Handor hatte sich in den Sattel geschwungen und spornte sein Roß über
die Bühne, das mit klappernden Hufschlägen, genau so, als ob es auf Eis
ginge, vorsichtig weiter schritt.
Räuber Moor: »Freiheit, Freiheit...!« -- »Aber so lassen Sie doch das
Pferd los; ich werde doch nicht sollen auf die Bühne geführt werden!«
Die Zwischenrede galt einem der Maschinisten, der in seinem Diensteifer
mit hinausgegangen war und jetzt zurücksprang.
»Noch einmal, meine Herren, wenn ich bitten darf,« rief der Regisseur;
»das Pferd muß sich gewöhnen, allein heraus zu kommen.«
Räuber Moor lenkte mit einem halbverbissenen Fluch den alten, geduldigen
und etwas kreuzlahmen Schimmel wieder um, und Ratzmann mußte zum dritten
Mal das Stichwort geben.
Jetzt ging es; der Schimmel stakte, trotz allen Anspornens, sehr
vorsichtig heraus, und mit den Worten: »Du bist im Trocknen, Roller;
führ' meinen Rappen ab, Schweizer, und wasche ihn mit Wein!« sprang Karl
Moor aus dem Sattel.
»Herr Handor,« rief der Regisseur, wieder aufstehend, »ich habe Sie
früher darauf aufmerksam gemacht, daß Sie einen Schimmel reiten.«
»Der Rappe steht in der Rolle,« sagte Handor ärgerlich.
»Ja, allerdings, aber wir haben nun einmal keinen Rappen, und ich kann
das Pferd doch nicht, nur des einen unwesentlichen Wortes wegen, schwarz
anstreichen lassen.«
»Gut, so »führ' meinen Schimmel ab, Schweizer, und wasche ihn mit
Wein«.«
»Hat sich auch mordmäßig angestrengt,« flüsterte der eine Lampenputzer,
als Schweizer mit einiger Schwierigkeit das Thier zum Weitergehen bewog.
Die nächste Scene ging jetzt so ziemlich; Karl Moor schien aber in
einer gereizten Stimmung und nahm, während die Räuber ihre Heldenthaten
erzählten, gar keine Notiz von ihnen. Als aber Schufterle (Horatius
Rebe) an zu sprechen fing, stampfte er ein paar Mal ungeduldig mit
dem Fuß und brummte dann seine Zwischenrede so leise in den Bart, daß
Schufterle kaum das Stichwort verstehen konnte.
»Etwas lauter, Herr Handor, wenn ich bitten darf,« sagte der Regisseur,
indem er sein Buch gegen das auf dem Tisch stehende Licht hielt.
»Dann, bitte, sagen Sie auch Herrn Rebe, daß er seine Rolle mit einigem
Verstand spielt,« bemerkte Handor; »das Publikum muß ja lachen!«
»Ich habe nichts Auffälliges bemerkt,« erwiderte der Regisseur; »bitte,
Herr Rebe, sagen Sie Ihre Worte noch einmal.«
Rebe that so und kam zu dem Schlußsatze: »Armes Thierchen, sagt' ich, Du
verfrierst ja hier, und warf's in die Flammen.«
»Ganz gut,« nickte der Regisseur.
»Es ist ja nicht zum Ansehen,« rief Handor gereizt; »bei den Worten:
»und warf's in die Flammen« stehen Sie ja wie ein Stock!«
»Bitte um Entschuldigung, Herr Handor,« sagte Rebe ruhig, »erstlich
markiren Sie gar nicht, und man weiß nicht, ob Sie mit uns oder mit dem
Souffleur reden...«
»Herr, was unterstehen Sie sich!«
»Von Unterstehen kann hier gar keine Rede...«
»Meine Herren, bitte um keinen Zank auf der Probe; was wünschen Sie,
Herr Handor, das Herr Rebe thun soll?«
»Sich regen, den Arm hinauswerfen, wenn er die Worte sagt: »und warf's
in die Flammen«. Er muß seinem Mitspieler eine Andeutung geben.«
»Ich glaubte, Sie brauchten nur das Stichwort,« sagte Rebe ruhig; »zum
Telegraphiren eignet sich die Rolle nicht.«
»Herr,« rief Handor gereizt, »für einen Menschen, der kaum einen
Stuhl hinaustragen kann, ist diese Antwort einem Künstler gegenüber
unverschämt!«
»Herr Handor...«
»Herr Handor,« rief auch der Regisseur, von seinem Stuhl aufspringend,
»entweihen Sie die Kunst nicht durch solche Reden; Sie haben sich
überhaupt gegen das Bühnenreglement vergangen, und ich muß Sie in Strafe
nehmen!«
»Nennen Sie denn das eine Probe,« rief Handor heftig, »wenn ich nicht
einmal Statisten zurechtweisen darf, wie sie sich zu benehmen haben?«
»Herr Handor,« rief aber jetzt auch Rebe gereizt, »ich werde Ihnen
nach der Probe sagen, was ich von Ihnen denke -- hier füge ich mich den
Gesetzen!«
»Meine Herren,« bat der Regisseur, »Sie gehen mir zu sehr in den
Charakter Ihrer Rollen ein, und es ist nur ein Glück, daß Ihnen der
Requisiteur noch nicht die Dolche und Pistolen geliefert hat. Bitte,
noch einmal das Stichwort -- Herr Rebe, Ihres mein' ich -- »und warf's
in die Flammen«.«
Rebe gehorchte ziemlich mürrisch dem Befehle und Handor ärgerte ihn noch
mehr dadurch, daß er die Worte: »Fort, Ungeheuer, laß dich nimmer unter
meiner Bande sehen!« mit ganz besonderer Betonung sprach. Es war aber
für den Augenblick nichts dagegen zu machen und er mußte abgehen,
während Karl Moor seinen späteren Monolog mürrisch und in den Bart
hinein sprach.
Schufterle kam von da an nur noch ein einziges Mal vor und hätte
weggehen können; aber er blieb, um das Ende der Probe abzuwarten, wo
aber noch einmal ein Streit vorfiel, und zwar mit der ersten tragischen
Liebhaberin selber.
In der Scene zwischen Karl Moor und Amalia, wo Handor sehr zerstreut
spielte -- wie er denn überhaupt nach des sehr gewissenhaften Regisseurs
Ausspruch heute gar nicht bei der Sache war --, hatte er bei den Worten:
»Wie, mein Fräulein, wenn Ihr Geliebter Ihnen für jeden Kuß einen
Mord aufzählen könnte?« den Arm von Fräulein Rottenhöfer so fest und
plötzlich gefaßt, daß eine Schnur von imitirten Perlen, die sie am
Handgelenk trug, zerriß und ein paar der zerdrückten Perlen ihr die Haut
ritzten.
Die Dame wurde heftig und behauptete, daß er sie in der Scene gar nicht
anfassen dürfe, und er erwiderte ihr ziemlich kurz, ob sie glaube, daß
er den Charakter seiner Rolle nicht verstehe; übrigens wolle er ihr die
Perlen bezahlen.
Es gab dann noch einen Auftritt, wo sich der Director selber in's Mittel
legen mußte, denn Fräulein Rottenhöfer erklärte, nicht mit einem so
rohen, ungebildeten Menschen spielen zu wollen.
Handor murmelte ein Wort zwischen den Zähnen durch, das wie »Gans«
klang und keinesfalls in seiner Rolle stand, wonach die Dame denn nichts
Besseres thun konnte, als in Ohnmacht zu fallen.
Daß Handor durch dies Alles nicht in die beste Laune gerieth, läßt sich
denken, und die wurde nicht erhöht, als die Probe, welche heute fast bis
zwei Uhr gedauert hatte, endlich vorüber war und er vor dem Theater auf
Rebe traf, der ruhig zu ihm hinging und ihn anredete:
»Herr Handor, auf ein Wort.«
»Was wollen Sie?« fragte der erste Liebhaber kurz.
»Nichts weiter, als Genugthuung für Ihre Beleidigung heute.«
»Genugthuung?«
»Sie verstehen doch, was ich damit meine.«
»Sie sind ein Narr, Rebe!« sagte Handor und wollte sich von ihm
abdrehen. So wohlfeilen Kaufes kam er aber nicht davon.
»Dann erkläre ich Sie für einen feigen Lump, Herr Handor!« sagte der
junge Mann, der kreidebleich vor innerer Aufregung geworden war und vor
Wuth zitterte.
Handor biß die Zähne zusammen.
»Gut, Sie sollen Ihre Genugthuung, wie Sie's nennen, haben, Sie
verdienen eine Züchtigung, aber nicht jetzt. Sie wissen, was wir in
nächster Woche vorhaben; die Vorstellung des »Hamlet« dürfen wir nicht
stören, wenn Sie auch vielleicht entbehrt werden könnten. Nach dem
»Hamlet« stehe ich Ihnen zu Diensten.«
»Gut denn, also nach der Vorstellung oder am nächsten Morgen.«
Handor nickte nur, drehte ihm den Rücken zu und ging die Straße
hinunter.
Gerade am Theater vorüber war Pfeffer gekommen, und wenn auch noch nicht
nahe genug, um die Worte zu verstehen, hatte ihm doch der Sinn nicht gut
entgehen können.
»Das ist recht, Herr Horatius Cocles,« sagte er, während er vor ihm
stehen blieb und ihn starr ansah, »das wäre allerdings die leichteste
Manier, Jemandes Rollen zu bekommen, wenn man ihn einfach todtschießt.
Sind Sie denn ganz des Teufels, Mensch, und wollen Sie sich mit Gewalt
Ihre Carrière verderben?«
»Herr Pfeffer!«
»Ach was, Pfeffer hin, Pfeffer her, es pfeffert sich was! Wo wollen Sie
denn hin, wenn man Ihnen hier den Contract kündigt?«
»Meine Ehre gilt mir höher als mein Leben!« rief der junge Mann stolz.
»Puh, _so_ viel dafür!« rief der alte Mann verächtlich; »wenn Ihnen
so ein Lump Ihre Ehre nehmen kann, so wär's nicht der Mühe werth, sie
aufzuheben! Und all' das andere Unheil, welches Sie nachher anrichten --
heh?«
»Andere Unheil?« sagte Rebe traurig. »Haben Sie mir nicht selber Ihr
Haus verboten, Herr Pfeffer, und glauben Sie, daß außerdem auch wohl ein
einziges Auge naß würde in ganz Haßburg, wenn ich -- von hier fortginge
oder stürbe?«
»Puh!« sagte Pfeffer wieder, sah eine Weile vor sich nieder, schob dann
beide Hände in seine Taschen und schritt der eigenen Wohnung zu.
Fürchtegott Pfeffer stieg auch direct hinauf in sein eigenes Zimmer und
lief dort, ohne den Hut abzunehmen, die Hände auf den Rücken gelegt
und aus Leibeskräften vor sich hin pfeifend, in dem kleinen Gemache
mit einer wahren Vehemenz auf und ab. Sein Spaziergang war dabei ein
keineswegs unbehinderter, denn überall lag bald ein Haufen Manuscripte,
bald Bücher und Zeitungen, die ihm kein Mensch anrühren durfte, im Wege.
Unverdrossen stieg er aber über das Alles weg, herüber und hinüber, und
war so mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, daß er gar nichts weiter
hörte noch sah.
»Was mag nur der Onkel heute haben?« sagte Jettchen, die mit eisernem
Fleiß an ihrer Arbeit saß. Zu jenem, zu Ehren des Erbprinzen bestimmten
Balle hatte sie nämlich eine solche Masse von Aufträgen bekommen und
Bestellungen auf Blumen waren so von allen Seiten eingelaufen, daß das
arme Kind schon die ganze Nacht durcharbeiten mußte, um nur Alle zu
befriedigen und ja keine Kunden zu verlieren. Du lieber Gott, im Sommer,
wo der Schöpfer ja da draußen seine herrlichen, frischen und duftenden
Blumen wachsen ließ, war die Arbeit überdies nur sehr spärlich und
der Verdienst so klein -- da durfte man sich schon eine so glückliche
Gelegenheit nicht entgehen lassen!
Die Mutter lag wieder auf dem Sopha; sie befand sich etwas besser heute,
war aber noch immer sehr schwach und angegriffen.
»Ich weiß es nicht,« sagte sie leise; »wahrscheinlich wieder ein Aerger
auf der Probe.«
»Wenn er so pfeift, ist er immer sehr böser Laune,« seufzte Jettchen;
»aber jetzt kommt er ja gar nicht von der Probe; er war doch vorhin
schon zum Essen da, und hat in den letzten Acten nichts zu thun.«
»Laß ihn nur, mein Kind,« lächelte die Frau wehmüthig; »bei solchen
Gelegenheiten pfeift er sich gewöhnlich ordentlich aus, und nachher ist
er wieder guter Laune; nur stören darf man ihn nicht darin.«
»Es ist doch auch wirklich ein leidiges Leben beim Theater,« sagte das
arme Mädchen leise; »immer nur Aerger und Streit, als ob die Leute gar
nicht friedlich neben einander leben könnten, und Abends, wenn dann die
Lichter angezündet sind, merkt man gar nichts davon und Alles schwelgt
in Glanz und Freude.«
»Es ist Alles falsch, mein Herz,« nickte die Mutter leise vor sich hin,
»Alles; aber nicht allein auf dem Theater, Kind, wo sie sich draußen
aus der Bühne vor dem Publikum in den Armen liegen und sich hinter den
Coulissen nachher alles gebrannte Herzeleid anthun -- im wirklichen
Leben machen sie's auch nicht viel besser. Vor der Welt, die da
das Publikum ist, ja, da glänzt und schimmert Alles, und hinter den
Coulissen -- das heißt im eigenen Hause, im eigenen Familienkreise,
worin erst recht Liebe und Freundschaft, Friede und Eintracht herrschen
sollten -- da säet der böse Feind sein Unkraut aus, und Jammer und Elend
sind die Folgen.«
»Aber bei uns doch nicht, Mama,« sagte herzlich das junge Mädchen.
»Nein, Kind, bei uns nicht,« seufzte die Frau, deren Erinnerungen weit
zurückgeschweift waren. »Wir, mein Herz, erscheinen aber auch nicht mehr
draußen vor dem Publikum, vor der Welt; wir haben uns hier unsere kleine
Welt gegründet und -- Erfahrung genug im Leben gesammelt, um uns die
nicht selber muthwillig zu zerstören. Gebe nur Gott, daß uns die Welt da
draußen eben so wenig beachtet, wie wir sie!«
Henriette schwieg und wandte langsam den Kopf zur Seite, daß die Mutter,
wenn sie zufällig einmal herübersah, nicht die verrätherische Thräne
bemerken sollte, die ihr im Auge blitzte; sie wäre ja sonst noch
trauriger geworden.
»Na, Guste, wie geht's?« sagte plötzlich Pfeffer, der den Kopf in die
Thür steckte. »Ein bischen besser?«
»Ich danke Dir, Fürchtegott; komm doch herein.«
»Ich rauche.«
»Die Fenster stehen ja auf, da thut mir der Rauch nicht weh.«
»Hm,« sagte Pfeffer, der jetzt in's Zimmer trat, die Thür hinter
sich zuzog und dann zum Sopha ging. »Du siehst immer noch höllisch
angegriffen aus -- und der Heidenlärm da draußen! Wenn ich nur dem einen
Kerl mit seiner Mordgeschichte den Hals umdrehen könnte, nachher wär'
ich zufrieden.«
»Ja, Onkel,« lächelte Henriette, »Und dann würde die Polizei kommen und
Dich einsperren und köpfen lassen, und nachher malte dann ein
Anderer Deine Geschichte, und die würde dann auch abgesungen, von dem
furchtbaren Halsabdreher Fürchtegott Pfeffer.«
»Was die Mamsell nicht weiß!« sagte der Onkel, indem es ihm aber doch
wie ein Lächeln über das Antlitz zuckte; »hol' mich Dieser und Jener,
Thierquälerei wird bestraft, aber Menschenquäler dürfen überall frei
umherlaufen und haben sogar noch die Unverschämtheit, Geld dafür einzu--
aber alle Teufel,« unterbrach er sich überrascht, als er, während er
sprach, zu Jettchen's Tisch getreten war und dort ihre Arbeit erblickte,
»den Kranz hast Du ja erst gestern Abend angefangen, als ich zu Bette
ging, Mädel, was zum Henker, Du hast doch nicht die ganze Nacht daran
gesessen?«
»Lieber Onkel,« sagte Henriette bittend, »sei nicht böse, aber -- die
Zeit drängte so -- bis zu dem Balle, der in der nächsten Woche sein
soll, ist noch so viel bestellt...«
»Und wie Du aussiehst, bleich und angegriffen; das geht nicht, Schatz,
das geht wahrhaftig nicht, das darf ich nicht leiden!«
»Ich habe sie auch gebeten, zu Bett zu gehen,« sagte die Mutter, »aber
der Trotzkopf wollte nicht.«
»Wenn der Ball erst vorüber ist, schlafe ich dafür eine ganze Woche,«
lächelte Henriette; »denke nur, Onkel, was für hübsches Geld ich dabei
verdiene.«
Pfeffer antwortete nichts. Er stand am Fenster, blies Ringe hinaus
und klopfte dabei mit der Fußspitze den Boden, als die Thür plötzlich
aufgerissen wurde, Fräulein Bassini den Kopf in's Zimmer steckte und
hereinrief: »War er schon hier?«
»Wer?« rief Pfeffer, sich scharf auf dem Absatz herumdrehend. »Was, zum
Teufel, kommst Du denn so in's Zimmer gestürmt -- weißt Du denn nicht,
daß Deine Schwester krank ist? Wer soll hier gewesen sein?«
»Nun, der Graf,« sagte die Dame, die Thür hinter sich zuziehend.
»Der Graf -- bei Dir rappelt's wohl? Was für ein Graf?«
»Also, so wißt Ihr noch gar nichts?«
»Na, jetzt hör' einmal mit Deinem Schnack auf,« brummte Pfeffer; »thu
Deine Gartenanlage vom Kopf herunter und setze Dich auf Deinen -- hätte
bald 'was gesagt. Steckt in dem Frauenzimmer eine Unruhe -- Apropos,
hast Du mir meine Dose wieder mitgebracht?«
»Nein, die hab' ich heilig vergessen -- aber Fürchtegott, Auguste,
Jettchen, wißt Ihr denn, wer bei mir war?«
»Ach schnack' keinen Unsinn; wie können wir wissen, wer bei Dir gewesen
ist,« rief Pfeffer -- »vielleicht der Friseur mit einer neuen Perrücke?«
»Grobian! Ein Graf war bei mir, ein wirklicher, lebendiger Graf mit
Orden -- nein, Orden hat er nicht gehabt, das ist wahr; merkwürdig
eigentlich, daß ein Graf blos so, ohne Orden herumgehen kann wie andere
Menschen.«
»Ob das Frauenzimmer nicht einen Sparren hat wie ein Hebebaum,« knurrte
ihr Bruder -- »und was wollte er?«
»Das räthst Du nicht, und wenn ich Dir ein Jahr Zeit ließe.«
»Er wollte Dich wahrscheinlich bitten, auf der Bühne nicht so zu
schreien, weil er eine Prosceniums-Loge hat.«
»Du bist heute unausstehlich.«
»Aber so sag' uns doch nur, was er wollte, Tante, rathen können wir's ja
doch im Leben nicht,« bat Henriette.
»Das Kind ist viel vernünftiger als Du,« erwiderte Fräulein Bassini;
»nein, Schatz, rathen könnt Ihr's allerdings nicht, aber er kam, um sich
nach Augusten zu erkundigen.«
»Nach _mir_?« rief die Frau.
»Und zu Dir?« sagte Pfeffer.
»Ja, zu mir, Ueberklug, weil er mich für meine Schwester hielt.«
»Mit _der_ Perrücke?«
»Herr Gott, der Mensch bringt mich noch zur Verzweiflung!«
»Aber so laß sie doch nur einmal erzählen, Fürchtegott.«
»Na, hindere ich sie etwa daran? Aber bringt sie denn etwas Anderes
heraus wie Unsinn? Wenn es der kein Souffleur einbläst, wird sie nie
fertig!«
»Du hast einmal wieder Deinen liebenswürdigen Tag, das muß wahr sein;
aber ich will mich heute nicht ärgern.«
»Was wollte denn der Graf von mir?« sagte die Frau, ungläubig dazu mit
dem Kopf schüttelnd.
»Ja, das ist ja eben das Wunderbare,« rief Fräulein Bassini, ganz
entzückt, die Trägerin einer solchen Neuigkeit zu sein; »im Auftrag
seines Freundes kam er, wie er sagte. Und weißt Du, wer der Freund war?
Herr Stelzhammer.«
»Oh, Du mein Gott!« sagte die kranke Frau und wurde todtenbleich.
»Sein Freund?« rief Pfeffer ärgerlich; »das hab' ich mir etwa denken
können, und das wird ein sauberer Graf gewesen sein, der Dich besucht
hat; vielleicht ein Photo--graf oder ein Tele--graf -- ein Freund von
dem Lump -- na, nun bitt' ich aber zu grüßen -- Herr Jesus, was das für
ein verrücktes Frauenzimmer ist!«
»Du redest, wie Du es verstehst!« rief Fräulein Bassini gereizt. »Der
Stelzhammer ist in Amerika ein großer, reicher Herr geworden, und das
Gewissen schlägt ihm jetzt; er hat den Herrn Grafen gebeten, sich hier
nach Dir zu erkundigen, wie es Dir geht, was Du machst und ob es Dir an
etwas fehlt.«
»Nein, was das für ein sorgsamer Gatte ist,« rief Herr Pfeffer, sich
mit der rechten Hand auf sein Knie schlagend, »ist erst achtzehn Jahre
abwesend und erkundigt sich wirklich schon einmal, wie es seiner Frau
geht!«
»Und sind sie nicht vor Gericht geschieden?« rief Fräulein Bassini, die
merkwürdiger Weise nun, da ihr Bruder die Partei nahm, welche sie selber
bis jetzt gehalten, auf die entgegengesetzte Seite übersprang. »Ist er
denn gesetzlich verpflichtet, sich überhaupt noch um sie zu bekümmern?«
»Jetzt hör' Einer das Frauenzimmer an!« rief Pfeffer entrüstet. »Hat
es denn Jemand von ihm verlangt, heh? Hab' ich etwa Deinen Herrn Grafen
ersucht, hierher zu kommen? Aber ist ein Mann, wenn er sich auch von
seiner Frau scheiden läßt, nicht etwa doch verpflichtet, noch für sie zu
sorgen? Oder glaubst Du etwa, daß da jeder Lump herkommen und heirathen,
und sich dann wieder scheiden lassen kann und weglaufen darf wie die Sau
vom Trog?«
»Du bist und bleibst ein Grobian -- und wenn er es nun bereut?«
»Zeit wär's,« brummte Pfeffer; »aber nun erzähle einmal vernünftig, wenn
Dir das irgend möglich ist, was der Fremde wollte und weshalb er zu Dir
kam.«
»Eigentlich waren es Zwei,« berichtete Fräulein Bassini, »aber aus dem
Zweiten bin ich nicht klug geworden; ich glaube, es muß der Kammerdiener
gewesen sein. Er hat auch den Mund die ganze Zeit nicht aufgethan -- ein
kleiner, dicker Mensch mit einer Glatze wie der Tisch groß.«
»Na, so lüg' Du und der Teufel!«
»Und das Andere war ein Graf?« fragte Henriette.
»Was ich Dir sage, Kind, hier habe ich noch seine Karte,« fuhr Fräulein
Bassini, in ihrer tiefen Tasche danach suchend, fort; »da, da steht's:
Felix Randolph, Graf von Rottack -- da steht's gedruckt, und nun wirst
Du's doch glauben, Bruder Thomas?«
Pfeffer nahm die Karte, besah sie, schüttelte mit dem Kopf und warf sie
dann auf den Tisch. »Und was wollte er eigentlich?« fragte er hierauf.
»Weiter nichts, als sich nach Augusten erkundigen. Er hätte Auftrag,
wie er sagte, von seinem Freunde Stelzhammer in Amerika, hier
Nachforschungen anzustellen, und wie er erfuhr, daß ich nur die
Schwester wäre -- denn es scheint, daß er mich für Auguste hielt --,
stand er auf und sagte, er würde selber hierher gehen.«
»Zu uns hierher?« fragte die Frau erschreckt.
»Na, er wird uns auch nicht beißen,« brummte Pfeffer; »neugierig wäre
ich aber doch, was der Patron, Dein sauberer Mann, eigentlich will.
Sollte mich gar nicht wundern, wenn er Geld brauchte und uns anpumpen
möchte.«
»Aber Onkel!«
»Liebes Kind,« brummte Pfeffer, »es sind schon närrischere Dinge in der
Welt vorgekommen, das wäre nicht das Tollste; komisch wär's aber, so
viel ist richtig, und ein Hauptspaß dabei, denn dem Grafen wollt' ich
heimleuchten!«
»Wie kannst Du nur so reden, Fürchtegott,« bat die Frau, »weißt Du
nicht, daß Du mir entsetzlich weh damit thust?«
»Ach was,« sagte der Mann, aber doch jetzt mit mehr Gutmüthigkeit im
Ton, »ich weiß wohl, daß Du immer seine Partei genommen hast.«
»Er war auch von Herzen gut,« sagte die Frau, »recht gut und brav, nur
entsetzlich leichtsinnig, und wir Beide noch damals so jung; Gott nur
weiß, wie schlimm es ihm auch vielleicht in der Welt ergangen ist.«
»Nicht schlimmer, wie er's verdient hat!« polterte Pfeffer heraus. »Aber
wann war denn der Graf eigentlich bei Dir, Lise?«
»Ach, vor kaum einer halben Stunde,« rief Fräulein Bassini, »und denke
Dir nur, ich war noch gar nicht angezogen; ich hatte den ganzen Morgen
studirt und noch keine Toilette gemacht, saß am Clavier und phantasirte
ein wenig -- auf einmal geht die Thür auf und der Graf guckt herein. Ich
dachte, der Schlag sollte mich auf der Stelle rühren.«
»Ein Wunder nur, daß er den Grafen nicht gerührt hat, wenn er Dich im
Negligé gesehen!« lachte Pfeffer.
»Aber, Onkel!«
»Dein Negligé ist freilich schöner,« rief Fräulein Bassini, »mit dem
Schlafrock, der kleben bleibt, wenn man ihn an die Wand wirft, und
Deinem alten, ekelhaften Tabaksgestank! Aber um mich ärgern zu lassen,
bin ich nicht hergekommen,« rief sie, von ihrem Stuhl aufstehend; »nur
Augusten wollte ich die Nachricht bringen -- »mit Dir habe ich weiter
nichts zu thun!« -- Und wirklich böse gemacht, schoß sie der Thür zu.
»Vergiß das nächste Mal die Schnupftabaksdose nicht!« rief ihr
der Bruder nach, und Fräulein Bassini riß, verächtlich den Kopf
zurückwerfend, die Thür auf, als sie plötzlich einen tiefen,
ehrfurchtsvollen Knix nach außen machte und dann flüsternd, aber
deutlich genug in das Zimmer zurückrief:
»Der Graf!«
10.
Graf Rottack bei Pfeffers.
»Und was nun,« sagte Felix, als sie mitsammen die Straße hinabschritten
und Jeremias noch einen scheuen Blick hinter sich warf, als ob er
fürchte, daß ihnen diese entsetzliche orangefarbene Dame folgen könne --
»wollen wir zu Pfeffers?«
»Herr Graf,« stöhnte der kleine Mann, »ich bin nicht im Stande -- ich
gebe Ihnen mein Wort, ich habe in der Viertelstunde da oben bei
dem schrecklichen Frauenzimmer, meiner Fräulein Schwägerin, mehr
ausgestanden, als ob ich die ganze Zeit über auf einer Folterbank
gesessen hätte!«
»Aber wußten Sie denn nichts von dieser Schwester?«
»Ich wußte, daß meine Frau eine Schwester hatte, habe sie aber nie
gesehen, denn sie war damals schon lange beim Theater und irgendwo im
Preußischen an einer kleinen Bühne engagirt, hatte sich auch nie mit
ihrer jüngeren Schwester vertragen können.«
»Und der Bruder?«
»War Komiker an unserem Theater, entzweite sich aber ebenfalls mit
meiner damaligen Frau, weil er gegen unsere Heirath gerathen, und hielt
keinen Verkehr mit uns.«
»Sie müssen damals ein sauberer Zeisig gewesen sein, Jeremias?«
»Reden wir nicht davon,« sagte der kleine Mann mit einem aus tiefster
Brust herausgeholten Seufzer; »aber es ist ja nun vorbei und ich brauche
doch wenigstens nicht mit einer Schwägerin gestraft zu werden, wenn ich
nicht einmal eine Frau habe.«
»Aber was wollen Sie jetzt thun? Jene Dame wird unfehlbar ohne weiteren
Zeitverlust zu ihrer kranken Schwester laufen und sie alarmiren.«
»Die wär's im Stande.«
»Darauf können Sie sich fest verlassen,« sagte Felix, »und ich bin
überzeugt, daß sie selbst in diesem Augenblick in aller Hast ihre
Toilette macht. Was dann?«
»Und wenn ich selber hingehe, jage ich der armen Frau vielleicht den Tod
vor Schrecken ein, denn -- hübscher bin ich nicht geworden.«
»Hören Sie, Jeremias,« sagte Graf Rottack, nach seiner Uhr sehend, »ich
habe etwa noch eine halbe Stunde Zeit und die Sache einmal begonnen.
Ich werde allein zu jenem Herrn Pfeffer hinaufgehen und sehen, wie Alles
steht.«
»Ach, mein bester, herrlichster Herr Graf, wenn Sie das für mich thun
wollten -- sehen Sie, schicken Sie mich nachher durch die Hölle, wie
den seligen Tamino durch Feuer und Wasser, wohin Sie wollen, ich springe
mitten hinein!«
»Aber Alles kann ich doch nicht thun, Jeremias,« sagte Rottack, »ja,
im Gegentheil würde meine Gegenwart später nur störend sein -- nachher
müssen Sie allein gehen.«
»Ja gewiß, mit dem größten Vergnügen!« rief der kleine Mann, dem
der Angstschweiß auf der Stirn stand -- »erzählen Sie nur vorher die
Geschichte; sagen Sie ihr, wie ich geschafft und gearbeitet habe und ein
ordentlicher Kerl geworden bin, und bitten Sie, daß sie -- nicht mehr
böse auf mich ist. und mir wenigstens erlaubt, ihr zu helfen.«
»Sie hatten ein Kind, Jeremias?«
»Ja, ein Mädchen,« sagte dieser kleinlaut.
»Sie wird herangewachsen sein -- und kennt den Vater nicht einmal.«
»Lieber, bester Herr Graf, thun Sie mir den einzigen Gefallen und reden
Sie nichts weiter, ich verliere sonst das kleine bischen Verstand -- es
ist wahrhaftig nicht viel, was mir noch übrig geblieben ist -- gehen Sie
hinauf, ich werde indessen hier unten auf und ab laufen.«
»Aber wo ist denn das Haus?«
»Hier muß es irgendwo sein, dies ist wenigstens die Straße, und --
holla, sehen Sie wohl, Sie hatten Recht -- da brennt meine orangefarbene
Schwägerin eben hinein -- ich kenne sie an der Haartour -- glücklicher
Weise hat sie uns nicht gesehen.«
»Gut, dann will ich ihr wenigstens Zeit lassen, das Eis zu brechen,«
lächelte Rottack; »kommen Sie, wir wollen erst noch einmal die Straße
hinab und wieder zurück gehen, und nachher besuche ich Ihre Verwandten.«
»Und ich laufe unterdessen hier Spießruthen.«
»Das fällt zu sehr auf. Dort drüben ist ein Bierlocal, gehen Sie da
hinein und setzen Sie sich an's Fenster, daß Sie die Thür im Auge
behalten.«
»Das ist recht,« sagte Jeremias, mit Allem einverstanden, was ihm nur
das erste Bahnbrechen seines schweren Schrittes ersparte, und als sie
Fräulein Bassini hinlänglich Zeit gelassen zu haben glaubten, ihre
Neuigkeit anzubringen, und zu dem Eingang des Hauses zurückkehrten,
trat Graf Rottack seinen nicht eben leichten Gang an. Jeremias aber,
dem erlassenen Rath zufolge, postirte sich an das innere Fenster des
benachbarten Wirthshauses und trank in Gedanken und Herzensangst ein
Glas Bier nach dem andern.
Der junge Graf stieg indessen langsam die Treppe hinauf. Unten im Hause
hatte er schon erfahren, daß Herr Pfeffer im zweiten Stock wohne, und
wie er dort oben den Vorsaal erreichte, wußte er augenblicklich,
wohin er sich zu wenden habe, als er das überraschte Gesicht und
die orangefarbene Gestalt der Dame in der freilich gleich wieder
zugeschlagenen Thür entdeckte.
Rottack war aber nicht der Mann, um schüchtern eine Einladung
abzuwarten. Er ging ohne Weiteres auf die Thür zu, klopfte an und
öffnete dieselbe auf das laute, etwas barsche »Herein!« Pfeffer's.
Dieser hatte nämlich keine Zeit gehabt, in sein Zimmer zu gehen und
den alten Schlafrock auszuziehen, da er vorher erst den Vorsaal
hätte passiren müssen, und drückte sich nun, als der Fremde eintrat,
vorsichtig an der Wand hin, um diesen Fehler so rasch als möglich zu
verbessern. Der Schlafrock war wirklich in gar zu desolaten Umständen.
»Ich habe das Vergnügen, mit Herrn Pfeffer zu sprechen? Ah, mein
Fräulein, ich hatte schon vorher die Ehre...«
»Ja, mein Herr,« sagte Pfeffer, der sich hier keine Blöße geben durfte,
»mein Name ist Pfeffer -- Fürchtegott Pfeffer.«
»Und Ihre Frau Gemahlin? -- Bitte, bleiben Sie liegen, Madame, ich
möchte um Alles in der Welt Sie nicht derangiren, und muß so schon um
Verzeihung bitten, so ohne Weiteres eingetreten zu sein!«
»Bitte -- nein, nicht meine Frau, meine Schwester Auguste -- dies meine
Schwester Lise -- Elise wollt' ich sagen -- dort meine Nichte Henriette
-- mit wem hab' ich die Ehre?«
»Mein Name ist Rottack, und wenn ich mich hier in eine
Familienangelegenheit dränge -- denn ich darf wohl annehmen, daß Ihnen
das Fräulein hier schon die Ursache meines Besuches mitgetheilt hat --
so mag mich das entschuldigen, daß ich es in bester Absicht und in der
Hoffnung thue, einen günstigen Erfolg für beide Theile zu erzielen.«
»Aber wollen Sie sich nicht setzen, Herr Graf?« rief Fräulein Bassini
und schritt nach dem Fenster zu, um dort einen leeren Stuhl zu holen.
»Pardon, mein gnädiges Fräulein!« rief Rottack und sprang ihr zuvor,
während Pfeffer ein sauer-komisches Gesicht bei dem Worte »gnädiges«
zog, den Moment aber auch benutzte, zur Thür hinaus zu fahren -- »Sie
erlauben mir wohl...«
Er hatte den Stuhl erfaßt, als sein Blick auf die Arbeit Henriettens
fiel, die neben ihrem Arbeitstisch in ängstlicher Spannung aufgestanden
war.
»Ah, mein liebes Fräulein, wie reizend und geschmackvoll Sie arbeiten!
Die Blumen könnten wahrhaftig eben so gut in Paris gemacht sein -- der
Kranz ist prachtvoll!«
»Sie sind zu gütig, Herr -- Graf,« flüsterte Henriette beschämt und tief
erröthend -- »ich habe sehr rasch daran arbeiten müssen.«
»Wirklich vortrefflich,« fuhr Rottack fort, den Schmuck aufnehmend und
gegen das Licht haltend.
»Nicht wahr, Jettchen arbeitet hübsch?« sagte Fräulein Bassini, die
ebenfalls zum Tisch getreten war und sich in dem Lobe der Nichte mit
geschmeichelt fühlte -- »ja, das macht ihr Keine hier nach -- und so
rasch, Sie glauben es gar nicht!«
»Dürfte ich da Ihre Zeit wohl auch einmal in Anspruch nehmen, mein
liebes Fräulein,« sagte der junge Mann, »und Sie um einen Kranz von
diesen Veilchen und solchen Maiblumen bitten? Ich weiß, daß ich große
Freude damit anrichten würde.«
»Ja, Herr Graf,« sagte in dem Augenblick Pfeffer, der mit einer noch
nie entwickelten Schnelligkeit seinen drüben mitten in's Zimmer
geschleuderten Schlafrock abgeworfen und den langen braunen Rock
angezogen hatte -- »aber nur jetzt nicht; das Mädel hat sich schon halb
caput zu dem verdammten Ball gearbeitet...«
»Ich werde Sie nicht drängen,« lächelte Rottack, »und wenn ich den Kranz
erst in vier oder sechs Wochen bekomme.«
»Sie sollen ihn noch früher haben,« lächelte Henriette freundlich; »nur
die nächsten Tage bin ich so sehr beschäftigt.«
»Und was war es nun, Herr Graf, was Sie uns zu sagen wünschten?« platzte
Fräulein Bassini heraus, die ihre Ungeduld, das erwartete Geheimniß zu
hören, nicht länger bezähmen konnte.
»Sie haben Recht, mein Fräulein,« sagte Rottack ernst. »Herr Pfeffer,
ich habe Ihrer Frau Schwester eine wichtige Mittheilung zu machen, was
eigentlich unter vier Augen geschehen sollte; da aber die arme Dame
leidend ist, so erbitte ich mir Fräulein Henriettens -- nicht wahr, das
war der Name der jungen Dame? -- Fräulein Henriettens Gegenwart dazu
aus, da sie ja selber mit interessirt dabei ist.«
»Sehr wohl, Herr Graf,« sagte Pfeffer, der die Andeutung nicht
mißverstehen konnte -- »na, komm so lange mit zu mir hinüber, Lise.«
»Aber wir gehören doch eigentlich mit zur Familie!« rief Fräulein
Bassini, von dem Gedanken empört, daß sie schon wieder nichts erfahren
sollte.
»Na, komm nur, Alte,« lachte Pfeffer, »das hilft Dir nichts, ich lasse
Dich drüben nicht einmal horchen -- aber noch Eins, Herr Graf -- bitte,
machen Sie's kurz und regen Sie mir die Guste nicht zu sehr auf; sie
zittert jetzt schon am ganzen Leibe!«
»Ich habe ihr nichts Trauriges mitzutheilen, mein lieber Herr,« sagte
Rottack freundlich -- »seien Sie versichert, daß Alles, was ich zu sagen
habe, auf die schonendste Weise gesagt werden wird.«
»=Bon,=« sagte Pfeffer, und Fräulein Bassini -- die doch nicht mit
Gewalt da bleiben konnte, obgleich sie einmal nicht übel Lust dazu zu
haben schien -- bei der Hand nehmend, verließ er mit ihr das Zimmer.
»Jettchen!« rief die Frau.
»Meine liebe, liebe Mutter!« rief Henriette, flog an ihre Seite und
kniete vor ihr am Sopha nieder.
»Beruhigen Sie sich, verehrte Frau,« sagte Rottack herzlich, »ich habe
Ihnen eine recht gute Mittheilung zu machen. So erfahren Sie denn vor
allen Dingen, daß ich Ihre Familienverhältnisse genau kenne und sogar
persönlich befreundet mit ihrem geschiedenen Manne bin...«
»Und er lebt?« sagte die Frau zitternd.
»Er lebt,« nickte Rottack freundlich, »und hat nicht allein seine
frühere übereilte Handlung tief und aufrichtig bereut, sondern auch
Alles gethan, was in seinen Kräften steht, um sie, so weit es irgend
möglich ist, wieder gut zu machen.«
»Und so lange Jahre habe ich nichts von ihm gehört -- hat er nicht ein
einziges Mal nach seinem Kind gefragt?«
»Meine liebe, gute Mutter, rege Dich nur nicht auf!«
»Aber wo ist er?« fragte die Frau -- »wird er nie wieder nach
Deutschland zurückkommen?«
»Würden Sie ihm verzeihen, wenn er wiederkehrte?«
»Was kann ich ihm verzeihen,« sagte die Frau traurig -- »wir waren Beide
damals jung und unerfahren, trugen Beide wohl vielleicht gleichviel
Schuld -- ich -- hatte mir nur nie gedacht, daß er mich so ganz
vergessen könnte.«
»Und wenn ich Ihnen sage, daß er Sie nicht vergessen, daß er da drüben
im fremden Land geschafft und gearbeitet hat wie ein braver, ehrlicher
Mann, daß es ihm anfangs sauer, recht sauer wurde, daß er sich aber
keine Mühe verdrießen ließ, bis er endlich doch seinen Zweck erreichte
und nicht allein durch eisernen Fleiß, sondern auch glückliche
Speculation und Umsicht ein Vermögen erwarb, mit dem er anständig hier
in Deutschland leben könnte?...«
»Und in seinem Glück hat er unserer gedacht?« sagte die Frau leise und
faltete wie unwillkürlich die Hände.
»Mehr als das,« fuhr Rottack herzlich fort; »es ließ ihm drüben in
Brasilien keine Ruhe. Immer stand das Bild seiner verlassenen Familie
vor ihm, und wie er sich endlich ein freier, unabhängiger Mann wußte,
verließ er die Fremde und kehrte nach Deutschland zurück.«
»Er ist hier?« rief Henriette rasch, und die Frau deckte ihr bleiches
Antlitz mit den Händen.
»Er ist hier,« sagte Rottack leise, »hier in der Stadt, und hat mich,
der ihn drüben in Brasilien kennen lernte, zu Ihnen hergesandt, um Sie
zu fragen, ob Sie ihm verzeihen wollen -- ob er sein Kind wiedersehen
darf.«
Henriette hatte ihr Antlitz an der Mutter Schulter geborgen, und diese
antwortete nicht; sie lag still und regungslos, aber die großen, hellen
Thränen liefen ihr, unter den Fingern weg, an den bleichen Schläfen
nieder und netzten das Kissen, auf dem sie lag.
»Nicht wahr, der Vater darf wiederkommen, liebe, liebe Mutter?« bat das
Kind, indem sie die Weinende heftig umschlang -- »hast Das nicht manche
lange Nacht in Thränen zugebracht, daß er fort war, und mir oft gesagt,
wie er sich freuen würde, wenn er mich, sein Jettchen, einmal sehen
könnte? -- Und dann wird es Dir auch besser gehen,« flüsterte sie ihr
leise zu, »Du wirst gesund und kräftig werden und brauchst keine Sorge
mehr zu tragen, Dir nichts mehr versagen, wie doch so oft bisher...«
Die Frau nahm die Hände von den Augen, öffnete ihre Arme, umschloß ihr
Kind damit und preßte die Lippen auf ihre heiße Stirn.
»Ja, mein Kind,« sagte sie dabei leise, »er darf wiederkommen -- wir
haben Beide recht viel ohne einander ausgestanden, recht viel, der Eine
mehr, der Andere weniger -- aber wir haben uns doch einmal geliebt, und
es ist gut, wenn wir da nicht in Groll von einander scheiden.«
»Meine liebe, gute, gute Mutter!«
»Aber nicht heute,« fuhr die Mutter fort, »nicht heute -- die Nachricht
hat mich doch zu sehr angegriffen -- ich würde es vielleicht nicht
ertragen, oder Jeremias doch zu sehr erschrecken, wenn er mich gar so
elend fände -- heute nicht, aber morgen früh. Es ist besser so für uns
Beide -- wir haben Beide Zeit, uns zu sammeln und darauf vorzubereiten
-- nicht wahr, er kommt nicht heute, lieber Herr?«
»Er soll heute nicht kommen, verehrte Frau,« sagte Rottack, der mit
inniger Rührung die Bewegung von Mutter und Tochter beobachtet hatte,
aber Zartgefühl genug besaß, um kein Wort da hinein zu reden. »Sie
dürfen sich nicht zu sehr anstrengen und aufregen, aber seien Sie auch
versichert, daß Sie Ihre Freundlichkeit nicht bereuen werden. Jeremias
ist ein braver, tüchtiger Mann geworden, älter zwar und ziemlich
wohlbeleibt -- wenn Sie noch ein anderes Bild von ihm in der Erinnerung
tragen --, aber durchaus brav und ehrlich, und er könnte glücklich sein,
wenn ihn die Reue über das Vergangene nicht bis jetzt hätte zu keinem
Frieden kommen lassen.«
Henriette hatte, während er sprach, zu ihm aufgesehen, und freudige
Dankbarkeit über die guten Worte glänzte dabei in ihren Zügen.
»Und wie sollen wir Ihnen je dafür danken, daß Sie sich fremder, armer
Leute mit solcher Liebe und Güte annehmen?« sagte sie herzlich.
»Mir, mein liebes Fräulein, haben Sie gar nicht zu danken,« lächelte
Rottack; »es ist einmal meine Bestimmung auf der Welt, mich eigentlich
um lauter Sachen zu bekümmern, die mich gar nichts angehen, und um so
mehr durfte ich hier die Hand bieten, wo ich Ihren Vater seit langen
Jahren kenne und in seinem Wirken und Schaffen beobachtet habe, ohne
freilich damals zu ahnen, welchen Verpflichtungen er sich hier entzog.
Und darf ich ihm jetzt wenigstens einen Gruß von Ihnen bringen?«
»Oh, einen recht herzlichen!« rief Henriette.
»Er mag kommen,« nickte die Frau, »morgen früh um zehn Uhr -- nicht
früher -- ich will ihn dann erwarten. Grüßen Sie ihn auch von mir,
lieber Herr, sagen Sie ihm aber auch, wie Sie die _junge_ Frau, die er
verlassen hat, wiedergefunden haben -- er soll nicht erschrecken -- ich
bin recht alt und schwach in den Jahren geworden.«
»Aber jetzt wirst Du wieder gesund werden, Mütterchen.«
»Wir wollen's hoffen, Kind,« sagte die Frau leise.
»Und jetzt überlasse ich Sie sich selber,« rief Rottack, »und wenn Sie
mir erlauben, komme ich später noch einmal mit Freund Jeremias her,
um zu sehen, wie es Ihnen geht, und -- um mich nach dem Kranze zu
erkundigen, mein liebes Fräulein.«
»Und den Vater?«
»Schicke ich Ihnen morgen früh um zehn Uhr mit dem Glockenschlage.«
Und damit hatte er seinen Hut aufgegriffen und das Zimmer schon
verlassen, ehe die Frau noch einmal recht wußte, daß er gegangen war.
Kaum trat er aber unten aus dem Hause auf die Straße, so sah er auch,
wie Jeremias am Fenster drin in die Höhe fuhr, und er schritt jetzt,
um nicht von oben aus noch vielleicht beobachtet zu werden, rasch die
Straße hinab, wo ihn der ihn Erwartende schon leicht einholen konnte.
Dieser kam aber noch nicht so rasch aus dem Haus hinaus. Wie er den
jungen Grafen nur aus der Thür kommen sah, von welcher er die ganze
Zeit kein Auge verwandt, sprang er in die Höhe, griff seinen Hut auf und
wollte, alles Andere vergessend, aus der Thür hinausfahren.
»Holla,« rief da der Kellner, ihm rasch in den Weg springend, »erst
bezahlen und dann fortlaufen!«
»Ja so,« sagte Jeremias ganz bestürzt, »das hätte ich beinahe
vergessen.«
»Ja wohl, kennen wir schon,« lächelte der unverschämte Bursche
-- »merkwürdig, was die Leute jetzt beim Jahrmarkt für ein kurzes
Gedächtniß -- na, aber,« brach er kurz und erstaunt ab, als ihm
Jeremias, ohne sich weiter mit ihm aufzuhalten, ein Zehngroschenstück in
die Hand drückte, ihn bei Seite schob und aus der Thür schoß -- »er wird
doch nicht...« -- und mißtrauisch sah er sich überall an der Stelle, wo
der Fremde gesessen hatte, nach den verschiedenen Gegenständen um, ob
er nicht vielleicht »in der Eile« etwas mitgenommen hatte -- aber es
war noch Alles in Ordnung: das Feuerzeug stand, die Zeitung lag auf dem
Tisch, ein Stuhl fehlte auch nicht, Röcke und Hüte hingen dort nicht am
Fenster. Der Kellner schüttelte mit dem Kopf, war aber doch vorsichtig
genug, das Zehngroschenstück, welches sich ebenfalls als ächt erwies, zu
wechseln und nur den wirklich verzehrten Betrag des sonderbaren Fremden
an der Kasse abzuliefern.
Jeremias hatte sich indeß kaum losgemacht, als er schon wie ein Wetter
hinter dem davoneilenden Rottack herschoß.
»Waren Sie oben?«
»Allerdings -- kommen Sie erst mit um diese Ecke, Jeremias, daß wir
vom Hause aus nicht mehr gesehen werden können -- so, jetzt dürfen wir
langsam gehen. Ich war oben, Freund, und habe Ihre Frau -- und Tochter
gesprochen.«
»Meine Tochter!« seufzte der kleine Mann aus tiefster Brust -- »wie --
wie merkwürdig das klingt -- meine Tochter -- und darf ich hinauf?«
»Ja -- aber nicht heute.«
»Gott sei Dank!« stöhnte Jeremias, dem damit ein ordentlicher Stein
von der Brust fiel -- »heute hätte ich's auch nicht ausgehalten, die
Aufregung war zu groß. Aber wie sah sie aus, lieber, bester Herr Graf?«
»Recht leidend, Jeremias, recht krank und elend, wozu auch vielleicht
die Erregung des Augenblicks mit beigetragen hat. Aber sie freute sich
darauf, Sie wiederzusehen.«
»Sie freute sich?«
»Ja, und Ihre Tochter ist ein liebes, herziges Kind, das heißt, kein
Kind mehr, sondern ein großes, erwachsenes, hübsches Mädchen.«
»Ein hübsches,« sagte Jeremias kleinlaut.
»Ja, gewiß,« lächelte Rottack, »und außerordentlich geschickt im
Blumenmachen, womit sie sich ernährt zu haben scheint. In ihrem Zimmer
sah es dabei so nett und sauber aus, wie in einem Puppenstübchen,
ärmlich zwar, aber deshalb nicht minder freundlich.«
»Und morgen?«
»Punkt zehn Uhr morgen früh sind Sie oben -- ich habe ihnen das
versprochen, denn ich kann bei der Sache nun nichts weiter thun, und um
zwei oder drei Uhr kommen Sie dann bei mir vor und sagen mir Antwort,
wie Alles abgelaufen.«
»Ach, Du lieber Gott,« seufzte Jeremias, »wenn es doch erst zwei
oder drei Uhr wäre, und -- was ich noch gleich fragen wollte, die
orangefarbene Schwägerin war auch da?«
»Ja, aber ich schickte sie aus dem Zimmer.«
»Und was sagte Pfeffer?«
»Herr Pfeffer scheint ein komischer Kauz zu sein, aber ich glaube, daß
Sie sich mit ihm vertragen werden -- und nun Ade, Jeremias, ich habe
selber zu Hause zu thun und schon zu viel Zeit hier versäumt.«
»Lieber Herr Graf, wenn Sie einmal in ähnliche Verlegenheit...«
»Ich hoffe nicht, Jeremias,« lachte der Graf Rottack laut auf, »wenn
aber, so sollen Sie mein Vermittler sein, das verspreche ich Ihnen,« und
dem kleinen Mann die Hand zum Abschied reichend, schritt er rasch die
Straße hinab.
Jeremias folgte der andern Richtung, um in das Hotel zurückzukehren, wo
er augenblicklich wohnte, als ihm plötzlich Jemand in die Ohren schrie:
»Nun, haben Sie die Dame gefunden?«
»Hurrjeh,« sagte der kleine Mann zusammenfahrend, »haben Sie mich
erschreckt -- ja so, Sie sind der Herr von heute Morgen mit dem
Ballanzuge.«
»Ja,« schrie der Mann wieder -- »haben Sie die Dame getroffen?«
»Allerdings, mein lieber Herr,« sagte Jeremias schüchtern, denn die
Leute blieben schon stehen, weil sie glaubten, daß sich dort ein paar
zankten, »aber ich muß Ihnen bemerken, daß ich gar nicht taub bin; ich
höre vortrefflich, Sie brauchen deshalb nicht so laut zu reden.«
»Thu' ich auch nicht Ihretwegen,« schrie der Mann wieder, »sondern
meinetwegen!«
»Ihretwegen?«
»Nein, meinetwegen!« brüllte der entsetzliche Mensch jetzt ordentlich --
»ich bin der Souffleur beim hiesigen Theater!«
»Na, das nehmen Sie mir aber nicht übel,« sagte Jeremias -- »wenn Sie da
auch so schreien...«
»Das ist ja eben der Teufel,« rief der Mann wieder -- »wenn man den
ganzen Tag Probe und Abends Aufführung hat und nun in einem fort
flüstern und zischeln muß, dann thut's Einem nachher um so wohler, wenn
man einmal ordentlich schreien darf! Ich kriegte eine Gemüthskrankheit,
wenn ich mich über Tag nicht manchmal ausschreien könnte!«
»So,« sagte Jeremias, »also deshalb?«
»Wo gehen Sie denn hin? -- können vielleicht ein Glas Bier zusammen
trinken.«
»Danke Ihnen sehr!« rief Jeremias, von der Idee erschreckt, seinen
Nachmittag mit dem Schreier zuzubringen -- »ich bin augenblicklich
gerade beschäftigt.«
»So?« schrie der Mann wieder -- »na, dann -- leben Sie recht wohl!« und
mit den Worten nickte er ihm zu und trat in das nächste Eckhaus, das auf
einem Schilde draußen »Baierisch Bier« versprach.
11.
Am alten Wartthurm.
An dem Nachmittag war es recht still im Monford'schen Park. Graf und
Gräfin hatten eine Einladung in die Stadt angenommen, der sich Paula
durch vorgeschützte Kopfschmerzen entzog, und Georg ritt schon gleich
nach dem Diner auf ein benachbartes Gut -- angeblich um ein dort
neugekauftes Pferd zu sehen, in Wirklichkeit aber, um die Mitwirkung
des ihm befreundeten Gutsherrn zu der theatralischen Vorstellung am
Verlobungsabend zu erbitten.
Die Verlobung war nämlich fest bestimmt worden. Paula hatte allerdings
noch, selbst an dem Morgen, einen Versuch gemacht, die Eltern wenigstens
um Aufschub eines so entscheidenden Schrittes zu bitten, aber umsonst.
Die Mutter -- heute finsterer und unnahbarer als je -- hatte sie kurz
abgewiesen, und der Vater sie einfach gefragt, welchen Grund sie
für einen solchen Aufschub angeben könne, und sie dann nicht gewagt,
Handor's Namen zu nennen. Wußte sie doch auch nur zu gut, mit welcher
Entrüstung, mit welchem Zorn nur die Andeutung eines solchen Eidams von
den stolzen Eltern zurückgewiesen worden wäre. Ließen ja doch Beide die
Ansprüche des Herzens nicht gelten, wo die Ehre ihrer Familie, wie sie
meinten, auf dem Spiele stand.
Nicht einmal ein Bürgerlicher hätte wagen dürfen, um die Hand der
reichsten Grafentochter des Landes zu werben, viel weniger denn ein
Schauspieler, die der Graf selber -- so wenig er sich sonst auch
dem Fortschritt der Zeit verschlossen zeigte -- noch immer als eine
untergeordnete Menschenklasse betrachtete, so daß es sogar damals
Schwierigkeiten gehabt hatte, seine Erlaubniß zu erhalten,
wirkliche Schauspieler zu den Proben ihres kleinen Liebhabertheaters
heranzuziehen. An den betreffenden Abenden durften sie aber nie
eingeladen werden.
Paula war recht unglücklich und erwartete unter Zittern und Bangen
den Abend; wußte sie doch schon im Voraus, in welcher Verzweiflung ihr
Rudolph sein würde -- und was konnte sie ihm sagen, wie ihn trösten.
Draußen im Park schaffte und arbeitete der alte Gärtner Jonas, der als
Knabe, ja, fast als Kind in den Dienst des Vaters der Gräfin gekommen
und dann später mit ihr hierher übergesiedelt war. Er galt als eine Art
von altem Inventar im Hause, und so stolz die Gräfin selber auch nur
die geringste Unterhaltung mit ihren Dienstboten vermied, mit dem alten
Jonas plauderte sie oft, wenn sie in den Park kam und ihn bei seiner
Arbeit traf, fragte ihn, wie es ihm ginge und was er treibe, und gab ihm
auch wohl manchmal ein Stück Geld, um sich eine Extragüte daran zu thun.
Der alte Mann hing deshalb auch mit großer Liebe und Verehrung an ihr.
Jonas war heute beschäftigt, die aufgeblühten Blumentrauben von den
verschiedenen Büschen und Rosensträuchen abzuschneiden und die Wege
unmittelbar um das Schloß herum wieder auszurechen, denn die Aufsicht
im Park selber hatte sein Untergebener, ein Gärtnerbursche. Wie er noch
daran war, kam der Förster Mäder, die Flinte auf dem Rücken, die kurze
Pfeife im Mund, mitten durch die Büsche heraufgestiegen und sah sich
hier, ehe er den Alten bemerkte, überall in den Wegen selber aufmerksam
um. Aber da war schon jede, sonst vielleicht mögliche Spur durch den
Rechen des alten Mannes verwischt und ausgeglichen worden, und der
Förster zerbiß einen Fluch über seiner Pfeifenspitze. Eben wollte er
sich auch wenden und den Weg hinuntergehen, als er den Alten entdeckte,
der mit seiner kurzen Leiter oben in einem Busche emsig beschäftigt war.
»Heh, Jonas,« redete er diesen an, »Ihr kriecht doch manchmal noch nach
Dunkelwerden im Park herum, habt Ihr denn nie etwas bemerkt, daß sich
hier noch Gesindel nach der Zeit in den Büschen aufhielt?«
»Guten Abend, Herr Förster!« nickte ihm der Alte zu; »ja, ein recht
schöner Abend heute.«
»Tauber Esel!« brummte der Förster ergrimmt in den Bart, denn er schien
eben nicht besonders guter Laune, und wiederholte dann die Frage mit
lauter, fast schreiender Stimme, wobei er dicht unter die Leiter trat.
Der Alte schüttelte mit dem Kopf. »Nein, mein guter Herr Förster,« sagte
er ruhig, »Gesindel darf hier schon gar nicht in den Park hinein, die
wollten wir bald wieder hinaus haben. Der Einzige, der manchmal noch
Abends, wenn ich hier durch ging, herumkroch, war der alte Fritz,
welcher nach seinen Fallen sah.«
»Ja, das ist gerade der Rechte.«
»Ja, der hatte das Recht dazu,« nickte der alte Gärtner, »und weiter
weiß ich Niemand. Dem hat es aber der Herr Graf auch heute verboten, wie
er mir mitgetheilt, ehe er fortfuhr. Er soll nach Sonnenuntergang nicht
mehr auf herrschaftliche Grundstücke, was den Maulwürfen wahrscheinlich
sehr angenehm sein wird; wie es nachher aber den Wiesen ergeht, ist eine
andere Sache.«
»Das ist aber gerade der Lump, der mir meine Fasanen wegfängt!« rief der
Förster.
Der alte Mann schüttelte mit dem Kopf.
»Nein,« sagte er, »die Fasanen thun den Wiesen nichts; im Gegentheil
fangen sie die Grashüpfer weg und sind auch sonst artige Thiere.«
»Herr Gott von Danzig,« fluchte der Forstmann still vor sich hin, »ob
das nicht gerade genug ist, um den Verstand zu verlieren!« -- Und um
sich nur nicht länger zu ärgern, fuhr er wieder zurück in das Gebüsch
und schritt an dem Bergabhang hin der Wiese zu.
Der Förster hatte in der That heute einen ganz ingrimmigen Zorn, und
auch vielleicht mit Recht, denn er konnte es sich nicht verhehlen, daß
auf seinem Revier gewildert wurde, und war doch auch nicht im Stande,
den Frevler zu erwischen, so viel Mühe er sich deshalb schon gegeben.
Er wohnte freilich auch dazu entsetzlich unbequem, denn die eigentliche
Jagd des Grafen, ein großes, sehr bedeutendes Waldgehege, stieß nicht
einmal an die Stadt, sondern begann erst an dem nächsten Dorf, dessen
Gemarkung allerdings an die Stadtflur grenzte. Dort befand sich ein sehr
bedeutender Rehstand und ein Thiergarten mit Roth- und Damwild. Nur
eine kleine Fasanerie war unmittelbar am Schloß in einem Kieferndickicht
angelegt, und die Fasanen machten dem Förster mehr Mühe und Arbeit,
als sein ganzer übriger Wildstand zusammen; denn der Fasan ist ein
zutraulich dummer Vogel, der leicht dem vierbeinigen wie zweibeinigen
Raubzeug zum Opfer fällt.
Heute aber hatte er wieder einmal ganz unleugbare Beweise gefunden, daß
ihm irgend Jemand mußte einen Besuch bei den Fasanen abgestattet haben;
denn nicht allein daß er schon seit einiger Zeit bedenklich viel
Federn in dem kleinen Dickicht gefunden, wo sie hauptsächlich Abends
aufbäumten, nein, heute traf er sogar einen augenscheinlich kranken
Isabellenhahn, der nicht mehr fort konnte und den ihm sein Hund
apportirte, und als er ihn untersuchte, hatte er eine große Fischangel
im Körper sitzen, an der noch ein abgerissenes Stück Bindfaden befestigt
war.
Wenn er sich nun auch vergebens den Kopf zerbrach, wie um Gottes willen
Jemand Fasanen mit der Angelruthe fangen könnte, so blieb es doch keinem
Zweifel unterworfen, daß irgend ein nichtsnutziger Geselle hier die Hand
im Spiel habe. -- Und nun gerade einen Isabellenhahn, von denen der Graf
nur drei Stück um theures Geld gekauft und die ihm selber auf die Seele
gebunden waren, weil die Frau Gräfin sie so gern hatte! Aber was, um's
Himmels willen, ließ sich bei der Sache thun?
Er suchte allerdings das ganze Gehölz auf das Sorgfältigste ab, ob er
nicht irgend etwas finden könne, was ihm einen Anhalt geben mochte --
denn daß der nichtswürdige Maulwurfsfänger dazwischen stecke, glaubte er
sicher --, aber umsonst. War der es gewesen, so fing er die Sache auch
überhaupt viel zu schlau an, um sich so leicht zu verrathen, und es
blieb ihm nichts Anderes übrig, als von jetzt an seine Wachsamkeit zu
verdoppeln und doch vielleicht einmal den Frevler auf frischer That zu
ertappen. -- »Aber nachher freu' Dich!« dachte er bei sich und ballte
dazu in Gedanken die Faust nach der Wiese zu, auf welcher der Mann
gewöhnlich wirthschaftete und wo er ihn auch noch vor kaum einer Stunde
gesehen hatte.
Den Weg herüber vom Schlosse kam Paula, langsam und das liebe, sonst
so fröhliche Antlitz in recht ernste, schmerzliche Falten gelegt. Sie
betrat die kleine Terrasse, ohne den alten Gärtner, der noch immer da
oben in seinem Busche steckte, nur zu sehen, und schritt auf die niedere
Mauer zu, als dessen freundliches: »Gott grüße Sie, gnädige Comtesse!«
sie ordentlich zusammenfahren machte.
»Ach, Jonas, wie habt Ihr mich erschreckt!« sagte sie lächelnd. »Was
macht Ihr denn da oben?«
»Ja, ich bin gleich fertig, gnädige Comtesse,« sagte der Alte,
freundlich sein Mützchen dabei rückend; »das Uebrige mag bis morgen
bleiben, denn ich muß auch noch die Blumenstöcke am Schlosse nachsehen
und die abgeblühten fortnehmen.«
Dabei stieg er von seiner Leiter herunter und hob sich diese auf die
Schulter, um nach vorn zu gehen; aber er blieb doch noch einmal neben
der jungen Dame stehen, für die er all' die Zärtlichkeit empfand, welche
nur ein alter Diener eines Hauses für ein Kind empfinden kann, das unter
seinen Augen aufgewachsen ist.
»Und wie geht es sonst, Jonas?« fragte Paula freundlich.
»Ach ja, zu thun giebt's immer, gnädige Comtesse,« nickte ihr der alte
Mann lächelnd zu; »in einem so großen Garten reißt's nicht ab das ganze
Jahr lang Winter und Sommer.«
»Aber ich dächte, mit dem Gehör ging es recht schlecht, Jonas,« sagte
Paula, indem sie sich dicht zu seinem Ohr bog und sehr laut sprach.
»Ach nein, gnädige Comtesse,« lächelte der alte Mann, mit dem Kopf
schüttelnd; »ich habe mich vorher mit dem Förster eine ganze Weile
unterhalten und jedes Wort verstanden; es macht sich doch noch immer.
Freilich, so gut ist's nicht mehr, wie früher. Aber mit Ihnen geht's
desto besser. Lieber Gott, wenn ich dran denke, wie Sie hier an der
nämlichen Stelle manchmal um mich her im Sand herumkrochen und mit dem
großen Neufundländer Hund spielten, den der gnädige Herr Graf damals
hatte -- armer Tyras, dort drüben unter dem Goldregenbusch haben wir
ihn begraben! Ja, wie die Zeit vergeht, und jetzt sind Sie so groß und
hübsch herangewachsen und eine vornehme Dame geworden; aber ich sehe
Sie immer noch, was Sie für ein liebes, herziges Kindchen waren, mit den
langen, blonden Locken, und manches gesegnete Mal hab' ich Sie auf
den Armen gehabt und bin dann hier mit Ihnen um den alten Thurm
herumgaloppirt.«
»Mein alter, guter Jonas!« sagte Paula gerührt; »ja, ich weiß mich
selber noch recht gut auf Tyras zu besinnen.«
»Na,« lachte der alte Mann, »die gnädige Frau Mama hatte es freilich
manchmal nicht gern, wenn wir zu sehr mitsammen tollten, aber dann hat
sie doch auch wieder darüber gelacht.«
Paula sah wohl, daß mit dem alten Mann kein Gespräch mehr zu führen
war, mochte ihm aber auch nicht weh thun, nickte ihm freundlich zu und
schritt dann zu der Mauer, an der sie stehen blieb und sinnend nach der
Stadt hinuntersah. Nur manchmal drehte sie sich nach dem Alten um, der
noch immer mit seinem Handwerksgeräth herumwirthschaftete, bis er die
Leiter endlich wieder schulterte und mit einem: »Na, Gott behüt' Sie,
gnädige Comtesse!« den Kiesweg hinabschritt.
Kaum war er fort, als sie wieder ein kleines Zettelchen aus ihrer Tasche
nahm, dasselbe zusammenfaltete, sich vorsichtig noch einmal überall
umschaute, und es dann an dieselbe Stelle schob, von der sie heute
Morgen das rosafarbene Papier genommen. Dann schritt sie langsam wieder
und recht schwer aufseufzend in das Haus zurück.
Der Nachmittag verging so, der Abend dämmerte und um das Haus im Park
begannen die Vögel sich zu ihrer Nachtruhe vorzubereiten. Die Amsel,
welche den ganzen Tag geschwiegen und mit eisernem Fleiße Futter
für sich und die junge Brut zusammengesucht, begann ihr reizendes,
melodisches Lied, das sie noch, wie ein Nachtgebet, schmetternd von
der höchsten Spitze eines Blüthenbusches hinausjubelte. Hier und da
zwitscherte ein Rothkehlchen, um die Gefährtin herbeizurufen und mit ihr
gemeinsam den geschützten Platz in irgend einem Gesträuch aufzusuchen,
wo sie Nachts nicht von einer gefräßigen und lichtscheuen Eule gefunden
werden konnten. Jetzt flatterte ein großer, schwerer Vogel, es war ein
Fasanenhahn, der sich in einen der jungen Bäume hinaufschwang und
dann mit thörichtem Spectakel, Schreien und Glucksen der Nachbarschaft
verkündete, daß er glücklich oben angekommen wäre, und wo er die Nacht
schlafen würde. Er hörte auch nicht eher mit Lärmmachen auf, bis er sich
ordentlich zurecht gerückt und seine Federn gehörig aufgeblustert hatte.
Dann kam ein anderer und noch ein anderer, wie es dunkler wurde, und die
Fledermäuse fingen schon an, ihre Zickzacklinien zu ziehen, während noch
hoch in der Luft, und in dem dämmernden Abend selbst unsichtbar,
ein Volk Krähen mit lautem Gekreisch nach ihrem Ruheplatz, zu dem
fichtenbesetzten Bergabhange hinüberstrich.
Dann wurde es still, ganz still. Nur die Grillen zirpten noch in den
Bäumen und unten vom Schloßteiche herauf tönte das monotone, schläfrige
Quaken der Frösche. Drüben am östlichen Himmel aber hob sich voll und
majestätisch die rothglühende Mondscheibe herauf, und während sich unten
im Thal der Nebel sammelte, goß sie hier oben, als sie höher stieg, voll
und klar ihr mildes Licht über die Höhen.
Aber anderes Leben regte sich.
Den Kiesweg herauf, der durch den Park führt, trabte ein Reiter. Es
war der junge Graf George, welcher von seinem Besuch zurückkehrte, sein
Pferd dem herzuspringenden Stallknecht übergab und dann hinauf in sein
Zimmer ging.
Zu gleicher Zeit belebte sich auch der Platz am alten Thurm. Zuerst
schüttelte sich in geheimnißvoller Weise einer der Wipfel junger Bäume,
die dicht an der Mauer standen; dann wurde über dieser ein vorsichtig
gehobener Kopf sichtbar, der aber viele Minuten lang aufmerksam in
seiner Stellung verharrte und in dem Schatten der dichten Wipfel auch
kaum, selbst von der Terrasse aus, hätte erkannt werden können. Erst
als Alles ruhig blieb, regte sich die Gestalt auf's Neue, und der
Maulwurfsfänger -- dem der Graf so ernstlich den Besuch des Grundstücks
nach Dunkelwerden verboten hatte -- kroch vorsichtig über die niedere
Mauer und sprang auf den Rasenrand nieder, der die Büsche umschloß,
damit in dem aufgerechten Kiesweg seine Fußstapfen nicht sichtbar
wurden.
Irgend etwas Nichtsnutziges hatte der alte Bursche im Werk, das war
sicher, er hätte sonst nicht so scheu den dunkelsten Schatten der Bäume
gesucht und jede nur mögliche Vorsicht gebraucht, um nicht entdeckt zu
werden. So düster der kleine, baumumschlossene Platz hier auch lag, er
hielt sich nicht lange dort auf, horchte noch einmal, ob Alles sicher
war, und tauchte dann in das dichte Strauchwerk einer kleinen Tujagruppe
ein, das sich wie eine Mauer wieder hinter ihm schloß.
Und es war die höchste Zeit gewesen, daß er sich entfernt hatte, denn
kaum konnte er den Platz fünf Minuten verlassen haben, als auf dem
kleinen Pfad, der hier vom Park heraufführte, ein anderer scheuer Besuch
heranschlich, der eben so vorsichtig, wie der ihm vorausgegangene, nach
allen Seiten horchte und dann langsam den kleinen Hügel erstieg, auf
welchem der alte Thurm lag.
Der jetzige Besuch trug einen dunkeln Mantel und eine ebensolche Mütze,
und blieb, als er den obern Raum erreichte, vorsichtig stehen und
horchte wieder; aber nichts regte sich, todtenstill lag der Platz, und
nur rechts im Dickicht -- er drehte erschreckt den Kopf danach um
-- flatterte ein kleiner Vogel und strich, aufgeschreckt von seinem
Ruheplatze, ängstlich zwitschernd über die Hügelgruppe und in das
nächste Dickicht hinein.
Handor -- denn niemand Anders war der späte und heimliche Besuch --
dachte aber nicht daran, daß irgend eine Ursache das kleine Thier
erschreckt haben mußte, und daß das möglicher Weise ein Mensch sein
könne, dem er hier gerade nicht gern begegnet wäre. Er fühlte sich
vollkommen beruhigt, als er sah, daß die Ursache des Geräusches nur ein
kleiner, unschuldiger Vogel gewesen. Am Wartthurm war Niemand, und als
er sich überzeugt hatte, glitt er zu der nämlichen Stelle der Mauer, wo
Paula an jenem Nachmittag erst das kleine Zettelchen verborgen hatte.
Das fand er auch und öffnete es, aber es war nicht möglich, bei
dem ungewissen Schein des Mondes die noch dazu auf dunkles Papier
geschriebenen feinen Schriftzüge zu lesen; er schob den Zettel deshalb
in die Tasche, hüllte sich wieder in seinen Mantel und trat dann, um
seine Zeit abzuwarten, halb in das nämliche Tujagebüsch hinein, in
welchem vorher der Maulwurfsfänger verschwunden war. Aber doch nicht
so weit, daß er den freien Platz hier oben nicht vollständig hätte
übersehen können, während er beim Nahen irgend einer Gefahr im Stande
war, in dem Dickicht zu verschwinden.
So mochte er etwa eine Viertelstunde regungslos, und dem geringsten
Geräusch horchend, gestanden haben, als er plötzlich einen großen Vogel
weiter drin im Dickicht und etwas mehr den Hang hinunter flattern und
mit den Flügeln schlagen hörte. Er horchte hoch auf; das dauerte aber
kaum zehn oder zwölf Secunden, dann war wieder Alles todtenstill.
»Was nur mit den verdammten Vögeln heut Abend ist!« flüsterte Handor
leise und ärgerlich vor sich hin; »_mich_ können sie doch wahrhaftig
nicht gehört haben.«
Aber ihm blieb auch keine lange Zeit, darauf zu achten, denn im
Knirschen des Kieses hörte er einen leichten Schritt und erkannte gleich
darauf eine dunkle Gestalt, die rasch und scheu den Weg heraufkam. Jetzt
fiel das Mondlicht auf sie -- es war Paula, und im nächsten Augenblick
hielt er die Geliebte in den Armen.
Mit süßen Schmeichelworten wollte er sie begrüßen; aber Paula hatte in
diesem Moment nur Thränen, denn Angst und Aufregung, die ihre Nerven zum
Aeußersten gespannt, übertäubten bei diesem ersten Begegnen jedes andere
Gefühl.
»Mein liebes Mädchen,« flüsterte Handor, »beruhige Dich doch, ich bin
ja bei Dir, ich halte Dich ja wieder einmal in den Armen! -- Was ist Dir
denn nur, Deine ganze Gestalt zittert ja wie Espenlaub.«
»Die Angst, entdeckt zu werden, Rudolph,« bat das arme Mädchen; »oh,
zürne mir nicht, aber nur mit schwerem Herzen wagte ich den Schritt
-- nur gezwungen von der Gewalt der Eltern, die mich ihren
Standesvorurtheilen opfern wollen.«
»So ist das Furchtbare wahr?«
»Leider ja -- morgen in acht Tagen soll ich dem jungen Grafen Bolten
verlobt werden; ich habe gebeten und gefleht -- umsonst, Vater und
Mutter haben kein Erbarmen gegen ihr Kind, und mit Gewalt soll ich zum
Altar geschleppt werden!«
»Das dürfen sie nicht, Herz,« rief Handor, »das ist gegen die Gesetze
des Landes, und wenn Du Dich weigerst...«
»Aber wie darf ich, wie kann ich denn?« klagte das arme Mädchen. »Bin
ich denn im Stande, ihnen zu sagen, daß ich Dich, nur Dich liebe und nie
einem andern Manne meine Hand reichen, ihn mit einem schon vergebenen
Herzen betrügen würde?«
»Meine Paula...!«
»Ich wage es nicht,« fuhr die Grafentochter fort; »ich kenne meinen
Vater, kenne meine stolze Mutter, die mir schon den Gedanken, die Bitte
nicht vergeben würden!«
»So flieh mit mir, Geliebte!« drängte Handor. »Was hält Dich hier, wo Du
selber keine Hoffnung hast, einer gehaßten und verabscheuten Verbindung
zu entgehen, ja, wo eine Aussicht eines öden, trostlosen Lebens vor
Dir liegt? Oh, ich weiß,« fuhr er traurig fort, »daß ich Dir das
nicht bieten kann, was in den Armen jenes Grafen Deiner wartet -- kein
stattliches Schloß, keine blendende Equipage, keinen Dienertroß; aber
was die Liebe Dir zu bieten vermag, womit die Kunst Dich erfreuen
kann, Paula, das ist Dir gewiß, und Deine Eltern -- es müßten ja keine
Menschen sein, wenn sie dem eigenen Kind entsagen, die einzig Tochter
auf ewige Zeiten von sich stoßen würden. Dein Vater wird wüthen, ja,
er wird uns verfolgen lassen, um Dich mir mit Gewalt zu entreißen; aber
fürchte nichts: in meinem Schutze bist Du sicher, und hat der erste
Aerger über einen zerstörten Plan sich ausgetobt, ist der erste Mißmuth
vorüber, getäuschter Hoffnung wegen -- er gerade am wenigsten wird
grausam sein. Denke Dir dann, Herz,« fuhr er fort, während sie sich
ängstlich und zitternd an ihn schmiegte, »denke Dir jene selige Zeit,
wenn ich, mit Deinen Eltern versöhnt, Dich ihnen wieder zuführen kann,
wenn wir vereint zu ihren Füßen liegen und ihr Segen dann die Bande
heiligt, die uns des Himmels Seligkeit schon auf Erden gegeben haben!«
»Mein Rudolph, mein Rudolph, oh, wie glücklich, wie namenlos glücklich
würde mich Dein Besitz machen!« rief das junge, leidenschaftliche
Mädchen. »Ich kann ja nicht ohne Dich leben -- Gott nur weiß es, Tag und
Nacht sind meine Gedanken bei Dir, und wenn ich mir jetzt denke, daß ich
von Deiner Seite gerissen, daß ich einem Manne überliefert werden soll,
den ich nicht lieben kann, so liegt mein künftiges Leben kalt und dunkel
vor mir wie eine ewige, endlose Winternacht!«
»Meine Paula!« rief Handor und preßte sie fest an sich; aber im nächsten
Moment horchte er auch rasch und erschreckt empor. Drinnen im Busch
flatterte wieder ein Vogel, aber jetzt weiter entfernt als vorhin, und
es war ihm fast, als ob er den Schritt eines Menschen auf dem Kiesboden
gehört hätte.
»Komm,« flüsterte er leise und zog die Erschreckte mit sich in das
Dickicht hinein, »das Mondlicht ist hier viel zu hell; ein Verrätherauge
könnte wachen.«
»Ich darf nicht so lange fortbleiben, wenn ich vermißt werde...«
»Komm nur jetzt; mir war, als ob ich etwas hörte.« Und er zog die nur
halb Widerstrebende in den Schutz der Tujas, die ihnen Sicherheit und
Deckung boten.
Handor hatte sich übrigens dieses Mal nicht geirrt, denn allerdings
kreuzte gerade in diesem Augenblick ein Mann mit einem Gewehr auf dem
Rücken den Kiesweg, der dicht unter dem Hügel wegführte. Es war der
Förster, der schon seit Dunkelwerden im Park herumkroch und, nachdem er
all' die entlegenen Stellen desselben vorsichtig abgesucht, um seinem
Fasanendiebe auf die Spur zu kommen, jetzt auch dicht am Schlosse die
Hölzer abspüren wollte: denn nirgend anders hatte er etwas Verdächtiges
gefunden, während der heutige Abend wie gemacht zu einem derartigen
Wilddiebstahl war.
Ein Fasanendieb konnte nämlich im Dunkeln gar nichts ausrichten, und
selbst bei Mondschein war, wenn er nicht recht hell, wie gerade heut
Abend, schien, die Sache schwierig, da die belaubten Bäume noch zu viel
Schatten warfen. Daß aber trotzdem ein schlauer Dieb den Versuch, und
zwar nicht erfolglos, gemacht, davon hatte er ja selber die Beweise im
Holze -- eine Anzahl von Federn und den kranken, mit einem Fischhaken
gerissenen Fasanenhahn -- gefunden, und der Gesell, welcher da einmal
glücklich durchgekommen, würde diesen Abend kaum versäumt haben, um sein
Diebeshandwerk fortzusetzen.
Gerade jetzt kreuzte er deshalb, im Schatten der Baumgruppen über die
Wiese kommend, den Kiesweg. Es war ihm fast, als ob er ein Geräusch
gehört hätte, und er zog sich nun unter dem Wartthurmhügel hin dem
Gebüsche zu, wo ebenfalls jede Nacht einige zwanzig Fasanen besonders
in einer kleinen Birkenlichtung aufbäumten und dort allerdings einiger
Gefahr ausgesetzt waren.
Aber nichts wurde laut; wohl eine halbe Stunde stand er regungslos auf
seinem Posten. Da plötzlich -- ordentlich erschreckt zuckte er empor --
hörte er das krampfhafte Flattern eines Fasans, das nämliche, was Handor
schon zweimal vorher erschreckt hatte, ohne daß dieser freilich wußte,
was es bedeute. Der alte Förster kannte den Laut aber viel zu gut, um
auch nur einen Moment darüber in Zweifel zu sein.
Fast unwillkürlich fuhr er mit dem Gewehr in die Höhe; aber er wußte
auch recht gut, daß ihm das für den Augenblick nichts helfen konnte.
Noch einmal horchte er -- der Vogel flatterte noch -- jetzt wußte er
genau die Richtung, und eine kurze Strecke auf dem Rasen hinspringend,
wo sein Schritt geräuschlos verhallte, tauchte er gleich darauf in das
die Anlage umgebende und nicht sehr dichte Buschwerk, genau der Richtung
zu, wo die Birken standen. -- --
Der alte Maulwurfsfänger hatte indessen kaum das Dickicht erreicht, als
er auch den Hang, wo er jeden Fuß breit des Terrains kannte, vorsichtig
hinunterschlich und der Stelle zuhielt, an der, wie er recht gut wußte,
die Fasanen Nachts aufbäumten. Trotzdem trug er keine Waffe, mit der man
hätte glauben sollen, daß er ihnen gefährlich werden konnte -- nichts,
als seinen alten Eichenstock. Ueberdies wußte er ja auch recht gut, daß
er in solcher Nähe vom Schloß keinen Schuß wagen durfte, wenn er
sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, unmittelbar darauf von den
Schloßleuten umstellt und gefangen zu werden.
Der alte Bursche wußte aber besseren Bescheid und war, allem Anschein
nach, nicht zum ersten Mal auf einem solchen Fang.
Mit der größten Umsicht und Ruhe schlich er langsam vorwärts, bis er den
lichteren Platz jenes kleinen Birkenwäldchens, etwas dürrer Boden mit
Haidegrund, der weiter nichts Anderes hervorbrachte, erreichte, und hier
spionirte er dann so lange herum und suchte die Mondesscheibe hinter die
Bäume zu bekommen, bis er den Platz erreichte, wo die Fasanen standen.
Aber auch das half ihm anfangs nichts, denn die ersten, welche er traf,
waren zu hoch aufgebäumt, als daß er sie hätte erreichen können. Doch
nicht alle schienen so vorsichtig gewesen zu sein. Nicht lange, so
traf er einen dick aufgeblusterten Hahn, der, den Kopf unter die Flügel
gesteckt, fest auf seinem Aste schlief und nicht einmal sein Nahen
bemerkt haben konnte.
Der alte Maulwurfsfänger störte ihn auch nicht; leise kroch er zehn oder
zwanzig Schritt zurück, bis unter einen dunkeln Busch, und begann hier
seine Vorbereitungen.
Erst schraubte er seine Stockzwinge ab und steckte diese, damit sie ihm
nicht verloren ginge, in die Westentasche; dann zog er die Angelruthe
heraus und befestigte oben an der Spitze derselben einen mächtigen
Angelhaken, wie sie bei den kleinen Fischen des innern Landes nie
gebraucht werden. Diesen Haken band er so an die Ruthe, daß die Spitze
mit dem Widerhaken nach unten zeigte, und als er dieselbe fest und
sicher angeschnürt, daß sie ihm nicht wieder abriß, wie neulich einmal
mit einem feisten, prächtigen Hahn, hob er sich langsam empor und glitt
völlig geräuschlos zu dem Stamm des Baumes, auf dem seine Beute stand.
Ein ungeübtes Auge würde aber in dem belaubten Baum kaum im Stande
gewesen sein, den Platz genau zu bestimmen, wo sich das Wild befand; der
alte Bursche wußte das besser, und nachdem er nur ein paar Mal mit dem
Kopf unter dem Baume hin und her gefahren, hielt er plötzlich still,
brachte seine Ruthe vorsichtig in die Höhe und ließ die Angel langsam
und geräuschlos an dem Stamm selber hinaufgleiten.
Der Fasan schlief fest; alle Bewegungen waren auch so vollständig
geschickt ausgeführt, daß er kaum etwas davon merken konnte, da die
Gestalt des Mannes unter dem Baume mit dem gleichfarbigen Untergrund
zu einer ununterscheidbaren Masse zusammenschmolz. Jetzt aber hatte der
Haken, ohne daß der Maulwurfsfänger von unten das Hinderniß bemerken
konnte, gegen einen kleinen, trockenen Zweig gestoßen, und rasch und
erschreckt richtete sich der Hahn mit einem leise gluckenden Laut empor.
Der Alte unter dem Baum rührte sich nicht. Wie an den Stamm gewachsen
stand er da; nur seine rechte Hand dirigirte vorsichtig den Haken um das
Hinderniß herum. Unten am Stocke hatte er sich dabei vorsichtiger Weise
ein Zeichen gemacht, nach welcher Seite hin die Biegung des Hakens
selber saß; jetzt mußte er damit über dem Hahn sein, und mit einem
plötzlichen Ruck riß er den Stock zurück und den unglücklichen Fasan
damit von seinem sicher geglaubten Stand herunter.
Dieser schlug allerdings aus Leibeskräften mit den Flügeln, aber nicht
lange. Im Nu hatte ihn der Wilddieb gefaßt und ihm auch eben so rasch
den Hals abgedreht, wonach er ihn in seine jetzt völlig leere Jagdtasche
steckte und sich erst vorsichtiger Weise, ehe er auf neue Beute ausging,
unter den nächsten Busch drückte, um abzuwarten, ob das nun einmal
nicht zu vermeidende Geräusch nicht doch am Ende unberufene Zeugen
herbeigelockt hätte.
Aber nichts ließ sich hören; der Wald war so still, wie je, und nur hier
und da in den Bäumen regten sich die benachbarten Fasanen, die durch den
Todeskampf des Kameraden munter geworden waren und von da und dort ein
leises Glucksen hören ließen.
Jetzt glitt er wieder wie ein Schatten vor. Die schlanke Gestalt des
Mannes kroch gebückt und schleichend über das durch den Nachtthau feucht
gewordene Laub dahin, bis er unter den rege gewordenen Vögeln eine neue
Beute ersehen hatte.
Was schadete es auch, daß sie munter geworden waren! Der Fasan
streicht nach Dunkelwerden nur mit großem Widerwillen von seinem einmal
eingenommenen Stande ab, weil er recht gut weiß, wie schwer es ihm wird,
bei Nacht einen andern Platz zu finden, und sobald der Wilddieb nur die
Vorsicht beobachtete, seinen Stock langsam und von dem Stamm wo
möglich gedeckt in die Höhe zu bringen, hatte es mit dem Fange keine
Schwierigkeit.
Auch den zweiten hatte er sich so gesichert, und wie er ihn
herunterbrachte, entdeckte er dicht daneben auf einem ganz niedern Ast
einen dritten.
Trotzdem wartete der Maulwurfsfänger wieder eine ganze Weile im Dickicht
seine Zeit ab, ehe er sich auf's Neue in das lichtere Holz hineinwagte;
wußte er doch recht gut, daß ihn der alte Förster schon lange in
Verdacht hatte, und daß der eben so gut die Zeit kannte, in welcher er
seinem Fang nachzugehen pflegte.
Eigentlich hatte er sich vorgenommen gehabt, an dem Abend mit zwei
Hähnen zufrieden zu sein; der dritte Hahn saß aber zu verlockend da,
fast auf dem untersten Ast der Birke, er hätte ihn beinahe mit der Hand
erreichen können; so günstige Gelegenheit fand er nicht wieder, und wenn
er einen Monat danach gegangen wäre. Nach einer guten Weile erhob er
sich deshalb wieder und kroch langsam gegen den Baum vor; der alberne
Vogel hatte den Kopf wieder eingesteckt, und bis dicht unter ihn kam er,
ehe er durch das doch nicht zu vermeidende Geräusch geweckt wurde und
rasch emporfuhr -- aber das half ihm nichts mehr. Der verhängnißvolle
Haken saß ihm dicht über dem Kragen, der Wilddieb zog an, und der
gefangene Fasan stürzte von seinem Ast herunter.
So tief aber hatte er gesessen, daß der untere Theil des Stockes, als
ihn der Maulwurfsfänger zurückriß, gegen den Boden stieß und der
Fasan dadurch von dem Haken loskam. Ehe er aber die Flügel ordentlich
gebrauchen konnte, war der Wilddieb schon mit einem Satz auf ihm, faßte
ihn am Halse, drehte ihm den Kopf herum und schob ihn dann schnell in
den alten Ranzen zu den übrigen. -- Aber erschreckt fuhr er empor -- das
waren rasch springende Schritte im Laub. Noch einmal horchte er. War
es vielleicht ein aufgescheuchtes Stück Damwild, das sich hier in der
Nachbarschaft niedergethan und nun den Platz floh? Nein, die Schritte
gehörten keinem Stück Wild, und seinen Stock aufgreifend, floh der Dieb,
so rasch er konnte, dem schützenden Dickicht zu.
»Halt, Schuft! Canaille -- hab' ich Dich -- steh' oder ich schieße!«
schrie eine Stimme, die der Maulwurfsfänger nur zu gut kannte, denn es
war die seines alten Freundes, des Försters. Wenn dieser aber geglaubt
hatte, ihn damit wirklich zum Stehen zu bringen, so irrte er sich, denn
der alte schlaue Gesell dachte an nichts weniger. Befand er sich doch
auch unmittelbar vor dem Dickicht, das ihm seinen Rückzug vollständig
decken konnte! Unter dem Schatten der Bäume war überhaupt kein sicherer
Schuß möglich, und ohne deshalb auch nur einen Moment zu versäumen, floh
er auf den nächsten dicken Busch zu und sprang dort gerade hinein, als
der alte Jäger sein Gewehr an die Backe riß.
Freilich wußte dieser, daß er einen Menschen eines solchen Vergehens
halber nicht gleich todtschießen durfte, und zielte deshalb tief, um ihn
in die Beine zu treffen; aber das Korn seiner Flinte konnte er überdies
nicht sehen, ja, die ganze Gestalt des Flüchtigen glitt nur wie ein
Schatten über den dunkeln Boden, und ehe er zum Abdrücken kommen konnte,
war der Verbrecher in dem Busch verschwunden.
Aber darum war er noch nicht entwischt, denn gerade dorthin, wohin er
floh, schloß die nach unten ziemlich hoch abfallende Mauer den Park ein.
Dort hinüber konnte er nicht, des Försters Meinung nach; dann aber
blieb ihm kein anderer Weg, als dicht unter dem kleinen Wartthurmhügel,
unmittelbar am Schloß vorbei, und wenn er dort die Leute alarmirte,
gelang es vielleicht doch noch, ihn zu erwischen.
Mit dem Gedanken feuerte er sein Gewehr in die Luft ab, schrie: »Halt
ihn, halt ihn auf! Dieb! Dieb!« und lief dann, so rasch ihn seine Füße
trugen, etwas mehr links zurück, wo er das größte Dickicht umging
und dem Flüchtigen, sobald er auf offenes Terrain hinauskam, den Weg
abschneiden konnte. Ließ er sich aber davon zurückschrecken und blieb
im Dickicht, so nahm er all' die Bedienten und Leute im Schloß zusammen,
umstellte mit ihnen das Dickicht und hatte ihn nachher sicher.
Der Schuß und das Schreien war allerdings im Schloß gehört worden, hatte
aber auch noch andere Leute alarmirt.
»Rudolph, um aller Heiligen willen, wir sind verrathen!« flüsterte
Paula, indem sie sich aus des Geliebten Armen wand. »Oh, Du mein großer
Gott!«
»Noch nicht, mein Herz,« rief Handor, der wohl auch erschreckt
emporhorchte, sich aber doch nicht denken konnte, daß der weit in den
Büschen drin abgefeuerte Schuß ihm gegolten habe. -- »Flieh' -- das
ist etwas Anderes -- Du giebst mir Nachricht, wann ich Dich wiedersehen
kann; fort -- dort hinüber in den Busch -- wir dürfen nicht zusammen
gesehen werden -- ich selber schleiche mich indessen auf dem Weg zurück,
den ich gekommen bin.«
Ehe Paula etwas darauf erwidern oder nur einen Schritt vorwärts thun
konnte, brachen und prasselten rechts von ihnen die Büsche -- aber nur
eine dunkle Gestalt ließ sich erkennen, die dort hindurchsetzte. Handor,
der schon wieder so weit am Rand der Dickung stand, daß er wenigstens
hindurchsehen konnte, drehte erschreckt den Kopf der Richtung zu -- aber
von da hatten sie nichts zu fürchten. Der Bursche, welcher selber auf
der Flucht schien, war mit einem Satz oben auf der Mauer und schien
da einen Moment zu zögern -- aber es war auch nur ein Moment, denn im
nächsten schon verschwand er in den dichten Zweigen eines dort stehenden
jungen Baumes und hinter der Mauer, während der Wipfel des Stammes, an
dem er niederglitt, deutlich im Mondlicht schwankte und zitterte.
»Jetzt fort,« flüsterte Handor, der natürlich glaubte, daß eine
Verfolgung des Entflohenen nur dort stattfinden könne, wo er ihn zuletzt
gesehen; »rasch hier gerad' aus durch die niederen Büsche zum Schloß,
ich halte mich links -- fürchte nichts, mein süßes Leben!« -- Und noch
einen flüchtigen Kuß auf ihre Lippen drückend, schob er sie freundlich
drängend über den Kiesweg hinüber, während er selber, wie er sie nur
von dem dunkeln Schatten der Büsche gedeckt sah, rasch den Kiesweg
hinabschritt, um denen aus dem Weg zu kommen, die dem Entflohenen etwa
folgen könnten.
Das aber war gefehlt. Hier lief er gerade dem dicht an den Buschrand
heranspringenden alten Förster in den Weg, der plötzlich, wie ein Tiger
auf seine Beute, auf ihn zustürzte, dicht vor ihm sein Gewehr an die
Backe riß und mit lauter, donnernder Stimme schrie:
»Halt, Canaille! Jetzt hab' ich Dich verdammten Fasanendieb, nur einen
Schritt und ich pfeffere Dir die Beine, daß Du in sechs Wochen keinen
Schritt thun kannst!«
»Um Gottes willen, schießen Sie nicht, lieber Freund!« rief Handor, der
allerdings im ersten Augenblick erschrak, seine Geistesgegenwart aber
keinen Moment verlor. Er mußte den Mann auch hier aufhalten, desto
sicherer konnte Paula das Schloß wieder erreichen.
»Wenn Du stehen bleibst, nein,« rief der alte Mann, der jetzt ganz
bestimmt glaubte, den Fasanendieb erwischt zu haben; »aber bei der
geringsten Bewegung, Gott verdamm' mich, ich spaße nicht! Heh, hallo!«
schrie er dann, so laut er nur schreien konnte, denn sie mußten ihn von
hier aus -- wo im Sommer im Schloß alle Fenster offen standen -- hören
können. »Hierher! holla, holla!«
»Und wären Sie vielleicht so gut, mir zu sagen, weshalb Sie mich hier
festhalten und einen so greulichen Spectakel machen?« fragte Handor
ruhig.
»Heh, hallo! Hui, heh!« schrie aber der Alte, ohne ihn auch nur einer
Antwort zu würdigen, und vom Schloß aus antworteten jetzt einzelne
Stimmen. Die Leute waren dort schon durch den ungewohnten Schuß und den
ersten Ruf aufmerksam geworden und traten vor die Thür.
Paula hatte indessen die vordere Terrasse erreicht und wollte eben
darüber hin in ihr Zimmer flüchten, als sie oben ihren Bruder an seinem
Fenster bemerkte, während unten in der Gartenthür der Koch mit seiner
weißen Schürze und Mütze und einer der Bedienten standen. Es blieb ihr
deshalb nichts übrig, als bis zu einem der kleinen Balkons zu gleiten,
die, von eisernen Gittern umgeben, der Aussicht wegen hier gebaut waren.
Blieb sie aber länger hier, so mußte sie entdeckt werden, wenn man sie
nicht überhaupt schon in ihrem Zimmer gesucht hatte. Das Beste, was sie
thun konnte, war, daß sie sich selber zeigte.
Als ob sie dort gestanden hätte, trat sie jetzt vor in das volle Licht
des Mondes hinein und rief zu ihrem Bruder hinauf:
»Was ist das für ein Lärm, George?«
»Bist Du das, Paula?« rief dieser zurück. »Warte, ich komme gleich
hinunter.« -- Und er verschwand vom Fenster. Wenige Secunden später
stand er auch schon neben ihr mit seiner Flinte in der Hand. -- »Was
machst Du denn noch so spät hier unten im Garten, Schatz?«
»Mein Kopf schmerzt mich zum Zerspringen. Was bedeutet der Lärm?«
»Gott weiß es; geh in's Haus, Kind, ich werde selber nachsehen,« rief
der junge Mann und sprang jetzt, von ein paar Bedienten gefolgt, der
Richtung zu, in der der alte Förster noch immer sein Heh, holla! lustig
in die stille Nacht hinausschrie.
»Alle Wetter,« lachte George, als er ihm, sein eigenes Gewehr im
Anschlag, nahe kam, »was giebt es denn hier? Wer ist das?«
»Ich, Herr Graf,« rief der Förster, der ihn schon an der Stimme erkannt
hatte; »ich habe den verfluchten Fasanendieb erwischt!«
»In der That? Also der Herr hier? Wer bist Du, mein Bursche?« rief
der junge Graf, indem die Bedienten um den Gefangenen herumtraten, der
allerdings keine Hoffnung mehr hatte, zu entkommen, aber auch nicht die
geringste Neigung zu einem Fluchtversuch zeigte. Dabei trat George
dicht an den Gefangenen hinan und erkannte überrascht das im Mondlicht
lächelnd ihm zugekehrte Gesicht des Fremden. »Handor!« rief er ganz
erstaunt aus.
»Also Sie kennen ihn auch noch?« sagte der Förster, der jetzt den Hahn
seiner Flinte in Ruhe setzte. »Das ist ein sauberer Patron!«
»Sie entschuldigen, Herr Graf,« lächelte Handor mit der größten Ruhe,
»daß ich Ihnen hier etwas sehr öffentlich als Fasanendieb vorgestellt
werde! Weshalb der gute Mann da Verdacht auf mich hat, weiß ich
nicht recht, denn ich pflege mich gewöhnlich nur dann mit Fasanen zu
beschäftigen, wenn ich sie gebraten in der Schüssel finde.«
»Aber wie, um Gottes willen, kommen Sie hier Nachts in den Park?« fragte
George.
»Nur, um _Sie_ zu sprechen,« sagte Handor. »Ich wußte nicht,« fügte
er leise, sich zu dem jungen Grafen überbiegend, hinzu, »ob die
Ueberraschung des Verlobungsabends auch vielleicht auf Ihre Eltern
ausgedehnt war, und da ich Ihnen darüber Bericht erstatten wollte...«
»Aber, mein lieber Handor, das ist wirklich zu freundlich von Ihnen!
Bester Förster, der Herr ist kein Fasanendieb, die Versicherung kann ich
Ihnen geben.«
»Kein Fasanendieb?« rief der Förster ordentlich erschreckt. »Und
habe ich denn nicht, nachdem ich vorher den ganzen Abend im Busch
herumgekrochen und hier auf der Lauer gelegen, den Fasan flattern hören
und, wie ich zusprang, den Dieb weg und in den Busch hinein flüchten
sehen?«
»Diesen Herrn?«
»Ja, wie Viele sollen sich denn hier Nachts herumtreiben? Ueber die
Mauer konnt' er nicht, und als ich hier vorsprang, kam er gerade den Weg
herunter und wollte am Schlosse vorbei und durchbrennen.«
»Das nun gerade nicht,« lächelte Handor, der sich jetzt vollkommen
sicher fühlte; »über die Mauer habe ich allerdings Jemanden springen
oder doch an einem der Bäume hinabklettern sehen, einige Minuten später
oder vielmehr unmittelbar danach, als ich in den gewundenen Gängen den
Weg verfehlte und auf eine Art von Terrasse kam, auf der ein alter Thurm
steht.«
»Ah, dort -- also da ist Ihnen Ihr Vogel doch entflogen, Förster,«
lachte George. »Und nun, Handor,« rief er, indem er den jungen Mann
unter den Arm faßte und mit sich fort führte, »erzählen Sie mir, was
Sie haben und ob wir's rechtzeitig zu Stande bringen. Kommen Sie einen
Augenblick hier im Weg mit auf und ab, denn zum Schloß kann ich Sie
jetzt nicht führen, meine Schwester war eben noch auf der Terrasse.«
Damit gingen die jungen Leute, ohne sich weiter um den Förster zu
bekümmern, den Weg entlang und Handor berichtete jetzt, daß er ein
reizendes Lustspiel gefunden habe, welches sich leicht würde besetzen
lassen. Er hätte es gleich mitbringen wollen, aber auf seinem Tisch
zu Hause liegen lassen, werde es jedoch morgen in aller Frühe
herausschicken.
»Haben sie denn wieder Fasanen gestohlen, Förster?« fragte einer der
Diener, als die beiden Herren den Rücken wandten, den Alten. Dieser
antwortete aber nicht. Mit einem lästerlichen Fluch warf er sein Gewehr
auf den Rücken und kehrte, sich umdrehend, nach der Stelle zurück, wo
er den Wilddieb zuerst gesehen hatte, um dort noch nach Spuren zu suchen
und Beweise für seine spätere Anklage zu finden.
Handor und George gingen wohl noch eine Viertelstunde im Park auf und
ab, um das Nöthige über Proben und Eintheilung zu besprechen; dann
kehrte der Erstere auf dem breiten Fahrweg in die Stadt zurück.
Als George wieder in's Schloß kam und nach Paula fragte, berichtete das
Kammermädchen, die Comtesse habe sich in ihr Zimmer zurückgezogen und
sei zu Bett gegangen.
12.
Das Wiedersehen.
Das war eine schwere Nacht für Jeremias gewesen, eine ruhelosere
wenigstens, wie er seit langen, langen Jahren gehabt, und rastlos warf
er sich auf seinem Lager umher, bis sich der Himmel schon wieder im
Osten zu färben begann und er jetzt erst in einen kurzen, traumgequälten
Schlaf fiel. Aber sonderbarer Weise hatte der Traum nicht die mindeste
Beziehung auf das, was ihn den ganzen Tag beschäftigt und seine Seele
erfüllt hatte. -- Er war wieder in Brasilien und Nordamerika, und alle
fatalen Lagen, in denen er sich je in seinem Leben befunden, spiegelten
sich ihm mit tollen, verzerrten Bildern vor seinem innern Geiste ab,
bis er endlich mit einem lauten Aufschrei in seinem Bette emporfuhr und
dadurch den armen Hausknecht, der gerade gekommen war, um seine Kleider
zum Reinigen abzuholen, bis zum Tod erschreckte.
»Herr Du meine Güte,« sagte der Mann, indem er ordentlich zusammenfuhr,
»was schreien Sie denn nur so; es thut Ihnen ja Niemand 'was -- nur die
Kleider will ich auskloppen!«
»Guten Morgen!« sagte Jeremias, der sich verdutzt und noch immer halb im
Schlaf umsah -- »wie viel Uhr ist's denn?«
»Sieben Uhr vorbei -- Sie haben wohl geträumt?«
»Ja, ein bischen,« gestand Jeremias, der sich jetzt vor dem Hausknecht
schämte und nur verstohlen unter sein Kopfkissen griff, ob seine
Brieftasche noch da wäre. Dann legte er sich wieder auf die andere
Seite, als ob er noch einmal schlafen wolle. Aber er schlief nicht mehr;
jetzt wäre es ihm nicht möglich gewesen, und um acht Uhr stand er auf,
trank seinen Kaffee und lief dann mit schnellen Schritten in seinem
etwas langen, aber schmalen Zimmer auf und ab.
So schnell er aber auch lief, so langsam verging ihm trotzdem die Zeit;
hundertmal sah er nach der Uhr und hielt diese dann an's Ohr, weil er
glaubte, sie müsse stehen geblieben sein, so wenig wollte der Zeiger von
der Stelle.
Endlich, endlich war es halb zehn Uhr und er begann sich anzukleiden,
was ihm aber auch nicht viel Minuten wegnahm, und noch fehlten zehn
Minuten an der bestimmten Zeit, als er schon in Sicht des Hauses war,
dem er aber noch nicht zu nahen wagte.
Zehn Minuten vor zehn Uhr stand Pfeffer oben in der Stube seiner
Schwester fertig angezogen, denn er mußte wieder hinüber in die Probe.
Die Kranke fühlte sich heute bedeutend besser, aber sie sah leidender
aus, als je, denn die Erregung dieser Stunde hatte alles Blut aus
ihren Wangen getrieben und ihren Augen einen fast überirdischen Glanz
verliehen.
»Höre 'mal, Guste,« sagte Pfeffer, während er sie kopfschüttelnd
betrachtete, »Du gefällst mir heute gar nicht, und wenn ich wüßte, daß
der Patron, der Stelzhammer, Dich am Ende durch sein Wiederkommen noch
kränker machte, wie damals durch sein Fortlaufen, so wartete ich lieber
noch ein klein bischen da draußen auf dem Gang und schmiß ihn dann, wenn
er sich oben blicken ließe, einfach die Treppe hinunter -- steil genug
ist sie.«
»Mir ist viel besser heute, Fürchtegott,« sagte lächelnd die Frau; »ich
sehe nur ein bischen angegriffen aus.«
»Das weiß Gott!« brummte Pfeffer -- »und wenn ich nur eigentlich wüßte,
was er wollte? Geschieden seid Ihr und müßt geschieden bleiben...«
»Und kannst Du es ihm verdenken, daß er Sehnsucht nach seinem Kinde
hat?«
»Hm,« knurrte ihr Bruder ärgerlich in den Bart, »hat dann verdammt lange
Zeit gebraucht, bis sie zum Durchbruch kam!«
»Fürchtegott...«
»Na meinetwegen, das macht Ihr jetzt mit einander ab -- ich muß in die
Probe, aber recht ist mir's nicht, das kann ich Dir versichern, und viel
lieber wär's mir gewesen, wenn ich dem Herrn erst einmal hätte auf den
Zahn fühlen dürfen -- Windbeutel der -- Herr Gott, jetzt ist's schon in
drei Minuten Zehn, und ich fange an... -- na also, halt' Dich tapfer,
Alte,« sagte er, indem er der Schwester mit mehr Herzlichkeit, als er
sonst gern zeigen mochte, die Hand reichte -- »reg' Dich nicht zu sehr
auf. Jettchen, Dir bind' ich sie auf die Seele -- na, das wird ein
bischen Heulerei werden, und ist mir doch lieb, daß ich nicht dabei
zu sein brauche,« -- und seinen Hut aufstülpend, verließ er rasch das
Zimmer.
Unten auf der Straße ging er, den Hut in die Stirn gezogen, die linke
Hand auf dem Rücken, die rechte vorn in den zugeknöpften Rock gesteckt,
rasch seines Weges, als er einem kleinen, wohlbeleibten ältlichen Herrn
begegnete, der kein bestimmtes Ziel zu haben schien, auch ein paar Mal
stehen blieb und an den Häusern hinaufsah, als ob er eine Nummer suche.
Als ihm Pfeffer begegnete, sah ihn dieser mißtrauisch über die Brille
an. War das etwa der Schwager -- so dicht am Hause und unmittelbar vor
zehn Uhr?
Der Fremde hatte ihn jedenfalls aus dem Hause kommen sehen und
betrachtete ihn ebenfalls, und als Beide sich passirt hatten, sahen sie
sich gegenseitig noch einmal um.
Aber er konnte es doch nicht sein, er ging an der Thür vorbei. Pfeffer
hatte sich ihn auch ganz anders gedacht, aber augenblicklich keinen
Moment Zeit mehr zu verlieren, um darüber nachzudenken, eben schlug es
vom Rathhausthurm zehn Uhr, und wie er stets außerordentlich pünktlich
war, haßte er nichts so sehr auf der Welt -- außer einem schlechten Glas
Bier -- als Strafe wegen Versäumnis zu zahlen.
Es war aber trotzdem Jeremias gewesen, dem er da begegnete, und dieser
hatte ebenfalls einen starken Verdacht, daß der Herr, der ihn so
aufmerksam betrachtete, mehr von ihm wußte, als ihm augenblicklich
angenehm war. Er ging deshalb an dem Hause vorbei -- richtig, er sah
sich nach ihm um -- immer noch ein Stück die Straße hinab, bis jener um
die Ecke verschwunden war. Dann erst kehrte er zurück. Es schlug gerade
zehn Uhr vom Thurm; das war die Zeit, und jetzt der Augenblick gekommen,
den er ersehnt und gefürchtet, Jahre lang -- und auf den Hacken drehte
er um und betrat festen Schrittes das wohlgemerkte Haus.
Auf der ersten Treppe ging es auch so ziemlich; er schritt Stufe nach
Stufe rasch empor, ja, er zählte die Stufen, während er sie betrat,
vergaß aber eben so rasch die Zahl, und wie er den dritten Absatz
erreichte, mußte er stehen bleiben, denn der Athem ging ihm aus und er
schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trocknen. Und wie ihm dabei
das Herz schlug -- er hätte es nicht für möglich gehalten, daß es im
Leben so klopfen könnte. Aber was half es -- er war angemeldet, die
Zeit verstrichen, und je länger er hier zögerte... -- die Zähne
zusammenbeißend, nahm er einen frischen Anlauf, und jetzt war er oben.
Drinnen im Zimmer hatten sie seinen Schritt schon gehört. Jetzt stand er
an der Thür und hob den Finger zum Anklopfen. Die Adern pochten ihm in
der Stirn, als ob sie ihr zähes Gewebe zersprengen wollten -- es mußte
sein.
»Herein!«
Langsam öffnete er die Thür -- mitten im Zimmer stand bleich und
zitternd ein liebliches, jugendfrisches Kind, auf dem Sopha saß eine
ernste und doch freundliche Frauengestalt -- er sah aber ihre
Umrisse nur, die düster, wie in einem Nebel, mit Regenbogenrändern
zusammenflossen.
Er trat in's Zimmer und drückte die Thür wieder hinter sich in's Schloß,
und keinen Schritt wagte er weiter hinein zu thun.
»Und bist Du das wirklich, Jeremias -- bist Du wirklich endlich
zurückgekehrt, um Dein Weib, Dein Kind noch einmal zu sehen?« sagte die
Frau mit ihrer milden, aber jetzt schmerzbewegten Stimme.
Jeremias war nicht im Stande zu antworten, sein Hut fiel auf den Boden
nieder; mit beiden Händen deckte er sein Gesicht, und Thränen, heiße,
brennende Thränen quollen ihm aus den Augen.