»Werden Sie nicht langweilig,« sagte Handor, indem er seinen Hut auf den
Tisch stellte, seinen Handschuh hinein und sich selber dann zwischen die
Rückenkissen auf das Sopha warf. »Was ich gleich sagen wollte, Doctor,
wissen Sie genau, wann der Erbprinz hier eintrifft?«
»Nun, versteht sich doch von selbst; werde ich das nicht genau wissen!
Am nächsten Freitag Morgen mit dem Zehn-Uhr-Zug. Dann ist großer Empfang
-- militärisch natürlich -- Alles in Uniform, wo, zwischen all' den
goldenen Epauletten und Ordenssternen, der Bürgermeister, als Vertreter
der Stadt, allein im Frack wie ein schwarzes Schaf in der Heerde
herumläuft. Mittags Diner auf dem Rathhaus, Abends Festvorstellung im
Theater -- »Hamlet« auf speciellen Wunsch -- nach dem Theater Fackelzug
und dann Kneiperei bis zum nächsten Morgen, wozwischen ein geplagter
Redacteur dann auch noch seine Correspondenzen schreiben soll.«
»Hm, merkwürdig,« sagte Handor, der die letzten Worte gar nicht gehört
zu haben schien.
»Merkwürdig? -- was ist merkwürdig?«
»Oh, nichts, es fiel mir nur ein, wie so Vieles manchmal auf Einen Tag
zusammentrifft.«
»Ja, er bleibt auch nur zwei Tage in Haßburg, und am zweiten Tag ist
großer =bal paré=, mit der ganzen =haute volée= geladen. Wunderbares
Leben doch, das so ein Prinz führt! Bei Jove, ich glaube, ich habe auch
eine gute Natur, aber wenn ich nur eine einzige Woche so durchschwiemeln
sollte, ging ich wahrhaftig drauf!«
»Lieber Doctor,« sagte Handor gleichgültig, »wenn sich ein solcher Prinz
derartigen »Genüssen«, die für ihn Alltäglichkeiten sind, mit einer
solchen Leidenschaftlichkeit hingeben wollte, wie Sie gewöhnlich dabei
entwickeln, so hielt er's auch nicht aus. Aber, was ich Sie schon
immer einmal fragen wollte: von wem haben Sie eigentlich die beiden
Lorbeerkränze, welche da über Ihrem Schreibtisch hängen?«
»Oh,« sagte Feodor bescheiden, »sie sind nur von Damen.«
»_Nur_ von Damen?«
»Ja; in unserem literarischen Club feiern wir manchmal geistige
olympische Spiele...«
»In Ihrem Vergötterungsverein,« lachte Handor, »wo Ihr Euch gegenseitig
anbetet und hinter dem Rücken dann auf einander schimpft.«
»Hören Sie einmal, Handor, das ist übertrieben!«
»Gehen Sie mir weg; mich haben sie auch einmal mit hineingeschleppt,
um mich bei einer Tasse heißem Zimmtwasser, das die Dame vom Hause Thee
nannte, und bei drei unsichtbaren Butterbrödchen sechs Stunden auf
das Tödtlichste langweilen zu lassen. Das war ein furchtbarer Abend,
Doctor!«
»Sie übertreiben wahrhaftig,« rief Feodor, seinen Kopf zurückwerfend;
»ich habe doch auch von meinen Gedichten vorgelesen.«
»Leider!«
»Sie sind unausstehlich heute, und ich wollte dieses unglückselige
Geschöpf, dieser Rebe, wäre erst einmal über alle Berge; früher finden
Sie doch Ihren Humor nicht wieder.«
»Ach was, Rebe,« sagte Handor verächtlich; »glauben Sie, daß mir der
Patron nur eine Stunde von meiner Zeit vergiften könnte?«
»Na, was steckt Ihnen denn sonst in den Gliedern -- Schulden? Lieber,
bester Freund, Sie sind doch hoffentlich auch schon auf dem Standpunkt
angelangt, daß, wenn sich Jemand Schulden halber Sorgen zu machen hat,
es entschieden nur der Gläubiger sein kann -- Gläubiger -- ein famoser
Name übrigens, weil er glaubt, daß er Geld kriegt; hahahaha!«
»Sehe ich aus wie Jemand, den die Schulden drücken?« spottete Handor,
indem er seine Cigarrenasche auf den Teppich abstrich.
»Na, dann sind Sie verliebt,« rief Feodor, »heh? Hab' ich's getroffen,
hat der haßburgische Herzbrecher auch endlich einmal seine Meisterin
gefunden? Handor, der erste Liebhaber des haßburgischen Theaters,
wirklich verliebt, ohne Schminke und Gasbeleuchtung -- es ist eine
himmlische Idee! Uebrigens -- Donnerwetter, was mir da einfällt -- haben
Sie schon davon gehört, daß dieser Rebe ein Heidenglück macht?«
»Ein Heidenglück -- welches?«
»Er heirathet das hübsche Blumen-Jettchen, das spröde, alberne Ding, dem
alten Pfeffer seine Nichte, deren Vater gestern mit einer Million von
Ostindien zurückgekommen ist.«
»Unsinn,« sagte Handor, »eine von Ihren gewöhnlichen Tageblatt-Enten.«
»Na, Sie werden's sehen. Der Rebe hat mit dem Mädel schon lange ein
Verhältniß gehabt, aber natürlich Pauvreté in allen Ecken. Jetzt macht
sich die Sache. Am Ende werden wir ihn hier noch nicht einmal los.«
»Vom Theater gewiß, und das Andere kümmert mich wenig,« sagte Handor
gleichgültig, indem er aufstand und seinen Hut aufnahm.
»Sie wollen wieder fort?«
»Ich habe zu thun. Apropos, Doctor, können Sie mir nicht wenigstens
einen Theil von den hundert Thalern zurückzahlen, die ich Ihnen neulich
borgte? Trauvest quält mich mit den paar Thalern, die ich ihm schuldig
bin.«
»Lieber, bester Freund,« rief Feodor -- »kahl wie eine Feldmaus im
Augenblick; die Gelder kommen erbärmlich ein, und in der letzten Zeit
habe ich gar nichts verdienen können, weil ich fortwährend mit Ihnen
beschäftigt war.«
»Mit mir?«
»Meine Correspondenzen für die verschiedenen Blätter. Ich sage Ihnen,
die eine Recension über Ihren »Fiesco« hat mich vier volle Stunden
gekostet, so ausführlich habe ich Alles besprochen, und ich taxire meine
Arbeitsstunden stets auf einen Louisd'or.«
»Das ist viel.«
»Geistige Arbeiten, lieber Freund, sind keine Holzhackerarbeit; die
Fäuste können immer schaffen, aber der Kopf braucht seinen Genius, und
wenn der ausbleibt, steckt er fest.«
»Und wann können wir Abrechnung halten?«
»Ich erwarte eine bedeutende Honorarzahlung in den nächsten Tagen.«
»Schön, also auf Wiedersehen, Doctor!«
»Auf Wiedersehen, lieber Handor, auf Wiedersehen!«
Handor hatte die Thür hinter sich zugedrückt, und Feodor sah ihm,
freundlich mit der Hand winkend, nach; dann aber murmelte er leise vor
sich hin:
»Einfaltspinsel, eingebildeter -- will in allen Blättern gelobt und
herausgestrichen sein und dann auch noch geborgtes Geld wieder haben --
es ist wirklich großartig! Wer hält ihn denn hier am Theater? Niemand
weiter als ich, und wenn ich ihn fallen lasse, ist er in vierzehn Tagen
fertig; keine Hand rührt sich mehr -- ich müßte meine Haßburger nicht
kennen. -- Komm Du mir!« Und die unangenehmen Gedanken abschüttelnd,
drehte er sich wieder auf seinem Stuhl herum, griff die Feder auf und
begann von Neuem sein commerzienräthliches Ehrengedicht, das aber trotz
alledem nicht recht fließen wollte -- der Genius war noch nicht da.
14.
Horatius Rebe.
Oben in der Schloßgasse, dem »Paradies« schräg gegenüber, in einem sehr
großen, massiv gebauten Hause, aber oben in der vierten Etage und in
einem sehr bescheidenen, wie sehr beschränkten Dachstübchen, wohnte
Horatius Rebe, »der zweite oder eigentlich vierte oder fünfte Liebhaber«
am Haßburger Theater -- und eine bescheidenere Wohnung ließ sich in der
That kaum denken.
Das Ameublement bestand aus einem Holztisch, der Morgens als Waschtisch,
über Tag als Arbeitstisch diente, aus einem mit sehr verblichenem
und auch schon oft ausgebessertem Kattun überzogenen Sopha, das mit
Eisenfeilspänen gestopft sein mußte, so hart war es, und zwei ordinären
Rohrstühlen. Dazu gehörte noch ein kleiner, sehr dürftiger Spiegel und
eine lackirte Commode, wie ein glatt gehobeltes Bücherbrett, und dennoch
war der kleine Raum so nett und sauber als möglich hergerichtet.
Man konnte gerade nicht sagen, daß eine musterhafte Ordnung darin
herrschte, denn hier war ein Buch, in dem der Eigenthümer vorher
gelesen, auf dem Tisch umgeschlagen, dort im Fenster lagen einige Noten,
und darunter stand ein kleiner Zithertisch mit der Zither darauf und
den Stuhl schräg davor gerückt. Ein Zimmer sieht aber überhaupt nicht
wohnlich aus, wenn es zu sorgfältig aufgeräumt und geordnet ist -- man
muß erkennen können, daß es von Jemandem benutzt wird, sonst macht
es einen öden und unheimlichen Eindruck, mag es so einfach oder so
prachtvoll möblirt sein, wie es will.
Und benutzt wurde es in der That, denn außer einem winzig kleinen
Alcoven, der kaum ein Bett und einen gelb angestrichenen schmalen
Kleiderschrank hielt und durch eine etwas zu kurze Kattungardine von der
Stube getrennt wurde, war es die einzige Räumlichkeit, welche Horatius
Rebe besaß, und diese hatte er sich denn auch so freundlich hergestellt,
wie es eben seine Mittel erlaubten.
Ueber dem Sopha hing eine ziemlich gute Lithographie von Schiller im
weißen, offenen Hemdkragen; über dem Arbeitstisch eine andere von
Bogumil Dawison mit dem kecken, herausfordernden, aber geistreichen
Gesicht. Es waren die beiden einzigen Bilder, die er besaß, eine kleine
Photographie seiner verstorbenen Mutter ausgenommen, die über seinem
Bett ihren Platz gefunden.
Aber trotzdem hatte der Raum doch noch eine andere Ausschmückung
erhalten, denn unter Schiller's Bild kreuzten sich ein Paar Schläger,
durch ein altes, vielgetragenes Band der Burschenschaft, der er früher
angehört, mit einander verbunden, während unter denselben die alte,
dreifarbige Studentenmütze jetzt zugleich als Zeichen der Erinnerung und
-- als Uhrhalter diente.
Aber in dem Fenster standen Blumen, eine prachtvolle Monatsrose, zwei
Resedastöckchen und zwei Heliotropen, und unter Dawison's Bild war ein
kleines Sträußchen von künstlich gemachten, aber täuschend nachgeahmten
Vergißmeinnicht, Veilchen und Maiblümchen befestigt.
Das war der ganze Zierrath, wenn wir die dürftige Bibliothek ausnehmen,
die aber nur aus kaum zwanzig Bänden bestand. Da war ein Band mit
Byron's Werken in der Original-Ausgabe, die Dramen von Schiller, Lessing
und Göthe, und Heine's, Freiligrath's und Rückert's Gedichte, und ein
dicker Band, der Shakespeare's gesammelte Werke ebenfalls im Urtext
enthielt, lag, den »Hamlet« aufgeschlagen, auf dem Tisch.
Rebe hatte augenscheinlich darin gelesen, aber selbst diese Lectüre
konnte ihn nicht fesseln; andere Gedanken gingen ihm im Kopf herum,
und überhaupt sah er heute bleich und angegriffen aus, als ob er eine
schlaflose Nacht gehabt oder vielleicht gar durchgeschwärmt hätte.
Aber, lieber Gott, schwärmen -- wovon? Seine kleine Gage hielt ihn eben
am Leben in der theuern Stadt -- selbst den Genuß einer Cigarre mußte er
sich versagen, wenn er sich nicht in Schulden stecken wollte; ein Glas
Bier Mittags gehörte zu seinen Extravaganzen -- nein, eine schwere
Lebenssorge lag auf seinem Herzen.
Der Souffleur, welcher es von seiner Zimmernachbarin, dem Fräulein
Bassini, erfahren, hatte ihm allerdings unter dem Siegel der
Verschwiegenheit -- mitgetheilt, daß Fräulein Bassini's Schwager,
Henriettens Vater, als reicher Onkel von Amerika zurückgekommen wäre,
aber an dem nämlichen Tag war ihm selbst seine kleine, untergeordnete
Stellung an der hiesigen Bühne gekündigt worden, und er besaß nicht
einmal Geld genug, um auf Reisen zu gehen und sich ein neues Engagement
zu suchen, viel weniger eine Zeit lang zu zehren, wenn er nicht gleich
an einer andern Bühne placirt werden konnte. Und wo durfte er das jetzt
im Sommer hoffen, wo die meisten Theater sogar geschlossen waren?
Und Henriette -- durfte er jetzt wagen, ihr wieder zu nahen, wo er
selber sogar brodlos geworden und ihr nichts, nichts auf der weiten
Gotteswelt bieten konnte, als seine Liebe? Sie hätte ihn nicht
verschmäht, das wußte er; aber durfte er ein solches Opfer annehmen?
Nie. Er hätte seine Selbstachtung verloren für immer und keinem Menschen
mehr offen in's Auge sehen können.
Nein, er selber mußte sich erst wieder eine Stellung im Leben erringen,
mußte selbstständig dastehen, und dann -- wenn das Loos auch noch so
bescheiden war, das er der Geliebten bieten konnte --, dann erst durfte
er ihr wieder frei und offen nahen und seine Werbung erneuern. Jetzt war
sie für ihn verloren, unerreichbar verloren.
Und wem verdankte er dies Alles? Wem anders, als diesem ungebildeten,
aufgeblasenen Gecken, diesem Handor, der sich nur hier an der Bühne
hielt, weil sich das Publikum einmal an ihn gewöhnt hatte und das
Frauenvolk in seine hübsche Larve vernarrt war. Hatte er es denn nicht
in den letzten zwei Jahren schon an mehreren anderen Bühnen versucht, um
ein besseres Engagement zu erlangen, und war er nicht immer mit
Schimpf und Schande hierher, als letztem und einzigem Zufluchtsort,
zurückgekehrt? Aber Rache wollte er wenigstens an ihm nehmen. Die
Vorstellung des »Hamlet« mußten sie noch vorüber lassen, das sah er
selber ein, die durfte nicht gestört werden, aber dann konnte er ihm
auch nicht die verlangte Genugthuung weigern, er durfte es nicht -- und
nachher? Bah, was lag daran -- sein Leben war ja doch verfehlt, sein
Lebensglück vernichtet und zerstört, was lag daran, was aus ihm wurde --
ob er jetzt ganz verdarb und unterging!
Sein Leben verfehlt? Oh, er hätte bittere Thränen weinen mögen, wenn er
daran dachte, mit welcher Liebe und Leidenschaft er Alles hinter sich
geworfen, was andere Menschen für ihn aufgebaut, nur um sich ganz und
ausschließlich der Kunst in die Arme zu werfen!
Hatte denn die blinde, urtheilslose Menge Recht, wenn sie auch das nur
einen »Broderwerb« nannte? Gab es denn wirklich kein höheres, ideales
Ziel dabei, und war auch das Gefühl, das er in seinem eigenen Herzen
für einen Funken himmlischen Feuers gehalten, der ihn entzückte und
begeisterte, nichts als Lüge, nichts als eine Täuschung seiner selbst,
ein mattes, wärmeloses Irrlicht gewesen, das nur allein dazu gedient, um
ihn vom rechten Wege abzulenken?
Das war der bitterste Gedanke, der ihn quälte -- alles Andere hätte er
leicht und gern ertragen, Mangel, Sorgen, Zurücksetzung -- lieber Gott,
sie gehörten dazu und jedes Talent hatte sich durch sie hin die Bahn
zu Licht und Freiheit öffnen, und oft erzwingen müssen -- aber besaß er
wirklich das Talent? Hatte Handor Recht, der ihm erst gestern wieder
mit kalten, höhnischen Worten gesagt, daß er es nie weiter als bis zum
Stühletragen auf den Brettern bringen würde? Oder war es nur Bosheit,
nichtswürdige, tückische Bosheit von ihm gewesen? Er selber fühlte die
Begeisterung, fühlte die Kraft in sich, das Schwerste zu unternehmen
und zu überwinden -- aber besaß er sie auch, und würde ihn der Director,
der, wie er recht gut wußte, sich die größte Mühe gab, junge und
tüchtige Kräfte heranzuziehen, so leicht entlassen haben, wenn er selber
auch nur eine Spur davon in ihm entdeckt?
Oh, diese Zweifel an sich selbst, wie sie ihn peinigten und seinen sonst
so frischen Muth niederdrückten! Und Keiner, Keiner war da, der ihn
aufgerichtet hätte nur mit einem einzigen Wort des Trostes; keinen
Freund hatte er, in dessen Brust er sein warmes Herz nur ein einziges
Mal hätte ausschütten dürfen! Wo sollte er ihn auch finden? -- Ihre
Gelage feierte er nicht mit, Wirthshäuser zu besuchen, Bier- oder
Weinstuben, verstatteten ihm seine dürftigen Mittel nicht; sein
Mittagessen verzehrte er in einem ganz abgelegenen, obscuren Local, wo
eine verhältnismäßig gute Kost zu einem mäßigen Preis verabreicht wurde.
Er selber besuchte Niemanden, aus Furcht, Jemandem zur Last zu fallen --
und wer sollte _ihn_ besuchen in seiner dürftigen Bodenkammer? Er stand
allein, ganz allein in der Welt, und das einzige Wesen, das ihn nicht
verachtete und auf ihn herabsah, das einzige Wesen, was ihm in Liebe und
Treue ergeben war und ihn so glücklich, so selig hätte machen können,
das mußte er meiden, durfte ihm nicht wieder nahen, und fühlte selber,
wie sich unübersteigliche Schranken zwischen ihnen aufgethürmt.
Mit untergeschlagenen Armen und zusammengezogenen Brauen ging er raschen
Schrittes in seinem kleinen Gemache auf und ab, als es heftig an die
Thür klopfte. Ehe er aber nur Herein! rufen konnte, öffnete sich diese
schon, und das spitze, rothe Gesicht des Souffleur Mauser erschien
mit einem laut herausgeschrieenen »Guten Morgen, Herr Rebe!« auf der
Schwelle.
»Guten Morgen, Herr Mauser,« sagte Rebe, »und was bringen Sie mir?«
»Bringen?« lachte der Eintretende, indem er die Thür hinter sich zuzog
und es auch nicht der Mühe werth hielt, seine Cigarre ausgehen zu lassen
-- »habe ich schon Jemandem etwas gebracht, ausgenommen zu Neujahr einen
kleinen Repertoirschwindel? Fällt gar nicht vor, aber -- ein paar Worte
im Vertrauen wollte ich mit Ihnen reden, Herr Rebe, und deshalb bin ich
hergekommen.«
»In der That?« sagte Rebe kopfschüttelnd -- »aber dann bitte, setzen Sie
sich -- und was ist es, was Sie mir vertrauen wollen?«
»Ja, seh'n Sie, Herr Rebe,« rief Mauser und unterbrach seine Rede
wieder, denn die Cigarre war am Ausgehen gewesen und er mußte eine Zeit
lang heftig ziehen, um sie wieder in Gluth zu bringen, »zu vertrauen
habe ich Ihnen eigentlich nichts, sondern wollte Ihnen nur... -- die
verdammte Cigarre hat gar keine Luft -- haben Sie nicht eine andere?«
»Ich rauche gar nicht, Herr Mauser.«
»Ja so -- ich wollte, ich thät's auch nicht; es kostet jährlich ein
schmähliches Geld. Ich wollte Ihnen nur einen guten Rath geben, wenn
Sie ihn nämlich annehmen, denn die Herren Künstler haben gewöhnlich ihre
Sparren für sich, und glauben, sie könnten es allein -- was aber wären
sie ohne den Souffleur, he? Wenn ich einmal mein Buch da unten zumache,
so hört die Geschichte da oben auf, wie eine abgelaufene Spieldose, und
sie können nur den Vorhang fallen lassen.«
»Sie dürften wohl Recht haben,« lächelte Rebe wehmüthig -- »bei Vielen
ist das in der That der Fall.«
»Ob ich Recht habe! Glauben Sie mir, lieber Rebe, ein Souffleur guckt
nicht umsonst das ganze Jahr hinter die Coulissen und peitscht alle
Proben mit durch. Der Director und der Regisseur -- bah, wenn die da
oben an ihrem Tisch sitzen und das große Wort führen, glauben oft, daß
sie die Weisheit mit Löffeln gefressen haben! Ich könnt's ihnen sagen,
alle Nasen lang, wo es fehlt und wo's hapert, denn ich habe die ganze
Geschichte am Fädchen! Aber Mauser ist klug, Mauser hält's Maul und
denkt: wo's Dich nicht juckt, da kratz' Dich nicht -- so denk' ich!«
»Was aber hat das mit dem guten Rath zu thun, den Sie mir geben wollten,
Herr Mauser?« sagte Rebe, der sich heute gerade nicht in der Stimmung
fühlte, das Geschwätz des Mannes mit anzuhören. »Ich begreife nicht
recht...«
»Das will ich Ihnen sagen,« unterbrach ihn Mauser, indem er die jetzt
wirklich ausgegangene und halb zerkaute Cigarre ärgerlich und ziemlich
rücksichtslos in die nächste Ecke schleuderte, wie er das in der
Bierstube zu thun gewohnt war -- »ich bin Ihr Freund, Rebe, ich meine es
gut mit Ihnen, ich kenne auch den ganzen Schwindel und die Geschichten,
die Sie hier gehabt haben, aber wenn Sie meinem Rath folgen wollen, so
machen Sie einfach die Bude zu.«
»Die Bude zu?«
»Ja wohl, das heißt: werfen die bunten Lappen fort und treten nicht
wieder auf!«
»Nicht wieder auf?«
»Nein, gehen vom Theater! Sie passen nicht dazu! Sie haben nicht den
rechten, genialen Wurf, es fehlt Ihnen -- mit Einem Worte, Sie sind kein
Schauspieler!«
»Wenn Sie nur so freundlich sein wollten, das Alles ein klein wenig
leiser zu sagen, mein lieber Herr Mauser,« bemerkte Rebe, dem es aber
doch wie ein eisiges Gefühl durch's Herz schoß -- »hier nebenan wohnt
ein junger Mann, den Sie doch nicht in das Geheimniß gezogen haben
wollen?«
»Geheimniß? Verdammt wenig Geheimniß ist dabei, Rebe!« schrie Mauser
-- »die ganze Stadt weiß es! Aber Sie wissen auch, daß ich nicht leiser
sprechen kann -- ich muß schreien, wenn ich nicht in dem verfluchten
Kasten sitze, und dort sitz' ich lange genug, das weiß der Himmel,
Morgens vier, fünf Stunden, und Abends beinah' eben so viel!«
»Dann wollen wir lieber einen kleinen Spaziergang machen.«
»Dank' Ihnen -- jetzt will ich erst essen gehen und nachher schlaf' ich
-- bin auch nur heraufgeklettert, um Ihnen das zu sagen. Glauben Sie
mir, Rebe, ich meine es gut mit Ihnen, Sie passen nicht in die Lumperei
-- Sie sind ein anständiger Kerl, aber ein anständiger Kerl ist noch
immer kein erster Liebhaber, und der werden Sie im ganzen Leben nicht.«
»Ich danke Ihnen, Herr Mauser,« sagte Rebe kalt, denn er fing an sich
über den Menschen zu ärgern, »ich werde mir die Sache überlegen.«
»Ja, das kennen wir schon,« brummte der Souffleur -- »überlegen, das
heißt, es noch eine Weile so hingehen lassen und dann doch thun, was Sie
freut -- Alte Geschichte! Aber meinetwegen -- wer nicht hören will,
muß fühlen, und das seh' ich jetzt schon; Sie geben keine Ruh', bis
Sie einmal eine größere Rolle irgendwo kriegen und dann richtig von der
Bühne heruntergepfiffen werden -- nachher ist Friede.«
»Sie urtheilen sehr hart.«
»Ich bin weiter nichts als Souffleur, aber ich kenne den Schwindel, Herr
Rebe -- ich kenne den Schwindel, mir brauchen Sie kein X für ein U zu
machen, und ich habe schon Manchem auf den richtigen Weg geholfen -- das
ist mein Geschäft.«
»Aber Sie werden mir doch zugestehen, daß eine wahre und aufopfernde
Liebe zur Sache...«
»Papperlapapp, reden Sie mir nicht von Aufopferung und Liebe!« rief der
Souffleur -- »Sand in die Augen, das ist der Schwindel -- mit _einem_
Ohr unten im Kasten drin, und doch immer dabei thun, als ob man keine
Ahnung hätte, daß überhaupt ein Souffleur auf der Welt wäre -- Liebe zur
Sache! Fragen Sie einmal Pfeffer! -- Apropos, Sie wissen doch, daß der
Mann von Pfeffer's Schwester, der dicke Stelzhammer, steinreich von
Brasilien zurückgekehrt ist und die Jette jetzt einen Grafen heirathet?«
»Einen Grafen?«
»Gewiß -- der Alte hat ihn sich besonders zu dem Zweck mitgebracht.
Waren auch bei mir und haben mir einen Besuch gemacht und den ganzen
Schwindel erzählt -- das ist ein Glück, was das Mädel macht!«
»Aber das ist ja gar nicht möglich!«
»Möglich? Sagen Sie mir einmal, was auf dieser verrückten Welt nicht
möglich ist -- ich weiß nichts. Aber ich habe schon zu lange mit Ihnen
geschwatzt -- Donnerwetter, fünf Minuten nach Zwölf -- meine Suppe wird
kalt! Also folgen Sie meinem Rath, Rebe -- überlassen Sie das Mimen
anderen Leuten, die es besser verstehen und die den Pfiff weghaben --
am besten, Sie gehen gleich unter die Millionäre; sollte aber da keine
Stelle offen sein, na dann irgend ein ehrliches Handwerk, lieber ein
Tapezierer oder ein Riemer, wie ein schlechter Schauspieler. Sie sind
noch jung, Sie können noch Alles lernen, und daß ich Ihr Freund bin,
können Sie daraus sehen, daß ich Ihnen die Wahrheit sage. 'Morgen, Herr
Rebe!« und seinen Hut aufgreifend und sich dabei an die Taschen fühlend,
ob er auch nichts vergessen hätte, verließ er das Zimmer und stolperte
die etwas dunkle und steile Treppe wieder hinab.
Rebe war empört über das rücksichtslose Benehmen des Menschen, und
wer weiß, ob er zu jeder andern Zeit die hochnasige Unverschämtheit
desselben so ruhig hingenommen hätte. Jetzt war er gebrochen, und wie
der Mann kaum die Thür hinter sich zugeworfen, sank er auf einen Stuhl,
deckte sein Antlitz mit der Hand und saß dort still und regungslos eine
lange, lange Zeit -- er wußte gar nicht, wie lange; er vergaß die
Zeit und sein eigenes Mittagessen, und nur das Eine Gefühl lebte und
arbeitete in ihm: das Gefühl seines Elends, seines Unglücks.
Und wieder wurden draußen Schritte laut -- es mußte jemand Fremdes sein,
denn sie gingen herüber und hinüber. Rebe horchte auf -- links von ihm,
an einer verschlossenen Bodenkammerthür, wurde angeklopft. Er stand
auf und ging zur Thür, die er öffnete, denn der kleine Vorsaal war sehr
dunkel.
»Ist Jemand da?«
»Sie entschuldigen, wohnt hier Herr Rebe?«
»Das bin ich selber -- bitte, treten Sie näher.«
»Ich störe doch nicht?«
»Nein -- mit wem hab' ich die Ehre?«
»Ich muß mich selber vorstellen, bester Herr,« lächelte der kleine
Fremde etwas verlegen, »und -- und komme auch nur im -- im Interesse
einer uns Beiden befreundeten Familie. Mein Name ist Jeremias
Stelzhammer.«
»Herr Stelzhammer?« rief Rebe und fühlte, wie ihm in dem Augenblick das
Blut in einem wahren Strom in's Antlitz schoß -- »von -- von Brasilien
-- aber wollen Sie nicht Platz nehmen?«
»Bitte -- ja,« sagte Jeremias, der überhaupt nicht recht wußte, wie er
beginnen sollte. »Sie -- Sie kennen mich also und haben von mir gehört?«
»Ja, mein Herr, ich -- erfuhr, daß Hen --, daß Fräulein Henriettens
Vater nach langer Abwesenheit zurückgekehrt sei, und -- habe mich
herzlich darüber gefreut.«
»Danke Ihnen,« sagte Jeremias und saß wieder fest. Er hatte etwas auf
dem Herzen, aber er konnte das rechte Ende nicht gleich finden, um es
abzuwickeln, und sah sich verlegen im Zimmer um -- und, lieber Gott, wie
ärmlich sah es in dem Zimmer aus -- und doch wie nett und sauber!
»Und was verschafft mir die Ehre?« sagte Rebe endlich nach einer Pause.
»Ja, sehen Sie,« sagte Jeremias, also gewaltsam auf das gebracht, was
ihn heute Morgen hiehergeführt, »das ist eigentlich eine ganz curiose
Geschichte, und ich müßte vielleicht ein Stück Weges dazu ausholen --
vielleicht geht's aber auch so, wenn wir gleich mitten hineinspringen.
Eigentlich wollte ich um die Sache nur so hinten herumkommen -- wissen
Sie, so im Gespräch -- aber Ihr Gesicht gefällt mir, Herr Rebe, und ich
glaube, ich kann mit Ihnen gleich von der Leber wegreden...«
»Sie würden mich dadurch sehr verbinden,« sagte Rebe, dem es bei der
langen Vorrede ganz unheimlich wurde. Was hatte der Mann nun wieder? Bis
jetzt bekümmerte sich Niemand um ihn, und heute gab Einer dem Andern die
Thür in die Hand -- war das ein neuer Freund, wie der Souffleur?
Jeremias mochte aber wohl fühlen, daß er den jungen Mann in Verlegenheit
brachte, wenn er noch länger zurückhielt, und fuhr deshalb, jetzt
wirklich mitten in den fraglichen Punkt hineinspringend, nur im Anfang
noch ein wenig stotternd, fort:
»Sehen Sie, Herr Rebe, ich bin Henriettens Vater und -- möchte das
Kind gern glücklich wissen, was Sie begreifen werden -- und nun hat mir
Pfeffer, mein Schwager, die ganze Geschichte gestern Abend erzählt, und
nun möchte ich Sie bitten...«
»Daß ich Herrn Pfeffer's Haus nicht wieder betreten möge, nicht wahr,
Herr Stelzhammer?« sagte Rebe bitter -- »aber seien Sie unbesorgt, es
hätte deshalb Ihres Besuches nicht bedurft, denn ich fühle selber, daß
ich jetzt, hier aus meiner Stellung selbst geschoben und kaum im Stande,
mich allein am Leben zu erhalten, nicht das Recht habe, das Geschick
eines andern, mir theuren Wesens an das meine zu fesseln. Fürchten Sie
nicht, daß ich Ihnen wieder lästig fallen werde, wie es mein Schicksal
zu sein scheint, wohin ich komme. Sowie mein Contract mit diesem Monat
abgelaufen ist, verlasse ich Haßburg, und ich glaube kaum, daß Sie dann
je wieder von mir hören werden.«
»Sehen Sie,« sagte Jeremias, der ihm indessen schweigend und
kopfschüttelnd zugehört, »jetzt gehen Sie durch, gerade wie ein scheu
gewordenes Pferd, und immer nach der verkehrten Richtung. Seh' ich denn
aus wie ein so schrecklicher Tyranski Absolutski, der nur eben die Nase
nach Deutschland hineinsteckt und dann auch gleich sein Kind, um das er
sich die langen Jahre nicht gekümmert, unglücklich machen will? Lassen
Sie uns vernünftig mit einander reden, Herr Rebe, und ich glaube, ich
habe einen Ausweg für Sie gefunden, oder -- wir können doch wenigstens
erst einmal sehen, ob wir keinen finden.«
»Ich weiß nicht, was Sie meinen...«
»Ja, wenn ich aufrichtig sein will, weiß ich es eigentlich selber noch
nicht recht,« sagte Jeremias, sich hinter dem rechten Ohr kratzend,
»denn ich -- ich möchte Ihnen doch nicht gern wehe thun, und -- und sehe
auch keinen andern Weg, als...«
»Bitte, geniren Sie sich nicht,« lachte Rebe bitter -- »weshalb sollen
Sie gerade der einzige Mensch in der Welt sein, der Rücksichten auf mich
nimmt?«
»Jetzt gehen Sie wieder durch,« nickte Jeremias, »aber es kann nichts
helfen -- so kommen wir nicht zu Ende. So will ich Ihnen denn sagen,
was ich mit meinem Schwager Pfeffer besprochen habe -- Jettchen weiß
natürlich kein Wort davon --, und nachher wollen wir hören, was Ihre
Meinung von der Sache ist.«
»Ich bin in der That begierig!«
»Pfeffer meint,« fuhr Jeremias fort, »daß Sie beim Theater
außerordentlich wenig Aussichten hätten, es je zu etwas Vernünftigem
zu bringen, und daß es schade um Sie wäre, wenn Sie Ihre Kräfte dabei
vergeudeten.«
»Das ist sehr liebenswürdig von Herrn Pfeffer...«
»Glauben Sie nicht, daß er etwas auf Sie hat!« rief Jeremias rasch --
»er meint es wahrhaftig gut mit Ihnen und sprach nur Gutes von Ihnen,
und daß Sie sonst ein braver und anständiger Mensch wären!«
»Sonst?«
»Ja, -- nur zum Theater taugten Sie nicht -- Sie -- Sie wären zu...
-- Hurrjeh,« unterbrach sich Jeremias, »es ist eine ganz verfluchte
Geschichte, wenn man es mit Jemandem gut meint und soll ihm dann
Grobheiten sagen, aber es geht ja nicht anders, und wenn Jemand einem
Andern einen kranken Zahn ausziehen soll, so muß er ihm auch wehe thun,
und man weiß doch dabei, daß es eben nicht anders angeht! Wenn Sie das
nur wenigstens auch wüßten!«
»Bis jetzt,« sagte Rebe kalt, »habe ich nur aus Ihren Reden ersehen, daß
Sie, auf Herrn Pfeffer's Urtheil hin, mir den guten Rath geben wollen,
einer Laufbahn zu entsagen, die bis zu diesem Augenblick mein ganzes
und einziges Lebensglück ausgemacht hat. Wovon ich nachher leben soll,
darüber wird Herr Pfeffer wohl selber im Unklaren sein, ganz abgesehen
davon, ob ich überhaupt nachher noch leben könnte.«
»Aber das ist es gerade, weshalb ich hergekommen bin!« rief Jeremias
rasch. »Glauben Sie denn, ich wollte mich blos unangenehm bei Ihnen
machen, um Ihnen etwas zu sagen, was Sie doch wahrhaftig nicht erfreuen
kann?«
»Es ist mir wenigstens lieb, daß Sie das selber einsehen,« sagte Rebe
ruhig, »und ich bin Ihnen dankbar für Ihren guten Willen -- mit was kann
ich Ihnen sonst noch dienen?«
»Na ja, nun werfen Sie mich lieber gleich 'naus!« sagte Jeremias in
komischer Verzweiflung. »Aber so hören Sie mich doch nur an. Das Theater
kann Ihnen wahrhaftig nicht so an's Herz gewachsen sein, daß Sie gar
kein anderes Leben für möglich halten! Du lieber Gott, was treibt man
nicht Alles, um ordentlich und ehrlich durchzukommen, und wenn ich Ihnen
Alles erzählen könnte, was _ich_ schon gewesen bin, Sie würden sich
wundern, so viel kann ich Ihnen sagen! -- Aber jetzt geht es mir gut,«
fuhr er entschlossen fort, ehe Rebe ein Wort zu erwidern vermochte;
»ich habe mir etwas erspart und nur den einzigen Wunsch, die Menschen
glücklich und zufrieden zu sehen, die ich -- die ich -- um die ich mich
eigentlich hätte ein bischen früher bekümmern sollen. Jettchen aber ist
ein liebes, herzensgutes Kind, dem ich Alles zu Gefallen thun könnte,
und -- wenn sie auch noch nicht recht mit der Sprache herausgerückt ist,
so habe ich doch so viel gemerkt, daß sie Ihnen gut ist und nicht das
Geringste dagegen würde einzuwenden haben, wenn Sie im Stande wären, um
sie anzuhalten.«
»Aber?« sagte Rebe, während er sich Mühe geben mußte, seine Fassung zu
bewahren, »ich muß Sie um den noch fehlenden Nachsatz bitten!«
»Aber,« fuhr Jeremias entschlossen fort, »das sind Sie jetzt noch nicht
und hätten, allem Anschein nach, auch noch für die nächste, vielleicht
für eine sehr lange Zeit keine Aussicht dazu, und da -- möchte ich Ihnen
helfen.«
»Sie, Herr Stelzhammer?« rief Rebe erstaunt -- »und wie können Sie mir
helfen? Glauben Sie, daß ich je im Stande wäre, mich von meiner Frau
ernähren zu lassen?«
»Wenn ich das glaubte,« sagte Jeremias trocken, »so wäre ich gar nicht
zu Ihnen gekommen. Nein, ich wollte einmal mit Ihnen sprechen, ob Sie
vielleicht doch nicht auf einen andern Weg zu bringen wären, und muß Sie
deshalb vorher -- mir, als Jettchen's Vater, dürfen Sie das nicht übel
nehmen -- auf das Gewissen fragen: Lieben Sie das Mädel wirklich recht
von Herzen, und würden Sie dieselbe, eben wenn Sie Ihr Brod hätten, zur
Frau nehmen?«
»Herr Stelzhammer,« sagte Rebe bewegt, indem er ihm die Hand
entgegenstreckte, »vorher, und ehe ich Ihre Frage beantworte, muß ich
Ihnen ein Unrecht abbitten, das ich gegen Sie verübt!«
»Gegen mich?«
»Ja -- denn ich hielt Sie, als Sie dies Zimmer betraten, -- und auch
noch eine Zeit lang nachher -- für einen jener wohlmeinenden Freunde,
die ihre Freundschaft nur darin suchen, sich ein Recht heraus zu nehmen,
grob zu sein, Sie sehen, ich bin aufrichtig...«
»Bitte, geniren Sie sich nicht,« sagte Jeremias.
»Ich bitte Sie deshalb um Verzeihung,« fuhr Rebe herzlich fort, indem er
die Hand des kleinen Mannes, die er noch immer in der seinen hielt, derb
schüttelte -- »ich habe Ihnen unrecht gethan, denn ich fühle, daß Sie es
wirklich gut mit mir und Henrietten meinen!«
»Sollte so denken,« nickte der kleine Mann; »ich wußte, daß Sie dahinter
kommen würden, wenn wir nur erst eine Weile beisammen wären.«
»Dann aber nehmen Sie die Versicherung,« fuhr Rebe fort, »daß ich Ihre
Tochter viel zu aufrichtig und wahr liebe, um mein Unglück eine Ursache
sein zu lassen, auch das ihrige herbeizuführen. Ich trete jetzt hinaus
in die Welt -- mit geringen Hoffnungen, es ist wahr -- aber auch mit dem
festen, männlichen Willen, mir mein Leben zu erkämpfen, wie es Tausende
vor mir gethan haben. Geh' ich dabei unter, nun, dann ist nur ein doch
werthloses Dasein weniger. -- Gelingt es mir aber -- und trotz allem
Mißgeschick flüstert eine Stimme in mir noch immer: »Es wird!« -- dann,
mein lieber Herr, hoffe ich Ihnen zu beweisen, mit wie heißer Liebe ich
an Henrietten hange und -- daß ich ihrer Werth bin!«
»Mein lieber Herr,« sagte Jeremias, auf seinem Stuhl herumrückend,
»das ist Alles recht schön und gut, daß Ihr abgebrannt seid, wie jener
Pfarrer meinte, aber es bringt uns keinen Schritt weiter in der Sache,
denn wenn Jettchen Sie wirklich lieb hat, so glauben Sie doch sicherlich
nicht, daß Sie ihr einen Gefallen thun, wenn Sie, wie Sie es nennen,
untergehen, so ehrenvoll das auch an sich sein mag.«
»Aber was kann ich thun?«
»Sie haben studirt, nicht wahr?«
»Ja...«
»Das ist eben der Teufel,« meinte Jeremias, sich wieder hinter dem Ohr
kratzend, »daß mit den studirten Leuten am allerwenigsten anzufangen
ist! Sie verstehen Griechisch und Lateinisch und Alles, was sie im Leben
nicht gebrauchen können, aus dem Grunde; will man aber 'was Praktisches
mit ihnen anfangen, so hapert's an allen Ecken. Was in dem Amerika nur
allein für eine Menge studirter Menschen herumhungern und ihrem Gott
dankten, wenn sie in ihrer Jugend ein Handwerk gelernt hätten, ist ganz
unglaublich! Aber lassen Sie nur gut sein,« unterbrach er sich rasch,
als er merkte, daß Rebe etwas erwidern wollte; »vielleicht finden wir
doch noch etwas, und dann sollen Sie sehen, daß ich es wirklich gut
mit Ihnen meine, junger Mann, und Ihnen beistehen werde wie ein wahrer
Freund -- wir müssen nur erst auf den rechten Punkt kommen.«
»Aber was soll sich finden, bester Herr -- ein Engagement...«
»Reden wir nicht mehr davon,« sagte Jeremias gutmüthig; »wenn Sie nicht
auf's Theater passen, hilft Ihnen auch ein Engagement nichts, und die
Zeit, die Sie dort auf's Neue verbringen, ist eben einfach auf den Kopf
geschlagen. Wir fangen 'was Anderes an -- mir gehen eine Menge Pläne
durch den Kopf, und Sie sollen einmal sehen, in Zeit von vier Wochen
habe ich Sie da so hineingearbeitet, daß Sie selber Ihre Lust und Freude
daran finden werden.«
»Herr Stelzhammer,« sagte Rebe freundlich, aber auch fest und bestimmt,
»die Zeit nur, die Sie hier mit mir vergeuden, ist verloren, denn mich
ziehen Sie nicht aus der vorgezeichneten Bahn.«
»Aber, mein bester Herr!«
»Bitte, lassen Sie nun auch mich reden. Ich kenne Herrn Pfeffer genau;
ich weiß, daß er von Herzen ein guter und sonst braver und ehrlicher
Mensch ist, aber er hat eine verbissene Natur und sucht besonders etwas
darin, auf das Theater zu schimpfen. Wenn man ihn reden hört, so sollte
man glauben, er wäre bei jeder neuen Rolle der unglückseligste Mensch,
so raisonnirt er und mit solcher Unlust geht er jedesmal daran, sie zu
lernen; aber nehmen Sie ihm einmal eine oder fordern Sie ihn einmal auf,
vom Theater zu gehen, so hören Sie, was er Ihnen sagt.«
»Pfeffer? -- Lieber heute, als morgen.«
»Ich kenne ihn besser. Er redet grundsätzlich Jedem ab, zur Bühne
zu gehen, und was sein Urtheil über mich betrifft -- ein so guter
Schauspieler er in seinem Fache sein mag --, so kann das für mich keinen
entscheidenden Werth haben; denn hat er mich auch nur erst ein einziges
Mal in einer wirklich guten, ja, selbst nur in einer mittelmäßigen Rolle
gesehen? Habe ich denn hier am Theater -- ich weiß selber nicht, weshalb
-- auch nur ein einziges Mal Gelegenheit bekommen, zu versuchen und zu
zeigen, was ich vermag? Nie -- nur zu Statisten- oder, kaum mehr als
dazu, zu kleinen, erbärmlichen Rollen bin ich verwandt worden, in denen
ich kaum ein paar Worte zu sprechen hatte und mich selbst schämte, wenn
ich, meiner unwürdig, so da draußen vor dem Publikum stand. Und jetzt
sollte ich die Bühne verlassen -- jetzt, mit dem nagenden Gefühl im
Herzen, daß ich das Zeug zu etwas Besserem in mir trage? -- Glauben Sie
da selber, bester Herr, daß ich bei irgend einer andern Beschäftigung,
die Ihre Güte für mich ausgedacht, Ruhe und Befriedigung fühlen, daß
ich ausharren könnte, wo es noch immer in mir gährt und treibt und die
Sehnsucht nach der wahren Kunst mich verzehren, aber auch zugleich zu
allem Andern untauglich machen würde?«
»Ja, mein lieber, junger Freund,« sagte Jeremias bestürzt, »das wäre
ja aber eine ganz verzweifelte Geschichte, und während Sie in der Welt
draußen nach der »wahren Kunst« suchen, die ich noch nirgends gefunden
habe, so alt ich bin, grämt sich das arme Jettchen daheim die Augen roth
und wird zuletzt eine alte Jungfer. Ueberlegen Sie sich die Sache nur
erst ordentlich. Sie glauben gar nicht, was der Mensch Alles kann, wenn
er nur ernstlich will.«
»Ich habe mir Alles überlegt, bester Herr, wieder und wieder,« sagte
Rebe herzlich -- »meine ursprüngliche Carrière, durch welche ich im
Laufe der Jahre in der regelmäßigen Staats-Tretmühle meinen bestimmten
Platz und die Hoffnung auf Avancement hätte bekommen können, habe ich
mir durch meinen Austritt verscherzt; die Herren nehmen Niemanden zum
Staatsdienst wieder auf, der einmal Schauspieler gewesen ist, obgleich
sie ihre Schauspieler weit besser bezahlen, als ihre Staatsdiener, und
dahin ist mir der Weg also gründlich abgeschnitten, -- zu etwas Anderem
passe ich nicht. Es giebt kaum einen unglückseligeren Menschen für
irgend eine Speculation auf der weiten Welt, als mich; zum Kaufmann habe
ich nicht das geringste Talent, aber meine ganze Seele hängt am Theater,
und wem Gott einen solchen Trieb dazu in's Herz gelegt hat, der darf
und kann ihm nicht entsagen, wenn er seinen Lebenszweck nicht verfehlen
will.«
»Aber, mein lieber Herr Rebe, ich -- ich war auch schon einmal beim
Theater -- und wobei bin ich eigentlich nicht gewesen?« sagte Jeremias
etwas kleinmüthig.
»Und haben Sie je den Drang gefühlt,« rief Rebe begeistert, »der Kunst
Alles, Alles opfern zu müssen -- selbst Ihr Leben?«
»Könnt' ich gerade nicht sagen,« meinte der kleine Mann kopfschüttelnd
-- »ich sang und tanzte meinen Stiefel weg und freute mich nur immer auf
den Ersten, weil da Gagetag war.«
»Dann hat Ihnen das Verlassen der Bühne auch keine Thräne gekostet.«
»Ne, wahrhaftig nicht,« bestätigte Jeremias -- »eh'r im Gegentheil. Ich
war seelenfroh, aus der Bude herauszukommen -- Kunst -- ja Kunst! Ich
habe keine Kunst darin entdeckt.«
»Und tadeln Sie mich deshalb, weil ich dabei aushalte, daß ich mein
ganzes Leben, mein Glück, mein Alles daran setze, um mein Ziel zu
erreichen? Ich kann aber nicht anders, lieber Herr -- ich fühle, daß
ich in jedem andern Fache, so freundlich Sie mir auch zur Seite stehen
würden, eine unselbstständige, gedrückte Stellung einnehmen müßte,
während ich hier ein weites, offenes Feld vor mir sehe, meiner Kraft,
meinem Ehrgeiz zu genügen. Bring' ich es dann zu 'was, so verdanke ich
bei Gott Alles nur mir selbst, was ich erstrebt, und kann dem Besten
stolz in's Auge sehen! War es ein Mißgriff, dann wird der arme Rebe
Niemandem mehr lästig fallen -- Niemand wird mehr von ihm hören und --
Niemand auch wohl mehr nach ihm fragen,« setzte er leise hinzu.
»Und ist das Ihr fester und letzter Entschluß?« sagte Jeremias
kopfschüttelnd.
»Ich kann nicht anders, lieber Herr,« sagte Rebe herzlich; »ich müßte
mich selbst verachten, wenn ich anders handeln wollte.«
»Das ist freilich recht traurig,« nickte der kleine Mann mit dem Kopf,
indem er von seinem Stuhl aufstand, »und mir thut dabei Niemand wie das
arme Jettchen leid, denn Sie selber wollen es ja nicht besser haben.«
»Mein armes Jettchen!« sagte Rebe leise -- »aber sie ist frei!« fuhr er
leidenschaftlich fort -- »glauben Sie nicht, daß ich sie mit Wort oder
Bitte an das Leben eines Unglücklichen fesseln werde! Es war freilich
mein schönstes, seligstes Gefühl, der Gedanke, sie mir einst verdienen
zu können -- aber die Zeit liegt zu fern, zu ungewiß, um sie zu binden!
Es war mein heißester Wunsch, sie glücklich zu wissen -- ich will nicht
die Ursache sein, das Gegentheil herbeizuführen!«
»Sie sind ein braver Mann, mein lieber Herr Rebe,« sagte Jeremias
herzlich, indem er ihm nochmals die Hand reichte und die seine herzhaft
drückte; »ich glaube, Jettchen würde glücklich mit Ihnen werden, ob Sie
nun Schauspieler oder 'was Anderes wären...«
»Sie sind mir böse,« sagte Rebe leise, der wohl bemerkte, daß der Mann
noch einen Rückhalt hatte -- »Sie halten mich für einen eigensinnigen
Trotzkopf, der das Glück des ihm liebsten Wesens gleichgültig von sich
stößt, nur um seinem Eigensinn zu fröhnen.«
»Doch nicht,« sagte Jeremias, mit dem Kopf schüttelnd; »ich begreife
freilich nicht, wie Jemand mit einer solchen Leidenschaft am Theater
hangen und Freude darin finden kann, sich in die Geschichte so -- ich
weiß eigentlich nicht wie ich sagen soll -- so hinein zu bohren. Aber
ich begreife, daß Jemand, der fest von irgend etwas überzeugt ist, auch
Hals und Kragen dransetzen kann, um es durchzuführen. Aber da stehen Sie
allein, da giebt es keinen Menschen, der Ihnen helfen und beispringen
kann.«
»Ich weiß es,« sagte Rebe ruhig, »weiß auch, welche schwere Prüfungszeit
mich wahrscheinlich noch erwartet, und nur um das bitte ich Sie, denken
Sie nicht schlechter von mir, weil ich Ihr freundliches Anerbieten
zurückgewiesen habe -- glauben Sie nicht, daß ich darum Henriette auch
nur um einen Gedanken weniger liebe, weniger bereit wäre, ihr Alles
aufzuopfern, aber -- ich muß mich später selber achten können. -- Kein
Vorwurf darf auf meiner Seele lasten, mir meines Strebens einst nicht
klar gewesen zu sein, mit Einem Wort: ich muß erst versuchen, ob ich
wirklich zu dem, was mein ganzes Sein erfüllt, nicht passe und in der
That nicht im Stande bin, mir aus mir selbst heraus eine Carrière zu
schaffen. Dann, wenn ich das gethan, wenn ich gesehen habe, daß ich mich
geirrt, will ich es aufgeben -- nicht mit blutendem Herzen, nein, mit
dem ruhigen Bewußtsein, meine Pflicht gethan zu haben, und was dann aus
mir wird, das weiß nur Gott!«
Jeremias begriff nur halb, was Rebe sagte; er verstand etwa den Sinn der
Worte, aber nicht die mächtige Triebfeder seiner Handlungsweise, die er
in seiner Sprache mit dem kurzen, aber bezeichnenden Worte »Dickkopf«
wiedergegeben haben würde. Aber unter solchen Umständen ließ sich hier
auch nichts weiter machen. Er selber hatte sein Möglichstes gethan,
Jettchen beizustehen; wenn der bühnentolle Schauspieler nicht wollte,
zwingen konnte er ihn nicht.
»Na, mein lieber Herr Rebe,« sagte er aufstehend, »unter diesen
Umständen läßt sich vor der Hand gar nicht weiter über die Sache reden.
Versuchen Sie's denn in Gottes Namen, und ich selber will Ihnen alles
Glück und allen Segen wünschen.«
»Ich danke Ihnen herzlich, mein lieber Herr, aber -- erlauben Sie mir
denn wohl, daß ich,« setzte er leiser hinzu, »ehe ich von hier fortgehe,
Ihrer Tochter noch einmal Lebewohl sage?«
»Das kann man keinem Menschen verwehren,« sagte Jeremias, mit dem Kopf
schüttelnd; »Abschied nehmen ist 'was Heiliges, aber -- setzen Sie mir
dem Mädel keine Schrullen weiter in den Kopf. Es wird dem armen Ding
wehe genug thun.« -- Und Rebe's Hand noch einmal herzhaft drückend,
drehte er sich um und schritt zur Thür hinaus.
15.
Die Leseprobe.
George Monford hatte wirklich sein Aeußerstes geleistet und mit einer
ganz fabelhaften Ausdauer alle Schwierigkeiten, die sich ihm durch die
Kürze der gegebenen Zeit entgegenstellten, um seine Lieblingsidee zur
Ausführung zu bringen, überwunden.
Wer aber jemals selber die Vorstellung eines Liebhabertheaters oder
selbst nur das Stellen von lebenden Bildern zu leiten übernommen gehabt,
weiß allein, was für ganz verzweifelte Dinge da geschehen können, welch'
enorme Rücksichten da genommen und welche Schleichwege eingeschlagen
werden müssen, um endlich all' die verschiedenen Köpfe -- und je
schöner, desto schwerer -- unter Einen Hut zu bringen.
George hatte Alles durchzukosten. Hier nahm Einer die ihm überbrachte
Rolle an, um sie drei Stunden später wieder unter irgend einem Vorwand
zurückzuschicken; dort war eine Person, auf die er fest gerechnet, so
plötzlich und ernsthaft erkrankt, daß selbst ein Möglichkeitsversprechen
außer aller Frage blieb. Comtesse B. konnte mit Baronesse X. unmöglich
zusammen wirken, da sich Letztere über eine neue Robe der Ersteren
ungünstig ausgesprochen, was Comtesse Y. zu Ohren von Comtesse B.
gebracht hatte. Hauptmann von Z. sah sich nicht im Stande, eine
Civilperson zu spielen, während Lieutenant von P. einen Hauptmann
vorstellen sollte. Es war rein zum Verzweifeln, all' diesen Bedenken
und kleinen Misèren rechtzeitig zu begegnen, und George wechselte an
den beiden ersten Tagen an jedem dreimal seine Pferde und kränkte seinen
Reitknecht auf das Tiefste, der in der Zeit, in welcher er vor den
Häusern hielt, gar nicht wußte, was er mit den unruhigen, ungeduldigen
Thieren anfangen sollte.
Endlich, endlich, und ein tiefer Dankesseufzer hob seine Brust, hatte
er Alles im Stande, und nach ganz unsagbaren, aber jetzt überwundenen
Schwierigkeiten war die erste Leseprobe auf heut Abend festgesetzt.
Um das aber bewerkstelligen zu können, hatte ordentlich eine kleine
Verschwörung angezettelt werden müssen, denn Paula durfte natürlich
nichts davon merken, und war zu dem Zweck von einer andern, in das
Geheimniß gezogenen Familie, die kein Contingent zu der Vorstellung
stellte, eingeladen worden.
Rottacks selber hatten sich erboten, diese erste Probe in ihren Räumen
abzuhalten, da man damit wechseln wollte, und Graf und Gräfin Monford
ihnen schon deshalb an dem nämlichen Morgen eine sehr kurze und sehr
steife Gegenvisite für den ersten Besuch gemacht. Es war das einmal Ton,
und diese langweilige und für beide Theile gleich lästige Form durfte
Niemandem erspart werden.
Paula machte übrigens ganz unbewußt dieser ersten Vorübung die meisten
Schwierigkeiten, denn sie erklärte, nicht die geringste Lust zu haben,
die Gesellschaft zu besuchen. Sie fühle sich nicht wohl, sagte sie, und
scheue sich, unter Menschen zu gehen.
Paula sah in der That seit ein paar Tagen leidend aus; ihre Wangen waren
bleich, ihre Augen eingefallen, und das Schlimmste, ihr ganzes Wesen,
das sonst von Frohsinn strahlte, schien gedrückt.
Dem Bruder war das vor Allen aufgefallen, denn die Eltern schrieben
es, als eine Art von Widersetzlichkeit, dem ausgesprochenen Willen, die
Verlobung betreffend, zu und hüteten sich wohl es zu bemerken. Man mußte
Paula ein paar Tage sich selber überlassen, dann gab sich das auch Alles
von selbst, und sie war wieder die gehorsame, fröhliche Tochter, wie
früher.
Nicht so George, der seine Schwester besser kannte. Er sah, sie war
wirklich nicht wohl, und zu ihr gehend, schlang er seinen Arm um sie und
sagte herzlich:
»Was hast Du, Paula? Was fehlt Dir, Herz? Du siehst wahrhaftig bleich
und angegriffen aus!«
»Mir ist nicht wohl, George,« sagte das junge Mädchen, ihr Haupt an
des Bruders Brust lehnend und vergebens bemüht, ein paar vorquellende
Thränen zurückzupressen; »so viele Dinge gehen mir im Kopf herum -- ich
muß nur immer denken und denken, und das thut mir so weh!«
»Du darfst nicht grübeln, Schatz,« tröstete sie George und versuchte ihr
Antlitz sich zuzuwenden; aber sie litt es nicht. »Daß Du jetzt genug zu
denken hast, glaub' ich Dir ja von Herzen gern; aber es sind doch auch
nicht solch' traurige Dinge, die Dir dabei im Kopf herumgehen können,
um Dich so niedergeschlagen zu stimmen, wie Du jetzt dreinschaust. Hab'
guten Muth, mein kleiner, braver Paul,« fuhr er schmeichelnd fort, als
sie ihm nichts erwiderte, sondern sich nur fester an ihn lehnte; »Hubert
Bolten ist wirklich ein seelensguter Mensch, manchmal ein bischen
aufbrausend und leichtsinnig, aber, lieber Gott, das giebt sich Alles
von selber, wenn er erst einmal solch' eine kleine Hausfrau hat. Und
denke Dir nur, wie glücklich Du Vater und Mutter dadurch machst, die ja
ihr ganzes Herz daran gehangen haben -- und Hubert, hundertmal hat er
mich in der Stadt, wo er mich nur traf, gefragt, wie es Dir ginge und
was Du triebest, und zehnmal wär' er schon herausgekommen, wenn ihn die
Eltern nicht gebeten hätten, vor der Verlobung jeden auffälligen Schritt
zu vermeiden.«
»Ach, George, ich kann Dir gar nicht sagen...«
»Bst, Schatz, da kommt die Mama,« unterbrach sie George rasch, »laß
sie Dich nicht so traurig finden. Du weißt, sie kann es nicht leiden,
obgleich sie die letzten Tage selber ganz entsetzlich finstere Gesichter
geschnitten hat.«
Die Gräfin kam durch den Garten auf die offene Salonthür zu, und
Paula hatte sich rasch aufgerichtet und die verrätherischen Thränen
abgewischt. George hatte Recht, die Mutter mußte mit ihrem Leid
verschont werden, und wo hätte das Kind eigentlich seinen Schmerz am
ersten ausschütten, am leichtesten ausweinen sollen, als an dem Herzen
der Mutter!
»Nun, Paula, Du bist noch nicht angezogen? Der Wagen wird gleich
vorfahren.«
»Im Augenblick, liebe Mutter, ich bin in wenig Minuten fertig; am
liebsten blieb ich freilich zu Hause.«
»Geh Du nur, mein Kind, die Zerstreuung wird Dir wohlthun; überdies
haben wir auch fest zugesagt.«
»Ich gehe ja, liebe Mutter,« sagte Paula leise, wandte sich ab und
schritt ihrem Zimmer zu, in dem sie bald verschwand.
»Mama,« sagte George, der ihr schweigend nachgesehen hatte, während die
Mutter an den Tisch gegangen war, auf dem ein paar illustrirte Journale
lagen, »wenn ich nur eine Ahnung davon hätte, daß sich Paula mit Hubert
wirklich unglücklich fühlen könnte, ich wüßte nicht, was ich thäte!«
»Unglücklich« -- sagte die Gräfin, ruhig den Kopf herüber und hinüber
wiegend, ohne sich aber nach George umzudrehen -- »denkst Du, daß wir
selber die Verbindung zugeben würden, wenn wir das fürchteten?«
»Sicher nicht, Mama, sicher nicht; aber -- Paula hat sich in den letzten
zwei Tagen recht verändert, und -- wenn ich sie nicht so genau kennte
und nicht wüßte, daß es unmöglich wäre, so würde ich wahrhaftig glauben,
sie hätte irgend eine andere heimliche Zuneigung.«
»Meinst Du?« rief die Gräfin, sich jetzt scharf ihm zuwendend. »Hast Du
irgend einen Verdacht? Auf wen?«
George schüttelte mit dem Kopf. »Ich schöpfte Verdacht,« sagte er, »nur
ihres bleichen Aussehens und Trübsinns wegen -- aber auf wen? Ich wüßte
Niemanden zu nennen oder zu errathen, und so scharf ich sie auch in
diesen Tagen beobachtet habe, ich konnte nicht das Geringste entdecken,
was ihn bestätigt hätte. Ich weiß mich auch in der That auf Niemanden zu
erinnern, den sie nur im Mindesten ausgezeichnet, ja, mit irgend einem
Antheil erwähnt hätte, und mit mir spricht sie doch über Alles und
plaudert frisch von der Leber weg, was ihr gerade auf die Lippen kommt.
Verstellungsgabe hat sie gar nicht -- ihre Seele ist so rein wie ein
Spiegel.«
Die Gräfin sah ihren Sohn fest, aber wie in Gedanken an; ihre Seele war
in dem Moment nicht bei dem Blicke und schweifte vielleicht zu anderen
Zeiten, anderen Scenen hinüber; aber wie ein Schatten zog das über ihre
Stirn, und sie sagte, nur langsam dabei mit dem Kopf nickend:
»Du hast Recht, George, so würde sich Paula nie verstellen können, und
wäre dem wirklich so, dann hätte sie doch ein Wort davon gegen mich oder
Deinen Vater geäußert, wenigstens eine Andeutung dahin fallen lassen.
Es ist Laune bei ihr, weiter nichts, und Du wirst sehen, wie vollständig
sich das schon in den nächsten Tagen giebt.«
»Das will ich recht von Herzen hoffen, Mama,« sagte George mit einem
Seufzer, »denn so könnte ich das nicht mit ansehen. Wenn mir nicht der
arme Hubert leid thäte, wahrhaftig, ich würde Euch selber bitten, die
Verlobung wenigstens noch eine Zeit lang hinaus zu schieben, daß auch
Paula erst klar mit sich würde.«
»Das geht nun nicht mehr, mein Kind,« sagte die Gräfin ruhig, »es ist
Alles bestimmt angeordnet und zu viel Leute wissen auch schon darum; es
würde nachher nur ein ganz unnützes, unangenehmes Gerede geben. Aber da
ist der Wagen, begleitest Du Paula?«
»Ja, Mama, aber wie kommst Du selber hinein?«
»Ich lasse mir die Droschke anspannen; sei nur pünktlich bei Rottacks,
denn ich -- möchte dort nicht gern lange warten.«
»Pünktlich, gewiß,« rief George; »Rottacks sind übrigens prächtige Leute
und gefallen mir außerordentlich -- auch nicht die Spur von Zwang oder
Zurückhaltung, und die Gräfin ist so natürlich und herzlich, wie er
selber. Was ist sie nur für eine Geborene -- hast Du nicht gehört? Ich
bin an verschiedenen Orten danach gefragt worden.«
»Ich weiß es nicht,« erwiderte seine Mutter, indem sie sich von ihm
abwandte und zum Fenster schritt -- »auf der Karte steht ihr Name
nicht.«
»Die böse Welt behauptet natürlich schon wieder,« fuhr George fort, »daß
es eine Mesalliance sei; aber das glaub' ich auf keinen Fall, denn die
Gräfin hat etwas so vornehm Edles in ihrem ganzen Wesen, was sie sich
im Leben nie angeeignet haben kann; das muß ihr angeboren sein. Doch
das bleibt sich gleich; ich meinestheils bin herzlich froh, daß wir die
Leutchen nach Haßburg bekommen haben, denn für den Winter besonders sind
sie eine ganz kostbare Acquisition, und Du solltest sie einmal musiciren
hören!«
»Da kommt Paula; wirst Du sie wieder abholen?«
»Versteht sich; ich habe schon Alles mit ihr besprochen. Adieu, liebe
Mutter, auf Wiedersehen bei Rottacks!« --
In Graf Rottack's kleiner, aber reizender Villa war der Salon für die
erwartete Gesellschaft auf das Freundlichste hergerichtet und Alles für
die erste abzuhaltende Leseprobe vorbereitet worden. Felix selber hatte
es arrangirt und kehrte jetzt in Helenens Zimmer zurück, in dem die
Kinder auf der Erde spielten.
Helene saß in einem Fauteuil vor ihrem Nähtisch, aber sie arbeitete
nicht; den Kopf in die Hand gestützt, sah sie träumend vor sich nieder
und hörte nicht einmal, daß der kleine Günther sie schon dreimal gefragt
hatte, wo der Papa wäre.
Erst bei Felix' Eintritt hob sie das Antlitz, und zwar wie erschreckt,
als ob sie gefürchtet hätte, jemand Anders dort zu sehen.
»Muth, Muth, mein Herz,« rief ihr Felix fröhlich zu; »wir rücken jetzt
dem Augenblick, den Du so lange herbeigesehnt, rasch entgegen, und
das Glück selber hat uns darin begünstigt -- willst Du jetzt den Muth
verlieren?«
»Nein, Felix,« sagte Helene freundlich; »zürne mir nur nicht, daß mich
eben das so schnelle Nahen des Augenblicks bestürmt, und -- Du weißt,
ich bin ja manchmal wie ein thörichtes Kind -- mit Angst erfüllt. Es ist
aber doch vielleicht nur die Unruhe der Erwartung.«
»Gewiß, nichts weiter, liebes Herz.«
»Aber wie wollen wir es möglich machen, die Mutter hier unter den vielen
fremden Menschen allein zu sprechen? Es wird nicht angehen, und
wir werden den Moment wieder versäumen und auf's Neue lange, lange
hinausschieben müssen.«
»Das ist mir auch schon im Kopf herumgegangen,« sagte Felix sinnend.
»Zuerst hatte ich gedacht, daß Du vielleicht einen Vorwand fändest,
sie in Dein eigenes Zimmer zu führen, aber ich hatte dabei gehofft Dich
ruhiger zu treffen, als Du wirklich bist; ich darf Dich nicht mit ihr
allein lassen, und es wird mir nichts Anderes übrig bleiben, als
sie direct zu bitten, nach der Leseprobe noch einen Augenblick zu
verweilen.«
»Sie wird es nicht thun.«
»Doch, mein Herz,« nickte Felix, »sie wird es thun, denn sie kennt
jetzt unser Geheimniß -- sie muß es kennen nach dem Namen, den ich ihr
genannt, und wer weiß, ob sie sich nicht selber danach gesehnt hat, Dich
aufzusuchen, und nur noch nicht wußte, auf welche Weise das am besten
und am wenigsten auffallend geschehen könne. Wir kommen ihr damit auf
halbem Wege entgegen, und sie wird die Gelegenheit nicht vorübergehen
lassen, sich mit Dir auszusprechen, darauf kannst Du Dich verlassen, wie
auch immer sie gesinnt sein möge.«
»Meine Mutter!« flüsterte Helene, indem sie beide Hände gegen ihr Herz
preßte.
»Ich bin fest davon überzeugt, Schatz,« sagte Felix, dem jetzt Alles
daran lag, seine Frau zu beruhigen; »denke doch nur, wie peinlich für
sie ein solcher Zustand auf die Länge der Zeit werden würde, uns in
ihrer Nähe zu haben und dann immer nur zu scheinen, als ob sie uns fremd
wäre. Sie wird die Gelegenheit mit Freuden ergreifen, Dich allein zu
sprechen, und wenn sich die Gattin auch jetzt noch vielleicht dagegen
sträubt, die ihr fremd gewordene Tochter anzuerkennen, die Mutter wird
der Umarmung ihres Kindes nicht widerstehen können.«
»Das gebe Gott, Felix,« sagte Helene leise, »denn wenn sie es thäte,
würde es mich recht, recht sehr unglücklich machen!«
»Sie thut es nicht, Herz -- aber wahrhaftig, da kommen schon die ersten
unserer Gäste!«
»Papa,« rief der kleine Günther, der das Herumtanzen auf dem Teppich
satt bekommen hatte, »spiel' ein bischen mit mir.«
»Ja, jetzt hätt' ich Zeit, Du Schlingel,« lachte sein Vater -- »spiele
mit Dir, nicht wahr? Hinüber zu Eurer Bonne! Bitte, Helene, laß die
Kinder hinüber bringen -- und daß Ihr mir artig seid, das rathe ich
Euch, sonst dürft Ihr heute Abend nicht mit uns essen!« -- Und sich von
dem kleinen Burschen, der sich an ihn anhängen wollte, losmachend, eilte
er in das Empfangszimmer, um die eben eingetroffenen Herrschaften zu
begrüßen.
Gleich danach fuhr George mit der Gräfin Monford vor, und Helene war
jetzt selber so in Anspruch genommen, daß sie sich schon gewaltsam
fassen mußte, um keine Störung zu verursachen.
Und die Gräfin selber erleichterte ihr das sehr, denn viel freundlicher
war sie heute, als noch je; sie reichte Helenen die Hand, was sie bis
jetzt noch nicht gethan, und sagte, wie sie bedaure, sie auf solche Art
in ihrer Häuslichkeit zu stören und ihre Hülfe gleich, kaum nach der
ersten Bekanntschaft, in Anspruch zu nehmen; ihr George habe aber einmal
an die Sache sein Herz gesetzt, und der sei von einer Zähigkeit, die
einmal Erfaßtes nie im Leben wieder loslasse, und wenn er deshalb alle
seine Mitmenschen bis zum Tode quälen sollte.
George war aber ihr Liebling, und sie sagte das mit einem so zufriedenen
Blick auf den eben Angeklagten, daß man recht gut sehen konnte, wie wohl
es ihr selber thue, das einmal Begonnene mit Erfolg gekrönt zu sehen.
Helene war bei der freundlichen Anrede feuerroth geworden, während die
Gräfin ihr ganz unbefangen gegenüber stand; Felix aber, der, während er
mit George sprach, seine Frau nicht aus den Augen gelassen hatte, kam
ihr rasch zu Hülfe und übernahm selber die Erwiderung, indem er der
Gräfin nochmals versicherte, wie sehr es sie freue, etwas mit zu dem
glücklichen Tag, der Verlobung der liebenswürdigen Comtesse, beitragen
zu können, und ihre einzige Furcht jetzt sei nur die, daß sie, zum
ersten Mal etwas Derartiges unternehmend, am Ende ihrer Verpflichtung
nicht ordentlich würden genügen können. Gräfin Monford möge deshalb auch
seiner Frau die Befangenheit zu Gute halten, die sich aber jedenfalls
nach der ersten Scenenprobe geben werde.
Das Gespräch wurde jetzt allgemein, und während die Diener Kaffee,
Limonade, Wein und Backwerk herumtrugen, sammelten sich die
verschiedenen Gäste, da noch nicht alle beisammen waren, in kleinen
Gruppen, bis endlich der Wagen mit den letzten Säumigen vorfuhr und
George jetzt darauf drang, »an die Arbeit« zu gehen.
Die Leseprobe verlief, wie alle derartigen Dinge, ziemlich glatt und
ohne besondere Störung. Durch George's Eifer, die Sache zu fördern,
waren mehr als hinreichende Exemplare gedruckt, um jedem Mitwirkenden
ein Heft zu sichern, so daß die verschiedenen Herrschaften schon Zeit
genug gehabt hatten, das ganze Stück für sich durchzulesen und sich
die Stellen, an denen sie selber einfallen mußten, mit Rothstift
anzustreichen.
Wenn es trotzdem ein paar junge Damen möglich machten, noch unbefangen
in ihrem Hefte nachzulesen, während ihr Stichwort schon gefallen war,
und dann, als sie namentlich aufgerufen wurden, ganz erschreckt an einer
natürlich verkehrten Stelle einzusetzen, so amüsirte das nur die kleine
Gesellschaft, setzte die betreffenden jungen Damen in Verlegenheit und
hatte weiter keine Folgen, als daß die Stelle, mit einem kleinen Stück
voraus, noch einmal durchgenommen werden mußte.
Endlich war Alles glücklich zum Schluß geführt und die Gesellschaft
hatte sich dabei mit dem aufgegebenen Stoff befreundet. Es war eins
jener reizenden kleinen französischen Lustspiele, die, eigentlich ohne
innern Gehalt, aber mit einem liebenswürdigen, piquanten Dialog und
glücklich erdachten, überraschenden Situationen, nicht allein den
Zuschauer fesseln, sondern auch gewöhnlich mit ganz besonderer Vorliebe
von den Mitspielenden, die sich selber für ihre Rollen interessiren,
ausgeführt werden.
Einzelne Equipagen fuhren schon wieder vor, als Graf Rottack, der einen
Moment benutzte, wo er sich der Gräfin Monford, von Anderen ungehört,
nahen konnte, zu ihr trat und mit halblauter Stimme sagte, während er
dabei ein dort liegendes Album aufschlug, als ob er ihr die Kupferstiche
zeigen wollte:
»Dürfte ich Sie ersuchen, Frau Gräfin, Ihren Wagen bis zuletzt warten zu
lassen; es ist eine Sache von höchster Wichtigkeit, die ich Ihnen, aber
nur Ihnen allein, mittheilen möchte.«
»Ein Geheimniß?« lächelte die Dame, aber mit einer Ruhe und
Unbefangenheit, die den jungen Grafen wirklich erschreckte, denn zum
ersten Mal zuckte ihm der Gedanke durch's Hirn: »Hast Du Dich vielleicht
geirrt? Ist das am Ende gar nicht jene Gräfin Monford?« Diese Ruhe und
Geistesgegenwart wäre ja, wenn seine Andeutung neulich auch nur mit
dem leisesten Hauch verstanden worden, rein unmöglich, unbegreiflich
gewesen! -- »Und bezieht es sich auf unsere Vorstellung?« fuhr die
Gräfin fort, als Rottack, ordentlich bestürzt, schwieg, indem sie sich
zu dem Album niederbeugte und mit ihrer Lorgnette das Bild betrachtete.
»Nein, gnädige Gräfin,« sagte Felix, der in dem Augenblick selber seine
Fassung kaum bewahren konnte, »und trotzdem ist es vielleicht wichtig
genug, Ihre Aufmerksamkeit für einen Moment zu fesseln; ich bitte Sie
dringend darum!«
»=Eh bien!=« lächelte die Gräfin, indem sie sich wieder aufrichtete;
»ich weiß überhaupt nicht, ob mein Wagen so pünktlich vorfahren wird,
da ich nicht glaubte, daß wir unsere Probe so rasch beenden würden --
wahrlich, wir haben erst halb sieben Uhr.«
Ein paar Damen kamen jetzt auf sie zu, um sich bei ihr zu verabschieden;
eine von diesen hatte ein paar Mal kleine Irrungen beim Vorlesen
verursacht.
»Nun, mein liebe Constance, lernen Sie brav,« sagte die Gräfin, »daß
Sie uns am nächsten Freitag nicht stecken bleiben -- George würde
unglücklich sein.«
»Gewiß, Frau Gräfin, ich werde recht fleißig lernen,« sagte das junge
Mädchen tief erröthend, -- »ich habe mich heute so geschämt.«
»Weshalb geschämt? Wir sind keine Schauspieler, liebes Kind, und die
Sache ist nicht halb so wichtig, wie sie George macht,« lächelte die
Gräfin. »Sorgen Sie sich nur deshalb nicht, es wird schon Alles gut
gehen.«
Wagen nach Wagen fuhr vor; nur der der Gräfin Monford war noch nicht
darunter, und George hatte sich schon vorher verabschiedet, um noch
Einiges zu besorgen und dann Paula abzuholen. Jetzt nahmen die Letzten
Abschied.
»Die Gräfin Rottack wird mich noch kurze Zeit beherbergen müssen,«
lächelte Gräfin Monford, als sie den sich ihr Empfehlenden die Hand
reichte; »mein Kutscher versäumt wieder einmal die Zeit, es ist kein
Verlaß mehr auf die Leute.«
Helene war mit ihrer Mutter allein im Zimmer, aber sie wagte nicht, sie
anzureden; es war ihr, als ob ihr die Luft zum Athmen fehlte, und ihr
Herz schlug stürmisch in der Brust. Auch die Gräfin sprach nicht --
hatte ein ähnliches Gefühl sie erfaßt? Ihre Züge verriethen nichts
davon, und waren kalt und unerforschlich, wie immer.
Felix, der die Damen an den Wagen geleitet hatte, konnte sich denken, in
welcher Stimmung seine arme Gattin sich befinden würde, und flog rasch
zurück.
»Ich bin für Niemanden jetzt zu sprechen,« rief er dem Bedienten im
Vorzimmer noch zu, »für _Niemanden_, verstehen Sie?«
»Sehr wohl, Herr Graf.«
»Und nun Ihre Mittheilung, Herr Graf,« sagte Gräfin Monford, als er
das Zimmer wieder betrat; »Sie haben den Zeitpunkt jedenfalls glücklich
gewählt. -- Ich -- ich weiß nicht, ob Ihre Frau Gemahlin davon
unterrichtet ist.«
»Helene wird uns einen Augenblick verlassen,« sagte Felix, der, so keck
er jeder ihn selbst betreffenden Katastrophe entgegen gegangen
wäre, doch hier fühlte, wie ihn sein gewöhnlicher froher Muth, seine
Zuversicht verließ, wo es sich um das Wohl und Wehe des ihm liebsten
Wesens handelte und das Benehmen der Gräfin selber ihn mit immer mehr
Angst und der Ahnung eines unglücklichen Ausgangs erfüllte.
»Also unter vier Augen,« sagte die Gräfin kalt und fast spöttisch
lächelnd, während Helene sich mit einer Verbeugung in das Nebengemach
zurückzog, ohne daß die Dame weiter Notiz von ihr genommen hätte. »Sie
machen mich wirklich neugierig, Graf Rottack.«
Felix warf den Blick der Richtung zu, nach der sich Helene gewandt;
die Thür war verschlossen, und mit vor innerer Bewegung fast unhörbarer
Stimme sagte er:
»Es ist in der That etwas Wichtiges, um das es sich hier handelt, Frau
Gräfin, denn das Glück des mir theuersten Wesens auf der Welt, das Glück
meiner Helene, hängt von dieser Stunde ab!«
»Und stehe _ich_ damit in Verbindung?« sagte die Gräfin kalt und stolz,
indem sie dabei fest seinem Blick begegnete.
»Ja,« sagte Felix leise, aber entschlossen, denn er fühlte, daß jetzt
die Zeit zum Handeln gekommen sei und er jede andere Rücksicht bei Seite
lassen müsse. »Bitte, nehmen Sie Platz, Frau Gräfin, hören Sie mich
geduldig nur wenige Minuten, und dann -- wenn Ihr eigenes Herz nicht
jetzt schon für uns spricht -- mögen Sie selber entscheiden, ob die
Sache -- wichtig genug war, Ihre Zeit in Anspruch zu nehmen.«
»So reden Sie,« sagte die Gräfin, indem sie auf dem ihr gebotenen
Fauteuil Platz nahm.
»Erinnern Sie sich, Frau Gräfin,« begann der junge Mann, während es ihm
schwer wurde, die ersten Worte hervorzubringen, »daß ich Ihnen neulich
in Ihrem eigenen Schlosse sagte, Helene sei die Tochter der Gräfin
Baulen, die sich in der Provinz Santa Clara in Brasilien damals
aufhielt, vielleicht noch da lebt?«
»Ich glaube, ja...«
»Sie glauben, ja?« fuhr Felix fort, dessen Pulse jetzt rascher an zu
schlagen fingen. »Und -- ist Ihnen dann Helene weiter nichts, als die
Tochter der Gräfin Baulen -- oder jener Frau, die sich dort in ihrem
albernen Stolze Gräfin nennt?«
Die Gräfin hatte ihm mit einem marmorkalten Antlitz zugehört; nicht ein
Zug desselben zuckte oder verrieth, was in ihr vorging, keine Wimper
regte sich. Felix kam es so vor, als ob ihre Wangen um einen Schatten
bleicher geworden wären, aber das Licht der untergehenden Sonne konnte
ihn täuschen, und ruhig und regungslos verharrte sie in ihrer Stellung
und erwiderte auch noch kein Wort, als Felix schon eine Zeit lang
geschwiegen, als ob sie erwartete, daß er noch einmal fortfahren würde.
Endlich sagte sie mit ihrer abgemessenen, leidenschaftslosen Stimme:
»Herr Graf, Sie trauen mir in der That viel Discretion zu, daß Sie mir
solcher Art die innersten und zartesten Geheimnisse Ihrer Verwandtschaft
mittheilen: ich weiß nicht, ob Sie gut daran thun.«
»Frau Gräfin,« rief Felix, »ist des denn möglich, daß ein menschliches
Wesen solche Selbstbeherrschung zu üben vermag, wenn -- aber jetzt kann
es nichts helfen,« unterbrach er sich rasch, »wir verlieren die kostbare
Zeit hier mit einem Wortspiel; Sie müssen Alles wissen: so vernehmen
Sie denn, daß Helene erst vor unserer Abreise von dort, vor unserer
Vermählung erfahren hat, wer ihre wirkliche Mutter ist -- daß sie dabei
fühlt, wie sie nie von ihr anerkannt werden kann und wird, es auch nicht
verlangt. Das Geheimniß soll bleiben, wie es bis jetzt gewesen, fest und
undurchdringlich und nie gebrochen von unseren Lippen -- aber Helenens
Seele drängt nach dem Augenblick, wo sie einmal an dem Herzen der Mutter
liegen, nur einmal den theuren Namen nennen darf, den sie bis jetzt nur
von einem Wesen gekannt hat, das sie nie geliebt. Oh, wenn Sie wüßten,
was das arme Kind gelitten,« fuhr der junge Mann lebendig fort, als
die Gräfin schwieg und leise mit dem Kopf schüttelte -- »wenn Sie ahnen
könnten, wie es sie mit allen Fasern des Herzens hierher gezogen, nur
einmal die Kniee der Mutter umfassen und einmal ihr müdes Haupt an ihre
Brust legen zu dürfen, Sie würden Mitleid mit ihr haben...!«
»Herr Graf, nicht weiter, wenn ich bitten darf,« unterbrach ihn die
Gräfin, »denn irgend ein Geheimniß liegt hier zu Grunde, das Sie im
Begriff sind, einer völlig unbetheiligten und demselben fernstehenden
Person zu enthüllen. Hier muß ein Irrthum obwalten, und ich -- will
nicht weiter nachforschen, inwieweit Sie mich selber da hineingezogen;
daß es mir aber nicht angenehm sein kann, werden Sie einsehen, und ich
ersuche Sie deshalb, kein Wort mehr darüber zu verlieren.«
»Kein Wort mehr davon?« wiederholte Rottack staunend; »und ist es
möglich, daß -- aber nein,« unterbrach er sich rasch, »Sie glauben
sicherlich, daß nur eine vage unbestimmte Vermuthung mich zu dem Schritt
getrieben. Sehen Sie her, Frau Gräfin -- kennen Sie diesen Brief? Kennen
Sie die Handschrift dieser Zeilen? Dort liegt der andere Brief, den Sie
heute Morgen die Güte hatten, meiner Frau mit der Anzeige Ihres heutigen
Kommens zu senden -- kennen Sie diesen Brief?«
Die Gräfin hatte einen flüchtigen Blick über die Zeilen geworfen, und so
riesenstark sie bis jetzt Alles zurückgehalten, was ihre Seele bewegen
oder auch nur in Miene oder Ausdruck ihr inneres Gefühl verrathen konnte
-- dieser Beweis gegen sie kam ihr zu rasch und unerwartet. Ihre Wangen
erbleichten sichtlich, und die Hand, welche das Papier hielt, zitterte
-- aber nicht so lange, als sie Zeit gebrauchte, den Brief zu lesen;
ihre Stirn zog sich in Falten; den kleinen, feingeschnittenen Mund
umzuckte Trotz und Aerger, und mit finsterem Blick, aber vollkommen
fester Stimme sagte sie:
»Also die Aehnlichkeit einer Handschrift soll hier gemißbraucht
werden...«
»Um Gottes willen, halten Sie ein, Frau Gräfin,« rief Felix rasch
und erschreckt, »auch nur der Schatten eines solchen Argwohns wäre
furchtbar! Dieses Papier ist der einzige Beweis auf der weiten
Gotteswelt, den wir gegen Sie haben -- sehen Sie hier!« -- Noch während
er sprach, hatte er das Papier wieder aus ihrer Hand genommen und an
einem auf dem Kaminsims stehenden Feuerzeug ein Streichholz entzündet;
er hielt den Brief darüber -- er flackerte auf, und nachdem er ihn
zwischen den Fingern hatte vollständig verbrennen lassen, warf er die
Asche auf den leeren Rost. -- »Glauben Sie jetzt noch, daß hier von
einem Mißbrauch die Rede sein kann?«
Die Gräfin hatte sich ebenfalls erhoben, und ihr Blick haftete scharf
und forschend auf den edlen Zügen des jungen Mannes. Mit vollkommen
wiedererlangter Fassung regte sich aber auch nicht eine Muskel ihres
starren Antlitzes, und sie sagte ruhig:
»Ich habe das nicht anders von Ihnen erwartet, Herr Graf. Die
Handschrift war allerdings täuschend ähnlich; aber Sie werden auch
fühlen, daß ein weiteres Gespräch über diesen Gegenstand nur für beide
Theile peinlich werden müßte. Ich glaube, mein Wagen ist vorgefahren.«
»Mutter!« sagte da eine weiche, schmerzdurchbebte Stimme, und als die
Frau fast unwillkürlich den Kopf danach wandte, stand Helene, die Augen
in Thränen gebadet, die Hände gefaltet, das Antlitz leichenbleich, auf
der Schwelle.
Fast unwillkürlich wandte sich die Gräfin halb ab, als ob sie den Platz
rasch verlassen wolle; wenn das aber ihre Absicht gewesen, so siegte
doch ihr besseres Gefühl.
»Ihre Frau sieht recht angegriffen aus, Herr Graf,« sagte sie; »es thut
mir leid, die unschuldige Ursache einer solchen Täuschung gewesen zu
sein, aber ich hoffe und wünsche nicht, daß das unsern weitern Verkehr
stören möge. Es wird mich immer freuen, Sie Beide bei uns zu sehen.«
Sie wollte fort, aber es war, als ob sie nicht konnte, als ob ihre Füße
selber am Boden wurzelten; und Helene kam auf sie zu, langsam und wie
ohne eigenen Willen, und ihre Hand faßte die der Gräfin und zog sie an
ihre Lippen, und ihre Kniee beugten sich vor der strengen, harten Frau.
Aber ehe sie dazu kam, hatte Gräfin Monford ihren Arm gefaßt, und sich
an Felix wendend, rief sie:
»Ihre Frau ist krank, Herr Graf, haben Sie Acht auf sie -- geistige
Ueberreizung zieht manchmal ebenfalls nachtheilige Folgen nach sich;
erklären Sie ihr den Irrthum, das wird sie beruhigen -- ich werde morgen
nachfragen lassen, wie sie die Nacht geschlafen hat. Wie sie zittert,
die arme Frau -- Sie dürfen sich nicht so aufregen, liebes Kind -- ich
hoffe, daß wir uns recht bald wiedersehen, Herr Graf!« Und sich leicht,
aber stolz verneigend, während Felix zu Helenen gesprungen war und sie
unterstützt hatte, verließ sie den Saal, ohne auch nur noch einmal den
Blick zurückzuwenden.
Draußen hielt in der That der Wagen, den der Bediente auf des Grafen
strengen Befehl nicht anzumelden gewagt hatte. Wenige Minuten später
hörten sie das Knirschen der Räder auf dem Gartenkies, und Helene, ihr
Haupt an der Brust des Gatten bergend, rief leise und weinend:
»Verloren -- auf immer verloren!«
16.
Vornehme Welt.
Gräfin Monford war draußen in ihren Wagen gestiegen und hatte sich
nur mit dem einen kleinen Wort »Nach Hause!« zu dem Bedienten, der den
Schlag für sie offen hielt, in die Ecke gelehnt. Die Pferde zogen an und
der Kutscher hielt draußen rechts ab, um das Gewirr der Schützenwiese
zu vermeiden. Es war heute der letzte Tag dieses Volksfestes, und das
Gedränge und Toben und Schreien auf dem Platz besonders arg. Noch
konnte er aber kaum dreihundert Schritt gefahren sein, als er wieder
einzügelte, und als die Gräfin, unzufrieden damit, den Kopf hob,
erkannte sie George, der dem Kutscher ein Zeichen gegeben hatte, und
den jungen Grafen Hubert zu Pferde, die rechts und links an der Droschke
hielten und sie begrüßten.
»Aber, Mama, so lange bist Du bei Rottacks geblieben?« rief George,
indem er sein muthiges Pferd kaum zum Stehen brachte. »Nicht wahr, es
sind liebe Leute? Ich hatte eben nicht übel Lust, mit Hubert einmal
vorzureiten und ihn mit dem Grafen bekannt zu machen.«
»Ah, lieber Hubert, wie geht es Ihnen und Ihrer guten Mutter?« sagte die
Gräfin, dem jungen Grafen Bolten freundlich zunickend -- »thue das
heute lieber nicht, George; die junge Gräfin hat heftige Kopfschmerzen
bekommen, und ihr Mann wollte eben nach einem Arzt schicken.«
»Das bedauere ich in der That. Es wird doch nichts von Bedeutung sein?«
»Migräne.«
»Fährst Du direct nach Hause, Mama?«
»Ja; kommt nicht zu spät und laßt mich nicht so lange allein.«
»Nein, gewiß nicht; in einer halben Stunde hole ich Paula ab. Aber die
Pferde wollen nicht länger stehen -- guten Abend!«
Die Gräfin nickte Beiden freundlich zu, und die Droschke rollte weiter,
während die jungen Leute ihre Pferde wieder wandten, um ihren Ritt zu
beenden. Die Thiere waren aber durch das Halten ungeduldig geworden,
und Hubert's Fuchs besonders, ein englischer Vollbluthengst, stieg und
tanzte auf den Hinterbeinen und konnte nur mit Mühe von seinem gerade
auch nicht sanftmüthigen Herrn gebändigt werden.
Eben hatte er ihn wieder fest im Zügel, als ein armer Teufel, ein junger
Bursch mit einem Schiebkarren voll Töpferwaaren, die er irgendwo zum
Verkauf ausstellen oder herumfahren wollte, auf der Straße herabkam und,
durch das unruhige Pferd irre gemacht, nicht gleich wußte, nach welcher
Seite er ausbiegen sollte. Dadurch that er das Verkehrteste: er blieb
dicht vor dem hochgeladenen Karren halten, und als dieses halb davor
scheute und, von dem Zügel dabei gerissen, auf die Seite und an den
Karren hinantrat, klapperten die Töpfe, und das Pferd schlug erschreckt
danach und mitten in die zerbrechlichen Waaren hinein.
Der junge Graf riß es allerdings wieder herum; es begann aber sein
Tanzen jetzt von Neuem, und Hubert, irritirt, setzte ihm die Sporen ein,
daß es wild zusammen- und an dem Karren vorbeifuhr. Der Reiter aber,
der es fest im Zügel hatte, nun er an dem unglücklichen Topf-Fuhrmanne
vorüberflog, hieb diesen mit der Reitpeitsche über den Kopf und hatte
dann alle Hände voll zu thun, daß der Hengst nicht mitten in die
Menschen hinein- und mit ihm durchging. Die Leute hatten aber vor
dem scheuen Pferde Platz genug gemacht, und ihm jetzt halb den Zügel
lassend, flog er mit ihm die Allee hinab.
»Oh mein Gott, meine Töpfe, mein Kopf!« klagte indeß der arme
Karrenführer, der im ersten Augenblick gar nicht wußte, was ihm weher
that, der Hieb oder die Vernichtung seiner Waare.
Hubert's Reitknecht sprengte an ihm vorüber, seinem Herrn nach. George
aber, dem der arme Bursche leid that, zügelte sein Pferd ein und hielt
neben ihm.
»Wie groß ist der Schade?« rief er freundlich. »Ich mache es gut -- der
Herr da vorn konnte sein Pferd nicht halten...«
»Ach, und wie hart er mich geschlagen hat -- ich war doch gewiß nicht
schuld daran!«
»Wie groß ist der Schade, wie viel Töpfe sind Dir zerbrochen? Sag'
rasch, mein Junge, denn mein Pferd wird auch ungeduldig.«
»Ach, Du lieber Gott,« klagte der arme Teufel, »ich weiß es ja nicht --
gewiß über einen Thaler, und der große Topf da unten ist auch entzwei!«
»Da,« rief George, indem er in die Tasche griff und ihm ein Goldstück
hinüberwarf, -- »so behalte das Andere als Schmerzensgeld!« Und ehe ihm
der Bursche danken konnte, ließ er seinem Thier den Zügel und trabte
rasch die Allee hinab.
Um die Biegung derselben hatte Hubert seinen Hengst endlich wieder zum
Stehen gebracht und erwartete ihn.
»Ob Einem das Lumpenvolk wohl je mit seinem Karren und Fuhrwerk
ausweicht!« rief er ihm entgegen -- »ich denke, der wird aber das
nächste Mal vorsichtiger sein!«
»Der arme Junge konnte nichts dafür, Hubert; Dein Hengst nahm ja die
ganze Straße ein -- Du bist zu rasch gewesen.«
»Ach was -- der Hieb wird ihm gut thun, und seine Töpfe mag er sich
wieder zusammenleimen!«
George schwieg, und die beiden jungen Leute setzten jetzt, aus dem
Menschengewirr heraus, ihren Spazierritt ruhiger fort, bis sie in die
Nähe des Hauses kamen, in dem Paula heute zum Besuch war. George wollte
dort absteigen und mit seiner Schwester zurückfahren.
Noch ehe sie das Haus erreichten, kam Handor die Straße herunter und
grüßte. George zügelte sein Pferd ein.
»Reite voran, Hubert -- ich habe mit dem Herrn dort etwas zu sprechen.«
»Mit dem?« sagte Hubert verwundert -- »das ist ja der Schauspieler...«
»Ja -- Handor -- ich komme gleich nach. -- Hier, Karl, nimm mein Pferd,
laß ihm aber den Zügel etwas weit; es geht ganz ruhig nebenher, und
halte Dich nirgends mehr auf. Du reitest gerade nach Hause.«
»Sehr wohl, Herr Graf.«
Der Reitknecht griff den Zügel des Thieres auf und George, der indessen
abgestiegen war, schritt auf den ihn erwartenden Handor zu, dem er die
Hand reichte und mit ihm langsam die Straße hinaufging.
Hubert, der sich nicht denken konnte, was Graf Monford mit dem
Schauspieler zu verkehren habe, schüttelte den Kopf, trabte aber dann
bis zu dem Thorweg des Hauses, mit dessen Insassen er ebenfalls bekannt
war, um dort wenigstens Paula begrüßen zu können und George's Rückkehr
zu erwarten. -- --
Die kleine Zwischenscene mit dem übermüthigen jungen Grafen und dem
Töpferjungen hatte sich gerade vor Pfeffer's Fenster abgespielt.
Seine Schwester war kränker geworden -- möglich, daß die neuliche
Aufregung mit dazu beigetragen hatte, aber der Arzt, welcher jetzt
täglich und manchmal zweimal am Tage kam, hatte angeordnet, daß ihr Bett
in die luftigere Stube geschafft werden und sie dasselbe nicht verlassen
sollte. Auch verbot er jedes Rauchen im Zimmer; der scharfe Dampf that
der Brust der Kranken weh.
Jeremias wich fast nicht von ihrem Bett, und wenn er ausging, brachte
er gewiß irgend etwas mit, von dem er glaubte, daß es ihren Zustand
erleichtern oder ihr angenehm sein könne -- und wie Vieles gab es
da, denn die bisherige Einrichtung der Familie war ja nur auf das
Nothdürftigste beschränkt worden und hatte selten oder nie auf eine
selbst einfache Bequemlichkeit ausgedehnt werden können!
Und Jettchen sah fast noch kränker aus, als ihre Mutter, denn der Vater
hatte ihr seine Unterredung mit Rebe erzählt, und wenn sie ihm auch
Recht geben mußte, wenn sie auch fühlte, daß er gehandelt habe, wie er
als ehrlicher und selbstständiger Mann handeln sollte, so konnte sie
sich doch auch der Ueberzeugung nicht verschließen, daß damit ihre
letzte Hoffnung zerknickt und der Geliebte für sie verloren sei. -- Und
die Mutter fühlte das mit ihr, und deshalb besonders war ihr Geist so
niedergedrückt, der Körper so jeder Lebensthätigkeit beraubt worden,
weil die Sorge um das liebe Kind ihr Herz und Sinn erfüllte.
Pfeffer selbst war in einer ganz verzweifelten Stimmung. Die Angst um
die Schwester, deren Zustand er vielleicht noch für viel bedenklicher
hielt, als er wirklich war, litt ihn nicht in seinem Zimmer, und drüben
durfte er nicht rauchen -- Haß und Ingrimm erfüllten ihn dabei gegen
seinen Director und die Ursache alles dieses Unheil, den »aufgeblasenen
Handor«, wie er ihn nannte, ohne daß er irgend ein Mittel wußte, einem
von ihnen beizukommen.
Hundertmal im Tage, nachdem er im Krankenzimmer auf und ab gelaufen war
und die Kranke ordentlich nervös gemacht hatte, schoß er in seine Stube
hinüber, griff eine Pfeife auf, ging damit zum Tabakskasten, fand dort,
daß sie schon gestopft sei, und stellte sie unwillig wieder bei Seite.
Nachher fing er an seine Dose zu suchen, die er aber in der ewigen
Unruhe nie finden konnte und dadurch nur immer irritirter wurde.
Und dabei mußte er Komödie spielen, erst den Schuster in Lumpaci
Vagabundus und dann, zwei Abende später, den Grafen in Aschenbrödel --
und daheim den Familienjammer; denn wenn er es sich auch nicht merken
ließ, ging ihm Jettchen's Herzenskummer fast eben so nahe, wie der
Schwester Krankheit. Es war rein zum Tollwerden, und Pfeffer, der
überhaupt nicht zu den geduldigsten Naturen gehörte, hätte heute Brunnen
vergiften können.
Jetzt stand er wieder am Fenster und sah, wie die Reiter die Allee
herabgesprengt kamen, wie das Pferd des einen scheu wurde und dieser den
armen Teufel von Schiebkärrner mißhandelte. Und wie fing er da oben
am Fenster jetzt an zu schimpfen, und zwar laut hinaus und mit der
geballten Faust nach der Allee hinüber drohend, daß Jeremias gar nicht
wußte, was er hatte, und zu ihm trat.
»Nun seh' Einer das vornehme Gesindel an!« schrie er -- »Sie Lump, Sie!
Sie Baron, Sie Junge -- na, wenn ich nur unten wäre!«
Uebrigens war es sehr gut für ihn, daß er nicht unten war und überhaupt
Niemand in der Allee hören konnte, was er rief, denn jedes einzelne Wort
hätte Anlaß zu einer Injurienklage geben können.
»Aber was hast Du nur, Fürchtegott?«
»Was ich habe? Ist es denn nicht zum Halsabschneiden, wenn man zusehen
muß, wie dieses übermüthige Gesindel den armen Arbeiter behandelt? --
Haut ihn mit der Peitsche über den Kopf! Hätt' ich eine Flinte gehabt,
vom Pferde hätt' ich den Cujon heruntergeschossen!«
»Aber schrei doch nicht so, die Schwester ängstigt sich ja -- sie
zittert so schon an allen Gliedern...«
»Und ich wohl nicht? -- Aber vor Wuth!«
»Aber der Herr da unten giebt dem Mann ja Geld!«
»Der Andere war's -- sein sauberer Compagnon -- und das ist nun die
»bevorzugte Klasse«, die höhere Schicht der Gesellschaft; das sind die
Repräsentanten von Bildung und Intelligenz! Gott straf' mich, wenn man
nicht manchmal verrückt werden möchte, nur ein solches Komödienspiel
außer der Bühne anzusehen!«
»Wer war es denn?«
»Kenn' ich die Laffen alle, die mit Glacéhandschuhen und einem Titel und
Orden in der Welt herumlaufen? Irgend einer der Gesellschaft, ob er nun
Herr von so oder Herr von so heißt!«
»Aber, lieber Schwager, wir können die Welt nicht ändern...«
»Und wozu spielen wir denn Komödie?« rief Pfeffer, immer noch in voller
Wuth -- »weshalb führen wir ihnen denn auf der Bühne immer auf's Neue
ihre Albernheiten und Schwachheiten, ihren Stolz und Dünkel, ihre Sünden
und Laster vor, als um sie zu bessern? Aber Gott bewahre, da sitzt das
verstockte Volk selber im ersten Rang, hört und sieht zu und applaudirt
sogar noch mit, wenn man ihnen mit Gift und Galle einmal ordentlich die
Wahrheit gegeigt hat! -- Aber Gott bewahre, das geht sie ja nichts an,
die Canaille, die da gemeint ist, heißt ja Franz Moor oder Präsident so
und so -- das sind _sie_ ja nicht -- sie sind Cavaliere von reinem Blut
und Stammbaum -- Herrgott von Danzig!« und seine Hausmütze auf's linke
Ohr schiebend, rannte er aus dem Zimmer, zog sich drüben an und lief
dann direct hinaus in's Freie und weit in den Wald hinein, nur um seinem
Aerger und Ingrimm Luft zu machen. -- --
Handor war eben von seinem Spaziergang in die eigene Wohnung
zurückgekehrt. Unten im Hause traf er auf den Theaterdiener, der gerade
bei ihm gewesen war, aber wieder fort wollte, da er einen Geldbrief
abzugeben hatte. Er nahm ihn mit hinauf in die Stube, da er quittiren
mußte.
Er wohnte in der Hauptstraße in der ersten Etage eines nicht großen,
aber sehr freundlichen und netten Hauses =chambre garnie=. Die
Einrichtung war elegant: Mahagoni-, mit rothem Plüsch gepolsterte Möbel,
großer Spiegel in Goldrahmen, Kupferstiche und Oelbilder an den Wänden.
Bücher standen nirgends. Nur auf dem Secretär lagen zwei oder drei
ziemlich neue Bände und auf dem Tisch ein paar illustrirte und fünf
oder sechs verschiedene Theater-Zeitungen -- einige von diesen unter
Kreuzband, wie sie von der Post gekommen, und noch nicht einmal
geöffnet.
»Bitte, lieber Peters, kommen Sie hier mit herein,« sagte Handor, indem
er, von dem Theaterdiener gefolgt, voran in sein Zimmer schritt und
noch im Eintreten den Brief erbrach; »ich gebe Ihnen die Quittung gleich
wieder mit. Hat der Director nichts weiter gesagt?«
»Gestöhnt hat er,« sagte der Mann, indem er, obwohl schon in der offenen
Thür, trotzdem noch gewissenhaft vorher anklopfte -- »wie er immer thut,
wenn er Geld hergeben soll. Zäh ist er wie der Deubel.«
»Wenn er es nur hergiebt, Peters,« lachte Handor, indem er die Banknoten
nachzählte -- »das ist die Hauptsache.«
»Ja und er hat's doch, beim Deubel, nicht nöthig,« bemerkte Peters,
»denn was für Einnahmen haben wir jetzt gehabt! Beim Lumpaci Vagabundus
war das Haus gerappelte voll, und ebenso beim Goldonkel und dem
Aschenbrödel, und daß neulich in der Ifagenia Niemand drin war -- lieber
Gott, das weiß er einmal, daß ihm in den Schäksbier seine Stücke Niemand
'nein will!«
»Das wäre nicht übel, Peters -- der Hamlet nächstens soll hoffentlich
ein volles Haus machen.«
»Ist er auch von dem?«
»Von Shakespeare? Gewiß!«
Peters zuckte die Achseln und hielt mit seiner Meinung zurück. -- »Sagen
Sie 'mal, Herr Handor,« fuhr er nach einer Weile fort, »ist es denn
wahr, daß Herr Rebe abgeht?«
»Ich glaube, ja; ich weiß es nicht, Peters,« erwiderte Handor, die Noten
noch einmal überzählend.
»Schade um das junge Blut,« meinte der Theaterdiener, mit dem Kopf
schüttelnd, »ist ein recht ordentlicher Mensch -- da hätten wir lieber
den Nüßler fortschicken sollen, mit dem ist's nichts, und er lernt nicht
einmal. Ueber den sollten Sie den Mauser reden hören! Wenn der ihm seine
Rolle nicht laut vorschrie', gäb's jeden Abend ein Unglück!«
»Ja, mein lieber Peters, das sind Sachen, die mich nichts angehen und
um die ich mich nicht bekümmere. Alle Wetter, jetzt ist mir die Dinte
wieder eingetrocknet -- ach, bitte, springen Sie doch einmal zum
Hausmann hinunter, daß der Ihnen ein wenig in das Dintenfaß gießt!«
»Ih, lassen Sie einmal sehen,« sagte Peters, das Dintenfaß schräg gegen
das Fenster haltend, denn es dämmerte schon stark -- »da gießen wir ein
bischen Wasser darauf und dann thut's es noch einmal.«
»Ja, das wird gehen -- da steht noch ein Rest Rothwein, nehmen Sie etwas
von dem.«
»Würde mich der Sünde scheuen, Herr Handor,« sagte Peters, »die
Gottesgabe in die Dinte zu gießen -- der Wein erfreut des Menschen
Herz.«
»Na, dann trinken Sie ihn und nehmen Wasser,« lachte Handor -- »dort auf
dem Schränkchen steht die Caraffe.«
»Danke schön, wollen Beides besorgen -- es kommt nur immer auf die
richtige Eintheilung an, wie ich unserem Secretär wohl zehnmal am Tage
sage!« Damit hatte er seine alte Mütze, die er auf der Straße immer keck
auf dem linken Ohr trug, abgelegt und die Dinte in wenigen Minuten so
verdünnt, daß Handor doch seinen Namen damit unterschreiben konnte und
ihm jetzt die Quittung reichte.
»Danke gehorsamst. -- Wollen wir den Wein wieder wegstellen?« sagte dann
Peters zurückhaltend.
»Den sollten Sie ja trinken!«
»Der Wohlthätigkeit keine Schranken gesetzt, wie auf den Zetteln des
Kirchenconcerts steht,« bemerkte Peters, indem er sich selber ein Glas
herbeiholte, den Wein hineingoß und den Rest auf einen Zug leerte.
»Donnerwetter, das ist guter Stoff, Herr Handor!« fuhr er, sich den
Mund wischend, fort -- »so etwas kommt eigentlich selten an einen
Theaterdiener, immer nur Haßburger Dünnbier, mit Respect zu melden --
Fußbad, wie wir's in der »Krone« nennen. Nu, danke auch recht schön!«
»Und das für Botenlohn,« sagte Handor, indem er ihm ein Geldstück in die
Hand drückte.
»Auch noch?« bemerkte Peters -- »ja, da sieht man gleich, was ein erster
Liebhaber ist -- ein erster Tenorist zahlt nie ein Trinkgeld, wenn er
Vorschuß kriegt; sie meinen immer, es käme zu oft und liefe zu viel
in's Geld. Also 'pfehle mich Ihnen, Herr Handor -- morgen haben Sie doch
nichts zu thun, nicht wahr? Ach so, es ist ja Oper -- also vergnügten
Abend -- nun, mit dem kleinen Paketchen da kann man sich schon einen
vergnügten Abend machen, und es reicht auch ein Stück in die Nacht
hinein.«
Und damit schoß der gesprächige Diener der Musen wieder zur Thür hinaus,
während Handor, der sich indessen Licht angezündet hatte, den Brief des
Directors mit den Augen überflog. Bei dem Abschiedsgruß des Burschen
nickte er nur mit dem Kopfe.
Der Brief war kurz und lautete:
»Mein lieber Herr Handor! Es ist eigentlich vollkommen gegen meine
Grundsätze, irgend einem Mitglied zweimal im Monat Vorschuß oder sogar
die erst zum Ersten fällige Gage voraus zu zahlen. Ich will dieses Mal
eine Ausnahme machen, da der Erste ja bald ist, und um Sie auch bei
guter Laune zu erhalten. Ich hoffe, Sie werden das anerkennen.