um einen Greis, der Baba-Sultan genannt wurde. Er machte sich alsbald
auf den Weg zu diesem Biedermanne; als er ankam, fand er ihn im Hofe
seines Klosters. Er fragte ihn: »Hast du mein Haus gesehn?«
Der Alte antwortete: »Man hat es hiehergebracht; dann ist es aber
wieder zurückgeschickt worden.«
Der Hodscha wollte unverzüglich aufbrechen, aber die Derwische ließen
ihn nicht weg: »Bleib bei uns heute Nacht,« sagten sie; »morgen früh
gehst du dann.«
Während er nun schlief, schnitten sie ihm Haare und Bart. Er stand noch
in der Dämmerung auf und ging weg, ohne etwas bemerkt zu haben; als
er aber auf seinem Wege zu einem Brunnen kam, betrachtete er sich im
Wasser und da erkannte er sich nicht wieder.
»Diese Schufte,« schrie er, »sie haben mich gegen einen Kalender
vertauscht, den sie an meiner Statt ins Bett gelegt haben!« Und als
er heimkam, sagte er zu seiner Frau: »Weib, man hat mich mit einem
Kalender verwechselt; hast du keine Nachrichten von mir? Übrigens haben
sie mir wenigstens, nach dem, was ich sehe, mein Haus zurückgebracht!«
299.
Einmal war der Hodscha Nasreddin in Arabien. Die arabischen Weisen
gaben ihm ein Fest, und als das mitten im Gange war, legten sie
ihm eine Streitfrage vor. Aber der Hodscha, der ihnen keine Antwort
schuldig bleiben wollte, sagte zu ihnen: »Wenn ihr mir die Fragen,
die ich an euch richten will, beantworten werdet, werde auch ich euch
Antwort geben; wenn nicht, so gehe ich, wie ich gekommen bin.«
Sie waren damit einverstanden, und nun sagte der Hodscha: »Wißt ihr,
warum die Fische Reißaus nehmen beim Anblicke des Menschen, und warum
die Sterne entfliehn, wenn die Sonne erscheint? Das sind meine Fragen.«
Die Araber fanden keine Lösung und erkannten seine Überlegenheit an.
300.
Der Hodscha beobachtete eines Tages einen Mann, wie er eine Summe
Geldes irgendwo versteckte. Als sich der Eigentümer entfernt hatte,
bemächtigte sich der Hodscha des Geldes; der Eigentümer hatte ihn aber
bemerkt und verfolgte ihn. Der Hodscha flüchtete sich in eine Moschee,
aber der andere lief ihm auch dorthin nach. Der Hodscha stieg aufs
Minaret und der andere stieg auch hinauf. Als schließlich der Hodscha
sah, daß er ihm nicht entwischen konnte, stürzte er sich von oben herab
und erwachte augenblicklich; denn er hatte das alles nur geträumt.
301.
Ein Baderjunge hatte sein Schermesser verloren; weinend und das
Gesicht in den Händen verborgen lief er herum und schrie: »Ach, das
Schermesser! Ach, das Schermesser!«
Der Hodscha, der dabei war und das hörte; sagte sich: »Zweifellos hat
man diesem Diebe die Nase abgeschnitten!«
302.
Der Hodscha war gestorben und man legte ihn in ein altes Grab. Nachdem
die Leute auseinandergegangen waren, kamen Munkar und Nakir[101],
um ihn zu befragen, und er sagte zu ihnen: »Wenn ihr wollt, daß ich
sprechen soll, so gebt mir einen Asper.«
Auf diese Rede versetzten sie ihm einen derben Streich. Nun schrie er:
»He, Freunde, wenn ihr kein Geld habt, kommt ein andermal wieder.«
Und damit erwachte er; denn alles war nur ein Traum.
303.
Der Hodscha kam einmal in ein Dorf; die Einwohner, denen er auffiel,
sagten zu ihm: »Da du ein Würdenträger bist, so komm über einen Toten
die Gebete zu sprechen.« Er ging mit ihnen und verrichtete alles, was
bei einer Leichenfeier geschehn soll; doch begnügte er sich damit, den
Schlußausruf: ›Gott ist groß‹ nur einmal zu singen. Dessenungeachtet
bezahlte man ihn und er entfernte sich.
Nun machte ein Städter, der auch anwesend war, die Bauern aufmerksam,
daß diese Anrufung über einem Toten viermal wiederholt werden soll. Da
liefen sie dem Hodscha nach und erhoben, als sie ihn eingeholt hatten,
ihre Einwendungen.
Der Hodscha fragte sie: »Den wievielten haben wir heute?«
»Den fünften.«
Und er sagte, um sie sich vom Halse zu schaffen: »Wenn heute der fünfte
ist, wird das Totengebet nicht anders gesprochen, als wie ich es getan
habe.«
304.
Eines Tages hatte die Frau des Hodschas den Sik eines Mannes gesehn,
und sie wurde von einem solchen Verlangen nach ihm erfaßt, daß sie
krank wurde; und sie sagte: »Wohin ist denn der verschwunden, den ich
gesehn habe? vielleicht fände er ein Mittel für mein Übel.«
Der Hodscha ging den Mann suchen und brachte ihn ihr.
Der Mann sagte: »Sie ist wahrhaftig krank.«
»Das weiß ich, daß sie krank ist,« antwortete der Hodscha; »aber was
ist da zu tun?«
»Wenn du etliche Knoblauchzehen hast, so bring sie.«
Der Hodscha hatte just welche zu Hause; er holte sie und gab sie ihm.
Der Fremde rieb sich nun damit das, was die Aufmerksamkeit der Frau
angezogen hatte, und steckte es an den Ort, der für dieses Heilmittel
empfänglich war; sodann zog er es wieder heraus.
Als die Behandlung beendigt war, schrie der Hodscha: »Warum hast
du mir nicht gesagt, was zu tun war? Das hätte ich ganz allein
zustandegebracht; es ist ein Verfahren, das mir nicht unbekannt ist.«
305.
Als der Hodscha eines Tages trübselig seine Straße zog, begegnete er
einer Frau und die fragte ihn: »Woher kommst du, Hodscha?«
»Aus der Hölle,« antwortete er.
Und sie fragte weiter: »Hast du vielleicht dort meinen Sohn gesehn?«
»Ja; er ist als Schuldner gestorben und darum ist ihm der Eintritt ins
Paradies versagt worden.«
»Und auf wieviel beläuft sich seine Schuld?«
»Auf tausend Asper.« Und Nasreddin fügte hinzu: »Seine Frau ist im
Paradiese; er aber kann nur hinein mit den tausend Asper.«
Die Frau fragte noch: »Und wann gehst du zurück?« und Nasreddin
antwortete: »Augenblicklich.«
Da gab sie ihm die tausend Asper und bat ihn: »Eile nur, damit du die
Sache unverzüglich zu einem Ende bringst.«
Als sie heimkam, sagte sie zu ihrem Manne, der zu Hause war: »Ich habe
Nachrichten von unserm Sohne bekommen; da er nicht anders ins Paradies
gelangen kann als mit tausend Asper, habe ich sie hergegeben.«
»Wem hast du sie denn gegeben?«
»Dem Hodscha.«
Unverzüglich machte sich der Mann auf die Verfolgung des Hodschas. Der
flüchtete sich, als er ihn kommen sah, in eine Mühle; und er sagte zu
dem Müller: »Siehst du den Mann, der heransprengt? es ist ein Scherge,
der dich greifen will.«
»Was soll ich da tun?« fragte der Müller erschrocken.
»Nimm meine Kleider und ich will die deinigen nehmen; klettere auf den
Baum und verstecke dich.«
Der Kleidertausch war kaum vollzogen, und der Müller hatte sich kaum
auf dem Baume versteckt, als der Mann ankam. Er sah niemand als den
Hodscha in der Tracht des Müllers, und der Hodscha blickte auffällig
auf den Baum hinauf. Nun bemerkte der Mann den vermeintlichen Hodscha.
Da er zu Pferde war, stieg er ab und übergab das Pferd dem falschen
Müller; dann zog er seine Kleider aus, um sie nicht beim Klettern zu
beschmutzen.
Ungesäumt bemächtigte sich der Hodscha der Kleider und stieg auf das
Pferd; und indem er davonritt, schrie er dem Gefoppten zu: »Kennst du
mich jetzt, Gesell?«
Nun ließ der arme Mann von dem Müller ab, stieg vom Baume herunter und
machte sich nackt und ohne Pferd auf den Heimweg. Und seine Frau fragte
ihn, als er so ankam: »Was hast du gemacht?«
»Ich habe den Hodscha eingeholt,« sagte er und fuhr, um Scheltworten
auszuweichen, fort: »Das, was er dir gesagt hat, war wahr; darum habe
ich ihm auch zur Belohnung für seine guten Dienste mein Pferd und meine
Kleider geschenkt.«
306.
Eines Tages fragte man den Hodscha, um ihn zu hänseln: »Wohin ist denn
dein Grind gekommen?«
Und der Hodscha antwortete: »Von euch habe ich ihn bekommen, und euch
habe ich ihn zurückgegeben.«
307.
Als der Hodscha eines Tages von der Mühle heimkam, bemerkte er, daß
kein Brennreisig da war; drum nahm er die Axt und ging in den Busch,
um welches zu holen. Es war schon finstere Nacht, als ihm auf einmal
die Axt entfiel; er suchte sie umsonst. Endlich schrie er: »Herr, wenn
du mich die Axt wiederfinden läßt, so verspreche ich dir ein Achtel
Gerste.«
Kaum hatte er ausgesprochen, als er auch schon die Axt fand; nun schrie
er: »Dank, Herr! Da es dir aber so leicht fällt, Bitten zu erhören,
so laß mich auch ein Achtel Gerste finden; dann werde ich mich meiner
Verpflichtung gegen dich entledigen!«
308.
Als der Hodscha einmal in eine Moschee trat, sah er hinter der Tür
einen Hund sitzen; er gab ihm einen Stockhieb und das erschrockene Tier
flüchtete sich auf die Kanzel. Da sagte der Hodscha zu ihm: »Bitte
tausendmal um Verzeihung; ich kenne noch nicht alle Prediger, die zu
dieser Moschee gehören.«
309.
Der Hodscha Nasreddin hatte eine Kuh, die keinen Tropf Milch gab; da
wollte er sie durch den öffentlichen Ausrufer verkaufen lassen, und
der führte sie herum und pries sie schreiend an: »Wer will eine gute
Milchkuh, eine Kuh, deren Milch ist wie Sahne?«
»Wahrhaftig,« schrie der Hodscha, als er sie also loben hörte, »da
hätte ich mich schön über ihren Wert getäuscht!«
Und damit nahm er sie dem Ausrufer aus der Hand und führte sie wieder
heim.
310.
Der Hodscha hatte einmal die Pilgerreise nach Mekka gemacht, und an der
Tür der Kaaba drängte sich das Volk. Auch ein Neger war darunter und
die Leute schrien: »Herr, duldest du denn hier die schwarze Fratze
dieses Ungläubigen?«
Da sagte der Hodscha: »Warum beschimpft ihr ihn wegen seiner Farbe? Er
ist wenigstens imstande, seine Sünden auf sein Äußeres zu schieben;
wenn wir das täten, so wären wir, ihr und ich, schwärzer als er.«
311.
Eines Tages schrie der Sohn des Hodschas: »Komm, Vater! in dem Topfe da
ist ein Mann und ich fürchte mich.«
Nachdem der Hodscha hingetreten war und im Topfe sein eigenes Bild
gesehn hatte, sagte er zu dem Knaben: »Sei nur ruhig; das ist nur ein
alter Mann, der die kleinen Kinder schrecken will.«
312.
Der Sohn des Hodschas sprach eines Tages bei sich: »Wenn die Dichter
Verse machen, warum sollte ich nicht auch welche machen?«
Ganz voll von dem Gedanken ging er weg, und er kam zu einer Quelle in
der Nachbarschaft; nachdem er dort lange gesonnen hatte, gelang ihm
endlich der Vers:
Ein Baum, ein Baum steht am Rande einer Quelle.
Ganz zufrieden mit diesem hübschen Gedichte trug er es seiner Mutter
vor, und die wiederholte es dem Vater. Der sagte: »Wir müssen alle
unsere Nachbarn versammeln und sie zu einem Festmahle einladen, damit
wir Freude haben an unserm verständigen Sohne.«
Man lud alle Bewohner des Viertels ein und las ihnen nach dem Mahle den
ausgezeichneten Vers vor; da wollten alle vor Lachen bersten. Und voll
Begeisterung über dieses Ergebnis schrie die Mutter: »Des Todes will
ich sein, wenn mein Sohn nicht die Sprache der Nachtigall hat!«
Der Hodscha aber sagte: »Hüte dich, Frau, vor derlei Beteuerungen; du
wirst den Knaben noch verschreien.«
313.
Eines Tages gingen der Hodscha und seine Frau zum Flusse, um
Leinensachen zu waschen. Als nun die Frau unversehens ihren Fuß ins
Wasser steckte, packte ihn ein Krebs. »Zu Hilfe, Hodscha,« schrie sie,
»zu Hilfe!«
Er sagte: »Setz dich, damit ich sehe, was es ist.«
Er bückte sich, und da sah er, was für ein Tier es war; aber er beugte
sich dabei, um besser zu sehn, so weit nieder, daß der Krebs mit der
andern Schere seine Nase faßte. In diesem Augenblicke ließ die Frau,
deren Schrecken noch mehr gewachsen war, einen Wind; der Hodscha jedoch
schrie: »Das brauchst du nicht aufzumachen, wohl aber die Pfoten dieses
Viehs.«
314.
Eines Nachts träumte dem Hodscha, daß er auf einer Reise einen
Schatz gefunden habe, und um den Ort zu bezeichnen, habe er dort ein
natürliches Bedürfnis befriedigt. Als er dann erwachte, fand er, daß
nur das Ende des Traumes keine Einbildung gewesen war.
Da schrie er: »Ach, Herr, warum hast du mir das da gelassen und das
Gold genommen? dir hätte doch das eine auch nicht mehr genützt als das
andere!«
315.
Der Hodscha ging sich einmal ein Paar Hosen kaufen; für den Heimweg zog
er sie schon an. Einige Freunde, die ihn damit sahen, setzten es sich
in den Kopf, ihm einen Streich zu spielen; zu diesem Zwecke verteilten
sie sich auf dem Wege, und der, der ihm als erster begegnete, sagte zu
ihm nach Gruß und Gegengruß: »Was machst du mit den Hosen? du brauchst
sie doch nicht; gib sie mir.«
»Geh heim,« antwortete der Hodscha, »und laß mich in Ruh.«
Fünfmal hatte sich dieses Gespräch zwischen dem Hodscha und je einem
von den Gesellen wiederholt, bis sich der Hodscha endlich stellte, als
hätte er sich überreden lassen; er sagte zu dem, mit dem er sprach,
indem er ihm das Bein hinhielt: »So nimm sie denn meinetwegen.«
Als sich der Mann bückte, um ihm die Hosen abzuziehen, gab ihm der
Hodscha einen Tritt, daß er sich auf dem Boden wälzte, und schrie:
»Merk dirs doch einmal: Um Streiche zu spielen, bin ich da!«
316.
Auf einem Spaziergange kam der Hodscha zu einem großen Baume; er
betrachtete ihn und fragte sich, was für ein Baum das sei. Schließlich
warf er, um sich darüber zu vergewissern, einen Stein in die Äste, und
der fiel alsbald wieder herunter.
»Jetzt weiß ichs,« schrie er, »was du bist! ich kenne dich leicht an
der Frucht.«
317.
Die Frau des Hodschas Nasreddin wusch das Haus; in dieser gebückten
Stellung betrachtete er sie, und da sah er deutlich, daß sie zwei
Löcher hatte. »Weib,« schrie er, »du hast also zwei! das habe ich gar
nicht gewußt; aber heute Nacht will ich sie alle beide hernehmen, und
um es ja nicht zu vergessen, will ich den ganzen Tag kein Wort sagen,
ohne hinzuzusetzen: ›Ich werde mich an beiden ergötzen.‹«
Kaum hatte er ausgeredet, als zwei Schüler kamen, und die fragten ihn:
»Hodscha, willst du uns Gastfreundschaft gewähren?«
Er antwortete: »Meinetwegen; tretet ein, bitte.« Und er setzte hinzu:
»Ich werde mich an beiden ergötzen.«
»Wahrhaftig,« sagten die zwei jungen Leute, »der Hodscha macht einen
Spaß.«
»Weib,« sagte er, »bereite das Mahl und dreh der Gans da den Kragen
ab.« Und wieder setzte er hinzu: »Ich werde mich an beiden ergötzen.«
Die Gans legten sie aber beiseite, um sie am nächsten Tage zu essen.
»Weib,« sagte wieder der Hodscha, »mache die Betten.« Und wieder setzte
er hinzu: »Ich will mich an beiden ergötzen.« Dann legte er sich nieder.
Nun sagten die beiden Schüler zueinander: »Der Hodscha macht keineswegs
einen Spaß; er will uns jedenfalls so behandeln, wie er sagt. Wir
müssen abwechselnd wachen, damit, was immer auch geschieht, der, der
wach ist, den andern wecken kann.« Sie lösten sich also pünktlich ab
und schliefen und wachten, wie jeden die Reihe traf.
Auf einmal begann nun der Hodscha, der an nichts sonst dachte, als daß
er sein Vorhaben ins Werk setzen werde, zu schreien: »Wahrhaftig,
zuerst will ich mich an dem einen ergötzen, und dann will ichs mit dem
andern versuchen.«
»Da wir zwei sind,« sagte sich erschrocken der Wachende, »weiß ich
nicht, bei welchem er anfangen wird.« Durch diesen Gedanken erregt,
weckte er seinen Gesellen, und der stand alsbald auf. Nun sagten sie:
»Sputen wir uns; wir dürfen nicht mehr dasein, wann er uns überfallen
will.«
Sie schnürten augenblicklich ihre Bündel, hakten die Gans los, die am
Fenster hing, und liefen, was sie ihre Beine trugen; und vielleicht
laufen sie noch immer.
318.
Eines Tages saß der Hodscha daheim bei seiner Frau; traurig betrachtete
er ihre geheimen Reize, und endlich sagte er: »Frau, was ist das? ich
sage ihms zum ersten, zum zweiten und zum dritten Male: ich verstoße
dich.«
»Was sagst du da?«
»Geht es denn nicht an, daß ich mich auf diese Weise dessen, was mir an
dir am meisten mißfällt, entledige?«
319.
Die Frau des Hodschas Nasreddin war krank; nach drei oder vier Tagen
der Pflege fühlte er, daß ihn seine Kräfte verließen, und er sagte zu
ihr: »Steh auf, meine Liebe, oder laß mich etwas essen gehn.«
Sie begann zu weinen und der Hodscha ging weg. Sie benutzte seine
Abwesenheit und stand hastig auf; als er vom Bade zurückkam, fand er
das Haus gekehrt, das Mahl bereitet und die Betten aufgeschüttelt.
Seine Frau, die alles in Ordnung gebracht hatte, ruhte aus. Als er
sie sah, lehnte er sich an die Tür, die Hände schlaff und den Kopf
schwankend, und schrie: »Ach, jetzt ist sie tot! O meine lieben
Knäblein, o meine lieben kleinen Mädchen, jetzt könnt ihr nicht mehr
geboren werden!«
320.
Als die Frau des Hodschas einmal allein war, entblößte sie sich,
betrachtete sich und sagte: »Ach, du mein teuerer Schatz, warum habe
ich nicht drei solche wie du! was für eine herrliche Sache wäre das!«
Von ungefähr kam in diesem Augenblicke der Hodscha heim; er hörte alles
und sah, an wen sie ihre Rede richtete. Er blieb draußen, entblößte
sich gleicherweise und sagte weinend: »Was für Unheil hast du mir schon
auf den Hals geladen! wieviel Mißgeschick habe ich schon deinethalben
erleiden müssen!«
Als die Frau draußen seufzen hörte, sah sie nach und fand, daß es der
Hodscha war; und sie sagte: »Worüber jammerst du denn?«
»Ich habe«, antwortete er, »darüber geklagt, daß wir Männer dort, wo
ihr Frauen einen Schatz habt, eine Quelle unzähliger Übel und Qualen
haben.«
321.
Eines Tages schlich sich der Meister in einen Weingarten und begann
Trauben zu essen; der Eigentümer kam dazu und fragte ihn: »Was machst
du da?«
»Ich bin hergekommen, um mir hier meinen Bauch zu erleichtern.«
»So; und wo ist dann das, was du gemacht hast?«
Nasreddin blickte umsonst nach allen Seiten umher; er sah nichts, was
ihn hätte rechtfertigen können. »Da ist es,« schrie er endlich, als er
einen Eselsdreck sah.
Aber der Eigentümer sagte: »Das ist ja von einem Esel.«
Und der Hodscha antwortete: »Wenn es nicht von mir ist und nicht von
dir, dann weiß ich wahrhaftig nicht, von wem es stammen kann.«
322.
Etliche Christen sagten zum Sohne des Hodschas: »Bete den Messias an
oder geh aus der Stadt.«
Er antwortete: »Wann der Messias kommt, werde ich gehn.«
323.
Der Hodscha zog einmal den Imam, während der im Gebete auf dem Boden
lag, beim Ohrläppchen; gleich darauf sagte der Imam das feierlichste
Gebet, nämlich den Absatz vom Throne.
Da sagte der Hodscha: »Wenn du den Absatz vom Throne schon sprichst,
wann man dich beim Ohrläppchen zieht, was wirst du denn sprechen, wann
man dir die Hoden drückt?«
324.
Eines Tages berieten der Hodscha und seine Nachbarn miteinander, wohin
sie lustwandeln gehn sollten; endlich sagte der Hodscha: »Gehn wir zum
Flusse und schauen wir den Frauen baden zu.«
Sie waren einverstanden und gingen mit ihm: Als sie zu den Frauen
gekommen waren, entblößte sich eine von ihnen, die sah, daß sie
beobachtet wurden; daraufhin sagte einer zum Hodscha, um ihn zu
hänseln: »Wirst du diese Gelegenheit nicht benutzen?«
Ohne zu zaudern, schob der Hodscha seine Kleider weg, reckte den
bewußten in die Luft und schrie: »Seht, meine Freunde, mich findet man
niemals unvorbereitet; wie ein Baum habe ich immer, meinen Nachbarn zu
gefallen, einen strammen Ast bereit, auf dem man klettern kann!«
So sahen die, die sich auf seine Kosten lustig zu machen gedacht
hatten, ihren Scherz zu ihrer Beschämung ausschlagen.
325.
An einem Tage, wo der Hodscha Nasreddin predigen sollte, sagten die
Gläubigen untereinander: »Wann er kommt und uns begrüßt, geben wir ihm
den Gruß nicht zurück; wir wollen sehn, was er tun wird.«
Der Hodscha kam und grüßte die Gemeinde; aber niemand antwortete
ihm. Da sagte er, nachdem er nach allen Seiten umhergeblickt hatte:
»Wahrhaftig, ich bin ganz allein; kein Mensch ist gekommen.« Mit diesen
Worten ging er weg und überließ die Versammelten ihrem Unmut über den
Ausgang ihres Streiches.
326.
Als der Hodscha Nasreddin das erste Mal vor Tamerlan erschien, sprach
dieser Eroberer bei sich: »Ich muß ihn verderben; ich will ihm Fragen
stellen, und wenn er auch nur eine nicht beantwortet, lasse ich ihn
töten.« Und er fragte den Hodscha: »Wer bist du?«
Der Hodscha antwortete: »Ich bin der Gott der Erde.«
Nun war Tamerlan, der ein Tatare war, von den schönsten jungen Leuten
seines Volkes umgeben, die, wie es bei ihnen zutrifft, sehr kleine
Augen hatten.
Tamerlan fuhr fort: »Gut also, Gott der Erde, hast du dir diese
hübschen Knaben betrachtet? was sagst du zu ihnen?«
»Ich habe sie betrachtet; aber ihre kleinen Augen sind nicht hübsch.«
»Da du Gott bist,« erwiderte Timur, »so tu mir den Gefallen und mach
sie größer.«
»Padischah, ich bin nur Gott der Erde, und darum kann ich nur die Augen
größer machen, die sie unter dem Gürtel haben; die, die sie oben haben,
die gehn den Gott des Himmels an.«
Timur freute sich herzlich über diese Antwort und erkannte, mit was für
einem Schalke er es zu tun hatte: »Da du so ein lustiger Gesell bist,
so schwöre ich, daß ich mich nicht mehr von dir trennen werde.«
»So sei es,« antwortete der Hodscha; »du bist der Herr.«
327.
Tamerlan war sehr häßlich; er hatte nur ein Auge und einen eisernen
Fuß. Als er nun einmal mit dem Hodscha saß und sich mit ihm unterhielt,
fuhr er mit der Hand an den Kopf und ließ den Barbier rufen. Der kam
augenblicklich; nachdem er ihm den Kopf geschoren hatte, reichte er
ihm einen Spiegel. Timur betrachtete sich, und da er sah, wie häßlich
er war, begann er zu weinen. Seinem Beispiele folgend, zerflossen auch
der Hodscha und der ganze Hof in Tränen und Seufzern, und das dauerte
eine oder zwei Stunden. Endlich gelang es den Hofleuten, indem sie
einige hübsche Geschichten erzählten, Timur zu zerstreuen und ihn
seinen Kummer vergessen zu machen, und er hörte zu weinen auf; aber der
Hodscha weinte nur umso stärker. Und Timur sagte zu ihm: »Ich habe mich
im Spiegel betrachtet, und da habe ich mich so abscheulich gefunden,
daß ich einen schweren Kummer litt, weil ich, der Padischah, der Herr
so vieler Sklaven, so häßlich sein muß; ich habe also mit vollem Rechte
geweint. Aber warum weinst denn du noch zu dieser Stunde, und warum
hörst du nicht auf, zu klagen?«
Der Hodscha antwortete sofort: »Du hast dich nur einmal im Spiegel
gesehn, und dieser kurze Augenblick hat genügt, dich zwei Stunden lang
weinen zu machen; was ist denn wunderbares dabei, wenn ich, der ich
dich den ganzen Tag sehe, länger weine als du?«
Über diese Rede fiel Timur in ein unauslöschliches Gelächter.
3. Angeblich historisches
328.
Da Nasreddin durch diese Geschichte[102] mit Tamerlan besser bekannt
geworden war, nahm er sich bald darauf die Freiheit, ihm ein andres
Geschenk zu machen, nämlich zehn zarte, frischgepflückte Gurken;
dafür erhielt er von ihm zehn Goldstücke. Als dann die Gurken nicht
mehr so selten waren, lud er ihrer einen Wagen voll, um sie Tamerlan
zu bringen. Der Türhüter aber, der sich der großen Belohnung für die
ersten zehn erinnerte, weigerte sich ihn einzulassen, wenn er nicht
verspreche, die neue Gegengabe mit ihm zu teilen. Der Handel wurde
so abgeschlossen, und Nasreddin wurde vorgelassen. Auf die Frage
Tamerlans, was ihn herführe, antwortete er, er bringe ihm viel mehr
Gurken als das andere Mal; als aber Tamerlan diese außerordentlich
große Menge sah, befahl er ihm ebenso viel Stockstreiche zu geben, wie
es Gurken seien. Und es waren fünfhundert Stück. Nasreddin mußte sich
fügen und erlitt geduldig zweihundertfünfzig Hiebe; dann aber begann
er zu schreien, er habe nun seinen Teil, und er hoffe, der König werde
auch dem Türhüter sein Recht widerfahren lassen. Der König fragte ihn,
was das heißen solle, und Nasreddin antwortete ihm: »Ich habe mich mit
dem Türhüter verglichen, daß er die Hälfte von dem haben solle, was ich
als Geschenk bekäme, und dafür hat er mich vorgelassen.« Der Türhüter
wurde gerufen; da er sich gezwungen sah, den Handel anzuerkennen,
mußte er auch seinen Teil auf sich nehmen und empfing die andern
zweihundertfünfzig Stockstreiche.
329.
Tamerlan begann nun so viel Gefallen an Nasreddin zu finden, daß er ihn
mit dem Versprechen, ihm nichts zu verweigern, ermutigte, zu verlangen,
was er wolle. Nasreddin verlangte nichts weiter als den mäßigen Betrag
von zehn Goldstücken, um davon ein Denkmal für die Nachwelt zu erbauen.
Als ihm das Geld ausgezahlt worden war, errichtete er mitten auf
freiem Felde ein großes Tor mit Schloß und Riegel. Darüber gabs denn
ein allgemeines Staunen und man fragte ihn um den Grund; da antwortete
er: »Die allerspäteste Zukunft wird die Erinnerung an diese Tür ebenso
getreu bewahren wie die an die Siege Tamerlans; während aber die
Welt bei diesem Denkmal, das die Streiche Nasreddins ins Gedächtnis
zurückruft, lachen wird, wird das Andenken der Taten Tamerlans Tränen
hervorrufen von einem Ende der Erde zum andern.«
330.