Sie lächelte gezwungen: »Ach so ...«

Fred kam auf sie zu und sagte befehlend: »Olthoff führt dich zu Tisch;

neben dir ist Fürst Solt mit Clo.«

Sie nickte gehorsam und stand auf. Sie legte ihren Arm in den Olthoffs

...

In scharf überlegter und abgezirkelter Tischordnung saßen sie:

Ganz unten Gerhard und Hansen; auch der alte Behrens hatte es

verstanden, sich dahin zu schmuggeln; da aß man ungenierter! Seine Frau

und Tochter sollten ruhig oben bleiben. Heinz Behrens erwog in seinem

geschäftigen Sinn eine endgültige Versöhnung der Häuser Behrens und

Tiedemann, durch Heirat ihrer Kinder. Leo war seiner Tochter Tischherr.

Dann konnte man die überseeische Filiale auflassen, die nur Geld

kostete, die, der Tiedemanns wegen, einstweilen notwendig war ...

Frauenrecht und Kinderschutz waren das Gesprächsthema. Frau Baronin

Wolny hob ihr Glas Liebfrauenmilch und lächelte Fred Tiedemann zu:

»Mein treuer Adjutant.« Dann fragte sie nach links, seinen Vater,

der sofort mit dem Essen innehielt: »Sagen Sie, wird nicht stark

übertrieben, wenn man immer von der traurigen Lage der Arbeiterschaft

spricht?«

»Durchaus nicht, Frau Baronin --« Tiedemann wischte sich mit der

Serviette eifrig den Mund. »Durchaus nicht, die Leute sind wirklich

gezwungen, ein Leben wie die Hunde zu führen.«

»Also doch, das ist mir interessant zu hören!«

Klaus Tiedemann kam in Hitze:

»Das ist das fürchterliche, daß die meisten gar nicht wissen, wie

schlecht es ihren Arbeitern geht!« Lecart hob den Kopf. »Nicht genug

daß die Eltern verkommen und sich dem Trunk ergeben, die Kinder, für

die sonst jeder alles tut, werden krank und leiden daran ihr Leben lang

...« Er rückte zur Seite, um »Sole d'Ostende à la Joinville« servieren

zu lassen, dann fuhr er fort, die eigene Kindheit ward in ihm rege:

»Man muß wissen, wie die Kinder untergebracht sind: mit den Eltern oft

zu fünft und noch mehr in einem kleinen, schlecht gelüfteten Raum,

der auf einen engen Lichthof mündet, in den nicht mal die elende

Großstadtluft dringen kann.« Er nickte aufgeregt mit dem Kopfe.

»Was sie da sehen und hören, wenn sie älter werden und der Vater

betrunken nach Hause kommt!! Dann wundert man sich über die moralische

Verkommenheit. Mein Gott, was man von klein auf gesehen und mitgemacht

hat, wird einem zur Gewohnheit. Ich kann darüber sprechen, denn ich

...« Fred Tiedemann sah seinen Vater fest an, dem ging stets das Herz

in solchen Dingen über, »... denn ich«, fuhr Tiedemann unsicher fort

... »habe mich stets um meine Arbeiter gekümmert.«

Er schwieg, Lecart sagte zu Brunn-Bennigsen, seiner Nachbarin: »So arg

ist's nicht, mein Schwiegerpapa übertreibt gern.«

Jan Wolny, der neben Clo saß, schüttelte den Kopf. »Wenn es wirklich so

ist, dann sollten wir uns schämen und, statt ein Fest zu veranstalten,

das ganze Geld den Armen geben.«

»Es kommt ohnehin auf eins heraus.« Clo wendete ihm den Kopf zu, daß

die Brillanten farbige Pfeile schossen. »Wenn wir eine Unterhaltung

geben, so haben wir _und_ die Armen etwas davon und sonst nur die

allein.«

Jan gab keine Antwort.

Das Mahl ging weiter, Gang folgte auf Gang. Beim Champagner, Lecart

hatte mit Vergnügen zu seinem Gegenüber »G. H. Mumm extra dry« bemerkt,

erhob sich Fred, zu kurzer Rede:

Er sprach auf die Präsidentin und auf das Gelingen des Festes und

fand den üblichen Beifall des Gastgebers. »Ein reizender Mensch, Ihr

Herr Sohn«, hatte Baronin Wolny zu Klaus Tiedemann gesagt; der nickte

vor sich hin. Er konnte das Lächeln des Vaterstolzes nicht verbergen.

In solchen Momenten vergaß er alles, aus Freude darüber, daß seinem

Sohne gelang, was er Zeit seines Lebens nicht erreicht hatte -- das

Wohlgefallen der Gesellschaft.

Nach dem »Crème à la Glace« warf Olthoff, der bereits sämtliche

Manövergeschichten erschöpft hatte, abermals die Frage auf, was die

Gruppe darstellen sollte. Er dachte an Mondkavallerie in exotischem

Kostüm, die Frau Luna umschwärmt. Hilde sollte Frau Luna sein!

»Recht verrückte Adjustierung, Löffel und Gabel in Riesendimensionen

als Waffen -- Hände und Gesicht dunkel gefärbt; das wird ein

Hauptspaß.« Er lachte. »Doch die Damen werden mit dem Färben, des

Teints wegen, nicht einverstanden sein?«

»Das ist mir gleich, wenn es die anderen tun, mache ich es auch.«

»Sehr liebenswürdig, wenn nur alle Damen so uneigennützig sind.«

Fürst Solt mischte sich ins Gespräch: »Da wüßte ich ein Mittel, das

großartig wirkt.« Er legte den Handrücken nachdenklich an die Stirn.

»Nun ist mir der Name entfallen. Ich habe seinerzeit in Indien gesehen,

wie sich die Eingeborenen bei ihren Festen damit färben.« Wieder hielt

er inne. »Daß ich aber auch den Namen vergessen habe! Es war die Frucht

einer Akazienart, glaube ich.«

»Es wird Bablah gewesen sein.«

»Ganz richtig, gewiß.« Fürst Solt neigte dankend den Kopf nach dem

Tischende. Er schien sich mit Freuden früherer Zeiten zu erinnern.

»Sehr richtig, ich meinte Bablah; aber woher kennen Sie den Namen, wenn

ich fragen darf?«

Gerhard Tiedemann gab kurz die Antwort: »Ich war einige Jahre im

Lande.«

»Das trifft sich herrlich.« Der sonst so schweigsame Fürst wurde

lebhaft. »Da müssen wir darüber sprechen, alte Erinnerungen

auffrischen; da bitte ich dann um eine Plauderviertelstunde.«

»Bitte.«

Er wendete sich lächelnd zu Klaus Tiedemann: »Nun bin ich Ihnen für

Ihre liebenswürdige Einladung noch mehr verbunden. Ich hätte mir nie

träumen lassen, bei Ihnen heute über Indien, das Land meiner Sehnsucht,

sprechen zu können.«

In Klaus Tiedemann regte sich abermals Vaterstolz; doch seine Umgebung

ließ ihn dessen nicht froh werden, etwas wie beleidigte Eitelkeit klang

in seiner Antwort: »Auch ich, Durchlaucht, kenne das Land, doch bin ich

nur auf kürzere Zeit hingekommen.«

»Köstlich.« Mit leisen Worten wendete sich Fürst Solt an Hilde: »Wer

ist der Herr, der mir vorhin zu Hilfe kam?«

Einen Augenblick zögerte sie mit der Antwort; sie schien auch von der

allgemeinen Scheu ihrer Familie, Gerhard zu ihnen rechnen zu müssen,

ergriffen; dann warf sie den Kopf unwillig zurück: »Es ist mein

Stiefbruder, Durchlaucht, meines Vaters Sohn aus erster Ehe«, sagte sie.

»Ihr Herr Vater war zweimal verheiratet? Das wußte ich nicht.«

Interessiert sah Solt auf Gerhard. »Es ist große Aehnlichkeit zwischen

ihm und seinem Vater, viel mehr, als Sie alle mit ihm haben.«

»Ich weiß.«

Klaus Tiedemann hatte mit scharfen Ohren das leise geführte Gespräch

vernommen; er senkte den Kopf. Es kränkte ihn, daß seine Kinder aus

zweiter Ehe ihm so wenig ähnlich waren; das Wesenheimsche Blut war

stärker gewesen als sein eigenes. Er preßte die Zähne aufeinander;

sie hatten ihm seine Art zerbrochen und ihn zu ihrem willfährigen

Diener gemacht, der Geld verdiente. Das vergaß er ihnen nicht! Er

zwang sich zu anderem Denken: Wozu holte er dies alles wieder aus der

Vergessenheit hervor, wo ihn seine Kinder doch liebten und an ihm

hingen in Treue? Nun war doch alles gut.

Leo strich an Hilde vorüber und flüsterte:

»Fred läßt dir sagen, du solltest endlich die Tafel aufheben.« Fred

Tiedemann taugte das Gespräch nicht; wenn Papa und dieser Plebejer, der

sich sein Bruder nennen durfte, zu sprechen anfingen, war es besser,

Schluß zu machen; sonst konnten unangenehme Enthüllungen vorkommen. Was

ging die Leute die Geschichte Tiedemanns an?

Hilde stand jäh auf.

»Mahlzeit!«

Olthoff wich nicht von ihrer Seite. Ungezwungene Gruppen bildeten sich,

Brunn-Bennigsen trat ans Klavier. Wieder legten die Gesichter sich in

ernste Falten.

Die ersten Töne erklangen.

In der Stille hallte Gerhards Stimme desto lauter, alle Blicke wendeten

sich zu ihm: er störte die Kunst, das war Sakrileg. Fred Tiedemann

knirschte mit den Zähnen, das hatte Papa davon! Brunn-Bennigsen tat

einen bösen Seitenblick.

»... Bombay ist stark zurückgegangen, durch Cholera und andauernde

Mißernten ...«

Elektrische Spannung lag in der Luft und mußte sich über Gerhard

entladen. Doch als Fürst Solt nun, von den Erinnerungen seiner Jugend

getrieben, ebenfalls laut antwortete, zerfloß alles in Wohlgefallen:

dem konnte niemand Taktlosigkeit vorwerfen!

»... Ich glaube, auch die Bevölkerung ist stark dezimiert.«

»Gewiß.«

»Wo hatten Sie eigentlich Ihren Sitz?«

»Auf Old Womans Island; im letzten Jahre gleich daneben, auf Kolaba.«

»Das ist die Halbinsel? Nicht? ...«

Das Fortissimo übertönte die Stimmen.

Reicher Beifall erklang, Fred überreichte ein Rosenbukett. Dann

geleitete er die Künstlerin zu ihrem Sitz:

»Ich war machtlos, die beiden Herren müssen sich rein vergessen haben.

Fürst Solt war dabei!«

Lebenswende · 第 8 / 28 题