlichen Crinolinen arbeiteten sich über die Bänke weg, Herren kamen
herein, den Hut noch auf dem Kopf, und begannen sich langsam ihre weißen
Glacéhandschuhe anzuziehen, und nur oben in die Gallerie drängten sich
die Massen ein, um heute einen guten Platz -- das heißt, eine Aussicht
nach der herrschaftlichen Loge -- zu gewinnen, wo sie recht genau
zuschauen konnten, was der Erbprinz für ein Gesicht machen und ob er
recht applaudiren würde.
Auf dem Theater selber sah es noch leer und dunkel aus. Die Arbeitsleute
waren allerdings schon beschäftigt, Lampenwerk u. s. w. in Ordnung zu
bringen und die verschiedenen Requisiten nach den Richtungen hin zu
tragen, wohin sie der Requisiteur beorderte, aber von Schauspielern
selber ließ sich noch Niemand sehen, denn die staken noch alle in der
Garderobe, und nur dann und wann kam noch ein verspätetes Dienstmädchen,
das einen großen, breiten Korb mit irgend einem Anzug trug, und
verschämt damit vor der Herrengarderobe stehen blieb, bis Jemand
herauskam, um ihn ihr abzunehmen. Hinein wäre sie um die Welt nicht
gegangen -- das hatte sie Einmal gethan, das erste Mal, als sie auf's
Theater geschickt wurde, und den Schreck würde sie im Leben nicht
vergessen.
Der Director stand vorn auf der Bühne und betrachtete sich durch eins
der kleinen im Vorhang angebrachten Löcher das anwachsende Publikum.
Der Theaterdiener Peters schoß ein paar Mal über die Bühne herüber und
war außerordentlich beschäftigt, aber der Director achtete gar nicht
auf ihn. Es schien ein volles Haus zu werden, und er amüsirte sich
vortrefflich am Vorhangloch.
Jetzt kam Peters wieder zurück; er war eine Zeit lang verschwunden
gewesen und ging gerade auf seinen Chef zu.
»Herr Director!«
»Ja, Peters,« sagte dieser, ohne seine Stellung zu verändern, denn er
erkannte ihn an der Stimme -- »was giebt's?«
»Herr Handor ist noch nicht da.«
»Was?« rief der Director und fuhr wie der Blitz herum -- »und kommt
schon in der zweiten Scene -- Herr Du mein Gott, wo steckt der
unglückselige Mensch nur wieder? Laufen Sie doch einmal schnell zu ihm
hinüber, Peters, und sagen Sie ihm, es wäre...«
»Ich komme eben von drüben, Herr Director, es ist aber Niemand zu Hause
und der Schlüssel liegt unter dem Schrank draußen, wo er ihn immer
hinlegt, wenn er ausgegangen ist.«
»Dann sitzt er vielleicht in der »Hölle« -- na, weiter fehlte mir heut
Abend gar nichts -- laufen Sie einmal schnell in die »Hölle«, Peters
-- springen Sie ein bischen; es wäre doch schauderhaft, wenn der Mensch
nicht so viel Interesse an der Sache nehmen sollte, daß er nicht einmal
seine bestimmte Zeit einhielte!«
»Herr Gott, meine Beine!« seufzte Peters, als er sich wieder umwandte
und in einem kleinen Hundetrab seiner neuen Bestimmung zueilte; »das ist
ein Leben, Theaterdiener -- wenn ich mich einmal zur Ruhe setze, werde
ich Briefträger.«
Der Director hatte indessen das Publikum ganz vergessen, und wenn er
einmal einen raschen Blick durch den Vorhang warf, so kamen ihm jetzt
die Zuschauer, die ihm früher zu langsam eintrafen, viel zu rasch.
Wieder und wieder lief er nach der Garderobe, um sich selber zu
überzeugen, ob denn sein unglückseliger Prinz von Dänemark noch nicht
eingetroffen sei.
Und wie rasch die Zeit vorrückte, seit er auf ihn wartete! Es war
ordentlich, als ob der große Zeiger an der Uhr im Conversationszimmer
durchgegangen sei und auf den Moment loshetzte, wo sich Director Krüger
mit seinem Hamlet unsterblich blamiren sollte. -- Wahrhaftig, da traf
das Orchester schon ein, und in der Hofloge -- Krüger hätte durch eine
Versenkung abgehen mögen -- erschien ein mit Orden vorn ganz bedeckter
Kammerherr, sah nach, ob die Stühle vorschriftsmäßig standen, und
entzückte dann, indem er sich mit seinem weißen Glacéhandschuhen vorn
auf den rothen Plüsch der Balustrade stützte und sich das Publikum
betrachtete, die Gallerie, wo der Ruf schon von Lippe zu Lippe ging: »Da
is er!«
Peters kam im Sturmschritt zurück. Handor war nicht in der »Hölle«, aber
vor etwa einer Stunde dort gewesen und hatte ganz allein eine Flasche
Champagner getrunken; wo er jetzt sei, konnte ihm Niemand sagen -- im
»Paradies« wußten sie's auch nicht.
»Ist er denn noch nicht hier?« fragte Peters. Der Director gab ihm gar
keine Antwort, und nur mit einem verzweifelten Griff fuhr er sich in die
Haare und hob sich die Perrücke halb vom Kopfe.
Jetzt kam der Oberregisseur Sulzer im Costüm aus der Garderobe -- er
gab heute den König. Er hatte ein schwarzes Sammetbarett auf, mit einem
Kronenreif darum, trug natürlich einen Hermelinmantel und gelbe, hohe
Stiefel, und sah für einen König sehr bestürzt aus.
»Ist er denn noch nicht da, Herr Director?«
»Haben Sie ihn gesehen?«
»Ich? Nein -- aber wo steckt der entsetzliche Mensch? Wenn ihm nur kein
Unglück zugestoßen ist!«
»_Uns_ wird eins zustoßen, Sulzer!« rief der Director -- »uns wird eins
zustoßen -- passen Sie auf -- wenn er nicht bald kommt, rührt mich der
Schlag, denn _die_ Schande überlebe ich nicht!«
»Aber er muß ja kommen, er kann ja nicht ausbleiben! Ist denn der Prinz
schon da?«
»Das fehlte auch noch -- aber er muß jeden Augenblick eintreffen,
und wahrhaftig, da steht der Kapellmeister schon unten mit seiner
verfluchten weißen Halsbinde, und die Eichenkränze hängen um den
ersten Rang herum, und alle Gasflammen brennen -- es ist rein zum
Rasendwerden!«
»Wenn wir nun erst die Mamsell Bollo -- Badelli -- oder Bodellichini --
ich kann den verdammten Namen nicht behalten! -- tanzen ließen?«
»Das ist eine Galgenfrist, Sulzer; aber es wird uns nichts Anderes übrig
bleiben -- mir ahnt Schreckliches!«
»Die wird aber auch noch nicht fertig sein, da sie eigentlich erst nach
dem zweiten Act kommen sollte.«
»Bitte, springen Sie einmal hin, Sulzer -- ich lasse sie um Gottes
willen bitten, sich ein wenig zu beeilen! -- Peters, ist er _noch_ nicht
da?«
»Nein, Herr Director, und jetzt kommt er auch nicht mehr.«
»Du giebst mir einen Dolchstich!« citirte Sulzer im Abgehen, um die
Tänzerin in Gang zu bringen.
Die junge Dame war auch in der That ausnahmsweise früh gekommen, aber
natürlich mit ihrer Toilette noch nicht fertig. Die Conversation wurde
durch das Schlüsselloch geführt -- sie erklärte, vor dem Beginn des
Stückes nicht fertig werden zu können, und kein Mensch werde von
ihr verlangen, daß sie wie eine »Schlumpe« (der Name war für eine
Italienerin außerordentlich deutsch) an einem solchen Abend auf den
Brettern erscheine.
»Na ja, das fehlte auch noch, daß sich die auf die Hinterbeine setzt!«
rief Krüger wüthend und sprang selber nach der Garderobe.
»Aber dafür ist sie doch engagirt,« lachte Pfeffer, der als Todtengräber
hinten mit Hilgen als Horatio auf und ab ging und sich über die
Verzweiflung seines Directors und das Ausbleiben des einen Prinzen,
während der andere jeden Augenblick eintreffen konnte, auf das
Köstlichste zu amüsiren schien.
»Das wird ein Hauptskandal werden, wenn Handor nicht kommt,« meinte
Hilgen; »so 'was ist noch gar nicht da gewesen -- ich begreife den
Menschen nicht; er weiß doch, was davon abhängt.«
»Nur immer zu,« lachte Pfeffer, sich vergnügt die Hände reibend; »ich
freue mich wie ein Kind auf die Geschichte. Da ist doch endlich einmal
eine Abwechselung in dem verdammten Theaterleben!«
»Lassen Sie das den Alten hören...«
»Bah, ich spiele meine Rolle und damit Basta -- meine Ansichten sind
mein eigen -- und dem eingebildeten Laffen, dem Handor, gönne ich ebenso
den Rüffel, den er kriegen wird, und den Strafabzug -- vielleicht
werden wir ihn ganz los damit, denn er ist doch weiter nichts, als ein
erbärmlicher Coulissenreißer.«
»Strafabzug?« sagte Hilgen -- »er hat schon seine ganze Monatsgage
voraus -- vom Peters weiß ich's.«
»Alle Teufel,« rief Pfeffer, sich rasch gegen Horatio umdrehend, »ist
das gewiß?«
»Ganz gewiß!«
»Soll ich Ihnen etwas sagen, Hilgen?«
»Nun?«
»Dann ist der Musjö auch durchgebrannt und wir sehen ihn nicht wieder.«
»Unsinn -- heute, am Abend der Vorstellung -- vor einer Stunde bin ich
ihm noch begegnet.«
»Na, wir wollen's abwarten -- in Schulden sitzt er bis über die Ohren,
das weiß jedes Kind -- bezahlen kann er sie nicht, so viel ist auch
sicher -- übermorgen ist der Erste, wo ihm nachher wieder Alles über den
Hals kommt...«
»Das wäre ein verfluchter Streich.«
»Abwarten und Thee trinken,« bemerkte Pfeffer, der in diesem
Augenblick an Rebe und seine erneuten Aussichten dachte -- »sind schon
wunderlichere Dinge in der Welt passirt.«
Indessen klopfte der Director an Fräulein Bellachini's Thür und bat mit
den höflichsten Worten, »wenn irgend möglich«, um Einlaß.
Drinnen fand noch eine kurze Debatte statt, dann wurde der Riegel
zurückgeschoben, und Director Krüger sah sich der fast schon vollständig
costümirten gefeierten Tänzerin gegenüber, während ihre Begleiterin
oder Ehrendame oder Kammerjungfer eine Anzahl abgeworfener Stücke
Damengarderobe rasch zusammen- und in die Ecke schob.
Der Director zeigte sich aber hier nicht wüthend, sondern war die
Liebenswürdigkeit selber, und mit dem Hut in der Hand bat er die
junge, wunderhübsche und deshalb auch natürlich gerade wundercapriciöse
Tänzerin, ihn aus seiner grimmigsten Noth zu erretten und -- ihre
Toilette ein wenig zu beeilen. Sie sei jetzt schon so zauberschön -- wie
er in seiner Todesangst hinzusetzte, -- daß sie eigentlich gar nichts
mehr verbessern, sondern wieder zerstören könne, und sie möge doch ein
klein wenig Erbarmen mit dem jungen Prinzen haben, der sicher nicht
geahnt hätte, daß er nach Haßburg gekommen wäre, um hier rettungslos
sein Herz zu verlieren.
Fräulein Bellachini sträubte sich erst und berief sich auf ihr
Engagement und den Zettel. Krüger gab Alles zu; er war um den Finger zu
wickeln. Dann wollte sie Bedingungen machen; er ergab sich auf Gnade und
Ungnade. Endlich schien sie gerührt zu werden, und dem Director zuckte
es wie ein elektrischer Schlag durch die Glieder, denn draußen begann in
diesem Augenblick als Ouverture zum Hamlet, Beethoven's Trauermarsch.
Der Prinz war angekommen und der Hamlet fehlte noch immer.
»Wenn Sie ein Fünkchen von Erbarmen haben, so helfen Sie mir wenigstens
aus der größten Noth!« rief er in Todesangst -- »denken Sie, daß
der Hamlet beginnen soll und daß ich keinen Hamlet habe -- die ganze
Vorstellung ist ruinirt!«
»Aber was geht das mich an? Ich tanze nur in den Zwischenacten...«
»Aber, zuckersüße Terpsichore,« rief Krüger mit einem Gesicht, als ob
er sie hätte vergiften können, »sehen Sie denn nicht ein, daß wir ohne
Hamlet auch keine Zwischenacte haben können? Das Stück ist ja aus, ehe
es angefangen hat, und ich muß hinaus und das Publikum bitten, mir die
Ehre an einem andern Abend zu schenken!«
»Keine Zwischenacte?«
»Natürlich nicht.«
»Und dann könnte ich gar nicht tanzen?«
»Der Erbprinz verläßt augenblicklich seine Loge, sowie er hört, daß das
Stück gar nicht gegeben werden kann. Benutzen Sie also doch wenigstens
diesen einen möglichen Moment, sich ihm zu zeigen, daß er Ihre Kunst
bewundern kann.«
Das half. -- »Also Sie glauben, daß der Hamlet wirklich heut Abend gar
nicht sein kann?« fragte sie rasch.
»Ohne Prinzen von Dänemark? _Ich_ kann ihn nicht spielen.«
»Gut, dann werde ich tanzen -- rasch, Toni, meine Schuh', und hier die
Blume noch ein wenig fester, sie schwankt zu sehr -- ich werde Angst
haben, Herr Director!«
»Angst? _Ich_ habe Angst,« sagte der unglückliche Mann -- »Sie werden
mit Jubel empfangen werden und den alleinigen Triumph des ganzen Abends
ernten -- tausend, tausend Dank, mein bestes Fräulein!« und sich den
Schweiß von der Stirn trocknend, stürzte er wieder hinaus auf das
Theater.
»Ist er _noch_ nicht da?«
»Herr Director,« sagte der Requisiteur, der aber auch Mitglied war und
heute den Rosenkranz spielte, »ich glaube, Herr Handor kommt heute gar
nicht. Ich habe in seinem Hause nachfragen lassen und dort erfahren,
daß er heute Nachmittag einen kleinen Koffer weggeschickt habe -- aber
Niemand wußte, wohin.«
»Dann kann's nichts helfen, dann müssen wir zum Aeußersten schreiten!«
rief der Director, in dem plötzlich ein großer Entschluß gereift war
-- »Peters, springen Sie zu Meier hinüber -- er soll augenblicklich
kommen!«
»Er hat sich aber heute krank melden lassen...«
»Und wenn er auf dem Todtenbett läge, er muß spielen -- und, halt --
noch Eins -- bringen Sie nebenan aus der Blumenhandlung einen Arm voll
Kränze mit!«
»Kränze?«
»Kränze und Bouquets -- was vorräthig ist -- für die Direction, rasch;
in zehn Minuten müssen Sie wieder da sein!«
Peters fuhr ab wie aus einer Pistole geschossen, denn heute war mit dem
Director nicht zu spaßen.
»Herr Hilgen!«
»Sie befehlen, Herr Director...«
»Sie müssen heut Abend den Hamlet spielen.«
»Ich bitte Sie um Gottes willen!« rief der Mann erschreckt -- »den
Hamlet? -- Dann verlangen Sie vielleicht auch, daß ich im Theater
herumfliegen oder die Violine spielen soll?«
»Sie haben mir selber gesagt, Sie hätten ihn schon gespielt...«
»Ja, vor sieben oder acht Jahren -- aber seit ich hier engagirt bin,
hab' ich ihn nicht mehr angesehen. Ich weiß kein Wort mehr von der
Rolle.«
»Sie können noch rasch in den Zwischenacten memoriren.«
»Ich bitte Sie um Alles in der Welt: Sie wissen, daß ich Ihnen gefällig
bin, wo ich nur irgend kann, aber verlangen Sie nicht das Unmögliche --
ich würde mich und Sie blamiren!«
»Aber Einer _muß_ ihn spielen!« schrie der Director mit trotzdem
vorsichtig gedämpfter Stimme, daß man ihn nicht unten hören konnte, denn
das Orchester setzte gerade zu einem Adagio ein.
»Ich hätte nicht einmal Garderobe,« sagte Hilgen; »denn mit meiner
kleinen, dicken Figur werden Sie doch einsehen, daß mir Herrn Handor's
Anzug nicht paßte. Wollen Sie die ganze Geschichte lächerlich machen?«
Der Director lief in halber Verzweiflung mit nach unten gerungenen
Händen auf der Bühne auf und ab.
Rebe als Güldenstern stand mit auf der Bühne -- er hatte die
Unterhaltung mit angehört. Jetzt trat er zu dem Director vor und sagte:
»Herr Director!«
»Ja -- Herr Rebe -- nun, sind _Sie_ vielleicht _auch_ krank geworden?«
»Im Gegentheil,« lächelte Rebe, der aber in einer ungewöhnlichen
Aufregung schien und unter der Schminke fast unheimlich aussah --
»vielleicht kann _ich_ Ihnen helfen.«
»Sie? -- Mit was, wenn ich fragen darf.«
»Ich will den Hamlet übernehmen...«
»_Sie_?« rief der Director fast sprachlos vor Staunen.
»Ich kenne jedes Wort der Rolle und könnte ihn ohne Souffleur spielen.«
»Aber um des Himmels willen, Menschenkind!« rief der Director -- »Sie
haben bis jetzt nichts als kleine, erbärmliche Rollen gehabt, und das
Publikum...«
»Das war nicht _meine_ Schuld, Herr Director, und zum Theil auch nicht
Ihre, sondern eher Herrn Handor's, der mich nicht leiden kann und mit
Gewalt unterdrücken will. Hätten Sie mir schon früher dazu Gelegenheit
gegeben,so würden Sie vielleicht gefunden haben, daß ich doch zu etwas
Besserem zu gebrauchen bin -- also wagen Sie es...«
»Aber gleich mit dem Hamlet...«
»Wenn ich mich blamire, geschieht das auf meine eigene Gefahr,«
sagte Rebe ruhig -- »Sie sind, durch die Noth gezwungen, vollkommen
entschuldigt, und dem Publikum können Sie vor Aufgang des Vorhanges
mittheilen, daß wegen Ausbleibens des Herrn Handor ein anderes der
Mitglieder die Rolle hätte rasch übernehmen müssen. Am besten nennen Sie
meinen Namen gar nicht.«
Der Director konnte sich von seinem Staunen noch immer nicht erholen.
Hier bot sich allerdings eine Aussicht auf Rettung aus der größten Noth,
in der er sich in seinem ganzen Leben befunden; aber war es wirklich
eine Rettung und steigerte sich nicht am Ende noch die Blamage dadurch,
wenn sein Hamlet ausgepfiffen wurde? Lieber ehrenvoll sterben, als sich
lächerlich machen! -- Aber Rebe stand so entschlossen vor ihm, er schien
seiner Sache so gewiß -- Rebe -- Rebe, dem er eigentlich kaum gewagt
hatte die kleine, erbärmliche Rolle des Güldenstern anzuvertrauen, den
Hamlet -- _seinen_ Hamlet! Aber was blieb ihm übrig? -- er hatte keine
Wahl mehr, und wenn Peters gekommen wäre und sich erboten hätte,
den Hamlet oder die Ophelia zu spielen, es wäre ihm am Ende nicht
wunderbarer oder außerordentlicher vorgekommen, und er hätte
zugegriffen.
»Mensch, und wissen Sie, was Sie unternehmen? Vor dem Erbprinzen?« rief
er aus.
»Ich fürchte mich weniger vor dem Erbprinzen, als vor mir selber,«
lächelte Rebe, »aber ich weiß, daß ich den Hamlet spielen kann.«
»Na, dann in Gottes Namen!« rief Krüger -- »Unglück, hab' deinen Lauf!
-- Courage scheinen Sie zu besitzen, aber wenn das gut geht, will ich's
loben!«
»Und darf ich Herrn Handor's Garderobe nehmen?«
»Alles, was Sie finden -- Alles -- ich übernehme jede Verantwortung!
Machen Sie nur um des Himmels willen rasch!«
Rebe antwortete gar nicht -- er flog der Garderobe zu.
»Und ist das Vorspiel zu meinem Auftreten, Herr Director?« sagte
die reizende Bellachini, die jetzt neben ihm, in vollem Costüm, die
Dehnbarkeit ihrer Tricots prüfte -- »das klingt genau so, als ob eine
Leiche zu Grabe getragen würde.«
»Herr Gott, an den verdammten Trauermarsch hab' ich gar nicht gedacht!«
rief Krüger -- »Sulzer, springen Sie doch einmal hinunter...«
»Als König?«
»Ja so -- schicken Sie Jemanden, daß sie einen Rutscher oder Galopp oder
Polka -- zum Teufel, es ist mir Alles einerlei! -- hintennach schicken
-- der Rebe spielt den Hamlet.«
»Rebe?« rief Sulzer und blieb vor Schrecken stehen.
»Daß mir nur Jemand zum Kapellmeister springt -- rasch -- Herr Du meine
Güte, sie sind ja schon fertig unten!«
Die Musik hatte aufgehört; oben auf der Gallerie wurden sie schon
unruhig, denn die erste Neugierde war befriedigt, der junge Erbprinz
begafft worden, und nun wollten sie etwas für ihr Geld haben; den
Vorhang selber kannten sie schon auswendig.
An dem einen Loche im Vorhang stand Pfeffer und betrachtete sich das
Publikum. »Donnerwetter,« sagte er zu dem neben ihm stehenden Barthel,
der den Geist spielte und sich völlig aschgrau gemalt hatte, »heute
wird's voll! Was so ein Prinz ziehen kann -- den werde ich mir zu meinem
Benefiz engagiren. Aber auf dem ersten Rang sieht's noch bös aus; da
geht noch verdammt viel Luft durch.«
»Heute ist ja ein großes Fest bei Monfords draußen,« sagte der Geist,
»von ich weiß nicht wie viel Personen, und alle aus der =haute volée=.
So viel Derartige haben wir nicht, daß wir sie im Theater nicht spüren
sollten. Was hat denn der Rebe mit dem Director?«
»Was weiß ich,« meinte Pfeffer, »wird wahrscheinlich den Hamlet spielen
wollen.«
»Na, so gut wie der Handor, glaub' ich, spielt er ihn auch...«
»Wißt Ihr's schon? Rebe spielt den Hamlet,« zischelte in diesem
Augenblick Höfken, der den Polonius gab, indem er Pfeffer an der
Schulter faßte.
»Der Teufel wird ihn doch nicht plagen!« rief dieser, ordentlich
erschreckt.
»Bei Gott, da stürzt er schon nach der Garderobe!«
In dem Augenblick kam, während unten im Orchester, sehr zum Erstaunen
des Publikums, ein lustiger Tanz gespielt wurde, Peters hinter den
Coulissen mit einem ganzen Arm voll Blumen und Kränzen vorgestürzt.
»Meine Herren, Bühne frei!« rief der Regisseur -- »der Vorhang geht
auf!« -- Alles stob rasch auf die Seite und hinter die Coulissen.
Mauser saß unten im Souffleurkasten und wußte von alledem, was oben auf
dem Theater vorging, gar nichts, war aber sehr erstaunt, als auf einmal
Fräulein Bellachini herausschwebte und mit unbeschreiblicher Grazie
ihre zarten Glieder nach seinem Kasten hinüberwarf. Aber Krüger, der
Director, ohne dieser ersten Größe auch nur einen Blick zu schenken,
hatte den Theaterdiener an einem Knopf gefaßt, und ihn mit sich nach dem
Conversationszimmer ziehend, fragte er hastig:
»Nun, wie ist's, kommt der Meier?«
»Er wollte erst nicht und meinte, er hätte ein Attest eingeschickt, Herr
Director, und die Nachtluft thäte ihm weh, und im Beine zwickte es ihn
auch; aber ich ließ nicht locker, und wie ich fortstürzte, zog er sich
gerade die Stiebeln an.«
»Gut -- vortrefflich!«
»Und wo soll ich jetzt mit der Bescheerung hin?«
»Die Kränze und Bouquets tragen Sie in den zweiten Rang zum
Logenschließer hinauf -- irgend Jemand soll sie werfen, wenn die Dings
da fertig ist; wenn er Niemanden findet, soll er sie selber werfen, aber
nicht wieder in's Orchester und auf den Baß, wie neulich...«
»Schön, Herr Director...«
»Halt, noch Eins, Peters, sowie Sie das Blumenzeug untergebracht haben,
springen Sie hinunter in's Parterre, und sobald der Vorhang fällt,
schreien Sie =da capo=!«
»Ich?«
»Sie und wen Sie dazu bringen können. Links hinten steht ein ganzer
Haufen Freibillets, die Kerle sollen alle =da capo= schreien, was sie
schreien können, oder kein einziger bekommt wieder frei Entrée! Nehmen
Sie mit hinein, wen Sie draußen finden! Sagen Sie dem Logenschließer
nur, ich hätte Sie beauftragt! Aber =da capo= brüllen, was Sie können.
Sie muß noch einmal springen, daß mir der Rebe fertig wird.«
»Der Rebe?«
»Er spielt den Hamlet.«
»Daß Dich die Milz sticht!« rief Peters -- »der Rebe?...«
»Fort mit Ihnen, fort! Wenn die da fertig mit Hopsen ist, ehe Sie unten
im Parterre sind, ziehe ich Ihnen eine halbe Monatsgage ab.«
»Dös a noch!« sagte Peters, indem er seinen Blumenflor aufpackte und wie
ein Pfeil damit dem Ausgang zuschoß. Dabei murmelte er: »Ob er mir nur
je im Leben damit gedroht hätte, er wollte mir eine halbe Monatsgage
zulegen -- Gott bewahre! Nicht einmal ein Paar neue Stiebeln setzt's,
und die hab' ich mir schon heute durchgelaufen! 's doch 'was Schönes
um's Theater, besonders wenn man nur die Laufereien zu besorgen hat und
Allerwelts-Packträger ist -- Blumenwerfen, =da capo-=Schreien -- es ist
erstaunlich, was nicht Alles von einem Theaterdiener verlangt wird! Und
der Rebe den Hamlet!« setzte er hinzu, indem er die jetzt vollkommen
leeren Treppen bis zum zweiten Rang emporflog -- »da werd' ich nachher
wohl auch noch zu der Hökerin hinüber und einen Korb voll fauler Aepfel
zum Einkaufspreis besorgen müssen.«
Peters war übrigens ein durchaus brauchbarer Mensch in jeder Branche
und entledigte sich seines Auftrages vollkommen. Während er da oben noch
Ordre gegeben hatte, auch von dort aus einen energischen =da capo-=Ruf
erschallen zu lassen, wofür sogar der Logenschließer gewonnen worden,
stürzte er hinunter in's Parterre, um die nöthigen Hülfstruppen zusammen
zu bringen.
Das Publikum indessen, das zum Anfang eine ernste Tragödie erwartet
hatte, war im Beginn des Tanzes überrascht und verhielt sich ziemlich
passiv, trotzdem daß die junge Dame einige ganz verzweifelte Sprünge
ausführte und eine Fertigkeit im Drehen und Beinwerfen entwickelte, die
in Haßburg in dieser Gewandtheit noch nicht gesehen worden. Noch immer
hatte sich aber keine Hand gerührt, bis endlich der Erbprinz selber,
wenn auch kaum durch das Zusammenklopfen seiner Fingerspitzen, ein
wenigstens sichtbares Zeichen der Zufriedenheit gab. Jetzt legte sich
das Parterre in's Geschirr, das auf diesen Anfang nur gewartet zu haben
schien, und Fräulein Bellachini warf einen halb schmachtenden, halb
dankenden Blick nach der Hofloge hinauf.
Krüger sah von alledem nichts, denn eben hatte er den eintreffenden
Meier erspäht, den er mit ungeduldigen Geberden in's Conversationszimmer
winkte.
Meier sah wirklich kläglich aus; er trug, trotz der warmen Witterung,
einen alten, sehr abgenutzten und an den Aermeln sogar beschädigten
Flausrock. Dabei hatte er sich den Backen mit einem dicken weißen Tuch
verbunden, in dem sogar möglicher Weise noch ein Umschlag lag, und um
vielleicht seinen Zustand noch etwas bedenklicher darzustellen, hielt
er sich sogar den Backen, als er zu seinem Vorgesetzten in das
Conversationszimmer trat.
Dieser aber schien auf seine Verfassung nicht die mindeste Rücksicht zu
nehmen, und kaum hatte er ihn im Zimmer, so rief er ihn an:
»Meier, das ist ein Glück, daß Sie zu Hause waren -- Sie müssen heut
Abend den Güldenstern spielen!«
»Nicht um eine Million!« rief Meier tragisch.
»Ich gebe Ihnen zehn Thaler Spielhonorar!«
»Baar oder Abzug vom Vorschuß?«
»Baar -- in die Hand -- heut Abend noch!«
»Es geht nicht, Herr Director -- ich kenne die Rolle gar nicht...«
»Die paar Worte lernen Sie im ersten Acte -- Sie kommen erst im zweiten
vor, und werden nachher gleich in England umgebracht.«
»Da bringen Sie mich lieber gleich um -- mit _den_ Zahnschmerzen kann
ich nicht Komödie spielen.«
»Ich lasse Ihnen den Zahn ausreißen...«
»Danke Ihnen, das kann ich selber, und in der Rolle steht doch
wahrhaftig nicht, daß der Güldenstern einen dicken Backen hatt.«
»Es ist ein Hofmann -- warum soll ein Hofmann nicht eben so gut einen
dicken Backen haben, wie ein anderer Mensch?« rief der Director.
»Aber der Rebe spielt ja den Güldenstern -- was ist denn mit dem los?«
»Der Rebe spielt den Hamlet -- Handor ist fort, Gott weiß wohin, hat
sich wenigstens heut Abend nicht sehen lassen...«
»Der Rebe spielt den Hamlet?«
»Schreien Sie nicht so, man hört ja jedes Wort draußen -- und wenn der
_die_ Rolle übernommen hat, werden Sie doch wahrhaftig die paar Worte
sprechen können!«
»Jetzt bitt' ich aber zu grüßen, Rebe den Hamlet, da wird Mauser wohl
als Geist debutiren.«
»Also Sie spielen?«
»Aber, bester Herr Director, der Rheumatismus ist mir in das Kreuz
geschlagen und ich kann das linke Hinterbein nicht mit fortbringen; ich
hinke wie ein Invalide.«
»Es steht nirgends in der Rolle, daß Güldenstern nicht hinkt; hinken Sie
in Gottes Namen, aber machen Sie, daß Sie in die Garderobe kommen und
sich anziehen.«
»Na, das wird gut gehen, aber ich habe noch nicht einmal meine Rolle,
und da fällt der Vorhang schon wieder.«
»Rebe hat sie, in Handor's Garderobe, lieber, bester Meier. Zehn Thaler
baar! so viel Spielhonorar haben Sie in Ihrem ganzen Leben noch nicht
gehabt!«
»Das weiß Gott! Na, meinetwegen;« stöhnte Meier, »wenn es denn einmal
auf meinen Ruin abgesehen ist, mir kann's recht sein!« Und mit dem Kopf
schüttelnd, begab sich der unglückliche, frisch geworbene Güldenstern
nach hinten und brummte unverständliche Verwünschungen über das
verdammte »Mimen« in den Bart.
Und draußen wirkte Peters.
Kaum war der Vorhang gefallen, als ein Paar riesige Hände
zusammenschlugen und eine scharfe Stimme =da capo!= brüllte, Andere
stimmten bei, und das Parterre, leicht geneigt, einem solchen Beispiel
zu folgen, fiel endlich, wenn auch nicht gleich in Uebereinstimmung, in
den Beifall ein. Auch auf der rechten Seite des zweiten Ranges wurde der
Ruf =da capo= laut, aber noch vereinzelt und von einer ganz unsichtbaren
Stimme; aber der Vorhang zögerte noch wieder aufzugehen, und nun wurde
das Publikum ungeduldig.
»Bellachini 'raus, Bellachini 'raus!« schrieen Einzelne -- »=da capo!=«
tönte der Ruf wieder, »=da capo!=« ging das Echo von da und dort, und
als der Vorhang jetzt rasch in die Höhe rollte und das junge, reizende
Mädchen mit einem wilden Sprung noch einmal auf der Bühne erschien,
brach der Beifall stürmisch aus.
»Musik, Musik!« schrie der Director, der selber hinunter an die
Orchesterthür gelaufen war -- »noch einmal anfangen -- rasch!«
Alle Musici wiederholten die Worte -- der Kapellmeister sah sich nach
der Thür um und bemerkte das erhitzte Gesicht seines Directors,
der Tactstock hob sich, und die Tänzerin, von der Musik überhaupt
hingerissen, begann noch einmal, während es jetzt von oben Kränze und
Bouquets ordentlich niederregnete.
Krüger aber brach im Conversationszimmer auf dem Sopha zusammen und
stöhnte:
»Und wenn ich so alt würde wie Methusalem, an _den_ Abend will ich
denken!«
19.
Der Verlobungsabend.
Und wo war Handor indessen?
Er hatte den Nachmittag dieses Tages in fieberhafter Unruhe und Ungeduld
verbracht, denn er stand an einem Wendepunkt seines Lebens, und die
nächsten Stunden mußten entscheiden, ob es zum Guten oder zum Bösen
neigen würde.
Liebte er Paula wirklich und aufrichtig? Er hatte an sein eigenes Herz
noch nie die Frage ernst gestellt, denn er wußte, daß es keiner solchen
Neigung fähig sei. Er liebte nur sich selbst; nur sein eigener Ehrgeiz,
sein eigenes Wohlbefinden stachelte ihn an, und das liebliche Grafenkind
mit einer halben Million im Hintergrunde reizte natürlich seine
Begierden. Er merkte bald, daß er einen Eindruck auf sie gemacht; die
Aufstellung eines Liebhabertheaters bot ihm erwünschte Gelegenheit, ihr
in einer Weise zu nahen, die ihm unter anderen Verhältnissen unmöglich
gewesen wäre, und Paula, überhaupt sinniger und schwärmerischer Natur,
glaubte in ihm das Ideal ihres Lebens gefunden zu haben.
Daß er an Rang, Vermögen und Bildung tief unter ihr stand, achtete oder
sah sie nicht; die Klagen des routinirten Liebhabers rührten ihr
Herz und machten ihr Mitleid mit seinen erheuchelten Leiden rege.
Die übermäßige und unvernünftige Strenge dabei, mit der sie von einer
hartgesottenen Gouvernante bewacht wurde, reizte sie zum Widerstande,
und sie vergaß sich zuletzt so weit, dem Geliebten heimlich
Zusammenkünfte zu gestatten.
Sie allerdings sah darin nichts Arges; ihr Herz hatte sich ihm so rein
und voll hingegeben, so gut und lieb und brav erschien er ihr in allen
Stücken, daß sie ihm auch mit ihrer Liebe ihre Ehre anvertraute und
selig träumend Monden lang an einem Abgrund stand.
So verschlossen aber ihr dabei sein wahres und inneres Gemüth geblieben,
so vollkommen hatte ihr Handor in das, keines falschen Gedankens fähige
Herz gesehen und bald gefunden, daß sie an ihm mit der ganzen Kraft
ihrer Seele hange. Er war ihre erste heilige Liebe; sie fühlte das
Bedürfniß einer Brust, in die sie die Gefühle der ihrigen ausgoß, sie
fühlte das Bedürfniß, zu lieben und zu vertrauen, und da ihre eigene
Mutter wohl stets freundlich, aber nie, nie herzlich mit ihr war, ihr
nie gestattete, ihr so zu nahen, wie ein Kind der Mutter nahen soll, und
besonders alle Gemüthsbewegungen als mit ihren Nerven nicht verträglich
auf das Sorgfältigste mied und von sich hielt, wuchs diese Liebe Paula's
zu dem einzigen Wesen, dem sie sich ganz und ungetheilt hingeben konnte,
endlich zu einer Leidenschaft an, die sie selbst erschreckt haben müßte,
wenn sie sich je derselben klar geworden wäre.
Handor benutzte das mit kalter Berechnung. Er wußte recht gut, daß der
stolze Graf nie seine Einwilligung zu der Verbindung seiner einzigen
Tochter mit einem bürgerlichen, pfenniglosen Schauspieler geben würde,
so lange er nicht _mußte_, aber er zweifelte auch keinen Augenblick,
daß er sich endlich, dazu gezwungen, fügen und sein Kind nicht verstoßen
oder ihm doch jedenfalls eine Summe zur Verfügung stellen würde, die dem
Rang der jungen Gräfin entsprechend war -- und mehr verlangte er nicht.
Damit hatte er Alles erreicht, was er wollte, und dahin arbeitete er
jetzt.
In Haßburg konnte er sich doch nicht länger halten. Seine Schulden waren
zu einer Höhe angewachsen, die selbst des Versuches spottete, sie
zu decken, und die Geduld seiner Gläubiger hatte sich erschöpft. Der
nächste Monat schon konnte deshalb eine Katastrophe herbeiführen, die
Alles vernichtete, was er bis dahin aufgebaut, und so scheu er den
entscheidenden Schritt bis jetzt noch immer hinausgeschoben, so wurde er
selber nun dazu gedrängt.
Der Erste des Monats nahte, für den er die volle Gage theils schon
verschleudert hatte, theils noch in der Tasche trug; Rebe hatte ihm
schon seinen Secundanten geschickt, er konnte ihm nicht ausweichen, die
Verlobung kam dazu, und Paula hatte ihm gesagt, daß Vater und Mutter
ganz im Stillen ihre Vorbereitungen träfen, um gleich am andern Morgen
Haßburg auf längere Zeit mit ihr zu verlassen. Da erhielt er noch von
Paula durch die Post einen Brief, den sie der Terrasse nicht hatte
anvertrauen mögen, und er erhielt die wenigen, inhaltschweren Worte:
»Wir müssen fliehen. Das Schrecklichste ist geschehen -- ich bin elend
mein ganzes Leben. Sei heute Abend vor neun Uhr mit einem Wagen am
Drahtthor des Parks. Jetzt auf ewig die Deine.«
Und heute Abend »Hamlet«! Handor lachte bitter vor sich hin, doch sein
Director machte ihm wenig Sorge. Mit dem Brief war aber die Entscheidung
seines eigenen Geschickes unmittelbar in seine Hand gelegt, und es blieb
ihm keine Wahl mehr.
Den Brief verbrannte er augenblicklich, dann ging er wohl eine halbe
Stunde mit raschen Schritten in seinem Zimmer auf und ab. Das Ob kam
nicht mehr in Frage, nur das Wie, und darüber brütete er jetzt. Daß
er ein Wesen elend gemacht, zu dem er wie zu einer Heiligen hätte
aufschauen sollen, trübte nicht einen seiner Gedanken. Sie war
jetzt sein, und nur mit Umsicht mußten die Schritte geschehen, eine
Vereitelung ihrer Flucht zu vermeiden, und dann, wenn er sich in
Sicherheit wußte, den alten Starrkopf von Vater zu beugen -- oder zu
brechen -- es galt ihm ziemlich gleich. -- --
Der Abend dämmerte; im Schloß des Grafen Monford waren alle nöthigen
Vorbereitungen getroffen, und die Gäste konnten jetzt jeden Augenblick
eintreffen. Die Gräfin selber stand schon fertig angezogen unten im
Empfangssaal, von dem aus links eine Reihe prachtvoller Zimmer lag,
deren Flügelthüren alle weit offen standen, während sich rechts der
große Salon befand, in dem gewöhnlich gespeist wurde.
Paula war noch nicht da, und ihre Mutter ging ein paar Mal auf und ab.
Endlich betrat Mademoiselle Beautemps das Zimmer.
»Ist meine Tochter noch nicht fertig?«
»Ich bedauere, Ihnen nichts Bestimmtes darüber sagen zu können, Frau
Gräfin,« bemerkte die Französin achselzuckend; »die Comtesse hat sich
so vollständig von mir losgesagt, daß ich nicht einmal mehr ihr Boudoir
betreten darf. Ich hatte mir auch vorgenommen, Sie zu bitten, mich,
obgleich meine Verpflichtung eigentlich noch einige Monate länger
dauert, schon morgen zu entlassen, da ich sehe, daß ich hier nicht
allein vollkommen nutzlos, sondern auch ein -- Gegenstand steigender
Unzufriedenheit bin. Sie werden selber begreifen, daß unter solchen
Verhältnissen meine Stellung keine angenehme sein kann.«
»Liebe Beautemps, Sie sehen die Sachen mit zu schwarzen Farben.«
»Ich sehe sie leider, wie sie wirklich sind, und die gnädige Gräfin
würden mich -- und ich glaube, auch die Comtesse -- sehr verpflichten,
wenn Sie meiner Bitte Gehör schenken wollten.«
»Nun gut, ich werde mit dem Grafen Monford darüber sprechen.«
»Dann erlauben Sie mir noch, Frau Gräfin, Sie auf eine Entdeckung
aufmerksam zu machen, zu der mich heute der Zufall brachte; sie betrifft
die Comtesse.«
»Eine Entdeckung?«
»Als ich heute Morgen die Comtesse auf der Terrasse suchte, überraschte
ich sie, wie sie einen kleinen, rosafarbenen Brief las. Sie erschrak,
als sie mich hörte, und drückte das Papier so fest in der Hand zusammen,
daß ich es nicht wieder zu sehen bekam.«
»Und was glauben Sie, daß es war?«
»Was es war? Ein Liebesbrief, =sans doute=.«
»Und von wem? Doch jedenfalls von ihrem Verlobten?«
»Weshalb dann das Geheimnißvolle gegen mich? Warum erschrak sie, wenn
sie ein reines Gewissen hatte?«
»Das ist nicht möglich!« rief die Gräfin rasch.
»Nicht möglich?« sagte achselzuckend die Gouvernante; »glauben Sie
mir, Frau Gräfin, Sie wissen noch gar nicht, was bei einem so jungen,
unerfahrenen Mädchen unmöglich ist. Ich kenne das, und so lange ich die
Aufsicht über die Comtesse und die Ueberwachung der jungen Dame in
meinen Händen hatte, konnte ich Ihnen für Alles, was geschah, gut
stehen. Da mich aber der Herr Graf durch einen Machtspruch derselben
enthoben, darf ich auch nicht mehr für die Folgen verantwortlich gemacht
werden.«
Die Gräfin hatte still und schweigend vor sich niedergesehen. Die
Französin wollte morgen ihr Haus verlassen, und sie wußte, daß sie
auf deren Verschwiegenheit in einer so zarten Sache, die ihre Familie
betraf, nicht rechnen konnte. Es mußte deshalb auf dieser Seite jeder
Verdacht zerstört werden, und sie sagte jetzt, die Gouvernante forschend
ansehend:
»Ein grünfarbiges Papier hatte sie in der Hand?«
»Nein, Frau Gräfin, ein rosafarbenes, ich habe es deutlich erkannt.«
»Rosafarben? Dann, liebe Beautemps,« lächelte die Gräfin, »war es der
nämliche Zettel, den ich ihr heute Morgen gegeben und der weiter nichts
enthielt, als das Verzeichniß einiger Sachen, die wir zu unserer in
nächster Zeit beabsichtigten Reise mitnehmen wollten. Ich habe es Paula
aufgeschrieben, damit nicht immer etwas vergessen wird.«
»Gnädige Gräfin, das Papier sah nicht aus wie ein Verzeichniß,« rief die
Gouvernante, die sich an ihren Verdacht klammerte.
»Es war auf meinem Rosabriefpapier geschrieben.«
»Es sah dunkler aus.«
»Wollen Sie eine Schattirung draußen im Freien und in einem solchen
Moment erkennen?« lächelte die Gräfin. »Nein, liebe Beautemps, dieses
Mal haben Sie einen falschen Verdacht, denn ich gab es Paula ein paar
Minuten vorher, ehe ich fortfuhr, und sie wird es dort gelesen haben.
Uebrigens danke ich Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit, und ich würde selber
auf Paula strenge Obacht haben, wenn nicht mit dem heutigen Abend ein
jeder solcher Verdacht von selber aufhören müßte. Sie werden begreifen,
daß man ihn nachher nicht einmal mehr äußern dürfte, ohne das Kind aus
das Tödtlichste zu beleidigen.«
»Aber, Frau Gräfin,« rief die Französin, »ich kenne Beispiele, wo nach
der Verlobung, ja, sogar nach der Trauung...«
»Lassen wir das,« wehrte die Gräfin ab, der das Gespräch unangenehm
wurde; »hier mit Paula haben Sie sich geirrt, und ich werde, um Sie
selber zu überzeugen, mir nachher den Zettel von ihr geben lassen.«
»Wie die Frau Gräfin befehlen,« sagte die Gouvernante kalt, aber
höflich, und ordnete die Lichter auf den verschiedenen Tischen, wegen
deren sie hereingekommen war.
Und Paula kam noch immer nicht. Die Gräfin stand einige Minuten
ungeduldig in der offenen Thür, drehte sich dann um und schritt langsam
in das nächste Zimmer hinein, von dem ein Ausgang zu Paula's Boudoir
führte. Dort klopfte sie leise an, und Paula öffnete selber.
»Meine Mutter!« rief sie erstaunt.
»Bist Du fertig, mein Kind? Das ist recht; es wird auch in der That die
höchste Zeit, denn es hat schon geschlagen und unsere Gäste müssen
jeden Augenblick eintreffen. Aber Du siehst recht bleich aus, Paula; Du
hättest wahrhaftig ein klein wenig =rouge= auflegen sollen.«
»Meine Mutter!« rief Paula und wollte sich in überströmendem Gefühl an
ihre Brust werfen.
»=Ma fille=,« rief aber die Mutter, erschreckt zurücktretend, »Du
zerdrückst mir den ganzen Kragen, ich bin ja in voller Toilette, Kind!
Komm, komm, das geht nicht, diese Aufregung paßt nicht für einen Moment,
wo man eben Gäste empfangen will. Und Thränen -- um Gottes willen,
Du wirst im Saal mit rothen Augen erscheinen, und was soll dann Dein
Verlobter von Dir denken?«
Paula faßte ihr Herz mit der Hand, als ob es zerspringen wollte, -- sie
vermochte kein Wort darauf zu erwidern.
»Keine Aufregung heut Abend, liebes Kind,« fuhr die Mutter fort, indem
sie den in der That schon etwas derangirten Kragen vor dem Spiegel
wieder in Ordnung brachte; »morgen früh halten wir einen großen
Familienrath, wir Beide zusammen, und da sollst Du mir Dein Herz
ausschütten nach Herzenslust -- ich bin schon in der That hinter ein
paar von Deinen kleinen Geheimnissen gekommen; heute aber haben wir
keine Zeit dazu.«
»Morgen, liebe Mutter, morgen? O Gott, was liegt Alles zwischen dieser
kurzen Zeit!«
»Viel, in der That, mein Töchterchen: der erste entscheidende Schritt zu
Deinem ganzen künftigen Lebensglück -- geh ihn getrost, Du wirst es nie
bereuen. -- Aber da fährt wahrhaftig schon ein Wagen vor; rasch, Kind,
die Thränen fort; bade die Augen ein wenig in kaltem Wasser, und bleib
nicht lange, der Vater wird sonst böse!« Und mit den Worten rauschte sie
mit ihrem schweren Stoffkleid aus dem Zimmer und in den Empfangssalon,
um dort die zuerst eingetroffenen Gäste zu begrüßen.
Paula blieb, als die Mutter sie verlassen, mit gefalteten Händen, mit
bleichem Antlitz in der Stube stehen. Endlich flüsterte sie leise:
»Und kein Mitleid, kein Gefühl für das eigene Kind -- nicht einmal
ausweinen an ihrem Herzen durfte ich meinen Gram! Oh, Mutter, Mutter,
ahnst Du denn, wie furchtbar weh Du mir damit gethan? Aber nein, nein,
sie kann nicht selber fühlen, was mir die Brust hier mit qualvoller Pein
zerreißen will; ihr Gott ist der Ehrgeiz, dem selbst das eigene Kind
geopfert werden soll -- daß das selber einen Willen, ein Gefühl, ein
Verlangen haben könnte, scheint ihr entweder nicht möglich oder ist so
unbedeutend, daß es keine Beachtung verdient! So lebe wohl, Mutter! Wenn
ich denn allein im Leben stehen soll, will ich mir auch die Bahn
allein suchen! Gott schütze Euch und mich, aber Er weiß, ich kann nicht
anders!«
Eine eigene, feste Entschlossenheit kam über das junge Mädchen, fast
noch ein Kind. Ihr Auge blickte klarer, ihr Schritt wurde entschiedener,
und rasch trat sie zum Waschtisch, badete ihre Augen in klarem
Quellwasser, ordnete sich das Haar wieder ein wenig, festigte eine
locker gewordene Blume in ihrem Schmuck und legte dann selber die
kostbaren Brillanten um Nacken und Arme, die sie am letzten Weihnachten
von ihrem Vater erhalten hatte. Das Alles nahm ihr auch nur wenige
Minuten Zeit; rasch war sie damit fertig, und noch einen Blick in den
durch zwei Girandolen erleuchteten Spiegel werfend, schritt sie in den
Empfangssaal hinüber.
Der Mutterblick ruhte wohlgefällig auf ihr, als sie sah, in wie
kurzer Zeit und wie vollkommen ihre Tochter alles Andere von sich
abgeschüttelt, was ihr den heutigen Abend zu trüben drohte -- ach, wenn
sie hätte in ihr Herz sehen können!
Aber ein eigener unnatürlicher und starrer Trotz war über das sanfte,
hingebende Kind gekommen: -- der Entschluß, sich der Macht, die sie in
Fesseln schlagen wollte, für Lebenszeit und gegen ihren Willen, nicht
zu beugen, und nur ein einziges Mal schrak sie noch zusammen und fühlte,
wie ihre Glieder zitterten. Es war der Moment, in dem der ihr bestimmte
Bräutigam, Graf Bolten, den Saal betrat.
Und wie Glück und Freude strahlend sah Graf Bolten aus, als sein Blick
ungeduldig im Saal umherflog, die ihm bestimmte Braut zu suchen, und
sie jetzt erkannte! Wie rasch glitt er, nicht einmal die Eltern zuerst
begrüßend, auf sie zu und flüsterte, ihre Hand ergreifend:
»Meine Paula, meine liebe, liebe Paula, wenn Sie wüßten, wie
unaussprechlich glücklich mich der heutige Tag macht!«
»Sie sind sehr gütig, Herr Graf!« stammelte Paula, tief erröthend, denn
_dem_ Manne gegenüber war sie sich einer Schuld bewußt.
»Herr Graf? Wie kalt das klingt!« rief Hubert vorwurfsvoll. »Hab' ich
mir noch keinen besseren Titel verdient, als die fremde, kalte Form?
Seien Sie freundlich mit mir, Paula; mein ganzes Lebensglück liegt ja
in Ihren Händen. Lassen Sie es mich mit einem Lächeln, nicht mit einem
Trauerblick empfangen!«
»Lebensglück, Du großer Gott,« sagte Paula mit einem Seufzer, »wer von
uns armen Sterblichen weiß, was die nächste Stunde für ihn birgt? Hoffen
Sie auf kein Glück, Herr Graf; die Enttäuschung wäre zu furchtbar und
schmerzlich nachher!«
»Hoffen dürfen wir, liebe Paula,« sagte Hubert herzlich, »es ist das
schönste Vorrecht des Menschen und sein Trost und Stab. Lassen Sie mir
immer die Hoffnung, die mir Ihr lieber Anblick frisch und warm in's Herz
gießt -- aber was Plaudern wir da,« brach er lachend ab, »so ernst und
feierlich, als ob wir zu einem Begräbniß und nicht zu einer Verlobung
gingen. -- Da kommt auch die Mama, die wird böse, wenn sie nicht
freundliche Gesichter sieht.«
Die Gräfin kam in der That heran, und Hubert sah sich für die nächste
Zeit überhaupt von allen Seiten in Anspruch genommen, da das Geheimniß
der Verlobung ja doch nur ein öffentliches war und alle Welt ihm ihre
Glückwünsche darbringen wollte.
»Und wo steckt George? Ich habe ihn noch mit keinem Blick gesehen.«
»Vorhin,« sagte Hauptmann von Seydlitz, der neben Hubert stand, »fuhr er
an mir vorbei, aber mit einem Gesicht wie eine Wetterwolke. Er sah mich
gar nicht -- weiß der liebe Gott, was er hat!«
»George?« fragte die Gräfin erstaunt. »Was kann der haben, das ihn
verdrießlich machen dürfte? Er ist ja doch sonst immer das Leben selber;
aber er hat heute Mancherlei zu thun. Ich werde mich einmal nach ihm
umsehen.«
Sie traf George, als sie das nächste Zimmer betrat, in Verzweiflung, und
er winkte seiner Mutter, ihm über den Gang zu folgen.
»Aber was hast Du nur? Weshalb kommst Du nicht zur Gesellschaft?«
»Zur Gesellschaft? und was ich habe? Heiland der Welt, und dabei wird es
nicht für anständig gehalten, zu fluchen!«
»Aber, George!«
»Denke Dir nur, dieses alte, verwünschte Burgfräulein, die genau so
aussieht, als ob sie dreieckig geschnitten und dann aufgeklebt wäre,
dieses Fräulein von Wünschel läßt mir vor einer halben Stunde absagen!«
»Das ist allerdings fatal!«
»Fatal? Göttlich! Das nennst Du fatal? Und ich bin mit meiner ganzen
Geschichte, die mich die letzten acht Tage vollständig aufgerieben hat,
heut Abend auch noch obendrein blamirt!«
»Und was willst Du jetzt thun?«
»Weiß ich's denn selber? Ich liege hier auf der Lauer, um irgend ein
unglückliches, passendes Individuum abzufassen, das mir in den Weg
läuft. Glücklicher Weise sind es nur ein paar Worte zu sprechen, aber es
ist eine Hauptsache, die nicht wegbleiben kann.«
»Hast Du denn sonst Alle zusammen?«
»Rottacks fehlen noch; das wäre jetzt ein Hauptspaß, wenn die auch
ausblieben -- dann schösse ich mir eine Kugel über den Kopf weg...«
»Aber, George...!«
»_Ueber_ den Kopf, Mama; ich würde außerordentlich vorsichtig zielen,
daß ich kein Unglück anrichtete. -- Aber, beim Himmel, da kommt Fräulein
von Bazcow angefahren. Die entere ich, die thut mir auch den Gefallen!«
»Aber wir sind mit den Leuten erst so kurze Zeit bekannt!«
»Bah, zu Rottacks bin ich am nächsten Tag gegangen -- da kommen auch
Rottacks -- Hurrah, nun bring' ich die Sache doch noch am Ende zu
Stande!«
Und fort schoß er mit weiter nichts im Kopf, als der glücklichen
Durchbringung seines Liebhabertheaters.
Rottacks fuhren in der That in dem Augenblick vor, und Helene sah bleich
und erregt aus, hatte sie doch die stolze Gräfin seit jenem Abend nicht
wieder gesehen, da diese den verschiedenen Proben nicht mehr beiwohnte
und sie jetzt ein erneutes Begegnen ordentlich fürchtete. Aber es half
nichts; der Verpflichtung gegen George konnten sie sich nicht entziehen.
Er vor Allen war gerade immer so liebenswürdig und herzlich mit ihnen
gewesen, und es hätte ihn zu sehr gekränkt; das durfte nicht sein. So
mußten sie denn der Gesellschaft beiwohnen, und gerade die Gesellschaft
schützte sie ja auch vor einem für beide Theile vielleicht peinlichen
Zusammentreffen mit der Gräfin. In großen Gesellschaften wie in einer
großen Stadt kann man, wenn man will, allein sein und sich von der
übrigen Welt abschließen; in kleinen Cirkeln und Städten ist es
unmöglich. In der Gesellschaft verdeckt die Form auch alles Andere, denn
sie besteht nur aus vorgeschriebenen Bewegungen und Situationen, wie
ein Schauspiel fast auf offener Bühne, wo sich die im gewöhnlichen Leben
vielleicht feindseligsten Charaktere offen und herzlich in die Arme
fallen. Auch in der Gesellschaft wird Haß und Liebe übertüncht, und nur
die Höflichkeit und der gute Anstand regieren.
Helenens Befürchtung war deshalb auch ganz grundlos gewesen, denn an
keinem andern Platz der Welt hätte sie nach der damaligen Scene besser
mit ihrer Mutter wieder zusammentreffen können, als in diesem Kreise
geputzter, fröhlicher Menschen. Und trotzdem schlug ihr das Herz
ängstlich in der Brust, als sie den Saal betraten und die Gräfin auf sie
zukam, um sie zu begrüßen. Aber die Gräfin war eine Weltdame; kein
Zug ihres Antlitzes verrieth etwas Anderes, und durfte etwas Anderes
verrathen, als Freude über das Erscheinen ihrer Gäste.
»Meine liebe Gräfin Rottack, wie ich mich freue, Sie wieder begrüßen zu
können. Wir hatten solche Sorge neulich, als wir hörten, daß Sie
sich unwohl fühlten! Herr Graf, Sie sind uns herzlich willkommen --
hoffentlich hatte es mit Ihrer lieben jungen Frau weiter nichts zu
sagen!«
»Migräne, gnädige Gräfin.«
»Ach ja, das alte, häßliche Leiden, ich kenne es; in unserer Familie ist
es ordentlich epidemisch.«
»Auch Helene hat es geerbt,« sagte Graf Rottack ruhig. Aber die Gräfin
erwiderte freundlich:
»Dann muß sich Ihre liebe Frau recht in Acht nehmen und in Geduld
fassen, denn es verliert sich erst mit den Jahren. Und nun bitte, legen
Sie ab, lieber Graf. George hat schon ein paar Mal nach Ihnen gefragt,
er war selig, als er Sie kommen sah.«
»Er hat doch nicht etwa gefürchtet, daß wir ihn im Stich lassen würden?«
sagte Felix.
»Er hat heute alle Hände voll zu thun,« lächelte die Gräfin, »und
wirklich dabei das Unglaubliche geleistet, denn Paula ahnt noch gar
nichts von der Ueberraschung -- aber da kommt Paula, verrathen Sie sich
nicht!«
Paula hatte die junge Gräfin gesehen und kam rasch auf sie zu; aber je
mehr sie ihr nahte, desto mehr hemmte sie ihren Schritt, und wollte sie
und ihren Gatten eben in der gewöhnlichen stummen und hergebrachten
Form der vornehmen Welt begrüßen, als Helene auf sie zutrat, ihre beiden
Hände ergriff und mit herzlicher Stimme sagte:
»Meine liebe Comtesse, wie freue ich mich, Sie wiederbegrüßen zu
können!«
Die Worte klangen so gut, so lieb, so wahr -- Paula traten, so sehr sie
dagegen ankämpfte, die Thränen in die Augen, und unwillkürlich bog sie
sich zu Helenen über, die einen leisen Kuß auf ihre Stirn drückte.
Die Mutter sah es, und freundlich sagte sie:
»Nehmen Sie sich der Kleinen ein wenig an, Frau Gräfin; sie macht ein
viel traurigeres Gesicht heute, als es für den Tag paßt; sie ist mir
auch immer zu viel allein und sinnt und grübelt; das taugt nicht für ein
junges Mädchen. Aber jetzt entschuldigen Sie mich, meine Pflichten als
Hausfrau sind unerbittlich.«
»Wer ist denn dieser Graf Rottack eigentlich, und wo kommt er auf einmal
her?« sagte ein alter Herr mit einem entschieden militärischen
Anstrich, zu einem andern Herrn, der neben ihm stand und mit einem etwas
verbissenen Gesicht bis jetzt die Gesellschaft betrachtet hatte, als ob
er sich über jeden Einzelnen ärgere, daß er überhaupt auf der Welt wäre.
»Wissen Sie es nicht, Herr Staatsrath?«
»Thut mir leid,« entgegnete der also Angeredete, »er war lange in
Brasilien und hat sich auch seine Frau von dort mitgebracht.«
»Es ist ein reizendes Paar; wunderhübsches Frauchen.«
»Ja, passirt; er sieht mir aber eher wie ein Demokrat im Frack, als wie
ein Graf aus, macht auch Besuche bei Schauspielern. Ich glaube nicht,
daß viel dahinter ist. Apropos, Oberst, haben Sie denn schon diesen
neuen Beitrag zu unserer =chronique scandaleuse= gehört mit dem Baron
Beltine?«
»Mit Beltine? Nein. Da drüben steht er ja.«
»Ja, er ist wieder zurück. Vor acht Tagen machte er sich aber das kleine
Vergnügen, eine Schneiderstochter von hier zu entführen. Die ganze Stadt
war ja voll davon.«
»Ich habe kein Wort davon gehört; er ist ja aber verheirathet.«
»=Eh bien=, und was weiter -- seine Frau fuhr indessen allein in's
Theater.«
»Ach, das ist ja gar nicht möglich; das wäre ja eine Niederträchtigkeit
und Graf Monford der Letzte, der ihn danach wieder einladen würde.«
»Lieber Oberst, Sie kennen die Welt noch nicht, obgleich Sie beinahe
siebzig Jahre darin leben; der Baron ist außerordentlich reich.«
»Sind Sie auch mit ihm befreundet?«
»Befreundet,« sagte der Staatsrath, die Achseln zuckend; »mit wem ist
man eigentlich in der Welt befreundet, und ich in meiner Stellung schon
gar. Ich glaube nicht, daß es zwei Menschen in der Stadt giebt, die mich
nicht hassen, aber merken Sie das Jemandem an, Oberst? Sie sind Alle die
Höflichkeit selber, so lange sie mit mir verkehren, alles Andere
geht mich nichts an, und wie sie hinter meinem Rücken schimpfen, was
kümmert's mich? Ebenso halten es Andere. Der Baron kann mich auch nicht
leiden, eingebildeter, fader Narr, der er ist; aber er und ich geben
ausgezeichnete Dejeuners, und da brauchen wir einander.«
»Da kommt er gerade auf uns zu.«
»Ah, lieber Staatsrath! Herr Oberst, ich habe die Ehre!« »
»Mein bester Baron, wo haben Sie die ganze Woche gesteckt? Mir hat
ordentlich etwas gefehlt, wenn ich Ihnen Morgens auf meinem gewöhnlichen
Spaziergang nicht begegnete.«
»Sie sind sehr gütig, Herr Staatsrath; ich war auf einige Tage in der
Residenz, wohin mich Geschäfte riefen. Die gewöhnlichen Plackereien des
Lebens.«
»Ueber die ich Sie erhaben glaubte.«
»Keiner von uns, Keiner von uns, lieber Staatsrath; aber wo ist
eigentlich unser junges Pärchen?«
»Die Braut steht da drüben, sie sieht auffallend blaß und gedrückt aus;
Comtesse Monford ist sehr zart.«
»In der That, in der That. Sie entschuldigen, lieber Staatsrath, ich
habe der Comtesse noch nicht einmal meine Huldigung dargebracht.«
»Aber, meine liebe Paula, was ist Ihnen?« sagte Helene liebevoll, indem
sie ihren Arm um die schlanke Taille des jungen Mädchens legte; »Sie
sind so furchtbar aufgeregt.«
»Ach, wenn ich Ihnen Alles sagen könnte,« flüsterte Paula, »wenn ich Sie
früher gekannt hätte; Vieles, Vieles wäre vielleicht anders, besser, als
es jetzt ist!«
»Es ist selbst jetzt noch nicht zu spät,« sagte Helene herzlich, »und
ich hoffe, wir sollen recht gute Freunde werden!«
»Zu spät, zu spät!« hauchte Paula leise, daß der Schall der Worte kaum
zu Helenens Ohr drang.
»Das ist recht, meine liebe Frau Gräfin,« sagte in diesem Augenblicke
Graf Monford's Stimme, und der Graf grüßte freundlich die junge
Dame, »daß Sie mein kleines Töchterchen ein wenig aus ihrer Lethargie
emporrütteln -- das Köpfchen hoch, Paula, bist ja mein gutes Kind.«
»Mein lieber, lieber Vater!« rief Paula, leidenschaftlich des Vaters
Hand ergreifend.
»Bst, Kind, bst,« sagte der alte Herr, »ich habe mir vorgenommen, heut
Abend recht lustig und vergnügt zu sein, und da mußt Du mir helfen,
denn Du hast auch alle Ursache dazu. Es ist ein merkwürdiges Kind, Frau
Gräfin, so außerordentlich weich, gar nicht wie ihre Mutter, die einen
viel festeren und entschiedeneren Charakter hat. Aber ein gehorsames
Töchterchen ist es doch, das seinen Eltern große, unendlich große Freude
macht, und auf das sie wohl mit Recht stolz sein können.«
»Mein guter Vater!«
»Haben Sie nur Geduld mit ihr, Herr Graf,« sagte Helene; »es ist ja so
natürlich, daß sie einer so gewaltigen Wendung ihres ganzen bisherigen
Lebens nicht mit voller Ruhe und Sicherheit entgegengehen kann.«
»Ich habe auch Geduld mit ihr,« lächelte der Graf, »denn ich kenne meine
Tochter, und sie wird mir noch einmal mit thränenden Augen danken --«
und Paula freundlich zunickend und mit einer Verneigung gegen Helene
schritt er zu dem andern Theil des Saales hinüber. -- --
Unten in der Halle hatte der Haushofmeister eine Reihe von Bierfässern
und Körbe voll Wein an die eine Wand reihen lassen, und nicht allein
die Dienstleute des Gutes und die Forstbeamten und Holzhauer des
benachbarten Waldes wurden dort frei gehalten, sondern wer von der Stadt
heraufkam, erhielt, was er essen und trinken wollte, denn es sollte
Keiner hungrig von der Schwelle gehen, auf der die Freude herrschte.
Das hatten sich denn auch eine Menge von Leuten zu Nutze gemacht, und
der Platz hinter dem Schlosse, wohin sie sämmtlich gewiesen wurden,
schwärmte von ihnen.
Auch der alte Maulwurfsfänger war mit heraufgekommen, aber er mischte
sich nicht unter den Troß, ließ sich auch weder Getränk noch Speisen
geben, und drückte sich eigentlich mehr in den Büschen herum, abseit von
den Leuten. Es war fast, als ob er Jemanden suche oder erwarte.
Endlich kam der Förster den Weg herauf, seine Flinte wie immer auf dem
Rücken, und blieb erst eine Weile da, wo der Weg auf den freien Platz
ausmündete, stehen, um sich das fröhliche Treiben zu betrachten.
Gefallen that's ihm nicht; ein ächter Jäger mag keinen Lärm leiden,
ob er nun auf der Jagd ist oder nicht, denn immer an Ruhe und Stille
gewöhnt, stört es ihn. Aber der Förster trank gern ein Glas Wein, und da
sein Gehalt ihm nur Bier verstattete, und selbst das mäßig, war er doch
auch einmal herüber in's Schloß gekommen, um mit seinem alten Freund,
dem Haushofmeister, eine Flasche zu leeren. Der Holzhändler aus der
Stadt und der Müller vom Bache gleich unter dem Forsthaus, wie der
Schulmeister von Eslich, dem nächsten Dorf, hatten sich auch schon
eingefunden und saßen in des Haushofmeisters Stübchen um den runden
Tisch am Fenster, während sein eigener, besonders zu dem Zweck herüber
bestellter Forstgehülfe nicht weit davon beschäftigt war, ein paar
kleine Böller in Ordnung zu bringen, die gelöst werden sollten, wenn
drinnen im Saal zuerst die Gesundheit des Brautpaars ausgebracht wurde.
Eben kam auch die Militärmusik vom nächsten Ort auf einem Leiterwagen
angefahren, denn die hiesige hatte nicht abkommen können, da sie gleich
nach dem Theater nothwendig zu dem beabsichtigten Fackelzug und einem
Ständchen für den Erbprinzen gebraucht wurde.
Dem Maulwurfsfänger entging nichts von alledem. Seine kleinen grauen
Augen blitzten nach allen Seiten, ohne daß irgend einer der hier
Versammelten auch nur die geringste Acht auf ihn gehabt hätte; die
Wenigsten bemerkten ihn sogar, und die ihn bemerkten, fanden es
natürlich und ganz in der Ordnung, daß er sich ebenfalls zu diesem Feste
eingefunden; gehörte er doch mit zu den Arbeitern im Schlosse, in dessen
Park er in jeder Woche ein paar Mal zu finden war.
Der alte Bursche betheiligte sich aber nicht an dem Trinken. Wohl eine
halbe Stunde lang, als der Förster schon längst in der Stube war, stand
er noch halb versteckt in dem Gebüsch an einen Baum gelehnt. Dann erst,
als er sich vollständig überzeugt hatte, daß der Forstmann fest hinter
seinem Tisch und seiner Flasche Wein saß, zog er sich vorsichtig in das
Dickicht zurück und umging jetzt, immer durch das Buschwerk kriechend,
das Schloß.
Einmal mußte er freilich noch eine ganze Weile warten, denn wie er den
einen Weg kreuzen wollte, standen dort Leute aus dem Dorf und plauderten
miteinander. Endlich -- und wie lang ihm die Zeit dabei wurde -- zogen
sie sich ebenfalls zum Schlosse hin, und er glitt jetzt, immer die
Büsche haltend und alle offenen Wege vermeidend, der nämlichen Gegend
zu, in der ihn damals der Förster bei seiner nächtlichen Fasanenjagd
entdeckt, wenn auch nicht erwischt hatte. Aber nicht zu den Fasanen zog
ihn dieses Mal sein Trieb des Wilderns.
Der alte Förster war ein ganz ausgezeichneter Forstmann und es hätte
kaum einen besseren für die Waldculturen geben können, aber er war
kein Jäger, und das darf uns in unserer Zeit gar kein Wunder nehmen. --
Allerdings hegte er das Wild, weil es ihm der Graf befohlen hatte, und
er haßte und verfolgte alle Wilddiebe aus Leibeskräften, weil ihm das
einmal in der Natur lag, daß er keinen Eingriff in seine Rechte dulden
konnte. Aber eigentliche Liebe zum Wild hatte er nicht und konnte sie
nicht haben, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil ihm schon seit
vielleicht zwanzig Jahren verboten war, selber etwas zu schießen, was
der Graf nur für ein Vorrecht der Cavaliere oder etwa eingeladener Gäste
hielt.
Der Förster sollte den ganzen Tag in seinem Walde sein; er sollte
abspüren und bestätigen, er sollte jeden Hirsch kennen, der auf den
verschiedenen Revieren stand, jeden Rehbock sogar; aber der ächten
Waidmannslust durfte er selber nie folgen.
In der Jagdzeit hatte der Graf immer eine Menge Gäste, zu deren
Ehren Treibjagen veranstaltet oder die mit dem Förster oder einem der
Forstgehülfen Bürschen geschickt wurden. Mußte aber Wild abgeschossen
werden, so bekamen nie oder nur in höchst seltenen Fällen die Forstleute
Auftrag dazu, sondern der junge Graf that es selber, oder lud sich ein
paar von seinen Kameraden dazu ein, die dann vielleicht die nöthige
Anzahl erlegten und noch außerdem drei oder vier andere Stück zu Holz
schossen.
Im Anfange war der Förster außer sich darüber, zuletzt wurde er
gleichgültig dagegen, und es dauerte nicht lange, so lag ihm die
Forstcultur viel mehr am Herzen, als das Wild, ja, er fing an, sich zu
ärgern, wenn der Wildstand zu sehr wuchs, da sie ihm in kalten Wintern
seine Culturen schädigten.
Hirsche und Rehe, so weit war er schon gekommen, nannte er »das
Viehzeug«, und wäre es dem Grafen einmal eingefallen, seinen ganzen
Wildstand auszurotten, der alte Förster würde ihm mit Vergnügen dabei
geholfen haben.
Solche Verhältnisse fanden übrigens nicht allein in Haßburg statt;
sie sind ziemlich allgemein in ganz Deutschland geworden, und unsere
Nachkommen dürfen sich nicht wundern, wenn sie in unserem Vaterland eben
so vergebens nach einem wirklichen Jäger suchen werden, wie man jetzt
bei uns noch nach einem Wolf, Luchs oder Bären sucht. Sie sind eben oder
werden wenigstens ausgerottet.
Der alte Förster hatte, mit einem Wort, »keine Passion« für das edle
Waidwerk; er _züchtete_ das Wild, wie eine Hausfrau Hühner und Gänse
züchtet, und deshalb war der alte Maulwurfsfänger ein so gefährlicher
Kunde für sein Revier.
Dieser nämlich, durch seinen Beruf schon vollkommen berechtigt,
überall im Park, in dem es einen sehr bedeutenden Damwildstand gab,
umherzusuchen, um angeblich nach Maulwürfen und ihren Gängen zu
forschen, hatte diese günstige Gelegenheit nicht unbenutzt verstreichen
lassen und kannte alle Wechsel des überhaupt vollkommen vertrauten
Wildes so genau, als ob er es hier seit seiner Jugendzeit beobachtet
habe; aber das genügte ihm nicht allein.
Er wußte recht gut, daß er in dem umschlossenen und kleinen Park nicht
schießen durfte, ohne im Augenblick die sämmtlichen Schloßbewohner auf
seiner Fährte zu haben; an ein Wegschaffen irgend eines erlegten Stück
Wildes wäre dann nicht zu denken gewesen. Der alte Bursche verstand
aber mehr als Maulwürfe zu fangen, und mit dem Terrain erst einmal genau
bekannt, hatte er auch bald seinen Plan entworfen.
Gleich hinter der Fasanerie lag ein schmales und langes Fichtendickicht,
das den Park gewissermaßen gegen das daranstoßende Feld abschloß und
absichtlich so dicht angesäet war, um besonders den jungen Fasanen
genügenden Schutz gegen Raubvögel zu gewähren. Hier hindurch hatte sich
das Damwild einen Wechsel angelegt, um zu dem Haferstück zu gelangen,
und sobald der Maulwurfsfänger den ausspürte, legte er am äußersten Rand
desselben auch noch eine Art von künstlicher Salzlecke an, indem er
oben unter die Aeste einer jenen Platz überragenden Eiche ein paar
kleine Salzsäcke band. Bei Regen und nasser Witterung tropfte das
aufgelöste Salz herunter, und das Wild hatte dann auch nach kaum drei
Wochen den Platz schon aufgefunden und leckte dort ein tiefes Loch in
den Boden, um den salzigen Geschmack der Erde zu bekommen.
Weiter wollte der Wilderer nichts; er ließ sie ruhig gewähren, bis seine
Zeit gekommen war, und den heutigen Abend hielt er dazu passend. Der
Förster saß oben bei der Flasche, der Forstgehülfe war mit den alten
Böllern beschäftigt und außerdem ebenfalls durstig; von den Beiden hatte
er also nichts zu befürchten. Aus dem Schloß selber kam Niemand heut
Abend in den Park, davon war er fest überzeugt; eine bessere und
günstigere Gelegenheit fand sich deshalb nicht wieder, und er war fest
entschlossen, sie zu benutzen.
Aber er hatte auch schon vorgearbeitet. Daß er ohne Schußwaffe und in
einer ziemlich dunkeln Nacht, da der Mond erst nach zwölf Uhr
aufging, nichts würde ausrichten können, wußte er recht gut. Zu seinem
Wilddiebstahl brauchte er aber kein Licht; ja, Dunkelheit war ihm eher
noch günstig, denn schon mit der einbrechenden Dämmerung hatte er sich
auf ihm vortrefflich bekannten Wegen in jenes Dickicht geschlichen und
dort auf dem Wechsel eine feste Drahtschlinge aufgestellt. Gleich nach
Dunkelwerden wechselte das Damwild gewöhnlich von der Parkwiese nach dem
Haferfeld hinüber, und nahm es dann wirklich einen andern Weg, so hatte
er weiter nichts zu thun, als außen am Park das Feld langsam abzugehen,
und er konnte sicher sein, daß eins oder das andere der Thiere den
kleinen Pfad annahm und sich dann fing.
Jetzt hatte er den Fichtenstreifen erreicht und kroch vorsichtig darin
hinauf; aber er war zu dicht, er kam nicht fort, und wieder in das
offene Holz hineinbiegend, glitt er unmittelbar am innern Rand der
Stelle zu, wo er seine Schlinge wußte.
Halt, was für ein Geräusch war das? Er hielt und horchte; es schlug
etwas den Boden.
»Hurrah,« jubelte er in sich hinein, »da steckt mein Sonntagsbraten,
dem auch die Flasche Wein nicht fehlen soll!« und wie ein Indianer fast,
rasch und geräuschlos, floh er über die trockenen Nadeln hin, mit denen
hier eine Anzahl mehr einzeln stehender Kiefern den Boden bestreut.
Jetzt erreichte er den Platz. Die Anstrengungen des gefangenen Wildes,
da es den Feind nahen hörte, wurden stärker; es riß und zerrte an den
Büschen und schnellte sich vom Boden empor. Aber die Schlinge, an die
elastischen Zweige der nächsten jungen Bäume befestigt, hielt, und
wenige Minuten später hatte der Maulwurfsfänger seine Beute, ein feistes
Schmalthier, gefaßt, zu Boden gerissen und ihm mit seinem scharfen
Genickfänger den Todesstoß gegeben.
* * * * *
Die Gäste waren alle versammelt, und während ein Theil von ihnen, den
wundervollen Abend noch genießend, vorn auf der Terrasse spazieren
ging, bildeten sich auch in dem Saal selber, dessen Thüren und hohe
Fensterflügel weit geöffnet standen und die balsamische Luft wie den
Duft der Blumen überall herein ließen, einzelne Gruppen von Bekannten
untereinander.
Und jetzt kam auch George, der sich aber Einzelne unter den Gästen
aussuchte, um ein paar Worte mit ihnen zu flüstern. Auch zu Rottacks
ging er hinüber.
»Meine Herrschaften,« sagte er rasch und fröhlich, »gleich nach dem
Souper beginnt unser Wirken; thun Sie mir also den Gefallen und machen
Sie sich, sobald Sie möglicher Weise können, von der Tafel los, damit es
keinen Aufenthalt giebt. Ich darf doch auf Sie zählen?«
»Sicher,« sagte Rottack.
»Und Paula hat noch nichts gemerkt? Sie sprachen vorhin mit ihr
angelegentlich, Frau Gräfin.«
»Sie hat keine Ahnung und, ich fürchte, auch fast keinen Gedanken
für die Festlichkeit,« seufzte Helene; »das arme Kind kommt mir recht
angegriffen und so unnatürlich aufgeregt vor.«
»Desto besser, desto besser!« lachte George vergnügt vor sich hin, denn
er selber sah, hörte und dachte heute an nichts Anderes, als eben seine
beabsichtigte Ueberraschung.
»George, wo bist Du so lange geblieben?« rief in diesem Augenblick Paula
und eilte auf ihn zu; »ich habe Dich so ersehnt.«
»Mein liebes Herz, ich hatte zu thun und wußte Dich ja hier so gut
aufgehoben. Wie geht es Dir, Schatz?«
Paula antwortete ihm nicht. Sie sah ihn mit ihren großen Augen fest an,
und dann seinen Arm ergreifend und ihn leise ein paar Schritte mit sich
zur Seite führend, flüsterte sie:
»Bleibe mir immer gut, George; behalte Deine Schwester lieb.«
»Aber, Paula, was fehlt Dir? Du gehst ja doch noch nicht von uns, wenn
Du auch von jetzt an einem Andern angehören wirst; mache Dir doch keine
thörichten Sorgen.«
»Mein guter George!«
»Komm, Kind, da beginnt die Tafelmusik; um Gottes willen, was hast Du,
Paula, wir sind ja nicht allein!«
Paula hatte mit der Hand fast krampfhaft seinen Arm gefaßt, zog ihn an
sich und drückte einen heißen Kuß auf seine Schulter. Dann ließ sie ihn
plötzlich los und schritt der Thür der Terrasse zu.