Zu der Zeit des Hodschas Nasreddin-Effendi erstanden drei Mönche,

ausgezeichnet in jeder Wissenschaft, und die reisten durch die Welt.

Auf dieser Wanderschaft kamen sie auch in das Land des Sultans

Alaeddin, und der lud sie ein, den Glauben anzunehmen. Sie sagten: »Wir

haben jeder eine Frage; wenn uns die beantwortet werden, so wollen wir

euerm Glauben beitreten.« Und darauf einigte man sich.

Sultan Alaeddin versammelte seine Gelehrten und Weisen; aber keiner

von ihnen war imstande, eine Antwort zu geben. Voll Zorn sagte

Sultan Alaeddin: »So gibt es denn in meinem Lande keinen Weisen oder

Gelehrten, der ihnen antworten könnte!«; und er war sehr bekümmert.

Da sagte einer: »Diese Fragen kann niemand sonst beantworten, als der

Hodscha Nasreddin-Effendi; der kann es vielleicht.«

Alsbald befahl der König, zu Nasreddin-Effendi einen Tataren zu

schicken. Der beeilte sich, zu dem Hodscha zu gelangen, und meldete

ihm den Befehl des Padischahs; augenblicklich sattelte Nasreddin

seinen Esel, nahm seinen Stock als Stütze, stieg auf den Esel, sagte

dem Tataren: »Reite vor mir«, und eilte geradewegs zum Serail Sultan

Alaeddins.

Als er vor das Angesicht des Padischahs trat, gab er ihm den Salam und

empfing ihn wieder, und es wurde ihm ein Platz zum Sitzen gewiesen.

Nachdem er sich gesetzt hatte, flehte er den Segen auf den Padischah

herab; dann sagte er: »Was ist dein Wunsch, daß du mich gerufen hast?«

Nun erzählte Sultan Alaeddin, worum es sich handelte, und der Hodscha

sagte: »Was sind euere Fragen?«

Da trat einer von den Mönchen vor und sagte: »Meine Frage, ehrwürdiger

Effendi, ist: ›Wo ist der Mittelpunkt der Welt?‹«

Sofort zeigte der Hodscha mit seinem Stocke auf den vordern Huf

des Esels und sagte: »Hier, wo der Fuß meines Esels steht, ist der

Mittelpunkt der Welt.«

Der Mönch sagte: »Woher ist das bekannt?«

Der Hodscha antwortete: »Wenn du es nicht glaubst, so miß es aus;

sollte es sich anders ergeben, so sprich demgemäß.«

Darauf trat wieder ein Mönch vor und sagte: »Wie viel Sterne sind an

dem Antlitze des Himmels?«

Der Hodscha antwortete: »So viel, wie Haare auf meinem Esel.«

Der Mönch sagte: »Woraus erhellt das?«

»Wenn du es nicht glaubst, so zähle nach; kommen weniger heraus, dann

sprich.«

Der Mönch sagte: »Kann man denn die Haare des Esels zählen?«

Der Hodscha sagte: »Kann man denn so viel Sterne zählen?«

Der dritte Mönch trat vor und sagte: »Wenn du mir meine Frage zu

beantworten verstehst, so wollen wir alle drei gläubig werden.«

Der Hodscha sagte: »Sprich; wir wollen sehn.«

Der Mönch sagte: »Wie viel Haare sind in meinem Barte?«

Der Hodscha antwortete: »So viele wie in dem Schwanze meines Esels.«

Der Mönch erwiderte: »Woher ist das bekannt?«

Der Hodscha sagte: »Wenn du es nicht glaubst, Freund, so zähle nach.«

Der Mönch sagte, mit diesem Vorschlage sei er nicht einverstanden.

Nun sagte der Hodscha: »Wenn du es nicht zufrieden bist, so laß uns

je ein Haar aus deinem Barte und je eins aus dem Schwanze des Esels

ausreißen, und wir wollen sehn, was sich ergibt.«

Der Mönch sah, daß das nicht recht anging. Und von Gott, dem

Allmächtigen, kam ihm die Eingebung und er sagte zu seinen

Reisegefährten: »Ich bin gläubig geworden.« Und er verkündete die

Einheit, und auch die andern zwei wurden mit Herz und Seele gläubig.

Und fortan waren alle dem Hodscha ergeben.

71.

Eines Tages wollte der Hodscha dem Bei Tamerlan einen Besuch abstatten.

Er ging in den Garten und pflückte einen Korb Quitten; damit machte er

sich auf den Weg. Er begegnete einem Bekannten, und der sagte zu ihm:

»Wohin gehst du, Hodscha?«

Der Hodscha antwortete: »Es ist schon lange her, daß ich nicht bei Bei

Tamerlan war; ich will ihn jetzt besuchen.«

»Und was ist das?«

»Ein Geschenk für den Bei,« sagte der Hodscha.

»Aber Quitten«, fuhr der Mann fort, »sind jetzt nicht das richtige;

jetzt ist die Zeit der Feigen: bring ihm doch einige recht frische.«

Ohne weitere Worte ging der Hodscha wieder heim, warf die Quitten

weg und nahm Feigen; freilich merkte er, daß sie noch grün und sauer

waren. Er ging damit zum Bei und bot sie ihm nach dem Gruße auf einer

Holzschüssel dar.

Der Bei griff sofort um eine Feige, die ihm gut zu sein schien, und

führte sie zum Munde; er geriet in Zorn und befahl, die übrigen dem

Hodscha an den Kopf zu werfen. Eine nach der andern traf den Hodscha

ins Gesicht, aber er rief bei einer jeden: »Gelobt sei Gott!«

»Hodscha,« sagte der Bei, ihn unterbrechend, »warum diese Danksagungen?

soll ich sie als eine Verhöhnung auffassen?«

»Meinen Dank sage ich deswegen, weil ich dir habe Quitten bringen

wollen und mir einer, Gott sei gelobt, den Rat gegeben hat, lieber

Feigen zu nehmen. Wenn es Quitten gewesen wären, wo wäre ich jetzt?«

72.

Ein andres Mal ging der Hodscha wieder zum Bei. Der war eben daran,

auf die Jagd zu reiten; er nahm den Hodscha mit, ließ ihn aber auf

eine elende Mähre steigen. Es fiel ein Platzregen, und jeder machte

sich mit seinem Pferde im Galopp davon; der Hodscha jedoch konnte das

seinige nicht von der Stelle bringen und mußte zurückbleiben. Ohne zu

zaudern, zog er seine Kleider aus, brachte sie am Bauche des Pferdes

ins Trockene und saß wieder auf. Als dann der Regen aufhörte, kleidete

er sich wieder an und ritt zum Bei. Der verwunderte sich höchlich, ihn

nicht im mindesten naß zu sehn.

Der Hodscha erklärte es ihm: »Dieses Pferd ist gar wacker; es ist so

schnell gelaufen, daß ich keine Zeit hatte, naß zu werden.«

Der Bei wies nun dem Pferde den ersten Platz in seinem Stalle an.

Als er dann wieder einmal auf die Jagd reiten wollte, nahm er den

ausgezeichneten Renner selber und gab dem Hodscha ein andres Pferd. Es

fing wieder zu regnen an; jeder eilte davon, um sich ins Trockene zu

bringen, und der Bei, der auf der Mähre zurückblieb, wurde bis auf die

Haut durchnäßt. Wütend über die Antwort, die ihm der Hodscha gegeben

hatte, rief er ihn am nächsten Tage vor sich.

»Hältst du mich für deinesgleichen, daß du mich belogen hast?«

»Warum ärgerst du dich, Bei? Weißt du denn nicht, wie man es macht?

Hättest du dich, wie ich es getan habe, ausgekleidet und wärest auf dem

Pferde geblieben, so hättest du, als der Regen aufgehört hat, trockene

Kleider gehabt.«

73.

Eines Tages ließ der Bei den Hodscha zum Dscherid[74] einladen. Nun

besaß der Hodscha einen prächtigen Ochsen; den sattelte und bestieg er

und kam also auf den Platz, wo der Dscherid stattfinden sollte. Alle

lachten, als sie ihn sahen.

»Hodscha,« sagte der Bei, »das ist etwas neues, einen Ochsen reiten!

Aber laufen kann er nicht.«

Der Hodscha erwiderte: »Ich habe ihn schon schneller laufen sehn als

ein Pferd; und dabei war er damals erst ein Kalb.«

74.

Eines Tages lud Tamerlan den Hodscha Nasreddin zu einem Mahle ein; nach

dem, was man ihm von ihm erzählt hatte, war er begierig geworden, sich

seinem Gebete zu empfehlen.

»Tamerlan,« ließ er ihm sagen, »der aus seinem Lande gekommen ist, will

Nutzen ziehn von deinen Gebeten und Segnungen. Komm zu ihm und du wirst

die Zeichen seiner Hochachtung empfangen.« Und die Boten fügten bei:

»Tamerlan wird dich mit Ehren überhäufen.«

Der Hodscha sagte: »Sei es, wie immer es will.« Und er stieg auf seinen

Esel und sagte zu seinem Amad: »Komm mit zu Timur.«

Der folgte der Aufforderung und so begaben sie sich zu dem

Tatarenherrscher. Sie trafen ihn sitzend, und er war höflich mit dem

Hodscha und lud ihn ein, neben ihm niederzusitzen. Bald bemerkte

Nasreddin, daß Timur, wie er so saß, seine Füße unter ein Kissen

gesteckt hatte; da tat er ebenso die seinigen darunter. Dadurch fühlte

sich Timur verletzt, und sein Ärger wuchs, je länger der Hodscha

seine Füße neben den seinigen hatte. Und er sagte bei sich: »Sieh

einmal, er will es mir gleichtun, mir, dem Padischah, und ohne sich zu

entschuldigen!« Und er sagte zum Hodscha: »Was für ein Unterschied ist

zwischen dir und deinem Esel?«

»Was für ein Unterschied,« erwiderte der Hodscha, »ist zwischen deiner

Majestät und dem Kissen da?«

Der Zorn Timurs wuchs immerzu; und er hätte vielleicht den Hodscha

mißhandelt, wenn nicht aufgetragen worden wäre.

Plötzlich nieste Timur mitten unter dem Mahle neben dem Hodscha oder

besser auf ihn; da sagte der zu ihm: »Das ist unschicklich, Padischah.«

»Bei uns nicht,« antwortete Timur.

Gegen Ende des Mahles ließ der Hodscha einen lauten Furz. »Was du da

machst,« sagte Timur, »ist das vielleicht nicht unschicklich?«

»Bei uns nicht,« sagte der Hodscha.

Als dann die Speisen weggenommen waren und man den Scherbet getrunken

hatte, stand der Hodscha auf, um heimzukehren. Und auf dem Wege sagte

sein Amad zu ihm: »Aber Hodscha, warum hast du dich in der erhabenen

Gegenwart des fremden Padischahs auf diese Weise betragen und sogar

einen Furz gelassen?«

»Mach dir keine Sorgen,« antwortete der Hodscha. »Türkisch nennt man es

ja so; aber in seiner Sprache bedeutet es gar nichts.«

75.

Der Hodscha ließ einmal eine Gans braten und brachte sie dem Sultan; da

er aber auf dem Wege Hunger bekam, riß er ihr einen Fuß aus und aß ihn.

Dann trat er vor den Padischah und bot ihm die Gans dar.

Timurlenk merkte die Sache und sagte voller Zorn zu sich: »Der Hodscha

macht sich lustig über mich.« Und er sagte zu ihm: »Wo ist denn der

andere Fuß?«

»Hierzulande«, antwortete der Hodscha, »haben die Gänse nur ein Bein;

wenn du mir nicht glaubst, so sieh dort bei dem Brunnen eine ganze

Herde Gänse.«

Die standen nun wirklich alle nur auf einem Beine. Unverzüglich befahl

Timur einem Paukenschläger, einen Wirbel zu schlagen. Der nahm die

Klöppel und schlug zu, und die Gänse stellten sich auf ihre beiden

Beine. »Schau,« sagte Timur, »jetzt haben sie zwei.«

»Mit den Klöppeln da«, antwortete der Hodscha, »könnte man sogar dich

dazu bringen, auf allen vieren zu laufen.«

76.

Als der Hodscha Kadi war, kamen zwei Leute zu ihm, und der eine sagte:

»Der da hat mich ins Ohr gebissen.«

»Ich war es nicht,« sagte der andere; »er hat sich selber ins Ohr

gebissen.«

Der Hodscha sagte: »Entfernt euch auf eine Weile; dann werde ich euch

meine Entscheidung mitteilen.«

Sie gingen weg und er schloß sich augenblicklich ein und stellte

allerhand Bemühungen an, sein Ohr zu erreichen und sich zu beißen.

Seine Versuche endigten damit, daß er auf den Rücken fiel und sich den

Kopf ein wenig verletzte. Er umwickelte ihn mit einem Stück Tuch und

setzte sich wieder auf seinen Platz; die beiden Gegner kamen wieder vor

ihn und nahmen ihren Streit von neuem auf.

Nun sagte der Hodscha: »Wisset, man kann sich nicht nur selber ins Ohr

beißen, sondern sogar dabei fallen und sich den Kopf verletzen.«

77.

Eines Nachts hörte der Hodscha, der im Bette lag, einen Streit vor

seiner Tür. »Steh auf, Weib,« sagte er, »und mach Licht; ich will

nachsehn, was es gibt.«

Sie sagte: »Bleib doch.«

Aber ohne auf sie zu hören, nahm er die Bettdecke um und trat hinaus.

Augenblicklich riß ihm einer von den Streitenden die Decke weg und

machte sich damit davon. Vor Kälte zitternd kam der Hodscha wieder ins

Haus und seine Frau sagte: »Worum ging denn der Streit?«

»Um die Bettdecke; als sie sie hatten, war der Zank zu Ende.«

78.

Eines Tages sagte die Frau des Hodschas zu ihm: »Trag das Kind ein

bißchen herum; ich habe zu tun.«

Der Hodscha nahm das Kind auf den Arm, aber es dauerte nicht lange, so

bepißte es ihn. Augenblicklich tat ihm der Hodscha dasselbe, so daß es

durch und durch naß wurde. Als dann die Frau zurückkam, fragte sie ihn:

»Warum hast du das getan?«

Und der Hodscha antwortete: »Hätte mich ein Fremder bepißt, so hätte

ich ihm noch etwas ganz andres getan.«

79.

Eines Abends hatte die Frau des Hodschas seinen Kaftan gewaschen und

ihn im Garten aufgehängt. In der Nacht glaubte nun der Hodscha, einen

Mann zu sehn, der die Arme ausgebreitet habe; da sagte er zu seiner

Frau: »Bring mir meinen Bogen und meine Pfeile.«

Die Frau brachte ihm das verlangte. Er nahm einen Pfeil und schoß ihn

durch den Kaftan; dann schloß er die Tür und ging schlafen.

Am Morgen sah er, daß er seinen eigenen Kaftan durchbohrt hatte; »Gott

sei Dank,« rief er aus, »daß ich nicht drinnen gesteckt habe; da wäre

ich nun schon lange tot.«

80.

Der Hodscha begab sich einmal, von seinen Molla begleitet, in seine

Schule; da kam ihm der Einfall, sich auf seinen Esel verkehrt zu

setzen und ihnen also voranzureiten. Und sie sagten: »Warum reitest du

verkehrt, Hodscha?«

Er antwortete: »Wäre ich wie gewöhnlich aufgesessen, hätte ich euch den

Rücken gezeigt; hätte ich euch vorangehn lassen, hätte ich euere Rücken

gesehn: das beste ist wohl so, wie ich es gemacht habe.«

81.

Der Hodscha lag einmal in der Nacht im Bette, als er auf dem Dache

einen Dieb gehn hörte. Da wandte er sich zu seiner Frau und sagte zu

ihr: »Als ich an einem der letzten Tage ins Haus wollte, habe ich

ein Gebet gesprochen, die Mondstrahlen gefaßt und mich daran sanft

heruntergelassen.«

Der Dieb auf dem Dache hörte diese Rede. Alsbald sprach er, wie der

Hodscha gesagt hatte, ein Gebet und faßte die Mondstrahlen; und er fiel

in die Hütte hinunter. Der Hodscha stand auf, packte ihn am Kragen und

rief seiner Frau zu, sie solle ein Licht anzünden.

Nun sagte der Dieb: »Gemach, Effendi; dank deinem Gebete und meinem

Witze werde ich dir wohl nicht so bald entlaufen können.«

82.

Der Hodscha hatte einen alten Ochsen, dessen Hörner so weit voneinander

abstanden, daß man hätte zwischen ihnen sitzen können; und so oft er

ihn in der Herde sah, dachte er sich: »Wenn ich nur einmal zwischen

seinen Hörnern sitzen könnte!«

Eines Tages legte sich nun der Ochs vor dem Hause nieder. Da sagte der

Hodscha: »Die Gelegenheit ist da«, stieg ihm zwischen die Hörner und

setzte sich nieder; aber der Ochs sprang auf und warf den Hodscha ab,

und der blieb bewußtlos liegen. Sein Weib kam und er war noch immer

bewußtlos; endlich kam er zu sich und er sah, wie sie weinte. Da sagte

er: »Weine nicht, Weib; ich habe ja viel gelitten, aber ich habe mein

Begehren gestillt.«

83.

Einmal schlich sich ein Dieb in das Haus; augenblicklich machte die

Frau den Hodscha darauf aufmerksam. Aber der sagte: »Sei still;

vielleicht läßt ihn Gott etwas finden, und das kann ich ihm dann

nehmen.«

84.

Seine Frau sagte eines Tages zum Hodscha: »Du könntest ein wenig

weggehn.«

Darauf ging er in die Stadt und kam nicht mehr heim. Es waren schon

einige Tage vergangen, als er einem seiner Freunde begegnete, und zu

dem sagte er: »Sei so gut und geh meine Frau fragen, ob das schon genug

ist, oder ob ich noch weiter weg gehn soll.«

85.

Er lag eines Nachts neben seiner Frau, als er plötzlich rief: »Steh

auf, Weib, und mach Licht; ich will einen Vers niederschreiben, der mir

eingefallen ist.«

Die Frau stand auf, zündete Licht an und brachte ihm Tintenfaß und

Kalam. Nachdem er den Vers niedergeschrieben hatte, bat sie ihn, ihn

ihr vorzulesen.

»Paß auf,« sagte der Hodscha und las: »Zwischen einem grünen Blatte und

einem schwarzen Huhn ist meine rote Nase.«

86.

Der Hodscha war krank und einige Frauen kamen ihn besuchen; eine von

ihnen sagte zu ihm: »Wenn du sterben solltest, wie möchtest du beweint

werden?«

»So weit sind wir noch nicht,« antwortete er.

»Aber schließlich,« sagte eine andere, »wenn das Unglück doch einträfe,

wie wäre es dir denn am liebsten, daß du beklagt würdest?«

Nun antwortete er: »Man soll mich also beklagen als einen Mann, der von

den Weibern nie um etwas andres, als um albernes Zeug, gefragt worden

ist.«

87.

Sooft der Hodscha eine Leber nach Hause brachte, zeigte sich seine Frau

damit sehr zufrieden; wann es aber dann zum Nachtessen ging, setzte

sie ihm eine Schüssel gekneteten Teigs vor. Da sagte er einmal zu ihr:

»Sag, Weib, ich bringe dir alltäglich eine Leber; wohin kommt die?«

Sie antwortete: »Die Katze stiehlt alles.«

Kurz darauf wollte der Hodscha weggehn, und da verschloß er seine Axt

in einer Truhe. Seine Frau sagte: »Was soll das?«

Er antwortete: »Ich tue es wegen der Katze.«

»Was hat die Katze mit der Axt zu schaffen?«

»Ja, wenn schon um zwei Asper Leber vor ihr nicht sicher ist, wie dann

erst eine Axt um vierzig Asper?«

88.

Die Frau des Hodscha wollte eines Tages ins Bad gehn. Nun besaß er

nicht mehr als einen einzigen Asper, den er vor seiner Frau versteckt

hatte. Und da sagte er zu ihr: »Warte doch noch eine Weile; ich fühle

mich gar nicht wohl und werde bald sterben.« Und mit einem Blicke in

den Winkel, wo der Asper lag: »Dort liegt dann mein ganzes Geld.«

89.

Der Hodscha und seine Frau wollten einmal in einem Teiche ihre Wäsche

waschen; sie waren gerade dabei, sie zu befeuchten und einzuseifen,

als ein Rabe dahergeflogen kam, die Seife packte und wegflog. Die Frau

rief: »Mann, komm, ein Rabe hat uns die Seife genommen.«

Aber der Hodscha sagte: »Schweig, Weib, das macht nichts, laß ihn sich

doch waschen; er hat die Seife wahrlich nötiger als wir.«

90.

Der Hodscha und seine Frau machten einmal miteinander aus, daß sie ihre

eheliche Pflicht alle Freitage erfüllen wollten; als sie nun darüber

einig waren, sagte der Hodscha: »Aber wie werde ich mich denn bei

meinen Geschäften daran erinnern?«

Die Frau antwortete: »Ich werde dir allwöchentlich deinen Turban auf

den großen Schrank legen; dann weißt du, daß es Freitag ist.«

Eines Tages, es war aber kein Freitag, gelüstete es die Frau;

augenblicklich legte sie den Turban auf den Schrank. »Aber,« schrie der

Hodscha, »heute ist doch nicht Freitag!«

»Freilich ist heute Freitag,« antwortete die Frau.

Da sagte der Hodscha: »Das geht nicht so weiter; entweder wartet der

Freitag auf mich, oder ich auf den Freitag.«

91.

Eines Tages ging die Frau des Hodschas mit der eines Nachbars zum

Bache, um Unterkleider zu waschen, und dorthin kam auch der Ajan[75],

der eben spazieren ging. Er trat näher zu den Frauen heran und sah sie

an. Da sagte die Frau des Hodschas: »Was schaust du?«

Der Ajan antwortete: »Nach der Frau dessen, den man den Hodscha nennt.«

Am nächsten Tage ging er zu Nasreddin und fragte ihn: »Ist dieunddie

Frau bei dir?«

»Ja.«

»Bringe sie mir her.«

»Wozu?«

»Ich habe eine Bitte, die ich besser ihr sage als dir.«

»Bitte nur einmal mich,« versetzte der Hodscha; »dann werde ich sie

bitten.«

92.

Man zeigte einmal dem Sohne des Hodschas einen Eierapfel und fragte

ihn: »Was ist das?«

Der Knabe antwortete: »Das ist ein Kalb, das die Augen noch nicht offen

hat.«

»Seht nur,« schrie der Hodscha, »das hat er von sich selber; ich habe

es ihn nicht gelehrt.«

93.

Eines Tages kam ein Wagen, der nach Siwri-Hissar fuhr, beim Hause des

Hodschas vorüber; sofort entschlossen, mitzufahren, lief er nackt

heraus und dem Wagen nach, stieg auf und fuhr mit. Als sie in die Nähe

Siwri-Hissars kamen, ließen die Mitfahrenden der ganzen Stadt die

Ankunft des Hodschas verkünden. Die Einwohner kamen ihm entgegen; und

als sie ihn nackt sahen, fragten sie ihn um den Grund.

Er sagte: »Ich liebe euch so, daß ich vor lauter Sehnsucht, euch zu

sehn, vergessen habe, mich anzukleiden.«

94.

Dem Hodscha stieß es zu, daß er grindig wurde. Er ließ sich scheren und

gab dem Barbier einen Asper.

In der nächsten Woche ließ er sich wieder scheren; als ihm dann der

Barbier einen Spiegel reichte, sagte er: »Mein Kopf ist doch zur Hälfte

grindig; könntest du dich nicht mit einem Asper für zweimal scheren

begnügen?«

95.

Eines Tages ging der Hodscha mit einigen Leuten fischen; sie warfen das

Netz aus, und augenblicklich sprang der Hodscha hinein. Da sagten sie:

»Hodscha-Effendi, was hast du getan?«

Der Hodscha sagte: »Ich dachte, ich müsse den Fisch machen.«

96.

Die Knaben in der Nachbarschaft sagten eines Tages untereinander:

»Kommt, wir wollen machen, daß der Hodscha auf einen Baum steigt, und

dann stehlen wir ihm die Schuhe.« Sie stellten sich also unter einen

Baum und schrien: »Auf diesen Baum kann niemand steigen.«

Der Hodscha kam dazu und sagte: »Ich steige hinauf.«

Sie antworteten: »Du kannst es nicht.«

Der Hodscha steckte die Zipfel seines Gewandes in den Gürtel und seine

Schuhe in den Sack und begann hinaufzuklettern.

Da sagten die Kinder: »Wozu nimmst du denn die Schuhe mit?«

Und er antwortete: »Vielleicht zweigt weiter oben ein Weg ab, der näher

zu mir nach Hause ist; da will ich sie dann bei der Hand haben.«

97.

Eines Tages kam ein Bauer zum Hodscha und brachte ihm einen Hasen; der

Hodscha behielt ihn über Nacht bei sich. Etwa vierzehn Tage später

kamen mehrere Leute und baten den Hodscha um Gastfreundschaft; sie

sagten: »Wir sind die Nachbarn des Mannes, der dir vorige Woche einen

Hasen gebracht hat.«

Der Hodscha beherbergte sie gleichfalls, aber nicht ohne Widerstreben.

Kaum waren einige Tage vergangen, als wieder Leute kamen und sich als

Gäste anmeldeten; sie sagten: »Wir sind die Nachbarn der Nachbarn des

Mannes, der dir einen Hasen gebracht hat.«

Der Hodscha nahm sie auf. Am Abende goß er ein wenig Wasser in eine

Schüssel und setzte es ihnen vor; und mit den Worten: »Laßt es euch

belieben« lud er sie ein, mit dem Mahle zu beginnen.

Sie aber sagten: »Was ist das, Hodscha? Das ist ja nichts zu essen; das

ist doch klares Wasser.«

Der Hodscha antwortete: »Das ist die Tunke der Tunke des Hasen.«

98.

Der Hodscha sah einmal eine Schildkröte. Er sagte sich: »Das Tier gäbe

einen guten Träger«; damit packte er sie und hing sich an ihren Rücken.

Die Schildkröte bemühte sich, ihn von ihrem Rücken herunterzubekommen.

Er aber sagte: »Rühre dich, rühre dich nur; so wirst du dich daran

gewöhnen, deine Last zu tragen.«

Das ist ein Sprichwort geworden und ist weit und breit bekannt.

99.

Der Hodscha machte einmal Hochzeit und ließ dazu Einladungen ergehn.

Seine Nachbarn kamen und setzten sich zu Tisch, vergaßen aber, auch den

Hodscha zu rufen. Geärgert darüber, schrie er sie an: »Nun, seid ihr

noch nicht bald fertig?«

Als sie weggingen, suchten sie ihn lange vergeblich; sie folgten seiner

Fußspur und fanden ihn endlich. Da sagten sie zu ihm: »Wo bleibst du?

Komm doch endlich!«

Aber der Hodscha sagte: »Wer gegessen hat, mag auch mit der Braut zu

Bette gehn.«

100.

Der Hodscha unternahm einmal mit einer Karawane eine Reise in die

Stadt; als halt gemacht wurde, banden alle ihre Pferde an. Am nächsten

Morgen war nun der Hodscha außerstande, sein Pferd unter den andern

herauszufinden. Alsbald nahm er Bogen und Pfeil und schrie: »Leute, ich

habe mein Pferd verloren.«

Alle lachten und jeder nahm sein Pferd, und das eine, das so übrig

blieb, erkannte der Hodscha leicht als das seinige. Er nahm den Bügel,

setzte den rechten Fuß hinein und schwang sich in den Sattel; da saß

er nun verkehrt, mit dem Gesichte zum Hinterteil des Pferdes. Und die

andern schrien: »Aber Hodscha, warum steigst du verkehrt auf?«

Er antwortete: »Ich bin nicht verkehrt aufgestiegen; aber das Pferd

scheint linkshändig zu sein.«

101.

Der Hodscha hatte unter seinen Schülern einen Neger. Eines Tages goß

nun der Hodscha das Tintenfaß über seine Kleider und ging so zur

Schule; dort fragte man ihn: »Was hast du denn gemacht?«

Der Hodscha antwortete: »Ich habe mich verspätet, und da haben wir uns

sehr beeilt, der arme Teufel von Neger und ich; er hat geschwitzt, und

was ihr hier seht, ist sein Schweiß.«

102.

Eines Tages stieg der Hodscha auf die Kanzel und sagte: »Höret,

Muselmanen, ich will euch einen Rat geben; wenn ihr Kinder bekommt, so

gebt ihnen ja nicht den Namen Ejub[76].«

Man fragte ihn, warum, und er sagte: »Weil die Leute immer Ejb[77]

sagen.«

103.

Als der Hodscha einmal seine Waschung vornahm, reichte das Wasser nicht

aus. Er fing zu beten an, stand aber dabei nur auf einem Beine, wie

es die Gänse tun. Man fragte ihn: »Was tust du?« und er antwortete:

»Dieses Bein hat keine Waschung bekommen.«

104.

Eines Tages kam einer zum Hodscha, um bei ihm zu übernachten. Als es

dunkel wurde, legte sich der Hodscha nieder, und einen Augenblick

später löschte er das Licht aus. Da sagte der Fremde: »Das erloschene

Licht steht rechts von dir; gib es mir her, damit ich es anzünde.«

»Bist du verrückt?« antwortete der Hodscha; »wie soll ich denn in der

Finsternis wissen, wo rechts ist?«

105.

Der Hodscha wurde einmal gefragt: »Unter welchem Sternbild bist du denn

geboren?«

»Unter den Böcken.«

»Aber Hodscha, das gibt es ja gar nicht.«

»Als ich noch klein war, hat mir meine Mutter gesagt, ich sei unter den

Zicklein geboren.«

»Nun, Zicklein sind doch keine Böcke.«

»Dummköpfe, die ihr seid! Seither sind doch wohl vierzig oder fünfzig

Jahre vergangen; sind da die Zicklein vielleicht nicht zu Böcken

geworden?«

106.

Der Hodscha Nasreddin I. Band Türkische, arabische, berberische, maltesische, sizilianische, kalabrische, kroatische, serbische und griechische Märlein und Schwänke · 第 4 / 20 段