»Wollen Herr Baron nicht eine Erfrischung zu sich nehmen?«
»Nein, danke, wir haben reichlich gefrühstückt.«
»Vielleicht könntest du, Hilde, ein Glas Wein an ...« Hilde war langsam
aufgestanden, doch schon versperrte ihr Olthoff den Weg:
»Sehr liebenswürdig, aber ich danke wirklich! Bitte doch Platz zu
behalten. Bitte!« Als sie wieder saßen, nickte er Hilde zu: »Gnädiges
Fräulein müssen die Stelle der Hausfrau vertreten?«
Seine Reden klangen konventionell und gezwungen, ein leichter Hauch von
der Ueberlegenheit des Mannes war darin und: Oberflächlichkeit. Hilde
merkte mit scharfen Sinnen: das war einer, der ihr gegenüber die Art
ihrer Leute hatte, nun begriff sie Freds Sympathie!
Der suchte stets Bekanntschaften, die ihm in der Gesellschaft durch
Namen oder Aehnliches nützen konnten! Sie zuckte die Achseln und sagte:
»Natürlich!«
»Gnädiges Fräulein haben noch einen zweiten Bruder?«
»Ja!« Klaus Tiedemann, der mit Zigarrenkistchen im Arm vorüberging,
streichelte ihr die Wangen; seine Worte kamen oft verspätet:
»Nur nicht zu bescheiden sein, Mädel!« Hilde zuckte zusammen, ihr tat
die gutgemeinte Berührung in Gegenwart des Fremden weh. Der wendete
sich zu Klaus Tiedemann:
»Ein herber Verlust, wenn den Kindern die Mutter entrissen wird; auch
meine Mama starb früh.«
Klaus Tiedemann nickte. »Es ist übermorgen ein Jahr; meine arme Frau;
sie war eine Geborene _von_ Wesenheim.«
Olthoffs verwittertes Gesicht überflog für eine Zehntelsekunde ein
Lächeln, das sein gelbes Antlitz unter dem schwarzen Schnurrbart
häßlich verzog. »Sie haben einen guten Ersatz,« er sah mit kecken Augen
auf Hilde, die befangen vor sich niederblickte.
»Darüber ließe sich streiten,« warf Fred Tiedemann ein.
»Nicht doch, Hilde hilft uns in vielem.«
Fred lenkte ab, ihm mochte die Wendung des Gespräches nicht behagen:
»Also, Olthoff, sage mal, du als Kavallerist, ob ‚Franklin’ nicht
wirklich Chancen hat? -- Papa glaubt's nämlich nicht.«
Wie elektrisiert fuhr der Angesprochene herum. »Ich sage Ihnen, nur
der, der _ihn_ schlägt, gewinnt das Rennen.«
»Na also,« lachte Fred Tiedemann wegwerfend.
»Mich soll es freuen, wenn du mit deinen Rennfarben gleich von Anfang
an Glück hast,« sprach bedächtig Klaus Tiedemann.
»Uebrigens, Papa: wir haben außerdem einen anderen famosen Gaul in
Aussicht!«
»Du willst schon wieder ein Pferd kaufen?« Des alten Tiedemanns Stimme
erhielt etwas Kleinlich-nörgelndes. »Du mußt ja schon ein Dutzend
beisammen haben?«
»Sogar mehr!«
Olthoff mischte sich ins Gespräch: »Ihr Herr Sohn fängt die Sache mit
Geschick an: man würde gar nicht glauben, daß er der erste ist, der in
der Familie diese Passion hat.«
»Ich habe nie besonders dafür geschwärmt,« beeilte sich der Alte zu
sagen und faltete nervös die Hände zusammen, »doch ihr Jungen seid uns
ja heute in allem über.«
»Du hattest keine Zeit dazu!« Hildes Stimme klang heiser und
kampfbereit: glaubte Papa wirklich, daß seine Söhne höher stünden? Fred
winkte ihr mißbilligend ab: »Warum hätte Papa keine Zeit haben sollen?«
sagte er. »Wir Kinder haben ihn nicht gehindert: und das Geschäft läuft
von selbst weiter.«