»Nun, meine Herren, es ist zu befürchten, daß euere Kamele, die noch

nie ein Gebirge gesehn haben, erschrecken und an den Baum anlaufen, auf

dem ich bin, und mich also herunterwerfen.«

152.

Man erzählt, daß Tamerlan einmal in die Nähe der Stadt kam, wo der

Hodscha lebte. Die Einwohner versammelten sich, gingen zum Hodscha und

baten ihn, Tamerlan davon abzuhalten, daß er durch ihre Stadt ziehe.

Auf der Stelle machte sich der Hodscha einen Turban von der Größe eines

Wagenrades, stieg auf seinen Esel und ritt Tamerlan entgegen. Er traf

ihn, und der wunderte sich sehr über diesen Anblick und sagte: »Was ist

das für ein Turban, Hodscha?«

Der Hodscha antwortete: »Das ist meine Nachtmütze. Entschuldige mich,

daß ich damit gekommen bin; aber der Turban, den ich sonst bei Tage

trage, kommt hinten auf einem Wagen nach.«

Erschrocken über die seltsame und ungeheuere Kopfbedeckung der Bewohner

zog Tamerlan nicht durch die Stadt.

153.

Eines Tages forderte der Bei Tamerlan den Hodscha dringend auf, etwas

auf der Baßlaute zu spielen; und er sagte: »Wir wollen dir zuhören.«

Man brachte die Laute. Der Hodscha widerstand nicht mehr dem Drängen

des Beis und nahm die Laute; aber er kniff nur eine Saite einmal

und hielt inne. Da sagten sie zu ihm: »Warum spielst du nicht mehr,

Hodscha?«

»Es summt eine Mücke,« antwortete er, »und der Lärm würde den Klang der

Laute ersticken.«

154.

Auf einer Reise kam der Hodscha in eine Stadt; er war gerade

außerordentlich hungrig. Kaum hatte er sie betreten, so fragte man ihn

um seinen Beruf und er sagte: »Ich bin ein Arzt.«

»Da du ein Arzt bist, so komm mit uns; wir führen dich zu dem Sohne des

Beis, der krank ist.« Der Hodscha erwiderte: »Sehr gut.«

Sie gingen mit ihm zum Bei; der behandelte ihn mit Ehrerbietung und

fragte ihn: »Was verordnest du meinem Sohne?«

»Gibts hier ein wenig Brot, Butter und Honig?«

»Jawohl.«

»Man bringe es,« sagte der Hodscha; »ich will mit einer ärztlichen

Beschwörung beginnen und in der Folge ein vortreffliches Heilmittel

herstellen.«

Alles, was er gesagt hatte, wurde gebracht. Sofort mischte er die

Butter und den Honig zusammen; um dann die Wirkung dieser kräftigen

Arznei zu versuchen, begann er davon zu essen. Einen Augenblick darauf

hörte er innen im Harem sagen: »Arzt, was machst du nur? das Kind ist

gestorben.«

»Wir wären schon alle zwei tot,« antwortete er, »wenn ich nicht jetzt

gegessen hätte.«

155.

Der Hodscha reiste einmal in der Welt herum und kam so in eine gewisse

Stadt. Er fiel dort den Leuten auf, und sie fragten ihn um seinen

Beruf. »Mit der Erlaubnis Gottes«, sagte er, »erwecke ich die Toten.«

Sie glaubten ihm; sie gaben ihm eine Frau und ließen es ihm nicht an

Speise und Trank fehlen und so lebte er vergnügt etwa ein Jahr.

Nun geschah es mit Gottes Willen, daß in der Stadt einer starb; es war

ein Weber. Die Leute liefen zum Hodscha und sagten zu ihm: »Komm ihn

erwecken.« Er ging hin, stellte sich dem Toten zu Häupten und sagte:

»Was war dieser Mann?« Die um ihn antworteten: »Ein Weber.«

»O weh,« sagte der Hodscha, »mit dem steht es schlimm.«

»Wieso denn?«

»Ach, die Weber kann man nicht vom Tode erwecken.«

»Warum?«

Und der Hodscha antwortete: »Solange der da am Leben war, hatte er

schon die Beine in einer Grube; natürlich war es sein Los, einmal den

Beinen folgen zu müssen.«

156.

In einer Gesellschaft kam einmal ein Hafis an einem geringern Platze

als der Hodscha zu sitzen und das mißfiel ihm sehr; und er sagte zum

Hodscha: »Wenn das Buch der Bücher und ein andres Buch an derselben

Stelle liegen sollen, welches legt man oben, den Koran oder das andere?«

Der Hodscha merkte die Absicht des Hafis und antwortete: »Man legt

natürlich das heilige Buch über das andere, aber nicht über seine

eigene Hülle.«

Diese Worte ließen den Hafis verstummen[83].

157.

Drei Leute reisten einmal in die ehrwürdige Stadt Mekka; einer

war aus Siwri-Hissar, der andere aus Mers-Hum und der dritte aus

Tasch-Gwetscher. Auf dem Heimwege von der ehrwürdigen Stadt Mekka

sagte nun der aus Siwri-Hissar, um das Verdienst seiner Pilgerfahrt

zu vergrößern: »Mein Knecht Koch-Kadem, der in meinem Hause und mein

Eigentum ist, soll frei sein!« Der aus Mers-Hum sagte: »Meine Sklavin

Benefscheh, die in meinem Hause und mein Eigentum ist, soll frei sein!«

Nun rief der aus Tasch-Gwetscher, ein tölpischer Bauer, der dümmer als

die zwei andern war: »Was reden diese Schufte? In meinem Hause gibts

keinen Knecht Koch-Kadem und keine Sklavin Benefscheh; aber dafür soll

die Mutter meines Sohnes Jakub von mir geschieden sein: zum ersten, zum

zweiten und zum dritten Male, sie sei frei!«

Da hat man also eine hübsche Probe, wie sich ein türkischer

Bauerntölpel bewährt hat, um nicht hinter seinen Freunden

zurückzubleiben.

158.

Eines Tages kochte seine Mutter große und kleine Fische und der Hodscha

beobachtete alles durch ein Loch in der Tür. Und seine Mutter sagte zu

seinem Vater: »Jetzt wird bald der Hodscha da sein. Verstecken wir die

großen Fische unterm Bett, und setzen wir die kleinen zum Essen auf den

Tisch; wenn er dann fort ist, holen wir die großen hervor und essen

sie.«

In diesem Augenblicke trat der Hodscha ein und man sagte zu ihm: »Komm,

Sohn, wir wollen Fische essen.«

Die kleinen Fische wurden aufgetragen; sofort nahm der Hodscha einen

und hielt ihn an sein Ohr. Da sagte sein Vater: »Aber Sohn, was machst

du denn da?«

Der Hodscha antwortete: »Ich frage den Fisch.«

»Worum?«

»Ich habe von ihm erfahren wollen, was für ein Fisch das war, von dem

Jonas verschluckt worden ist; aber er hat mir geantwortet: ›Ich weiß

das nicht; unter dem Bett dort sind größere, die mußt du fragen.‹«

159.

Man erzählt, daß einmal der Hodscha mit seinen Freunden Verstecken

gespielt hat, und alle haben sie sich an verschiedenen Orten versteckt.

Der Hodscha aber verließ Akschehir, lief bis Konia und versteckte sich

dort in einem Minaret, und seine Freunde bekamen ihn mehrere Tage nicht

zu sehn. Seine Gattin und seine Familie schrien allenthalben: »Hodscha,

wo bist du?« Es verging Tag um Tag und man hatte ihn schon in der

ganzen Umgebung gesucht, als von ungefähr eine Karawane aus Konia in

Akschehir eintraf. Man fragte die Leute der Karawane, ob sie etwas vom

Hodscha wüßten, und die antworteten: »Er ist in Konia; wir haben ihn

dort gesehn.«

Daraufhin wurden etliche Männer nach Konia geschickt; sie kamen dort an

und suchten den Hodscha überall. Der aber rief sie vom Minaret herab an

und schrie: »Her mit dem Geld! ich habe gewonnen!«

Die Männer trauten ihren Ohren nicht, bis er endlich herunterkam.

160.

Eines Tages ging der Hodscha aufs Feld, um zu mähen. Als die Nacht

einfiel, hörte er auf und ging heim. Seine Frau sagte zu ihm: »Hast du

heute viel gemäht?«

Der Hodscha anwortete: »Ich habe noch bis morgen Mittag zu tun.«

Sie sagte: »Setz doch dazu ›Inscha Allah‹[84].«

Der Hodscha antwortete: »Wenn ich seinen Namen nicht anrufe, werde ich

auch nicht weniger fertig bringen.«

Am Morgen nahm er seine Sichel und ging aufs Feld. Auf dem Wege traf er

etliche Reiter, und die zwangen ihn, ihnen vorauszugehn und ihnen den

Führer zu machen; erst am Abende schickten sie ihn zurück. Der Hodscha

lief, was er nur konnte, und es war Mitternacht, als er zu Hause ankam

und an die Tür pochte. Seine Frau ging hin und fragte: »Wer pocht um

diese Stunde?«

»Ich bins,« antwortete der Hodscha, »ich bins, inscha Allah; mach auf.«

161.

Seine Frau sagte einmal zum Hodscha: »Schenk mir ein Kopftuch aus roter

Seide.« Der Hodscha streckte beide Arme aus und sagte: »Ist es so lang

genug? reicht diese Länge?«

Er ging also auf den Markt und hielt auf dem Wege immerfort die Arme

ausgebreitet; und als ihm einer entgegenkam, schrie er ihn an: »Gib

acht, wo du gehst! Du wirst schuld daran sein, wenn ich mein Maß

verliere.«

162.

Der Hodscha war einmal in Gesellschaft eines andern auf der Reise.

Von ungefähr kam ihnen ein Reiter entgegen; der wandte sich an den

Begleiter des Hodschas und sagte zu ihm: »Du mußt mit mir gehn und mir

den Weg zeigen.«

Der antwortete: »Ich bin der Knecht und Sklave desunddes Herrn.« Und so

half er sich durch.

Der Reiter sprach nun den Hodscha an und sagte zu ihm: »Dann mußt du

mit mir gehn und mein Führer sein.«

Aber der Hodscha erwiderte: »Ich bin ein Diener und Sklave des

Allerhöchsten.« Kaum hatte er jedoch diese Worte herausgebracht, als

der Fremde mit seiner Peitsche zum Schlage ausholte. Der arme Hodscha

versuchte nicht weiter, Widerstand zu leisten, sondern begann neben dem

Pferde herzuschreiten und den Reiter zu führen.

Wie er so dahinschritt, sprach er bei sich selber: »Wie ist denn das

möglich, daß es der Schöpfer zuläßt, daß sich mein Gesell aus der

Verlegenheit zieht, indem er angibt, er sei der Knecht eines winzigen

Sterblichen, während es mir nichts nützt, daß ich sage, ich sei der

Sklave des Allerhöchsten?«

Solcher Art waren seine Gedanken, als er plötzlich einen Lärm hinter

sich hörte, dem ein mächtiger Schrei folgte. Erschrocken fragte er

sich, was das sein könne; da sah er, daß der Reiter, den er führte, von

dem Pferde gefallen war und tot hingestreckt daneben lag.

So lautet der echte Bericht der Freunde des Hodschas; welche Lehre man

daraus ziehen kann, ist leicht zu sehn.

163.

Als der Hodscha eines Tages ins Gebirge ging, um Holz zu schneiden,

nahm er eine Melone mit. Wie er nun so dahinging, entwischte ihm die

Melone aus dem Arme und rollte in ein Tal hinab. Dort schlief ein Hase;

der erschrak über die Melone und lief davon.

»Da habe ich eine schöne Dummheit gemacht,« sagte der Hodscha, als

er den Hasen sah; »die Melone war trächtig, und es wäre sicher ein

Maulesel geworden.«

Damit entfernte er sich und machte sich unverzüglich ans Holzschneiden.

Als er dann heimkehrte, erzählte er seiner Frau sein Abenteuer.

Sie schrie: »O weh, Mann, du hättest ihn fangen und herbringen sollen,

um auf ihm in den Garten zu reiten!«

Aber der Hodscha hatte schon einen Stock in der Hand und sagte: »Steig

herunter; er ist noch zu jung. Du wirst ihm die Rippen brechen.«

164.

Man erzählt, daß der Hodscha einmal auf dem Rücken ein Geschwür

bekommen hat. Er sagte es seiner Tochter und bat sie, es anzusehn.

»Vater,« sagte sie, »es wird schwarz.«

Am nächsten Tage zeigte er es seiner Frau und die sagte: »Es wird weiß,

Mann.«

Der Hodscha sagte: »Ich verwundere mich, daß es schon vergehn will. Ich

weiß nicht, wie es in Wahrheit damit steht.«

Man sagt, daß davon seither das Sprichwort geblieben ist, das die ganze

Welt kennt.

165.

Eines Tages sagte sein Sohn zum Hodscha: »Bei uns zu Hause ist etwas

wie ein Mann in dem großen Topf mit Pikmes[85].«

Der Hodscha schüttete den Topf aus und verschmierte mit dem Pikmes alle

Löcher, die sich im Fußboden des Hauses fanden. Als er dann seinen Mann

suchte, sah er in jedem Loche sein Bild, als ob überall Leute wären.

Da nahm er seinen Säbel, stellte sich an der Tür auf und rief: »Wenn

ihr keine Memmen seid, werdet ihr nur einer nach dem andern auf mich

losgehn.«

166.

Einmal kam ein Mann zum Hodscha und sagte zu ihm: »Hodscha, dein Sohn

ist vom Esel gefallen; er hat den Geist aufgegeben.« Auf diese Worte

hin versank Nasreddin für einen Augenblick in tiefes Grübeln, so daß er

gefragt wurde: »Was macht dich denn so nachdenklich, Hodscha?«

»Ich habe darüber nachgedacht,« antwortete er, »daß ja mein Sohn

Adschib niemals einen Geist gehabt hat; wie hat er ihn dann aufgeben

können?«

167.

Ebenso erzählt man, daß einmal ein Arzt zu einem Kranken gerufen worden

ist; er hat ihm den Puls gefühlt und gesagt: »Ich vermute, daß du etwas

Huhn gegessen hast. Das ist schlecht; nimm dich in acht und iß es nicht

mehr.«

Der Kranke sagte: »Es ist wahr; ich habe etwas Huhn gegessen.«

Hochverwundert bezeugten die Anwesenden ihre Befriedigung. Als dann der

Arzt das Haus verlassen hatte, sagte sein Sohn zu ihm: »Vater, macht

das nur die Wissenschaft, daß du das gewußt hast?«

Der Arzt antwortete: »Ursprünglich habe ich es durch die Wissenschaft

erkannt, erhärtet durch mehr als eine Beobachtung. Obwohl ich es

aber ursprünglich nur durch die Wissenschaft erkannt habe, sowohl

aus dem Klopfen des Pulses, als auch durch andere Anzeichen, die ich

beobachtete, habe ich überdies, als wir in die Nähe des Hauses kamen,

Hühnerfedern und Obstschalen bemerkt und habe daraus geschlossen und

die Diagnose abgeleitet, daß der Mann davon erkrankt ist, daß er das

alles auf einem Sitz gegessen hat.«

Diese Worte des Vaters gruben sich dem Sohne ins Gedächtnis. Nun

geschah es, daß man sich einer Krankheit halber, da der Vater nicht zu

Hause war, an den Sohn wandte; der sah, als er zu dem Kranken ging,

in der ganzen Umgebung des Hauses herum, bemerkte aber nichts andres

als einen Eselssattel. Er trat zu dem Kranken, fühlte ihm den Puls und

sagte, mit dem Kopfe wackelnd: »Oweh oweh, du hast heute Eselsfleisch

gegessen. Das ist schlecht; iß es nicht mehr, es macht für die

Krankheit empfänglich.«

»Aber Arzt,« schrie der Kranke, »du redest einen Unsinn. Kein Mensch

ißt Eselsfleisch; mich ekelts ja davor.«

Nach diesen Worten geleiteten die Anwesenden den Sohn des Arztes

höflich zur Tür.

168.

Als die Frau des Hodschas eines Tages Bulgur[86] gekocht, Tarkhaneh[87]

bereitet und die Kuh gemolken hatte, kam es zwischen ihr und dem

Hodscha zu Zärtlichkeiten, so daß sie ins Bad gehn mußte; drum sagte

sie zum Hodscha: »Hodscha, während ich im Bad bin, gib du acht auf das

Kind in der Wiege und sieh zu, daß nicht die Vögel den Bulgur fressen;

schlage Butter und quetsche in der Mühle noch etwas Bulgur, weil wir

dann Pilaf[88] essen wollen.«

Fürs erste nahm der Hodscha eine Mütze, die mit Schellen behängt war,

und band sie sich auf den Kopf; dann befestigte er den Butterschlägel

und die Wiege an seinem Rücken, und vor sich stellte er die Mühle,

die er drehen sollte. Indem er nun den Kopf vorwärts und rückwärts

warf, schaukelte er die Wiege und schlug Butter, hielt aber zugleich

damit durch das Schellengeklingel die Vögel ab, den Bulgur zu

fressen. Während nun der Hodscha also den Bulgur bewachte, die

Mühle drehte, Butter schlug und an zwei oder drei Dingen auf einmal

arbeitete, erwachte das Kind und begann in seiner Wiege zu weinen. Der

Hodscha sah, daß es sich beim Wiegen nicht beruhigte, und sah sich

daher gezwungen, es aus der Wiege zu nehmen. Er spreizte die Beine

auseinander, setzte es dazwischen hinein, nahm ein gewisses Glied

heraus und gab es ihm als Spielzeug in die Hand. Das Kind spielte auch

wirklich damit, während der Hodscha fortfuhr, sich völlig seiner Arbeit

zu widmen.

Unterdessen kamen etliche Frauen auf ihrem Wege durch diese Straße; als

sie bei dem Hause waren, wo der Hodscha mit seinen Schellen, seiner

Mühle und seiner Milch arbeitete, sagten sie: »Gehn wir schauen, wie

sichs der Hodscha eingerichtet hat.« Sie überschritten die Schwelle und

gingen weiter ins Innere; und sie fragten den Hodscha: »Warum hast du

Schellen an der Mütze?«

»Damit die Vögel nicht zum Bulgur kommen.«

»Und warum hast du das am Rücken?«

»Seht ihr denn nicht, meine Schönen, daß das der Schlägel ist, womit

ich Butter schlage?«

»Und was hast du vor dir?«

»Das ist die Mühle, mit der ich den Bulgur quetsche.«

»Und warum liegt das Kind nicht in seiner Wiege?«

»Es weinte, und da habe ich es herausgenommen.«

Nun merkten sie erst, was für ein Spielzeug das Kind in den Händen

hielt, und da sagten sie: »Aber Hodscha, schämst du dich denn nicht?

warum gibst du ihm denn den in die Hand?«

Und der Hodscha antwortete: »Ihr naseweisen Dinger, die ihr seid! kommt

nur mit mir in einen Winkel; da werden wir schon sehn, welche Hand die

erste sein wird, die ihn herausnimmt.«

169.

Einmal traf der Sultan Alaeddin Vorkehrungen zu einem Feste, das er den

ausgezeichnetsten Männern geben wollte; selbstverständlich lud er auch

den Hodscha ein, und dieser erschien in der Begleitung seines Amads.

Der Sultan empfing ihn mit Höflichkeit und Ehren und bot ihm einen

Apfel, den er in der Hand hielt. Der Hodscha nahm ihn an und machte

sich ohne weiters daran, hineinzubeißen. Da nahm der Amad den Hodscha

beiseite und sagte zu ihm: »Pfui Hodscha, wie kannst du einen solchen

Verstoß begehn? Wenn einem ein Sultan einen Apfel gibt, so ißt man ihn

nicht augenblicklich in seiner Gegenwart.«

Der Hodscha fragte noch: »Ist es also nicht anständig, vor ihm zu

essen?« und der Amad antwortete ihm: »Nein; man muß es in seinen Busen

stecken.«

Nun wurde der Tisch bestellt und der Sultan ließ den Hodscha an

seiner Seite sitzen. Als man dann den Gästen einen Hasen vorsetzte,

der mit Joghurt übergossen war, nahm der Sultan, um dem Hodscha eine

Höflichkeit zu erzeigen, etwas Joghurt und legte einen Hasenlauf

darüber und legte das ganze dem Hodscha vor.

Ohne zu zaudern, packte der Hodscha das ihm dargebotene und schüttete

es in seinen Busen.

Als das der Sultan sah, sagte er: »Aber Hodscha, warum tust du das? das

ist eine grobe Unschicklichkeit.«

»Sultan,« antwortete der Hodscha, »ich habe mich nach dem gehalten, was

mir mein Amad gesagt hat, daß man nämlich hier nicht essen soll.«

170.

Eines Tages brauchte der Hodscha einen gerichtlichen Bescheid. Er

füllte einen Krug mit Erde und gab darüber eine dünne Schicht Honig;

damit ging er zum Gerichte den Kadi aufsuchen und erhielt leicht den

gewünschten Bescheid. Als der Kadi am Abende heimgekehrt war, schöpfte

er ein paar Löffel Honig aus dem Kruge; da kam denn die Erde zum

Vorscheine. Darum schickte er, kaum daß es Morgen geworden war, einen

Gerichtsdiener zum Hodscha: »Geh schnell zu ihm: wir haben ihm gestern

einen Bescheid gegeben, bei dem ein Irrtum unterlaufen ist; bring ihn

zurück und wir werden ihm einen andern schreiben.« Der Diener lief zum

Hodscha und pochte an die Tür; der Hodscha kam heraus und der Diener

des Kadis bestellte seine Botschaft.

Und der Hodscha antwortete: »Bei aller schuldigen Ehrfurcht vor dem

gestrengen Herrn Kadi habe ich doch den Bescheid vollständig in Ordnung

gefunden; wenn aber schon ein Irrtum unterlaufen ist, so kann das

nirgends sonst geschehn sein als beim Honig.«

171.

Eines Tages hatte der Hodscha einen Streit mit einem andern, und sie

gingen zum Richter. Dem machte der Hodscha ein Zeichen, indem er

die Hand in seinen Busen steckte, und so geschahs, daß der Hodscha

Recht bekam. Als dann sein Gegner weg war, wandte sich der Richter zu

Nasreddin und sagte zu ihm: »So, jetzt gib her, was du mir versprochen

hast.«

Aber der Hodscha antwortete: »Ich habe dir kein Zeichen gemacht, daß

ich dir etwas schenken würde; ich habe dir nur sagen wollen, daß ich

dir, wenn du mir Unrecht gäbest, den Schädel einschlagen würde mit den

Steinen, die ich im Busen habe.«

172.

Als der Hodscha einmal ins Bad kam, traf er dort einen Bekannten, und

der hatte nichts eiliger zu tun, als ihm einen Schlag ins Genick zu

geben. Der Hodscha kehrte sich um und sah niemand sonst als diesen

Bekannten. Augenblicklich verließ er das Bad und schleppte den Menschen

vor den Kadi; und zu dem sagte er: »Effendi, ich klage wider den da; er

hat mir einen groben Schimpf angetan.«

Der Angeklagte war aber ein Freund des Kadis; und er sagte zu ihm:

»Untersuche, ob der Mann Recht hat; wir wollen hören, was er darlegen

wird.«

Und der Hodscha fuhr fort: »Dieser schlechte Kerl hat mir einen Schlag

gegeben.«

Der Kadi sagte: »Für einen Schlag ist die Buße ein Pul[89]. Ich fälle

gegen diesen Mann das Urteil, daß er dir einen Pul geben soll.«

Der Gegner des Hodschas suchte nach, hatte aber keinen Pul bei sich;

er ging einen holen, blieb jedoch eine geraume Zeit aus. Der Hodscha

wartete und wartete, bis er endlich ungeduldig wurde. Da bemerkte er,

daß der Kadi, der eben mit schreiben beschäftigt war, den Kopf gesenkt

hielt; unverzüglich versetzte er ihm einen Schlag ins Genick.

»Aber Hodscha,« schrie der Kadi, »was soll das heißen?«

Und der Hodscha antwortete: »Mir ist nichts andres übrig geblieben;

der Mensch kommt nicht, und ich habe dringend zu tun. Wann er

wiederkommt, so laß dir den Pul von ihm geben und behalte ihn für dich.«

Mit diesen Worten ging der Hodscha in aller Unbefangenheit hinweg.

173.

Zu der Zeit, wo der Hodscha Kadi war, kamen eines Tages ein Mann und

eine Frau vor Gericht, und die Frau sagte: »Effendi, dieser Mann ist

ein Teufel; er hat mich genommen und geküßt. Ich will mein Recht haben,

mein unverbrüchliches Recht.«

Der Hodscha sagte: »Na, was werden wir denn da tun? Ein Kuß von dir

wird den andern ausgleichen.«

174.

Eines Tages schnitt der Hodscha im Gebirge Holz, und während er

damit beschäftigt war, fraßen ihm die Wölfe seinen Esel. Als er nun

ganz bekümmert ins Dorf zurückging, sah er einige Bauernkinder, die

spielten; und er fragte sie: »Sagt, Kinder, spricht man im Dorfe davon,

daß der Esel des Hodschas im Gebirge von Wölfen gefressen worden ist?«

»Nein,« sagten die Kinder, »das sagt man nicht.«

Und der Hodscha sagte: »O gäbe doch der Allmächtige, daß euere Worte

wahr seien, daß euere Rede richtig sei!«

175.

Eines Tages ging der Hodscha ins Gebirge um Holz. An einer abschüssigen

Stelle fiel ihm ein Baum auf und er sagte sich: »Wenn ich den da

fällen kann, so brauche ich sonst keinen umzuschlagen.« Er begann

auch sofort damit, nachdem er den Strick seines Esels um den Baum

geschlungen hatte; als dann der Baum so ziemlich abgeschnitten war,

ließ er den Esel geradeaus abwärts laufen, aber der Esel fiel und brach

sich die Knochen. Als das der Hodscha sah, machte er sich voll Ärger

und Kummer auf den Heimweg. Seine Frau fragte ihn, da sie den Esel

nicht sah: »Was ist es denn mit dem Esel?«

Der Hodscha antwortete: »Ach, Weib, als ich ihn zuletzt gesehn habe,

ist er seinen Weg gegangen; seither weiß ich nichts mehr von ihm.«

176.

Eines Tages sah der Hodscha Nasreddin eine Windmühle. So etwas hatte er

noch nie gesehn, und so wandte er sich an einen Bauer mit der Frage:

»Wie nennt man denn das?«

»Eine Windmühle.«

Und der Hodscha fragte weiter: »Und wo ist denn dann das Wasser?«

»Es ist eine Windmühle.«

Und der Hodscha sagte: »Ich versteh dich schon, ich versteh dich schon;

du hast recht. Aber wo ist denn das Wasser?«

Auch diese Rede, die Tausenden von Leuten bekannt ist, ist zum

Sprichworte geworden.

177.

Der Hodscha hatte einmal einer Frau ihren Zwirnknäuel genommen, der

ganz klein war; die sagte jedoch: »Ich hatte sehr viel Zwirn; es war

beinahe ein Batman[90]. Aber man hat ihn mir gestohlen.«

Der Hodscha, der dabei war, als sie das sagte, konnte nicht an sich

halten; er zog den Zwirn hervor und sagte, ihn in der Hand haltend, zu

der Frau: »Nun pack dich aber; geh deine Schande verbergen.«

178.

Eines Tages begegnete der Hodscha, als er seine Straße zog, einem

Turkmanen, und der sagte zu ihm: »Was bist du? bist du ein Faki[91]?«

Der Hodscha antwortete: »Ja.«

»Wir haben jetzt keinen Faki in unsern Zelten; komm mit, und du sollst

sofort, wann du bei uns bist, unser Faki werden.«

Der Hodscha machte keine Einwendung, und so gingen sie miteinander. Auf

dem Wege trafen sie einen zweiten Turkmanen und der fragte den ersten:

»Wer ist das?«

»Das ist ein Faki und ich führe ihn in unsere Zelte.«

Da sagte der andere: »Geh, schenk mir den Faki; wir haben keinen in

unsern Zelten.«

Nun erhob sich ein Streit zwischen den zweien: der eine packte den

Hodscha bei der einen Hand, der andere bei der andern, und so zogen sie

ihn hin und her, bis endlich der später gekommene seine Keule aus dem

Gürtel riß und schrie: »Jetzt schlage ich den Faki nieder; wann er

dann tot ist, wirst ihn du ebenso wenig haben wie ich.«

Der Hodscha fiel vor Schrecken um, und wie er so dalag, sagte der

erste: »Wenn du ihn nicht erschlägst, so bekommst du meinen großen

schwarzen Hund; erschlägst du ihn, so bekommst du nichts.«

Heutzutage weiß man nicht, was Wissenschaft, Tüchtigkeit und

Geschicklichkeit in Wahrheit wert sind; man geht mit Leuten um, die

noch weniger verstehn als man selbst, und weiß nicht mehr, was das

Wissen wirklich bedeutet. Die Rede des ersten Turkmanen ist übrigens

zum Sprichworte geworden.

179.

Man erzählt, daß der Hodscha eines Tages vom Dache gefallen ist; und

seine Freunde sind gekommen, um sich um sein Befinden zu erkundigen.

Da fragte sie der Hodscha: »Ist unter euch einer, der auch vom Dache

gefallen ist?«

»Niemand,« antworteten sie.

Nun sagte der Hodscha: »Ihr betrachtet mich also nicht als euern

Kameraden.«

180.

Der Hodscha Nasreddin I. Band Türkische, arabische, berberische, maltesische, sizilianische, kalabrische, kroatische, serbische und griechische Märlein und Schwänke · 第 6 / 20 段