Ich weiß, was ich tue

Punkt zehn Uhr war Apollon Apollonowitsch mit dem Kaffee fertig.

Ins Speisezimmer pflegte er -- wie wir wissen -- immer kalt, streng, frisch

rasiert, Eau-de-Cologne-Duft weit ausstrahlend, hineinzukommen, um seinen

Kaffee nach dem Chronometer zu erledigen; heute aber war er unrasiert,

unparfümiert, im Morgenrock, mit den Hauspantoffeln schlürfend, zum

Frühstück erschienen.

Von halb neun bis zehn Uhr blieb er allein vor dem Tisch.

Er hatte die Korrespondenz unbeachtet gelassen, den devoten Morgengruß der

Diener gegen alle Tradition nicht beantwortet, und wie die Bulldogge ihre

speichelnde Schnauze auf die Knie des Herrn gelegt hat, hat sich dieser an

dem Kaffee verschluckt, und seine rhythmisch schmatzenden Lippen riefen:

»He . . . wer ist da? Nehmt den Hund fort . . .«

Die Hand bröselte und knetete das französische Frühstücksbrötchen, während

der versteinerte Blick unverwandt in den schwarzen Kaffeesatz auf dem Boden

der Tasse starrte.

Um halb zwölf erinnerte sich gleichsam Apollon Apollonowitsch an etwas,

fuhr unruhig-geschäftig auf seinem Platz auf und nieder; die Augen irrten

hin und her und erinnerten an eine graue Maus; er sprang auf und lief mit

perlenden Schrittchen, ein wenig zitternd in sein Arbeitszimmer, wobei der

zurückgeschlagene Vorderschoß des Morgenrockes seine nur halb zugeknöpfte

Unterhose sehen ließ.

Bald darauf trat auch der Diener ins Arbeitszimmer, um zu melden, daß der

Wagen warte; wie angewurzelt blieb er aber an der Schwelle stehen.

Erstaunt sah er zu, wie sein Herr die massive Leiter über die weichen

Samtteppiche rollte, von Bücherschrank zu Bücherschrank, wie er ächzend,

stolpernd, keuchend, schwitzend, mit Gefahr für sein hohes Leben die

Sprossen hinaufkletterte, um mit den Fingern die Bücher auf Staub zu

untersuchen; den Diener erblickend, kaute er ein wenig verächtlich mit dem

leeren Mund, ohne auf die Mitteilung über den unten wartenden Wagen etwas

zu erwidern.

Mit der Hand über die Rückeneinbände klopfend, verlangte er nach einem

Staubtuch.

Zwei Diener brachten ihm zwei Staubtücher; auf seinen Wunsch wurden ihm

diese an einem Besenstiel hinaufgereicht; jeder der zwei Diener nahm eine

Stearinkerze in die Hand; jeder der zwei Diener stellte sich -- rechts und

links -- neben die Leiter hin und streckte den bald steif gewordenen Arm

mit der Kerze nach oben.

»Höher mit dem Licht! . . . Nicht so . . . Nein, anders . . . Aber höher

doch . . . noch etwas höher . . .«

Über den hohen Gebäuden jenseits der Newa ballten sich inzwischen rauchige,

bauschige Wolken zusammen und hingen wie Knäuel aus Filz in der Luft; der

Wind schlug gegen die Fenster; im grünlich-düsteren Zimmer herrschte

Halbdämmerung; draußen heulte der Wind; und immer höher, höher streckten

sich zwei Stearinkerzen an beiden Seiten der Leiter, die fast bis zur

Zimmerdecke lief; dort ganz oben bewegten sich die Schöße des mausgrauen

Morgenrockes hin und her und baumelten himbeerrote Quasten.

»Exzell . . .«

»Ist es eine Arbeit für Sie, Exzellenz . . .«

»Wozu mühen Sie sich nur selbst ab? . . .«

»Erlauben, Exzell . . . So was Unerhörtes . . .«

Apollon Apollonowitsch Ableuchow, der Wirkliche Geheime Rat, der oben in

der Staubwolke stand, der konnte ja gar nicht hören. Ach wo: alles in der

Welt vergessend, wischte er mit dem Staublappen die Einbandrücken, klopfte

mit den Deckeln an die Leiter, bis er schließlich heftig zu niesen begann:

»Staub, Staub, Staub . . .«

»So was . . . So was . . .«

»Na, wartet nur, bis ich mit dem Lappen an euch herankomme!«

»So, sehr schön . . .«

Und er warf sich, mit dem Lappen bewaffnet, über den Staub her.

Ein unruhiges Knattern der Telephonglocke: das hohe Amt läutete; aber auf

das unruhige Geläute wurde aus dem gelben Hause geantwortet:

»Exzellenz? . . . Ja . . . Geruht Kaffee zu trinken . . . Es wird

ausgerichtet werden . . . Ja . . . Der Wagen wartet schon . . .«

Auch auf das dritte, diesmal wütende Klingeln, wurde geantwortet:

»Noch nicht . . .«

»In seinem Arbeitszimmer . . .«

»Ist mit Ordnen der Bibliothek beschäftigt . . .«

»Der Wagen?«

»Der Wagen wartet . . .«

Die Pferde wurden endlich in den Stall zurückgebracht; der Kutscher spuckte

aus: schimpfen traute er sich nicht.

* * *

»Sauber wisch' ich euch!«

»Ei, ei, ei! . . . Sieh mal einer her!«

»Abschi! . . .«

Und die zitternden, gelben Hände schlugen auf die dicken Bände.

* * *

Ein schepperndes Klingeln im Vorzimmer: ein schepperndes, zerrissenes

Klingeln; das Sprechen des Schweigens zwischen einem und dem folgenden

Klingeln; als Erinnerung an etwas, lief dieses Schweigen durch die Räume

der lackierten Zimmer -- als Erinnerung an etwas Vergessenes; und trat

ungebeten ins Arbeitszimmer; hier stand es, alt, alt, und stieg über die

Sprossen der Leiter nach oben.

Ein Ohr streckte sich aus dem Staub; der Kopf wandte sich.

»Hören Sie?«

Wer es sein konnte?

Es konnte -- Nikolai Apollonowitsch sein, der Schuft, der Taugenichts und

Lügner; es konnte ein -- Herman Hermanowitsch sein, der mit den Papieren

kam; oder ein Kotosch -- Kotoschinski; oder vielleicht Graf Nolden; es kann

übrigens -- mm -- mmä -- auch Anna Petrowna sein . . .

Es schepperte.

»Hören Sie denn nicht?«

»Gewiß, Exzellenz; es wird aber dort schon aufgemacht . . .«

Jetzt erst antworteten die Diener: versteinert waren sie noch immer

gestanden und hatten geleuchtet.

Ssemjonytsch allein schlenderte durch den Korridor (immer war er von etwas

bedrückt, immer murmelte er etwas vor sich hin) und wiederholte aus

Langeweile die auswendig gelernten Abteilungen der herrschaftlichen

Kleiderchiffonniere:

»Nordost: schwarze und weiße Krawatten . . . Kragen und Manschetten -- im

Osten . . . Uhren -- im Norden« -- nur Ssemjonytsch, im Korridor wandernd,

horchte auf, wurde unruhig, schärfte das Ohr und trippelte gegen das

Arbeitszimmer des Herrn.

»Ich gestatte mir, aufmerksam zu machen: es hat geläutet.«

Die Diener antworteten nicht.

Jeder hielt seine Kerze in der hoch nach oben gestreckten Hand; auf der

oberen Sprosse der Leiter ragte der kahle Kopf des Senators aus der

Staubwolke hervor; eine unruhige, zerrissene Stimme sagte:

»Ja, auch ich hab' es gehört.«

Apollon Apollonowitsch riß sich von einem dicken Band los:

»Ja, ja, ja . . .«

»Es läutet . . . Hören Sie, es läutet . . .«

Beide verspürten zugleich ein unaussprechliches, aber ihnen deutliches

Etwas, denn beide fuhren zusammen: rasch, rasch, beeilet euch! . . .

»Es ist die gnädige Frau . . .«

»Es ist Anna Petrowna!«

Rennet, geschwind, sputet euch: es hat wieder gescheppert!

Geschwind stellten die Diener ihre Kerzen auf den Tisch und eilten in den

dunkelnden Korridor (als erster trippelte Ssemjonytsch voran). Im

grünlichen Licht des Petersburger Morgens begannen die Augen des Apollon

Apollonowitsch oben unter der Zimmerdecke unruhig hin und her zu laufen;

nach Luft schnappend, ächzend, die haarige Brust, die Schulter und das

borstige Kinn gegen die Sprossen gedrückt, stieg er die Leiter hinunter und

begann plötzlich mit trippelnden Schrittchen gegen das Vestibül zu rennen,

den Staublappen in der Hand, die Schöße des Morgenrockes wie phantastische

Dreiecke in der Luft flatternd. Er stolperte leicht, blieb stehen und

tastete kurz atmend mit dem Finger nach dem Puls.

* * *

Ein Herr mit wallendem Backenbart in tadellos zugeknöpftem Amtsrock, mit

blendend weißen Manschetten und dem Annastern an der Brust, kam

ehrfurchtsvoll, vom Diener angeführt, die Treppe herauf; auf dem

Silbertablettchen in den zitternden Händen des alten Ssemjonytsch lag eine

Visitenkarte, die eine Adelskrone aufwies.

Hinter der steinernen Niobe stand Apollon Apollonowitsch, schlug mit

geschäftiger Miene die Schöße seines Morgenrockes übereinander und sah dem

würdigen Gast mit dem gut gepflegten Bart entgegen.

Wahrhaftig er sah wie eine Maus aus.

Petersburg · 第 94 / 112 题