Weiße Burg und deinen Schlüssel den Roten Prinzen. Wann ich mich
niederlege, so daß die Weiße Burg zu sehn ist, laß du den Roten Prinzen
hervorkommen; er soll die Weiße Burg angreifen, ohne viel Umschweife
das Tor stürmen und als Sieger einziehen.«
Bei diesen Worten sagte sich der Hodscha: »Sie beabsichtigen also einen
Krieg; aber es fehlt ihnen der Spielmann, der zum Sturme das Spiel
schlüge: wann sie so weit sind, werde ich trommeln.«
Da legte sich auch schon die Dame auf den Rücken und die Weiße Burg
bot sich den Blicken des Kadis; der holte unverdrossen den Roten
Prinzen hervor und ließ ihn stürmen. Kaum war dann der Eingang
erzwungen, machte Nasreddin seinem Sohne ein Zeichen und sagte: »Rühre
die Trommel; es gibt keinen ordentlichen Sturm, ohne daß das Spiel
geschlagen würde.«
Der Sohn nahm die Schlägel und begann den anbefohlenen Wirbel. Als der
Lärm in dem Schranke losging, bekamen der Kadi und die Dame Angst: mit
den Worten »Das ist kein gutes Zeichen« liefen sie aus dem Zimmer, und
sie eilten durch den Vorsaal und blieben nicht eher stehn, als bis
sie unten waren. Dann sahen sie einander ganz betäubt an, und ohne
ein Wort herausbringen zu können, weil sie vor Bestürzung die Sprache
verloren hatten.
Der Hodscha aber sah in diesem Abenteuer eine Gelegenheit, Beute zu
machen. Er verließ den Bettschrank, öffnete die Truhe und bemächtigte
sich der Kleider des Kadis und dessen Turbans; dann stieg er ohne
Verzug die Leiter hinunter, ging in den Stall, wo das Maultier
des Kadis neben seinem Esel stand, legte die Kleider in den Sack,
übergab den Esel seinem Sohne, band für sich selber das Maultier los,
verschwand aus dem Hause und eilte heim. Dort stellte er das Maultier
ein, verschloß den Turban und die Kleider und setzte sich nieder.
Seine Frau fragte ihn: »Woher hast du diese Sachen und das Maultier?«
»Sie gehören mir; sie sind mir als Beute zugefallen.«
Während sich der Hodscha in seinem Herzen freute und der süßen Ruhe
genoß, sagte die Dame und der Kadi, die, wie wir erzählt haben, voller
Schrecken hinuntergelaufen waren: »Es muß ein Geist dasein.« Da sie
sich nicht hinaufzugehn getrauten, rief die Dame eine Sklavin und
befahl ihr: »Geh hinauf und suche die Kleider des Herrn Kadi.«
Die Sklavin, die sich ebenso fürchtete, ging langsam und mit
tausendfacher Vorsicht die Treppe hinauf, die zu dem Saale führte: sie
schaute durch die Tür ins Zimmer hinein und sah niemand drinnen; sie
öffnete den Bettschrank und die Truhe, ohne etwas zu entdecken, und kam
wieder herunter. »Es ist niemand oben,« sagte sie zu der Dame und dem
Effendi, »weder ein Teufel, noch ein Geist.«
Noch immer von tausenderlei Vermutungen beunruhigt, stiegen sie hinauf
und setzten sich nieder; und der Kadi sagte: »Das war kein gutes
Zeichen; verschieben wir unser Vergnügen auf ein andermal. Man bringe
mir ungesäumt meine Kleider, daß ich mich anziehe und weggehe.«
Die Dame befahl den Sklavinnen, die Kleider des Kadis zu bringen;
aber die, die die Truhe öffnete, fand drinnen weder Kleider, noch
Turban. Sie meldete es ihrer Herrin, und die sagte es dem Kadi. Der
Kadi versank in Nachdenken; er war völlig verwirrt und konnte sich
nicht enträtseln, wie das zugegangen sein mochte: nackt war er ja vom
Gerichtshause sicherlich nicht weggegangen. Endlich sagte er: »Was
geschehn sollte, Liebste, ist geschehn; was sich erfüllen sollte, ist
zur Wirklichkeit geworden.« Dann schrieb er einen Brief an seinen
Haushofmeister: »Gib dem Überbringer einen vollständigen Anzug, vom
Kopf bis zum Fuß.« Und indem er das Schreiben faltete, schloß und
siegelte, bat er die Dame, damit jemand wegzuschicken.
Die Dame ließ den Brief durch ihre Amme befördern. Die ging geradewegs
ins Gerichtshaus und übergab ihn dem Stellvertreter des Kadis, dem
Najb-Effendi. Er nahm Kenntnis von dem Inhalte und sah, daß der Kadi
eine Mütze, einen Turban, Unterhosen und alles übrige haben wollte; er
rief den Haushofmeister und teilte ihm alles mit. Dieser ließ sich,
dem Briefe gemäß, im Harem einen vollständigen Anzug ausfolgen und
übergab den Pack der Amme, und die brachte ihn rasch dem Kadi. Der
Kadi kleidete sich an, gürtete sich und band sich den Turban um; als
er dann gehn wollte, erinnerte er sich des Maultiers und befahl es
ihm vorzuführen. Eine Sklavin lief in den Stall; da sie es aber nicht
vorfand, schrien sie: »Effendi, das Maultier ist nicht da.«
Der Kadi war zwar verdutzt über dieses neue Ereignis, nahm aber, ohne
noch weiter zu verziehen, von der Dame Abschied; er war so verstört,
daß er auf dem ganzen Wege zum Gerichtshause nicht vor und nicht hinter
sich sah. Als er dann auf seinem Sitze ausruhte, rief er sich alles,
was er tagsüber erlebt hatte, ins Gedächtnis zurück. Bald darauf ging
er heim und legte sich, da es Nacht geworden war, schlafen.
Am nächsten Tage verließ er seinen Harem schon in der Morgendämmerung
und ging sein Amt als Richter versehn. Nachdem sich einige Freunde, die
ihn zu unterhalten gekommen waren, entfernt hatten, wandten sich seine
Gedanken, wie er so allein war, wieder den Vorfällen des Abends zu;
aber je mehr er nachdachte, desto mehr verwundert war er.
Unterdessen zog der Hodscha Nasreddin die Kleider des Kadis an,
wickelte sich dessen Turban um und hüllte sich in dessen Mantel; und
in dieser Tracht bestieg er das Maultier des Effendis und begab sich
aufs Gericht. Den Dienern des Kadis entging es, als sie ihn ansahen,
keineswegs, daß er all die Kleider ihres Herrn trug und auch dessen
Maultier ritt; sie liefen auch alsbald zum Kadi, um ihm das zu melden.
»Herr,« sagten sie, »Nasreddin-Effendi, der jetzt kommt, hat dich
bestohlen; sieh dir nur die Kleider an, die er am Leibe hat, und das
Maultier, das er reitet.«
Aber der Kadi sagte: »Gebt acht, was ihr sagt; man darf niemand
leichtfertig anklagen.«
Inzwischen stieg der Hodscha ab, band das Maultier unten an der Stiege
an, ging hinauf und begrüßte den Kadi. Der gab ihm den Gruß zurück,
erhob sich und ließ den Hodscha, um ihm eine Höflichkeit zu erzeigen,
den Ehrensitz einnehmen; er bot ihm einen vortrefflichen Kaffee an und
überhäufte ihn mit ehrenvollen Aufmerksamkeiten. Schließlich ließ er
alle lästigen Zuhörer entfernen und richtete geradeaus an den Hodscha
die Frage: »Woher hast du diese Kleider, Hodscha-Effendi, und woher
hast du das Maultier?«
»Sowahr mir Gott helfe,« antwortete Nasreddin, »gestern hat hier ein
Kampf stattgefunden: der Rote Prinz hat die Weiße Burg gestürmt. Als
der Kampf am hitzigsten war, bemächtigte sich der Streitenden ein jäher
Schrecken, und ich raffte die Beute auf, die auf dem Schlachtfelde
verblieben war.«
Aus diesen Worten begriff der Kadi leicht, worum es sich handelte; er
änderte seine Haltung und sagte zum Hodscha: »Da es deine Beute ist,
ist es billig, daß du sie behältst; vielleicht muß sie sogar noch
vergrößert werden, damit du, wenn man dich fragt: ›Hast du das Kamel
gesehn?‹, antwortest: ›Es muß samt seinem Füllen verzehrt worden sein;
ich habe weder das Kamel, noch das Füllen gesehn.‹«
Der Hodscha erwiderte: »Wenn das so sein soll, so gib mir den Preis
des Kamels, damit sich unser Mund so schließe, daß ihm auch nicht ein
Wörtchen entfällt.«
Sowohl um den Wunsch des Hodschas zu erfüllen, als auch der eigenen
Ruhe halber reichte ihm der Kadi zwanzig Goldstücke, indem er ihm noch
einmal ans Herz legte, ja nichts verlauten zu lassen. Und der Hodscha
antwortete: »Wie sollte denn etwas bekannt werden? Alles bleibt unter
uns, besonders wenn du mir statt des Kamelfüllens das Maultier geben
willst; das ist dann alles, was ich von dir haben will.«
»Einverstanden,« sagte der Kadi, und er erteilte seinen Dienern die
entsprechenden Aufträge. Die Diener führten dem Hodscha das Maultier
vor und boten es ihm an; alsbald verabschiedete er sich von dem Kadi,
stieg in den Sattel und ritt heim.
Von nun an trug er stets die Kleider, den Mantel und den Turban des
Kadis und ritt stets das Maultier; außerdem hat er, nach dem, was
erzählt wird, das Geheimnis keinem Menschen mitgeteilt.
237.
Man erzählt, daß der Hodscha einmal ein Kalb hatte; einen Tag tränkte
und fütterte es seine Frau, am andern Tage er, an wen eben die
Reihe kam. Nun wurde an einem Tage, wo es an der Frau war, diese
Verrichtungen zu besorgen, ihnen gegenüber eine Hochzeit gefeiert, wozu
man die Frau eingeladen hatte; da sagte sie zu ihrem Manne: »Wie werden
wir es diesmal halten?«
Er antwortete: »Wir wollen ein Übereinkommen treffen: wer von uns
zuerst ein Wort spricht, muß dem Kalbe zu trinken und zu fressen
geben.«
»Einverstanden,« antwortete sie.
Nach diesem Gespräche ging der Hodscha ins Haus und seine Frau ging zur
Hochzeit.
Nun hatte sich just an diesem Tage ein Zigeunertrupp vor der Stadt
gelagert, und die Frauen hatten sich in den Straßen zerstreut und
sahen rechts und links, ob es etwas zu stehlen gebe. Von ungefähr trat
eine in das Haus des Hodschas; dort herrschte völliges Schweigen.
Im Harem angelangt, sah sie den Hodscha, der durchaus stumm blieb.
Augenblicklich machte sie sich daran, das Haus zu durchstöbern, las
alles zusammen, was sie fand, und steckte es in ihren Sack; den Hodscha
hatte sie leicht anschauen: er verharrte in seinem Schweigen. Ohne
weitere Bedenken nahm sie ihm die Mütze und den Turban vom Kopfe, und
er verlor darüber kein Wort; »wenn ich spreche,« sagte er sich, »muß
ich das Kalb tränken.« So schenkte er denn dem Treiben der Zigeunerin
nicht die geringste Aufmerksamkeit; sie benutzte das und machte sich
davon.
Inzwischen wurde im Hause des jungen Paares das Mahl aufgetragen, und
die Frau des Hodschas belud eine Schüssel mit Speisen, um sie dem
Hodscha zu bringen. Als sie heimkam, sah sie, daß man das Haus so
gründlich ausgeplündert hatte, daß nicht einmal der Turban oder die
Mütze auf des Hodschas Kopf verblieben war. Da brach sie das Schweigen
und sagte: »Hodscha, wohin sind denn alle unsere Sachen gekommen?«
»Du hast gesprochen,« schrie nun Nasreddin; »du mußt also heute unser
Kalb tränken und füttern!«
238.
Man erzählt, daß einmal in der Landschaft Diarbekr ein kleiner Kaufmann
war, der sein Geschäft betrieb, indem er von Dorf zu Dorf wanderte.
Eines Tages trug er eine Last Trauben. Die Nacht fiel ein, als er noch
im Freien war, aber niemand wollte ihm Gastfreundschaft gewähren.
Schließlich sah er eine Frau, die vom Flusse kam. Er näherte sich ihr,
als sie eben in ihr Haus treten wollte, und sagte ihr, daß ihm, weil
er Trauben trage, niemand habe ein Nachtlager geben wollen trotz der
geheimen und entwickelten Vorteile, womit ihn die Natur ausgestattet
habe. Die Frau unterließ es keineswegs, diese seine letzten Worte
zum Gegenstande ihrer Überlegungen zu machen; unverzüglich trat sie
ins Haus, ging zu ihrem Manne und sagte zu ihm: »Wie ich höre, ist
gegenwärtig der Sohn meines Oheims im Dorfe; er ist, sagt man mir, ein
herumziehender Händler. Warum hast du ihn nicht eingeladen?«
Der Mann antwortete: »Aber wieso hätte ich denn von seiner Ankunft
erfahren sollen?«
Sie erwiderte: »Nicht einmal ein Hund wird sich getrauen, sich irgendwo
einzufinden, wenn man ihn nicht gerufen hat.«
Nach diesem Gespräche ging der Gatte den Mann mit den Trauben suchen
und lud ihn ein, zu ihm zu kommen. Die Frau beeilte sich mit dem
Empfange und sagte zu ihm: »Willkommen, Vetter! Glück zur Ankunft!« und
überhäufte ihn mit Aufmerksamkeiten. Und als es Nacht wurde, bereitete
sie ihm ganz nahe dem Schlafzimmer auf einem Sofa ein Bett. Er legte
sich nieder und die Eheleute taten desgleichen. Einen Augenblick
später schlief der Gatte, der sehr müde war; alsbald erhob sich die
Frau geräuschlos und ging zu dem Kaufmanne. Sie unterhielten sich wohl
miteinander; aber die Frau fand seine Waffen doch nicht so besonders,
wie er früher gesagt hatte. Und sie sagte zu ihm: »Freund, du hast mir
deine Vorteile arg übertrieben; es ist nichts da, was etwas wert wäre.«
»Ach, Frau,« antwortete er, »ich habe mehr, als du siehst; aber ich
war, es ist eine Zeit her, gezwungen, es zu verpfänden.«
Sie sagte voll Lebhaftigkeit: »Wie viel hast du darauf entlehnt?«
Er antwortete: »Zwanzig oder dreißig Toman.«
Die gab sie ihm auf der Stelle und trug ihm auf, sein Pfand holen zu
gehn und es ohne Fehl in der nächsten Nacht zu bringen.
Am Morgen stand der Kaufmann auf und ging von neuem seine Trauben
im Dorfe ausbieten. Als es Abend wurde, fragte er sich, wie er es
anfangen solle, um seine Wirtin zufrieden zu stellen. In diesen
Gedanken versunken, bemerkte er auf einmal, daß ein Bienenschwarm seine
Regungslosigkeit benutzt hatte, um sich auf dem Korbe mit den Trauben
zu versammeln; da schrie er: »Ich habs!« Er nahm eine Biene und drückte
sie auf das Werkzeug, das als zu geringfügig befunden worden war: die
Biene versenkte ihren Stachel hinein; es zeigte sich eine Entzündung,
und das Ding schwoll dermaßen an, daß man schier nicht hätte erraten
können, was es war. Das getan, ging er die Frau aufsuchen; sie war
gerade allein zu Hause. Und sie fragte ihn: »Hast du es ausgelöst aus
den Händen der Wucherer?«
»Jawohl.«
Als es Abend war, ging man zu Tische; dann kam die Zeit, schlafen zu
gehn. Alle drei legten sich so nieder wie in der Nacht vorher, und man
hatte keine Acht darauf gehabt, das Bett des Fremden nicht neben dem
Schlafzimmer zu bereiten.
Kaum war ihr Gatte eingeschlafen, so kam schon die Frau zu dem
Kaufmanne, den die Schmerzen kein Auge zutun ließen und der sich in
seinem Bette wand wie auf einem Roste. Bei dem Anblicke, der sich ihr
bot, glaubte die Frau vor Wonne zu vergehn; dabei kam ihr ein Wind aus.
»Wie?« schrie der Fremde; und mit einem in Diarbekr üblichen Ausdrucke:
»Deinem Mann in den Bart?«
»O nein,« sagte die Frau, »den armen trifft kein Vorwurf, aber dich
desto mehr; hast du dich doch, obwohl du weißt, wie unschätzbar das
ist, was du hast, nicht gescheut, es zu verpfänden!«
239.
Eines Tages sagte der Hodscha zu seinen Freunden: »Ein Sommernachmittag
ist so viel wert wie drei ganze Tage im Winter.«
Sie fragten ihn: »Wie das?«, und er antwortete: »Ich weiß es aus
Erfahrung: als ich meinen Kaftan im Winter gewaschen habe, brauchte er
drei Tage, um zu trocknen; dann habe ich ihn an einem Nachmittag im
Sommer gewaschen und da war er noch vor Nacht trocken.«
240.
Einmal sagte der Hodscha: »Zwischen der Jugend und dem Alter ist kein
Unterschied.«
Man fragte ihn: »Wieso denn?«, und er antwortete: »Vor unserer Tür
liegt ein Stein; nur wenige Leute sind imstande, ihn zu heben. In
meiner Jugend habe ich versucht, ihn zu heben, und es ist mir nicht
gelungen; später und dann jetzt, wo ich ein Greis bin, ist mir das
eingefallen, und ich habe es von neuem versucht, aber ich habe ihn
wieder nicht heben können. Diese Erfahrung ist es, warum ich sage, daß
zwischen der Jugend und dem Alter kein Unterschied ist.«
241.
Der Hodscha Nasreddin — Gottes Barmherzigkeit über ihn — war
vor kurzem aus diesem vergänglichen Leben in eine bessere Welt
abgeschieden; sein erlauchtes Grab war neben einer ehrwürdigen Moschee.
Als nun an einem Freitage das Volk zum Gebete versammelt war, hörte man
plötzlich eine jauchzende Stimme: »Muselmanen, der Hodscha Nasreddin
hat sein Grab verlassen; er reitet auf seinem Grabsteine, er schreit
und ist lustig.«
Auf diese Worte hin liefen die Gläubigen aus der Moschee, und
augenblicklich stürzte hinter ihnen die Kuppel ein; niemand erlitt auch
nur die geringste Verletzung.
Ihr erseht, meine Freunde, eine wie hohe Stelle der erlauchte und
glorreiche Hodscha Nasreddin unter den Heiligen einnimmt, die Gott den
Allmächtigen umgeben, da ihm erlaubt worden ist, sogar nach seinem Tode
Wunder zu tun.
Über ihn sind viele glaubwürdige Geschichten aufgezeichnet worden;
aber noch zahlreichere sind mit Unwahrheiten behaftet. Gott weiß, wie
es damit steht! Aber erinnern wird man sich seiner bis zu dem Tage des
jüngsten Gerichtes!
Die Barmherzigkeit Gottes sei mit ihm, die Barmherzigkeit und die
Verzeihung!
242.
Eines Tages predigte der Hodscha Nasreddin in Siwri-Hissar; und er
sagte, mit dem Kopfe wackelnd: »Muselmanen, das Klima in dieser Stadt
ist dasselbe wie in Kara-Hissar.«
Man fragte ihn: »Wieso denn?«, und er antwortete: »In Kara-Hissar habe
ich mich entblößt und mein Glied betrachtet: es hing schlaff über dem
Beutel; hier habe ich mich entblößt und es betrachtet: es war ebenso.«
243.
Eines Tages stieg der Hodscha auf die Kanzel und predigte: »Danken
wir, Muselmanen, dem wahrhaftigen und allmächtigen Gotte, daß er nicht
wollte, daß wir den Hintern in der Hand hätten; sonst würden wir uns
mehr als hundertmal täglich die Nase schmutzig machen.«
244.
Wieder stieg der Hodscha auf die Kanzel und begann zu sprechen: »Ewigen
Dank müssen wir Gott sagen, Muselmanen, daß er das, was er uns für
vorne gegeben hat, nicht hat hinten anbringen wollen; sonst hätte jeder
schier unfreiwillig den Gesellen Lots gleich werden müssen, indem er
das getan hätte, wovor sich nur Lot allein hat bewahren können.«
245.
Als sich der Hodscha eines Tages erging, sah er einige Frauen, die
Kleidungsstücke wuschen. Er trat näher an sie heran, und da entblößten
sie sich. Und sie fragten ihn: »Wie heißt das?«
Der Hodscha antwortete: »Auf Türkisch heißt es Am«, ohne irgendeine
Umschreibung zu gebrauchen.
Sie antworteten: »Jedenfalls ist es das Paradies des Armen.«
Der Hodscha ging weg; er wickelte seinen Sik in ein Stück Leinwand wie
in ein Leichentuch und legte einen Hobelspan herum, der die Stelle des
Sarges vertreten sollte, und kam also zurück. Sie sagten zu ihm: »Was
ist das, Hodscha?«
»Das ist ein Armer, der gestorben ist; jetzt will er ins Paradies.«
Um diesen Wunsch zu erfüllen, nahm ihn eine in die Hand; der Beutel
aber blieb außerhalb und sie sagte: »Was ist das?«
Der Hodscha antwortete: »Das sind die Kinder des Armen, die sein Grab
besuchen gekommen sind.«
246.
Zwei Männer erschienen vor dem Hodscha und der eine sagte: »Ich habe
dem da Geld gegeben, und er gibt es mir nicht zurück.«
Der Hodscha sagte: »Warum bezahlst du ihn nicht?«
Der gefragte antwortete: »Der Grund ist, daß ich kein Geld habe.«
Der Gläubiger sagte: »Soll ich mich mit solchen Gründen bezahlen
lassen, Effendi? Mach ihm doch ein bißchen Angst, ich bitte dich.«
Sofort hielt der Hodscha je einen Finger an seine Augen und einen an
den Mund und schrie: »Wau!«, wie man tut, wenn man die kleinen Kinder
schrecken will; »und jetzt gib ihm sein Geld.«
247.
Dem Hodscha wurde ein Mann vorgeführt, um verhört zu werden. Der
Hodscha ließ ihn auf die Folter spannen und ihn schließlich an den
Armen aufhängen; dabei sagte er immerfort zu ihm: »Gesteh doch.«
Endlich wurde er der Sache überdrüssig und ließ ihn abnehmen; da schrie
der gefolterte: »Noch einen Augenblick, und ich hätte alles gesagt.«
Trotzdem ließ ihn der Hodscha ruhig weggehn.
248.
Man führte dem Hodscha, der damals Kadi war, einen Mann vor und sagte,
um ihn zu verklagen: »Er hat eine Katze besprungen.« Da Zeugen dafür
da waren, war ein Leugnen unmöglich. Der Hodscha aber fragte ihn: »Wie
hast du sie denn genommen?«
»Ich habe, du weißt schon, was ans Pförtchen gebracht und habe mir,
indem ich sie bei den Pfoten hielt, den Eintritt erzwungen; es ist so
gut gegangen, daß ich es zweimal habe wiederholen können.«
»Wahrhaftig,« schrie der Hodscha, indem er ihn voll Bewunderung
anblickte, »du bist wahrhaftig mein Meister in diesem Spiele; hab ichs
doch schon mehr als dreißigmal so wie du versucht, ohne daß es mir auch
nur einmal gelungen wäre.«
249.
Man brachte zwei Krüge zum Hodscha, der eine voll Sesamöl, der andere
voll Urin; zugleich führte ihm die Scharwache zwei Männer vor, deren
jeder behauptete, das Öl gehöre ihm, und es handelte sich darum, es
einem von den beiden zuzusprechen.
Der Hodscha befahl: »Sie sollen beide ihr Wasser ablassen und zwar in
verschiedene Gefäße; den Krug mit Öl soll dann der haben, der Öl pißt.«
250.
Der Hodscha schnitt sich die Nägel und man sagte zu ihm: »Die
Abschnitzel mußt du in einer Fußtapfe vergraben.«
Der Hodscha stand auf, ging sie vergraben, wie man ihm gesagt hatte,
und verrichtete darüber seine Notdurft. Als man ihn fragte: »Was machst
du da, Hodscha?«, antwortete er: »Ich will den Ort bezeichnen, damit
ihr ihn leichter kennt.«
251.
Seine Frau sagte zum Hodscha: »Ich gehe ins Bad; gib, solange ich
abwesend bin, auf das Kind acht.« Kaum war sie gegangen, begann das
Kind zu schreien. Nun hatte der Hodscha neben sich eine Schüssel
Joghurt stehn; damit beschmierte er seinen Sik und fand auf diese Weise
ein Mittel, den Hunger des Säuglings zu stillen.
»Sehr gut, Hodscha,« sagte seine Frau, als sie zurückkam und das Kind
schlafend fand; »sehr gut.«
»Ach, Liebste,« antwortete der Hodscha, »bis du gekommen bist, habe ich
ihn neunmal von diesem Sik Joghurt saugen lassen; wenn du das getan
hättest, schliefest du auch.«
252.
»Hodscha,« sagte eines Tages seine Frau zu ihm, »du gehst von mir
geradeso weg wie vom Abtritt.«
Als er nun einmal vom Abtritte wegging, ließ er wirklich einen Wind.
Einer, der vorbeiging, sagte zu ihm: »Das ist eine Schande.«
Er antwortete: »Das ist diese Dirne, von der ich gelernt habe,
aufzumachen, was man nicht soll.«
253.
Eines Tages sagte der Hodscha zu seiner Frau: »Koch mir Halwa.« Seine
Frau bereitete die Kuchen und gab sie ihm; er legte sie in eine
Schachtel. Als er nun damit auf dem Wege war, lockten ihn die Kuchen;
er begann ein bißchen zu essen, dann noch ein bißchen, bis schließlich
alles verzehrt war. So kam er zum Bei, und der schrie, kaum daß er ihn
erblickt hatte: »Willkommen, Hodscha!«
»Gnädiger Herr,« sagte Nasreddin, »ich habe dir eine Schachtel Halwa
mitgebracht; wenn du mir nicht glaubst, so schau dir die Schachtel an,
die ich dahabe.« Und er zeigte ihm die Schachtel.
254.
Man brachte dem Sohne des Hodschas weißen Halwa und fragte ihn: »Was
ist das?«
Er besah die Kuchen von allen Seiten und sagte: »Das ist ein Topf mit
weißen Zwiebeln.«
Da schrie der Hodscha: »Gott soll mich strafen, wenn er das von mir
gelernt hat!«
255.
Eines Tages sah der Hodscha einen hübschen Esel; augenblicklich trat
er an ihn heran und nahm ihn her. Kaum war er fertig, als zwei Männer
daherkamen, und die fragten ihn: »Was machst du da, Hodscha?«
»Seht ihrs denn nicht?« antwortete er; »ich mache, daß ich von diesem
Vieh wegkomme.«
256.
Eines Tages besprang der Hodscha ganz nahe bei einer Moschee einen
Esel; ein Mann, der vorbeiging, spuckte aus. Da schrie der Hodscha voll
Unwillen: »Wenn ich nicht eben beschäftigt wäre, würde ich dich lehren,
hier ausspucken!«
257.
Eines Tages besprang der Hodscha seinen Esel; da er einen Mann
herankommen sah, bedeckte er sich mit seinem Mantel. Der Mann trat
näher; er hob einen Zipfel des Mantels und schrie: »Wer ist das?«
Der Hodscha antwortete: »Sieh nach, bitte, was imstande gewesen ist,
mich in diese Lage zu bringen; ich wenigstens weiß von gar nichts.«
258.
Der Hodscha hatte eines Tages seinen Esel mit Schilf beladen. Da er
bemerkte, daß die Last auf der einen Seite schwerer war als auf der
andern, sagte er: »Ich will den schwerern Bund anzünden; so wird sich
das Gleichgewicht herstellen, und überdies werde ich mich, da mir
sowieso kalt ist, wärmen können.« Kaum spürte aber der Esel die Wärme,
als er davonzulaufen begann. Der Hodscha setzte ihm nach und schrie:
»Hat man dich denn beim Füttern nicht getränkt, daß du es so eilig
hast, zum Wasser zu kommen?«
259.
Als einmal der Hodscha seinen Esel verloren hatte, sagte einer zu ihm:
»Ich habe ihn dort und dort als Muezzin gesehn.« Der Hodscha ging in
die ihm genannte Ortschaft, und als er ankam, stieg eben ein Muezzin
aufs Minaret, um zum Gebete zu rufen; und der Hodscha schrie, als er
das sah: »Woher kommt denn der Unselige!« Dann nahm er seinen Sack vom
Rücken, nahm eine Handvoll Gerste und zeigte sie, wie man es macht,
wenn man einen Esel ruft, dem Muezzin und rief: »Tschosch, Tschosch!«
Der Muezzin sah vom Minaret aus, daß ihm der Hodscha etwas anbot; er
dachte, der Hodscha wolle ihn herunterlocken, um ihm einen Streich zu
spielen, und so sagte er: »Du willst mich foppen; aber die Kosten wirst
du bezahlen.«
Über diese Antwort war der Hodscha ganz verdutzt.
260.
Eines Tages besprang der Hodscha seinen Esel und legte sich dann mitten
auf dem Wege in der Sonne neben ihm nieder, den Sik entblößt. Ein Mann
kam dazu, und der schrie: »Was machst du da? das ist schändlich!«