So . . . --

Denken Sie sich ein unendlich langes Seil; und denken Sie sich Ihren Körper

in der Mitte an das Seil festgebunden; dann wird das Seil um sich selbst

gedreht -- mit rasender, unbeschreiblicher, fabelhafter Geschwindigkeit;

losgelassen beginnen Sie dann in immer sich erweiternden Kreisen, den Kopf

nach unten, durch den Raum zu fliegen; Spiralen bildend fliegen Sie immer

weiter bis zu den luftleeren Atmosphären; und Sie werden dann, ein

Erdentrabant, sich immer weiter von der Erde entfernen und in die

kosmischen Unermeßlichkeiten fliegen, den kosmischen Raum im Nu überwindend

und zu diesem Raum selbst werdend.

Von so einem Wirbelsturm werden Sie erfaßt, wenn Ihre Seele den Körper als

unnötigen Ballast von sich geworfen hat.

Dann: stellen Sie sich noch vor, daß jeder einzelne Punkt Ihres Körpers den

wahnsinnigen Trieb bekommt, sich auszubreiten, sich maßlos grauenhaft

auszubreiten (z. B. den Platz der Saturnbahn im Durchmesser einzunehmen);

und denken Sie sich, daß sie dabei nicht einen Punkt Ihres Körpers, sondern

alle zugleich empfinden, die aber bis zu solchem Grade erhitzt, verdünnt

sind, daß Sonne und Planeten ganz frei zwischen den Molekülen Ihres Körpers

hindurchgehen; denken Sie sich auch noch, daß Sie Ihre zentripetale Kraft

völlig verloren haben und Ihr Körper in seinem Ausbreitungsbestreben in

Teile zerrissen wird, einheitlich aber dabei nur das Bewußtsein bleibt: das

Bewußtsein der zerrissenen Empfindungen.

Wie wären dann Ihre Empfindungen?

Wenn Sie sich diese Empfindungen körperlich vorstellen könnten, dann hätten

Sie ein Bild von dem Leben der Seele bekommen, in ihrem ersten Stadium,

nachdem sie sich vom Körper befreit . . .

* * *

Lipantschenko blieb in der Mitte des tanzenden Zimmers mit der flackernden

Kerze in der Hand stehen; der massige Schattenkörper, Lipantschenkos Seele,

hing mit dem Kopfe an der Zimmerdecke; Lipantschenko hatte weder für seinen

Schatten noch für die Schatten der Gegenstände irgendwelches Interesse. Ihn

interessierte vielmehr ein bekanntes und gar nicht geheimnisvolles

Geräusch.

Er empfand einen besonderen Ekel vor Schaben; und jetzt sah er Dutzende

dieser Geschöpfe; vom Licht überrascht huschten sie eilig in ihre Löcher

zurück; und -- Lipantschenko ärgerte sich:

»Ihr Verfluchten! . . .«

Er holte aus der Ecke einen Besen mit langem Stiel, den er dort stehen

hatte.

»Na, wartet nur! . . .«

Er stellte die Kerze auf den Fußboden; mit dem Besen bewaffnet, erkletterte

er einen Stuhl; der schwere, keuchende Körper streckte sich jetzt nach

oben; die Blutgefäße schwollen ihm vor Anstrengung an, die Muskeln wurden

ordentlich dick; er jagte mit dem Besen wie besessen hinter dem Haufen

davoneilender Schaben her; eins -- zwei -- drei! -- und es knackte unter

dem Besen: knack, knack, an den Wänden, an der Zimmerdecke, in der Ecke,

da, wo die Etagere stand.

»Acht . . . zehn . . . elf . . .« hörte man ein Flüstern; und nach jedem

Knacken fielen schwarze Flecke auf den Boden.

Jeden Abend vor dem Schlafengehen vernichtete er gewohnheitsmäßig einen

Haufen Schaben; dann erst begab er sich zu Bett.

Ehe er sich zu entkleiden begann, leuchtete er mit der Kerze unter das Bett

(seit einiger Zeit war ihm das zur Gewohnheit geworden).

Jetzt saß er auf dem Bett mit auseinandergehaltenen Beinen, haarig und

nackt; deutlich zeichneten sich auf seiner Brust die weiblich runden

Formen.

Lipantschenko schlief nackt.

Der Kerze schräg gegenüber, zwischen der Fensterecke und dem Schrank, trat

aus dem Dunkel der Nische eine sonderbare Figur hervor: die eine dort

hängende Hose bildete; immer nahm sie die Gestalt -- des sie Anblickenden

an; wiederholt hatte Lipantschenko den Platz für seine Hose gewechselt;

doch kam immer dasselbe heraus: immer nahm sie die Gestalt des sie

Anblickenden an.

Das erblickte er auch jetzt.

Und als er seine Kerze ausgelöscht hatte, bewegte sich die Gestalt und

zeichnete sich noch deutlicher vor ihm; er streckte die Hand nach dem

Vorhang aus; kupfergrünes Licht ergoß sich ins Zimmer, von dort her, aus

der Ferne, aus dem weißen Blei der Wölkchen stürzte die flammende Scheibe

ins Zimmer herein; und . . .

Dort, vor der kupfergrünen Wand -- dort! -- stand die kleine Gestalt, mit

kreidigem, totem Gesicht: wie ein -- Clown; und lächelte mit weißen Lippen.

Mit nackten Füßen eilte Lipantschenko zur Tür; er vergaß, daß er dieselbe

geschlossen hatte, und stieß mit Brust und Bauch gegen sie an; da aber

wurde er plötzlich zurückgerissen; ein siedend heißer Strahl übergoß seinen

nackten Rücken vom Schulterblatt bis unten; er fiel aufs Bett, und es wurde

ihm klar, daß ihm der Rücken durchschnitten wurde; so wird die weiße glatte

Haut eines Ferkels durchschnitten; kaum hatte er begriffen, was mit ihm

geschehen war, als er denselben siedenden Strahl -- unter dem Nabel fühlte.

Und etwas zischte dort spöttisch hervor; irgendwo tauchte in ihm der

Gedanke auf, daß es Gase wären, da ja sein Bauch aufgeschlitzt war; den

Kopf über den unsinnig vorstehenden Bauch gebeugt, sank er schläfrig in

sich zusammen und fuhr mit der Hand über die klebrige Flüssigkeit -- auf

seinem Bauch und auf dem Bettuch.

Das war Lipantschenkos letzter, bewußter Eindruck von der banalen

Wirklichkeit; jetzt entströmte allmählich das Bewußtsein; seine ungeheure

Peripherie sog in sich die Planeten ein; und empfand sie -- als ihm

gehörige, voneinander getrennte Organe; in den Erweiterungen des Herzens

schwamm die Sonne; die Wirbelsäule glühte von der Berührung der

Saturnmassen; im Bauch öffnete sich ein Vulkan.

Währenddessen saß der Körper mit sinnlos auf die Brust heruntergesunkenem

Kopf, die Pupillen auf den eigenen, geschlitzten Bauch gerichtet; plötzlich

fiel er um, mit dem Bauch gegen das Bettuch; der herunterhängende Arm

berührte den mit Blut bedeckten Bettvorleger; der Kopf mit abstehendem

Kiefer drehte sich seitwärts gegen die Wand und starrte mit unbeweglichen

Pupillen die Tür an; die haarlosen Brauenbogen schimmerten in fettigem

Glanz; auf dem Bettuch zeichneten sich die Spuren von fünf blutigen

Fingern; irgendwo heraus ragte eine dicke Ferse.

* * *

Der Busch kochte; weißmähnige Streifen flogen von der Bucht her; sie

erreichten das Ufer als bauschige Gischt; sie leckten den Sand; wie fein

geschliffene, gläserne Messerschneiden glitten sie über den Sand; sie

erreichten die kleinen, salzigen Teiche, füllten sie mit gelöstem Salz und

liefen zurück. Durch das Astwerk des Busches sah man ein Fahrzeug auf den

Wellen schaukeln -- türkisblau, gespensterisch; seine spitzflügeligen Segel

schnitten dünne Schichten von der Luft ab; der neblige Dunst schien auf der

Oberfläche der Segel verdickt.

* * *

Als man am Morgen eintrat, gab es keinen Lipantschenko mehr, es gab nur --

eine Blutlache, eine Leiche; dann fand man hier eine männliche Gestalt mit

lächelndem, weißem Gesicht; diese Gestalt hatte ein kleines

Schnurrbärtchen; das war nach oben gedreht; ganz seltsam: der Mann saß

rittlings auf dem Toten; er hielt in der Hand eine Schere; diese Hand

streckte er vor, von der Nase her über die Lippen kroch ihm eine Schabe.

Er schien geistesgestört zu sein.

Ende des siebenten Kapitels.

Petersburg · 第 103 / 112 题