Die schäumenden Wasser des Kanals wälzten sich gegen die Stelle, an der der
Wind, aus der öden Ferne des Marsfeldes kommend, stöhnte: ein schrecklicher
Ort!
Am Rande dieses schrecklichen Ortes prangt ein herrlicher Palast; sein nach
oben ragender Turm gibt ihm das Aussehen eines wunderschönen Schlosses:
rosarot, steinschwer; ein Gekrönter lebte in diesen Mauern; schon lange ist
es her: der Gekrönte weilt längst nicht mehr unter den Lebenden.
Seiner Seele, o Herr, sei in deinem Reiche gnädig!
Der rosenrote Palast hob sich mit seinen nach oben ragenden Dächern von den
vollständig blätterlosen, knorrigen Ästen der Umgebung ab; in wirrem
Durcheinander streckten sich die Zweige gegen den Himmel und fingen die
weißgrauen Nebelbausche auf; ächzend flog, pfeilgerade, eine Krähe auf; sie
flog auf, schwebte eine Weile in den Nebelflocken und stürzte sich wieder
hernieder zur Erde.
Ein Droschkenwagen durchkreuzte diesen Ort.
Ihm entgegen liefen zwei kleine, rötliche Häuschen, die, ein Einfahrtstor
bildend, auf dem Platz vor dem Palast standen; links drohte heulend eine
Baumgruppe; die gebogenen Gipfel der Stämme neigten sich, wie zum Überfall;
die dünne Turmspitze blinkte oben aus den nebligen Flocken hervor.
Schwarz zeichnete sich eine Reiterstatue aus dem Nebelgrau des Platzes; die
Reisenden, die Petersburg besuchen, schenken diesem Denkmal keine
Aufmerksamkeit; ich selbst pflegte oft vor ihm zu stehen: ein herrliches
Werk! Wie schade, daß ein armseliger Witzbold seinen Sockel, wie ich bei
meinem jüngsten Hiersein bemerkte, mit Gold bestrichen hat.
Ein Selbstherrscher und Urenkel hatte dieses Denkmal seinem großen
Urgroßvater errichtet; dieser Selbstherrscher war es gewesen, der das
Schloß hier bewohnt hatte; in dieser rosaroten Steinburg hat er auch seine
unglücklichen Tage beendet; er hat nicht lange hier gelitten; sein Leiden
konnte nicht lange währen; zwischen starrsinniger Eitelkeit und edlen
Wallungen wurde seine Seele zu Tode gezerrt; in Stücke zerrissen, entfloh
die kindliche Seele ihrem Körper.
Wie oft mag das stumpfnasige Gesicht mit den weißgepuderten Locken aus
diesen Fenstern hinausgeblickt haben, vielleicht aus dem dort? Wie oft
mochte hinter diesen Scheiben das stumpfnasige Gesicht mit den
weißgepuderten Locken voller Sehnsucht seine Augen in die Ferne getaucht
haben, in das rosige Verbleichen des Himmels, in das silberne Spiel des
Mondlichts im dunklen Blättergewirr der Sträucher . . . Vor dem Tor stand
die Schildwache mit breitkrempigem dreieckigem Hut auf dem Kopf, und
salutierte mit dem Gewehr, wenn die Majestät mit goldbestickter Brust und
dem Andrejewschen Band über der Schulter aus der Tür trat, um seinen
aquarellbemalten Wagen zu besteigen, auf dessen hohem Bock ein flammenroter
Kutscher saß, während auf den Trittbrettern zwei dicklippige Neger standen.
Alles mit flüchtigem Blicke streifend, setzte Kaiser Pawel Petrowitsch das
sentimentale Gespräch mit dem in duftige Gazeschleier gehüllten Hoffräulein
fort; das Hoffräulein lächelte und ihre Wangen zeigten zwei neckische
Grübchen, und -- ein schwarzes Schönheitspflästerchen . . .
In jener verhängnisvollen Nacht fiel silbernes Mondlicht durch die Scheibe
auf die schweren Möbel des kaiserlichen Schlafgemachs; es fiel auf das Bett
und vergoldete den am Rande sitzenden, kleinen schelmischen,
funkensprühenden Amor; auf dem blassen Linnen zeichnete sich das wie mit
Tusche leicht hingeworfene Profil ab; irgendwo schlug eine Turmuhr;
irgendwo tönten Schritte . . . Es waren kaum drei Minuten vergangen und
zerwühlt war das Bett; an der Stelle, wo das blasse Profil sich abgehoben
hatte, sah man nur eine Vertiefung im Kissen; das Bettleinen war noch warm;
der Schlafende war verschwunden; ein Häufchen weißgepuderter Offiziere mit
blanken Säbeln stand über das Lager gebeugt; jemand suchte eine Seitentür
von außen zu sprengen; man hörte eine weinende Frauenstimme; plötzlich hob
ein Offizier mit rosigen Lippen den schweren Fenstervorhang; in dem
durchsichtigen Silber hinter dem Fenster sah man -- einen schwarzen,
hageren, zitternden Schatten.
Der Mond fuhr fort sein leichtes Silber noch weiter in das Gemach zu
streuen, auf die schweren Möbel des kaiserlichen Schlafgemachs; es fiel auf
das Bett; es vergoldete die kleinen Amoretten an dem Kopfende; es fiel auch
auf das todblasse, wie mit leichter Tusche hingeworfene Profil . . .
Irgendwo schlug eine Turmuhr; Schritte tönten in der Ferne.
* * *
Gedankenlos betrachtete Nikolai Apollonowitsch diesen düsteren Platz und
merkte nicht, daß das rasierte Gesicht des neben ihm sitzenden Leutnants
sich ihm immer wieder zuwandte; der Blick, mit dem Leutnant Lichutin sein
Opfer streifte, schien von Neugierde erfüllt; Lichutin rückte fortwährend
auf seinem Platze hin und her; stieß seinen Nachbar in die Seite;
allmählich erriet Nikolai Apollonowitsch, daß der Leutnant es nicht über
sich bringen konnte, ihn zu berühren -- wenn auch nur mit dem Ellbogen, und
er rückte immer weiter fort und beschenkte den anderen mit Seitenpuffen.
In diesem Augenblick riß ein Windstoß Ableuchow den italienischen Hut vom
Kopf und er war genötigt, ihn mit unwillkürlichen Bewegungen von den Knien
seines Nachbars aufzufangen; er berührte dabei Lichutins kalte Finger und
diese Finger zuckten zusammen und sprangen wie durch die Berührung von
etwas Widerlichem zurück; der spitze Ellbogen machte eine rückwärtige
Bewegung; als hätte der Leutnant Lichutin nicht die Haut seines guten
Bekannten, ja seines Spielkameraden, berührt, sondern . . . ein Reptil
. . . das man am liebsten . . . mit dem Fuß zerdrücken möchte . . .
Diese Bewegung war Ableuchow nicht entgangen; er sah seinerseits jetzt mit
prüfendem Blick den Freund seiner Kindheit an, mit dem er einst auf du
gewesen war; dieser Sserjosha, nämlich Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin,
hatte sich seit ihrem letzten Zusammensein mindestens um acht Jahre
verjüngt und hatte sich wieder in Sserjosha verwandelt; aber dieser
Sserjosha horchte jetzt nicht mehr voll Spannung den gedanklichen Flügen
Ableuchows, wie damals, vor -- acht Jahren, als sie in den Holunderbüschen
des alten großväterlichen Parks sich verborgen hielten; acht Jahre sind
vergangen; diese acht Jahre haben alles verändert; die Holunderbüsche sind
abgetragen worden und er . . . mit heimlicher Unterwürfigkeit sah er
Ssergeij Ssergeijewitsch an.
Ableuchows Gesicht magerte plötzlich ab.
»Sie quittieren Ihren Dienst, Ssergeij Ssergeijewitsch?«
»Ha?«
». . . Ihren Dienst? . . .«
»Ja, wie Sie sehen . . .«
Ssergeij Ssergeijewitsch maß Ableuchow mit einem Blick, als sähe er ihn zum
erstenmal; er sah ihn vom Kopf bis zu den Füßen an.
»Ich würde Ihnen raten, Ssergeij Ssergeijewitsch, den Mantelkragen
hochzuheben: Ihr Hals ist erkältet und bei diesem Wetter . . . da ist es
wirklich sehr leicht möglich . . .«
»Was meinen Sie?«
»Sie können sich leicht eine Halsentzündung zuziehen.«
»Ihrer Sache wegen« -- brachte mit dumpfem Brummen Lichutin hervor.
-- ?
»Es hat mit dem Hals nichts zu tun . . . Ich habe Ihrer Sache wegen den
Dienst quittiert, das heißt, nicht einmal Ihrer Sache wegen, sondern
Ihretwegen.«
»Aha, eine Anspielung!« wäre beinahe laut aus Ableuchow herausgekommen;
aber er fing wieder einen Blick auf: so sieht man nicht die an, die man
kennt; so sieht man höchstens ein überseeisches Wunder im Panoptikum an.
So sehen Passanten einen Elefanten an, den man zuweilen in vorgerückter
Abendstunde auf dem Wege vom Bahnhof zum Zirkus antrifft. Sie heben die
Augen, machen einen Ruck nach rückwärts und glauben ihren eigenen Augen
nicht, zu Hause erzählen sie:
»Denkt euch, wir haben auf der Straße einen Elefanten gesehen.«
Aber alle lachen über sie.
Eine solche Neugierde sprach aus Lichutins Blicken; es war keine Empörung
in ihnen, höchstens ein gewisser Ekel (wie von der Nähe einer
Ringelnatter); kriechende Reptile rufen keine Empörung hervor, man möchte
nur . . . sie mit dem Fuße . . . zertreten.
Nikolai Apollonowitsch dachte über Lichutins Worte nach: er quittiere
seinetwegen den Dienst; ja, Leutnant Lichutin verliert die Möglichkeit,
Offizier zu sein, nach dem, was bald zwischen ihnen geschehen sein wird; in
der Wohnung wird wohl niemand sein; es wird da etwas geschehen, etwas
. . . Hier wurde Ableuchow von ernster Angst gepackt; er rückte unruhig auf
seinem Platze und -- und plötzlich bohrten sich alle seine zehn Finger in
den Arm des Offiziers.
»Ha! . . . Was meinen Sie . . . Warum wollen Sie? . . .«
Ein rosafarbiges Häuschen, von oben bis unten mit Stuck verziert, eilte an
ihnen vorbei: dieses Rokokohäuschen war vielleicht einst die Wohnstätte des
Hoffräuleins gewesen, des Hoffräuleins mit den schelmischen Grübchen in den
Wangen und dem schwarzen Schönheitspflästerchen.
»Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Ich, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Ich muß
gestehen . . . Ach, ich bedaure so sehr . . . Mein Benehmen war sehr, sehr
bedauerlich . . . Ich habe mich benommen, Ssergeij Ssergeijewitsch . . .
schmachvoll, betrübend . . . Aber ich habe -- eine Rechtfertigung; ja, ich
habe, habe eine Rechtfertigung. Als ein gebildeter humaner Mensch, als
lichte Erscheinung, dürften Sie, Ssergeij Ssergeijewitsch, das begreifen
können . . . Ich habe diese Nacht nicht geschlafen, ich will sagen: ich
leide an Schlaflosigkeit . . . Die Ärzte fanden« (er erniedrigte sich nun
zu einer Lüge) ». . . Ich meine, mein Zustand wird als sehr ernst
betrachtet. Gehirnübermüdung mit Pseudohalluzinationen« (ihm fielen
plötzlich Dudkins Worte ein) ». . . Was meinen Sie dazu?«
Ssergeij Ssergeijewitsch sagte nichts: ohne jede Empörung sah er ihn an; in
seinem Blicke war nur Ekel (wie in der Nähe einer Ringelnatter); Reptile
lösen ja keinen Zorn aus: sie . . . zertritt man nur mit dem Fuß . . .
»Pseudohalluzinationen . . .« wiederholte flehend Ableuchow, erschreckt,
klein, ungelenk, und verkroch sich mit den Augen in die des anderen (diese
Augen aber antworteten nicht); er wollte schon hier die Auseinandersetzung
beenden, hier, in der Droschke und nicht dort in der Wohnung; das
verhängnisvolle Hausportal ist schon so, so nahe; ist die
Auseinandersetzung bis zur Erreichung des Portals nicht beendet -- dann ist
alles aus, alles, alles! A--us! Ein Mord geschieht, eine tätliche
Beleidigung, oder es kommt zu einer einfachen Schlägerei.
»Ich . . . ich . . . ich . . .«
»Steigen Sie aus, wir sind schon da . . .«
Mit bleiernen, unbeweglichen Blicken sah Nikolai Apollonowitsch um sich,
sah in die bläulichen Nebelflocken, sah auf die mit einem Glucksen
niederfallenden Tropfen, auf die metallischen Blasen der Pfützen.
Leutnant Lichutin sprang aus der Droschke, warf dem Kutscher das Fahrgeld
zu und blieb auf dem Trottoir in Erwartung des Senatorsöhnchens stehen,
der, schwerfällig zaudernd, noch nicht ausgestiegen war.
»Warten Sie bitte, Ssergeij Ssergeijewitsch, ich hatte ja einen Stock
. . . Wo ist er nur? Ach, sollte ich ihn . . . verloren haben?«
Er suchte wirklich nach seinem Stock; aber der Stock war rettungslos
verschwunden; ganz blaß und beunruhigt drehte Nikolai Apollonowitsch die
Augen nach allen Seiten.
»Nun, was ist?«
»Aber mein Stock . . .«
Ableuchows Kopf sank tief auf die Schultern; die Schultern wiegten sich auf
und ab; der Mund zog sich auf eine Seite aus; mit bleiernem, unbeweglichem
Blick sah Nikolai Apollonowitsch vor sich hin, in die bläulichen
Nebelflocken, und rührte sich nicht vom Fleck.
Da begann Lichutin zornig und ungeduldig zu atmen; er faßte Ableuchow
delikat, aber fest am Ärmel, und hob ihn vorsichtig wie einen Warenballen
aus der Droschke.
Nikolai Apollonowitsch krallte sich mit allen zehn Fingern in Lichutins
Arm: jetzt müssen sie über die dunkle Stiege gehen: wie, wenn die Hand des
Offiziers eine unanständige Geste machen wird, der er im Dunkeln nicht
ausweichen kann; die Handlung wird geschehen sein und dann -- ist es --
aus; das Geschlecht der Ableuchow ist für immer geschändet (sie wurden noch
nie geschlagen).
Leutnant Lichutin (dieser Wüterich!) hat ihn so schon mit der
freigebliebenen Hand am Saum des italienischen Überwurfs gepackt; Nikolai
Apollonowitsch wurde ganz weiß.
»Ich gehe schon, ich gehe, Ssergeij Ssergeijewitsch . . .«
Er stemmte sich unwillkürlich mit dem Schuhabsatz gegen den Rand der ersten
Treppenstufe, aber er überlegte es sich sofort, um nicht lächerlich zu
erscheinen.
Die Haustür schloß sich hinter ihnen.