Auf dem Tisch stand der Samowar; daneben stand ein Teller mit dem Rest
eines Koteletts; man sah eine Frauennase und dazu ein unangenehmes, etwas
verlegenes, verstimmtes Gesicht. Mit einem Arm auf den Tisch gestützt saß
dort Lipantschenko; der andere Arm hing frei vom Sessel herunter,
auffallend war die Breite der Handfläche, die Kürze der fünf Finger, die
wie abgehackt aussahen . . . --
In zwei Sprüngen befand sich die schwarze Gestalt wieder in den Büschen;
sie wurde von unbeschreiblichem Mitleid erfaßt; der Wind seufzte in den
Zweigen; die Gestalt flüsterte leidenschaftlich in den Busch:
»Das geht doch nicht so einfach . . . Das geht doch nicht . . . Es ist ja
noch nichts bewiesen . . .«
* * *
Lipantschenko wandte sich von der seufzenden Sofja Sacharowna ab und
streckte die Hand nach der -- denken Sie sich nur! -- an der Wand hängenden
Geige.
»Man hat draußen allerlei Unannehmlichkeiten zu ertragen, nun kommt man
nach Hause und -- nein so was . . .«
Er griff nach dem Stück Harz und begann wütend damit über den Bogen zu
fahren; mit schüchterner Grimasse, die seiner Stellung in der Partei
keinesfalls entsprach, begann er die Saiten zu probieren:
»Da kommt man einem mit verweintem Gesicht entgegen . . .«
Er drückte die Geige gegen den Leib und beugte sich über sie, tief; das
breite Ende auf die Knie gestützt hielt er das schmale mit dem Kinn fest
und zog an einer Saite:
Don! tönte es.
Sein Kopf neigte sich auf die Seite; mit fragendem, halb listigem, halb
wehmütigem Ausdruck sah er Sofja Sacharowna an und schnalzte mit der Zunge;
als ob er fragen wollte:
»Haben Sie gehört? Haben Sie gehört?«
Sie saß auf einem Stuhl; mit halb gerührtem, halb verärgertem Gesicht sah
sie auf Lipantschenko und auf seine Finger, die die Saiten spannten.
»So ist's besser!«
Und er lächelte; beide lächelten; beide nickten einander zu; er mit
verjüngtem Gesichtsausdruck; sie mit einer Verlegenheit, hinter der sich
Stolz und Verehrung verbarg.
»Ach, was sind Sie doch für ein unverbesserliches Kind!«
Bei diesen Worten drehte Lipantschenko, trotzdem er einem Nashorn ungemein
ähnlich sah, mit behender, rascher Bewegung der linken Hand seine Geige um,
drückte blitzschnell den breiten Geigenrand gegen die Schulter, auf die
sein dicker Kopf niederfiel; die Finger umklammerten die Geigensehnen:
»Na also!«
Die Hand mit dem Bogen machte eine schwungvolle Bewegung und blieb --
erstarb -- in der Luft; mit zartester Berührung glitt dann der Bogen über
die Saiten, ihm folgte die linke Hand, dann der ganze Arm; auch der Kopf
und schließlich der ganze Körper neigten sich auf die Seite, dem Bogen
nach.
Der Sessel unter Lipantschenko knirschte; dieser konzentrierte seine ganze
Kraft darauf, einen recht zarten Ton von sich zu geben; im Zimmer erklang
plötzlich seine heisere, aber nicht unangenehme Baßstimme:
»Laas aab von miir . . .«, sang Lipantschenko.
»Es ist umsonst«, fielen die zarten, leise seufzenden Saiten ein.
». . . aab von miir«, sang mit auf die Seite geneigtem Körper
Lipantschenko, der in dem unstillbaren Bestreben aufzugehen schien: einen
recht zarten Ton von sich zu geben.
In ihrer Jugend hatten sie oft zusammen diese Romanze gesungen, die man
jetzt nicht mehr singt.
* * *
»Tsss!«
»Hörst du?«
»Das Fenster?«
»Ich will nachsehen, was das war.«
* * *
Der Busch kochte. Ein runder, stirnloser Knorren streckte sich gegen den
Mond, vom einzigen Streben erfüllt: begreifen, um jeden Preis begreifen;
begreifen oder in Stücke zerfallen; vom astreichen Stamm erhob sich dieser
alte, stirnlose Knorren, von Moos und krustiger Rinde überwuchert; er
streckte sich gegen den Wind; er flehte um Schonung -- um Schonung, sei was
will. Vom ästigen Stamm löste sich wieder die kleine Gestalt; sie schlich
sich zum Fenster; jetzt war ihr der Rückzug abgeschnitten; es blieb ihr
nichts weiter übrig als: das Begonnene zu vollenden. Jetzt befand sie sich
. . . in Lipantschenkos Schlafzimmer. Voll Ungeduld erwartete sie sein
Hereintreten.
* * *
Auch Schufte haben das Bedürfnis, sich ein Schwanenlied zu singen.
»Die Ve--erlok--kungen-- früüheerer Taa--ge, sie sind deem Ent--täuschten
freemd . . . Ich glau--beee den Schwüü--reen niicht mehr . . .«
»Ich glau--be--der--Liiebe nicht meeehr . . .«
Wußte er, was er sang? Und was er spielte? -- Und warum er so traurig war?
Warum seine Kehle sich schmerzhaft zusammenzog? . . . Lipantschenko
verstand das ebensowenig, wie er die sanften Töne nicht verstand, die er
aus der Geige hervorbrachte . . . Nein, sein Stirnknochen konnte es nicht
verstehen: seine Stirn war schmal, mit Querfalten bedeckt: sie schien zu
weinen.
So hat Lipantschenko an einem oktoberlichen Abend sein Schwanenlied
gesungen.
* * *
Und? . . .
So!
Nun war er mit dem Singen und Spielen fertig; er legte die Geige auf den
Tisch, wischte sich den Schweiß vom Gesicht; langsam wiegte sich sein
unanständiger, spinnenartiger, fünfundvierzigjähriger Bauch; endlich nahm
er ein Licht und begab sich in sein Schlafgemach; auf der Schwelle drehte
er sich noch einmal um, seufzte und überlegte sich etwas; Lipantschenkos
ganze Gestalt sprach eine dumpfe, heimliche Trauer.
Und -- er versank in Dunkelheit.
Die Kerzenflamme zerschnitt die vollständige Dunkelheit des Zimmers; das
rotgelbe Licht verteilte sich in der höllischen Finsternis; und wie Radien
um ein tanzendes Lichtzentrum bewegten sich Teile der Dunkelheit als
Schatten der hier befindlichen Gegenstände; und hinter den dunklen,
langgezogenen Dreiecken und den Schatten der Gegenstände erhob sich, von
den Füßen Lipantschenkos jäh hervorgekrochen, die dicke Schattengestalt und
begann sich geschäftig rasch im Kreise zu bewegen.
Über den Tisch und den Stuhl schwang sich die stumme, häßliche
Schattengestalt auf die Wandfläche, in schräge Dreiecke zerteilt, qualvoll
zerrissen, als ertrüge sie jetzt schon alle Qualen der Vorhölle.
So wird die Seele, den Körper wie einen unnötigen Ballast von sich
abwerfend, von seelischen Wirbelstürmen erfaßt: die Wirbelstürme jagen den
Seelenraum. Unser Körper ist nur ein Schifflein; und er rast durch den
Seelenozean vom geistigen Festland zum -- geistigen Festland.