»So sagen wir, sie ist getäuscht worden!«
Lecart streckte den Kopf weit vor, seine Augen waren drohend
aufgerissen, die Adern am mageren Hals schwollen an unter dem
stürmischen Herzschlag:
»Wer gibt Ihnen das Recht, so mit mir zu sprechen?« keuchte er.
Gerhard stand auf und faltete ein Papier auseinander; er sah zu seinem
Vater hinüber: »Die Kommission hat richtig entschieden. Sie haben
recht. Auf den ihr vorgelegten Plänen und Rissen sind die Luftschächte
vollkommen entsprechend eingezeichnet, aber«, er hob die Stimme, »die
Kommission konnte nicht wissen, daß in Wirklichkeit seit Monaten der
wichtigste Luftweg verschüttet sei; so hat man sie und die Arbeiter,
die gehorchen mußten, betrogen!«
Mit kreidebleichem Gesicht fuhr Lecart an des anderen Gurgel. »Du
sollst es büßen, mir so etwas gesagt zu haben.«
Mit starken Händen fing Gerhard die schlagenden Arme. Er warf Lecart
zurück. Mit zuckenden Lippen sagte er: »Hier hast du, Vater, deine
Familie!«
Der alte Mann regte kein Glied; er starrte vor sich nieder.
Minuten vergingen.
Lecart ordnete seine Kleider; sein hastiges Atmen klang laut durch die
Stille. Wie die Augen einer Katze, die auf der Lauer liegt, glimmten
seine Pupillen. So standen sie eine Weile sich gegenüber.
Dann klang ein stöhnender Laut -- sie sahen nach dem alten Mann.
Klaus Tiedemann richtete sich auf.
Ein harter, erbarmungsloser Zug war um seinen Mund.
»Die Gruben gehen in unseren Besitz über,« sagte er, »du hast mit allem
nichts mehr zu schaffen. Was du getan hast, trennt dich auf ewig von
mir. Einen Betrüger beherbergt meine Familie nicht.«
Lecart wollte auffahren. Drohend trat der alte Mann vor ihn; seine
kleine Gestalt schien zu wachsen:
»Clo wird mit sich ins reine kommen müssen. Ebenso du! Nur drängt für
dich die Zeit, du kannst nach alldem nicht verlangen, daß ich für dich
aussage. Gerhard und Clo haben von dem furchtbaren Betrug gesprochen.
Ich hab' es nicht geglaubt, trotzdem die Beweise nur allzu klar lagen.
Ich habe noch immer an einen Irrtum gedacht.« Er schüttelte den Kopf
und ballte die Faust. »Ich hätte dich gehalten, so schwer mir's
auch gewesen wäre, hättest du dein Unrecht eingestanden; du hast es
nicht getan.« Er maß Lecart von Kopf zu Füßen. »Ich bin zwar nur ein
Kaufmann, der schlichte Manieren hat; so kann ich weiter nicht raten,
aber Sie werden, Baron Lecart, Mittel und Wege finden müssen, sich vor
dem Kerker zu schützen, in den Sie gehören. Das wird Ihnen ja nicht
so schwer fallen, Sie sind stets findig gewesen.« Er wandte ihm den
Rücken. »Ich glaube, wir sind fertig.«
Mit festen Schritten ging Klaus Tiedemann zur Tür; die Tränen standen
in seinen Augen.
Schon am nächsten Tage schrieb Lecart. Das Kuvert trug seiner Familie
Wappen. Er schrieb in knappen Worten, daß er nach dem, was vorgefallen
sei, es als selbstverständlich ansähe, das Haus nicht mehr zu betreten,
in welchen er derartigen Invektiven ausgesetzt sei. Er bedauerte
nur, daß ihm keine anderen Mittel als seine Verachtung zur Verfügung
stünden. Den Rechtsweg wolle er mit Rücksicht auf seine arme Frau
und die Gesellschaft nicht betreten. Zum geschäftlichen Teile seines
Briefes übergehend, teile er mit, daß er alle Angelegenheiten seinem
Rechtsfreund übergeben hätte, da der gestrige rohe Auftritt seinen
ohnehin alterierten Nerven den Rest gegeben hätte. Er zöge sich
auf unbestimmte Zeit in ein Sanatorium zurück, um seine Gesundheit
womöglich wiederherzustellen, deren schlechter Zustand ihn auch bewogen
hätte, sich auf einige Zeit seines freien Verfügungsrechtes zu begeben.
Er habe seinen Advokaten zu seinem Kurator bestellt und ersuche, sich
in allen Dingen an diesen allein zu wenden, da er nunmehr vollkommen
ausgeschaltet sei. Mit Rücksicht darauf werde auch die gegen ihn
schwebende Klage hinfällig.
Noch am selben Nachmittag fuhr Klaus Tiedemann zu seiner Tochter.
Es war ein schwerer Weg, und doch ging er aufrechten Hauptes durch den
hochstämmigen Laubwald, durch welchen der Weg von der Bahnstation aus
führte.
Die Buchen rauschten um ihn, und er atmete in tiefen Zügen, als wolle
er all den Dunst und die Häßlichkeit der Stadt aus seinem Innern
vertreiben.
Ruhe lag über dem herbstlichen Grün und senkte sich über sein Wesen mit
lindem Hauch.
Ein alter Bauer, das Gewehr auf der Schulter, kam ihm entgegen. Ein
großer Hund trottete hinter ihm drein, sie sahen beide zufrieden aus.
Kinderstimmen hallten zwischen den hohen Stämmen des Waldes. Sie
gehörten Ausflüglern an, die für wenige Stunden der lärmenden Großstadt
entflohen waren.
In schwerem Fluge schwang eine Krähe sich über die Lichtung; noch lange
klang ihr rostiger Schrei.
Bald war Tiedemann am Ziel.
Er öffnete die Gartenpforte.
Auf dem Vorplatz war ein Ruhesessel in die Sonne gerückt. Clo ruhte
darauf; Hilde saß daneben und las aus einem Buche vor.
Als sie seinen Schritt auf dem Kies hörte, stand sie rasch auf; auch
Clo hob den Kopf.
»Bleibt sitzen!« Er winkte ihnen zu und kam näher.
Clo war bleich, ihr Gesicht trug einen leidenden Zug; trotz der warmen
Herbstsonne hatte sie eine Decke über die Knie gezogen.
Sie sprachen von gleichgültigen Dingen, von den wenigen Neuigkeiten,
die sich in den letzten Tagen zugetragen hatten:
Gestern nachmittag hatte es gewittert; darauf war die Temperatur
plötzlich stark gefallen. Heute früh war es kühl gewesen. Die Schwalben
sammelten sich bereits zum Flug.
Sie sprachen mit leiser Stimme und sahen aneinander vorbei.
Klaus Tiedemann hatte auf seinem Wege gefällte Stämme bemerkt; nun
redete er davon.
Clo gab rasche Antwort: man baute einen Fahrweg durch den Wald zur
neuen Anstalt.
Klaus Tiedemann fragte, welchem Zweck der Neubau dienen werde. Hilde
gab keine Antwort; sie machte hinter seinem Rücken ihrer Schwester
Zeichen, zu schweigen. Die bemerkte es nicht.
»Für Lungenkranke im ersten Stadium.«
Besorgt sah Hilde auf ihren Vater, sie mied jedes Wort, das ihn an Leos
frühes Ende erinnern konnte.
Doch sie schien sich getäuscht zu haben. Mit ruhigen Worten sprach er
weiter.
Dann legte er die schwere Hand auf die Armstütze von Clos Sessel:
»Hat dir Lecart geschrieben?«
»Nein«, ihre Lippen wurden schmal.
»Da lies«, er reichte ihr den Brief und sah zu Boden, auf dem Ameisen
hin und her krochen.
Mit leisen Schritten ging Hilde davon.
Er nickte ihr zu, dann sah er in scheuer Erwartung zu Clo.
Sie hatte den Mund halb geöffnet. Röte erschien auf ihren schlaffen
Wangen.
Noch einmal überflog sie die wenigen Zeilen, dann ließ sie das Blatt
sinken:
»Siehst du Papa? ...«
»Ja Kind!« Er stützte den Kopf in die Hand: »Was soll nun werden?«
Sie zuckte die Achseln.
Ein leiser Hauch ging über die Bäume, ein paar dürre Blätter wehten
über ihre schmale Hand.
Dann trat ein trotziger Zug um den feinen Mund:
»Ich laufe ihm nicht nach.«
»Nicht so!« Klaus Tiedemann rückte näher, sein eigenes Leben stand ihm
vor Augen: das ließ ihn milde Worte finden: »Du mußt gerecht sein; es
ist so viel zu gleicher Zeit auf ihn eingestürmt, daß er Nachsicht
verdient.«
»An mich hätte er denken können.«
»Gewiß, Kind, aber ...«
Sie warf den Kopf zurück:
»Nichts, Papa, glaube mir, nichts, er war stets so.«
Wieder schwiegen beide.
»Und sage mir, Papa: er hat nicht zu widersprechen versucht, hat nicht
den Willen gehabt, aus eigener Kraft das Unglück gutzumachen?«
»Nein!«