Petersburg -- das ist ein Traum.
Wenn du einmal im Traum Petersburg besucht hast, dann kennst du zweifellos
dieses mächtige Vestibül: die eichenen Türen sind schwer, und die
Spiegelscheiben blitzen; die Vorübergehenden sehen nur die Spiegelscheiben;
nie waren sie hinter ihnen.
Hinter der Spiegelscheibe blitzt immer der kupferschwere Kopf des
Schweizerstabes.
Die gebogene achtzigjährige Schulter hinter der Scheibe: von ihr träumt der
zufällige Passant lange, von ihm, dem alles nur ein Traum ist und der
selber ein Traum ist; auf die gebogene Schulter des greisen Schweizers
fällt schwer der dunkle Dreimaster; seine Silbertressen blinken und
erinnern an Angestellte der Bestattungsbureaus, wenn sie ihres Amtes
walten.
Unverändert bleibt es.
Der schwere Kupferkopf ruht friedlich auf der achtzigjährigen Schulter
eines Schweizers; und jahraus, jahrein der mit einem Dreimaster gekrönte
Schweizer über dem »Börsenkurier«. Dann erhebt er sich wohl einmal und
öffnet die Tür. Am Tage, am Morgen, gegen Abend, wann du an der Eichentür
vorbeigehst, am Tage, am Morgen oder gegen Abend -- immer erblickst du den
kupfernen Stabkopf; immer erblickst du die Silbertressen; immer erblickst
du den dunklen Dreimaster.
Verwundert bleibst du vor dieser Vision stehen. Dasselbe hattest du bei
deinem vorigen Hiersein gesehen. Fünf Jahre waren vorübergegangen: dumpfe
Wellen von Ereignissen waren dahingerollt; China war erwacht; Port Arthur
war gefallen; die Gelben hatten unser Amurgebiet überschwemmt; es sind die
alten Märchen von den eisernen Reitern des Dschingis-Khan wieder lebendig
geworden.
Aber die Visionen der alten Zeiten bleiben unverändert; eine achtzigjährige
Schulter, ein Dreimaster, eine Silbertresse, ein Bart.
In dem Augenblick, in dem sich der weiße Bart hinter der Spiegelscheibe
bewegen, der schwere Kupferkopf des Schweizerstabes hinter der Tür blitzen
und silbrig wie das Rinnenwasser, das dem Kellerbewohner Cholera und Typhus
bringt, die weißen Tressen schimmern -- und wo dennoch von den alten Zeiten
nichts mehr sein wird, -- in diesem Augenblick wirst du wie ein
Geistesgestörter durch die Petersburger Prospekte rennen.
Wenn dort hinter der blinkenden Glastür der schwere Kupferstab seinen Platz
verlassen hätte, dann würde sicher, sicher hier weniger von Typhus und
Cholera zu merken sein; China würde nicht so voll Unruhe gären; Port Arthur
wäre nicht gefallen; unser Amurgebiet wäre nicht von Zöpfen überflutet und
die Reiter des Dschingis-Khan nicht aus ihren vielhundertjährigen Gräbern
auferstanden.
Aber höre nur, horch: ein Stampfen von Schritten . . . Aus den Uralsteppen
kommt es. Es kommt immer näher, das Stampfen.
Das sind -- die eisernen Reiter.
* * *
Was für ein Tag!
Schon am frühen Morgen hatten die Tröpfchen zu flüstern, zu klatschen, zu
klappern begonnen; von der Meeresküste her türmten sich die nebligen
Filzflecken; paarweise erschienen die Schreiber; der Schweizer mit dem
Dreimaster machte ihnen auf; sie hängten ihre Hüte wie ihre feuchten
Überkleider an die Haken, liefen die mit rotem Tuch belegten Stufen hinauf,
liefen durch das weißmarmorne Vestibül, hoben die Augen zu dem Porträt des
Ministers und gingen in ihre ungeheizten Säle -- an ihre kalten
Arbeitstische. Aber die Schreiber schrieben nicht: sie hatten nichts zu
schreiben; aus dem Direktorzimmer kamen keine Papiere; das Direktorzimmer
war leer; wohl brannten im Kamin lohend Holzscheite. Aber über dem massiven
Eichentisch neigte sich nicht der kahle Kopf mit den geschwollenen Adern an
den Schläfen, die tiefsitzenden Augen wandten sich nicht gegen den Kamin,
wo in lustiger Kornblumenschar giftige Rauchwölkchen emporringelten. Das
Direktorzimmer war leer.
An diesem Tag war Apollon Apollonowitsch nicht in sein Arbeitszimmer
geschritten.
Das Warten wurde bereits langweilig; ein bescheidenes, fragendes Flüstern
ging von Tisch zu Tisch; Gerüchte schoben sich von einem zum anderen;
Gespenster huschten durch die Luft; im Zimmer des Vizedirektors knatterte
die Telephonglocke.
»Noch nicht herausgekommen? . . . Unmöglich! . . . Sagen Sie, wird dringend
erwartet . . . nicht möglich . . .«
Zum zweiten Male knattert das Telephon:
»Haben Sie ausgerichtet? . . . Noch immer beim Frühstück? . . . Sagen Sie,
Exzellenz wird dringendst verlangt . . .«
Der Vizedirektor stand mit bebendem Unterkiefer vor dem Telephon; er machte
mit den Armen Gesten des vollständigen Unbegreifens; er wartete eine,
anderthalb Stunden; dann setzte er seinen überhohen Zylinder auf und stieg
die teppichbelegte Treppe hinunter. Die Haustür flog auf vor ihm; er
bestieg einen Wagen . . .
Zwanzig Minuten später betrat er das Vestibül des gelben Hauses und
erblickte mit Erstaunen seinen Vorgesetzten, Apollon Apollonowitsch
Ableuchow, im Morgenrock von widerwärtiger, mausgrauer Farbe, mit unruhig
auf ihn gerichteten: Blick hinter der Statue der Niobe stehen.
»Apollon Apollonowitsch!« rief der grauhaarige Ritter des Annaordens und
richtete hierbei eilig seinen Halsorden unter der Krawatte zurecht. Er
erblickte hinter der Niobe das unrasierte, mit Haarstoppeln bedeckte Kinn.
»Apollon Apollonowitsch, da sind Sie? Und ich, wir warteten und warteten;
telephonierten immer wieder.«
»Ich . . . mm--mmä . . . ordnete meine Bibliothek . . . Verzeihen Sie,
Väterchen, daß ich Sie . . . so . . . empfange.«
Er zeigte mit den Händen auf seinen Morgenrock.
»Was haben Sie, krank? A--a--a: Sie scheinen etwas aufgedunsen. Das ist
sicherlich die Wassersucht?« -- und er berührte ehrfurchtsvoll den mit
Staub bedeckten Finger des Vorgesetzten.
Apollon Apollonowitsch ließ den Staublappen auf das Parkett niedergleiten.
»Daß Sie gerade jetzt krank wurden! . . . Ich komme mit Neuigkeiten . . .
Ich muß Ihnen zu -- einem Generalstreik in Merowetrinsk gratulieren . . .«
»Woher nehmen Sie? . . . Ich . . . mm--mmä . . . bin gesund . . .« Das
Gesicht des Alten verzog sich in Falten. (Die Nachricht vom Generalstreik
nahm er gleichgültig auf; er schien sich nicht mehr über etwas wundern zu
können.) -- »Bitte nur einzutreten; so viel Staub, wissen Sie . . .«
»Staub?«
»Da hab' ich mit dem Lappen . . .«
Der Vizedirektor mit dem wallenden Backenbart verneigte sich ehrfurchtsvoll
vor der gekrümmten Ruine und bemühte sich immerfort, auf das wichtige
Papier zu kommen, das er im Salon auf ein Perlmuttertischchen vor sich
hinlegte.
Doch Apollon Apollonowitsch unterbrach ihn wieder:
»Staub, wissen Sie, der enthält Mikroorganismen, die verschiedene
Krankheiten hervorrufen. Ich habe ihn deswegen mit dem Staublappen . . .«
Plötzlich sprang die graue Ruine aus dem Empiresessel auf und stieß, sich
mit der einen Hand auf die Lehne stützend, mit der anderen gegen das
Papier.
»Was ist das?«
»Wie ich Ihnen, Exzellenz, soeben mitteilte . . .«
»Nein, gestatten Sie . . .« Apollon Apollonowitsch bückte sich rasch über
das Papier: er wurde auf einmal jünger, sein Gesicht wurde weiß und rosig
(rot konnte es nicht mehr werden).
»Warten Sie! . . . Aber sie sind dort alle verrückt geworden! . . . Man
braucht meine Unterschrift? Neben dieser Unterschrift?!«
»Apollon Apollonowitsch! . . .«
»Ich gebe meine Unterschrift nicht.«
»Aber es ist eine Revolte!«
»Setzen Sie Iwantschenko ab . . .«
»Iwantschenko ist schon abgesetzt: haben Sie es vergessen?«
»Ich gebe meine Unterschrift nicht . . .«
Mit verjüngtem Gesicht latschte er in seinen Pantoffeln auf und ab durch
den Salon, die Hände auf dem Rücken, mit unanständig geöffnetem Morgenrock,
die Glatze tief nach vorn gebeugt; er näherte sich dem erstaunten Gast und
begann auf ihn mit Speichel zu spritzen:
»Wie konnten die dort sich das nur denken? Etwas anderes ist eine -- feste
administrative Gewalt, und wieder etwas anderes ist eine direkte Verletzung
der gesetzlichen Regeln . . .«
»Apollon Apollonowitsch« -- versuchte der Beamte den Alten zur Vernunft zu
bringen, »Sie sind ein Mann von festem Willen, Sie sind ein Russe . . . Wir
hofften . . . Nein, Sie werden doch sicherlich unterschreiben.«
Apollon Apollonowitsch drehte einen Bleistift zwischen zwei knöchernen
Fingern; er blieb stehen, sah mit scharfem Blick in das Papier hinein und:
knisternd brach der Bleistift in zwei Stücke; erregt band er darauf die
Gürtelschnur seines Morgenrockes fest, seine Kinnladen zitterten vor Zorn.
»Ich gehöre, Väterchen, zur Schule Plehwe . . . Ich weiß, was ich tue
. . . Das Huhn geht nicht zu den Eiern in die Lehre . . .«
»Mmä--mä . . . Ich -- gebe -- meine -- Unterschrift -- nicht . . .«
Schweigen.
»Mmä--mm--mä . . . Mä--ä--mmä . . .«
Und er blies seine Wangen auf . . .
Der Herr mit dem wallenden Backenbart stieg mit bedenklicher Miene die
Treppe hinunter; es war ihm klar: die Karriere des Senators Ableuchow, an
der er lange Jahre gebaut hatte, ist nun zu Staub geworden. Nachdem der
Vizedirektor gegangen war, schritt Apollon Apollonowitsch lange zornig auf
und ab, im Salon zwischen den Empirestühlen. Dann verließ er den Raum und
erschien gleich wieder mit einer riesigen Mappe unterm Arm, die er auf das
Perlmuttertischchen legte. Dann läutete er und befahl dem Diener, ein Feuer
im Kamin zu machen.
Ein toter Kopf blickte über die Notabene, die Fragezeichen,
Gedankenstriche, Paragraphen, über die nun _letzte Arbeit_, zum Kaminfeuer
hinüber; die Lippen murmelten:
»Macht nichts . . . So--so . . .«
Mit boshaftem Lächeln und zusammengekniffenen Augen dachte der kahle
Senatorenkopf an den vollendeten Karrieristen, der soeben das Haus
verlassen hatte, der es gewagt hatte, ihm, Ableuchow, den Vorschlag zu
machen, sein bisher reines Gewissen durch eine Konzession zu beflecken und
der jetzt sicherlich sprühend vor Wut durch die schmutzigen Straßen raste
. . .
»Ich bin, meine Herrschaften, einer aus der Schule Plehwe . . . Ich weiß,
was ich tue . . . Ja, ja, meine Herrschaften . . .«
Der scharf gespitzte Bleistift hüpfte zwischen den Fingern; der scharf
gespitzte Bleistift fiel als kleine Splitter auf das Papier nieder; das ist
ja seine letzte Arbeit; in einer Stunde wird diese Arbeit gemacht sein; in
einer Stunde wird er sich mit dem Hohen Amt telephonisch verbinden lassen
und ihm die mit dem Geiste kaum zu fassende Nachricht überbringen.
* * *
Der Wagen raste an die Karyatide des Portals heran; die Karyatide rührte
sich nicht; er rührte sich nicht, der bärtige Alte, der das Portal des
Hohen Amtes stützte.
Das Jahr achtzehnhundertundzwölf hatte ihn aus den Wäldern befreit;
achtzehnhundertfünfundzwanzig stürmten die Dezembertage an ihm vorbei.
Vorüber sind diese Stürme! Vorüber sind auch die jüngsten Stürme von
neunzehnhundertundfünf!
Mann mit dem steinernen Bart!
Alles hatte er gesehen, was um ihn geschah, und was zu geschehen aufgehört
hatte. Doch wird er niemals davon erzählen.
Er erinnert sich der zwei Vollblutrosse, die der Kutscher mit festem Zug an
der Leine vor dem Portal anhielt; von den schweren Gruppen stieg der Dampf
in Wolken auf; ein General mit Dreimaster auf dem Kopfe, in einem Mantel
mit Biberkragen, sprang graziös aus dem Wagen und lief unter lauten
»Hurras« zur Glastür, die sich ihm öffnete.
Dasselbe »Hurra« klang ihm entgegen, als der General später auf den Balkon
hinaustrat. Der bärtige Mann unter dem Balkon kennt diesen Namen noch
heute. Aber er nennt ihn niemandem.
Er wird niemandem von der Dirne erzählen, die heute nacht unten auf den
Stufen des Portals gekauert und geweint hatte.
Er wird niemandem von dem Minister erzählen, der, bis vor kurzem, hier
täglich zu erscheinen pflegte: er trug einen Zylinder auf dem Kopf; in
seinen Augen lag eine grünliche Tiefe; wenn er aus dem leichten Schlitten
heraustrat, glättete er seinen gepflegten graumelierten Bart mit der grau
behandschuhten Hand.
Er ging mit hastigen Schritten durch die Glastür, um dann in
Nachdenklichkeit versunken an den Fenstern stehenzubleiben.
Dort, an jenem Fenster, sah man das blasse, blasse Gesicht an die Scheibe
gedrückt; der zufällige Passant würde in dem blassen Fleck an der Scheibe
wohl kaum das Gesicht des Mannes vermutet haben, der von da aus die
Schicksale Rußlands lenkte.
Der bärtige Alte kannte ihn; und er erinnert sich seiner, niemals und nie
wird er von ihm erzählen! . . .
Und -- Ruhe seiner Asche . . .
Auch der Schweizer mit dem Stab, der über dem »Börsenkurier« schlummerte,
auch er kannte das leiddurchzogene Gesicht gut. Wetscheslaw
Konstantinowitsch hat, Gott sei Dank, noch niemand im Hohen Amt vergessen;
aber an, seligen Angedenkens, Kaiser Nikolaus Pawlowitsch erinnert sich
keiner mehr: man erinnert sich nur der weißen Säle, der Säulen, der
Balustraden.
Der bärtige Alte aber, er erinnert sich seiner.
Aus der Unzeit her, wie über der Linie der Zeit schweben, steht er gebeugt
da: über der pfeilgeraden Straße oder -- über der bitteren, salzigen,
fremden menschlichen Träne?
* * *
Der kahle Kopf hebt sich empor, der mephistophelische, greisenhaft welke
Mund lächelt; rötliche Flämmchen zucken durch das Gesicht; Flämmchen
blinken in den Augen, aber es sind steinerne Augen; blau in grünlichen
Höhlen; kalte, erstaunte Blicke, und -- kalt, kalt. Gespenstisch entflammen
Zeit, Sonne, Licht. Das ganze Leben nichts als -- ein Gespenst. Lohnt es
sich? Nein, es lohnt sich nicht:
»Ich bin, meine Herrschaften, aus der Schule Plehwe . . . Ich, meine
Herrschaften . . . Ich--mmä--mmä«
Der kahle Kopf senkt sich.
* * *
Im Hohen Amt hüpfte ein Flüstern von Tisch zu Tisch; plötzlich ging die Tür
auf; ein Beamter mit kalkweißem Gesicht sprang ans Telephon:
»Apollon Apollonowitsch hat seinen Abschied genommen . . .«
Alle sprangen von den Plätzen auf; der Beamte Legonin begann zu weinen; es
entstand ein blödes Stimmengewirr, ein Fußtrampeln; aus dem Zimmer des
Vizedirektors drang eine feste Stimme und das Knattern der Telephonglocke
(zum Departement neun); der Vizedirektor stand mit bebendem Kinn da; in
seiner Hand tanzte das Telephonrohr hin und her. Apollon Apollonowitsch
Ableuchow war bereits nicht mehr das Haupt des Amtes.
Eine Viertelstunde später erteilte der grauhaarige Vizedirektor, in hoch
zugeknöpftem Amtsrock und mit dem Annaorden auf der Brust, seine Befehle;
zwanzig Minuten später schritt er mit frisch rasiertem, verjüngtem Gesicht
durch die weiten Säle.
Das war der Verlauf eines Ereignisses von unbeschreiblicher Wichtigkeit.