Endlich erhob sich Apollon Apollonowitsch.
Er blickte seltsam unruhig um sich; er riß sich von dem Stoß übereinander
gehäufter Papiere los: von den Notabenen, Paragraphen, Frage- und
Ausrufezeichen; kalt bebte und hüpfte die Hand mit dem Bleistift -- über
dem vergilbten Blatt auf dem Perlmuttertischchen; der Stirnknochen wölbte
sich in gewaltsamer Anstrengung: es hieß zu begreifen, um jeden Preis zu
begreifen.
Und er -- begriff.
Der lackierte Wagen mit dem Wappen wird nicht mehr an die alte, steinerne
Karyatide heransausen; nichts wird sich dort, hinter der Glastür, ihm
entgegen, erheben: weder die achtzigjährige Schulter, noch der Dreimaster
und der kupferköpfige Stab; aus den Ruinen wird nicht Port Arthur
entstehen; aber erheben wird sich China; horch! -- tönt nicht ein Stampfen
aus der Ferne? Das sind -- die Reiter des Tschingis-Khan.
Apollon Apollonowitsch horchte auf: aus der Ferne kommt das Stampfen; nein,
es ist kein Stampfen: Ssemjonytsch schreitet durch die kalt glitzernde
Pracht der Zimmer; herein kommt er, sieht sich um und geht weiter.
Die Schritte des alten Ssemjonytsch verklangen.
Apollon Apollonowitsch liebte seine große Wohnung nicht, mit der ewigen
Perspektive der Newa: eine grünliche Schar zogen dort die Wolken dahin:
zuweilen verdichteten sie sich zu gelblichem Rauch, der sich dann auf die
Ufer legte; die dunkle Wassertiefe schlug mit dem Stahl ihrer Schuppen an
den Granit; Apollon Apollonowitsch sah sich um: diese Wände! Hier wird er
sitzenbleiben, für lange Zeiten, mit der Perspektive auf die Newa. Das ist
sein Familienherd; der öffentliche Dienst ist beendet.
Was ist dabei?
Wände -- Schnee und nicht Wände! Ja, gewiß, sie sind etwas kalt . . . Was
ist dabei? Familienleben -- schon gut: Familienleben; d. h.: ja gewiß:
Nikolai Apollonowitsch ist ein schrecklicher -- ja, sozusagen ein
schrecklicher . . . und dann: Anna Petrowna, die auf ihre alten Tage
. . . weiß Gott wozu, sich gewandelt hat!
Mm -- mmä . . .
Apollon Apollonowitsch drückte fest den Kopf mit den Händen; seine Blicke
starrten in die prasselnde Glut des Kamins: müßige Spiele des Gehirns!
Sie liefen weiter -- die Gedanken, liefen über, die Grenze des Bewußtseins
hinaus: dort türmten sie sich zu einem Berg chaotischer Bilder; Nikolai
Apollonowitsch tauchte dort auf -- klein gewachsen, mit forschend blauen
Blicken und einem Knäuel mannigfachster (das muß man schon zugeben)
geistiger Interessen, bis zum Äußersten verworrener.
Und es tauchte ein Mädchen auf (seitdem sind schon -- dreißig Jahre
verflossen); eine Schar Anbeter; unter ihnen ein in besten Jahren stehender
Herr, Apollon Apollonowitsch Ableuchow, bereits ein höherer Beamter und ein
hoffnungslos Verliebter.
Und -- die erste Nacht; das Grauen in den Augen der mit ihm allein
gebliebenen Gefährtin -- der Ausdruck des Ekels, der Verachtung, verborgen
unter dem ergebenen Lächeln der Duldenden; in jener Nacht hatte Apollon
Apollonowitsch Ableuchow, ein bereits hochgestellter Beamter, einen
verbrecherischen, formell erlaubten Akt begangen: er hatte ein Mädchen
vergewaltigt; diese Vergewaltigungsakte geschahen Jahre hindurch; und in
einer solchen Nacht wurde Nikolai Apollonowitsch gezeugt -- zwischen zwei
verschiedenen Lächeln: zwischen dem Lächeln der Wollust und dem der
Ergebenheit; ist es verwunderlich, daß Nikolai Apollonowitsch dann die
Mischung aus Verachtung, Angst und Wollust in sich verkörperte? Sie hätten
sogleich beide an die Aufgabe gehen sollen: das von ihnen gezeugte Grauen
zu erziehen, das Grauen zu vermenschlichen.
Sie aber fachten es noch mehr an.
Und nachdem sie selbst dieses Grauen bis zum Äußersten trieben, flüchteten
sie sich alle selbst vor dem Grauen: Apollon Apollonowitsch in die hohe
Verwaltung, in der die Schicksale Rußlands bestimmt wurden; Anna Petrowna
-- zur Befriedigung ihrer erwachten Geschlechtstriebe zu Mantalini (dem
italienischen Sänger); Nikolai Apollonowitsch in die Philosophie; und von
dort in die Versammlungen von Abiturienten nicht existierender Hochschulen.
Ihr heimischer Herd verwandelte sich in eine Stätte der Verwüstung.
An diese Stätte wird er jetzt nun wieder zurückkehren; statt Anna Petrowna
wird ihm nur die geschlossene Tür zu ihren Appartements entgegensehen,
falls sie nicht die Lust verspüren wird, in seine Verwüstung
zurückzukehren; die Schlüssel zu diesen Appartements hat er bei sich
(zweimal war er in diesen Teil des kalten Hauses getreten, um dort ein
Weilchen zu sitzen; beide Male hatte er Schnupfen davongetragen).
Statt des Sohnes aber wird er ein Auge erblicken -- ein zwinkerndes,
ausweichendes Auge -- groß, leer und kalt, von kornblumenblauer Farbe; ein
halb diebisches, halb grenzenlos erschrockenes; in diesem Auge wird sich
das Grauen verbergen -- jenes Grauen, das sich in den Augen der
Neuvermählten gemalt hatte, in jener Nacht, da Apollon Apollonowitsch
Ableuchow, der hohe Beamte, zum erstenmal . . .
Wenn er sich nicht mehr im Staatsdienst befinden wird, können auch die
anderen Paradezimmer geschlossen werden; nur der Korridor wird offenbleiben
mit den anschließenden Räumen für ihn und den Sohn: sein ganzes Leben wird
sich auf den Korridor beschränken; seine Pantoffel werden dort schlürfen;
und dann wird es noch geben: Zeitunglesen, das Verrichten körperlicher
Notdürfte, das unvergleichliche Örtchen und die Fertigstellung der
Lebensmemoiren.
Ja, ja, ja!
Und die Tür, die zum Zimmer des Sohnes führt -- davor wird er stehenbleiben
und -- durchs Schlüsselloch hineingucken, dann aber, bei jedem verdächtigen
Geräusch -- zurückspringen; oder nein, er wird an einer passenden Stelle
ein Loch durch die Wand bohren, und -- seine Mühe wird belohnt werden: das
Zimmertreiben seines Sohnes wird vor seinen Blicken offenliegen wie der
Mechanismus einer aus dem Gehäuse entfernten Uhr. Von diesem
Beobachtungspunkt aus wird er andere als staatliche Interessen verfolgen
können.
Und doch wird alles nur sein:
»Guten Morgen, Vater!«
»Guten Morgen, Kolenka!«
Und jeder wird dann in sein eigenes Zimmer gehen.
Dann -- dann: der Schlüssel wurde umgedreht; er schleicht sich zu der
Stelle an der Wand, wo sie durchbohrt ist, um zu sehen; horchen, zuweilen
zittern, zusammenfahren in Erwartung des sich ihm eröffnenden Geheimnisses;
in welcher Weise wird sich die Vertraulichkeit zwischen Nikolai und jenem,
mit dem Schnurrbärtchen, äußern; in der Nacht wird er dann, die Decke von
sich werfend und den schweißbedeckten Kopf vorstreckend, über das Gehörte
grübeln, wird Oblaten zu sich nehmen, um die schmerzhaften Schläge des
Herzens zu beschwichtigen, und wird zum unvergleichlichen Örtchen rennen:
mit den Pantoffeln durch den Korridor schlürfen . . . bis ein neuer Morgen
graut.
»Guten Morgen, Vater!«
»Guten Morgen, Kolenka!«
Das ist das Leben eines Privatmannes.
* * *
Ein unüberwindlicher Drang trieb ihn, in das Zimmer des Sohnes zu treten;
schüchtern knarrte die Tür: er war im Empfangszimmer; er blieb an der
Schwelle stehen; ganz klein, greisenhaft; er zupfte an den himbeerroten
Schnüren seines Morgenrockes und betrachtete das Durcheinander, das hier
herrschte: den Vogelkäfig mit den Papageien, das arabische Taburett mit
Inkrustation aus Elfenbein und Kupfer; dann die Geschmacklosigkeit: den
roten Domino, dessen üppige Falten wie Feuergarben oder fließende
Hirschgeweihe vom Taburett herunterquollen, direkt zum Leoparden hinunter,
der auf dem Boden mit fletschendem Maul ausgestreckt lag; Apollon
Apollonowitsch stand eine Weile, kaute mit dem leeren Mund, kratzte sich
das wie mit Reif bedeckte Kinn und wandte sich voll Abscheu ab (er kannte
ja die Geschichte mit der Maske).
Apollon Apollonowitsch schien es, als wenn es hier schwül wäre; statt mit
Luft war die Atmosphäre hier mit Blei angefüllt; als wären hier furchtbare,
unerträgliche Gedanken gedacht worden . . . Ein unangenehmes Zimmer! Und
eine unangenehme Atmosphäre! . . .
Da -- ein leidvoll lächelnder Mund, kornblumenblaue Augen, wie eine lichte
Aureole die Haare: in eng anliegender Studentenuniform mit sehr schmaler
Taille, weiße Glacéhandschuhe in der Hand, frisch rasiert (vielleicht
parfümiert), den Säbel an der Seite, stand sein Sohn Nikolai Apollonowitsch
im Rahmen und litt: Apollon Apollonowitsch betrachtete einen Augenblick
lang aufmerksam das Porträt, das im vergangenen Frühjahr gemalt worden war,
und schritt in das Nebenzimmer.
Der nicht abgesperrte Schreibtisch zog die Aufmerksamkeit des Senators auf
sich: eine der Schubladen war etwas vorgeschoben; eine instinktive
Neugierde überkam Apollon Apollonowitsch, den Inhalt dieser Lade näher zu
untersuchen; mit raschen Schritten näherte er sich dem Schreibtisch und
griff nach einer darauf liegenden großen Photographie, die eine brünette
Dame darstellte . . .
Mechanisch drehte er das Bild in der Hand, ohne es eigentlich zu sehen;
denn seine Gedanken waren weit weg und bewegten sich in der Richtung der
Betrachtungen über seine zurückgelegte eigene Laufbahn und die, die manche
andere (die vulgär Karrieristen genannt zu werden pflegen) noch vor sich
haben . . . Ihn aber möchte man . . .
Was -- möchte man ihn?
Durch die Gedanken abgelenkt, merkte er es gar nicht, daß er nicht mehr das
Porträt in der Hand hielt, sondern einen ihm unbekannten schweren
Gegenstand, den er mechanisch aus der offenen Schublade herausgezogen
hatte; ein tönender Laut kam aus diesem Innern: am allerwenigsten dachte
der Senator dabei an einen Abgrund (wir trinken ja oft genug vor einem
offenen Abgrund Kaffee mit Sahne); er betrachtete den viereckigen
Gegenstand mit den abgerundeten Kanten mit der größten Aufmerksamkeit und
horchte auf das Ticken der Uhr in seinem Innern: ein Uhrmechanismus -- in
einer schweren Sardinenbüchse . . . In der Tat . . .
Der Gegenstand gefiel ihm nicht . . .
Er trug den Gegenstand, um ihn eingehender zu untersuchen, über den
Korridor in den Salon. Mit seinem über den Gegenstand geneigten Kopf
erinnerte er an ein Häufchen grauer Mäuse; seine Gedanken waren noch immer
mit jenem Typus der Staatsmänner beschäftigt, wie er ihn gerade heute vor
sich gehabt hatte; die Leute von diesem Typus pflegen, um jede
Verantwortung von sich zu wälzen, zu den ödesten Phrasen Zuflucht zu
nehmen; wie zum Beispiel: »Es ist bekannt, daß . . .«, während keinesfalls
etwas bekannt ist; oder: »Die Wissenschaft sagt uns . . .«, während die
Wissenschaft uns nichts sagt.
Apollon Apollonowitsch lief mit dem Gegenstand bis zu der Stelle des
Salons, wo das mit Inkrustation verzierte Tischchen stand und
hochmütig-steif sich eine langbeinige Bronze in die Höhe streckte; er legte
den schweren Gegenstand auf ein kleines chinesisches Lacktablett, sein
kahler Kopf war nach unten gebeugt; über ihm aber breitete sich der
Lampenschirm aus blaßviolettem, fein bemaltem Glas.
Doch das Glas war abgedunkelt von der Zeit; und abgedunkelt war auch die
seine Malerei.
* * *