Höllische Finsternis

Höllische Finsternis umfing sie in dem unbeleuchteten Stiegenhaus (wie im

ersten Augenblick nach dem Tode); man hörte das Keuchen des Offiziers, und

hinter ihm reihten sich wie Perlen einzeln gesprochene Worte.

»Ich . . . bin hier gestanden . . . hier . . . Ich bin nur so . . .

gestanden . . .«

»So machen Sie es, Nikolai Apollonowitsch? So machen Sie es?«

»Ein vollständiger Nervenanfall . . . Krankhafte Vorstellungsassoziationen

. . .«

»Assoziationen? . . . Warum kommen Sie nicht? . . . Wie sagten Sie --

Assoziationen?«

»Der Arzt sagte . . . Warum ziehen Sie mich am Arm? Ich kann doch selbst

gehen . . .«

»Sie brauchen aber auch nicht meinen Arm zu packen . . . Bitte, lassen Sie

mich los . . .«

»Aber es fällt mir ja gar nicht ein . . .«

»Der Arzt sagte -- der Arzt sagte: eine ganz selten vorkommende . . .

Gehirnzerrüttung; der Domino und alles andere: nur Gehirnzerrüttung . . .«

Plötzlich ertönte von oben eine gut genährte, laute Stimme:

»Guten Abend!«

Jemand stand vor der Wohnungstür der Lichutins.

»Wer ist da?«

Unzufrieden klang Lichutins Stimme in der Finsternis.

»Wer ist da?« fragte auch Ableuchow sehr erleichtert; die ihn festhaltende

Hand löste sich von ihm, und zu seiner großen Freude hörte er jemand ein

Streichholz reiben.

Die fremde, gut genährte Stimme fuhr laut fort:

»Ich stehe da schon eine ganze Weile . . . Habe ein paarmal geläutet -- es

macht niemand auf. Und plötzlich bekannte Stimmen.«

Die Streichholzflamme beleuchtete eine weißgepflegte Hand, die einen Bund

wundervoller Chrysanthemen hielt; hinter ihnen zeichnete sich die

stattliche Figur Werhefdens.

»Wie? Sind Sie es, Ssergeij Ssergeijewitsch?«

»Sie sind bartlos?«

»Sie sind in Zivil? . . .«

Er tat, als bemerkte er erst jetzt Ableuchow (unsererseits sagen wir aber,

daß er Ableuchow schon im ersten Augenblick gesehen hatte), rieb ein neues

Streichholz und maß ihn mit den Blicken, wobei er die Brauen hochhob.

»Auch Nikolai Apollonowitsch? . . . Wie geht es Ihnen, Nikolai

Apollonowitsch? Nach dem gestrigen Abend dachte ich . . . Sie hatten sich

nicht wohl gefühlt? . . . Sie sind etwas stürmisch aus dem Ballsaal

verschwunden . . . Seit dem gestrigen Abend . . .«

Wieder flammte ein Streichholz auf; zwei spöttische Augen blickten hinter

den Chrysanthemen hervor: Werhefden wußte, daß das Lichutinsche Haus vor

Ableuchow geschlossen war; als er bemerkt hatte, daß dieser jetzt,

offensichtlich gegen seinen eigenen Willen, hierher geschleift wurde, hielt

er es als gut erzogener Mensch für seine Pflicht, sich zu entfernen.

»Ich störe doch nicht? . . . Ich muß nämlich gleich gehen . . . Wir haben

unglaublich viel zu tun . . . Ihr Herr Vater, Apollon Apollonowitsch,

erwartet mich . . . Ein Generalstreik scheint in Vorbereitung zu sein, da

gibt's nun viel Arbeit für uns . . .«

Ehe ihm geantwortet werden konnte, ging die Tür eilig auf; eine weiße,

steife Haube mit einem Schmetterling obenauf erschien in der Öffnung.

»Marwruscha, ich komme nicht zu Besuch . . .«

»Bitte den Herrn, einzutreten: die gnädige Frau ist zu Hause.«

»Ach nein, Marwruscha, übergeben Sie nur bitte diese Blumen der gnädigen

Frau von mir . . . Das ist eine frühere Schuld« -- wandte er sich mit einem

Lächeln an Lichutin und zuckte mit den Achseln, wie der Mann einem anderen

zulächelt und mit den Achseln zuckt, nachdem sie gemeinsam einen Abend in

Gesellschaft mit Damen zugebracht hatten . . .

»Ich bin sie Sofja Petrowna schuldig geblieben für die vielen verunglückten

Witze . . .«

Und wieder lächelte er; dann erinnerte er sich:

»Also, auf Wiedersehen, lieber Freund. Adieu, Nikolai Apollonowitsch: Sie

sehen übermüdet aus, nervös . . .«

Wie Schrotkugeln rollten seine Schritte die Treppe hinunter; von unten

klang noch herauf:

»Sie sollten nicht so viel mit ihren Büchern . . .«

Nikolai Apollonowitsch wollte beinahe hinunterrufen:

»Ich komme mit, Hermann Hermanowitsch; ich muß auch schon gehen, haben wir

nicht denselben Weg? . . .«

Aber die Schritte verstummten -- und bum! fiel das Haustor ins Schloß.

Da fühlte sich Nikolai Apollonowitsch wieder ganz verlassen; und wieder

wurde er festgehalten, jetzt nun endgültig, vor Marwruscha. In seinem

Gesicht malte sich Grauen, während das von Marwruscha deutliche Spuren von

Erstaunen und Angst zeigte; dagegen drückten die Gesichtszüge des Offiziers

unverhehlte, geradezu satanische Freude aus; mit Schweiß überdeckt zog er

sein Taschentuch hervor, während er mit der freien Hand den widerstrebenden

Studenten gegen die Tür schob.

So geschmeidig sich auch die Figur Nikolai Ableuchows im Ausweichen zeigte

-- er wurde endlich doch in die offene Tür geschoben.

»Bitte einzutreten . . .«

Er war also doch da; aber im Vorzimmer erblickte er bekannte Gegenstände,

die eichenimittierte Wandverkleidung mit dem Spiegel in der Mitte; und mit

dem letzten Rest von Würde meinte er:

»Ich halte mich nur einen Augenblick auf.«

Beinahe hätte er seinen Überwurf nach alter Gewohnheit Marwruscha

zugeworfen. Uff -- diese Hitze und das Parfüm. Da vergeht einem das Denken.

Doch trat Ssergeij Ssergeijewitsch dazwischen und zischte Marwruscha leise

zu:

»Gehen Sie in die Küche . . .«

Und ohne die Höflichkeitsformen zu beachten, die er als Wirt des Hauses

seinem Besuch schuldete, schob er ganz unzart den breitkrempigen Hut und

den fliegenden Überwurf zusammen mit Nikolai Apollonowitsch in das Zimmer,

in dem die Fuji-Jamas an den Wänden hingen.

Nikolai Apollonowitsch erblickte flüchtig das rosa Kimono: es verschwand

eilig im Nebenzimmer, und die Tür schloß sich hinter ihm.

In seiner ungewollt raschen Fahrt durchs Zimmer merkte Ableuchow die hier

vorgegangenen Veränderungen nicht: weder die Spuren des abgefallenen, nur

notdürftig weggeschafften Schutts noch das klaffende Loch in der

Zimmerdecke. Als er aber seinen ängstlich fletschenden Mund in die Richtung

seines Henkers wandte, da erblickte er . . .

Die Tür zu Sofja Petrownas Zimmer ging ein wenig auf, und im Spalt zeigte

sich ein Kopf: Nikolai Apollonowitsch sah nur -- zwei Augen; voll Grauen

sahen ihn diese Augen aus einer schwarzen Haarflut an.

Aber kaum hatte er ihnen seinen Blick zugewandt, da sahen sie weg, und es

ertönte der Ruf:

»Ach, ach!«

Sofja Petrowna sah: ihr Gatte, der Offizier, mit schweißbedecktem Gesicht,

bemühte sich krampfhaft, den Überwurf des Nikolai Apollonowitsch

festzuhalten, während dieser ebenfalls mit vor Schweiß feuchter Stirn sich

zu entwinden suchte. Seine Stiefelabsätze stemmten sich gegen den Teppich,

rutschten aus, und der Teppich zog sich in große Falten zusammen.

Hier hatte Ableuchow Sofja Petrowna erblickt; weinerlich rief er ihr zu:

»Bitte, Sofja Petrowna, lassen Sie uns allein; was wir Männer miteinander

. . .«

Da löste sich sein Überwurf von ihm und flog wie ein phantastischer Vogel

auf das Sofa.

Seine Absätze glitschten auf dem Teppich aus, und einen Augenblick verlor

er das Gleichgewicht; balancierend suchte er irgendeinen festen Punkt zu

erhaschen; dieser feste Punkt erwies sich aber als die nichtgeschlossene

Tür zu Lichutins Zimmer; die Tür öffnete sich und wie ein Stein fiel

Ableuchow nieder: das Unbekannte verschlang ihn.

Petersburg · 第 97 / 112 题