Es klopfte jemand an die Tür. Fred rief: »Herein.«

Eine breite, muskelkräftige Gestalt, mittelgroß, die unverkennbare

Aehnlichkeit mit dem alten Tiedemann trug, trat über die Schwelle;

eine sichere Stimme sagte kurz: »Guten Morgen.« Die Aussprache hatte

englischen Akzent. Gerhard Tiedemann ging mit schweren Schritten auf

seinen Stiefbruder zu und sagte sachlich:

»Wir brauchen dich drunten im Kontor, zum Unterschreiben, wir können

die Sachen nicht länger liegen lassen.«

Unwillig hatte sich Fred im Sessel herumgeworfen. Nun galt es, den Chef

zu zeigen. Er zog die Stirn in Falten. »Ich komme; so lange wird es

wohl noch Zeit haben!?«

Gerhards energisches Gesicht blieb ruhig. »Ich habe die Sachen

mitgebracht; sie liegen nebenan.«

Klaus Tiedemann wackelte vergeblich mit dem Kopfe, um der peinlichen

Szene -- doppelt unangenehm, weil sie vor einem Fremden stattfand --

ein Ende zu machen. Auch in ihm war Aerger über Gerhards eigenwilliges

Benehmen. Was mußte sich Olthoff denken?

Als Fred keine Antwort gab, klang abermals Gerhards Stimme: »Es handelt

sich vor allem um die Wechsel für Lecart, deren dieser dringend

benötigt.«

Fred war aufgesprungen und maß den Sprecher von Kopf bis zu den Füßen,

dann ging er voraus ins Herrenzimmer.

Klaus Tiedemann sah seinen Kindern nach, von denen er das, welches die

Art seiner eigenen Jugend trug, nicht liebte. Wie derb und gewöhnlich

war dessen Gestalt gegen die elegante Figur Freds!

Es vergingen verlegene Minuten.

Schnell und unvermittelt, um der Situation Herr zu werden, frug

Tiedemann:

»Sind Herr Baron schon lange hier in Garnison?«

Olthoff lächelte, daß kleine Fältchen um seine Augen aufsprangen: »Erst

wenige Monate; ich bin Jahre in der Provinz gewesen.«

»Ich denke mir das Leben dort nicht so unangenehm?«

»Es ist fad.«

»Dafür gilt aber der Offizier dortselbst mehr als hier in der

Großstadt. Besonders bei der Damenwelt. Nicht?«

Olthoffs Stimme wurde interessiert: »In der Provinz sind meist nur

verheiratete Damen. Die sind gewiß für uns Junggesellen _sehr_

angenehm; aber in einer Kleinstadt läßt sich so etwas nicht ausnutzen.«

»Ich verstehe.« Klaus Tiedemann lachte in der ihm eigenen bedächtigen

Art und sah fragend nach Hilde hinüber: ob die zimperlich sei?

Olthoff bemerkte den Blick und sagte: »Gnädiges Fräulein verzeihen, daß

ich so sprach?«

»Bitte!« Sie erhob sich jäh; auch er stand. »Nun habe ich lange genug

gestört.«

»Nicht im geringsten,« sagte Klaus Tiedemann, vor Hilde tretend, »ich

werde sofort Fred rufen lassen. Ich weiß nicht, warum er so lange

fortbleibt.«

Olthoff legte Klaus Tiedemann die Hand auf den Arm; er sagte

verbindlich »Bitte, ihn herzlich von mir zu grüßen, und nochmals

Verzeihung für mein Stören!«

»Aber ich bitte!«

»Sie müssen es auf Kosten Ihrer Liebenswürdigkeit setzen.«

Klaus Tiedemann verneigte sich: »Kommen Sie recht oft und recht bald

wieder, Herr Baron!«

»Wenn Sie gestatten, mit größtem Vergnügen!« Olthoff schlug die Hacken

zusammen. »Bitte Fred zu sagen, er soll mich antelephonieren. Er will

ein Auto kaufen, und da möchte ich ihm gern fachmännisch raten,« fügte

er erläuternd hinzu.

»Herr Baron sind sehr liebenswürdig!«

Olthoff sandte noch einen Blick zu Hilde, die unmerklich den Kopf

neigte. Dann ging er. Der alte Tiedemann begleitete ihn.

Hilde stand auf und seufzte:

Ein Tag war begonnen in alter Art.

Nach Tisch gab es eine erregte Szene: Fred aß nicht mit den Seinen, weil

er sich nicht, wie er sagte, bei seinen mannigfaltigen Obliegenheiten

an eine feste Eßstunde binden konnte. Heute war er jedoch auf ein paar

Minuten gekommen, um seinem Vater die letzten Abmachungen für die

morgige Eröffnung des Industriehauses mitzuteilen. Darüber war Klaus

Tiedemann in Aerger und Aufregung geraten. Er sollte den Minister mit

einer kurzen Ansprache begrüßen. Solange zu arbeiten gewesen und zu

raten, hatte man auf ihn bauen können, jetzt sollte man ihm seine Ruhe

lassen.

»Ich tu's nicht,« sagte er mißmutig und sah ärgerlich zu Boden.

»Du mußt; es bleibt dir nichts anderes übrig, willst du uns nicht alle

bloßstellen.«

»Wen? Alle?«

»Du bist Obmann des Aktionskomitees und hast als solcher die Pflicht,

zu sprechen.«

Klaus Tiedemann gab voll Grimm keine Antwort.

Hätte man ihn nicht hineingejagt in das Ganze, wäre alles gut; die

Geschichte mit dem Industriehaus ging jetzt schon über vier Jahre! Die

Vereinigung der Großindustriellen hatte sich nach langem Herumstreiten

zum Bau eines Vereinshauses entschlossen, und Tiedemanns verstorbene

Frau hatte es verstanden, dafür zu sorgen, daß ihr Mann dem Werke

in leitender Stelle gegenüberstand. Er hatte sich gefügt, in einer

Anwandlung befriedigten Stolzes, daß man zu ihm gekommen war.

Die anderen Mitglieder des Ausschusses waren damit zufrieden,

ihre Namen so oft als möglich in die Zeitungen, anläßlich der

Sitzungsberichte, zu lancieren. Klaus Tiedemann hatte gestützt

auf seine reichen Erfahrungen, sich voll in den Dienst der Sache

gestellt und gearbeitet. Sein Aerger, über die Aufforderung und seine

Unfähigkeit, ihr zu entsprechen, waren desto größer, als er wußte, daß

es ihm eigentlich im wahrsten Sinne des Wortes zustand, das Haus zu

eröffnen.

Aber er war zu befangen! Woher auch in der Geschwindigkeit eine Rede

nehmen? Er war keiner von denen, die für das, was sie empfanden, gleich

die richtigen Worte fanden.

Das sagte er Fred.

Doch der lachte: »Sei nicht so schwerfällig -- so ein paar leere Worte

sind doch bald beisammen.«

»Meinst du?«

Ueber den alten Mann kam ein leises Zittern der Freude; es würde

ihn doch eigentlich freuen, wenn er den Minister begrüßen könnte.

Unverwischbar waren die Vorurteile des niederen Standes, in dem er

geboren. »Du könntest mir eigentlich ein paar Worte aufsetzen,« sagte

er gepreßt zu Fred und sah angelegentlich auf seine Fingernägel, die

breit und gewölbt waren. »Ja?«

»Ich?« Fred Tiedemann fuhr ärgerlich auf, »was fällt dir denn ein? Ich

kann doch nicht stumm daneben stehen, wenn du _meine_ Worte redest!«

Klaus Tiedemann hing den Kopf.

»Fred! _Den_ Gefallen mußt du Papa tun!« sagte Hilde.

»Was weißt denn du! Wenn Papa spricht, soll er sich die Sätze auch

selbst zusammenstellen.«

»Du bist häßlich.«

»Laß nur, Hilde,« ihr Vater drückte sie auf den Sessel nieder, »ich

werde es schon allein machen.« Er atmete schwer; es war ihm nicht

leicht gefallen, seinen Sohn darum zu ersuchen; er ging zur Tür hinaus.

»Du hast Papa weh getan,« sagte Hilde vorwurfsvoll.

Schnell war Leo in die Höhe:

»_Ich_ werde Papas Rede aufsetzen,« rief er und lief zur Tür, »du bist

ein Esel, Fred.«

»Wird hübsch werden«, rief ihm Fred nach. Er trommelte auf die

Tischplatte: »So ein Frechling!«

»Ich versteh' dich nicht.« Hilde schüttelte den Kopf. »Du mußt doch

gesehen haben, Fred, wie viel Papa daran lag, daß du ihm behilflich

bist. Was hat er für dich getan!«

»Wär' ich der Vater, so hätt' ich's auch getan.«

Sie sah ihn mit langem Blicke bittend an[.] »Setze ihm die Rede auf,

Fred! Nachmittags lernt er sie auswendig, und alles ist recht.«

»Nein! Ich seh' nicht ein, warum man ihn in seiner Schwäche

unterstützen soll. Er hat oft genug davon gesprochen, was er für ein

tüchtiger Kaufmann gewesen ist; er wird das auch zusammenbringen.«

Sie gab keine Antwort.

In reichem Schmucke prangte das Industriehausvestibül. Die Herren im

Frack streckten die Hälse, vorsichtig balancierten sie die Zylinder.

Draußen, nur durch Glas und Eisen getrennt, klatschte der Regen auf die

breiten Granitstufen, welche das Vestibül gegen die Straße abschlossen.

Jeden Augenblick mußte der Minister vorfahren.

Klaus Tiedemann stand mit leise murmelnden Lippen neben der gleißenden

Statue Merkurs. »... festhalten in Treue am zünftigen Beruf ...« Er

konnte sich Leos Worte nicht merken, es war zuviel jugendlicher Schwung

darin. Der Schweiß war auf seiner Stirn, polternd fiel der Zylinder

zu Boden. Er hob ihn auf und ließ das Konzept fallen. Die Umstehenden

sahen ihn an: »Das konnte gut werden!« Es waren meist Altersgenossen

Freds, mit deren Vätern er gearbeitet hatte. Sie empfanden keinen

Zusammenhang mit dem alten Mann.

»Er kommt.«

Ein Wagen fuhr vor, die mächtigen Torflügel öffneten sich, brausend

sprang der Wind von der Straße in die Topfpflanzen, welche des

Landesherrn Büste schmückten.

Alles verneigte sich vor dem Minister und drängte vorwärts.

Klaus Tiedemann fühlte sich gestoßen, in den Vordergrund geschoben;

unordentlich saß der Frack auf seiner vierschrötigen Gestalt. Jedes

Wort war ihm entfallen; die Knie zitterten. Er sah gebeugte Rücken.

Lackschuhe schliffen auf den Fließen.

Die Vorstellung der Herren war schon im besten Gang.

Instinktiv suchte Klaus Tiedemann einen Ausweg aus der Menge; er

drängte der Tür zu. Sein Herz hob an, in schweren Schlägen zu pochen.

Er sah, wie sich die Köpfe nach ihm wendeten. Plötzlich war Fred an

seiner Seite. Wie ein Ertrinkender griff Klaus Tiedemann nach dessen

Arm:

»Ich kann nicht reden.«

»Warum?«

Klaus Tiedemann rang nach Luft. »Mir ist nicht gut; ich glaube, mich

trifft der Schlag«, er zwängte die weißbehandschuhte Rechte in seinen

Hemdkragen. »Hilf mir!«

»Ich will dich vertreten.«

Die Worte waren rasch hin und her geflogen; vor beiden öffnete sich

eine Gasse. Die Herren sahen erwartungsvoll auf Klaus Tiedemann.

Mit schnellem Schritt trat Fred vor und verneigte den wohlfrisierten

Kopf; seine Gestalt deckte die seines Vaters. »Eure Exzellenz.

Hochbeglückt sieht der Verein der Großindustriellen unseres geliebten

Heimatlandes seit langem dem heutigen Tage entgegen, der uns ein Heim

geben soll für dauernde Zeiten ...«

In leichtem Tone flossen wohlgesetzte Worte an Klaus Tiedemanns Ohren

vorbei, daß er freudig den Kopf hob und zur Seite trat, um in Freds

Gesicht Ausblick zu gewinnen.

»... Euerer Exzellenz Gegenwart gibt uns die frohe Zuversicht, daß

unser Bestreben von maßgebender Seite gewürdigt und unterstützt wird

...«

Er war stolz auf seinen Sohn!

Der sprach zu Ende:

Er pries den Kaufmannsstand, dem die ganze Welt offen stünde, er

sprach davon, wie verfehlt es sei, wenn die Gewerbetreibenden ihre

Söhne die Mittelschule nur zu dem Zwecke besuchen ließen, um sie die

Beamtenkarriere oder einen der gelehrten Berufe ergreifen zu lassen:

»... Der Kaufmannsstand selbst bedarf tüchtiger, gebildeter Kräfte, die

ins Leben hinausziehen, den Ruhm unseres Vaterlandes zu mehren.«

Er schloß unter allgemeinem Beifall mit einem Hoch auf die Person des

hohen Gastes ...

Sie umdrängten Fred Tiedemann, dem der Minister die Hand schüttelte.

Dann sprach auch der ein paar Worte; seine Rede klang aus in ein Hoch

auf den Landesherrn.

Dann begann der Rundgang.

Klaus Tiedemann wollte seinem Sohne danken, doch er konnte ihn nicht

erreichen; vergebens sah er sich nach ihm um. Fred ging ganz vorn, an

der Spitze des Zuges.

Tafeln hingen an den Wänden und zeigten die Zunahme des Exportes.

Steile Kurven klommen an den Mauern hinan; sie wiesen die enorme

Entwicklung einzelner Branchen.

Durch den Festsaal und das Stenographenzimmer ging es zu den

Fremdenappartements. Dann kamen die ausgedehnten Bureaus, die Schreib-

und Lesezimmer, die ausgewählte Fachwerke enthielten über sämtliche

Handelsgebiete. Klaus Tiedemann drängte sich vor. -- Sie waren in das

Informationszimmer getreten, eine Neueinrichtung, zu der er geraten

hatte. Die Nächststehenden wehrten ihm den Ausblick; dunkle Röte stieg

in sein Gesicht.

Er hörte, wie sein Sohn die Erklärung gab, wie er die Schemas zeigte,

nach denen die einschlägigen Adressen und sonstigen Informationen

schnell zu finden waren. Klaus Tiedemann hatte hier die Erfahrungen

seines arbeitsreichen Lebens niedergelegt. Jeder Interessent konnte

sich hier über alles Wissenswerte unterrichten; sämtliche Länder der

Erde waren vertreten. Klaus Tiedemann hörte lobende Stimmen, die seinem

Werke galten; ihn selbst beachtete niemand. Er drehte sich um; hinter

ihm stand der Architekt, der das Gebäude geschaffen hatte, der Wochen

und Monate mit ihm gearbeitet hatte, derweil die anderen sich um

nichts bekümmerten. Auch der lächelte bitter. Sie verstanden sich ...

Der Zug ging weiter, dem nächsten Stockwerk zu; wie eine lange Schlange

wand er sich durch die Räume.

Klaus Tiedemann senkte den Kopf; er ging als letzter.

Sie saßen am nächsten Tage, nach dem Abendessen beisammen. Klaus

Tiedemann hatte einen großen Bogen weißen Papiers vor sich liegen.

»Ich bin auf jeden Fall _dagegen_!« sagte Fred und streifte die Asche

von seiner Zigarre.

»Ich auch.«

»Ihr wollt Görnemann diesmal nicht einladen?« Hilde sah erstaunt von

ihrer Stickerei in die Höhe. »Warum denn?«

Klaus Tiedemann ließ seinem Sohn das Wort. Er sah ihn erwartungsvoll

und ermunternd an. Fred sprach:

»Mit den alten Gewohnheiten muß endlich einmal gebrochen werden. Jetzt,

wo wir nach Mamas Tod das erste Souper geben, ist die beste Gelegenheit

dazu. Was soll Görnemann in dieser Umgebung? Unser Bekanntenkreis ist,

Gott sei Dank, mit der Zeit ein anderer geworden. Einen Fürsten Solt

und eine Baronin Wolny können wir nicht mit Herrn Sebastian Görnemann

zusammenbringen. Da gibt es doch gar nichts zu reden, und auch Olthoff

würde sich für eine solche Bekanntschaft bedanken.«

Er nahm seinem Vater den Bleistift aus der Hand und zog einen dicken

Strich durch den Namen seines ersten Angestellten.

»Ganz richtig«, sagte Leo, den es gar nichts anging. Hilde schwieg und

beugte sich tief über ihre Arbeit.

»Es wird ihm selbst so lieber sein«, tröstete der alte Tiedemann eine

Regung in seinem Innern. Dann atmete er gleich wieder schwer: »Das ist

bei Gerhard etwas ganz anderes, der trägt unseren Namen.«

»Du willst Gerhard bei uns haben?« Aus Freds Frage klang Ueberraschung

und Ungeduld. »Ja, sage mir nur, aus welchem Grunde?«

»Ich denke wohl? Was würden denn die Leute sagen, wenn ich es nicht

täte; sie tratschen ohnehin genug, daß er nicht bei uns wohnt! Er ist

doch mein Sohn.«

»Nun ja; aber eben -- aus deiner ersten Ehe!«

Unsicher blickte der Alte um sich. Scheue und herannahender Unwille

kämpften in ihm. Er spreizte die Daumen gegeneinander und sah mit

schiefem Kopf zu Fred hinüber; in ihm war die Erinnerung an gestern:

»Laß das«, grollte es aus ihm. »Genug, daß er mein Kind ist. Er hat das

Recht, dasselbe zu verlangen wie ihr.«

»Du sprichst doch nicht im Ernst, Papa?«

Fred lief mit langen Schritten im Zimmer herum.

»Setze dich her!« des alten Tiedemanns Stimme gewann Schärfe, »laß das

Räsonieren! Er ist mein Sohn und hat bis heute bei Gott noch nicht zu

viel Anspruch darauf erhoben! Ich habe ihn zwanzig Jahre nicht gesehen.

~Bon!~ Mutter hat er nicht gekannt ...« des alten Mannes Rede begann

zu hasten, »sie ist gleich nach seiner Geburt gestorben, und ich bin

herüber nach Europa und bin hier geblieben. Er hat von mir nur gewußt,

daß ich sein Vater sein muß, weil ich denselben Namen habe und ihm Geld

schicke. Er ist mir fremd, ich hab' euch lieber als ihn, aber er bleibt

mein Kind.«

»Gut!« Fred schlug mit zynischem Lächeln die Hand auf den Tisch. »Gut,

daß Mama tot ist.«

Die Zornesader schwoll auf des Alten Stirn.

»Fred«, sagte Hilde mahnend, und auch Leo, der von seinem üblichen

Halbschlummer aufgewacht war, winkte dem Bruder ab. Doch der war viel

zu zornig, um es zu bemerken:

»Da willst du Gerhard wohl auch einmal in die Firma aufnehmen, ihn

vielleicht gar zu meinem Mitchef machen?« fragte er herausfordernd.

»Und wen würde das kümmern?«

Für einen Augenblick zögerte Fred mit der Antwort: er kannte den Vater

von dieser Seite nicht; dann brach er los: »Nun, hörst du, Papa, das

übersteigt alles Erdenkliche! Das hätten Mama oder ihre Verwandten

erfahren sollen! Sie hätten nie eingewilligt, daß Gerhard zu uns kommt;

das sind die Folgen ...«

Eine tiefe Falte zog sich um des alten Tiedemanns Mund. »Wer hat

die Firma Klaus Tiedemann gegründet und hochgebracht?« fragte er.

»Deine Mutter oder ich? Wer hat mir dabei geholfen? Die Wesenheims

vielleicht? Die haben mir nicht das Leben vergönnt! Wie ein Hund hätte

ich zugrunde gehen können, sie hätten nicht die Hand gerührt. Erst als

ich ihnen Stück für Stück ihren Boden entrissen hatte und der Bankerott

unausbleiblich war, dann waren sie umgestimmt. _Dann_ durfte ich sogar

die Tochter heiraten ...« Fred stand auf.

»Papa! Kein Ehrenmann spricht so über seine Frau, am wenigsten vor

seinen Kindern. Wenn du so zu sprechen fortfährst, muß ich das Zimmer

verlassen.«

Erschreckt und verlegen hielt sein Vater inne. War er zu weit gegangen?

Die Unsicherheit seiner niederen Geburt nahm ihn oft gefangen seinem

eigenen Kinde gegenüber. Fred kannte sich in solchen Sachen aus! Gewiß

war ihm wieder der Zorn durchgegangen; er wollte ja niemandem unrecht

tun; gerade darum hatte er ja so gesprochen! Es war ja auch nur zur

Hälfte seine Ueberzeugung, was er über Gerhard gesagt hatte, aber es

war durch Freds Widerspruch etwas in ihm aufgerührt worden, das von

seiner hart durchlebten Jugend in ihm zurückgeblieben war als eiterndes

Geschwür. Er suchte einzulenken:

»Für diesmal müssen wir Gerhard wohl einladen. Wer weiß, ob er kommt,

und wegen dem anderen, Fred,« er blickte seinen Sohn begütigend an,

»laß dir keine grauen Haare wachsen, du kommst gewiß nicht zu kurz;

meinst du nicht selber?«

Fred nickte, er konnte nur schwer ein befriedigtes Lächeln verbergen:

»Machen wir weiter!«

Schnell griff der Alte nach der Liste; er sagte:

»Fürst Solt, den mußt du persönlich auffordern, Fred.«

»Ich treffe ihn heute im Klub.«

»Gut.«

»Baronin Wolny werde ich selbst morgen einladen. Ich fahre vormittags

zu ihr, vielleicht könnte man auch bei uns am gleichen Abend über das

Wohltätigkeitsfest einig werden -- so eine kleine Komiteesitzung ~entre

nous~ wäre nicht schlecht!«

»Und ihren Sohn soll sie auch mitbringen; vielleicht wird das ein

Verkehr für Leo!«

»Für mich?« fragte der erstaunt.

»Ich glaube nicht, Papa,« sagte Fred, »er ist ein hochmütiger,

überspannter Bursche. Kaum zu glauben, daß eine so natürliche Mutter

einen solchen Sohn hat.«

Hilde mischte sich ins Gespräch: »Sie ist Kunstreiterin gewesen? Der

Gesandte, ihr verstorbener Mann, mußte mit seiner Familie brechen, als

er sie heiratete?«

»Dummes Geschwätz,« fuhr Fred auf, »kein wahres Wort ist daran; sie ist

eine riesig gebildete, feine Frau, die in den ersten Kreisen der Stadt

verkehrt.«

»Hilde hat's ja auch nur von Hansen gehört,« lachte Leo, »und bei dem

muß man immer nur die Hälfte glauben mit seinem frechen Maul.«

»Leo,« in bitterer Verlegenheit preßte die Schwester die Lippen

zusammen, »du weißt wohl wieder nicht recht, was du daher redest?«

»Oh, ganz genau,« kam in streitseliger Behaglichkeit die Antwort, »es

ist so.«

»Apropos,« sagte Fred Tiedemann, »weil Hansen erwähnt wurde: den müssen

wir diesmal entschieden einladen!«

»Hansen? Nein! Warum den?« Der alte Tiedemann schien dem

Karikaturenzeichner wenig Sympathie entgegenzubringen, »den kann man

doch nicht mit Solt zusammenbringen.«

»Wir brauchen ihn für das Wohltätigkeitsfest! Laden wir ihn nicht ein,

macht er uns dann nicht den Narren -- und wir haben keinen anderen, der

so schnell arbeitet und uns die Sachen umsonst überläßt.«

»Aber die Geschichte mit den Solts!«

»Welche denn?«

»Na hörst du!«

»Ich weiß wirklich nicht.«

»Daß du das vergessen hast!«

»Was ist denn?«

»Als Hansen seine Karikaturen zum erstenmal gesammelt erscheinen ließ,

rückten die Solt-Hansen doch in die Zeitung die Notiz ein ...«

»Jetzt erinnere ich mich: daß sie mit dem Zeichner T. A. Hansen weder

verwandt noch irgendwie in Beziehung wären? Das meinst du Papa?« Fred

mußte lachen. »Grob war schon seine Antwort! Ich hätte mich allerdings

in ähnlichem Fall tödlich beleidigt gefühlt, aber: Fürst Solt verkehrt

mit den Solt-Hansen nicht, weil sie bürgerliche Frauen haben, und

er lachte über Hansens Erwiderung am nächsten Tage: ‚Der Zeichner

T. A. Hansen teilt mit, daß er mit der Familie Solt-Hansen, deren

jüngster Sohn kürzlich wegen betrügerischer Wechselschulden verurteilt

wurde, weder verwandt ist noch in irgendwelchen Beziehungen steht.’«

»Ein ganz famoser Bursche, der Hansen,« meinte Leo nachdenklich, »der

schert sich um niemanden als um sich selbst und ...«, er zwinkerte mit

den Augen zu seiner Schwester hinüber.

Die senkte den Kopf tief auf ihre Arbeit, während der Vater langsam,

widerwillig sagte: »Also den auch.« Und dann hörte sie, wie der

Bleistift bei Hansens Namen den Haken machte, der seine Einladung

sicherte. Sie mußte bitter lächeln, daß es gerade Fred war, der

ihn wieder zu ihnen ins Haus zog. Gerade der, der ihn am wenigsten

verstand, und dessen Art Hansen am heftigsten bekämpfte.

Fred sah auf die Uhr und sagte:

»In einer Viertelstunde muß ich fort, sonst treffe ich Lecart nicht

mehr im Klub.« Er griff nach der Adressenliste und durchflog die Namen.

»Der Karsten hat quittiert und ist Agent geworden, den natürlich

nicht«, er strich den Namen des ehemaligen Gardeoffiziers und las

flüchtig weiter ..., »die junge Büdener nicht, die hat einen armen

Teufel geheiratet, man sagt aus Liebe. Die kann sich kein ordentliches

Gesellschaftskleid kaufen.« Wieder kratzte der Bleistift und schied

eine junge Frau vom Hause Tiedemann ... Er las rasch: »Die anderen

stimmen so.« Er ließ das Papier fallen. »Richtig, was ich noch sagen

wollte: du mußt dir den Schneider kommen lassen, Papa, du brauchst

einen neuen Frackanzug.« Klaus Tiedemann schüttelte den Kopf; doch sein

Sohn ließ ihm nicht das Wort: »Es ist die höchste Zeit für dich.«

»Schon wieder einen neuen Frack?« Der alte Tiedemann runzelte die

Stirn. »Ich habe nur ohnehin erst voriges Jahr einen machen lassen.«

Fred wurde ungeduldig:

»Man hat jetzt anderen Schnitt und einen Vorstoß an der Weste. Ich habe

mich gestern im Industriehaus geschämt, wie dein Gilet saß. Du kannst

als Hausherr nicht so aussehen! Ich versteh' dich wirklich nicht, Papa,

wie du in derart primitiven Anstandssachen anders denken kannst.«

Wieder sah er auf die Uhr: »Ich werde dir morgen die neuen Muster

schicken lassen.«

Der alte Mann fuhr sich müde über die Augen.

»Dann soll sich Leo aber auch etwas bestellen«, sagte er.

Der sah mit flinkem Blick auf: »Ich brauche schon lange wieder einen

Tennisanzug, Pa.«

Fred Tiedemann knöpfte eilig den Rock zu:

»Gute Nacht! Ich gehe. Bald hätte ich vergessen. Ich habe morgen

vormittag keine Zeit fürs Geschäft, muß zur Wolny usw. Bitte, Papa,

gehe morgen 'mal wieder hinunter. Es werden Berichte von drüben

gekommen sein, und auch Lecart hat bei uns zu tun. Sei so gut und

besprich dich mit Görnemann; aber den Gerhard laß aus dem Spiele, den

geht die Sache nichts an.« Fred schritt zur Tür. »Olthoff läßt sich dir

empfehlen, Hilde, er behauptet, noch nie ein so hübsches Mädchen als

dich gesehen zu haben, aber du seiest herb.« Er lachte. »Ist schon 'was

Wahres dran; na, das gibt sich! Addio.«

Klaus Tiedemann erhob sich, er hielt die Lider geschlossen, als

schmerzten sie ihn.

»Gehen wir schlafen!« sagte er.

Ueber den Spieltischen des Klubs hing dichter Rauch.

Fred Tiedemann hörte mit halbem Ohr seinem Schwager zu, der

eindringlich in ihn hineinredete. Seine Augen wanderten die Reihen der

Sitzenden entlang, ob er nicht einen Bekannten darunter fände, der ihm

Grund gab, sich der Umklammerung Lecarts zu entziehen.

Er hatte nicht Lust, jetzt von Geschäften zu sprechen; doch dem anderen

galt das heute alles: »Wenn ich meine Geschäftsinteressen euch gebe

und dafür schweres Geld zahle, so könnt ihr mir doch entgegenkommen!«

Lecart strich aufgeregt seinen pechschwarzen ~Henry quatre~ und sah

hochmütig nachdenkend vor sich nieder. »Das Bankhaus Tiedemann«, fuhr

er mit heiserer Stimme fort, »wird wohl nicht auf den Verdienst mit

seinen Verwandten angewiesen sein, und jetzt ist der richtigste Moment,

in dem ich mich rangieren und schweres Geld dabei verdienen kann.«

»Wenn man das sicher wüßte!«

»Erlaube,« Lecart machte eine hastige Bewegung, »ich hoffe, für das

Reelle der Unternehmung bürgt mein Name!«

»Natürlich, selbstverständlich; aber es handelt sich um große Summen,

da habe ich die Verpflichtung, vorsichtig ans Werk zu gehen!« Fred kam

sich unendlich wichtig vor, als er so sprach, trotzdem er gerade mit

seinen Gedanken bei Frau Maja Wolny war und sich die Worte überlegte,

mit welchen er sie morgen einladen wollte.

»Das ist mir klar. Aber die Hausse in Spiritus hält noch längere Zeit

an!«

»Ist das sicher?«

Lecart erwiderte mit lebhaften Worten:

»Daran ist doch nicht zu zweifeln. Die disponible Ware ist in festen

Händen und wird nicht abgegeben, weil die Eigner sich den Sommerbedarf

sichern wollen, die Zufuhr mangelt. Nach der letzten Notierung ist«, er

griff nach dem Börsenblatt und klemmte das Monokel ein, »jetzt bereits

gegen den niedrigsten Preisstand des Vorjahres eine Steigerung von

7,80 zu verzeichnen.« Auf Lecarts bleichem hageren Gesichte begannen

zwei rote Flecken zu brennen: »Wenn ich die Mansbergschen Fabriken

übernähme; in zwei Tagen habe ich sie in vollem Betrieb, dann schmeiß'

ich in kurzer Zeit so viel Ware auf den Markt, daß sie mir, bei den

hohen Preisen, enormen Gewinn bringen muß.«

»Du drückst dir aber dann doch selbst die Preise herunter durch

forcierte Abgaben!«

»Bis es so weit ist, habe ich meine Sache im Trocknen.« Immer

eindringlicher und überredender wurden Lecarts Worte: »Es muß dir

doch einleuchten, daß an der ~chose~ keine Gefahr, sondern nur Gewinn

zu finden ist!« Wieder stand der abweisende Zug um seinen schmalen

Mund, während sich seine hagere Gestalt weit vorneigte und die kalten

schmalen Finger nach Freds fleischiger Hand griffen: »Schlag ein, wir

haben beide Nutzen und die anderen haben das Nachsehen; sie sollen

spüren, daß mit den Lecarts und Tiedemanns nicht leicht zu kämpfen

ist ...« Er fuhr halb in die Höhe und grüßte einen vorübergehenden

Offizier: »Mein Kompliment Durchlaucht.«

Auch Fred war instinktiv aufgefahren und hatte sich verneigt. Dunkelrot

war er im Gesicht geworden.

»Kennst du ihn?« war seine Frage.

»Selbstverständlich: intim.«

»Du mußt mich vorstellen!«

»Gern! Schwager was ist's? Einverstanden?«

Freds Widerstand war gebrochen, Lecart hätte ihn für seine Pläne an

keiner Stelle so leicht gewinnen können wie hier im Klub, wo Fred

Tiedemann um Gleichberechtigung rang, die ihm nur schwer seines Vaters

Geld verschaffte. Er nickte und besah die spiegelnde Spitze seines

Lackschuhes:

»Jawohl, aber ich verlasse mich _ganz_ auf dich! Ich habe keine Zeit,

mich näher zu informieren. Du hast die Verantwortung.«

Fred stand auf, Lecart hielt ihn fest: »Treffe ich dich morgen im

Geschäft?«

»Nein!« Fred Tiedemann strebte den Spieltischen zu. Lecart riß aus

seinem Notizbuch einen Zettel und kratzte im flirrenden Licht, das

durch den Rauchnebel schien, ein paar Worte darauf: »Da unterschreib!«

Mit gleichgültigen Augen überflog Fred die zwei Zeilen, durch die er

das Bankhaus Klaus Tiedemann anwies, Herrn Baron Lecart beim Ankauf

der nachgelassenen Mansbergschen Spiritusfabriken bedingungslos zu

unterstützen. Mit seiner steilen Schrift setzte er seinen Namen

darunter. »Wir müssen aber die erste Hypothek haben, damit wir sicher

gehen!« sagte er.

»Ich bin der letzte, der euch schädigen will.«

Fürst Solt ging vorüber mit seinen langsamen, steifen Schritten und

seinem tadellos sitzenden Salonrock. Tief bückte sich Fred Tiedemann:

»Durchlaucht, dürfte ich um wenige Augenblicke Gehör ersuchen?«

Solt neigte den Kopf.

»Bitte!«

Fürst Solt trat näher, er übersah Lecart, der, während sein Schwager

in wohlgesetzter Rede die Einladung vorbrachte, den Zettel hastig

verwahrte, der ihm wieder für ein paar Monate Luft machte und Kredit

schuf.

Mit freudestrahlenden Augen sah Fred dem Fürsten nach: »Er hat

zugesagt, das Fest ist gesichert.«

»Hm,« Lecart schien müde und abgespannt, »was machst du jetzt?«

»Ich suche Olthoff und werde ein kleines Spielchen probieren.«

»Dort ist er!« Lecart wies auf den Näherkommenden. »Nimm dich vor ihm

in acht, er steht windschief und kann eine teuere Bekanntschaft werden.«

»Teuerer als du kann er nicht sein.«

In Lecarts Emigrantenaugen blitzte es feindselig auf. »Ich bin der Mann

deiner Schwester.«

»Weiß ich. Grüß' sie mir schön!«

Fred Tiedemann eilte seinem neuesten Freunde entgegen. Lecart, mit

seinen dreißig Ahnen, lehnte sich unwillig in dem Fauteuil zurück und

sann auf Geschäfte.

Drunten schlich durch den fallenden Regen Leo Tiedemann auf der Suche

nach Abenteuern.

Am nächsten Tage hatte sich der alte Tiedemann rasch angekleidet und

war mit unruhigen Schritten im Zimmer auf und ab gegangen, bis es

Frühstückszeit war. Mehr als ein Jahr hatte er sich geflissentlich vom

Geschäft zurückgehalten, um Fred nicht zu beeinflussen. Es war ihm

nicht leicht gefallen; doch er konnte sich recht gut zurückerinnern,

wie er eine Kontrolle vertragen hätte, daher glaubte er auch, es

müßte bei seinem Sohne das gleiche sein. Wohl war es ihm manchmal

vorgekommen, als ob Fred eine Einmischung seinerseits gar nicht ungern

sähe.

Langsam stieg er die Stufen hinunter, die er jahrelang gegangen war, in

tiefen Sorgen und Gedanken. Ein weihevolles Gefühl umfing ihn.

Er lächelte darüber und vermochte doch nicht, es abzuschütteln.

Er ging auf die große, eiserne Türe zu, die er versucht hatte zu

vergessen und die doch stets alte Wunden aufriß, wenn er sie sah -- es

war selten genug. Sie war vor dreißig Jahren, als er das Haus in seinen

Besitz gebracht hatte, rostig und zerschlagen gewesen. Er hatte sie

stets so gelassen. Nun glänzte sie in neuen Farben.

Mit raschen Schritten trat er ein.

Ein Diener kam geschäftig auf ihn zu; doch als er ihn erkannte, riß er

die Tür nach links hin auf.

Sein Blick flog über die langen Reihen der Schreibtische; er atmete

tief. Wieder einmal lag sein Leben vor ihm, das ihm hier Tag für Tag

vorübergeschlichen war in unablässigem Mühen und Sinnen.

Hier saßen die Buchhalter.

Er sah unter den bekannten Gesichtern neue -- wie stets, wenn er kam --

die erst der Nachbar aufmerksam machen mußte, wer er sei. Dann flogen

sie von den Drehstühlen in die Höhe und verneigten sich tief: »Ich habe

die Ehre, Herr von Tiedemann.«

Er kam sich fremd vor in dem langgestreckten Bureau, das um das

Doppelte vergrößert worden war. Sein Auge musterte mit schnellem Blick

die neue Einrichtung, von der Fred so viel zu ihm gesprochen hatte.

Alles war getäfelt, mit leichten, sanften Farben bedeckt. Es machte

einen vornehmen Eindruck und stach ihm doch unangenehm in die Augen.

Das Leben war fortgeschritten und verlangte andere Formen. Das war

stets so gewesen, und Fred stand voll in seiner Zeit: das war seine

Beruhigung.

Nun sah er den alten Görnemann, welcher gebeugt an seinem Stehpult

arbeitete, den weißen Kopf auf die linke Hand gestützt. So hatte er ihn

jahrzehntelang gesehen; nur die Haare waren damals noch braun gewesen.

Der Ton, mit dem er ihn anredete, war wärmer, als er eigentlich wollte:

»Grüß Gott, Görnemann!« Der fuhr herum, als hörte er ein Gespenst:

»Der Herr!« Er lief nach einem Sessel. »Das ist aber schön, daß

Sie wieder einmal nach uns sehen. Das ist sehr schön.« Er rieb

seine mageren Hände, daß sie knackten. Klaus Tiedemann machte eine

Kopfbewegung nach den Arbeitenden; er war verlegen, weil er nicht

gleich den richtigen Ton fand.

»Viel neue Leute darunter?«

»Viele«, der alte Prokurist räusperte sich.

»Hat sich viel geändert?«

»Oh, sehr.«

Etwas Fremdes lag zwischen den beiden Männern, die sich ein Leben lang

gekannt hatten. Der Ton des Salons ließ sich nicht hierher verpflanzen.

»Auf dem Platze vom Pfeiffer sitzt jetzt auch ein Junger.«

»Der Pfeiffer ist in Pension gegangen.« Wieder hüstelte Görnemann,

um nicht sagen zu müssen, daß es den alten Mann viel Tränen gekostet

habe, bis er seinen Sessel, den er dreißig Jahre gedrückt, hatte

verlassen müssen; aber mit dem jungen Chef ging es nimmer! Der nahm ihm

die Handkasse weg und degradierte ihn zum Schreiber. Das ertrug sein

Ehrgefühl nicht.

»Hat mein Sohn die Pensionsfrage gelöst?«

»Nein, es wird noch immer fallweise bestimmt, was jeder bekommt.«

»Aber er gibt jedem von meinen alten Mitarbeitern Pension?«

Leise Angst und Besorgnis klang in der Frage. »Ja, aber es ist sehr

wenig.«

»Das will ich nicht; da muß ich heute gleich mit Fred sprechen.«

Görnemann trat von einem Fuß auf den anderen; er schien in großer

Aufregung; dann sagte er stockend: »Ich habe schon oft daran gedacht,

mich zurückzuziehen,« wieder ließ er seine Gelenke krachen; »man hat

doch seine 68 Jahre auf dem Rücken, und da wird einem das Arbeiten

manchmal schwer.«

»Nichts da,« Klaus Tiedemann legte seinem ehemaligen Angestellten die

Hand auf die Schulter, »davon reden wir in ein paar Jahren, das gibt's

jetzt noch nicht.« Mit gutmütiger Barschheit suchte er dem anderen

seine Gedanken auszureden. »Ein Mann wie Sie, ohne Frau und Kind, was

soll denn der machen ohne Geschäft? Ist's _mir_ nicht leicht gefallen,

das Auf-der-faulen-Haut-liegen, was wollen denn erst _Sie_ anfangen?«

»Ist schon wahr, Herr Tiedemann, aber ein alter Kopf kann heutzutage

oft nimmer mit.«

»Papperlapapp, ein Kaufmann wie Sie! Wäre nicht übel.«

Hunderte von frohen Fältchen erschienen auf des Alten faltigem Gesicht,

als er seinen Herrn so reden hörte.

»Nein, da wird einstweilen nichts daraus!« Tiedemann schüttelte den

Kopf. Dann aber, als käme ihm ein anderer Gedanke, fügte er hinzu:

»Wenn Sie's aber einmal wirklich satt haben, Görnemann, dann lassen

Sie es _mich_ wissen. Ihre Pension soll meine Sache sein.« Er sprach

rasch weiter, um des anderen Dank zu entgehen. »Uebrigens, ich habe

Gerhard noch nicht gesehen.«

»Der ist im Chefzimmer; er studiert die überseeischen Berichte; der

junge Herr erlaubt nicht, daß sie heraus ins Kontor kommen,« sagte

Görnemann rasch ... »und für ihr Versprechen, sich meiner anzunehmen

...«

Er kam in seiner Dankrede nicht weiter, denn sein Herr fiel ihm ins

Wort: »Der Berichte wegen bin ich hier. Wie sind sie ausgefallen?«

»Schlecht, sehr schlecht.« Görnemann schüttelte bedauernd den Kopf:

»Ich kann mich nicht erinnern, je so schlechte gesehen zu haben.«

»So?« Tiedemanns Stimme klang, aus alter Gewohnheit, streng. »Wir

werden ja sehen. Wo geht es ins Privatbureau? Man kennt sich ja nimmer

aus in eurem neuen Kram.«

»Dort, gleich die nächste Tür,« Görnemann lief dienstbeflissen voraus,

»dort, am Ende vom Gang.«

»Was ist _das_?« Klaus Tiedemann hatte eine andere Tür geöffnet und sah

in ein Zimmer, das ebensogut als Damenboudoir hätte gelten können. »Das

sieht ja riesig mollig aus!«

Verlegen meinte Görnemann: »Das ist des jungen Herrn

Privatempfangszimmer.«

»So?« Der alte Tiedemann sagte weiter kein Wort, er nahm die Hand von

der Türschnalle und ging weiter.

»Guten Morgen, Vater!«

Gerhard Tiedemann stand hinter dem Tische auf, vor dem er gesessen

hatte, und schlug in seines Vaters Hand ein, die der ihm in plötzlicher

Wallung entgegenstreckte: »Fleißig bei der Arbeit?«

»Solche Arbeit macht nicht viel Freude.«

»Laß sehen!« Tiedemann schob ihn zur Seite und nahm die Papiere zur

Hand.

Gerhard zuckte die Achseln und blickte zu Görnemann hinüber, der den

Kopf in die Schultern zog, vor dem unaufhaltsamen Entrüstungssturm, der

nach seiner Erfahrung kommen mußte.

Mit unsicherer Stimme fragte der Alte:

»Von wem sind die Berichte?«

»Von Smithers Sons ...«

Nach einer Weile fragte Tiedemann: »Warum haben wir so unsinnig viel

Baumwolle abgegeben? Nun leiden wir selber Mangel daran.« Görnemann

trat einen Schritt näher, um zu antworten, doch der Alte fuhr ihn an:

»Ich brauch' keine Erklärung.«

Tief beugte er den Kopf herab, um seines Unwillens Herr zu werden. Fred

mußte da nicht viel nachgedacht haben, sonst wäre _dieser_ Verlust

hintanzuhalten gewesen. So ein grobes Versehen war Klaus Tiedemann

_nie_ unterlaufen. Das kam davon, wenn die jungen Leute stets zu Hause

bei Mama saßen und sich nicht in der Welt umsahen ...

Er horchte auf, eben sagte Gerhard:

»Das ist der Fehler bei uns; man will alles vom grünen Tische aus

regeln, ohne Erfahrung. Das muß man an Ort und Stelle beobachtet haben,

wenn man bei den Yankees nicht hineinfallen will.« Klaus Tiedemann

zwang sich zum Gegenteil:

»Das konnte niemand voraussehen. Das nächste Mal wird die Bilanz schon

besser sein.«

Der alte Görnemann hörte mit offenem Munde zu, Gerhard preßte die

Lippen aufeinander. Er merkte nur allzudeutlich, daß seines Vaters

Widerspruch seiner Person galt. Er warf trotzig den Kopf zurück.

Wenn die Stimmung gegen ihn anhielt, blieb er nicht länger hier. Man

wußte seine Arbeitskraft anderswo besser zu schätzen, ihm war um sein

Fortkommen nicht bange.

Klaus Tiedemann sah noch eine Weile auf die Buchstaben und Ziffern

nieder, ohne sie zu lesen. Ihm waren seine Worte leid, und doch glaubte

er nicht anders sprechen zu dürfen, wenn er Gerhard, Fred gegenüber,

untergeordnet halten wollte. Jemand trat ein:

»Hallo, du selbst, Schwiegerpapa?« Mit hastigen Schritten kam Lecart

auf Klaus Tiedemann zu. »Das trifft sich ja prächtig.« Sie sahen sich

in die Augen und schüttelten sich die Hände. »Clo ist draußen im Wagen,

die wird sich freuen; ich werde sie gleich holen.«

»Aber ich bitte, Herr Baron, sich nicht zu bemühen; das werde ich

besorgen!« Görnemann eilte davon.

Wieder wendete sich Lecart an seinen Schwiegervater: »Du wunderst dich

wohl, mich hier zu sehen?«

Klaus Tiedemann lächelte: »Ich glaube, wir sind beide seltene Gäste

hier unten.«

»Das wird sich bei mir ändern! Du mußt wissen, ich habe Großes vor.«

Lecart blickte zu Gerhard hinüber, unschlüssig, ob er in dessen

Gegenwart weitersprechen sollte. Er sagte zu ihm:

»Bitte, bereiten Sie mir einstweilen mein Konto vor; hier haben Sie

eine Bescheinigung des Chefs.«

»Ich hätte Sie ohnehin allein gelassen.« Gerhards Stimme klang in

überlegener Mißachtung: »Die Bescheinigung kann ich Herrn Görnemann

geben.«

Er ging mit gleichgültigen Schritten ab, den Kopf etwas

vornübergeneigt, wie es auch sein Vater zu tun pflegte.

In der Tür traf er mit Frau Clo zusammen.

Er trat zur Seite und sah in ihr feines, blasses Gesicht, auf dem Sorge

zu liegen schien.

»Grüß Gott, Papa!« Tiedemann drückte ihr einen Kuß auf die Stirn

und betrachtete sein schönes Kind vom Kopf bis zu den Füßen. Mit

gezwungenem Lächeln klopfte sie ihm auf die Wange: »Gut siehst du aus,

Papa!«

»Nicht wahr?« sagte Lecart, »man sieht, er hat keine Sorgen.«

»Gott sei dank, nein; ihr doch wohl auch nicht? Nun setzt euch aber!«

Frau Clo setzte sich auf den Diwan und schlug die Füße übereinander,

daß der feine Knöchel ihres Fußes sichtbar wurde. »Laßt euch nur

nicht aufhalten, wenn ihr Geschäftliches zu tun habt! Ich blättere

einstweilen in der Zeitung,« sagte sie. Dann schob sie den Schleier in

die Höhe.

Sie tat alles mit einer langsamen, eleganten Ruhe der Bewegung, die

über ihrem ganzen Wesen lag und alles Leben und unmittelbare Empfinden

verschleierte. So hatte es ihre Mutter gewollt, und so kam sie am

besten mit ihrem Manne aus. Der hatte ein fahriges Temperament und

steckte immer tief in eigenen Angelegenheiten, die ihm für sie wenig

Zeit ließen. Sie hatte sich einen Wall aus Ruhe und Takt gebildet, der

sie vor vielerlei schützte.

Lecart rieb die Hände:

»Ich habe jetzt furchtbar viel zu tun. Ueberall Unannehmlichkeiten. Die

Kerls streiken mir wieder zur Abwechslung. Der Betrieb in den Gruben

steht seit einer Woche still.«

Der Alte schüttelte den Kopf. »Immer nur Forderungen und keine

Gegenleistung, das ist so recht neumodisch.«

»Nun, nein; die Leute haben ein Stück recht, aber,« Lecarts markiertes

Gesicht belebte sich, die eingefallenen Wangen bekamen Farbe, »warum

soll man ihnen das _zugeben_, wenn man selbst nur Schaden davon hat?«

»Wenn sie im Rechte sind, werden sie ihr Ziel erreichen«, sagte der

andere bedächtig.

»Wir werden sehen. Einstweilen haben wir uns organisiert und sie im

ganzen Bezirk ausgesperrt; es sind schon viele in der _einen_ Woche

mürbe geworden; mehr als ich brauchen kann. Wenn sie für Weib und Kind

nichts zu fressen haben, dann kriechen sie zu Kreuze. Am Montag fange

ich wieder mit vollem Betrieb an.«

»Du sagst doch, daß ihr sie ausgesperrt habt?«

»Ja, aber ich brauch' doch nur so lange mitzumachen, als ich will.«

Klaus Tiedemann schüttelte unwillig den Kopf: »Ihr müßt doch einig

sein, wenn ihr 'was erreichen wollt. Die anderen sind's auch.«

»Hat sich was mit der Einigkeit! Die Hauptsache ist, daß man kein Geld

verliert.«

»Hm, das weiß ich nicht.«

»Aber ich. Bitt' dich, wohin soll denn das führen? Ich muß jetzt schon

meine ganzen Akzepte hergeben und teuer verzinsen, wenn ich Geld haben

will. Das ist ein starker Verlust für mich, wo ich so immer sehr viel

mit Rimessen arbeite.« Er schwieg, als fürchte er, zuviel gesagt zu

haben. Unsicher sah der Alte auf:

»Gehen denn die Gruben schlecht? Du wirst doch nicht in Schwierigkeiten

kommen?«

»Davon ist keine Rede.« Lecart nahm einen leichtfertigen Ton an. »Wo

denkst du hin: Charles Lecart in Geldverlegenheiten?« Er lachte. Es

klang häßlich und gepreßt, daß Clo einen schnellen Blick herüberwarf.

»Im Gegenteil, ich denke jetzt die Mansbergschen Fabriken an mich zu

bringen und viel Nutzen daraus zu schlagen.«

»Das ist etwas anderes.« Erleichtert atmete Klaus Tiedemann auf.

»Jetzt werdet ihr auch bald den Zinsfuß herabsetzen müssen?« sagte

Lecart so nebenbei.

Der Alte schüttelte den Kopf. »Das weiß ich nicht genau, da frage

den Görnemann, aber ich glaube nicht, denn das Geld hat nach der

amerikanischen Erdbebenkatastrophe wieder reichliche Verwendung.«

»Das kann doch nicht so viel ausmachen.« Lecart hielt einen Augenblick

nachdenklich inne, dann fuhr er lebhaft fort: »Uebrigens, ich werde

mich gleich erkundigen, ich habe so eine Menge mit Görnemann zu

besprechen. Du bist, wie ich sehe, nicht mehr auf dem Laufenden?«

»Ich habe mir zum Prinzip gemacht, mich von dem Augenblicke an, als

Fred an meine Stelle trat, um nichts mehr zu bekümmern.«

»Sehr klug. Ich glaube, Fred wäre auch nicht der Mann, der sich

hineinreden ließe.« Lecart trat in gemachter Zärtlichkeit zu seiner

Frau: »Servus, Clo; dein armer Mann muß jetzt arbeiten ... Dich sehe

ich noch, Papa,« fügte er in einer Art herablassender Höflichkeit

hinzu, die er seinem Schwiegervater gegenüber öfters zur Schau trug.

»Lecart ist ein Kavalier in jeder Bewegung,« hatte Clos Mutter gesagt,

wenn sie das Widerstreben der Tochter, ihrem jetzigen Manne gegenüber,

besiegen wollte. Lecart ging; Tiedemann und Clo waren allein.

Es blieb für einige Augenblicke still im Zimmer, als wollten die beiden

nicht an das Leben rühren, das sie selbst gezimmert hatten, dessen sie

nun nicht froh werden konnten.

Klaus Tiedemann setzte sich an seines Kindes Seite und schlang den Arm

um sie. »Nun, wie geht es, Clo?«

»Gut, Papa,« sie legte ihre mit Ringen bedeckte schmale Hand in die

klobige Rechte ihres Vaters und sah ihm unsicher in die Augen, die so

viel von Milde und ehemaliger Tatkraft sprachen.

»Dann ist's recht.« Er seufzte. »Du kamst mir vorhin verstimmt vor?«

»O nein!«

»Doch! Jeder Mensch hat etwas zu tragen.«

»Ich nicht.« Allzuschnell kam die Antwort.

»Doch Kind,« er wiegte den Kopf, daß das straffe, weiße Haar darauf

zu schwanken anhub; »ist es dies oder jenes, eines ist es gewiß.« Sie

schwieg; so redete er weiter: »Mutter ist schon ein Jahr tot.«

»Wirklich, ich bin schon bald zwei Jahre mit Charles verheiratet.«

Wieder saßen beide schweigend.

Dann fragte sie lebhaft:

»Sag', Papa, hat Fred eigentlich mit dir über Charles' Absichten

gesprochen?«

»Warum, Kind?«

»Es wäre mir eine Beruhigung gewesen!«

»Wenn es Wichtiges ist, so kommt Fred schon selbst. Er hängt viel zu

sehr an mir, um einen wichtigen Schritt -- wenn es eben einer wäre --

zu verschweigen.«

»Wirklich, Papa?« Ihre Stimme klang freier. »Wie geht es überhaupt

Fred? Hat er die neue Würde noch nicht satt?«

»Wo denkst du hin? Gut geht es ihm in jeder Beziehung, auch im

Geschäft. Ich glaube, vor allem hilft ihm dabei sein großer

Bekanntenkreis. Keine Woche vergeht, ohne daß er nicht in ein neues

Haus eingeladen wird! -- Er ist auch ein fescher Bursch«, fügte er

wohlgefällig hinzu und lachte in befriedigtem Vaterstolz. »Seine

neueste Errungenschaft ist die Wolny.«

»Die? So?«

»Kennst du sie?«

»Freilich, wir treffen sie öfters bei Behrens. Du,« sie legte die

Zeitung beiseite, »ist es wahr, daß Fred sich ankaufen und die Bank mit

der Zeit in eine Aktiengesellschaft umwandeln will?«

Ueber Klaus Tiedemanns Gesicht lief ein Schatten; er war bleich

geworden: »Wer hat das gesagt?«

»Ich habe es bei Behrens gehört.«

»Dummes Geschwätz.«

Es litt ihn nicht länger beim Sitzen; er legte die Hände auf den Rücken

und begann hin und her zu gehen mit hastigen Schritten.

»Sogar von einem Tiedemannschen Fideikommiß oder Aehnlichem sprachen

sie.«

Er blieb stehen und stampfte mit dem Fuße: »Da sieht man, wie die Leute

daherreden.«

»Das habe ich mir auch gedacht. Ich weiß doch, daß du stets dagegen

warst.«

»Deine Mutter hätte es schon gern durchgesetzt! Lassen wir das,«

unterbrach er sich; »es geschah ja auch von ihrer Seite nur aus Liebe,«

er hustete, »wenn sie auch manchmal die Mittel vergriff.« Er senkte

den Kopf und schwieg; sein Kind blickte ihn mit großen geängstigten

Augen an.

»Sag, Papa,« fuhr sie fort, »war das nicht der Grund, daß du dich

so schnell vom Geschäft zurückgezogen hast?« Er gab keine Antwort.

»Du wolltest nicht in der Arbeit überrumpelt werden und selbst Fred

überwachen, bis er aus Gewohnheit an nichts anderes mehr dachte und

dein Erbe gutwillig antrat?«

Er sah sie erstaunt an.

»Du bist eine gute Beobachterin geworden.«

»Das wird jede Frau.«

»Mag sein, deine Mutter war es gewiß. Das hab' ich merken müssen.« Er

lachte bitter.

»Sie war krank, Papa, und glaubte niemandem als uns Kindern trauen zu

können, sie hat uns in ihrer blinden Liebe alle überschätzt. Darum war

ja auch für uns Mädchen kein Mann recht! Wie das Leben so merkwürdig

ist.« Mit zitternden Fingern schob sie ihr Kleid zurecht.

»Ob Fred nicht nur so daherredet bei Behrens, um den Weibern zu

imponieren?« Langsam, schier unbewußt, hatte Klaus Tiedemann die Worte

gesagt.

»Aber, Papa, darüber sollst du gar nicht nachdenken,« sie streckte ihm

die Hand hin und lächelte, »das wird gesprochen und vergessen.«

»Hast recht -- übrigens kommen Behrens Sonnabend zu uns.«

»Es soll über das Wohltätigkeitsfest gesprochen werden?«

»Gewiß! Fred hat sich die Sache ganz gut ausgedacht. Vor dem Souper ist

eine kleine Komiteesitzung, in der sich die Leute besser kennenlernen.

Er will die Wolny zur Präsidentin haben.«

»Fred hat wirklich Geschick zu solchen Veranstaltungen: voriges Jahr

war es ein hübsches Reinerträgnis, das er erzielte.«

»Er hat eben Glück bei den Weibern, und die sind in solchen Dingen die

Hauptsache. _Ich_ habe es nie gehabt.« Der Siebzigjährige furchte die

Brauen, als grollte er heute noch dem Schicksal seiner Jugend.

»Uebrigens,« er lächelte schon wieder, »Leo fängt, glaube ich, auch

schon an.«

»Aber, Papa, das ist doch viel zu früh?«

»Das muß _er_ wissen, Kind.«

»Aber das ist Unsinn!«

»Das sagt Hilde auch.«

»Aber, Papa, wirklich, da solltest du besser auf ihn achtgeben.«

»Du sprichst wie eine kleine Mutter.« Er legte ihr liebkosend die Hand

auf die blasse Wange. »Dein Sohn möchte ich einmal nicht sein.«

Brennendes Rot lief wie Hauch über ihr Gesicht: »Ich glaube, Papa, wir

bekommen keine Kinder.«

»Na,« er lachte gutmütig, »abwarten ...«

Sie stand auf in jäher Bewegung:

»Jetzt möchte ich zu Hilde; ich habe sie eine Ewigkeit nicht mehr

gesehen.«

»Komm, Kind, sie wird sich gewiß freuen ...«

Leo lag auf dem Diwan und horchte den Stimmen, die aus dem Nebenzimmer

kamen.

Er hatte die Augen geschlossen in schwerer Mattigkeit. Der Kopf

schmerzte, und sein Puls ging schwer. Man gab ihm keine Ruhe: jetzt

mußte ihn auch Hilde bei Papa anschwärzen. Was wußte die von all dem,

was in ihm vorging? Für sie war er der Bub, der lernen sollte. Was

rechnete die mit seiner Eigenart? Schwerer Groll stieg in ihm gegen die

Schwester auf, die sein Bestes wollte.

Er fuhr wider Willen zusammen und stellte sich schlafend.

Die Tür war geöffnet worden.

Er fühlte den Blick seines Vaters auf sich ruhen und regte sich nicht.

Ein Stuhl wurde gerückt; nun mochte er sich wohl zu ihm gesetzt haben.

Da war einer Aussprache nicht mehr zu entgehen! Er wußte, daß Papa nun

warten würde, bis er aufwachte.

Langsam, blinzelnd schlug er die Augen auf und richtete sich

verschlafen in die Höhe.

»Bleib nur liegen, Bub!« Tiedemann betrachtete ihn mit forschenden

Blicken. »Du siehst elend aus, Leo.« Er furchte die Stirn.

»Aber Papa, das ist nur, weil ich Kopfweh habe, und die Tapete

hierinnen macht jeden grün! Du siehst auch schlecht aus.«

»Laß die Tapete in Ruhe und sag' mir lieber, wann du heute nach Hause

gekommen bist!«

»Nicht spät,« Leo brachte schnell zwei Stunden in Abzug, »es wird noch

nicht zwölf gewesen sein. Ich bin von Jan Wolny direkt hierher.«

»Ist das wahr?«

»Ja.« Aus gepreßter Brust kam die Antwort.

»Du lügst mich nicht an?«

»Aber Papa!« Wieder richtete er sich heftig auf.

»Bleib nur ruhig! Ich glaub' dir ja ...«

Mit unsicherem Blick sah Leo auf seinen Vater. Es war Scham in ihm, daß

er die Unwahrheit gesprochen, trotzdem ihm sein Vater vertraute, und

doch sah er keinen anderen Ausweg.

»... Es ist mir gleich, ob du gestern früh oder spät nach Hause

gekommen bist. Aber jedenfalls lumpst du zu viel. Deine Gesundheit

verträgt das nicht.« Tiedemann suchte seiner Stimme Strenge zu geben

und sich an Hildes und Clos Worte zu erinnern. »Du bist doch noch zu

jung und hast genug Zeit, später alles mitzumachen; wenn du aber jetzt

deine Nerven ruinierst, so leidest du dein ganzes Leben daran.«

»Ja, Papa, aber ...« Leo biß sich auf die Lippen und schwieg.

»Was ist denn? Rede, Leo; mit mir kannst du alles sprechen, wie mit

einem alten Freund!« Tiedemann drückte ihm die Hand. Leo lächelte ihm

dankbar zu. Dann sagte er mit schwerer Stimme:

»Du mußt mich für keinen Lumpen halten! Es ist etwas anderes ... Weißt

du,« brach er mit stockendem Atem los, »was es ist? _Das Leben!_ Es ist

so groß und so reich, daß man immer nur wenig davon haben kann, wie alt

man auch wird. Papa, wenn ich so denke, bekomme ich Riesenangst,« er

ballte die Faust, »daß ich zu kurz komme und daß ich es nicht richtig

anwende, und dann weiß ich nicht, wo mir der Kopf steht.«

»Du lieber Bub.« Der alte Mann war aufgestanden und küßte ihn auf den

zuckenden Mund. »Das soll dir keine Sorge machen; das Leben wird einem

noch mehr als genug. Wenn du einmal so alt bist wie ich, dann wirst du

mir recht geben.«

»Wirklich, Papa?« Es klang wie freudige Angst aus den Worten.

»Gewiß, mein Kind.«

»Hast du _auch_ mal so empfunden, wie ich? Warst du auch so

ungeschickt, Papa?«

»Ja«, mit einem Seufzer kam die Antwort. Tiedemann nickte in Gedanken

versunken mit dem Kopfe vor sich hin. »Ich hab' auch geglaubt, jeder

Tag müßte mir ein Wunder bringen, und doch habe ich nie eines gesehen.

Die Menschen können nicht anders als gemein sein; sie können nichts

dafür. Wir sind es selber auch.« Er raffte sich zusammen ... »Das hat

jeder mehr oder weniger mitgemacht, der im Leben 'was erreichen wollte;

aber glaube mir, es gibt nur eines, was dagegen hilft, und auch nur

eines, was wirkliche Freude und Befriedigung gibt: die Arbeit.«

Leos Augen leuchteten auf, »Das hab' ich mir auch schon gedacht, aber

ich habe ja keine,« seine Stimme schlug um; »die Schule, das ist doch

keine Arbeit, wie du sie meinst, und sonst hab' ich keine!«

»Wird noch genug kommen.«

»Aber _wann_, Papa? _Jetzt_ möcht' ich sie haben, damit ich etwas

bin. Ich weiß nicht einmal, was ich werden soll und bin schon bald

neunzehn.« Tiedemann sah zu Boden:

»Ich weiß heute noch nicht, was ich geworden bin ...«

Leo überhörte in seiner Erregung den traurigen Klang in der Stimme

seines Vaters.

»Fred hat das Geschäft, Clo hat ihren Mann, Hilde wird auch bald einen

haben, und nur _ich_ weiß nicht, was aus mir wird -- _ich_ steh' ganz

allein.«

»Mancher Mensch ist am glücklichsten, wenn er allein ist.«

»Ihr anderen seid aber doch alle zufrieden?«

»Gewiß,« der alte Mann sah auf; er beeilte sich zu antworten, »aber wir

haben dabei jeder doch auch unsere Sorgen und unsere Wünsche, die wir

gern erfüllt sehen würden. Das Leben ist mal so, daß es nie alles gibt,

und _wenn_, dann nimmt es dir gleich darauf wieder, viel _mehr_, als es

dir gegeben hat.«

Mit großen Augen, in denen die Furcht vor dem Rätsel des Lebens stand,

sah der Knabe seinen Vater an, der als Resultat eines langen, wie es

ihn dünkte glücklichen Lebens keine anderen Worte fand. Leo benetzte

seine trockenen Lippen und fragte hastig:

»Es muß aber doch etwas geben, das uns an der Erde festhält, sonst

würden wir uns nicht so vorm Sterben fürchten? Erinnere dich nur, als

es Mama so schlecht ging -- wenige Stunden vor ihrem Tode -- wie hat

sie da geweint, daß sie fort müßte von uns allen und daß sie ihr Leben

nicht besser genützt hätte.« Tiedemann erhob sich; er legte Leo die

Hand auf die Schulter und sah ihm tief in die Augen:

»Der Mensch ist _feig_, Leo, das ist's.« Tiedemann strich ihm das Haar

aus der Stirn. »Darum glaubt er immer, es sei schade um ihn, wenn er

stirbt, und es sind doch so viele bessere da. Ich habe auch geglaubt,

ich sei fürs Geschäft unentbehrlich und habe manche Szene mit deiner

Mutter deswegen gehabt, weil sie wollte, daß ich Fred an meine Stelle

lasse; und schau, als ich es endlich getan hatte, da habe ich jeden

Tag auf das Unglück gewartet, das nun über unser Haus kommen würde, --

und es ist noch immer keines gekommen -- und das Geschäft geht ruhig

und gut weiter, gerade als ob ich es noch leiten würde.« Er senkte

den Kopf, als schämte er sich seines Eingeständnisses und fuhr fort:

»Nicht, daß ich es Fred gewünscht hätte, gewiß nicht; du weißt, wie

gern ich euch alle habe -- aber,« seine Stimme wurde heiser, »deiner

Mutter hätte ich es vergönnt, weil sie stets gegen mich recht zu haben

meinte -- sie hat es bisher noch immer gehabt.« Er legte die geballte

Faust auf das Knie und vergaß, daß er zu seinem _Kinde_ redete.

»Ich habe mich gegen eure Erziehung gesträubt, aus Leibeskräften. Ich

wollte euch einfacher haben; mehr Kinder, als »Söhne und Töchter«! Wäre

es nach mir gegangen, ihr wäret _nie_ in dem Gedanken aufgewachsen,

daß ihr reich seid. Eure Mutter hat es anders gewollt. Ich habe mich

gebangt und gesorgt um euch und ihr Vorstellungen gemacht. Sie hat mich

stets ausgelacht und gesagt: ‚Das verstehst du nicht -- und kannst es

auch nicht verstehen.’ Und sie hat _recht_ gehabt -- ich stand ja den

ganzen Tag im Geschäft.« Er schwieg und lächelte seinem Kinde hilflos,

ermunternd zu: »So ist's mal im Leben.«

»Papa,« Leo umfing seinen Vater und küßte ihn, »es ist ja nichts

Schlechtes aus uns geworden. Es ist eben jetzt eine andere Zeit.«

»Ja, schon recht,« hastig nahm Tiedemann seines Kindes Arm von seinem

Hals, »nur eines noch, und das merk' dir fürs Leben, weil wir gerade

darüber reden: heirate -- wenn du mal so weit bist -- nicht in eine

andere Gesellschaftsschicht hinein als in die, in welcher du geboren

bist.«

Mit fragenden Augen sah Leo ihn an.

»Alles läßt sich überbrücken und verwischen, nur das eine nicht! Du

hast es dann stets vor Augen, daß du ein anderer bist. Und wenn du

hundertmal das Haus erhältst und alles tust, du bleibst _doch_ immer

der Mindere. Da kommen die Verwandten und die Freunde deiner Frau und

sehen dich als weniger an -- selbst wenn sie selber Lumpen sind, du

scheinst ihnen doch minder.«

»Clo hat doch auch in eine andere Gesellschaftsklasse geheiratet?«

»O nein,« fuhr Tiedemann auf, »du verstehst mich falsch. Nicht

bürgerlich und adelig habe ich gemeint, sondern arm und reich. Ich bin

von armen Leuten, während deine Mutter aus vermögendem Hause stammte!

Darum paßten wir nicht zueinander. Lecart kommt aus vermögendem Hause

und Clo auch, darum werden sie nie viel Streit haben, sie haben von

Geburt dieselben Bedürfnisse. Darum muß Hilde auch so heiraten, wenn

sie vielleicht auch heute noch anders denkt.«

»Sie hat Hansen gern.«

»Das wird vorübergehen. Fred sagt, daß sich Olthoff für sie

interessierte; siehst du, Leo, der wäre mir als Schwiegersohn recht.«

»Er ist aber doch ganz anders als du, Papa.«

»Das ist gut, auch Lecart ist es!«

»Du denkst niedrig von der Frau.«

»Wie sie es verdient. Ich kann nicht anders reden, als wie es mich

das Leben gelehrt hat. Deine Mutter war eine feine Frau, eine Mutter,

wenigstens wollte sie stets das Beste mit euch, aber mir war sie

nichts. Oft, am Anfang unserer Ehe, kam ich zu ihr, um dies oder das zu

fragen, sie sollte mir einen Rat geben; wenn ich einen Freund brauchte,

der hätte sie mir sein sollen. Ich bin stets umsonst gekommen.« Er

atmete schwer. »Ihr war Toilette und Theater, kurz: alles wichtiger als

meine Sorgen; die sollte ich mit mir allein ausmachen.«

»Armer Papa,« Leo streichelte seine Wange, »und Gerhards Mutter?«

Die Brust des alten Mannes hob und senkte sich in stockenden Wellen.

»Die war anders ...« Er stand auf. »Ueber Tote rede ich nicht gern,«

sagte er barsch und vergaß im eigenen Kummer, weshalb er gekommen war,

»du,« er griff nach Leos Hand, »laß dir's gesagt sein, genieße das

Leben!«

»Das will ich tun, Papa.«

»Nehmt euch die Frauen, wo ihr sie findet, und macht euch keine

Gedanken, dann seid ihr glücklich; dann habt ihr keine Sorgen und seid

begehrenswert.«

»Ja,« mit leuchtenden Augen sah Leo auf, »das will ich tun, und Fred

macht es auch so.«

»Recht habt ihr.« Klaus Tiedemann nickte mit dem Kopfe und lachte. Mit

starren Augen stierte er auf den Boden. »Rächt mich!«

Leo blickte nachdenklich zu ihm, dann fragte er langsam: »Hat dein

Vater auch so zu dir gesprochen, Papa?«

»Mein Vater?« wieder lachte Klaus Tiedemann, »nein, der hat es nicht

getan.«

»Warum nicht?«

»Mein Vater? Der dachte nicht an so etwas. Für den gab es nur Geld und

Wut darüber, daß er keines hatte.«

»Was war Großvater?«

»Das ist's ja, Leo, von dem ich die ganze Zeit spreche -- er war arm --

und ging am Trunk zugrunde.«

»Da war er nicht gut mit dir?«

»Nein, Junge, aber darum bin ich es mit euch; ein Vater kann gar nicht

nachsichtig und lieb genug mit seinen Kindern sein.«

»Du Guter,« Leo küßte ihn auf den Mund, »aber schau, Papa,« sagte er

dann erinnernd, »wenn man nicht heiratet, dann hat man doch keine

richtigen Kinder, und du hast uns doch so gern?«

»Das ist wahr.«

»Siehst du ...«

Es war dunkel geworden, und die Laternen warfen flackernde Lichter

durch die Fenster. Von der Straße klang gedämpft der Lärm des

Menschenstromes herauf, der sich von dem Geschäftsviertel in die

äußeren Bezirke ergoß ...

Fred öffnete die Tür. »Aber, Papa, der Wagen steht bereits unten, und

du bist noch nicht einmal angezogen!«

»Ich habe ganz vergessen.« Tiedemann fuhr sich über die Stirn,

»wir haben ernst zusammen gesprochen und da ist die Zeit schnell

vergangen.« Leo kam in Bewegung:

»Mach rasch, Pa, damit wir nicht zu spät kommen, ich bin gleich fertig.«

Er sprang davon; sein Vater drehte sich schwerfällig um, er hätte

gern noch etwas gesagt, das seinem Kinde Halt geben sollte in seinen

Kämpfen. Doch die richtigen Worte hatte er nicht gleich gefunden, und

nun war es zu spät. Daß aber auch Leo das Konzert wichtiger war! ...

»So mach' doch weiter!« Freds Stimme hatte eine unwillige Färbung

angenommen. »Es sieht unangenehm aus, wenn man _jedesmal_ zu spät

kommt, gerade als ob man es sich so aussuchen würde, um fein zu sein.

Das haben wir nicht notwendig.« Er schob seinen Vater zur Tür hinaus

und fand nicht eher seine Ruhe wieder, als bis sie alle im Wagen saßen.

»Warum hast du keinen Schmuck genommen?« fragte er Hilde, als die

Pferde anzogen und ein vorüberfahrender Omnibus mit seinem Lichte ihm

diesen Fehler offenbarte.

»Du weißt, daß ich Schmuck nicht gern trage.«

Er sah unwillig zum Fenster hinaus und sagte: »Heute hättest du

_schon_ einen nehmen können, wo wir uns, seit mehr als Jahresfrist,

das erstemal wieder zeigen. Solange wir Trauer um Mama trugen, ließ

ich mir's gefallen, jetzt ist's Kaprize von dir!« Er ließ seine

prüfenden Blicke weiter wandern, die gleich darauf bei seinem Vater

eine schiefsitzende Krawatte entdeckten. Er richtete sie zurecht und

fand dabei, daß Papa noch immer das schwarze Band als Uhrkette trug.

Er griff hastig danach. »Das hättest du auch ablegen sollen; entweder

oder: wenn wir von heute ab offiziell keine Trauer mehr tragen, so

gehört sich das nicht mehr!«

»Ich werde es morgen weg tun, laß!« Klaus Tiedemann legte die Hand auf

den Wagenschlag und blickte zu Leo: »Nicht wahr, du beherzigst, was ich

dir sagte?«

»Ja,« mit verlorenen Augen sah Leo ihn einen Augenblick an, dann hielt

der Wagen. Ein Strom geschwätziger Menschen umgab sie.

Mit nonchalanter Geberde nahm Fred Tiedemann seiner Schwester den

Mantel ab und warf ihn dem Diener auf den Arm: »Sie warten beim

Ausgang!«

Der Riesensaal war voll Menschen, bis hinauf zu den schwarzen Galerien.

Auf dem Podium, das den Saal abschloß, stimmte das Orchester. Hunderte

von Armen waren in lebhafter Bewegung.

Hilde neigte den Kopf, wie mit Blut übergossen: T. A. Hansen stand

da und hatte sie gegrüßt. Für einen kurzen Augenblick hatten seine

beweglichen Augen ruhig in den ihren geruht, dann wanderten sie weiter,

über ihre Brüder hin, mit leichtem Spott.

Rechts und links grüßten Bekannte:

»Ich habe die Ehre, guten Abend,« und dazu lächelten alle Gesichter,

die in wenigen Sekunden sich in ernste Falten legten, weil es die Sitte

erforderte und man so über Kunst sprach ...

Der erste Bogenstrich!

Ruhe überflog den Saal, mit den ersten Tönen brach Beethovens Genius

die Kleinlichkeit der Menschen und nahm sie gefangen.

Mit eiserner Hand pochte an aller Herz der Kampf der Seele gegen

feindliche Gewalten und ließ sie zittern.

Das Glück lächelt und winkt, und das Schicksal wirft sich dazwischen.

In wilder Gewalt brüllten die Töne und flehten und baten in heißem

Sehnen.

Aufrichten, Hoffen, Verschwinden und Suchen waren des Menschen ewiges

Vermächtnis ...

Klaus Tiedemann verstand nichts von Kunst und hatte auch nie darauf

Anspruch erhoben, aber als die Töne auf ihn eindrangen, kam eine

sonderbare Stimmung über ihn: Vielleicht war er heute zugänglicher,

weil er in dem Gespräche mit Leo alte Erinnerungen geweckt, die er

lange schon tot gemeint hatte! Seine Kindheit stand plötzlich vor ihm:

Der trunkene Vater schalt sein abgehärmtes Weib, weil er das Geld nicht

geben wollte, das sie fürs Leben brauchten. Und daneben saß der Knabe,

in Lumpen, und träumte von Geld und Glück, denn ohne Geld konnte es

keines geben. Der Vater starb, der Sohn stemmte sich im wilden Trotz

dem Leben entgegen, in offenem Kampfe wollte er es bestehen; doch es

schlug ihm Wunden auf Wunden. Bald stand er allein. Dann schien Glück

zu lächeln, er fand ein Weib. Gemeinsam trugen sie die Mühen leichter.

Gerhard wurde geboren. Nun wußte er, _wofür_ er stritt ... Seine Kraft

verdoppelte sich. Erfolg kam auf Erfolg. Klaus Tiedemann stieg hoch.

Hornruf riß ihn empor.

Die Welt stand freudlos vor ihm, und die Instrumente schwiegen:

Er fuhr zusammen, als täten ihm all die Hände weh, die in die Stimmung

schlugen und damit Beifall zeugten.

Lange dröhnte der Applaus.

Mit matter Handbewegung klatschte Fred: »Die Behrens sind vorn in der

Loge«, sagte er nachlässig zu seinem Vater. »Du mußt sie grüßen.«

»Der erste Satz war prächtig,« Leo winkte mit dem Programm seiner

Schwester zu, »nur etwas zu langsam.«

Hilde nickte, kaum bewußt, daß man zu ihr gesprochen. Die Stimmen

schwirrten um sie und banden sie an die Wirklichkeit. Das Orchester

setzte ein. In wildem Rasen nahm das Kunstwerk sie weiter gefangen,

alles versank hinter ihr.

Der Taumel konnte betäuben, nicht täuschen über den Ernst! Das war es,

was sie oft empfand, daheim, wenn sich die Ihren anders gaben, als sie

waren. Bequem war es, doch es mußte sich rächen! Derbes Behagen und

Selbstzufriedenheit gaben nimmer Erfolg. Vater mußte die Fehler seiner

Söhne sehen und sich ihrer bewußt werden.

Ihre Blicke flogen zu ihm. Seine Gedanken gingen ähnlichen Gang:

Sollte das rastlose Suchen und Mühen nach dem Glück, das ihn zeitlebens

geleitet hatte, sein Ende finden in enger Begrenzung? So dachte er

damals, als er, zurückgekehrt auf Heimaterde, sein Werk, jetzt Freds

Werk, geschaffen hatte. Sollte er einsam bleiben, zufrieden mit dem

Besitz? Er sehnte sich wieder nach Heimat im wirbelnden Trubel des

Lebens, sein Herz verlangte Liebe, und die gab die _Familie_! Familie?

Er brauchte zu wählen. Wie klein waren die Menschen, die ihm nun ruhig

ihr Kind gaben, weil er reich geworden war! Die Kinder kamen, doch

nicht das erhoffte Glück. Als er es besessen hatte, in den wenigen,

kurzen Jahren seiner ersten Ehe, da hatte er sich nach dem lärmenden

Erfolg gesehnt; da war das Glück zerbrochen. Nun verließ ihn nicht mehr

der Erfolg, doch das Glück kam nimmer! Er wurde einsam in seiner großen

Familie.

Mit starren Augen blickte Tiedemann vor sich nieder. Warum? ... Warum?

Beifall hatte zweimal um ihn geklungen, er hatte sich nicht gerührt.

Seine Kinder sprachen, er gab keine Antwort:

Freude klang aus Instrumenten und Stimmen!

Freude war ihm nie beschieden gewesen.

Ob sie wohl seine Kinder fanden? Was in _seinen_ Kräften stand, gab er

hinzu. Sie sollten haben, was ihm das Leben verwehrte!

Die Instrumente jubelten, die Stimmen jauchzten. »... Deine Zauber

binden wieder, was die Mode streng geteilt ...«

Ein Riß ging durchs menschliche Sein, den nichts überbrückte. Wer

Großes wollte, wuchs aus seinem Kreis und nahm sich so die Kraft,

die ihm bestimmt war, die stets zu wenig wurde. Tiedemanns suchender

Blick blieb auf dem hageren, bleichen Gesicht eines Geigers hängen,

einer kleinen, verkrüppelten Gestalt, an der nur die Augen lebten und

flackerten. Er war glücklich in den Tönen, um, wenn das graue Einerlei

ihn wieder umfing, noch unglücklicher zu sein. So war es auch Klaus

Tiedemann ergangen:

Das Leben hatte ihn gehoben und ihm den Boden des Volkes geraubt, aus

dem er gewachsen war. Und nun stand er zwischen zwei Schichten und

gehörte keiner an: Sein Streben galt dem, was sein erbittertster Gegner

gewesen, solange er jung war. Er stand vor verschlossenen Türen und

wollte den Weg zurück nicht mehr gehen, weil er allzu steinig war, da

er ihn wanderte, den Blick nach der Höhe gerichtet. Und die Türen vor

ihm blieben verschlossen. Sein Leben ging zu Ende. Noch immer suchte er

dessen Rätsel zu lösen. Gab Gott den Menschen die Erde, um glücklich zu

sein? ...

»Komm Papa! Ich möchte dich noch der Baronin Wolny vorstellen.«

Fred Tiedemann rüttelte seinen Vater, der bewegungslos geblieben, als

das Konzert zu Ende war, der noch immer so saß im halbleeren Saal.

Tiedemann seufzte und stand auf. Eine alte Dame trocknete sich die

Augen, in welche die Erinnerung ihres Lebens Tränen getrieben hatte.

Sie gingen dem Ausgang zu. Hansen mußte schon weg sein. Hilde sah ihn

nicht mehr. »Jedes Wort, das man nachher spricht, ist Entweihung«,

hatte er einmal zu ihr gesagt.

»Oh, die Herrschaften gehen wieder in Gesellschaft?« Eine schöne Frau

grüßte mit bezauberndem Lächeln: Brunn-Bennigsen, die Klaviervirtuosin,

hatte der Tiedemanns Fernbleiben von ihren Veranstaltungen, durch vier

leere Plätze in der ersten Reihe gut im Gedächtnis. »Aber übermorgen

kommen Sie doch in mein Konzert?«

»Selbstverständlich.« Klaus Tiedemann verneigte sich, trotzdem sein

Inneres anders sprach. Er wendete sich an seinen Sohn: »Fred, du mußt

dich morgen gleich um Karten umsehen. Hoffentlich bekommen wir noch

welche.«

»Ich denke schon!«

Ein öder Abend, der ihm nichts gab, stieg vor Tiedemann auf, in dem

er Beifall klatschen mußte, weil es die anderen taten. Mechanisch

verbeugte er sich bei der Verabschiedung, während Fred mißmutig zum

Ausgang sah:

»Nun haben wir die Wolny verpaßt.«

Hilde und Leo empfingen in den vorderen Räumlichkeiten die letzten

Gäste. Dann geleiteten sie diese in den Musiksalon. »Wenn es Sie

interessiert, wir wollen eben über das Wohltätigkeitsfest schlüssig

werden.« Leise Verbeugungen, diskretes Lächeln und Händedrücke ließen

die Wissenden erkennen.

Lachen und Bravorufe klangen von der Schmalseite, wo sich die Herren

drängten. Frau Baronin Wolny stand auf, von neuerlichem Beifall

begrüßt. Sie lächelte dankend und sprach geziert:

»Meine Herrschaften!«

Sesselrücken ging der allgemeinen Ruhe voraus, welche knarrende Stiefel

unangenehm unterbrachen, die auf dem spiegelnden Parkett hin und her

gingen. »Wer ist das?« Ein fragendes Lächeln hinter dem Fächer, leise

Antwort:

»Ueberbleibsel aus alter Zeit, man sagt, ein Verwandter.«

Zwei Augenpaare nickten sich zu, über Gerhard Tiedemann hatten zwei

Damen der Gesellschaft den Stab gebrochen.

»Meine Herrschaften! Vor allem danke ich Ihnen für ihr Vertrauen«,

sprach die Wolny. »Ich weiß nicht, ob ich es verdiene,« die rotblonde

Frau lächelte verbindlich, »aber wenn ich tatsächlich die Ehre haben

werde, dem Feste zu präsidieren, so können Sie versichert sein, daß

ich zu dessen Gelingen alles tun will, was in meinen schwachen Kräften

steht.«

T. A. Hansen zog die Unterlippe ein, während ein Beifallssturm den

Worten der begehrenswerten Frau folgte; dann klatschte auch er in die

Hände: »Bravo!« Seine Stimme hatte sonderbare Färbung.

»... Und noch eines möchte ich bitten, heute zu besprechen. Mit

Rücksicht auf den praktischen und humanitären Zweck müssen wir

möglichst _billig_ arbeiten. Wollen die Herrschaften also im Laufe des

heutigen Abends, der uns gewiß allen recht angenehm vergehen wird, sich

zwanglos über Gruppen, Kostüme usw. besprechen und es dann mich oder

Herrn Fred Tiedemann wissen lassen, der die Freundlichkeit hatte, in

das engere Komitee einzutreten ...«

Sie setzte sich; Fred beugte sich leicht zu ihr hinüber, daß er den

warmen Hauch ihres Körpers atmete: »Bitte Frau Baronin, das Wort für

mich.«

»Herr Fred Tiedemann hat das Wort.«

»Ich möchte nur auf eines hinweisen,« der kerzengerade Fred lächelte

rundum, »wir brauchen einen gewissen Betriebsfonds, um arbeiten zu

können! Die Vorbereitungen hat wohl die gnädige Frau Baronin in

selbstlosester Weise gefördert.«

»_Sie_ doch _auch!_« Frau Majas volle Lippen lächelten.

»Es müssen Einladungen besorgt werden, kurz und gut,« er warf den Kopf

humoristisch hin und her, »wir brauchen Geld, wie überall auf der Welt!«

»Der Weisheit Schluß!«

»Kollekte veranstalten!«

»Absammeln!«

»Bitte,« Fürst Solt legte eine Riesennote vor Frau Maja Wolny und trat

mit einer Verbeugung zurück. Fred Tiedemann sah darauf hin und ärgerte

sich: es war mehr, als er hatte zeichnen wollen.

Er sah fragend zu seinem Vater hinüber:

Der hatte die Situation und den Befehl begriffen. Mit hastigen

Schritten und vor Erregung rotem Kopf, daß er nun vor so vielen

Menschen sprechen müßte, die er alle als über sich stehend ansah, trat

er vor und gab die doppelte Summe in Frau Majas Hände: »Von unserem

Hause.«

»Meinen herzlichsten Dank, im Namen der Sache.«

Klaus Tiedemann verneigte sich, wie er es bei dem Fürsten gesehen

hatte. »Das soll nur der Anfang sein.«

Fürst Solt trat in die Fensternische.

Nun kamen alle anderen, an der Spitze Lecart und Behrens. Klaus

Tiedemann sah mit scharfen Augen zu: Behrens mußte viel geben, der zog

den armen Leuten die Haut über die Ohren ... Die beiden Männer nickten

sich steif zu; sie konnten es noch immer nicht vergessen, daß sie in

der Jugend Konkurrenten gewesen waren. Und dann -- die Behrens hatten

wohl auch reichlich Geld erworben, aber ihre Art hatte sich nicht

verfeinert und war derb geblieben, wie am Anfang, da Heinz Behrens

am Getreideeck als kleiner Makler begonnen hatte! Behrens sagte zu

Tiedemann:

»Wie soll der Schwindel heißen?«

»Das wissen wir selbst noch nicht; ursprünglich wollten wir ein

orientalisches Fest, aber die Kostüme kommen zu teuer; das drückt den

Reingewinn.«

»Mhm,« Heinz Behrens zog den Mund breit, »das ist wahr.«

»Nennen Sie's doch ‚ein Wohltätigkeitsfest auf dem Mond’, meine

Herrschaften,« rief Hansens helle Stimme in das Gewisper und Geflüster,

das die rotblonde Präsidentin ratend umgab, »da kann man jedes Kostüm

brauchen.«

Sie wandten alle die Köpfe; Hildes Augen suchten den Boden.

Klaus Tiedemann wußte nicht recht, ob die Worte im Scherz oder im Ernst

gesprochen waren.

»Das ist eine Idee.«

Fred Tiedemann hatte zu Hansens Verständnis, in solchen Dingen,

unbedingtes Vertrauen:

»Ausgezeichnet, meine Herrschaften, wenn niemand etwas dagegen hat, so

feiern wir ein Fest auf dem Mond?«

»Bravo, famos!«, es hatte niemand etwas dagegen; nur Heinz Behrens

schüttelte den struppigen Kopf, er fand sich nicht gleich zurecht in

solchen Dingen: was sollte er auf dem Monde machen?

»Ein großartiger Gedanke, gnädiges Fräulein«, sagte Olthoff und zog

sich ein Taburett zu Hildes Füßen. »Ist es erlaubt?«

»Bitte.«

Er ließ sich nieder. »Ich hätte eine große Bitte an Sie, gnädiges

Fräulein?«

»Die wäre?«

Er seufzte und sah sie lächelnd an: »Eine sehr, sehr große und

unverschämte Bitte.«

»Nun?« Nervös blickte sie nach der Stelle, wo Hansen sein mußte. Er

folgte der Richtung; fragend sah er sie an:

»Befehlen?«

»Nichts,« sie wendete den Kopf, »Ihre Bitte?«

»Fred und ich wollen eine Gruppe bilden.«

»Und? ...«

»Bitte, machen Sie mit!«

»Wenn Papa dadurch nicht allein ist, gern.«

»Das ist lieb von Ihnen.« Er küßte ihr die Hand und sprach eifrig

weiter: »Wir denken uns so eine nette, intime Gruppe, lauter Leute, die

sich gegenseitig sympathisch sind.« Sein Blick tauchte fragend in den

ihren, ohne daß ihm dieser die gewünschte Antwort gab. »Bis jetzt wäre

es Ihre werte Familie, die Wolnys und meine Wenigkeit -- viele werden

nimmer dazukommen, höchstens noch eine junge Dame für Jan Wolny; für

Ihren jüngeren Herrn Bruder haben wir an Fräulein Behrens gedacht.«

Hilde gab einsilbige Antworten.

Hansen ging vorüber, im Gespräch mit Leo; sein Blick streifte sie,

flüchtig und zufällig; es tat ihr weh. Abseits stand Fürst Solt und

redete mit Jan Wolny. Die schmale Gestalt Wolnys hing vornüber, der

kleingestutzte, schwarze Schnurrbart gab dem Gesicht einen älteren

Ausdruck.

»Sie wollen sich jedenfalls, wie Ihr seliger Herr Papa, dem

öffentlichen Dienste widmen?«

»Vielleicht, Durchlaucht, -- einstweilen studiere ich

Rechtswissenschaft.«

»Und interessiert Sie Ihr Fach?«

Jan Wolny zog die dunklen Brauen zusammen. Er antwortete langsam:

»Gewiß, Durchlaucht, es hat für mich etwas sehr Ansprechendes, aus

erster Quelle das kennenzulernen, nach dem die gesamte Menschheit

sich richten muß. Sie fügt sich seit Jahrtausenden, und doch ist es

auch nur menschlicher Wille, vor dem sie sich beugt. Man schuf sich

eine Richtschnur, weil man sich der eigenen Schwäche bewußt war. Wer

heutzutage stärker wäre und nach eigenem Gesetz handelte, er wäre der

erste, der nach dem Mittel der Schwäche seiner Vorfahren gerichtet

würde. Das ist das Rätselhafte am menschlichen Recht und Gesetz.«

Mit langem Blick sah ihn Fürst Solt an.

Olthoff segelte steuerlos hin und her, um ein Gespräch dauernd im Gange

zu halten:

»Sagen Sie, Fräulein Hilde, zu wessen Gunsten wird eigentlich das

Reinerträgnis verwendet?«

»Für Angehörige von Säufern und für die Erziehung ihrer Kinder.«

»Da wird Ihr Herr Schwager eifrig beisteuern müssen.«

»Wieso?«

»Jetzt, wo die Spiritus- und Schnapsbrennereien ihm gehören, ist er ja

einer, der am meisten mit solchen Leuten zu tun hat.«

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