Einmal kam ein Dieb in das Haus des Hodschas, packte alles, was ihm

unter die Hände kam, zusammen, lud es sich auf den Rücken und ging weg.

Kaum war er draußen, als der Hodscha das übriggebliebene zusammenpackte

und sich damit belud; dann folgte er den Spuren des Diebes bis zu

dessen Haustür.

Dort sagte der Dieb: »Was willst du von mir?«

»Wieso?« sagte der Hodscha; »bin ich denn nicht richtig bei dem Hause,

wohin wir umgezogen sind?«

33.

Eines Tages wurde der Hodscha gefragt: »Verstehst du nicht Persisch?

Sprich ein wenig, damit wir uns überzeugen.«

Er antwortete ihnen in dieser Sprache: »Die Gans, die mein Grab höhlen

soll, fliegt noch im Gebirge; es haben sich Leute versammelt, aber sie

haben mich noch nicht in der Todesstarre gefunden.«

Da gingen sie eilfertig weg, ohne noch etwas weiter zu verlangen.

34.

Dem Hodscha war einmal Geld gestohlen worden. »O Herr,« rief er aus,

»bist du denn in Armut gefallen, daß du mir meine Ersparnisse genommen

hast?« Unter derlei Klagen ging er in die Moschee; dort verharrte er im

Gebete bis zum Morgen und dann ging er nach Hause.

In derselbigen Nacht war es geschehn, daß ein Schiff auf dem Meere

Sturmesnot litt, und die Seeleute hatten gelobt, wenn sie entrännen,

dem Hodscha ein Geschenk zu geben. Der Herr ließ es zu, daß sie heil

ans Land kamen; ihrem Gelübde treu, brachten sie nun dem Hodscha das

versprochene Geld.

»O Gott, o Gott,« schrie da Nasreddin, »wozu hast du es mir zu nehmen

brauchen, wenn du es mir nach einer außer Hause verbrachten Nacht

zurückgeben wolltest?«

35.

Eines Tages entlieh der Hodscha von seinem Nachbar eine große Pfanne.

Nachdem sie ihm ihren Dienst geleistet hatte, trug er sie zurück und

brachte zugleich ein kleines Pfännchen.

»Was soll denn das Pfännchen,« sagte der Nachbar, »das jetzt dabei ist?«

»Ach,« antwortete der Hodscha, »die Pfanne war schwanger, und das ist

das Junge.«

Der Nachbar nahm beides in Empfang. Kurze Zeit nach dieser Begebenheit

ging der Hodscha die Pfanne noch einmal entleihen. Fünf Tage wartete

der Nachbar vergebens, daß sie ihm zurückgestellt würde; dann pochte er

an die Tür des Hodschas. Der öffnete und fragte ihn: »Was willst du?«

»Meine Pfanne.«

»Wohl ergehe es dir, aber deine Pfanne ist gestorben.«

»Ja kann denn eine Pfanne sterben?«

»Natürlich; und warum solltest du es nicht glauben wollen, wo du doch

geglaubt hast, daß sie ein Junges bekommen hat?«

36.

Als der Hodscha einmal auf einem Begräbnisplatze herumging, sah er, wie

ein riesiger Hund einen Grabstein besudelte. Empört wollte er ihn mit

einem großen Prügel, den er in der Hand hatte, schlagen, aber der Hund

machte Miene, ihn anzufallen.

Da also der Hodscha sah, daß die Sache schief ging, rief er dem Hunde

zu: »Mach nur weiter, Freund, mach nur.«

37.

Der Hodscha fing eines Tages einen Storch; er trug ihn nach Hause, nahm

ein Messer, stutzte ihm den langen Schnabel und die langen Beine und

setzte ihn auf einen erhöhten Platz.

»So,« sagte er; »jetzt siehst du wenigstens einem Vogel ähnlich.«

38.

Eines Tages schluckte der Hodscha heiße Suppe; er stieß einen Schrei

aus und lief voll Aufregung auf die Straße hinaus: »Platz, Leute,

Platz! ich brenne im Leibe.«

39.

Ein Molla hatte Arabien, Persien, Indien und alle Länder durchwandert,

ohne daß es ihm gelungen wäre, eine gewisse Frage beantwortet zu

erhalten. Schließlich wurde ihm der Hodscha genannt; augenblicklich

machte er sich auf nach Akschehir. Auf dem Wege kaufte er um einen

Asper Granatäpfel und steckte sie zu sich. Im Gefilde von Akschehir

angekommen, sah er einen Mann in Sandalen und einem Filzmantel, der

den Acker bearbeitete, gleichwohl aber das Aussehn eines gebildeten

Menschen hatte; es war der Hodscha. Er trat auf ihn zu und grüßte ihn.

Der Hodscha erwiderte den Gruß und sagte: »Molla-Effendi, was gibt es

neues?«

»Ich will dir einige Fragen vorlegen; wirst du sie beantworten können?«

»Sicherlich. Aber es hat einmal einer gesagt: ›Ohne Geld hätte deine

Mutter deinem Vater nichts bewilligt‹; warum sollte ich dir einen

Gefallen tun?«

Der Molla nahm die Granatäpfel aus seinem Busen und bot sie dem Hodscha

an. Nun begann der die Fragen des Mollas zu beantworten, wobei er

einen Apfel nach dem andern verzehrte. Eben war er mit den Äpfeln

fertig geworden, als der Molla sagte: »Nun habe ich noch eine Frage.«

»Du täuschest dich, mein Freund; sind denn noch Äpfel da?«

»Ach,« sagte der Molla, »du scheinst mir ein tüchtiger Schelm zu sein;

an derlei Weisen ist kein Mangel.« Und damit machte er sich davon.

40.

Der Hodscha sah einmal eine Menge Enten, die sich in der Quelle eines

Baches tummelten. Er lief auf sie zu, um einige zu fangen, aber sie

flogen weg. Da setzte er sich an die Quelle und tauchte das Brot, das

er mitgebracht hatte, stückchenweise ins Wasser. Während er so das

feuchte Brot aß, kam ein Fußgänger vorüber, und der fragte ihn: »Was

ißt du?«

»Ententunke,« antwortete der Hodscha.

41.

Der Hodscha wollte einmal eine Leber nach Hause tragen; plötzlich aber

schoß ein Sperber aus den Lüften auf sie herab und entflog mit ihr.

Der Hodscha sah ihm nach, merkte aber, daß nichts mehr zu machen war.

Augenblicklich erstieg er einen erhöhten Ort; als er dann einen Mann

kommen sah, der auch eine Leber in der Hand hielt, entriß er sie ihm

und eilte damit auf die Spitze eines Felsens.

Der Mann schrie: »Warum beraubst du mich so, Hodscha?«

Der Hodscha antwortete: »Ich habe nur versucht, wie ich es machen

müßte, wenn ich ein Sperber wäre.«

42.

Um Hodscha kam einer, um Stricke zu entleihen. Der Hodscha ging ins

Haus, kam aber sogleich zurück und sagte, daß sie voll Mehl seien, das

auf ihnen trocknen solle. Der andere antwortete: »Trocknet man denn

Mehl auf Stricken?«

Nun sagte der Hodscha: »Je weniger gern man sie herleiht, desto eher

läßt man darauf Mehl trocknen.«

43.

Neben dem Hodscha ging einer; sie sahen sich gegenseitig an und traten

jeder in demselben Augenblicke ein paar Schritte zurück. »Ist es

erlaubt, Herr,« sagte der Hodscha, »dich zu fragen, wer du bist? ich

kenne dich nicht.«

Der andere antwortete: »Wieso bist du denn dann über meinen Anblick so

erstaunt gewesen?«

Der Hodscha erwiderte: »Ich habe gesehn, daß dein Turban ganz so ist

wie der meinige und daß dein Mantel derselbe ist wie der meinige; da

habe ich dich für mich gehalten.«

44.

Im Hause des Hodschas war einmal jemand krank, und man kam sich um sein

Befinden erkundigen.

Er antwortete: »Zuerst war er genesen, aber dann ist er gestorben.«

45.

Der Hodscha steckte seine Hühner in einen Käfig und ging damit nach

Siwri-Hissar. Unterwegs sagte er sich: »Diese armen Tiere sind

gefangen; ich will sie ein bißchen auslassen, o Herr.« Als sie aber in

Freiheit waren, liefen sie nach allen Seiten auseinander. Nun trieb der

Hodscha den Hahn mit einem Stocke in der Hand vor sich her und sagte

zu ihm: »Was? mitten in der Nacht weißt du, daß es Morgen wird, und am

hellichten Tag kennst du den Weg nicht?«

46.

Als der Hodscha eines Tages auf einem Begräbnisplatze neben dem Wege

ging, fiel er in ein altes Grab; nun sagte er sich: »Ich will sehn,

ob Munkar und Nakir kommen,« und legte sich der Länge nach nieder.

Während er also wartete, hörte er ein Geklingel von Glöckchen, die

sich näherten. Er dachte, der Tag der Auferstehung und des Gerichtes

sei gekommen, und stieg aus dem Grabmale. Da sah er, daß eine Karawane

hervorkam; bei seinem Anblicke wurden die Maultiere scheu und rannten

nach verschiedenen Seiten davon. Die Treiber liefen auf ihn zu, jeder

mit seinem Stocke bewaffnet, und fragten ihn, wer er sei.

»Ich bin ein Toter.«

»Und was tust du da?«

»Ich mache einen Spaziergang.«

»Nun, den wollen wir dir recht angenehm machen.« Und damit warfen sie

sich auf den Hodscha und prügelten ihn tüchtig durch; bald hatte er den

Kopf zerschlagen und die Augen braun und blau.

Als ihn seine Frau in dieser Verfassung heimkommen sah, fragte sie

ihn, woher er komme. Er antwortete: »Von den Toten; ich bin im Grabe

gewesen.«

»Wie geht es denn in der andern Welt zu?«

»Ach, Weib, vor einem hüte dich; mach nur ja die Maultiere nicht scheu,

die man treibt.«

47.

Man hatte den Hodscha als Gesandten zu den Kurden geschickt. Sofort

nach seiner Ankunft luden sie ihn zu einem Festmahle ein; er zog seinen

Pelzmantel an und ging hin. Mitten im Gespräch ließ er plötzlich einen

Furz; da sagten sie zu ihm: »Es ist eine Schande, Molla-Effendi, also

zu furzen.«

»Was?« schrie er; »wie hätte ich denn denken sollen, daß es die Kurden

verstehn, wenn man auf türkisch furzt?«

48.

Eines Tages ging der Hodscha mit seinem Amad[71] auf die Wolfsjagd.

Dieser war eben in die Höhle gekrochen, als der Wolf unversehens

zurückkam. Der Hodscha benutzte den Augenblick, wo der Wolf in dem

Loche verschwand, und packte ihn beim Schwanze. Daraufhin begann der

Wolf mit den Beinen zu scharren; der Staub drang dem Amad in die Augen,

und er schrie: »Hodscha, was ist das für ein Staub?«

Der Hodscha antwortete: »Wenn sein Schwanz reißt, wirst du noch einen

ganz andern Staub sehn!«

49.

Eines Tages stieg der Hodscha auf einen Baum; dann begann er den Ast,

auf den er sich gesetzt hatte, abzuhacken. Ein Vorübergehender sah

dies von unten und rief ihm zu: »He Freund, weißt du denn nicht, daß

du zugleich mit dem Aste, den du von dem Baume abschneiden willst,

herunterfallen wirst?«

Der Hodscha antwortete nichts; als er aber mit dem Aste

heruntergefallen war, begann er dem wohlmeinenden Ratgeber, der

weiterschritt, nachzueilen. Und er rief ihn an: »He Freund, da du

es vorausgesehn hast, wann ich herunterfallen werde, so mußt du mir

zweifellos auch sagen können, wann ich sterben werde.« Und bei diesen

Worten hielt er den Fremden fest.

Der antwortete, um von ihm loszukommen: »Wann dein Esel, während er

beim Ersteigen einer Anhöhe brällt, einen Furz läßt, so wird die Hälfte

deiner Seele entweichen; wann er dann den zweiten läßt, so wird sie

gänzlich von dir scheiden.«

Der Hodscha setzte seinen Weg fort; und bei der zweiten Mahnung warf er

sich zu Boden mit den Worten: »Ich bin tot.«

Es versammelten sich Leute um ihn, und die brachten eine Bahre, legten

ihn darauf und machten sich auf den Weg nach seinem Hause. Da kamen sie

an eine Pfütze, die es ihnen verwehrte, geradeaus weiterzugehn. Als

sie nun einander fragten: »Wie sollen wir da hinüberkommen?«, hob der

Hodscha sein Haupt und sagte: »Als ich noch am Leben war, bin ich immer

diesen Weg gegangen.«

50.

Einmal gedachte der Hodscha einen unterirdischen Stall zu machen[72].

Nun sah er auf einem Spaziergange in dem Keller eines seiner Nachbarn

eine Kuh und etliche Ochsen. Hoch erfreut darüber ging er wieder heim

und sagte zu seiner Frau:

»Was gibst du mir für eine gute Neuigkeit? ich habe einen Stall voll

Rinder gefunden, der noch so ist, wie er zur Zeit der Ungläubigen war.«

51.

Der Hodscha hatte zwei Töchter; die kamen ihn einmal beide besuchen,

und er fragte sie: »Wovon lebt ihr?«

Die eine sagte: »Mein Mann ist Bauer; er hat viel Korn gesät, und wenn

es regnet, wird er so viel haben, daß er mich kleiden kann.«

Die andere sagte: »Mein Mann ist Hafner; er hat viele Töpfe gemacht,

und wenn kein Regen kommt, so wird er so viel haben, daß er mir Kleider

kaufen kann.«

Nun sagte der Hodscha: »Eine von euch wird ja bekommen, was sie

wünscht; aber welche, das weiß ich nicht.«

52.

Eines Tages kam der Hodscha nach Siwri-Hissar; es war am Ende des

Ramasans und man wartete, daß es Neumond werde, weil dann das

Bairamfest beginnen sollte. Er sah eine Menge Leute versammelt, die

alle den Mond beobachteten, und da sagte er:

»Was ist denn an dem Monde so bemerkenswert? Bei uns zu Hause ist er so

groß wie ein Wagenrad, und es kümmert sich kein Mensch um ihn; hier, wo

er so dünn ist wie ein Zahnstocher, versammeln sich alle Leute, um ihn

zu betrachten!«

53.

Der Hodscha kam einmal in eine Stadt und sah dort die großen Röhren

einer Wasserleitung. Da fragte er einen Vorübergehenden: »Was ist das?«

Der antwortete: »Das ist das, womit wir Städter das Wasser ablassen.«

»Daraus läßt sich schließen,« versetzte der Hodscha, »wie euere Frauen

gebaut sein müssen.«

54.

Eines Tages ging der Hodscha in Akschehir spazieren. »Herr Gott,« rief

er aus, »gib mir tausend Goldstücke; eines weniger nehme ich nicht.«

Dieses Gebet hörte ein Jude, der in seiner Nähe war; neugierig, was

geschehn werde, tat er neunhundertneunundneunzig Goldstücke in einen

Beutel und warf ihn durch das Rauchloch in die Hütte des Hodschas.

Als der Hodscha den Beutel am Boden bemerkte, rief er aus: »O Herr,

du hast mein Gebet erhört.« Er öffnete den Beutel und zählte die

Goldstücke; da fand er, daß eines fehlte. Und er sagte: »Der, der mir

diese gegeben hat, wird mir auch noch das letzte geben; ich nehme sie

an.«

Bei diesen Worten wurde der Jude unruhig; hastig klopfte er an die

Tür des Hodschas: »Guten Tag, Hodscha-Effendi! Gib mir, bitte, die

Goldstücke da; sie gehören mir.«

»Bist du närrisch geworden, Krämer? Ich habe zu Gott, dem

Untrügerischen — gepriesen sei sein Name — gebetet, und er hat mich

erhört; wieso sollte dies Geld dir gehören?«

»Bei meiner Seele, es war ein Spaß.«

»Den Spaß verstehe ich nicht.«

»Ich habe es getan, weil ich dich sagen hörte, daß du eines weniger

nicht nehmen werdest.«

»Aber dann habe ich gesagt, daß ich sie nehme.«

»Gehn wir zu Gericht.«

»Zu Fuße gehe ich nicht hin.«

Nun brachte der Jude dem Hodscha ein Maultier, aber der sagte: »Auch

einen Pelz brauche ich noch.«

Der Jude brachte ihm noch einen Pelz, und nun gingen sie aufs Gericht

zum Kadi. Der fragte sie, was sie herführe, und der Jude sagte: »Der

Mann da hat mein Geld genommen und weigert sich, es zurückzugeben.«

Der Kadi sagte zum Hodscha: »Was hast du darauf zu erwidern?«

»Herr, ich habe Gott, den ewig wahrhaften — gepriesen sei sein Name

— um tausend Goldstücke gebeten, und er hat mich erhört; als ich dann

nachgezählt habe, fand ich um eines weniger. Trotzdem bin ich nicht

davon abgestanden, sie zu nehmen, Herr. Nun fordert sie der Jude da als

sein Eigentum ein, aber nicht nur sie, sondern auch den Pelz, den ich

trage, und das Maultier, auf dem ich hiehergekommen bin.«

»Gewiß gehört alles mir, Herr,« erwiderte augenblicklich der Jude.

Aber der Kadi schrie: »Zum Teufel mit dir, Jude!« Und unverzüglich

wurde der Jude mit Stockprügeln hinausgejagt.

Der Hodscha jedoch kehrte stillvergnügt mit Pelz und Maultier heim.

55.

Eines Tages nahm der Hodscha an einem Hochzeitsmahle teil; die Kleider,

die er anhatte, waren alt. Niemand kümmerte sich um ihn und es wurde

ihm keine Aufmerksamkeit erzeigt. Daraufhin ging er weg und lief nach

Hause, um seinen Pelz anzuziehn. Dann kehrte er zurück, und kaum war

er bei der Tür angelangt, als man ihn auch schon einlud, einzutreten.

»Setz dich, Hodscha-Effendi, wenn es dir beliebt, oben an die

Tafel,« sagte man zu ihm und überhäufte ihn mit Ehrenbezeigungen und

Aufmerksamkeiten.

Da faßte er die Ärmel seines Pelzes und rief: »Gebt, bitte, meinem

Kleide zu essen.«

Die Tischgenossen sahen ihn an und baten ihn, sich zu erklären. Und er

sagte: »Mein Kleid ist es, dem die Ehre erwiesen wird; warum soll es

nicht auch den Genuß haben?«

56.

Als der Hodscha einmal eine Stadt betrat, traf er das ganze Volk damit

beschäftigt, zu essen und zu trinken. Man bemerkte ihn, begrüßte

ihn artig und brachte ihm Speise und Trank. Das Jahr war aber

unfruchtbar. Wie nun der Hodscha so aß und trank, fragte er sich, wieso

die Lebensmittel an diesem Orte so im Überflusse vorhanden seien.

Schließlich bat er darüber um Auskunft.

»Bist du verrückt?« war die Antwort. »Heute ist doch das Bairamfest,

wo sich jedermann, je nach seinen Mitteln, mit Mundvorrat versorgt und

aufkochen läßt; der Überfluß dauert nur eine kleine Weile.«

Nun rief der Hodscha: »Wollte doch Gott, daß alle Tage Bairam wäre!«

57.

Eines Tages brachte der Hodscha eine Kuh auf den Markt; aber er mochte

herumgehn, wie er wollte, er konnte sie nicht verkaufen. Da sagte

einer, der vorüberging, zu ihm: »Warum führst du die Kuh herum und

verkaufst sie nicht?«

»Ach,« sagte der Hodscha, »seit aller Früh lasse ich sie ansehn; aber

wie ich sie auch angepriesen habe, verkaufen habe ich sie doch nicht

können.«

Nun nahm ihm der Mann die Kuh ab und führte sie selber herum, wobei er

rief: »Seht, wie jung sie ist, und dabei ist sie im sechsten Monate

trächtig.«

Im Nu kamen Kauflustige herbei, und bald hatte einer die Kuh um ein

hübsches Stück Geld erstanden. Der Hodscha nahm das Geld und ging nach

Hause, ganz verwirrt, als hätte er sich betrunken gehabt.

Unterdessen waren zu ihm einige Frauen auf Brautschau gekommen; er

hatte nämlich eine mannbare Tochter. Seine Frau sagte es ihm und setzte

hinzu: »Du bist nicht gerade der gescheiteste, Mann, drum halte dich

abseits. Ich will die Frauen empfangen und unsere Tochter loben, was

ich nur kann; vielleicht entschließen sie sich, sie zu nehmen.«

»Gib acht, Weib, was du sagst. Heute habe ich einen neuen Kunstgriff

gelernt, und da will ich hineingehn; paß nur auf, wie ich es anpacken

werde, um sie herumzubekommen.« Mit diesen Worten trat er zu den Frauen

hinein.

»Was willst du da?« schrien sie[73]; »hole uns deine Frau und deine

Tochter.«

»Meine Frau ist so mit Arbeit überhäuft, daß sie kaum weiß, was für

Eigenschaften ihre Tochter hat; in unserer Familie sind es übrigens

wir Männer, die die Gaben und Anlagen eines jeden beobachten und

beurteilen, und so bin ich bereit, euch über alles genau Auskunft zu

geben.«

»So zähle uns ein paar Einzelheiten auf, damit wir wissen, woran wir

sind.«

Der Hodscha sagte: »Sie ist noch sehr jung und seit sechs Monaten

schwanger; wenn das nicht stimmt, so bringt sie mir zurück.«

Die Frauen sahen eine die andere an und gingen weg.

Nun sagte das Weib des Hodschas: »Warum hast du so einen Unsinn

gesprochen? damit hast du sie vertrieben.«

»Sei unbesorgt,« antwortete er: »sie können weit und breit herumlaufen,

ohne daß es ihnen gelänge, ein solches Mädchen zu finden; sie werden

also wiederkommen. Kein Mensch hätte meine Kuh gekauft, wenn ich sie

nicht auf diese Weise angepriesen hätte.«

58.

Der Hodscha wollte sich seinen Turban umwinden, konnte aber die Enden

nicht aneinanderbringen; er wickelte ihn auf und wickelte ihn zu, doch

stets war es umsonst. Voll Ungeduld ging er, um ihn versteigern zu

lassen.

Als es dazu kam, trat einer näher, der entschlossen schien, ihn zu

kaufen. Aber der Hodscha machte sich an ihn heran und sagte heimlich zu

ihm: »Hüte dich wohl, ihn zu kaufen; er ist viel zu kurz.«

59.

Dem Hodscha wurde ein Sohn geboren; da kam einer zu ihm, um ihm die

frohe Nachricht zu überbringen.

Der Hodscha sagte: »Wenn mir ein Sohn geboren worden ist, so muß

ich sicherlich Gott dafür danken; aber warum sollte ich auch dir

erkenntlich sein?«

60.

Zum Hodscha kam einer, um dessen Esel zu entleihen. »Warte,« sagte der

Hodscha, »ich will ihn erst einmal befragen; ist es ihm recht, so ist

die Sache gemacht.«

Er ging ins Haus, blieb einen Augenblick drinnen, kam wieder heraus

und sagte: »Der Esel ist es nicht zufrieden; er sagt, er würde, wenn

ich ihn herliehe, über die Ohren geschlagen werden, und mich würde man

auslachen.«

61.

Der Hodscha stieg einmal auf seinen Esel und ritt in seinen Garten.

Als er nun wegen eines kleinen Bedürfnisses abseits gehn mußte, zog

er seinen Pelz aus und legte ihn auf den Sattel des Esels. Da kam ein

Dieb, packte den Pelz und entwich.

Der Hodscha kam zurück und sah, was geschehn war; unverzüglich nahm er

dem Esel den Sattel ab, um ihn sich selber aufzulegen, gab dem Esel

einen Peitschenhieb und sagte: »Gib mir meinen Pelz wieder, und ich

gebe dir deinen Sattel.«

62.

Eines Tages ritt er wieder auf seinem Esel aus. Wieder mußte er ein

Bedürfnis befriedigen und wieder legte er seinen Pelz auf den Esel.

Ein Mann, der ihn beobachtet hatte, packte den Pelz und wollte damit

weglaufen. In diesem Augenblicke begann der Esel zu brällen.

»Du magst schreien und brällen,« sagte der Hodscha, »nützen wird es

nichts.«

Der Dieb aber, der das hörte, legte in der Meinung, der Hodscha habe

ihn gesehn, eiligst den Pelz wieder hin und entlief.

63.

Der Hodscha hatte seinen Esel verloren und er erkundigte sich um ihn.

Da sagte einer: »Ich habe ihn dort und dort als Kadi gesehn.«

»Das wundert mich gar nicht,« sagte der Hodscha; »denn wann ich

Unterricht erteilte, spitzte er immer die Ohren dorthin, wo er mich

sprechen hörte.«

64.

Der Hodscha ging ins Gebirge Holz fällen; da begegnete er einem Manne,

der einen sonderlich lebhaften Esel ritt. Der Mann kam näher und ritt

an dem Hodscha vorbei. Der rief ihm nach: »Warte ein bißchen; ich muß

dich um etwas fragen.«

Der Mann hielt an.

Nun sagte der Hodscha: »Wieso läuft denn dein Esel so schnell? Der

meinige geht nicht vom Flecke. Was wendest du an?«

»Was gibst du mir,« antwortete der andere, »wenn ich dirs mitteile?«

»Einen Bienenstock.«

»In der Stadt gibts jetzt roten Pfeffer. Davon kaufe dir. Hierauf geh

ins Gebirge, fälle dein Holz, nimm, wann du es dem Esel aufgeladen

hast, ein wenig von diesem Pfeffer und stecke es ihm in den Hintern.

Dann paß auf: du wirst sehn, wie schnell er laufen wird.«

Auf der Stelle kehrte der Hodscha um, um unverzüglich in die Stadt zu

gehn und roten Pfeffer zu kaufen. Dann ging er wieder ins Gebirge,

fällte Holz, belud den Esel und steckte ihm ein wenig Pfeffer in den

Hintern. Sofort setzte sich der Esel in Galopp, und zwar so, daß ihm

der Hodscha nicht folgen konnte.

Er sagte sich: »Das Mittel dieses Menschen ist wahrhaftig gut; wenn ich

es selber anwendete, sollte ich da nicht auch so feurig werden? Ich

will es versuchen.«

Mit diesen Worten steckte er sich ein wenig hinein; da verspürte er ein

derartiges Brennen, daß er zu laufen begann wie das Feuer und den Esel

überholte. So kam er zu Hause an.

Seine Frau sagte zu ihm: »Was hast du denn?«

»Jetzt ist nicht Zeit zu reden,« antwortete der Hodscha. »Der Esel

kommt nach; lade ihn ab. Inzwischen will ich noch ein paarmal durchs

Dorf laufen.«

65.

Einmal kam einer zum Hodscha und wollte dessen Esel geliehn haben. Der

Hodscha antwortete: »Er ist nicht zu Hause.«

Kaum waren diese Worte gesprochen, als man den Esel drinnen brällen

hörte.

»Aber Effendi,« sagte der Mann, »du sagst, der Esel sei nicht zu Hause,

und er brällt drinnen.«

»Was?« antwortete der Hodscha, »dem Esel glaubst du, und mir Graubart

glaubst du nicht? Du bist ein ganz sonderbarer Mensch.«

66.

Der Hodscha sagte eines Tages zu seiner Frau: »Woran erkennst du es,

daß ein Mensch tot ist?«

Sie antwortete: »Daß seine Hände und Füße kalt sind.«

Etliche Tage darauf ging der Hodscha ins Gebirge um Holz; unterm Gehn

fror ihn an Hand und Fuß. Da schrie er: »Jetzt bin ich tot«; damit

legte er sich unter einem Baume nieder.

Es kamen Wölfe, und die begannen seinen Esel zu fressen. Nun sagte der

Hodscha: »Das ist freilich eine hübsche Gelegenheit für euch, wenn der

Herr des Esels gestorben ist.«

67.

Der Hodscha fällte einmal Holz in den Bergen, als sich ein Wolf

daranmachte, seinen Esel zu zerreißen; und der Hodscha bemerkte das

nicht eher, als bis der Wolf seine Beute davonschleppte. Nun rief ihm

einer zu, er solle acht geben, was geschehe.

Aber der Hodscha erwiderte: »Wozu schreist du jetzt? Gefressen hat der

Wolf, was er wollte; warum soll ich ihn den Berg hinauf abhetzen?«

68.

Der Hodscha wollte einmal seinen Esel verkaufen und führte ihn auf den

Markt; auf dem Wege beschmutzte sich der Esel seinen Schwanz mit Kot.

Ohne zu zaudern, schnitt er ihm ihn ab und steckte ihn in den Sack. Als

er dann den Esel zum Kaufe ausbot, kam einer und sagte: »Du, dein Esel

hat keinen Schwanz, man hat ihn ihm abgeschnitten.«

Der Hodscha antwortete: »Kauf ihn nur ruhig; der Schwanz ist nicht

weit.«

69.

Der Hodscha kam von einem langen Ritte zurück; sein Esel, der arg

durstig geworden war, bemerkte ganz in seiner Nähe eine Pfütze, deren

Ränder aber sehr steil abfielen. Kaum hatte er das Wasser gesehn, so

sprengte er darauf zu; und er war schon daran, sich hinunterzustürzen,

als die Frösche, die dort hausten, zu quaken begannen. Erschreckt wich

der Esel zurück.

Der Hodscha lief hin, packte ihn und schrie: »Schönen Dank, meine

lieben Sumpfvögel; da habt ihr auch etwas, um euch Kuchen zu kaufen.«

Und er warf ihnen ein Dreiparastück ins Wasser.

70.

Der Hodscha Nasreddin I. Band Türkische, arabische, berberische, maltesische, sizilianische, kalabrische, kroatische, serbische und griechische Märlein und Schwänke · 第 3 / 20 段