»Armer Papa!«
Er wich ihrer Hand aus. »Da ist Gröden wohl öfters hier?« sagte er.
»Jeden dritten Tag! Das nächste Mal will er mir die Pläne zeigen; er
war ganz Feuer und Flamme darüber. Er hat die notwendigen Studien in
England gemacht.«
»Von mir sprach er nichts?«
»Nein, aber von Lecarts Unglück wußte er.«
Sie standen vor dem Haus.
Er ließ sie über die Stufen vorangehen und sah sich noch einmal um.
Dürre Blätter fielen zu Boden, Herbstzeitlosen sproßten daraus empor.
Wenige Tage später kam Fred. Er hatte die Tourenfahrt vorzeitig
abbrechen müssen und war mißmutig nach Hause gefahren, da ihm kein
Preis mehr winkte: Gleich nach dem Start hatte er ein Bauernfuhrwerk
überfahren und war, einige Stunden später, derart bei einer
Straßenkrümmung an einen Baum gerannt, daß er mit Achsen- und
Federbruch ~en panne~ saß.
Auch Baronin Wolny war mit ihm zurückgekehrt.
Mit Clo sprach er ein paar verbindliche Worte, wie man es mit jedem
Fremden tut. Der Name Lecart war ebensoschnell aus seinem Gedächtnis
geschwunden wie der Olthoffs und vieler anderer vordem. Man lernte sich
kennen, schloß Freundschaft und vergaß sich, wenn die beiderseitigen
Interessen erschöpft waren.
Klaus Tiedemann wußte nicht zu entscheiden, ob Fred stets so gewesen
war oder ob ihm sein Wesen jetzt nur mehr auffiel. Nie war ihm seines
Sohnes hochfahrende Art so zum Bewußtsein gekommen als nun, da er
Familie und Geschäft vernachlässigte, um seiner Liebhaberei willen, zu
denen in erster Linie Frau Wolnys üppige Gestalt zählte.
Fast jeden Abend weilte er bei ihr. Es drohte ein offener Skandal zu
werden.
Hatte früher Klaus Tiedemann sich über derartige Eroberungen seiner
Söhne -- wie er es nannte -- gefreut, so waren sie ihm nun unangenehm,
weil das Schicksal seinen Sinn wieder auf die ernste Seite des Lebens
geleitet hatte.
Er sah jetzt nur Kraft- und Zeitverschwendung, worin er früher
Anerkennung seiner Kinder erblickt hatte.
Zwischen Klaus Tiedemann und seinem Sohne war noch nicht viel über
Lecarts Geldoperationen gesprochen worden, jeder mied das Thema. Klaus
Tiedemann wollte nicht gern erinnert werden, daß er es gewesen war, der
als erster, bei Clos Heirat, Lecarts teurer Verwandtschaft Vorschub
geleistet hatte. Als Fred erfuhr, daß die Ordnung der Angelegenheit in
Gerhards Händen läge, da lachte er spöttisch:
»Gib ihm doch gleich das ganze Geschäft, dann hat die arme Seele ihre
Ruhe.« Freds Aerger hielt nicht lange an; in dem Augenblicke, da er der
Wolny weiche Arme wieder an seinem Halse spürte, versank alles für ihn.
Er lag hilflos in ihren Banden, und die routinierte Frau freute sich
ihres vollkommenen Sieges: er war Naturbursche in der Liebe, und das
naive Zugreifen und Genießen schuf dem Weibe, das durch vieler Männer
Hände gegangen war, neue Abwechslung.
Sie lebte noch einmal die Genüsse ihrer Jugend und vergaß so alles
andere.
Jan Wolny stand zähneknirschend vor dem Zimmer seiner Mutter; doch
nie fand er den Mut, sie zu einer Aussprache zu zwingen. Er verstand
seinen Vater, der aus dem Leben gegangen war, weil die feine Art des
Edelmannes sich auflehnte gegen die Mißachtung der eigenen Frau.
Doch Jan Wolny trug beider Blut in seinen Adern: das verwegene
Zirkusreiterblut und das der polnischen Könige. Noch ging er mit
geballten Händen und fand nicht den Entschluß des Handelns ...
Leos Geburtstag war herangekommen.
Hilde wollte ihrem Vater die Aufregung ersparen, und bat Fred, einen
Kranz auf dem Grabe seines Bruders niederzulegen.
Es waren die ersten Worte, welche die beiden, seit Freds Rückkehr,
mitsammen sprachen.
Er zeigte auf die farbige Weste, die er trug, und sah in unverhohlenem
Erstaunen drein:
»Ich? Was geht denn das mich an?«
Sie maß ihn von Kopf zu Füßen.
»Es ist Leo! Dein Bruder!«
»Das weiß ich ohnehin, mein Fräulein! Aber ich hab' keine Zeit. Ich
weiß nicht einmal genau, wo das Grab liegt: ich glaube, ich würde es
gar nicht finden.«
»Das sind Ausreden.«
»Also, so sind's Ausreden! Ich mag einfach nicht. Mein Gott, was hat er
denn von dem Kranz? Hätt' ihn Papa vernünftiger erzogen und ihm nicht
so viel Freiheit gelassen, so wär' er vielleicht noch am Leben -- mich
laßt mit solchen Dingen in Ruhe.« --
Am Nachmittag fuhren Klaus Tiedemann und Hilde zu Leos frühem Grab.
Ein Riesenobelisk krönte dasselbe; die Trauerweiden hatten dürres Laub.
Mit starren Fingern richtete Klaus Tiedemann den Efeu, der sich im
Gitter verflochten hatte. Mit liebevoller Hand strich er über den
Rasen. In den Gruftlaternen flackerten die Lichter.
Der Gärtner hatte sie angezündet, er stand abseits und wartete auf sein
Trinkgeld; man gab an solcher Stätte gern. Als er es erhalten hatte,
schlenderte er davon, die langen Reihen hinunter, eine Blume hinter dem
Ohr. Leise pfiff er vor sich hin -- er war jung und dachte nicht ans
Sterben.
Klaus Tiedemann hielt die Hände verschlungen und sah mit starrem Blick
die eingemeißelten Buchstaben: »Da liegt der arme Bub.«
Die fallende Ruhe des Herbstes umgab sie: ein leises Singen war in der
Luft, wenn der Wind durch die Zypressen und um die Grabkreuze strich.
Sie schmiegten sich eng aneinander.
Ein paar Fuß unter der Erde, ganz nahe bei ihnen, lag alles, was noch
von Leo übrig war.
Alles ließ sich erzwingen, der Widerstand gegen den Tod nicht.
Die heißeste Sehnsucht nach Liebe und Genuß, halbfertige Jugend und
verfehlte Leidenschaft, Kindlichkeit und werdende Eigenart -- all das
lag still da drunten und zerfiel in nichts.
Klaus Tiedemann seufzte, seine Augen waren naß. Mächtig kam die
Erinnerung über ihn.
Wofür hatte er gerungen, wenn das das Ende war? Wenn er selbst in
seinen Kindern starb und nicht weiterlebte? Was blieb als Lebenswerk?
Ein Quell des Verdienstes! Und auch der konnte versiegen, verlangte
man allzuviel von ihm. Er dachte Freds.
Gleich da, rechts drüben, lag seine Frau. Wo mochte Gerhards Mutter
ausruhen von ihrer Irrfahrt? Lebte sie noch -- wie kam es, daß zwei
Menschen überhaupt sich fremd sein konnten?
Im Grabe mußte alles verstummen, und doch ruhte der Kampf nie.
Schwere Zweifel faßten den alten Mann, er legte den Arm um Hilde.
»Hätt' ich dir doch gefolgt!«
Aus großen, erschreckten Augen sah sie auf. Sie schüttelte den Kopf.
»Nicht daran denken, Vater!«