Er seufzte. »Wie wird die Zukunft werden?«

Ihre Blicke glitten über die Friedhofsmauer, auf stahlharten Schienen

jagte ein Zug vorbei.

Dann begann er wieder:

»Mir ist es manchmal, als hätt' ich schon einmal gelebt und wäre

gestorben gewesen, lange Zeit. So manchen Gedanken, der mir jetzt

kommt, hab' ich schon einmal gedacht, vor vielen Jahren. Ist er

damals richtig gewesen? Ist er es heut? Es ist so schwer für etwas zu

entscheiden, noch schwerer gegen etwas. Jedes Ding hat zwei Seiten.

Ich war Leo ein zu schwacher Vater, vielleicht kann ich für Fred ein

zu harter werden?« In inniger Liebe sah er sein Kind an. »Du mußt mir

beistehen, Hilde; du bist die einzige, die wirklich zu mir hält --

willst du?«

»Vater!« Sie warf sich an seinen Hals, ihre Lippen fanden sich; mit

tastenden Fingern richtete er ihren Kopf in die Höhe; forschend sah er

in ihre Augen: »Bin ich jetzt auf rechtem Weg?«

Sie nickte.

Noch einmal zog er sie an sich:

»Leo wird nicht allzu lange auf mich warten müssen.«

Er brach eine Ranke und verwahrte sie in der Tasche.

Dann winkte er dem Hügel zu:

»Leb' wohl!«

Langsam näherten sie sich dem Ausgang.

Im Heimfahren sprachen sie von Fred. Noch immer hoffte der Vater auf

Besserung. Er wartete auf irgendein Ereignis, das ihn zum Handeln

zwingen würde; das Schicksal mußte eingreifen -- allein fand er nicht

die Kraft dazu! Was sollte auch werden, wenn es so weiter blieb?

Als sie in bekannte Straßen bogen, drückte er Hildes Hand. »Ich danke

dir ...«

Sie merkte, daß er noch etwas sagen wollte, seine Rede floß wirr und

krumm weiter. Er redete vom Erfolg, und wie man sich im Menschen

täuschen könnte. Dann kam er auf Clo und Gröden zu sprechen. Dann auf

Hildes freudlose Zeit, die er so gern ihr besser gestalten wolle.

Sie verstand ihn nicht.

Der Umschweife überdrüssig, fragte er plötzlich ganz unvermittelt:

»Würde dich Hansens Bild interessieren?«

Das war es! Sie nickte; die Aufregung benahm ihr die Stimme.

»So gehen wir!«

Er öffnete eilig den Schlag des Wagens.

Gleich beim Eingang der Gemäldeausstellung hatten sie Hansen getroffen.

Es war ein glücklicher Zufall.

In freudiger Erregung geleitete er die beiden durch die ersten Säle,

durch die dichten Gruppen der Besucher, welche sich vor einzelnen

Bildern stauten.

Für einen kurzen Augenblick fand er Hildes Hand. Sein Blick ging

fragend zu ihrem Vater.

Sie zuckte mit den Achseln und lächelte glücklich.

Einzelne erkannten Hansen und grüßten; mechanisch lüftete Klaus

Tiedemann den Hut, er wußte nicht recht, wem der Gruß galt.

Hansen lenkte rechts; Klaus Tiedemann ging geradeaus weiter.

»Hier, Papa!« Hilde nahm ihn beim Arm und blieb eingehängt.

In einem zurückspringenden Seitensaal ist Hansens Werk, die schmale

Wand allein einnehmend.

In ruhigem Lichte sieht es ernst herab.

Seitwärts von seinem Fauteuil erhebt sich eine kleine, alte Frau,

sie macht einen Knicks und hält krampfhaft die Enden ihrer Mantille

übereinander.

Mit ruhiger Bewegung schiebt Hansen sie in den Vordergrund und stellt

vor:

»Meine Mutter!«

Ihre kleinen, zittrigen Augen bleiben, als sie den Namen der beiden

hört, an Hilde hängen. Aengstlich, forschend und flehend! Hansen mag

wohl zu Hause gesprochen haben. Sie nickt ihr zu.

Fliegende Röte jagt über Hildes Gesicht.

Ihr Blick geht über die Köpfe der Leute zu dem Bild.

»Erdgeist.«

Ein blasser Bursch, halb Knabe, halb Mann, beugt sich zurück; er ist

im Gesellschaftsanzug, eine verwelkte Blume zierte das Knopfloch.

Mattigkeit und Erschöpfung liegen über der sitzenden Gestalt, ein

Schauder scheint ihn zu fassen. Die Augen sehen müde, verträumt

in fiebrigem Schimmer in die Höhe nach dem Gesicht der üppigen

Frauengestalt, die, tief dekolletiert, sich über ihn neigt. Die Sphinx,

die die weibliche Form des Welträtsels birgt! Alle Sinnlichkeit ist

in dem Weibe konzentriert; beklemmender Geruch scheint ihren dünnen

Gewändern zu entsteigen. Ihre Augen sind untermalt, in brennendem Rot

schimmern ihre vollen Lippen. Wie ein leichter Hauch scheinen Linien

durch, wie eine Silhouette aus einer anderen Welt zeichnet sich hinter

den vollen Wangen die Kontur des Totenschädels.

Hilde tritt zurück; Leos Züge sehen ihr entgegen, verallgemeinert, doch

unverkennbar.

Sie atmet tief und streckt die Hand nach Hansen.

Der steht abseits mit gesenktem Kopf.

Seine Mutter hat Hildes Bewegung bemerkt:

»Du!«

Er fährt zusammen und sieht Tränen in Hildes Augen.

»Sie sind ein großer Künstler!«

Hand in Hand stehen die beiden.

Klaus Tiedemann hat die Arme über der Brust gekreuzt. In ihm ist ein

Singen und Klingen: er sieht zwei Gestalten, deren intime Details er

mit seinen stumpfen Nerven nur zum Teil erkennt und bemerkt, und doch

packt ihn unbewußt des Bildes Kraft; schnell verfliegt der Gedanke, ob

Hansen wohl einen Käufer hat.

Er sieht den Mann, den das Weib quält und der doch nicht von ihm

lassen kann. Das ist sein Leben, und das versteht er! Das ist auch

das Leben Leos gewesen und ist auch vielleicht jenes von Fred. Wieder

flattert die Erinnerung seiner ungestümen Jugend empor. Er ist wieder

der arme Kontorschreiber, der mit scheuem Blick am Sonntag die breiten

Hauptstraßen durchquert, in die er unter der Woche nie kommt. Er sieht

die eleganten Damen der Gesellschaft, hört Spitzen rascheln und sieht

Formen, wie sie die Weiber des Volkes, durch schwere Arbeit gedrückt,

nur selten haben. Die Gier, reich zu sein, kettet ihn; kein Blick

haftet auf seiner unschönen Gestalt in den dürftigen Kleidern, die

abseits steht und mit brennenden Augen der strahlenden Menge folgt.

Ist sein Aeußeres unausgeglichen und inkonsequent, so reihen sich doch

die Gedanken in spiegelnder Kette aneinander. Zähneknirschend kehrt

er in die schmutzigen Hafenstraßen zurück und setzt sich zur Arbeit;

er will sie durch Kraft und Zähigkeit zwingen, ihm zu Willen zu sein.

Ein bitteres Lächeln geht über Klaus Tiedemanns Züge. Keiner der

Umstehenden, auch sein eigenes Kind nicht, wissen, daß er nun der zwei

unglücklichen Ehen gedenkt, die sein Leben vergifteten.

Schwer holt er Atem.

Er kann es nicht überwinden, daß sie nur seinen Erfolg liebten und

nicht ihn.

Er starrt in Leos Züge.

Auch der ist unterlegen, er konnte ihn nicht schützen.

Der Wolny Züge nimmt das Weib an der Wand an, und Fred sitzt auf dem

Sessel.

Seine Umgebung vergessend, stampft er mit dem Fuße auf, daß er seine

Art den Kindern vererben mußte! Was will er tun, wenn sie dafür

Rechenschaft fordern? ...

Er wendet sich; mit gesenktem Kopfe fragt er Hansen nachdenklich und

ernst: »Sie meinen das ganz allgemein, das Weib dem Manne gegenüber?«

Er zeigt nach dem Bilde. »Der dort kann jeder von uns sein?«

Unsicher sieht Hansens Mutter drein.

Als er die Antwort erhält, blickt er ernst zu Boden; dann streckt er

Hansen die Hand hin:

»Sie haben recht.« Er nickt der alten Frau zu. »Er versteht das Leben.«

Sie macht einen eiligen Knicks.

»Gewiß, Herr Kommerzienrat, gewiß,« sagt sie und denkt an ihren Mann,

der ihr elterliches Erbteil verspielt hat und den sie erhalten mußte

die letzten Jahre durch ihrer Hände Arbeit.

Dann gehen sie weiter durch die übrigen Räume. Hilde weiß nicht recht,

warum; doch Klaus Tiedemann will wohl nicht zeigen, daß sie nur Hansens

wegen gekommen sind.

Er sieht gleichgültig über die farbigen Flecken an den Wänden.

Beim Ausgang schüttelt er Hansen nochmals die Hand und sagt: »Besuchen

Sie uns doch wieder einmal; wir sind seit Leos Tod fast immer zu

Hause.« Er bewegt den Kopf auf dem gedrungenen Halse hin und her, als

beengte ihn der Kragen; dann fügt er in alter Art hinzu: »Wir werden

uns freuen, Sie begrüßen zu können.«

Die alte Frau nickt ununterbrochen in ihrer Verlegenheit; mit sicherer

Bewegung faßt sie ihr Sohn beim Arm: »Ich werde es mir demnächst

erlauben.« Er verneigt sich und grüßt Hilde mit den Augen: »Leb' wohl!«

Er sieht dem davoneilenden Wagen nach und beugt sich zu der alten Frau

hinab:

»Nun, Mutter?«

»Sie hat dich gern.«

Sie lächelt glücklich und denkt nicht, daß sie nun ihr Kind wird teilen

müssen mit einer anderen.

Als sie nach Hause kamen, wartet Gerhard im Herrenzimmer auf den Vater.

Mit großen Schritten geht er hin und her.

Als Klaus Tiedemann eintritt, bleibt er stehen.

»Was gibt es?«

»Ich weiß nicht, Vater, ob ich es dir sagen soll.«

»Wieder was Unangenehmes?« Klaus Tiedemann hat in seines Sohnes Hand

ein Zeitungsblatt entdeckt, hastig greift er danach:

»Gib her!«

Nur widerwillig läßt es Gerhard, er beobachtet seinen Vater mit

forschenden Blicken.

Der liest mit zusammengezogenen Brauen:

Es ist ein Artikel, »Moderne Industrie« überschrieben, in dem das

sozialistische Organ sich in heftigen Ausdrücken Luft macht über die

Einstellung der Untersuchung gegen Charles Lecart, den Bluthund der

»Freundschaftszechen« -- wie sie ihn nennen. Sein Privatleben ist

aufgedeckt, entstellt geschildert; niemand kann nach den bestimmt

gegebenen Daten an der Richtigkeit der Angaben zweifeln. Doch nicht

genug damit! ... Klaus Tiedemann spürt einen Stich im Herzen: auch

sein Name ist genannt, mit heftigen Anklagen überschüttet: er soll um

das schwindelhafte Unternehmen gewußt, wissentlich dem Betrug Vorschub

geleistet haben. Warum wären sonst die Liegenschaften in den alleinigen

Besitz der Firma übergegangen? Es ist abgekartetes Spiel! Sein Mitleid

mit den Arbeitern und die schweren Opfer seines Kindes wegen werden so

verstanden!

Fester faßt er das dünne Blatt, die Augen werden groß und starr.

Hier steht mit erbarmungslosen Buchstaben die Beschuldigung, daß

Fred Tiedemann, der jetzige Chef der Firma, der nur in Kreisen des

Hochadels verkehrt, bedeutende Summen, es ist eine enorm hohe Zahl

genannt, angeblich zu Wohltätigkeitszwecken, gespendet hätte, die in

Wirklichkeit nur dazu dienen sollten, ihm den Adel zu verschaffen.

Heftige Anklagen gegen die Regierung sind eingeflochten, die einen

solchen Kuhhandel förderte; in flammenden Worten ist das Unrecht

verwiesen, das den Armen angetan würde durch solche Schädlinge der

Industrie, die eigentlich in den Kerker gehörten. Auch die Firma als

solche ist beschuldigt. Wie könnte man von einem derartig geleiteten

Institut Garantien verlangen, wenn das »Hungergeld der Armen« dazu

benutzt würde, Hochstapler in ihrem strafwürdigen Beginnen zu

unterstützen? Jedermann wird aufgefordert, sich die Depots ausfolgen

zu lassen und diese in sicheren Instituten anzulegen. Der Prospekt

einer Firma, deren Chef der Bruder eines Parteimannes ist, liegt

bei. Auch ist auf eine Interpellation verwiesen, welche jener bei

der übermorgigen Parlamentssitzung einbringen wird. Man wird kein

Mittel unversucht lassen, um dem arbeitenden Manne zu seinem Rechte zu

verhelfen, die Machinationen der Lecart-Tiedemannschen Sippschaft an

den Pranger zu stellen! Es folgen längere Erörterungen, daß man aus dem

vorstehend gekennzeichneten Spezialfall schließen könnte, wie geradezu

unerläßlich das Verlangen der Bergarbeiter nach Grubeninspektoren aus

ihren eigenen Reihen wäre.

Klaus Tiedemann läßt das Blatt mit zitternder Hand sinken. »Nur gut,

daß sie weit übers Ziel schießen und sich so ins Unrecht setzen«, sagt

Gerhard.

Tiedemann gibt keine Antwort.

Nun fassen sie sein letztes, seinen ehrlichen Namen, sein Geschäft an!

Sinnlos vor Wut zerreißt er den Fetzen Papier und tritt ihn mit Füßen:

»Es kann nicht sein!«

Gerhard zuckt die Achseln.

Dieser schweigende Widerspruch reizt den alten Mann, sein Aerger sucht

Ableitung. Daß Gerhard über Fred schlecht denkt, ist nur natürlich,

aber er als Vater muß gerecht sein.

Er pflanzt sich vor Gerhard hin und schreit:

»Daß du es weißt! Daran ist kein wahres Wort!«

»Dann ist's gut, Vater.«

»Ich sag' es dir,« schreit Klaus Tiedemann in der Angst seines Herzens,

»ich, dein Vater!«

Schweigend sieht ihm Gerhard in die Augen; Klaus Tiedemann senkt den

Blick.

Gerhard wendet sich zur Tür; Mitleid in seiner Stimme: »Bezüglich

des geschäftlichen Angriffes werde ich heute noch eine Berichtigung

einrücken lassen.«

Er geht.

Klaus Tiedemann läßt den Kopf nach vorn fallen; er weint wie ein Kind.

Nun greifen sie an sein Lebenswerk.

Sein ehrlicher Name ist gebrandmarkt, in den Schmutz gezogen. Er hat

von jeher Angst vor der Oeffentlichkeit empfunden. Dem Hause, das

er gründete, drohen schwere Krisen. Die Uebernahme der Lecartschen

Verpflichtungen hat Opfer gefordert; Freds teure Lebensführung ist

nicht dazu angetan, der Tiedemanns Besitz zu mehren. Wenn er wirklich

so ungeheure Summen dem Phantom, adelig zu werden, geopfert hat, bedarf

es nur eines größeren Verlustes, wie er oft in Kauf genommen werden

muß, um die Firma in Schwierigkeiten zu bringen!

Klaus Tiedemann stöhnt auf; dann kommt die Aktiengesellschaft, dann

verschwindet der individuelle Zug, die Kunde wird zur Nummer.

Er knirscht mit den Zähnen.

Was bleibt ihm anderes übrig, wenn die Depositensumme sinkt? Damit

fällt des Hauses Macht. Unreelle Firmen und Betrüger hatten das

Publikum in den letzten Jahren nervös gemacht, altangesehene Firmen

waren zusammengebrochen. Wenn die Einleger, auf die alarmierende

Nachricht hin, Sturm liefen? Klaus Tiedemann zweifelt als erfahrener

Kaufmann nicht daran. Wenn sie die Spreu nicht vom Weizen zu sondern

wußten, was dann? Schon lange bestand Argwohn gegen den Stand der

Privatbankiers: die Kunden gingen lieber zu den großen Banken mit ihrem

Riesenaktienkapital, das ihnen mehr Garantie zu bieten schien. Ein

hartes Gesetz stand seit Jahren gegen den kleinen Mann und förderte den

großen, trotzdem man es geschaffen hatte gegen das Großkapital. Die

Aktiengesellschaft griff vom Anfang ihres Entstehens an mit reichen

Geldmitteln in die Konkurrenz. In langen Jahren bittersten Kampfes

hatte Klaus Tiedemann sein Kapital errungen. Seine Person war den

Kunden Bürgschaft, seine offene Geschäftsführung verhalf ihm zu seinem

Erfolg.

Er ballt die Faust. Wenn es Fred wirklich getan hat!

Stunden vergehen in grübelndem Sinnen.

Hilde kommt, ihn zum Abendessen zu holen; er gibt keine Antwort.

Krampfhaft die Tränen zurückhaltend, geht sie wieder.

Schatten fallen ein, kaum daß die Sonne gelächelt.

Er hört Clo im Nebenzimmer sprechen; auch Hilde sagt ein paar Worte.

Sie wünschen sich gegenseitig »Gute Nacht«.

Er rührt sich nicht. Er muß Fred sprechen, heute noch. Er muß die

Gewißheit haben, daß alles erlogen ist.

In stummer Verzweiflung wartet er.

Wo er so lange weilt? Er ist seit früh nicht zu Hause gewesen!

Auf jeden Ton hört er, der durch die Nacht dringt.

Die Zeit verstreicht.

Er denkt an Leo und an Lecart: die Scheidung ist eingeleitet.

Was wird Clo tun? Oft spricht sie von Gröden?

Was will Fred gegen die Angriffe unternehmen?

-- -- -- Nun ist er einundsiebzig; noch immer findet er keine Ruhe!

Hansens Bild steht vor ihm, wieder trägt das Weib Frau Wolnys Züge. --

-- -- »Wo ist Fred?«

Er sieht Jan Wolnys Augen, sie leuchten durch das Dunkel.

-- -- -- Er fährt auf. Er muß geschlafen haben. Es ist dunkel um ihn

geworden.

Er hört Schritte.

Die Tür geht auf. Fred steht vor ihm.

In dem ungewissen Dämmerlicht, das von der Straße kommt, sieht er

totenblaß aus.

Lebenswende · 第 23 / 28 题