zornig werde.«
210.
Eines Tages gingen der Sultan Murad und Husejn Pascha, der Narr, als
Derwische verkleidet, den Bosporus entlang. Als sie an einen Ort
kamen, wo die Leute zu lustwandeln pflegten, bekamen sie Lust auf
Kaffe. Husejn Pascha sagte: »Da wir kein Feuer haben, will ich Holz
sammeln gehn.« Als er es gebracht hatte, schichtete es der Sultan auf
und begann das Feuer anzufachen; da er aber zerstreut war, ließ er
es zu viel brennen. Husejn Pascha bemerkte das und schrie, wie er es
mit seinem Knechte getan hätte, um ihn zur Achtsamkeit zu mahnen: »Du
Sklavenbengel, du Hurensohn!«, ohne zu denken, daß er damit auf die
Abstammung der Sultane anspielte, die alle Kinder von Sklavinnen waren.
»Dein Glück,« sagte der Padischah, »daß du das im Scherze gesagt hast;
sonst hätte ich dich getötet.«
211.
Ein junger Mann ohne Erfahrung hatte auf einer Reise eine kleine
Auswahl chinesischen Porzellans gekauft. Im Hafen angelangt und eben
im Begriffe sich auszuschiffen, faßte er den Plan, sein Porzellan
wegtragen zu lassen, ohne den Träger für seine Mühe zu bezahlen. Er
sagte zu einem Träger: »Was für ein Landsmann bist du?«
Der antwortete: »Ich bin ein Anatolier und aus Tasch-Köprü.«
»Aha,« dachte der junge Mann, »ein Dummkopf von einem Türken.« Und er
sagte zu ihm: »Wenn du mir diesen Pack in mein Karawanserai trägst, so
werde ich dir drei gute Ratschläge geben.«
»Einverstanden,« antwortete der Türke dem schlauen Gesellen. Er nahm
die Last auf und trug sie in das Karawanserai; als er dort ein paar
Stufen emporgestiegen war, sagte er: »Nun höre ich.«
Der andere sagte: »Wenn man dir sagt, daß der Hunger der Sättigung
vorzuziehen sei, so glaube es nicht.«
»Ich verstehe,« sagte der Träger und ging wieder ein paar Stufen
weiter; dann sagte er: »Was hast du mir noch zu sagen?«
»Wenn man dir sagt, die Armut sei besser als der Reichtum, so glaube es
nicht.«
Der Träger ging weiter und bat ihn nach einigen Stufen wieder, zu
sprechen.
»Zum dritten: wenn man dir sagt, daß es besser ist, zu Fuße zu gehn als
zu reiten, so glaube es nicht; das sind die Ratschläge, die ich dir zu
geben habe.«
Der Träger stieg die Treppe vollends hinauf; und als er oben war, warf
er seine Last hinunter.
Der junge Mann schrie: »Was machst du da?«
Und der Träger sagte: »Wenn man dir sagt, daß in dem Pack da ein
einziges Stück ganz ist, so glaube es nicht.«
212.
Man erzählt, daß Nasreddin-Effendi einen Bruder hatte; sie waren beide
unbeweibt, verlangten aber zu heiraten. Schließlich fanden sie zwei
Mädchen nach ihren Wünschen; sie heirateten beide, und jeder gründete
einen Hausstand. Nun kam einmal der Bruder des Hodschas zu diesem auf
Besuch; da sah er, daß des Hodschas Frau fröhlich war, lachte und
scherzte, während die seinige außerordentlich ernst war. Und er sagte
zu Nasreddin: »Du bist mein Bruder; sei also so gut und sage mir, wie
du es angestellt hast, daß deine Frau so vergnügter Laune ist: ich will
es dann mit der meinigen ebenso machen.«
»Umsonst verrate ich es dir nicht,« sagte der Hodscha; »wenn du mir
aber einen vollständigen Anzug gibst, so will ich es zuwege bringen,
daß sie lacht.«
Der Bruder sagte: »Das verspreche ich dir.«
Und der Hodscha fuhr fort: »Lade mich also an einem Abende ein. Nachdem
du ein bißchen verweilt hast, so laß dich wegholen; befiehl aber deiner
Frau, daß sie sich nicht eher schlafen lege als ich, was immer ich
sagen würde und wie dringlich auch meine Aufforderungen seien. Wann du
ihr das gesagt hast, geh weg.«
Der Bruder lud den Hodscha vereinbartermaßen ein; nach dem Rufe zum
Abendgebete waren sie alle drei beisammen, als der Hausherr, wie
abgemacht, geholt wurde. Er erteilte seiner Frau die besprochenen
Anordnungen und ging weg. Von nun an sprach der Hodscha kein Wort
mehr mit seiner Schwägerin, mit der er ganz allein war; sie wurde es
bald müde, auf unbestimmte Zeit aufbleiben zu sollen, und verspürte
die ersten Anzeichen der Schläfrigkeit. Drum sagte sie zum Hodscha:
»Gestatte, Effendi, daß dir ein Bett bereitet wird; du wirst dich ein
wenig ausruhen.«
Aber der Hodscha antwortete: »Ich will nicht schlafen.«
»Warum denn nicht?«
»Ich fürchte, daß, wann ich schlafe, die Mäuse kommen und mir den Kopf
fressen.«
»Und wie weichst du dem aus, wenn du zu Hause bist?«
»Wann ich zu Hause schlafen gehe, lege ich meinen Kopf in die Hände
meiner Frau und sie läßt das Licht brennen; geht sie dann später selber
schlafen, so nimmt eine Sklavin ihre Stelle ein.«
Seine Schwägerin sagte: »Wir werden dasselbe tun.« Augenblicklich
bereiteten die Sklavinnen ein Bett und die Frau setzte sich nieder
und nahm den Kopf des Hodschas in ihre Hände; da sie dessen bald müde
wurde, rief sie eine ihrer Sklavinnen und übergab ihr dieses Geschäft.
Bald darauf schliefen die Herrin und die andern Frauen ein. Nun stand
der Hodscha leise auf, blies das Licht aus, nahm seinen Sik heraus, gab
ihn der Sklavin in die Hand, legte sich nieder und begann zu piepen wie
eine Maus. Auf das Geräusch erwachte seine Schwägerin; da sah sie, daß
das Licht erloschen und die Sklavin eingeschlafen war. »Nichtsnutziges
Ding,« schrie sie, »wie kannst du schlafen? Jetzt werden die Mäuse den
Kopf des Effendis fressen.«
Die Sklavin antwortete: »Ich weiß nicht, ob das nicht schon geschehn
ist; er ist schon ganz klein.«
Die Herrin begann das junge Mädchen zu beschimpfen; als sie aber
das Licht anzündete, sah sie, was die Sklavin in der Hand hatte.
In demselben Augenblicke sprang der Hodscha auf, lief zur Tür und
ließ seinen Bruder eintreten, und der sah nun, wie seine Frau aus
vollem Halse lachte und keines Wortes fähig war. Da er aus ihr nichts
herausbringen konnte, ging er wieder zum Hodscha, der draußen geblieben
war, und fragte ihn: »Was hast du denn also getan?«
»Ach,« sagte der Hodscha, »wenn du das ganze gesehn hättest, du hättest
wohl lachen müssen bis zu deinem letzten Stündlein.«
213.
Eines Tages versammelten sich die Mäuse, um Rat zu halten, und sie
sagten: »Was werden wir noch alles von der Katze leiden müssen, wenn
wir kein Mittel entdecken, um uns vor ihr zu schützen?« Nachdem jede
gesprochen hatte, überwog der Rat, ein Glöckchen zu verfertigen und
es der Katze um den Hals zu hängen; »wenn wir das Geklingel hören,«
dachten sie, »wollen wir Reißaus nehmen.«
»Ich liefere das Stückgut,« sagte die eine. »Ich die Kohle,« sagte die
andere. »Ich das Kupfer,« sagte die dritte. Nur eine alte Maus verhielt
sich ganz still, bis die andern sagten: »Rede doch auch du; du hast ja
in diesem Lande schon so viele Jahre verrinnen sehn.«
Da sagte die alte Maus: »Ihr habt bei euerer Überlegung etwas
wesentliches vergessen: ich bin bereit, das Glöckchen ganz zu liefern;
aber wer von euch wird es der Katze an den Hals hängen?«
214.
Einst wurde ein bejahrter Christ Muselman. Sechs Monate nach seiner
Bekehrung führte ihn der Gebetsaufseher vor den Kadi und klagte ihn
an, er erfülle nicht die verordneten Gebete; der Kadi, der derselbe
war, in dessen Hände der Greis abgeschworen hatte, fragte ihn: »Warum
unterziehst du dich nicht den vorgeschriebenen Gebeten?«
»Effendi,« antwortete der Angeklagte, »in deiner Gegenwart war es,
daß ich meinem alten Glauben entsagt habe, und du hast damals zu mir
gesagt: ›Nun bist du rein aller Sünden; du bist jetzt so, als ob du ein
zweites Mal aus dem Mutterleibe gekommen wärest.‹«
Der Kadi antwortete: »Das sind meine Worte.«
Und der Greis fuhr fort: »Freilich, und seither sind nicht mehr als
sechs Monate verstrichen; betet denn ein Kind in diesem Alter?«
215.
Zwei Leute führten eines Rinds halber einen Rechtshandel. Jeder
ging, ohne daß es der andere gewußt hätte, zum Kadi und drückte ihm
zweihundert Asper in die Hand, um ihn sich geneigt zu machen. Als
dann der Spruch gefällt werden sollte, erschienen die Streitenden und
brachten das Rind mit; und der Kadi fragte den, der es hielt: »Wieviel
ist das Rind wert?«
»Vierhundert Asper,« war die Antwort.
Da sagte der Kadi: »Wenn dem so ist, was brauchen wir uns weiter damit
zu beschäftigen? Jeder von euch hat mir zweihundert Asper gegeben;
damit ist also die Sache erledigt.«
Die beiden Gegner befragten einander, als sie weggingen, und vernahmen
also, daß sie jeder dem Kadi ein Geschenk von zweihundert Asper gemacht
hatten; und sie sagten: »Es hat keinen Sinn, den Streit weiterzuführen;
das Rind hat ja schon der Kadi aufgegessen.«
216.
Es war einmal einer, der fühlte, daß er krank war; da sich sein Zustand
verschlimmerte, ließ er einen Arzt rufen. Der Arzt untersuchte ihn und
sagte ihm, daß ihm in diesem Falle ein einjähriger Essig gut tun würde.
Der Kranke ging also, um einen Freund darum zu bitten, und der sagte:
»Es trifft sich gut, daß ich gerade einen solchen habe.«
Einer, der vorbeiging, hatte ihr Gespräch gehört; deshalb sagte er:
»Bruder, möchtest du nicht die Güte haben, mir auch etwas von diesem
Essig zu geben?«
Und der Freund antwortete: »Hätte ich einem jeden gegeben, der Bedarf
danach gehabt hätte, so wäre er kein Jahr alt geworden.«
217.
Ein Sultan und Chalif von Bagdad pflegte die Verse, die ihm gebracht
wurden, abzuwägen und nach ihrem Gewichte die Dichter zu bezahlen. Nun
verfaßte ein Dichter, der diese Gewohnheit des Chalifen nicht kannte,
einen Lobgesang auf ihn in der Absicht, ihn ihm zu überreichen. Da
sagte ihm einer: »Du machst dir umsonst viel Mühe; weißt du denn
nicht, wie es unser Padischah zu halten pflegt? Er bezahlt die Dichter
nach dem Gewichte ihrer Werke.«
»Danke schön,« sagte der Dichter; und er schrieb ein Gedicht auf
einen großen Marmorblock. Den ließ er von Leuten, die ihn an einem
Barren aufhängten, zum Palaste bringen und ging selbst mit, um ihn
dem Padischah darzubringen. Der Padischah, der sofort sah, worum es
sich handelte, sagte zu seinem Wesir: »Jetzt gilt es, sich auf eine
anständige Art aus dem Handel zu ziehen.«
»Wie das?« fragte der Wesir.
»Wir werden uns«, antwortete der Chalif, »mit tausend Golddukaten
ausgleichen.«
218.
Einmal sagte ein Kaufmann zu seinem indischen Sklaven: »Vorwärts, wir
gehn auf den Abtritt.«
Der Sklave füllte die Kanne mit Wasser[97], sah aber sofort, daß sie
ein Loch hatte, weil alles Wasser auslief; da sagte er zu seinem Herrn:
»Herr, die Kanne hält kein Wasser; wasch dich also zuerst, und dann geh
erst dein Bedürfnis verrichten.«
219.
Einer begegnete einmal einem Dämon, der auf seinen Schultern einen
alten jüdischen Rabbi trug; und der Rabbi schlug und mißhandelte den
Dämon und zwang ihn auszuschreiten. Und der Mann fragte ihn: »Warum
trägst du einen, der dich schlägt und mißhandelt?«
Darauf antwortete der Teufel — er sei verflucht —: »Er gebraucht
irgendeine verruchte Tücke, die meinen Verstand übersteigt; durch
angestrengte Aufmerksamkeit wird es mir vielleicht gelingen,
dahinterzukommen.«
Der Fluch Gottes sei über ihnen beiden!
220.
Einmal hatte ein Schüler des berühmten Mewlana Dschami Gedichte
verfaßt und sie in einem Diwan vereinigt. Mewlana Dschami sah das Buch
durch und überzeugte sich, daß es von unzusammenhängenden Worten, von
Nachlässigkeiten und von Albernheiten strotzte; da er ein solches
Machwerk nicht loben konnte, sagte er ironisch: »Gott segne dich! du
hast da einen gewaltigen Diwan verfaßt.«
Der Dummkopf blähte sich über diese Schmeichelei und antwortete: »Es
ist ein Diwan, den der heutige Dichtertroß gar nicht erfaßt.«
»Das stimmt,« sagte Mewlana Dschami; »ich habe nicht ein Wort
verstanden.«
221.
Als Bani-Tschokar einmal im Bade war, trat ein Badediener, einer von
denen, die nicht rasieren, zu ihm und wollte ihn mit dem Wollhandschuh
abreiben; doch Bani sagte: »Ich will nicht geknetet werden; rasiere mir
aber den Kopf.«
Bald merkte er, daß das Rasiermesser nichts schnitt; da sagte er zu dem
Bader: »Gib acht! du wirst mich wirklich rasieren, wenn du nicht acht
gibst.«
222.
Ein Kadi kam auf einer Bereisung in ein Dorf in der Umgebung von Konia.
Er befragte die Bauern über das Gebet und befahl einem von ihnen, der
etwas weniger unwissend schien als die andern, ihm zu sagen, wie oft
man am Morgen beten solle; der antwortete: »Zwanzigmal.«
»Schweig,« sagte der Kadi; »du bist ein Esel.«
Da sagte ein anderer: »Man betet viermal.«
Aber der erste sagte: »Ich habe ja schon zwanzig gesagt! das muß doch
besser sein.«
223.
Eines Tages ging ein Bauer einer gewissen Sache halber zum Kadi; er
dachte aber, er werde bei diesem besonders gut ankommen, wenn er recht
verschwenderisch mit den Titeln sei, und so sagte er beim Eintritte:
»Heil über dich, gnädigster Herr Prophet!«
Aber der Kadi sagte: »Schweig; du bist ein Einfaltspinsel.«
»Habe ich denn in meiner Rede die Gesetze der Sprache verletzt?«
Der Kadi befahl: »Züchtigt mir diesen Dummkopf!« Und die Schergen
prügelten ihn durch.
Nun sagte der Kadi: »Warum sprichst du mich in dieser Weise an? Das ist
die Rede eines nichtsnutzigen Menschen.«
Und der Bauer antwortete: »Ich war verwirrt, du Schwein; ich war
verwirrt.«
224.
Eines Tages ging ein Herr ins Bad; dort stahl man ihm sein Tekjeh[98].
Als er wegging, sagte er zum Bademeister: »Du hast mir mein Tekjeh
gestohlen.«
Der Bademeister antwortete ihm: »Du bist bloßköpfig ins Bad gekommen.«
Da schrie der Bestohlene, indem er sich an die andern Anwesenden
wandte: »Hört, Leute, seht euch meinen Kopf an, und dann sagt, ob ich
bloßköpfig gekommen sein kann.«
Sein Kopf war ganz voll Grind.
225.
In Adrianopel, der wohlbehüteten, war einmal ein Dichter, Silani
mit Namen, und der trug eines Tages dem Volke ein ganz jämmerlich
schlechtes Gedicht vor. Die Zuhörer begannen zu lachen.
»Da sieht man,« rief Silani, sich selber lobend, »daß meine Werke nicht
zur weinerlichen Gattung gehören.«
226.
Ein Dichter, der einst der Günstling der Wesire gewesen war, erblindete
am Ende seiner Tage; nun gab er Unterricht und ließ sich von seinem
Knaben von Tür zu Tür führen. Da träumte einmal einem der Wesire, daß
er ihn also herabgekommen sehe. Der Wesir rief sich alle Einzelheiten
der Vergangenheit dieses armen Menschen ins Gedächtnis, und am Morgen
ging er ihn aufsuchen und sagte zu ihm: »Kennst du mich?«
»Warum sollte ich dich nicht kennen? wenn ich auch das Gesicht verloren
habe, so ist mir doch das Gehör geblieben. Früher habe ich deine
gütigen Wohltaten genossen; bist du nicht derundder Pascha?«
Der Wesir fuhr fort: »Und dieser Knabe, ist er dein Sohn?«
»Er ist mein Knabe und dein Diener.«
»Kann er lesen?«
»Freilich.«
»Und was liest er denn?«
»Er sieht die jämmerliche Lage, worin sich sein Vater befindet; drum
liest er Verwünschungen gegen die, die ihn ohne Unterstützung seinem
unglücklichen Schicksal überlassen.«
227.
Ein Kalender verabsäumte es, im Ramasan die vorgeschriebenen Fasten
einzuhalten; andererseits aber unterließ er es nicht, allnächtlich kurz
vor Sonnenaufgang zu essen. Man fragte ihn: »Da du bei Tage keineswegs
fastest, warum ißt du dann vor Tagesanbruch?«
Und der Kalender antwortete: »Wenn einer nicht nur das Gesetz, sondern
auch die Überlieferung außer acht ließe, müßte denn der nicht zu den
Ungläubigen gezählt werden?«
228.
Als der Hodscha einmal ackerte, riß ein Riemen. Sofort wickelte er
seinen Turban ab, band ihn an die Stelle des Riemens an den Ochsen und
den Pflug, packte den Stachel und trieb den Ochsen an; der nahm einen
Ruck, so daß der Turban auf Stücke ging, und kehrte sich um. Da schrie
der Hodscha: »So ein dummes Vieh! zieht es an einem Turban ebenso stark
wie an einem Riemen!«
229.
Der Hodscha erging sich eines Tages mit seinem Sohne, als sie einem
Leichenzuge begegneten; und hinter dem Zuge kam die junge Gattin des
Verstorbenen, die ihren Schmerz in bittern Klagen ausströmte: »Noch
heute hat er gegessen, getrunken und unter der Decke geschlafen; und
jetzt bringt man ihn an einen Ort, wo es nichts zu essen gibt und
nichts zu trinken, keine Decke, kein Bett, ja nicht einmal eine Matte.«
»Vater,« sagte der Sohn des Hodschas, »bringt man den Toten zu uns?«
230.
In einer fremden Stadt sah der Hodscha einmal einen Nußbaum. Da er
einen solchen Baum nicht kannte, blieb er voll Verwunderung stehn;
endlich schlug er einige Nüsse in ihrer grünen Schale herunter und biß
ohne weiters in eine hinein. Sie schmeckte gar bitter und er gewahrte,
daß sein Mund anschwoll; da sagte er voller Unruhe: »Farbe und Form
sind so wie bei den Zwetschen; sollte ich vergiftet sein? Da steckt
irgendeine Schurkerei dahinter. Ach, ihr Aussehn ist recht trügerisch!«
231.
Es war einmal ein Geiziger, der jahraus, jahrein nichts andres aß
als Hammelkopf; darum wurde er eines Tages gefragt: »Warum ißt du
eigentlich weder im Sommer, noch im Winter etwas andres?«
Er antwortete: »Siehst du denn nicht, wie billig so ein Hammelkopf ist?
Wann ihn einmal der Diener vom Fleischer gebracht hat, braucht man
nichts mehr an ihm herumzuschneiden; Kosten fürs Kochen hat man auch
nicht, weil er schon gekocht verkauft wird. Und was hat man dann alles:
die Haut, das Fleisch, die Augen, die Ohren, die Zunge, das Hirn;
ebenso viel Gerichte! Begreifst du jetzt, was für ein vorteilhaftes
Essen so ein Hammelkopf ist?«
232.
Ein Geizhals kam heim und bat seine Frau, ihm zu essen zu geben; sie
briet ein Huhn und brachte es ihm. In diesem Augenblicke pochte ein
Bettler an die Tür und sagte: »Um Gotteswillen, schenkt mir etwas.«
Der Geizige mißachtete diese Bitte und schickte den Armen mit leeren
Händen weg.
Im Verlaufe der Zeit fiel der Geizhals in Unglück und fand sich bald
von allen Mitteln entblößt; als er derart herabgekommen war, stritt er
eines Tages mit seiner Frau und schied sich von ihr. Sie heiratete dann
einen andern. Nun wollte es Gott, daß sie eines Tages ihrem zweiten
Gatten ein Huhn kochte und es ihm just in dem Augenblicke vorsetzte, wo
ein Bettler an die Tür klopfte und sagte: »Um Gotteswillen, schenkt mir
etwas.«
Auf der Stelle nahm ihr Gatte das ganze Huhn, reichte es ihr und sagte:
»Gib es dem armen Menschen.«
Die Frau gehorchte und erkannte in dem Bettler, den sie an der Tür
fand, ihren ersten Mann. Sofort ging sie zu ihrem zweiten hinein und
erzählte ihm von dieser sonderbaren Begegnung. Und dieser sagte:
»Liebes Weib, wisse, daß ich einmal betteln gegangen bin; ich war
damals in der äußersten Not. Aber dein Mann hat mir nichts gegeben und
ich bin mit leeren Händen weggegangen. Nun hat ihm der Allmächtige all
sein Gut genommen, sogar so eine Frau, wie du bist, um alles mir zu
geben; sein Glück ist zu mir gekommen und meine Armut zu ihm. Ich habe
seiner bedurft; jetzt bedarf er meiner.«
So erzählt man diese Geschichte. Zieht daraus, Freunde, den Nutzen,
den ihr sollt. Danken wir dem Höchsten, daß er uns die irdischen Güter
zugesteht, und laßt uns, ob arm oder reich, seinen Namen nie ohne
Ehrfurcht nennen!
233.
Ein Geizhals wiederholte, sooft er sich zu Tische setzte, zweimal den
Spruch: »Gott, beschütze mich!«
Eines Tages fragte man ihn: »Warum sprichst du diese Bitte Tag für Tag
doppelt?«
Der Geizige antwortete: »Das erste Mal ist der Teufel — der Fluch sei
auf ihm — gemeint; das zweite Mal gilt sie den Gästen, damit meine
Küche von ihrem Besuche verschont bleibe.«
234.
Als Tamerlan in Akschehir war, lud er einmal den Hodscha ein, mit
ihm ins Bad zu gehn, und der Hodscha nahm die Einladung an. Tamerlan
versah sich mit einem Badetuch, das hundert Goldstücke wert war,
und sie gingen hinein; dort setzten sie sich neben der Kufe hin und
unterhielten sich. Und Tamerlan sagte zum Hodscha: »Wenn ich ein Sklave
wäre und verkäuflich, wie viel gäbest du für mich?«
»Kaum hundert Goldstücke.«
»Aber du Dummkopf, das Badetuch ist ja allein so viel wert.«
»Das habe ich wohl überlegt,« sagte der Hodscha; »sonst gäbe auch
niemand für dich ein Goldstück[99].«
235.
Der Hodscha sagte einmal zu seiner Frau: »Bereite eine hübsche Schüssel
Joghurt, damit ich sie morgen Tamerlan bringe. Ich will sie aber schon
zeitlich früh haben.«
Die Frau bereitete den Joghurt und der Hodscha ging mit der Schüssel,
nachdem er sie in gestickte Handtücher gewickelt hatte, noch vor der
Dämmerung weg; er kam bei Tamerlan an und überreichte ihm den also
eingewickelten Joghurt. Timur fragte: »Was ist das?«
Der Hodscha antwortete: »Diesen frischen Joghurt bringe ich dir, damit
du ihn essest, und diese Tücher, damit du dich nach der Waschung
abtrocknest.«
Timur band die Tücher auf und nahm sie, nachdem er den Joghurt
herausgetan hatte, in die Hand, um die Stickerei zu betrachten; diese
fand er aber jämmerlich schlecht, und so sagte er: »Ich möchte mich
lieber an der Hand abtrocknen, die diese Tücher gestickt hat.«
Aber der Hodscha antwortete: »Die Hand, die sie gestickt hat, ist weit;
aber die Tücher sind da und just zu dem Zwecke, den du sagst.«
236.
Eines Tages fand sich der Hodscha so von allem entblößt, daß ihm
auch nicht ein Körnchen Weizen oder Gerste geblieben war. Da legte
er seinem Esel einen großen Sack auf, hängte seinem Sohne eine
Trommel um und ging von Tür zu Tür, um die Barmherzigkeit der Leute
anzurufen. Kaum hatte er die Trommel geschlagen und sich in dieser
Verfassung gezeigt, als ihm auch schon Männer und Frauen Gerste oder
Korn brachten, der eine ein Nösel, der andere zwei; und der Hodscha
schüttete alles in den Sack. Schließlich kam er zu einem großen Tor,
dessen einer Flügel offen stand. Der Knabe schlug die Trommel, aber
niemand trat heraus; er stieß den Esel in den Torweg, und da überzeugte
er sich, daß auch innen völliges Schweigen herrschte. Nachdem sie den
Esel im Stalle angebunden hatten, lehnten Vater und Sohn eine Leiter an
das Haus und stiegen hinauf; sie kamen in einen Vorsaal und dann in ein
Zimmer, ohne daß sie einen Laut gehört hätten.
Plötzlich traf ein Geräusch das Ohr des Hodschas; eine Frauenstimme
sagte: »Jetzt wird der Effendi bald dasein.« Das wollte heißen, daß die
Herrin des Hauses an diesem Tage mit dem Kadi der Stadt ein verliebtes
Stelldichein hatte. In diesem Augenblicke war sie im Bade, und sie
sagte zu ihren Sklavinnen, daß sie rasch heraussteigen müsse.
Das hörte der Hodscha alles und er sagte sich: »Da gilt es, einen
hübschen Spaß anzustellen.« Als er darum unverzüglich ein passendes
Versteck suchte, sah er ihm gegenüber ein köstliches Zimmer, reich mit
Gold verziert. Ohne zu zaudern, trat er ein; dort fand er den großen
Bettschrank schier leer, und er versteckte sich mit seinem Sohne hinter
den Vorhängen.
Einen Augenblick darauf stieg die junge Dame aus dem Bade; gestützt auf
die Arme ihrer Sklavinnen kam sie in das Zimmer und setzte sich auf den
Ehrenplatz, um also die Ankunft des Kadis abzuwarten. Der war auch bald
zur Stelle; die Sklavinnen führten ihn zu ihrer Herrin, die sich erhob,
ihm einige Schritte entgegenging, ihn unter dem Arme faßte und ihm den
Ehrensitz überließ. Es war im Sommer und an einem der heißesten Tage,
so daß der Kadi etwas schwitzte; drum zogen ihm die Sklavinnen seine
Kleider aus und er behielt nur die Unterhosen und ein Jäckchen und auf
dem Kopfe eine Mütze. Die Kleider legten die Sklavinnen in eine Truhe.
Nun mußte sich der Effendi zu seiner Bequemlichkeit auf das Bett setzen
und die Dame setzte sich, ebenso nur leicht gekleidet, neben seine
Herrlichkeit. Nachdem sie dann ein leichtes Mahl eingenommen hatten,
tranken sie einige Becher Wein; die Hitze tat das übrige, und so war
der Kadi bald berauscht. Als das die Dame sah, gab sie ein Zeichen; der
Kadi wurde niedergelegt und die Sklavinnen entfernten sich, so daß ihre
Herrin und der Kadi allein blieben. Der Hodscha verhielt sich immerfort
still.
Die Dame war gut aufgelegt; sie und der Kadi umarmten sich und begannen
zu tändeln und Küsse zu tauschen. Der Kadi benutzte den Augenblick und
entledigte die Dame all ihrer Hüllen. Als das geschehn war, fand sie
ihre Sprache wieder und sagte: »Weißt du, Effendi, wie die Liebe sein
soll, die mein Herz begehrt?«
»Nein, Königin meiner Seele; ich kenne auch keine andere als die
bewegliche.«
»Die, die ich liebe,« sagte die Dame, »ist die Kriegsliebe.«
»Nach meiner Erfahrung«, antwortete der Kadi, »ist es die bewegliche,
die den Preis verdient.«