»Nicht so,« bat er mit sich selbst im Widerstreit.
Heftig widersprach sie:
»Was soll sonst werden? Soll ich an seiner Seite weiter leben, da er
sich in seiner ganzen Erbärmlichkeit gezeigt hat? Das kann ich nicht!«
»Das verlangt auch niemand von dir.«
»Und auch später nicht, nie mehr!« Ein nervöses Zucken lief über
ihr Antlitz: »Hätte er alles eingestanden und mich gebeten,
ihm beizustehen, ich hätte es getan. Nichts hätte mich davon
zurückgehalten. Aber so, da er sich feige allem entzieht, nein das kann
ich nicht! ...«
Klaus Tiedemann senkte den Kopf. Er fand keine Widerrede. Es war sein
eigenes Denken.
Sein Fuß zeichnete Kreise auf Kreise in den Kies.
Tiefe Stille war um die beiden.
Mit fliegendem Atem begann sie wieder:
»Du kannst dich, Papa, in meine Lage nicht hineindenken; du weißt
nicht, was es mich für eine Ueberwindung kostete, ihn nicht schon
früher zu verlassen. Doch ich war feig und dachte eng. Hier draußen
ist es mir klar geworden, wie nichtig und lächerlich eigentlich alles
an ihm war, vom Anfang an. Erst flößte mir seine hochtrabende Art, mit
der er jedermann behandelte, Achtung ein, dann nahm ich sie selbst an:
warum weiß ich nicht. Es mag wohl unser Blut gewesen sein. Doch bald
kam die Ernüchterung. Aber nicht einmal mir selbst gestand ich sie zu.
Warum sollten zwei Menschen nicht auch gleichgültig nebeneinander leben
können!«
Klaus Tiedemann nickte.
»Wir ritten gemeinsam spazieren, wir gingen zusammen in Gesellschaften
und aßen vom selben Tisch.« Sie lachte gepreßt. »Wie viele machen es
nicht so, ihr ganzes Leben lang! Auch du und Mama lebtet ähnlich. Das
hielt ich mir stets vor Augen -- warum sollte es bei mir nicht auch so
gehen? Manchmal wollte ich ihn verlassen, nach irgendeiner Szene, von
denen es so viele gab -- doch ich schreckte zurück, aus Angst vor der
Meinung der anderen; es war mir ja so von klein auf eingeimpft worden.«
Sie hob die Hand und betrachtete die Ringe, die feine Rillen in die
Haut zogen: »Erst im Gespräch mit Hilde, erst in den letzten Tagen habe
ich anders denken gelernt. Vater,« sie neigte sich vor, in ihren Augen
war wieder das nervöse Zucken, »steh nicht wider Hilde auf, sie liebt
aus vollem Herzen, zertritt das bißchen Glück nicht, das unsere Familie
noch hat ...«
Er gab keine Antwort, er saß mit hängenden Armen.
Noch immer haftete Vorurteil an ihm. Ein langes Leben waren seine
Gedanken anderen Weg gegangen. Zu weit lag die Jugend zurück:
»Wir wollen nicht von Hilde, wir wollen von dir reden«, sagte er
ausweichend.
»Nun gut.« Sie sah mit forschenden Blicken auf ihn. »Wie denkst du dir
meine Zukunft?«
Er seufzte:
»Du wirst vielleicht anders denken lernen -- milder ...«
»Glaubst du daran?«
Er gab keine Antwort.
»Du glaubst es selbst nicht.« Frei sahen ihre Augen. »Warum sollen wir
nicht einmal nur an uns denken und nicht an die anderen? Er hat mir die
Jugend gestohlen und dir schwere Verlegenheit bereitet. Warum sollen
wir das nicht ändern, wenn es in unserer Kraft ist?«
Erstaunt sah er auf sein Kind.
Sie empfand seinen Blick:
»Ja, Papa, ich bin eine andere geworden -- Gott sei Dank! -- in letzter
Stunde. Der Mensch hat nur kurze Zeit auf Erden, jeder Tag ist ein
unersetzlicher Verlust, den er nicht lebt nach eigenem Gutdünken, und
ich soll mein ganzes Leben verlieren? Nein,« sie stand auf, »Lecart ist
für mich tot!«
»Kind,« stammelte er, »Kind, überlege es dir gut!«
»Da ist nichts zu überlegen! Schau, Papa!« sie faßte seine Hand.
»Was kann ein Mädchen einem Manne mehr geben, als ich getan? Freudig
hätte ich alles gelitten, hätte er nur an mich geglaubt. Du bist ja
selbst meiner Meinung,« sie legte ihren Kopf an den ihres Vaters, »du
glaubst nur, du hättest die Pflicht, mich zurückzuhalten, doch du bist
im Irrtum. Er hat unseren ehrlichen Namen gebrandmarkt, er ist nicht
besser als ein Dieb, da er dich um dein Geld betrog.«