In der Zeit, wo der Hodscha Hatib[78] war, hatte er einen Streit mit

dem Unterbaschi[79], und der starb, bevor sie sich versöhnt gehabt

hätten. Als er nun begraben werden sollte, gingen die Leute zum Hodscha

und sagten zu ihm: »Komm ihm, Effendi, die Anweisung erteilen[80].«

Aber der Hodscha antwortete: »Das hat wenig Sinn; wer auf mich böse

ist, achtet nicht auf meine Reden.«

107.

Es saßen zweie ihren Häusern gegenüber in einer Bude und plauderten

miteinander; ihre Häuser stießen aneinander. Da kam ein Hund und machte

seinen Kot mitten in die Straße vor ihren Häusern. Der eine sagte: »Das

ist auf deiner Seite.« Der andere sagte: »Es ist näher bei dir; du

mußt es wegputzen.«

Der Streit wurde hitzig und sie gingen aufs Gericht; kaum waren sie

dort, so kam auch der Hodscha hin, der den Kadi besuchen wollte. Und

der Kadi sagte spöttisch zu ihm: »Hodscha, beschäftige du dich mit dem

Streitfalle dieser Leute.«

Der Hodscha fragte sie: »Ist euere Straße eine Heerstraße?«

Der eine antwortete: »Freilich ja.«

»Dann«, sagte der Hodscha, »lautet mein Spruch, daß es weder an dir,

noch an dir ist, den Kot wegzuputzen; das ist Sache des Kadis.«

108.

Eines Tages lief das Kalb des Hodschas brüllend bald hierhin, bald

dorthin. Alsbald packte der Hodscha seinen Stock und schlug auf die Kuh

los. Da sagten die Leute zu ihm: »Was hat denn die Kuh angestellt, daß

du sie schlägst?«

»An allem ist sie schuld,« antwortete der Hodscha; »wüßte denn das

Kalb, das erst jüngst zur Welt gekommen ist, überhaupt etwas, wenn sie

es nicht unterwiesen hätte?«

109.

Der Hodscha traf einmal, als er nach Derbend[81] ging, einen Schäfer;

der fragte ihn: »Bist du ein Gesetzeskundiger?«

»Jawohl.«

»Nun denn, paß auf: allen deinesgleichen habe ich eine Frage

vorgelegt; aber warte einen Augenblick, damit wir einig werden: wenn

du mir antworten kannst, so rede ich, wenn nicht, so sprechen wir gar

nicht davon.«

Der Hodscha sagte: »Was ist deine Frage?«

»Also: anfangs ist der Mond klein; vierzehn Tage später wird er so groß

wie ein Wagenrad, dann stirbt und verschwindet er. Hierauf kommt ein

neuer und mit dem geht es ebenso. Was geschieht denn nun eigentlich mit

den alten?«

Der Hodscha antwortete: »Das ist freilich eine schwierige Sache. Die

alten Monde werden zerbrochen und man macht Blitze daraus: hast du noch

nicht gesehn, wie sie, wann es donnert, zucken, ähnlich wie Schwerter?«

Der Schäfer anwortete: »Ausgezeichnet; du bist ein wahrer Weiser. Ich

bin ganz und gar deiner Meinung.«

110.

Als er einmal allein zu Hause war, grub der Hodscha ein Loch und

verscharrte dort die kleine Summe Geldes, die sein Vermögen ausmachte.

Dann ging er zur Tür, und dort sagte er sich: »Ich kenne den Platz;

ich könnte mich daher selber bestehlen.« Er nahm also sein Geld wieder

heraus und vergrub es an einer andern Stelle. Aber auch damit beruhigte

er sich nicht; er kam und ging und sagte immerfort: »Das ist auch noch

nicht das richtige.«

Nun war gegenüber von seinem Hause ein Hügel. Er ging in seinen Garten,

schnitt sich dort eine Stange, tat sein Geld in ein Säckchen, band das

oben an die Stange und pflanzte sie auf den Hügel. Dann stellte er sich

unten hin, sah hinauf und sagte: »Die Menschen sind keine Vögel; dort

oben kann es niemand erreichen: ich habe einen guten Ort gefunden.«

Aber ein schlechter Kerl hatte ihn beobachtet. Kaum hatte sich der

Hodscha entfernt, so stieg der Kerl auf den Hügel, nahm das Säckchen

von der Stange, beschmierte sie mit Kuhmist, pflanzte sie wieder auf

und suchte das Weite.

Bald darauf brauchte der Hodscha Geld und lief zu seiner Stange; da sah

er, daß das Geld weg war, während Spuren von Kuhmist über die Stange

liefen. Und er schrie: »Ich habe gesagt, kein Mensch könne es dort oben

erreichen, und jetzt ist eine Kuh hinaufgestiegen! Es ist wahrhaftig

ein Wunder!« Und er sprach seinem Gelde das Totengebet: »Gottes

Barmherzigkeit sei mit dir!«

111.

Der Hodscha begegnete eines Tages auf seinem Heimwege einigen

Taleb[82], und zu denen sagte er: »Meine Herren, kommt zu mir essen,

was es gerade gibt.«

Die Taleb sagten: »Recht gern,« und gingen mit dem Hodscha. Bei seinem

Hause angelangt, lud er sie höflich ein, einzutreten; er ging in seinen

Harem und sagte zu seiner Frau: »Weib, ich habe Gäste mitgebracht; gib

uns Suppe.«

Sie antwortete: »Hast du etwas eingekauft und mitgebracht, daß du Suppe

verlangst?«

Nun sagte er: »Gib mir also wenigstens die Suppenschüssel.«

Er nahm sie, ging damit zu seinen Gästen und sagte zu ihnen:

»Entschuldigt mich, meine Herren, aber wenn wir Butter und Reis gehabt

hätten, so hätte ich euch eine solche Schüssel voll Suppe vorgesetzt.«

112.

Der Hodscha hatte einmal mit seiner Frau einen Streit; er ließ sie

stehn und ging sich im Keller verstecken. Ein paar Tage später kam eine

Sklavin des Hauses in den Keller und fand dort ihren Herrn.

Sie fragte ihn: »Was machst du da, Effendi?«

Und der Hodscha antwortete traurig: »Ich bin in die Verbannung gegangen

und habe mich, um nicht mehr gequält zu werden, entschlossen, nie mehr

in die Heimat zurückzukehren.«

113.

Eines Tages saß der Hodscha ruhig zu Hause; da hörte er einen an die

Tür pochen. Er rief: »Was willst du?«

Der an der Tür, ein Bettler, sagte: »Komm herunter.«

Alsbald stieg der Hodscha herab und fragte ihn, was er wolle.

Der Bettler antwortete: »Ich bitte dich um ein Almosen.«

Der Hodscha sagte: »Komm mit mir herauf.« Und als der Bettler mit ihm

hinaufgestiegen war, sagte er zu ihm: »Ich habe kein Geld.«

Da sagte der Bettler: »Aber Effendi, warum hast du mir den Bescheid

nicht unten gegeben?«

»Und du,« versetzte der Hodscha, »warum hast du durchaus haben wollen,

daß ich herunterkomme?«

114.

Die Frau des Hodschas war in den Wehen; schon saß sie seit einem oder

zwei Tagen auf dem Gebärstuhl, ohne entbinden zu können. Da riefen die

Weiber zum Hodscha hinaus: »Effendi, weißt du kein Gebet, damit das

Kind herauskommt?«

Eiligst lief der Hodscha zum Krämer und kaufte Nüsse; damit ging er

heim und sagte: »Laßt mich hinein.« Und er schüttete die Nüsse vor dem

Stuhle aus und sagte: »So; das Kind wird sie sehn und herauskommen, um

damit zu spielen.«

115.

Dem Hodscha wollte einmal seine Frau einen Possen spielen und brachte

die Suppe zu heiß auf den Tisch. Zufällig vergaß sie es aber und nahm

selber einen Löffel davon und verbrannte sich den Schlund, so daß ihr

die Tränen in die Augen kamen.

Der Hodscha sagte: »Was hast du Weib? ist die Suppe vielleicht zu heiß?«

»Ach nein, Effendi,« erwiderte sie, »aber mein verstorbener Vater hat

so gern Suppe gegessen, und das ist mir eben eingefallen; und da habe

ich weinen müssen.«

Der Hodscha, der ihr glaubte, nahm einen Löffel Suppe; er verbrannte

sich den Schlund und begann zu weinen. Und seine Frau sagte: »Was hast

du denn?«

Er antwortete: »Ich bin bekümmert, daß deine verfluchte Mutter dich

nicht mitgenommen hat, als sie gestorben ist.«

116.

Die Frau des Hodschas ging einmal eine Predigt hören. Als sie nach

Hause kam, fragte er sie, was der Prediger gesagt habe, und sie

antwortete: »Wenn einer seine eheliche Pflicht mit der Gattin erfüllt,

so baut ihm der Allerhöchste einen Kiosk im Paradiese; und das tut er

allen.«

Augenblicklich sagte der Hodscha: »Komm, wir wollen uns einen Kiosk im

Paradiese bauen.«

Sie taten sich zusammen; aber einen Augenblick später sagte die Frau

zu ihm: »Für dich hast du jetzt einen Kiosk gebaut; jetzt bau auch mir

einen.«

Der Hodscha sagte: »Dir ist das freilich leicht; aber sei nur ruhig.

Du möchtest dann nacheinander Kioske für jedes einzelne aus deiner

Familie, und schließlich müßte das den Baumeister verdrießen; laß es

gehn: für uns beide tut es auch einer.«

117.

Der Hodscha begegnete eines Tages etlichen Softa und sagte zu ihnen:

»Wenn es euch beliebt, so kommt zu mir.« Bei seinem Hause angekommen,

bat er sie, einen Augenblick zu warten, während er hineingehe. Drinnen

sagte er zu seinem Weibe: »Ich bitte dich, schaffe mir diese Leute vom

Halse.«

Sie ging hinaus und sagte: »Der Hodscha ist noch nicht heimgekommen.«

Die Softa antworteten: »Er ist heimgekommen.«

Daraus entspann sich ein Streit. Endlich steckte der Hodscha, der von

oben zuhörte, den Kopf zum Fenster hinaus und sagte: »Wie könnt ihr

denn streiten? Vielleicht hat das Haus zwei Türen, so daß er wieder

weggegangen ist.«

118.

Dem Hodscha wurde ein Sohn geboren und man sagte ihm: »Zerschneide du

selber die Nabelschnur; deine Hand bringt Glück.«

Der Hodscha sagte: »Gern«; er zog an der Nabelschnur und riß alles aus,

so daß ein Loch blieb.

Die Leute schrien: »Aber Effendi, was tust du?«

Er antwortete: »Wenn er anderswo kein Loch hat, so hat er jetzt

wenigstens das da!«

119.

Sein Sohn sagte einmal zum Hodscha: »Ich weiß noch, Vater, wie du auf

die Welt gekommen bist.«

Geärgert sagte die Mutter: »Was redest du da zusammen?«

Aber der Hodscha sagte: »Du bist nicht recht bei Trost, Frau; warum

soll denn das der Knabe, der doch so gescheit ist, nicht wissen?«

120.

Einmal hatte sich der Kadi von Siwri-Hissar in der Trunkenheit in einem

Weingarten schlafen gelegt. An demselben Tage ging der Hodscha mit

seinem Amad spazieren und sie kamen auch zu diesem Weingarten. Als der

Hodscha den betrunkenen Kadi sah, nahm er ihm den Mantel und zog ihn

selber an; dann ging er.

Bei seinem Erwachen sah der Kadi, daß sein Mantel verschwunden war.

Er ging zurück und übergab die Sache den Schergen des Gerichtes. Die

bemerkten den Mantel auf dem Rücken des Hodschas; sofort griffen sie

den Hodscha und führten ihn vor den Kadi.

»He, Hodscha,« sagte der Kadi, »woher hast du denn den Mantel da?«

Der Hodscha antwortete: »Ich bin mit meinem Amad spazieren gegangen;

auf einmal hat er einen betrunkenen Würdenträger der Länge nach

daliegen sehn mit unbedecktem Hintern. Mein Amad büßte zweimal seine

Lust an ihm; dann nahm ich ihm den Mantel da und zog ihn an. Ist es der

deine, so nimm ihn.«

»Geh nur,« schrie der Kadi, »es ist nicht der meinige.«

121.

Eines Tages streckte sich der Hodscha an dem Ufer eines Flusses hin, um

zu schlafen; er tat aber dabei, als ob er tot wäre. Da kam einer vorbei

und der fragte ihn: »Weißt du vielleicht, wo hier eine Furt ist?«

»Als ich noch lebendig gewesen bin,« antwortete der Hodscha, »bin ich

immer dort durchgegangen; jetzt brauche ich mich nicht mehr um die

Gelegenheit zu kümmern.«

122.

Der Hodscha ließ sich eines Tages von einem ungeschickten Barbier

rasieren, der ihn bei jeder Bewegung des Messers in den Kopf schnitt

und ihm dann immer Baumwolle auflegte.

»Freund,« sagte der Hodscha zu ihm, »wenn du mir auf dem halben Kopfe

Baumwolle anbaust, so will ich auf der andern Hälfte Flachs säen.«

123.

Eines Tages wurde der Hodscha als Zeuge geführt. Als sie ihn zum Kadi

brachten, richtete der das Wort an den Hodscha und sagte: »Der Streit

geht um Korn.«

Der Hodscha antwortete: »Die Sache, die ich bezeugen soll, dreht sich

um Gerste.«

Seine Gesellen aber sagten: »Es ist aber Korn.«

»Dummköpfe, die ihr seid,« schrie nun der Hodscha; »wenn schon

gelogen sein muß, was verschlägt es, ob es über Gerste oder über Korn

geschieht?«

124.

Der Hodscha ging eines Tages zum Brunnen, um Wasser zu schöpfen; da sah

er drinnen das Spiegelbild des Mondes, als ob der hineingefallen wäre,

und sagte: »Man muß ihn augenblicklich herausziehen.« Er nahm einen

Strick, woran ein Haken befestigt war, und ließ ihn in den Brunnen

hinunter.

Der Haken fing sich an einem Steine und der Strick riß, so daß der

Hodscha auf den Rücken fiel; da sah er nun den Mond am Himmel. »Gott

sei gelobt und gepriesen,« rief er aus; »ich habe mir ja wehgetan, aber

wenigstens ist der Mond wieder an Ort und Stelle.«

125.

Eines Tages stieg der Hodscha in einem fremden Garten auf einen

Aprikosenbaum, und der Eigentümer kam dazu; der sagte: »Was machst du

da?«

»Siehst du denn nicht,« antwortete der Hodscha, »daß ich eine

Nachtigall bin? Ich singe.«

»Gut,« sagte der andere, »singe also; ich will dir zuhören.«

Der Hodscha begann zu singen, und der Gartenbesitzer sagte unter

schallendem Gelächter: »Ein nettes Gezwitscher.«

Der Hodscha antwortete: »Eine ungelernte Nachtigall singt nicht

anders.«

2. Aus Manuskripten verschiedenen Alters

126.

Dem Hodscha entlief einmal ein Sklave; trotz emsigen Nachforschungen

konnte der Hodscha keine Spur von ihm entdecken und kam heim, ohne daß

ihm noch eine Hoffnung, ihn zu finden, geblieben wäre. Und seine Frau

fragte ihn: »Hodscha, wohin ist denn der Sklave gegangen?«

Der Hodscha antwortete: »Es ist einerlei, wo er ist und wohin

er fliehen wird: mein Sklave bleibt er doch; wäre er aber nicht

weggelaufen, so hätte ich ihn freigelassen. Schaden hat er sich nur

selber getan.«

127.

Der Hodscha stand eines Tages an dem Fuße des Minarets einer heiligen

Moschee, und man fragte ihn: »Was ist das?«

Nun betrachtete der Hodscha das Minaret aufmerksam und sagte: »Früher

war es ein Brunnen; jetzt hat man ihn geräumt, um ihn auszutrocknen,

und hat ihn dann aufgestellt.«

So berichten es die Nachbarn.

128.

Dem Hodscha wurde einmal ein gesalzener Käse gestohlen; augenblicklich

lief er zum Quellbrunnen. Man fragte ihn: »Was suchst du denn hier in

solcher Hast?«

Der Hodscha antwortete: »Hierher kommt man allemal, sobald man

gesalzenen Käse gegessen hat; ich tue es selber. So wird auch mein

Dieb, wann er ihn gegessen hat, nicht verfehlen, ungesäumt herzukommen.«

129.

Ein andermal legte man dem Hodscha Nasreddin-Effendi eine Frage über

den Aprikosenbaum vor; »Was ist das für ein Baum?« fragte man ihn.

»Ursprünglich«, antwortete der Hodscha, »trug er Eier; dann hat ihn der

Hagel hart getroffen und das weiße heruntergeschlagen, so daß das gelbe

bloß geblieben ist, wie ihr es jetzt seht.«

130.

Der Hodscha Nasreddin spielte gut Schach und gab gelegentlich gern den

Spielern Ratschläge; einmal aber ärgerte er sich und schwur, seine Frau

zu verstoßen, wenn er sich wieder mit seinen Ratschlägen einmengen

werde. Ein paar Tage darauf kam er auf seinem Spaziergange an einen

Ort, wo gerade ein Spiel im Gange war; er trat näher und sah zu, und

nun bemerkte er, daß der eine Spieler hätte anders ziehen sollen, als

er getan hatte. Da riß ihm auch schon die Geduld und er sagte: »Aber

Mensch, stell doch deine Königin auf das nächste Feld, und du gibst ein

Matt.«

Da sagten die Leute dort: »Wieso getraust du dich zu reden, Hodscha?

hast du nicht geschworen, deine Frau zu verstoßen, wenn dir das

geschehn sollte?«

Der Hodscha antwortete: »Es war nur im Scherze, daß ich dreingeredet

habe; geheiratet habe ich übrigens auch nicht anders.«

131.

Eines Tages saß der Hodscha unter einer großen Pappel, und man fragte

ihn: »Was für ein Baum ist das?«

Der Hodscha sah in die Höhe und sagte: »Wie schön der Baum ist!«

In demselben Augenblicke ließ ein Rabe, der oben saß, seinen Kot auf

den Hodscha fallen; der sah nach und fand, daß es etwas weißes war.

Nun nahm er das Gespräch wieder auf und sagte: »Ihr wißt also nicht,

was für ein Baum das ist?«

Die andern sagten: »Nein.«

Und er sagte: »Also seht mich an: es ist ein Quarkbaum.«

132.

Dem Hodscha wurde einmal die Frage vorgelegt: »Ist es wahr, daß die

Weihe ein Jahr ein Männchen und das nächste Jahr ein Weibchen ist?«

»Meine lieben Freunde,« antwortete er, »da müßt ihr einen fragen, der

zwei Jahre lang eine Weihe gewesen ist.«

133.

Der Hodscha wurde gefragt: »Welche Musik ist dir am liebsten?«

Er antwortete: »Die der Teller und Schüsseln.«

134.

Die Überlieferung berichtet, daß der Hodscha tief gelehrt war in allen

Wissenschaften, und daß sich daher viele Leute von ihm unterrichten

ließen. Allwege aber war seine Gewohnheit, die, die im Koran lesen zu

lernen verlangten, das zu lehren; aber er weigerte sich, jemand in

einem andern Buche lesen zu lehren.

Die Schüler richteten sich nach seiner Weise und verlangten nur im

Koran zu lesen. Wann sie dann einmal wußten, wie man liest, konnten

sie, wenn sie wollten, gleichgültig in welchem Buche lesen. Diese Art

der Unterweisung war wahrhaftig die gute.

135.

Man erzählt, daß der Hodscha einmal einen Schuldner hatte. Als er ihm

eines Tages begegnete, hielt er ihn an und packte ihn am Kragen, indem

er zu ihm sagte: »Gib mir mein Geld.«

In diesem Augenblicke kam einer dazu, und der wollte ihn, um den

Schuldner zu befreien, übertölpeln und sagte: »Das ist ja gar nicht

der, der dir schuldig ist; das bin ja ich.«

Aber der Hodscha drehte dieses Bekenntnis sofort zu seinem Vorteile und

sagte zu dem Ankömmling: »Du bist nicht der einzige, von dem ich etwas

zu fordern habe; der da ist mir auch schuldig.«

136.

Man erzählt, daß eines Tages ein Mann zum Hodscha gekommen ist und zu

ihm gesagt hat: »Hodscha, mein Auge schmerzt mich fürchterlich; was

soll ich denn tun?«

»Reiß es dir aus,« antwortete der Hodscha, »und du wirst Ruhe haben.«

»Aber Hodscha, ein Auge nimmt man sich doch nicht heraus.«

»Ich schwöre dir,« antwortete der Hodscha, »neulich hat mir ein Zahn

wehgetan, und ich habe nicht früher Ruhe gehabt, als bis er ausgerissen

war.«

137.

Der Hodscha hatte einmal eine solche Menge Flöhe im Hause, daß er es

endlich nicht mehr aushielt und das Feld räumte. Bald darauf sah er

sein Haus von einem Brande verzehrt und von den Flammen vernichtet;

darüber freute er sich, klatschte in die Hände und schrie: »Das Haus

ist verbrannt! Endlich bin ich die Flöhe und die Mäuse los.«

Und bei diesen Worten lachte er aus vollem Halse.

138.

Als der Hodscha einmal von Land zu Land reiste, bemerkte er eine große

Schar von Frauen, die in Reihen hintereinander daherkamen. Er ging

näher hin und fragte, was es gebe.

Man antwortete ihm: »Sie gehn eine Braut einholen. Das Mädchen und

der Mann da, die von den Frauen umgeben sind, sollen heute Nacht ihre

Sehnsucht stillen.«

»Allah, Allah,« rief nun der Hodscha, »ich habe viele Länder

durchwandert, aber noch nie habe ich eins gefunden, wo es so viel

Kuppler gäbe wie hier.«

139.

Man erzählt, daß der Hodscha am Tage auf seinem Felde Lauch gepflanzt,

ihn aber bei Anbruch der Nacht wieder herausgezogen hat. Die Leute

merkten das, und man fragte den Hodscha, warum er so tue.

Er antwortete: »Heißt es denn nicht, daß man seine Schätze unter seinem

Kissen verwahren soll?«

140.

Eines Tages wurde der Hodscha gefragt: »Warum halten sich von den

Bewohnern dieser Erde die einen an dem einen Orte auf und die andern an

einem andern, anstatt daß sie alle an demselben Orte verweilten?«

»Was, das versteht ihr nicht?« rief der Hodscha; »wenn sich alle

Bewohner der Erde an einem Punkte vereinigten, würde die Seite, wohin

sie gingen, das Übergewicht bekommen und sie würden herunterpurzeln.«

141.

Als der Hodscha einmal auf der Wanderschaft war, bemerkte er in der

Ferne eine Anzahl Leute auf seinem Wege; waren es vielleicht Räuber?

In seiner Nähe war ein Grab. Hastig entkleidete er sich, steckte seine

Kleider in die Höhlung des Grabmals und legte sich unten auf den

Grabstein nieder. Die Reisenden kamen heran und sahen einen nackten

Mann, ausgestreckt auf dem Steine. Und sie sagten zu ihm:

»Wer bist du, Freund?«

Der Hodscha antwortete: »Ich bin ein Toter.«

»Und was machst du da?«

»Aus Angst vor den Frageengeln bin ich geflüchtet.«

142.

Der Hodscha hatte ein schwarzes Huhn, und das trug er einmal auf den

Markt, um es zu verkaufen. Es kam einer und sagte: »Wenn das Huhn da

weiß wäre, hätte ich es gekauft.«

Der Hodscha antwortete: »Komme morgen wieder, und ich werde dir ein

weißes geben.« Der Käufer war damit einverstanden und ging weg.

Auf dem Rückwege kaufte der Hodscha zwei Stück Seife; daheim erhitzte

er dann Wasser in einem Kessel und begann das Huhn zu waschen. Damit

plagte er sich, bis die Seife verbraucht war; aber er stellte fest,

daß die Farbe des Huhns auch nicht ein bißchen heller geworden war.

Geärgert schrie er: »Nach dem, was ich sehe, hat der Färber wahrlich

die Farbe nicht gespart! Ein wackerer Mann, der es gefärbt hat!«

143.

Nasreddin hatte von einem zehn Gänse übernommen, um sie aufs Feld zu

treiben; als er sie nun weiden ließ, verlor sich eine davon. Als das

Ende des Monats gekommen war, ging der Hodscha seinen Lohn fordern.

Aber der Eigentümer sagte: »Da fehlt ja eine Gans; was ists mit ihr?«

Der Hodscha zählte sie und sagte: »Sieh doch, es sind ja zehn.«

Nun zählte sie der andere und fand, daß es nur neun waren. Es entstand

ein großer Streit zwischen ihnen und schließlich sagte der Hodscha: »Um

zu einem Ende zu kommen, wollen wir zehn Leute holen und sie zu den

Gänsen bringen; jeder nimmt eine, und wenn es sich zeigt, daß jeder

eine hat, so ist alles in Ordnung.«

Der Eigentümer der Gänse nahm den Vorschlag an: es geschah alles, wie

es gesagt worden war, und einer blieb ohne Gans. Der wandte sich zum

Hodscha: »Schau, für mich ist keine geblieben; was sollen wir da tun?«

»Ja, Freund,« antwortete der Hodscha, »du hättest eben eine nehmen

sollen, solange ihrer da waren.«

144.

Eines Tages kam man dem Hodscha sagen, daß ein Schüler ertrinke, und

fragte ihn: »Wie sollen wir es anstellen, um ihn aus dem Wasser zu

ziehen?«

Der Hodscha antwortete: »Einer von euch wird doch einen Geldbeutel

haben; den zeigt dem Ertrinkenden: er wird glauben, ihr wollt ihm Geld

geben, und wird herauskommen.«

145.

Als der Hodscha einmal über den Markt schlenderte, fand er einen Asper.

Er hob ihn auf, stellte sich auf einen höhern Ort und sagte: »Warum

hören die Leute nicht auf, zu kommen und zu gehn? es ist wirklich

sonderbar; der verlorene Asper ist ja schon wieder gefunden.«

146.

Als der Hodscha eines Tages auf den Markt gehn sollte, umringten ihn

seine Knaben und begannen ihn jeder um eine Flöte zu bitten; »Lieber

Hodscha,« schrie der eine, »bring mir eine Flöte mit«, und »Bring mir

eine Flöte mit«, sagte der andere.

»Jawohl, ihr Schlingel,« antwortete er ihnen; »ich werde sie euch

mitbringen, Kinder.«

Unterdessen hatte ihm einer zugleich mit den Worten: »Bring mir eine

Flöte mit« einen Asper gegeben; nun schrie der Hodscha: »Du bist es,

der die Flöte blasen wird.«

147.

Einer kam zum Hodscha und sagte zu ihm: »Hodscha, derundder hat in der

Fastenzeit gegessen.«

»So?« sagte der Hodscha; »und unterm Essen hat ihn wohl jemand

eingeladen?«

148.

Der Hodscha wollte auf seinen Esel steigen; er erhob sich und versuchte

sich in den Sattel zu schwingen, aber er fiel auf der andern Seite

herunter. Die Kinder, die um ihn herum waren, begannen zu lachen.

Da sagte der Hodscha: »Warum lacht ihr, Schlingel? früher war ich auf

dem Boden, jetzt bin ich es wieder: das ist das ganze.«

149.

Eines Tages kamen Leute zum Hodscha und erzählten ihm, daß ein Mann auf

einen Baum geklettert sei und nicht herabsteigen könne; darauf sagte

er: »Habt ihr einen Strick? bringt ihn her.«

»Freilich haben wir einen,« antworteten sie und brachten ihn. Der

Hodscha band ein Ende an die Hüften des Mannes; das andere gab er einem

Kerl in die Hand, der dran ziehen sollte, und schrie: »Jetzt zieh!«

Der Mann, der oben saß, fiel herunter und starb. Nun schrie das Volk:

»Hodscha, was hast du getan?« Er antwortete: »Holt einen Richter.« Sie

gingen weg und brachten einen Richter.

Der Richter sagte: »Hodscha, mit dem hat es ein böses Ende genommen; es

ist alles aus. Mit einem Wort, er ist tot.«

»Aber Herr,« sagte der Hodscha, »er hat einen dicken Bauch; sieh doch

nach, ob er nicht etwa schwanger ist.«

150.

Eines Tages sprach der Hodscha bei sich: »Wieso kommt es denn, daß alle

diese Bäume Früchte bringen und ich nicht? Sicherlich würde auch ich,

wenn man mich einpflanzte, Früchte tragen.« Er sagte zu einigen Bauern:

»Steckt mich in die Erde.« Und er zwang sie, ihm zu gehorchen.

Sie führten also den Hodscha an eine feuchte Stelle und steckten ihn

mit den Füßen in die Erde. Als dann die Bauern gegangen waren, hielt

sich der Hodscha dort eine Weile; bald aber begann ihn zu frieren und

er sagte: »Das gefällt mir nicht.« Er strengte sich also an, sich

loszumachen, und mit schwerer Mühe gelang es ihm. Er kam ins Dorf, und

die Bauern sagten: »Wie schnell du Frucht getragen hast, Hodscha! Aber

wo ist die Frucht?«

»Gewachsen ist sie ja schnell,« antwortete der Hodscha, »aber sie hat

so viel Frost gelitten, daß sie abgefallen ist.«

151.

Eines Tages stieg der Hodscha im Gebirge auf einen Baum. Während er

die Äste abhackte, sah er nach allen Seiten herum, und da bemerkte

er mehrere Züge Kamele, die auf ihn zukamen. Alsbald rief er die

Kameltreiber von oben an: »Haltet, ich bitte euch; ich muß mit euch

sprechen.«

Die Kameltreiber hielten und er stieg vom Baume und wandte sich zu

ihnen: »Ich ersuche euch inständigst, ganz langsam vorbeizuziehn.«

»Wozu sagst du das? Was ist dein Grund?«

Der Hodscha Nasreddin I. Band Türkische, arabische, berberische, maltesische, sizilianische, kalabrische, kroatische, serbische und griechische Märlein und Schwänke · 第 5 / 20 段