Als der Prokurist die Tür lautlos hinter sich zugezogen hatte, fragte
Hilde vorwurfsvoll ihren Bruder: »Warum hast du ihm nicht gedankt, als
er dich grüßte?«
»Laß mich in Ruhe! Er könnt' sich 'mal auch schon angewöhnen, zu mir
_Herr Tiedemann_ zu sagen, statt mich, wie ein Kind, ewig mit dem
Vornamen anzusprechen!«
»Gegen ihn bist du doch auch ein Kind! Du solltest ihn überhaupt zuerst
grüßen.«
»Er ist doch nur ein Angestellter von Papa?!«
»Seit mehr als vierzig Jahren! Er hat Papa gekannt, als der noch arm
war und hat ihm geholfen, sein Geld zu verdienen.«
»Dafür hat er sein Gehalt bekommen.«
Sie wollte heftig widersprechen, doch sie schwieg und horchte auf den
festen Tritt, der von dem Schlafzimmer ihres Vaters herüberkam und vor
der Tür zögerte. Dann klang die Türschnalle. »Guten Morgen, Kinder!«
Klaus Tiedemann küßte seine Tochter auf den Mund und trat zu Leo, der
langsam aufgestanden war und lässig sagte: »Morgen, Pa!« Leo schloß
für einen Augenblick die Lider und beugte sich herab, damit ihn seines
Vaters Mund erreichen konnte. Der küßte ihn auf die Stirn:
»Frisch beisammen und ausgeschlafen, mein Junge?« fragte Klaus
Tiedemann.
»Ja, Pa!« Leo suchte seiner Stimme Klang zu geben. »Mir ist wieder ganz
gut.«
»Kein Kopfweh mehr?«
»Nein, ganz wenig.«
»So ist's recht, und nun Hilde: meinen Tee!« Er trat zum Fenster
und sah aufs Thermometer, während Leo sich an Hilde heranmachte und
flüsterte:
»Nichts sagen, du hast es mir versprochen!«
Sie schüttelte unwillig den Kopf.
Klaus Tiedemann ließ sich schwer in den gepolsterten Sessel fallen und
sah seinen Jüngsten an. »Ein wenig blaß bist du doch noch! Gehe heute
lieber nicht in die Schule!« sagte er.
»Meinst du, Papa?«
»Was du da drinnen versäumst, kannst du noch hundertmal einholen,
bleib' daheim!«
»Danke, Pa!« Leo schaute triumphierend zu seiner Schwester hinüber.
»Dann lege ich mich aber noch ein wenig hin, denn ich bin recht müde;
jetzt kann ich's ja sagen!«
»Tue das!«
»Servus! Kommst du ein bißchen zu mir hinauf, damit wir plaudern
können?«
»Gewiß, mein Kind!«
Es lag väterlicher Stolz und Liebe in dem Ton der Worte und dem Blick,
den Klaus Tiedemann der hoch aufgeschossenen Gestalt seines Sohnes
nachsandte, bis sie verschwunden war. Dann meinte er zu Hilde mit
einer entschuldigenden Färbung in der Stimme: »Die Schulmeister täten
mir den Buben ganz ruinieren, wenn ich nicht hier und da einen Riegel
vorschieben würde.«
»Ja,« antwortete sie; und ihr kamen die Worte nur schwer aus der Kehle,
weil sie an den ewigen Irrtum und die allzu große Nachsicht ihres
Vaters denken mußte, »aber Leo sollte sich auch _selbst_ mehr schonen!«
»Das tut er so Hilde; sieh darauf, daß er immer Wein trinkt!«
Er faltete die Zeitung auseinander; aus alter Gewohnheit begann er
zuerst mit dem rückwärtigen, volkswirtschaftlichen Teil. Dadurch schien
er an das Geschäft und mit diesem an Fred erinnert zu werden. »Ist Fred
schon dagewesen?« fragte er.
»Nein, Papa!« Hilde wartete vergeblich auf Antwort. Nur die Zeitung
knisterte.
Sie schüttelte den Kopf: daß er Fred so blind vertraute! Er hatte doch
eigentlich keinen Grund dazu! Der Aelteste hatte nie viel Lust für das
Werk seines Vaters empfunden und ging oft nur ins Kontor, weil ihn
sein Vater dazu zwang. Als Fred vom Militär zurückgekommen war -- am
liebsten wäre er dabei geblieben --, hatte sein Vater darauf bestanden,
daß er in die Firma eintrat. Es war ein harter Kampf gewesen, doch
Klaus Tiedemann hatte gesiegt! Da es die Sicherung seines Lebenswerkes,
seines Hauses galt, war er ein anderer als sonst: er gab nicht nach!
Fred fügte sich seufzend in sein Schicksal, um das ihn Millionen
Aufstrebender beneidet hätten. Doch von der Zeit an schien sein Vater
jede Lust zum Geschäfte verloren zu haben; er sehnte sich plötzlich
nach Ruhe: Wenn Fred schon Kaufmann sein mußte, so sollte er auch
_Chef_ sein. Als Fred Lust am Geschäft zu finden schien, trat sein
Vater zurück. Er war schließlich 70 Jahre alt, da kam die Jugend ins
Recht!
Hilde saß mit hängenden Armen und wartete, ob der Vater etwas benötigen
sollte.
Es vergingen stille Minuten.
In der Ruhe, die sie umgab, schlichen ihre Gedanken wieder in die
Ferne. Sie dachte: ihre Mutter -- vor Jahresfrist war sie gestorben! --
sie trugen noch die Trauergewänder für sie -- war eine Frau gewesen,
die sich nicht viel um die Kinder bekümmerte, die ihr halbes Leben auf
der Chaiselongue verbrachte, mit Kopfweh und Nervenzuständen. Klaus
Tiedemann mochte nicht der richtige Mann für sie gewesen sein, etwas zu
selbstherrlich und zu gewaltsam, wenigstens die ersten Jahre der Ehe.
Das schien mit der Zeit von ihm gefallen zu sein. Hilde erinnerte sich
mancher garstiger Szene zwischen den Eltern in früheren Jahren. Mama
sprach stets mit gewisser Rückhaltung von Papa, der eben aus _anderen_
Kreisen stammte als sie, die Tochter des Konsuls. Das hörte ihr Vater
nicht gern, denn er versuchte seine Vergangenheit zu vergessen,
obgleich sie ihm aus eigener Kraft zu Ansehen und Reichtum verholfen
hatte. Schon seiner Kinder wegen wollte er nicht daran erinnert werden;
sie hatten ihn stets nur als einen reichen und -- nach Klaus Tiedemanns
Meinung -- daher vornehmen Mann gekannt, und er war ängstlich bemüht,
sie dabei zu lassen.
Der Kinder wegen war ihm nichts zu viel, an denen hing er mit rührender
Liebe: weniger an den Töchtern, über die Frauen hatte er überhaupt
seine eigene Meinung, die auch zu seiner Ehe geführt und seine ältere
Tochter Clotilde, heute Clo Baronin Lecart, zu ihrer Wahl geleitet
hatte. Aber seine Söhne waren ihm alles; diese eleganten jungen Leute,
denen jeder Salon offen stand, konnten alles von ihm haben. Willig
ordnete er sich ihnen unter. Hilde fuhr zusammen und sah auf: Vater
hatte mit hastigem Ruck ein Blatt der Zeitung umgeschlagen. Ohne daß
sie hinblickte, wußte sie, daß es die Kunst- und Theaternachrichten
waren. Ihr Denken erhielt eine neue Richtung: Warum spielte Leo
stets auf Hansen, seinen früheren Lehrer, an, wenn er sie kränken
oder in Verlegenheit bringen wollte? Glaubte er, daß sie für den
Karikaturenzeichner Sympathie empfände? Und wenn, was ging das ihn an?
Sie bewegte trotzig den Kopf: was ging das ihn an? Vater merkte nichts,
sonst hätte er gesprochen, der hatte andere Pläne mit ihr, das wußte
Hilde! Klaus Tiedemanns Schwiegersöhne mußten Namen von Klang haben und
in der Gesellschaft etwas gelten; das war beides bei J. A. Hansen nicht
der Fall. Der hatte nur eine alte Mutter und seine freche Hand, die den
Menschen an der schwächsten Seite zu packen wußte -- an der Eitelkeit.
Das vergab ihm niemand. Hilde seufzte: Es mußte wohl so im Leben sein,
daß manchem sein Können schadete und ihm Feinde schuf! War nicht auch
Gerhard unbeliebt, trotzdem er, wie Vater selbst zugab, dem Geschäft in
einem kurzen Jahr unentbehrlich geworden war? Gerhard stammte aus ihres
Vaters _erster_ Ehe.
Es mußten unangenehme Erinnerungen sein, die Klaus Tiedemann an diese
Zeit im Herzen trug, denn nie sprach er davon. Seine erste Frau war
früh gestorben und Gerhard war in fremden Händen aufgewachsen. Erst
nach dem Tode seiner zweiten Frau hatte sich der Vater an seinen Sohn
aus erster Ehe erinnert. Des Konsuls Tochter hätte es nicht zugegeben,
und Klaus Tiedemann hatte durch seiner Frau Widerstand einen ihm lieben
Entschuldigungsgrund gefunden, sein Kind nicht wiederzusehen. So war
Gerhard spät in seines Vaters fremdes Haus gekommen.
Draußen schellte die Glocke und tönten Stimmen, Säbelklirren und
Sporenklang.
Hastig faltete Klaus Tiedemann die Zeitung zusammen. »Es ist Fred,«
sagte er hochachtungsvoll. »Er bringt jemanden mit,« in sorgender Eile
überflog sein Blick den gedeckten Tisch, »nimm die Eierschalen weg
und gib die Zuckerzange her.« Er fuhr herum: die Tür ging auf, Freds
Hand wurde sichtbar, die den Flügel hielt, um dem Gast den Vortritt zu
lassen: ein Offizier; er schlug die Sporen zusammen, verneigte sich und
sagte: »Die Herrschaften verzeihen meinen Ueberfall!«
Klaus Tiedemann hob devot die Hand. »Bitte, bitte recht sehr, doch
einzutreten.«
»Freiherr von Olthoff« stellte sich der Gast vor und verneigte sich.
Hilde sah einen tadellosen Scheitel, der sich nach hinten im spärlichen
Haar verlor, das schwarz und fett auf dem Kopfe haftete; leises
Unbehagen beschlich sie, als er ihre Hand zum Munde führte. Sein langer
Blick überflog sie.
»Servus, Fred,« im Vorübergehen klopfte der alte Tiedemann seinem
Sohne liebkosend auf den Arm, dann riß er die Portiere zur Seite:
»Bitte hier in den Salon!«
»Der Dame den Vortritt.« Olthoff ließ Hilde vorangehen und musterte in
Eile die schweren eichenen Möbelstücke, die von dem sezessionistischen
Tand der übrigen Einrichtung sonderbar abstachen. »Ich sehe, man liebt
hier das Neue.« Klaus Tiedemann hörte gern das Lob seiner Bemühungen,
er war angenehm berührt von des anderen Art.
»Man geht mit dem Fortschritt! Uebrigens das ist Freds Verdienst.«
»Also _du_ bist der Künstler?« Olthoff wendete sich für einen
Augenblick zu Fred, der sich eine Zigarette anzündete, dann
entschuldigte er sich neuerlich: »Ich mache mir wirklich Vorwürfe, daß
ich so ohne weiteres die Herrschaften inkommodiere, aber wir waren so
lustig zusammen, weil ‚Franklin’ so gut bestanden hatte, daß ich mich
leicht überreden ließ.«
»Mache doch keine Umstände,« Fred Tiedemann sprach mit hoher, gesucht
vertraulicher Stimme, »meine Leute freuen sich, dich kennenzulernen,
nachdem ich ihnen schon viel von dir erzählt habe!«
»Gewiß, Herr Baron, wir sind Fred sehr verbunden, daß er uns Ihre werte
Bekanntschaft vermittelte,« sagte Klaus Tiedemann schnell.