Aber da hielt sich Henriette nicht länger. --

»Vater!« rief sie, flog an seinen Hals und legte ihre Arme um ihn --

»Vater, lieber, lieber Vater! oh, daß ich den Namen endlich gefunden

habe -- nun darfst Du nicht wieder fort von uns -- nie, nie, darfst die

Mutter nicht wieder, darfst Dein Kind nicht mehr verlassen!«

Das brach das Eis. Jeremias nahm die Hände von den Augen, und sein Kind

umfassend und an sich drückend, schluchzte er unter Thränen: »Jettchen,

Jettchen, kennst Du denn Deinen weggelaufenen Vater noch?«

»Mein lieber Vater -- und wie hat sich die Mutter auf den Augenblick

gefreut! Komm zur Mutter!« und ihn leise führend, zog sie ihn zum Sopha,

wo die Frau, ihre Augen von Thränen überströmend, saß -- aber es waren

Freudenthränen, wenn sich auch mancher Tropfen Wermuth hineinmischte.

Jetzt hatte er die Stelle erreicht -- sehen konnte er kaum, denn wie ein

Netz schwamm es ihm in farbigen, schillernden Lichtern vor den Augen,

aber er fühlte eine sich ihm entgegen streckende Hand, und ehe er selber

recht wußte, wie ihm geschehen, saß er auf dem Sopha neben der Gattin,

die ihr Haupt wie müde an seine Brust lehnte und leise weinte.

»Meine gute, gute Auguste -- und kannst Du wirklich dem schlechten

Menschen verzeihen, der zu feige war, Noth und Mangel mit Dir zu tragen,

und hinaus in die Welt lief wie ein richtiger Vagabond?«

»Mein armer Jeremias, wir haben Beide recht viel ausgestanden!«

»Das weiß Gott, das weiß Gott!« stöhnte der kleine Mann, indem er zum

ersten Mal einen Versuch machte, sich die Augen zu trocknen -- »recht

viel haben wir ausgestanden, Auguste, und es vielleicht nicht einmal

so schwer verdient, denn wir waren Beide noch jung und hatten keinen

Begriff von dem, was zum Leben gehörte. Aber jetzt, jetzt bin ich wieder

da und kann wenigstens einen Theil meiner Schuld sühnen.«

Die Frau seufzte auf, recht aus tiefster Brust, aber sie sagte kein

Wort, nur fester lehnte sie ihr Haupt an die Schulter des Verlorenen

und Wiedergewonnenen, und Jeremias küßte ihre Stirn, und rascher als je

rollten ihm die Thränen über die Wangen nieder.

Jeremias war aber keine Natur, die sich solchen Gefühlseindrücken lange

gutwillig hingegeben hätte. Thränen -- er wußte sich der Zeit nicht zu

erinnern, daß ihm eine Thräne in's Auge gekommen wäre, und jetzt weinte

er wie ein kleines Kind! Das ging nicht. Mit einer wahren Energie faßte

er sein rothes, schon ganz nasses seidenes Taschentuch auf, wischte sich

entschieden die Augen ab und sagte:

»Und das ist Jettchen? Lieber Gott im Himmel, wenn ich noch an den Abend

zurückdenke, wo ich dem Kind den letzten Kuß gab -- aber nein, das ist

jetzt vorbei, das ist überstanden! Ich bin wieder bei Euch -- ich war

damals ein schlechter -- nein, kein schlechter Mensch, Auguste, glaube

mir das! Ich bin nie schlecht, aber leichtsinnig, bodenlos leichtsinnig

gewesen, und jetzt habe ich nichts weiter auf der Gotteswelt zu thun,

als das wieder gut zu machen, so viel es nämlich in meinen Kräften

steht...«

»Mein lieber Vater...«

»Und hast Du mich denn wirklich lieb, Kind?« rief Jeremias gerührt.

»Guter Gott, es ist so lange her, daß ich mich kaum noch erinnern kann,

es hätte mich jemals ein Mensch in meinem Leben lieb gehabt!«

»Jeremias...«

»Ja, Auguste, Du!« sagte er herzlich -- »und das einzige Wesen, das mich

wirklich lieb hatte, habe ich auch am allerschlechtesten behandelt!«

»Und trug ich denn nicht selber mit die Schuld?«

»Nein, Auguste, nein, wahrhaftig nicht! Glaub's ihr nicht, Jettchen --

sie war immer brav und gut, nur viel zu gut, viel zu gut für mich, und

erst draußen mußte ich's einsehen, mußte ich's fühlen lernen, draußen

unter den fremden Menschen, die mich da und dorthin stießen! Liebe --

wer hat da draußen Liebe zu einem Andern!«

»Armer Vater!«

»Ja, mein Kind, wohl kannst Du sagen: »armer Vater«, denn nicht allein,

daß mir's so schlecht ging, daß ich Hunger und Noth zu leiden hatte --

das geschah mir recht, und manchmal hätte ich mich ordentlich darüber

freuen können, aber die Reue kam noch dazu, die Reue, daß ich schlecht

an Euch gehandelt, und nur erst, als ich die Möglichkeit sah, daß ich

das jemals wieder, wenigstens zum Theil, gut machen könnte, wurde es

besser. Da habe ich auch wohl noch gedarbt, aber gespart dabei, jeden

Reïs gespart und zurückgelegt, und da wurde es mir auch wieder im Herzen

wohl, da wurde ich wieder froh und glücklich, und jetzt -- Gott sei ewig

Lob und Dank! -- jetzt ist auch das überstanden, und Ihr sollt nun keine

Noth mehr leiden!«

»Wir haben noch keine Noth gelitten, Jeremias,« sagte die Mutter

freundlich.

»Doch, Auguste, doch!« rief Jeremias, indem er noch einmal seine Augen

abwischte und sich dann im Zimmer umsah -- »ich seh' es an Allem --

kümmerlich habt Ihr Euch bis jetzt behelfen müssen -- und der Tisch da

drüben? Wovon hat denn das Kind da so blasse Wangen und so rothe Ränder

um die Augen?«

»Vom Weinen, Vater -- vor lauter Freudenthränen, daß wir Dich wieder

haben!«

»Und ich glaub's doch nicht -- Graf Rottack hat mir's schon erzählt, und

wenn ich mir auch nichts merken ließ, wollt' es mir doch fast das Herz

abdrücken!«

»Es ist nicht so schlimm,« lächelte Henriette, »arbeiten muß ein Jeder,

und ich möchte gar nicht ohne Arbeit leben.«

»Gott lohn' es Dir, was Du an Deiner Mutter gethan hast, Kind -- und er

wird's auch, er wird's auch -- hab' jetzt guten Muth, und wenn Euch der

junge Jeremias auch davongelaufen ist, so hat er Euch doch jetzt den

alten hergeschickt, daß der die Geschichte wieder in Ordnung bringt.

-- Aber jetzt müssen wir auch die übrige Familie herbeiholen. Wo steckt

denn der Schwager?«

»Onkel hatte um zehn Uhr Probe, Vater, und ging kurz vorher weg, ehe Du

kamst.«

»Ob ich es mir nicht beinahe gedacht habe,« nickte Jeremias vor sich

hin -- »darum guckte er mich so an! Den hätt' ich aber nicht

wiedergekannt...«

»Hast Du ihn gesehen, Jeremias?«

»Ich glaube ja, unten am Hause -- und wann kehrt er zurück?«

»Er kann nicht lange bleiben; es ist nur Probe von einem einactigen

Lustspiele. Er wird bald wiederkommen.«

Jeremias hatte die Frau jetzt zum ersten Mal aufmerksamer betrachtet,

und ein eigenes, wehes Gefühl zuckte ihm durch's Herz, als er in die

bleichen, abgehärmten Züge schaute, auf denen ihn das augenblickliche

Roth der Erregung nicht täuschen konnte. -- »Aber, Auguste,« sagte er

leise, »Du bist wirklich krank -- was fehlt Dir nur? Hast Du keinen

Arzt?«

»Ja Jeremias,« nickte lächelnd die Frau, »ich habe einen Arzt, aber er

kommt nur selten, denn er kann mir ja doch nicht helfen. Jetzt ist der

beste Arzt mit Dir eingezogen: das Gefühl, daß Du uns doch nicht ganz

vergessen hattest und daß ich, wenn ich einmal von hier scheide, das

arme Jettchen nicht ganz schutzlos in der Welt zurücklasse.«

»Meine Mutter...«

»Laß, mein Kind -- wir bleiben vielleicht noch eine Weile beisammen, und

an dem Onkel hättest Du ja auch wohl eine Stütze gehabt; es wird jetzt

gewiß wieder besser gehen.«

»Du bist recht krank, Auguste...«

Die Frau schüttelte lächelnd mit dem Kopf. -- »Lange nicht so krank, als

Du denkst. Aber nun erzähle mir, mir und Deinem Kinde, wo Du die langen

Jahre gewesen und wie es Dir ergangen. Du kannst doch wohl glauben, daß

wir neugierig sind, das zu hören.«

Jeremias fühlte recht gut, daß sie seine Aufmerksamkeit nur von sich

selber ableiten wollte, und warf einen scheuen Blick auf Jettchen, in

deren Augen wieder Thränen standen; aber wenn sie es selber wünschte,

mochte er ihr auch nicht entgegenhandeln. So neben ihr, ihre Hand in

der seinen, gab er ihr jetzt mit kurzen Worten eine gedrängte Uebersicht

seines ganzen, vielbewegten Lebens. Dabei aber, und von der Gegenwart

abgelenkt, brach auch oft wieder der alte, drollige Humor durch und rief

manchmal ein Lächeln auf die Züge von Frau und Tochter. Je weiter er

aber darin kam, desto wärmer wurde er selber, und wie er erst von der

Zeit erzählen konnte, wo sich seine Umstände besserten, wo er anfing,

Geld zu verdienen und von Tag zu Tag die Stunde näher rücken sah, in der

er zu den Seinen zurückkehren konnte, da glühte sein dickes, gutmüthiges

Gesicht in Freude, und nun fing er auch an aufzuzählen, was er verdient

hatte, und zuletzt wie rasch und leicht, »Hand über Hand«, wie er sich

ausdrückte, und wie die, welche ihm noch nach so langen Jahren ihre

Treue und Liebe bewahrt, nun auch keine Noth mehr leiden sollten, und

wie er sie hegen und pflegen wolle sein ganzes Leben lang.

Wie er mitten im Erzählen war, ging plötzlich die Thür auf und Pfeffer

stand auf der Schwelle.

»Ob ich mir's denn nicht gedacht habe,« sagte er, mit dem Kopf nickend

-- »also das ist Herr Stelzhammer? Sieh' mal an, und schon ganz häuslich

niedergelassen...«

»Herzonkel!« rief Henriette und flog auf ihn zu -- »ach, wir sind so

glücklich, daß er wieder da ist!«

»Ih, seh'n Sie einmal an,« meinte Pfeffer, indem er über Henriettens

Schulter wegzusehen suchte, »also eine glückliche Familie -- auch eine

komische Manier, eine Familie glücklich zu...«

Er kam nicht weiter. Henriette hatte ihm die Hand auf den Mund gelegt

und ließ ihn nichts mehr sagen, und Jeremias war aufgestanden, ging auf

den Mann zu, und ihm die Hand entgegenstreckend, sagte er gutmüthig:

»Schwager -- Schwager Pfeffer, wollen wir nicht auch Freunde werden?«

Fürchtegott Pfeffer legte vorsichtiger Weise seine beiden Hände auf den

Rücken, und als ihn Henriette losließ, betrachtete er sich aufmerksam

von Kopf bis zu Füßen seinen neuen Schwager und seine Schwester, die,

wohl bleich und angegriffen, aber doch mit einem lange vermißten Zug von

Glück in ihren milden Zügen auf dem Sopha saß.

»Und sehen Sie da, Herr Stelzhammer, was Sie angerichtet?« sagte er

endlich.

»Schwager Pfeffer, gieb mir Deine Hand,« drängte Jeremias.

»Sehen Sie, wie es hier anderen Leuten gegangen, während Sie sich ganz

vergnügt in Brasilien und bei der Königin Pomare und Gott weiß wo sonst

noch herumgetrieben haben?« fuhr Pfeffer unerbittlich fort.

»Bester Schwager Pfeffer -- Bruder -- Onkel!« baten jetzt aber Alle

miteinander -- »gieb ihm die Hand -- sei gut mit ihm -- er hat ja

versprochen, daß er uns Alle lieb haben will!«

»Das dank' ihm der Deubel!« brummte Pfeffer, immer noch in seiner alten

Stellung -- »und jetzt will er hier bleiben?«

»Er geht nicht wieder fort, Schwager,« sagte Jeremias, »er ist

herzensfroh, daß er wieder da ist, und will auch, so weit das nur irgend

angeht, gut machen, was er früher einmal schlecht gemacht hat -- es thut

ihm in der Seele weh!«

»Thut's ihm -- so?« sagte Pfeffer -- »und das geschieht ihm recht;

verdient hätt' er 'was Anderes; aber da die Guste heute wieder einmal

ein glückliches Gesicht macht, was ihr in langen, langen Jahren nicht

vorgekommen, so... na, da ist meine Hand auch, Jeremias, und -- sei

willkommen in Deutschland.«

»Schwager Pfeffer!« rief Jeremias gerührt, indem er die Hand nahm und

herzlich drückte, dann aber seine Gefühle nicht mehr bewältigen konnte

und den Mann beim Kopfe faßte und herzhaft abküßte, was sich Pfeffer mit

einer wahrhaft stoischen Ruhe gefallen ließ. Wie er aber glauben mochte,

daß es nun genug sei, sagte er:

»So -- und nun setz' Dich hin und betrag' Dich vernünftig -- weiß es

Gott, jetzt flennt der auch -- na, da will ich nur hinübergehen und

meine Wasserstiefeln anziehen.«

»Du darfst nicht fort, Onkelchen!« rief Henriette, rasch seinen Arm

fassend -- »Du mußt jetzt bei uns bleiben, und Deine Wasserstiefeln

brauchst Du auch nicht -- siehst Du, es ist Alles wieder trocken!«

»Hm -- na da meinetwegen,« brummte Pfeffer, der sich noch immer nicht

ganz behaglich zu fühlen schien, denn das Neue der Situation gefiel ihm

nicht -- »drüben ist's freilich gemüthlicher, und bei einer Pfeife...

-- rauchst Du, Jeremias?«

»Ja gewiß, Schwager!«

»Das ist wenigstens vernünftig -- bespricht sich so Manches doch besser,

was -- wir gerade miteinander zu besprechen haben.«

»Heute dürft Ihr auch hier rauchen,« sagte die Frau freundlich; »die

Brust ist mir heute viel leichter.«

»Na, das wollen wir doch nicht gleich am ersten Tag einführen,« sagte

ihr Bruder, »daß wir Dir hier das Zimmer vollqualmen; der Mensch ist

ja kein Schornstein, und... -- aber, Jeremias, Jeremias!« rief er

plötzlich, indem er seinen neuen Schwager oder vielmehr alten Schwager

betrachtete und sich dabei bedenklich hinter dem rechten Ohr kratzte

-- »Junge, Junge, wo sind Deine Haare geblieben? Du hast Dir ja in dem

Brasilien eine Staatsglatze stehen lassen!«

»Ja, mein bester Pfeffer...«

»Alle Wetter,« rief dieser rasch, »Warst Du denn schon gestern bei der

Lise drüben -- mit dem Grafen?«

»Bei der Lise?«

»Nun, bei meiner andern Schwester, der Bassini.«

»Ja, allerdings,« lächelte Jeremias verlegen -- »wir glaubten...

-- aber wo willst Du hin, Jettchen?«

»In die Küche, Vater, und das Essen besorgen -- Du bleibst doch bei

uns?«

»Na, er soll wohl in's Wirthshaus gehen?« rief Pfeffer.

»Ja -- wenn Ihr mich haben wollt...«

»Haben wollt -- Unsinn -- aber die wird Augen machen, wenn sie kommt und

Dich hier sieht! Das war die Glatze, die wie eine Tischplatte groß sein

sollte!«

»Aber wo ist die Elise?« fragte die Frau lächelnd -- »es wundert mich,

daß sie noch nicht da ist...«

»Lauter Unsinn hat sie heute auf der Probe geschwatzt,« lachte Pfeffer,

»den ganzen Schädel hatte sie voll vom neuen Schwager, und mich nannte

sie sogar ein paar Mal Jeremias. Jetzt muß sie ihre Scene noch einmal

durchprobiren, denn so wär's heut Abend eine Heidenwirthschaft geworden

-- aber noch Eins, da Jettchen gerade draußen ist -- mit dem Rebe hat's

wieder was' gesetzt!«

»Mit dem Rebe?« sagte die Frau bestürzt.

»Rebe? -- Wer ist das?«

»Hm,« brummte Pfeffer, »ein vierter und fünfter Liebhaber, der aus

lauter Leidenschaft zur Kunst, weil er auf der Bühne keine Liebhaberin

bekommen kann und immer abfährt, unserem Jettchen Schrullen in den Kopf

gesetzt hat.«

»Dem Jettchen?«

Pfeffer nickte und summte leise ein Lied vor sich hin.

»Der Rebe,« sagte die Frau, »ist ein braver, anständiger Mensch und

ordentlicher Leute Kind, aber blutarm und dabei Feuer und Flamme für's

Theater.«

»Hat er denn Talent?«

»Ih nu,« meinte Pfeffer, »so ganz ungeschickt stellt er sich gerade

nicht an, und manchmal macht er seine Sache gar nicht so schlecht --

verderben thut er wenigstens nie etwas; aber was will das sagen? Eine

große Rolle können sie ihm nicht anvertrauen und thun es nicht -- Handor

spielt sie auch alle allein, -- und wenn er's im Leben nicht weiter

bringen kann als zu einem so unglückseligen Fach, so hätte er

zehntausendmal lieber Schuster oder Schneider werden sollen!«

»Und Jettchen hat ihn gern?«

»Ich fürchte ja,« nickte die Frau, »sie -- spricht nicht darüber.«

»Das ist gerade das Schlimmste!« rief Pfeffer -- »wenn sie viel davon

erzählte, wär's nicht so arg; aber so hockt sie Tag und Nacht an dem

verdammten Blumentisch und grübelt und denkt und seufzt, und nachher

frißt sich so eine Geschichte noch viel tiefer in's Herz hinein. --

Deshalb hat sich die Lise nie ordentlich verliebt, weil sie's gleich

allen Menschen erzählen mußte.«

»Und ließe sich nicht doch vielleicht etwas Anderes für ihn finden,«

sagte Jeremias, »womit er sein Brod ehrlich verdienen könnte? Was ich

dabei thun kann...«

»Ja wohl, der auch,« schüttelte Pfeffer mit dem Kopf; »er hat ja studirt

und, ich glaube sogar, sein Examen gemacht -- aber Gott bewahre, Komödie

müssen wir spielen, »die Kunst hat ihn gerufen«, und eher richtet er

sich und Jettchen zu Grunde, ehe er davon abgeht!«

»Und was war heute wieder mit ihm?« fragte die Frau.

»Ach, die ewigen Häkeleien mit dem eitlen Laffen, dem Handor!« rief ihr

Bruder -- »der Mensch kann ihn nicht leiden und chicanirt ihn, wo sich

Gelegenheit bietet; da hat denn unser sauberer Director -- ein Lump, wie

er im Buche steht -- weil er den Handor nicht entbehren kann, dem Rebe

gekündigt.«

»Du lieber Gott,« seufzte die Frau -- »das arme Jettchen!«

»Aber vielleicht ist das ein Glück,« sagte Jeremias, »und bringt ihn

möglicher Weise dazu, wozu mir ihn haben wollen, daß er ganz vom Theater

abgeht. Wenn ich nur einmal mit ihm sprechen könnte!«

»Der nicht, der wahrhaftig nicht!« rief Pfeffer -- »dem hat's der

Souffleurkasten angethan, und der ruht nicht eher, bis sie ihn einmal

erst mit faulen Aepfeln und anderen Vegetabilien von den Brettern

hinuntergepfiffen haben. Dann kommt er in das Stadium, wo er über

die Undankbarkeit des Publikums und den schlechten Geschmack unseres

jetzigen Zeitalters schimpft, und nachher wär's vielleicht möglich, ihn

zur Vernunft zu bringen -- früher nicht.«

Die Frau seufzte recht tief auf, und Jeremias, der kein Auge von ihr

wandte, sagte herzlich:

»Na, laß nur sein, Auguste, vielleicht wird ja noch Alles gut; ich bin

ja jetzt da, und Du sollst sehen, ich halte Dir, was ich versprochen

habe.«

»Aber daß das Jettchen einen schlechten Schauspieler heirathet,« rief

Pfeffer, »dazu gebe ich meine Einwilligung nicht -- lieber, bei Gott,

einen Tagelöhner, denn da wissen sie doch vorher, daß sie hungern

müssen, und faseln nicht in einem fort von Lorbeern und »Rufen«!

Jeremias, sei vernünftig -- Du weißt, wie Du's getrieben hast.«

»Ja, Bruder Pfeffer, Du hast Recht,« sagte Jeremias kleinlaut; »es ist

freilich ein bitterböses Ding...«

»Ist er da?« rief draußen eine schrille Stimme -- »ist er gekommen,

Jettchen?«

»Gott sei uns gnädig!« sagte Pfeffer -- »jetzt tritt Fräulein Bassini

auf, jetzt Acht gegeben -- ich müßte meine leibliche Schwester nicht

kennen!«

In dem Augenblick wurde die Thür aufgerissen und Fräulein Bassini trat

wirklich auf, aber nicht, wie ihr Bruder vielleicht erwartet haben

mochte, in aller ungeduldigen Hast, sondern mit Würde. Langsam den Kopf

erhoben, fast zurückgebeugt, trat sie in's Zimmer. Kaum aber traf ihr

Blick den Gesuchten, als sie vollständig aus ihrer Rolle fiel, denn zu

ihrem Erstaunen kannte sie ihn augenblicklich als den Nämlichen, den

sie damals für den »Kammerdiener« des Grafen gehalten und deshalb mit

gründlicher Nichtachtung behandelt hatte.

»Herr Du meine Güte,« rief sie, »das ist ja...«

»Der Mann mit der tischplattengroßen Glatze,« ergänzte Pfeffer -- »ja

wohl, Fräulein Bassini -- bitte, setzen Sie sich, es kommen gleich

Stühle, -- habe die Ehre, Ihnen hier einen, eine Zeit lang verloren

gegangenen Schwager vorzustellen, der sich neuerdings wiedergefunden

hat: Herr Jeremias Stelzhammer.«

»Liebe Schwägerin,« sagte Jeremias, der mit gutmüthigem Gesicht auf sie

zuging und ihr die Hand entgegenstreckte.

»Herr Stelzhammer,« sagte Fräulein Bassini vornehm, »es ist mir sehr

angenehm...«

»Ach, Papperlapapp,« rief Pfeffer, »Du kommst um einen Posttag zu spät

-- wir haben die ganze Geschichte schon untereinander abgemacht -- gieb

ihm die Hand und einen Kuß und seid gute Freunde!«

»Aber, Fürchtegott...«

»Wird schon nicht anders werden, Schwägerin,« lachte jetzt auch

Jeremias, indem er auf sie zuging und die Arme ausbreitete.

»Aber so geschwind geht es denn doch nicht,« rief Fräulein Bassini, noch

zurückweichend, -- »das nehmen Sie mir nicht übel, Schwager, das war

doch...« -- aber sie kam nicht weiter. Jeremias war nicht der Mann,

sich auf solche Art zurückweisen zu lassen, und als Jettchen eben die

Thür aufmachte, um dem Vater zu helfen, wenn die Tante vielleicht --

wie sie das gar zu gern that -- noch etwa Einwendungen zu machen hätte,

faßte er sie schon beim Kopfe und drückte ihr einen herzhaften Kuß auf

den Mund.

»Aber, Schwager,« rief Fräulein Bassini, »meine Locken...«

»Donnerwetter ja, Junge,« rief Pfeffer, »nimm Dich in Acht; die gehen

ab!«

»Du bist ein Grobian, Fürchtegott...«

»Und nun Friede und Freundschaft,« sagte Pfeffer -- »komm, sei

vernünftig, Lise -- der Jeremias war früher ein Leichtfuß und ist jetzt

ein ordentlicher Kerl geworden, die Auguste freut sich, daß er wieder da

ist, Jettchen auch; also haben wir Beide doch nichts hineinzureden, denn

das ist eine Familien-Angelegenheit.«

»Und gehören wir nicht etwa mit zur Familie?«

»Beiläufig ja, aber nie mehr wie nöthig -- und nun, Jettchen, wie ist es

mit Deinem Essen?«

»Gleich fertig, Onkelchen, ich will nur den Tisch decken -- aber mit

Tellern wird's heute knapp hergehen; auf so viel Gäste sind wir freilich

nicht eingerichtet.«

»Bah, da behelfen wir uns -- nicht wahr, Jeremias?«

»Du lieber Gott,« sagte dieser, »mir ist heute gar nicht wie essen! Ich

bin so froh, so glücklich, ich könnte auf Einem Beine tanzen...«

»Müßte famos aussehen,« lachte Pfeffer -- »und jetzt Platz da, daß das

Mädel den Tisch decken kann -- heute wollen wir einmal =en famille=

speisen!«

13.

Verschiedene Kunstinteressen.

Graf Rottack war an diesem Morgen in der Stadt gewesen, um noch einige

Einkäufe zu machen. Als er zurückkehrte, fand er Helene allein in ihrer

Stube, den Kopf in die Hand gestützt und eine helle Thräne im Auge,

während die Kinder um sie her lustig und guter Dinge am Boden spielten.

»Und wieder so traurig, Herz?« sagte er, indem er auf sie zuging, sie

leise umfaßte und ihre Stirn küßte; »kann ich denn gar kein Lächeln mehr

auf Deine Wangen rufen?«

»Ach, Felix,« seufzte die junge Frau, indem sie ihr Haupt an ihn lehnte,

»sei nur nicht böse, ich weiß, daß ich Unrecht thue, Dir Unrecht thue

vor allen Anderen, denn kein Wesen in der Welt hätte mehr Ursache, sich

glücklich zu fühlen, als ich; aber -- der gestrige Morgen will mir noch

immer nicht aus dem Kopf. Sie wußte, daß ich ihr Kind war, sie mußte es

wissen, da Du ihr den Namen jener Frau genannt, und doch, wie kalt, wie

stolz blieb sie gegen mich, wie verrieth kein Zug in ihrem Antlitz, daß

ihr Herz nur den tausendsten Theil jener Sehnsucht fühlte, in meine Arme

zu fliegen, wie sie mich fast verzehrt und aufreibt!«

»Sie mußte sich Gewalt anthun, Herz,« beruhigte sie Felix; »wer von uns

weiß denn, was sie dabei gelitten?«

Helene schüttelte leise und traurig mit dem Kopf. »Jene eisernen Züge,«

flüsterte sie, »sahen nicht aus, als ob je ihr Herz irgend eine Pein

darauf hervorgerufen; sie war kalt wie Eis, und ihr Blick haftete

neugierig, aber wahrlich nicht liebend auf mir.«

»Und doch hast Du Dich vielleicht geirrt, Helene!« rief Felix; »mußte

nicht zuerst bei Deinem Anblick auch das Eine erste Gefühl die Oberhand

gewinnen: die Angst, ihr Geheimniß verrathen zu sehen? Laß sie einmal

mit Dir allein sein, laß sie Dich selber sprechen und Dir dabei in die

lieben, treuen Augen sehen, und ihr Mutterherz wird schmelzen; sie wird

das Kind in ihre Arme drücken!«

»Ach, und weiter verlange ich ja auch nichts auf der Welt, Felix, als

nur einmal, ein einziges Mal an ihrem Herzen zu ruhen und den süßen

Namen Mutter auszusprechen. Dann will ich ihren Frieden nie, nie wieder

stören; ich ziehe fort mit Dir, wohin Du mich führst, und will selig

sein -- schwelgen in der Erinnerung an den einen Augenblick!«

»Und der Wunsch wird Dir erfüllt werden, Helene,« sagte Felix

freundlich, »glaube mir; sie wird vielleicht noch Widerstand leisten,

weil sie nicht weiß und wissen kann, wie weit Deine Ansprüche an sie

gehen. Sie wird bis dahin ihrem eigenen Herzen Gewalt anthun, aber nicht

weiter, und dann später die Stunde segnen, welche Dich wieder in ihre

Arme führte. Glaubst Du mir?«

»Oh, ich glaube Dir ja so gern, mein Felix,« rief Helene, ihn an sich

ziehend, »weiß ich ja doch, wie treu und gut Du es mit mir meinst!«

»Und nun auch nicht mehr traurig, mein Schatz,« lachte der junge Graf;

»jetzt mußt Du Dich zerstreuen; Du darfst mir nicht länger grübeln und

denken. Sieh nur das kleine fröhliche Völkchen, das sich dort am Boden

balgt, oder noch besser, komm, wir wollen ein wenig musiciren, das

verjagt Dir am besten alle häßlichen Gedanken; komm.« Und seine Geige,

die unter dem Flügel stand, herausnehmend, stimmte er sie, während die

Kinder ebenfalls ihr bisheriges Tollen aufgaben und Günther jubelnd

ausrief:

»Das ist recht, nun können wir zusammen tanzen, Lenchen!«

Die Mutter mußte sich wohl fügen. Noch lag ein Zug von Wehmuth um die

zarten Lippen, aber sie lächelte doch schon wieder, und bald übte

die Musik ihren vollen Zauber auf sie aus, der sie rasch alles Andere

vergessen ließ. Mitten in einer jener Weisen waren sie auch schon, die

Felix damals in stiller Nacht unter dem Fenster der Geliebten gespielt,

und die Kinder, rücksichtslos auf Tact und Tonstück, nur in der Lust,

Musik zu hören, hatten sich dabei umfaßt und tanzten und jubelten im

Zimmer umher, als einer der Diener die Thür öffnete und anfragte, ob

Graf George Monford die Ehre haben könne, die Herrschaften zu sprechen.

Er übergab dabei zugleich dessen Karte.

»Graf Monford?« Helene fühlte, wie sie erbleichte.

»Es ist der junge Graf,« flüsterte ihr Felix leise zu; »fasse Dich,

Herz, ein Höflichkeitsbesuch. -- Es wird uns angenehm sein.«

Wenige Secunden später öffnete sich die Thür und Graf George trat ein,

aber nicht als förmlicher Besuch, wie Felix gedacht, sondern in

seiner liebenswürdigen, offenen Weise, und schon in der Thür rief er

freundlich:

»Ich kann es mir nicht vergeben, Sie gestört zu haben, und es ist

unendlich liebenswürdig von Ihnen, gnädige Gräfin, daß Sie einem, doch

eigentlich vollkommen fremden Menschen eine Ihrer liebsten Stunden

zum Opfer bringen! Mein lieber Herr Graf, ich muß ernstlich um

Entschuldigung bitten!«

»Seien Sie uns herzlich willkommen!« sagte Rottack freundlich, der

sich schon lange zu dem offenen, ehrlichen Gesicht des jungen Mannes

hingezogen gefühlt hatte; »bitte, legen Sie ab und setzen wir uns --

keine Förmlichkeiten weiter -- wir freuen uns aufrichtig, Sie bei uns zu

sehen!«

»Und selbst, wenn ich gleich mit einer Bitte käme?«

»Vielleicht noch viel mehr, wenn Sie uns gleich Gelegenheit geben, Ihnen

gefällig zu sein,« lächelte Rottack.

»Ich halte Sie beim Wort,« lachte George; »so will ich denn, wie man so

sagt, gleich mit der Thür in's Haus fallen, damit ich Sie nicht zu

lange von Ihren Instrumenten entfernt halte, denn dann ersuche ich Sie

dringend, fortzufahren.«

»Und womit können wir Ihnen dienen?«

»Es ist ein Scherz. In acht Tagen soll die Verlobung meiner Schwester

Paula gefeiert werden, und zwar mit dem jungen Grafen Bolten, und da

Paula so außerordentlich für's Theater schwärmt und sich besonders auf

unseren Liebhabertheatern selber ausgezeichnet hat, so habe ich mir für

den Abend eine kleine Ueberraschung ausgedacht. Wir wollen nämlich unter

uns ein kleines, allerliebstes Lustspiel aufführen, das ich heute Morgen

zugeschickt bekommen habe. Unglücklicher Weise kommen aber mehr Personen

darin vor, als ich an »Künstlern« stellen kann, und da hat mir -- da

die Zeit überdies drängt -- die Verzweiflung den kühnen Entschluß

eingegeben, Sie und Ihre liebenswürdige Frau Gemahlin um Hülfe und

Beistand anzuflehen.«

»Das ist allerdings sehr liebenswürdig von Ihnen, mein bester Graf,«

lächelte Rottack, während Helene leicht erbleichte; »aber erstlich

gerathen wir da auf ein Feld, das wir Beide wohl noch nie betreten haben

-- nicht wahr, Helene?«

»Noch nie,« hauchte leise die junge Frau.

»Und dann ist die Zeit zu einer solchen Vorbereitung doch auch wohl ein

wenig sehr kurz. Haben Sie das Stück bei sich?«

»Nein, da wir nur Ein Exemplar besitzen, läuft mein Commissionär

eben damit in der Stadt herum und läßt die wenigen Bogen in drei

verschiedenen Druckereien zu gleicher Zeit setzen. Aber bis spätestens

morgen in aller Frühe haben wir genügende Exemplare und bis zehn Uhr ist

es längstens in Ihren Händen. Ihre Rollen sind klein, das Lernen wird

Ihnen keine Schwierigkeit machen. Meine gute Mutter will selber so

freundlich sein, die Leitung der Leseprobe zu übernehmen. Haben Sie

Mitleid mit einem armen, unglückseligen Theaterunternehmer!«

Rottack sah sinnend vor sich nieder. So plötzlich bot sich da eine ja

lange ersehnte Gelegenheit, in freundlichere und nähere Beziehung zu

der sonst so schwer zugänglichen Monford'schen Familie zu treten -- und

Helene?

»So schicken Sie uns nur vorher wenigstens das Stück,« sagte er endlich

lächelnd, »und bezeichnen Sie darin die uns zugedachten Rollen; wir

wollen dann augenblicklich Kriegsrath mit einander halten, meine Frau

und ich, und Sie keinesfalls lange in Ungewißheit lassen. Ist die

Ausführung möglich, so sage ich, wenigstens für meine Person, zu.«

»Liebster, bester Graf, wie soll ich Ihnen danken?« rief George

fröhlich. »Und Ihre Frau Gemahlin? -- Aber ich will jetzt nicht

drängen,« unterbrach er sich rasch, »und Ihnen vielleicht ein

Versprechen abpressen, das Ihnen später unangenehm sein könnte. Nehmen

Sie aber die Versicherung, daß Sie uns Allen eine große Freude damit

machen würden, und besonders Paula, deren Herz Sie wahrhaft im Sturm

erobert haben müssen, Frau Gräfin, denn sie konnte gestern gar nicht

aufhören, von Ihnen zu reden.«

»Dann ist unser Gefühl ein vollständig gegenseitiges gewesen, Herr

Graf,« lächelte Helene, »denn ich kann Ihnen versichern, daß auch ich

Ihre Schwester bei dem ersten Begegnen herzlich lieb gewonnen habe, und

mich also doppelt freue, das zu hören.«

»Wie gut Sie sind!« rief George. »Ist es aber nicht merkwürdig, daß sich

Menschen oft so rasch zu einander hingezogen fühlen und, ohne mehr als

ein paar gleichgültige Worte zu sprechen, mit einander Freundschaft

schließen, während wir uns von Anderen, ohne daß sie uns je das

Geringste zu Leide gethan, wieder eben so rasch und unerklärlich

abgestoßen fühlen?«

»Es ist das eine Freimaurerei des Geistes,« lächelte Felix, »die sich an

geheimen, oft unbewußten Zeichen versteht und erkennt, und sie übt, im

Guten wie im Bösen, ihre Macht. Gute Menschen finden sich nicht rascher

unter einander, wie ein paar richtige Gauner, die oft schon nach einem

kaum flüchtig gewechselten Blick einander verstehen und Freundschaft,

wenigstens Kameradschaft schließen.«

»Ich selber gebe außerordentlich viel auf den ersten Eindruck, den ein

Fremder auf mich macht,« sagte George.

»Ich Alles,« rief Felix, »und kann wohl sagen, daß ich mich selten

oder nie getäuscht. Ließ ich mich aber durch irgend welche Zufälligkeit

bestimmen, von diesem ersten Eindruck abzusehen, dann durfte ich auch

fest darauf rechnen, daß ich dafür büßen mußte.«

»Und sollte dieser Glaube an den ersten Eindruck, den ein Fremder auf

uns macht, nicht oftmals auch die Ursache einer großen Ungerechtigkeit

gegen ihn sein?« sagte Helene. »Was kann ein Mensch zum Beispiel für ein

unschönes Gesicht, das uns doch nie gefallen wird, während er vielleicht

das beste Herz darunter birgt?«

»Ein schönes Gesicht ist allerdings eine große Empfehlung im Leben,«

sagte George, »und wer es erhalten, kann Gott nicht genug dankbar dafür

sein; ein häßliches muß man eben hinnehmen, wie man Krankheit oder ein

sonstiges Unglück hinnimmt.«

»Aber kann nicht ein unschönes Gesicht auch gut und freundlich sein?«

sagte die junge Frau.

»Allerdings, Frau Gräfin, und wie oft finden wir das; aber der Charakter

spricht sich gewiß darin aus.«

»Also wer von der Natur zum Beispiel einen boshaften Zug um den Mund

bekommen hat,« meinte Helene kopfschüttelnd, »müßte deshalb auch

entschieden boshaft sein und könnte nicht einmal dafür verantwortlich

gemacht werden?«

»Umgekehrt, Schatz,« rief ihr Gatte. »Was Du da sagst, wäre ein Unglück

für solche arme Menschen, nicht eine Eigenschaft, die uns sie meiden

läßt. Nicht wer einen boshaften Zug um den Mund hat, wird dadurch

boshaft, nein, wer boshaft ist, bekommt sicherlich diesen Zug. Das

heißt: gerade der Charakter der Menschen prägt sich im Lauf der Jahre

in dem Antlitz derselben aus: je älter sie werden, desto deutlicher, und

wer das Verständniß dafür hat, liest die Schrift.«

»Aber manchmal irren wir uns doch,« sagte George. »So kenne ich hier

einen jungen Schauspieler -- unsern ersten Liebhaber -- und einen

tüchtigen Künstler, der auf mich bei seinem ersten Anblick, trotz seiner

wirklich edlen Züge, jenen abstoßenden Eindruck gemacht hat, dessen

Sie vorhin erwähnten, und der also auch deshalb für uns maßgebend sein

sollte. Ich ließ mich aber dadurch nicht abschrecken und machte seine

nähere Bekanntschaft, oder äußere Umstände ließen sie mich machen, und

muß gestehen, daß sich bei diesem meine Menschenkenntniß nicht erprobte,

denn er hat sich stets als einen liebenswürdigen, geistvollen und

besonders fabelhaft gefälligen Mann gezeigt, dem ich schon unzählige

Male verpflichtet bin.«

»Lieber Gott, wir können uns ja irren,« sagte Felix; »ich selber würde

mich aber nach einer solchen erhaltenen Warnung -- wie ich es nennen

möchte -- nur höchst vorsichtig mit ihm eingelassen und ihm --

vielleicht -- unrecht gethan haben.«

»Aber wir plaudern hier und ich halte Sie von Ihrer Musik ab.«

»Wir haben nur musicirt, um uns die Zeit zu vertreiben,« lächelte

Helene; »der Grund ist jetzt vollständig weggefallen.«

»Und wenn ich Sie nun bäte, fortzufahren?«

»Wenn Sie Freude daran finden, von Herzen gern,« sagte Helene, ohne

Weiteres von ihrem Stuhl sich erhebend, und sie wie Felix hatten bald

wieder das vorhin unterbrochene Musikstück aufgenommen.

* * * * *

Am Markt, zwischen der Drachen-Apotheke und einem andern, sehr

anständigen und hohen Gebäude, das einem Seidenhändler gehörte, stand

ein schmales, vierstöckiges Haus mit nur zwei Fenstern Front und

machte auf den Beschauer etwa den Eindruck, als ob sich ein Mensch mit

angezogenen Armen in ein Uhrgehäuse geklemmt hätte und sich nicht regen

und nicht rühren könne.

Dort residirte in der zweiten Etage Doctor Feodor Strohwisch, Dichter

und Schriftsteller, oder vielmehr Privatgelehrter, wie er in dem

Adreßbuch angegeben stand, der aber auch ein kleines Tageblatt redigirte

und darin die Geißel über das Theater schwang. Und nicht über das

Theater allein; Alles, was vorkam, jedes Fach, jede Kunst fand in

ihm ihren unerbittlichen -- oder eigentlich nicht ganz unerbittlichen

Kritiker, denn es gab Mittel, ihn zu erweichen, und mit einer solch'

liebenswürdigen Unverschämtheit drosch er auf Alles los, was sich

unabhängig genug glaubte, ihn zu ignoriren, daß die Masse, welche selten

ein eigenes Urtheil für sich selber hat, seine Kritiken endlich

für baare Münze hinnahm und auch noch nebenbei seine Gelehrsamkeit

bewunderte.

Von den Mitgliedern des Theaters, wenigstens von dem größten Theile

derselben, war er gehaßt und gefürchtet zugleich, denn gegen sein Blatt

gab es keine Appellation, da er ihm unbequeme Artikel nie aufnahm.

Aeußerlich behandelten ihn aber fast Alle sehr artig, und die

boshaftesten Urtheile ließ man ruhig über sich ergehen, weil man nur

dadurch noch boshafteren ausweichen konnte.

Strohwisch durfte in der That Alles sagen und sagte Alles, und im Laufe

der Jahre hatte er sich eine Sicherheit und Unfehlbarkeit angeeignet,

die wirklich nichts zu wünschen übrig ließ.

In seinem Zimmer sah es sehr gelehrt und sehr unordentlich aus. Ein

großer Mahagoni-Schreibtisch, der seine eigene unquittirte Rechnung

in dem einen Gefach sorgfältig versteckt hielt, als ob er sich selber

darüber schäme, stand in der einen Ecke, unmittelbar am Fenster. Vier

oder fünf Bücherregale mit einer neueren und viel benutzten Ausgabe des

Brockhaus'schen Conversations-Lexikons füllten die eine Wand, ein

sehr elegantes, aber etwas beschmutztes Sopha, mit einem Spiegel in

Goldrahmen darüber, die andere.

Auf dem Sopha lagen vier oder fünf gestickte Rückenkissen, eine

gestickte Cigarrentasche aber geöffnet auf dem Tisch; unter dem Spiegel

befand sich ein sinniger Neujahrswunsch aus Menschenhaaren geflochten,

und den Tisch bedeckte eine weiße gehäkelte Decke mit hellblauen

Vergißmeinnicht darin; kurz, die Spuren weiblicher Arbeit waren

überall, auf Fußbank, Briefhalter, Papierkorb, Briefbeschwerer u. s. w.

anzutreffen.

Ueber dem Schreibtisch aber hingen zwei Lorbeerkränze, der eine mit

hellblauem, der andere mit rosaseidenem Bande, und einem Spruch von

zierlicher Frauenhand geschrieben, den man aber von unten aus auf dem

überhaupt auch etwas rauchgeschwärzten Papier nicht lesen konnte.

An der Wand befanden sich ein paar an die äußerste Grenze des

Schicklichen streifende französische Kupferstiche von badenden und

nach dem Bade tanzenden Nymphen, und rechts und links vom Spiegel zwei

ebenfalls französische Studienköpfe, bis an den untern Rand des Rahmens

decolletirt.

Sämmtliche Stühle waren übrigens mit neuen, unaufgeschnittenen, in

gelbem, grauem, grünem, blauem und rothem Papier broschirten Büchern

bedeckt, und selbst auf dem Boden lag noch eine Anzahl von ihnen

zwischen Cigarrenstummeln, Papierstreifen und zerschnittenen Zeitungen.

Feodor arbeitete. Er saß auf einem Drehstuhl und hatte eine Cigarre

im Munde, die vorn brannte und die er hinten kaute, und dann und wann

schrieb er eine Zeile und strich darauf das Geschriebene wieder durch.

Da klopfte es laut an die Thür, und mit seinem Herein! erschien Handor,

den Hut nachlässig auf dem Kopf, einen Glacéhandschuh angezogen, den

andern in der Hand.

»Guten Tag, Doctor! Stör' ich?«

»Nun, Sie verderben wenigstens nichts, denn ich quäle mich eben wieder

mit so einem verfluchten Gelegenheitsgedicht.«

»Daß Sie's nicht satt kriegen!« lachte Handor.

»Es ist eine rein verzweifelte Arbeit,« rief der Doctor, »immer etwas

Pikantes sagen zu sollen, wenn...«

»Einem nichts einfällt -- trostlos!«

»Na, das wär' das Wenigste,« bemerkte Strohwisch; »aber man will doch

auch nicht all' sein Pulver auf eine Sache verschießen, die Einem nichts

einbringt, als vielleicht ein lumpiges Mittagessen.«

»Sonst ist wohl kein Honorar zu fürchten?«

»Gott bewahre; es ist für den Commerzienrath, der morgen sein

commerzienräthliches fünfundzwanzigjähriges Jubiläum feiert. Was das

Alles für Ursachen zu Festen sind! Aber was fehlt Ihnen? Sie sehen

verdrießlich aus.«

»Ach was,« sagte Handor, indem er sich aus der offenen Cigarrentasche

eine Cigarre nahm und sie anbrannte, »ich habe mich wieder einmal über

den Lump, den Rebe, geärgert -- eingebildeter Esel! Aber der Director

hat ihm gekündigt, er muß fort. Da können Sie sich nachher eine Güte

thun und ihm eine Grabschrift schreiben.«

»Werde ich ihm besorgen,« lachte der Doctor, sich vergnügt die Hände

reibend, »werde ich ihm mit Vergnügen besorgen, und noch dazu in Versen

unter »Eingesandt«-Rebe, bebe, lebe, strebe, gebe, hebe -- es paßt nur

eigentlich kein pikanter Reim auf den langweiligen Namen.

Horatius Rebe,

Wer kann, bebe

Bei dem Abgang dieses Lichts,

Doch vergebe

Horatius Rebe

Daß er uns hier schadet nichts.

Eine Mutter Roman im Anschluß an »die Colonie« · 第 5 / 16 题