»Du _kannst_ es nicht wissen. Und selbst, wenn es gelingt; schämst du
dich denn nicht vor deinen Mitschülern, die sich ehrlich plagen müssen?
Weißt du, ich verstehe ja nichts davon, aber ich -- wenn ich an deiner
Stelle wäre -- ich würde lieber durchfallen, aber ehrlich arbeiten, als
durch Betrug Erfolg haben zu wollen.«
Leo bekam vor Aerger wieder rote Wangen: »Du redest so gut, wie du es
verstehst -- du bist furchtbar unpraktisch,« er nahm einen überlegenen
Ton an: »merk' dir, Hilde, was man erreichen kann, soll man erreichen,
die Mittel dazu sind gleich -- wenn man es sich bequemer machen kann,
dann soll man's erst recht tun -- alles andere ist Unsinn ...« Er hielt
inne und sah mit plötzlich belebtem Blick auf das Stubenmädchen, das
eingetreten war und meldete: »Herr Görnemann ist da!«
Hilde ging lebhaft zur Tür; sie fragte: »Warum kommt er denn nicht
herein?« Sie rief: »Herr Görnemann! Herr Görnemann, kommen Sie doch zu
uns herein!«
Die magere, peinlich gekleidete, lange Gestalt des Prokuristen, mit
weißem Kopf und rosigen Wangen, schob sich in die Türöffnung; sie sagte
bescheiden:
»Guten Morgen, Fräulein Hilde, ich wollte nicht stören. Ist Herr Fred
schon da?«
Belustigt reichte ihm Hilde die Hand. »Wie formell Sie geworden sind!
Sie wollten nicht ‚stören’? Wen denn?«
Er hüstelte und sah hinter den weißen Wimpern scharf auf sie. »Der
junge Herr hat dem Personal verboten, in die Privatwohnung zu kommen.«
»Das gilt aber doch nicht für _Sie_!«
»Mein liebes Fräulein, die Zeiten ändern sich. Es ist besser, man
gewöhnt sich daran.« Er bemerkte Leo und nickte ihm freundlich zu.
»Guten Morgen, Herr Leo!« Der gab keine Antwort, so daß dem alten Mann
das Blut ins Gesicht stieg.
»Brauchen Sie meinen Bruder notwendig, Herr Görnemann?« fragte Hilde
und nestelte mit nervösen Fingern an ihrer Bluse.
»Ja -- es sind Briefe zu unterschreiben und Wechsel für Frau von Lecart
zu unterfertigen.« Seine Stimme war unsicher.
»Für Clo?«
»Ja, Ihre Frau Schwester hat schon zweimal hergeschickt, ich kann die
Wechsel aber nicht allein hinausgeben, weil die Summe zu hoch ist.« Er
machte eine rasche Wendung, als brenne plötzlich der Boden unter seinen
Füßen: »Ich werde eben noch warten und dann wieder heraufsehen,« sagte
er hastig. »Guten Morgen, Fräulein Hilde!«
Hilde wollte den alten Mann versöhnen, darum fragte sie noch rasch.
»Wie geht es Ihnen immer, Herr Görnemann?«