Hodscha: »Deine Frau geht viel aus.«
Er antwortete: »Sie kommt stets wieder heim von ihren Ausgängen.«
»Das ist es nicht, Hodscha; sie ist ein wenig zu frei.«
Der Hodscha antwortete: »Wenn sie zu frei ist, so hat die Schuld daran
ihr Schleier, der zu klein ist.«
»Das ist es auch nicht, Hodscha,« sagten die andern; »sie geht bald
hierhin, bald dorthin.«
»Fürwahr,« rief der Hodscha, »das ist mir sehr lieb, daß sie hierhin
und dorthin geht.«
Sie sagten: »Das ists noch immer nicht; sie geht mit Fremden bald
hierhin, bald dorthin.«
»Na, und ich,« antwortete der Hodscha, »bin denn ich vielleicht ihr
Bruder oder ihr Vater?«
181.
Als der Hodscha einmal krank war, besuchte ihn ein reicher Mann, um
sich über sein Befinden zu erkundigen, und der sagte zu ihm: »Hodscha,
was ist denn dein heimlicher Wunsch?« Der Hodscha antwortete: »Ich
möchte eine Schüssel Pilaf.«
Augenblicklich ließ der Reiche Pilaf bereiten und brachte dem Hodscha
eine Schüssel voll; der Hodscha verschlang den Pilaf mit Heißhunger, so
daß ihn der Geber fragte: »Wird es dir denn nicht schaden, wenn du so
viel Pilaf ißt?«
Der Hodscha antwortete: »Je weniger einem etwas schaden kann, desto
weniger Freude hat man daran.«
182.
Eines Tages fiel sein Sohn in einen Brunnen, und die Leute kamen es dem
Hodscha melden. Unverzüglich lief er zu dem Brunnen und rief hinunter:
»Sohn, bist du unten?«
»Liebster Vater,« antwortete unten der Sohn, »bring mir Sukkurs, damit
du mir hilfst, herauszukommen.«
»Es ist ganz überflüssig,« erwiderte der Hodscha, »daß ich erst
Sukkurs hole; ich werde einfach nach Hause gehn um eine Leiter, und so
werde ich dich schon herausbringen[92].«
183.
Einmal kam der Hodscha nach Malatije. Als er dort durch die Straßen
ging, sah er einen kleinen Knaben mit einem Dukaten spielen, den er
gefunden hatte; da sagte er zu dem Knaben: »Komm, mein Sohn, ich gebe
dir einen Asper; du gibst mir dafür das Stück Kupfer.«
Der Knabe antwortete: »Ich weiß, was ein Asper ist; brälle einmal wie
ein Esel, und ich gebe dir das Kupferstück.«
Von seiner Habgier gestachelt, begann der Hodscha zu brällen. Als er
aber innehielt, sagte der Knabe: »Aber Freund, wenn ein Esel wie du
weiß, was ein Dukaten wert ist, warum sollte es denn ein Knabe wie ich
nicht wissen?«
184.
Einmal verließ der Hodscha sein Haus und begann auf der Straße etwas zu
suchen. Seine Frau sah das und fragte ihn: »Was suchst du, Hodscha?«
Er antwortete: »Ich habe meinen Ring verloren; jetzt suche ich ihn.«
Sie fragte weiter: »Wo hast du ihn denn verloren?«
Der Hodscha antwortete: »Drinnen im Hause habe ich ihn fallen lassen.«
»Ja, warum suchst du dann heraußen?«
»Drinnen ists finster und heraußen licht. Wollte nur Gott, daß ich ihn
schon wieder gefunden hätte!«
185.
Der Hodscha sah eines Tages eine Anzahl Bauern herankommen; da streckte
er sich lang auf der Erde aus und blieb unbeweglich. So lag er noch,
als einer von den Bauern hinkam; der, der ihn für tot hielt, ging
zu seinen Gesellen zurück und sagte zu ihnen: »Der arme Hodscha ist
gestorben; wir müssen unter uns für sein Begräbnis sammeln.«
Sie besteuerten einander und brachten fünfhundert Asper zusammen. Als
sie dann alle um den Hodscha standen, sagten sie: »Um ein Leichentuch
zu kaufen, sind hundert Asper genug; wer will es denn übernehmen, die
vierhundert, die noch übrig bleiben, zu ihm nach Hause zu tragen?«
Alsbald hob der Hodscha den Kopf und rief: »Gebt nur die vierhundert
Asper her: ich will sie mit Vergnügen nach Hause tragen; so viel habe
ich ja in meinem ganzen Leben nicht in der Hand, geschweige denn im
Besitze gehabt.«
186.
Nach dem, was man erzählt, war einmal ein Kadi in trunkenem Zustande,
als der Sultan Mehemed-Chan von ungefähr bei ihm eintrat. Und der
Sultan sagte zum Kadi: »Fürchtest du nicht Gott und hast du keine Scheu
vor dem Propheten? Ist es denn möglich, daß ein gelehrter Mann und Kadi
seinen weißen Bart also mit Wein besudelt?«
»Padischah,« antwortete der Kadi, »wenn meine dürren Hände nicht
zitterten, hätte mein Bart nicht einen Tropfen von meinem Weine
bekommen.«
Der Padischah fand an dieser Antwort des Kadis ein solches Vergnügen,
daß er ihm eine große Gnade erwies.
187.
Zu der Zeit, wo Harun al Raschid Chalif war, gab sich einer für einen
Propheten aus. Harun ließ seine Ärzte rufen und sagte zu ihnen: »Fühlt
ihm den Puls; wir werden sehn, woher das kommt.«
Die Ärzte fühlten ihm den Puls und untersuchten ihn; dann sagten sie:
»Er hat Dinge gegessen, die ihm zu Kopf gestiegen sind und ihm den
Verstand verwirrt haben.«
Harun sagte: »Man bringe ihm vierzig Tage lang leichte Gerichte aus
meiner Küche; wenn es dem Allmächtigen gefällt, wird das eine Änderung
und einen Wechsel in seinem Wesen herbeiführen.«
So wurde also der angebliche Prophet vierzig Tage lang genährt; und als
sie abgelaufen waren, wurde er dem Chalifen von neuem vorgeführt. Der
Chalif fragte ihn: »Bist du noch immer ein Prophet?«
Er antwortete: »O Harun, nach den Herrlichkeiten, womit du mich
überhäuft hast, erhebe ich keinen Anspruch mehr, ein Prophet zu sein,
sondern ein Gott.«
188.
Ein Sultan verließ eines Morgens zu guter Stunde seinen Palast; er zog
in den Krieg. Auf dem Wege sah er, wie ihm ein Musikant entgegenkam,
der ein Instrument in der Hand hielt; und der hatte einen scheelen und
halbstarren Blick. Der Sultan versah sich von dieser Begegnung nichts
guten; drum ließ er dem Musikanten vierzig Stockstreiche geben und
ihn in den Kerker werfen. Ein Jahr verstrich, und der Sultan kehrte,
nachdem er sich zahlreiche Länder unterworfen hatte, als Sieger und
ruhmbedeckt in seine Hauptstadt heim. Nun kam ihm der Musikant wieder
ins Gedächtnis; er ließ ihn aus dem Kerker holen und sich ihn vorführen.
Der Musikant sagte: »Sieh, Herr, nun bist du als Sieger zurückgekommen.
Als ich dir begegnet bin, sah ich im Geiste deine Eroberungen voraus.
›Gott sei gelobt,‹ sagte ich mir, ›daß ich dich sehe,‹ und nahm es als
ein gutes Vorzeichen. Unterdessen, siehe, ist es jetzt ein Jahr, daß
ich im Kerker bin; wie viel Ungemach und Kümmernis habe ich gelitten!
Wer von uns war denn nun eigentlich dem andern ein böser Angang?«
Der Sultan nahm die Rede des Musikanten in gutem auf, überhäufte ihn
mit Wohltaten und entließ ihn als zufriedenen Mann.
Es ist, wie man sieht, notwendig, daß sich die Sultane und ihre
Minister derer erinnern, die im Kerker schmachten, und sie sofort, wann
sie ihnen ins Gedächtnis kommen, vor sich rufen.
189.
Man erzählt, daß einmal in Konstantinopel ein Schneider lebte, der eine
besondere Geschicklichkeit zeigte, beim Zuschneiden Tuch zu stehlen.
Eines Tages waren etliche Meister seines Handwerks bei ihm, als man ihm
einen Brokatstoff brachte; um nun zu sehn, wie er es anstelle, etwas
verschwinden zu lassen, sagten sie zu ihm: »Schneide nur gleich zu.«
Der durchtriebene Geselle merkte ihre Absicht, ihm eine Falle zu legen,
bemerkte aber auch, daß der Stoff sehr prächtig war; und er sprach bei
sich selber: »Sollte ich es denn nicht verstehn, mir einen Teil dieses
herrlichen Brokats anzueignen?« Indem er dieser Betrachtung nachhing,
überzeugte er sich, daß die andern Meister kein Auge von dem Stoffe
verwandten. Da ließ er, ohne sich vom Flecke zu rühren, einen Wind. Die
andern, die auf dem Diwan saßen, begannen so herzlich zu lachen, daß
sie auf den Rücken fielen; und der Schelm ließ, ohne einen Augenblick
zu verlieren, ein Stück Stoff verschwinden.
Sie schrien: »Haha, Meister, du bist also nicht nur ein Schneider,
sondern auch ein Schalk; jetzt aber soll unsere Aufmerksamkeit nur dem
Schneider gehören.«
Er ließ einen zweiten Wind. Wieder begannen sie zu lachen, und ein
zweites Stück Stoff ging den Weg des ersten.
Nun sagten sie: »Meister, das Spiel mag noch einmal angehn, dann muß
aber Schluß sein; sonst platzen wir noch.«
Und der verschmitzte Bursche antwortete: »Ich würde euch ja wirklich
gern euern Willen tun; sollte ich es aber noch ein drittes Mal machen,
so würde der Stoff nicht mehr für einen Kaftan reichen.«
190.
Einem Schneider träumte, daß der Tag des jüngsten Gerichtes gekommen
sei; er wurde auf dem Platze herumgeführt, und am Halse hingen ihm
alle die Tuchstücke, die er gestohlen hatte. Als er erwachte, zitterte
er vor Furcht. Es wurde Morgen und er ging in seine Werkstatt; dort
erzählte er seinen Traum den Gesellen und sagte ihnen: »Wenn ich mich
wieder einmal nicht beherrschen kann, und wenn ihr seht, daß ich ein
Stück Stoff für mich nehme, so sagt zu mir: ›Meister, denk an den
Kragen.‹ Mir wird dann die Erinnerung wiederkehren, und ich werde
nichts unterschlagen.«
Einige Zeit darauf brachten ihm etliche Leute einen herrlichen Stoff;
er konnte der Versuchung nicht widerstehn und ließ geschickt ein Stück
unter den Augen der Eigentümer verschwinden. Da schrie auch schon ein
Geselle: »Meister, denk an den Kragen.«
Aber er erwiderte: »Was habe ich mich daran zu erinnern? ein Stück wie
das war gar nicht dabei.«
191.
Ein Schneider verkaufte die Stücke Tuch, die er stahl, einem alten
Schuft von einem Juden. Nun kam einmal einer, der sich bei ihm hatte
einen Kaftan machen lassen, und machte ihm einen Auftritt, weil er ihm
Stoff gestohlen habe.
Aber der Schneider antwortete: »Ich habe den Stoff nicht; der alte
jüdische Schuft, der hat ihn.«
192.
Eine Kaufmannsfrau benutzte einmal die Zeit, wo ihr Gatte im
Tidscharet[93] war, um ihre Gebete zu verrichten. Dabei entwischte ihr
ein Wind, aber sie wußte nicht ganz genau, ob es wirklich ein Wind
gewesen sei oder ob nicht vielleicht das Geräusch von einem Seufzer
hergerührt habe, den sie im Gebete ausgestoßen hatte. Darum ging sie
um Rat zu einem weisen Greise; sie erzählte ihm den Vorfall und bat um
Auskunft. Der Greis ließ nun auch einen Wind und fragte sie: »War es so
ein Geräusch?«
»Nein,« antwortete sie, »es war stärker.«
Er ließ einen zweiten; »War es so?«
»Es war noch stärker.«
Da schrie der Greis: »Jetzt geh aber zum Teufel! ich habe mich
beschissen.«
193.
Man erzählt, daß einmal ein Mann in Konstantinopel zum Kadi von
Jerusalem bestimmt worden ist. Er traf ein Übereinkommen mit einem
Schiffsherrn und bestieg mit seinem ganzen Gefolge das Schiff. Eben
wollte man die Anker lichten und in die See stechen, als ein Jude
daherkam und an Bord ging; er brachte zwei Körbe mit, die dem Anscheine
nach nichts sonst als Kleider enthielten, und bat den Kadi, sie
mitzunehmen. Der Kadi hieß den Juden, sie einem aus seinem Gefolge, der
dabeistand, zu übergeben. Als sich der Jude entfernt hatte, sah der
andere, daß in den Körben eine Menge Pasterma[94] war, und schnitt sich
sofort ein Stück ab; da er es nach seinem Geschmacke fand, versäumte
er nicht, auf der ganzen Reise davon zu essen, so daß schließlich, als
sie im Hafen von Jaffa ankamen, nicht ein Stückchen davon mehr da war.
Alle Reisenden stiegen aus und gelangten glücklich nach Jerusalem.
Der Diener des Kadis machte sich zwar Vorwürfe, daß er das Pasterma des
Juden gegessen hatte, tröstete sich aber damit, daß er sich vornahm,
ihn auf die eine oder die andere Weise schadlos zu halten. Unterdessen
kam schon der Jude herbei, und er sagte zu ihm: »Du, ich muß mit dir
reden; mir ist etwas ärgerliches zugestoßen, das dich gewissermaßen
angeht: mit einem Wort, ich habe das Pasterma gegessen, das in deinen
Körben war. Sag mir, welchen Preis du dafür haben willst oder wie wir
uns sonst auseinandersetzen sollen.«
Bei dieser Rede begann der Jude zu wimmern und sich den Bart zu raufen;
alsbald versammelte sich eine Menge Leute um sie und man fragte den
Juden: »Was gibt es denn, Jude?«
Für einen Augenblick hörte der Jude auf zu weinen, sich den Bart zu
raufen und zu heulen, freilich ohne daß er etwas gesagt hätte; sofort
aber begann er sich wieder auf den Kopf zu schlagen und den Bart zu
raufen. Dann stieß er einen Schrei aus, packte den andern beim Kragen
und schleppte ihn vor den Richter.
Der fragte seinen Diener: »Was hast du dem Menschen da genommen?«
Der Diener antwortete: »Gnädiger Herr, der Jude ist mit uns zu Schiffe
gestiegen; er hatte eine gewisse Menge Pasterma bei sich. Davon habe
ich jeden Tag etwas gegessen, so daß bei unserer Ankunft in Jaffa
nichts mehr da war. Ich habe ihm die Sache erklärt und habe ihm zur
Entschädigung Geld geboten; aber anstatt meinen Vorschlag anzunehmen,
rauft er sich Haare und Bart aus und hängt mir einen Rechtshandel an.«
Nun sagte der Richter: »Sprich, Jude, was beanspruchst du?«
»Gnädiger Herr,« sagte der Jude, »der Mann hat mir in dem, was auf dem
Schiffe war, einen unersetzlichen Schaden zugefügt.«
»Weiter,« sagte der Kadi, »damit wir sehn, worum es sich handelt.«
»Herr,« sagte der Jude, »mein Vater, der ein reicher Kaufmann war,
war erkrankt; als es nun ans Sterben ging, hat er mir nachdrücklichst
ans Herz gelegt, ihn in Jerusalem zu begraben. Dazu habe ich kein
leichteres Mittel gefunden, als sein Fleisch von den Knochen zu lösen,
Pasterma daraus zu machen und es in Körben zu verpacken. Als ich aber
das väterliche Pasterma zurückgefordert habe, hat sich herausgestellt,
daß alles aufgegessen ist, alles sage ich, bis auf den letzten Bissen.«
Der Kadi sah, daß in diesem Falle nichts zu machen war; er schickte den
Juden weg und sprach seinen Diener ledig.
Das also erzählt man von dem Rechtshandel, in dem ein Mann aufgetreten
ist, der einen Juden ganz und gar aufgegessen hat.
194.
Es war einmal in Konstantinopel beim Iki-Kapu im Viertel Kara-Agadsch
ein Gassenjunge, Akinedschi-Sadeh mit Namen, der es gar trefflich
verstand, auf eine bissige Rede schlagfertig zu antworten.
Eines Tages verschloß einer seinen Laden und brachte innen das
Schlagtürchen an. Akinedschi ging hin und klopfte an das Türchen. Der
andere sagte: »Was willst du?«
»Komm näher; ich muß dir etwas sagen.«
Daraufhin öffnete der andere das Türchen und sagte: »Was mußt du mir
sagen?«
Akinedschi antwortete: »Ich habe ein Verhältnis mit deiner Mutter; sag
es aber niemand.«
»Und du, bist du nicht der Sohn einer Hure, die man ruft, wenn man sie
braucht?«
»Das ist eine Lüge,« antwortete Akinedschi; »meine Mutter ist ja nicht
die deinige.«
195.
Einmal hörte einer predigen: »Wenn man bei Einbruch der Nacht seine
eheliche Pflicht erfüllt, so wird das belohnt werden wie die Opferung
eines Schafes. Geschieht es bei Tage, so wird es so viel gelten wie die
Freilassung eines Sklaven. Und um Mitternacht wird es belohnt werden
wie die Opferung eines Kamels.«
Der Zuhörer erzählte diese Rede, als er heimgekommen war, seiner Frau.
Die Nacht kam und sie legten sich mitsammen nieder, und schon fühlte
sich die Frau vom Verlangen gepackt. »Komm,« sagte sie zu ihrem Manne,
»wir wollen den Lohn gewinnen, der für den Beginn der Nacht festgesetzt
ist.« »Meinetwegen,« sagte der Mann; und er befriedigte sie.
Um Mitternacht fühlte sie sich wieder aufgelegt und sagte zum Manne:
»Wach auf, Mann, damit wir den Vorteil der Opferung eines Kamels
erwerben.« Der Mann ermunterte sich und stillte ihr Begehren von neuem.
Als der Morgen anbrach, sagte sie, noch immer stark erregt: »Auf, Mann;
wir wollen den Preis gewinnen, der für die Freilassung eines Sklaven
gilt.«
Aber nun sagte der Mann: »Gewinne ihn dadurch, daß du zuerst mich
freiläßt, der ich ja dein Sklave bin.«
196.
Eines Tages pflückte Mewlana Dschami[95] in seinem Garten Pfirsiche,
als der Sultan Husejn Bähadur zu ihm kam, begleitet von einem
Kämmerling und seinem jungen Liebling Tschokdar. In diesem Augenblicke
hatte Mewlana Dschami vier Pfirsiche in der Hand; davon bot er sofort
einen dem Padischah an, einen dem Kämmerling und zwei Tschokdar.
Nun sagte der Sultan: »Warum hast du uns zweien jedem nur einen
Pfirsich gegeben, dem Knaben aber zwei?«
»Ich habe ihm nur einen gegeben,« antwortete Mewlana Dschami; »der
andere ist nur geborgt[96].«
197.
Ein Narr gab sich für einen Propheten aus; er wurde festgenommen und
vor den Sultan geführt. Der Sultan verhörte ihn in Gegenwart des Kadis
und sagte dann zu diesem: »Der Mensch da ist von einer abgeschmackten
Anmaßung; was soll mit ihm nach dem Worte Gottes geschehn?«
Der Kadi antwortete: »Wenn er hartnäckig bei seiner Behauptung bleibt
und sich sie zu widerrufen weigert, soll er zum Tode verurteilt
werden.«
Nun sagte der Sultan zu dem Angeklagten: »Da du sagst, du seist ein
Prophet, so laß uns ein Wunder sehn.«
Der angebliche Prophet antwortete: »Man bringe mir einen scharfen
Säbel.«
»Was willst du damit?«
»Dem Kadi den Kopf abschlagen; dann werde ich ihn vom Tode erwecken.«
Den Kadi erfaßte ein ungeheuerer Schrecken und er begriff die Absicht
des Propheten; er verlor den Kopf und schrie: »Ach, Freund, ich bekehre
mich als der erste zu deiner Lehre; nimm mich auf in die Zahl der
Stifter.«
198.
Wieder einmal gab sich einer für einen Propheten aus; er wurde vor den
Padischah geführt und der fragte ihn: »Ist es wahr, daß du Anspruch auf
die Würde eines Propheten erhebst?«
»Ja,« antwortete der Narr.
»Gut,« fuhr der Sultan fort; »laß uns ein Wunder sehn.«
»Sag mir, was du wünschest.«
In diesem Augenblicke brachte ein Diener dem Herrscher ein Schloß, daß
man mit elf Schlüsseln nicht hatte aufsperren können; sofort sagte der
Sultan zu dem Angeklagten: »Gut; sperre uns dies Schloß ohne Schlüssel
auf.«
»Habe ich mich«, sagte der Wahnwitzige, »einen Propheten genannt oder
einen Schlosser?«
199.
Man erzählt, daß ein Muselman, der sein ganzes Leben lang die
Vorschriften Mohammeds beobachtet gehabt hat, auf einmal im Ramasan
mit den Juden gegessen hat. Er sagte, er habe sich zu ihrem Glauben
bekehrt; aber im Bairam sagte er zu ihnen, er sei nicht mehr ihr
Glaubensgenosse. Da schrien die Juden: »Was soll das heißen? bist du
nicht einer der unsern?«
»Was?« schrie der Bekehrte; »ich war dreißig Jahre im moslimischen
Glauben, ohne ein richtiger Mohammedaner werden zu können, und ein Jude
sollte ich werden können in dreißig Tagen? Das ist unmöglich.«
200.
Zu Nasreddin, dem Hodscha, kam einmal einer und bat ihn, ihn zu
beherbergen. Nun herrschte beim Hodscha eine solche Dürftigkeit, daß
sogar die Mäuse vor Hunger ausgerissen waren. Als die Nacht kam,
richtete der Reisende an den Hodscha die Frage, wo sie sich nach dem
Abendessen schlafen legen würden. Der Hodscha antwortete: »Gegessen
haben wir schon, bevor du gekommen bist; willst du dich jetzt
niederlegen?«
Der Fremde lag noch nicht lange, als er den Hodscha anrief und sagte:
»Gib mir eine Decke; mich friert sehr.«
Nasreddin antwortete: »Habe ich denn eine, die ich dir geben könnte? es
ist übrigens nicht so kalt, daß du zittern könntest.«
»Schon gut,« antwortete der Fremde, nachdem er einen Augenblick
gezögert hatte.
Aber der Hodscha begann zu überlegen; schließlich sagte er: »Ich habe
eine Leiter; willst du sie?«
»Bring sie meinetwegen; es liegt ja nichts daran.«
Der Hodscha brachte die Leiter und legte sie auf ihn. Aber bald
sagte der Gast, dem noch immer nicht recht warm werden wollte: »Denk
ein wenig nach; vielleicht hast du doch noch etwas, was du mir geben
könntest.«
Nach einem Augenblicke schrie der Hodscha: »Du hast recht; ich habe
noch einen Trog: was sagst du dazu?«
»Bring ihn immerhin.«
Nasreddin holte den Trog, der noch ganz voll Wasser war, und setzte ihn
auf die Leiter. Als sich aber der Gast, den das Gewicht der zwei Dinge
drückte, umdrehn wollte, kippte der Trog um und goß seinen Inhalt aus.
Der also überschwemmte rief den Hodscha von neuem an und schrie: »Nimm
die Decken weg; ich bin schon ganz naß.«
201.
Auf einer Reise, die er, um etwas zu lernen, unternommen hatte, kam
der Hodscha einmal in ein Land, dessen Bewohner den Brauch hatten, auf
ihren Häusern für jeden Krug voll Gold, den sie besaßen, je eine Fahne
aufzuziehen; man sah also Häuser mit einer, zwei, drei, vier und fünf
Fahnen. Nachdem der Hodscha dort ein Jahr lang gelebt hatte, füllte er
mehrere Töpfe mit Kieseln und pflanzte für jeden eine Fahne auf. Nun
war es weiter in diesem Lande Sitte, daß im Bairam einer den andern
einlud, und so kam die Reihe auch an den Hodscha. Nach dem Mahle ging
man ins Bad; seine Gäste bemerkten die Töpfe, fanden sie aber alle voll
Kiesel. Und sie sagten zu ihm: »Aber Hodscha, da sind ja nur Steine
drinnen?«
»Ob es Gold ist,« antwortete der Hodscha, »oder Steine, das läuft auf
dasselbe hinaus, wenn es nur dazu da ist, um in den Töpfen zu bleiben.«
202.
In der Fastenzeit des Bairams wurde ein Kalender gefragt: »An welchen
Tagen in diesem Monat ißt man und an welchen nicht?«
Scheinheilig antwortete er: »Ich weiß es nicht, an welchem Tage man
fastet; denn ich esse nur einmal im Monat.«
203.
Ein Arzt fühlte einem Kalender den Puls; der Kalender war aber gewohnt,
dieses einschläfernde Mittel, das Bhang heißt, zu gebrauchen. Der Arzt
erkannte leicht, daß seine ganze Krankheit nur der Hunger war; drum
ließ er alsbald eine Schüssel Pilaf bereiten und setzte sie dem armen
Teufel vor.
Nachdem der alles aufgegessen hatte, schrie er: »O du gütiger Arzt,
ich kenne noch zwanzig andere Kalender, die an derselben Krankheit
leiden wie ich; ich will sie dir bringen und du kannst an ihnen die
Wirksamkeit deiner Arznei versuchen.«
204.
Eines Tages kam ein Arzt auf seinem Wege an einer Begräbnisstätte
vorbei; alsbald schloß er die Augen. Sein Sohn fragte ihn: »Warum tust
du so?«
Der Arzt antwortete: »Ich will es vermeiden, die zu sehn, die hier
sind; denn hier sind die begraben, die an meinen Tränkchen gestorben
sind.«
205.
Der Hodscha war zum Lehrer und Hofmeister des Sohnes des Königs
bestellt worden. Nun empfahl er sich bei dem Prinzen regelmäßig, wann
zum Mittagsgebete gerufen wurde. Einmal aber fuhr der Hodscha trotz
diesem Rufe mit der Brille auf der Nase fort zu lesen; da sagte der
Prinz: »Es ist das Zeichen zum Gebete gegeben worden; wir sind jetzt
frei.«
Der Hodscha antwortete: »Ich habe es nicht gehört.«
»Wenn das so ist,« sagte der Prinz, »dann hättest du die Brille über
die Ohren nehmen sollen statt über die Augen.«
206.
Eines Tages wurde ein junger Geck, Desdar Oglu mit Namen, von einem
reichen Manne zu Tische geladen. Es wurde aber weder Pilaf, noch
Fleisch aufgetragen, sondern nur eine Suppe, bei der man mit dem Reis
sehr sparsam umgegangen war; und der Geck fragte recht unschicklich:
»Was für eine Suppe ist das?«
Darauf antwortete ihm einer: »Der Herr pflegt wohl häufig auf die Jagd
zu gehn? Hunde hat er ja genug.«
»Freilich,« antwortete Desdar Oglu, »ich habe mehr als ich brauchte:
der eine jagt das Rebhuhn, der andere die Wachtel, ein dritter das
Haselhuhn.«
Und der Schalk sagte weiter: »Da fehlt dir noch immer einer.«
»Welcher?« »Einer, der in dieser Suppe Reis aufspüren würde.«
207.
Der Hodscha kam heim und sagte zu seiner Frau: »Koch uns heute einen
Pilaf, damit wir uns wohl gesättigt schlafen legen können; heute fühle
ich mich einmal frei von aller Traurigkeit.«
Die Frau kochte den Pilaf; sie aßen ihn und gingen zu Bette. Kaum lagen
sie aber, als an die Tür gepocht wurde. Der Hodscha sagte zu seiner
Frau: »Geh, sieh nach, wer es ist.«
Die Frau ging zur Tür und sagte: »Wer ist da?«
»Meine Eselin hat geworfen,« sagte ein Nachbar; »aber das Junge hat
weder Schwanz noch Ohren.«
Nun fragte der Hodscha: »Was gibts denn?« und die Frau antwortete: »Uns
geht es eigentlich nichts an; der Nachbar ist da: seine Eselin hat ein
Junges ohne Schwanz und Ohren geworfen.«
Darauf sagte der Hodscha: »Ich kann nicht mehr liegen bleiben; meine
Ruhe ist weg.«
»Was beschäftigt dich denn so sehr?«
»Wenn dieser Esel«, sagte der Hodscha, »zwei oder drei Jahre alt wird,
und man führt ihn ins Holz, und wenn dann der Weg kotig ist, wo soll
denn der Dreck an ihm haften bleiben, ohne Schwanz und Ohren, wie er
ist? Das bringt mich um meine Ruhe; stehn wir auf, Weib.«
208.
Der Hodscha ging einmal an den Rand eines Baches und befriedigte ein
gewisses Bedürfnis; dann sah er, wie das, dessen er sich entledigt
hatte, wegschwamm. Da schrie er: »Das Ende der Welt kommt heran und
darüber kann es keinen Zweifel geben; denn das unreine Ding da lehrt
uns schwimmen und über das Wasser zu setzen.«
209.
Der Hodscha wurde gefragt: »Wann wird denn der Tag des Tumultes, der
geweissagt ist, kommen?«
»Von welchem Tumult sprecht ihr?« antwortete der Hodscha; »von dem
großen oder von dem kleinen?«
»Was heißt das, der große und der kleine?«