Kohlensäureoblaten

Die grünliche Helle des Morgens sah bereits zum Fenster herein, aber der

alte Ssemjonytsch hatte noch kein Auge geschlossen! Er stöhnte fortwährend

in seiner Kammer, wälzte sich von einer Seite auf die andere; bald überfiel

ihn ein Gähnen, bald mußte er sich jucken, dann wieder -- verzeih uns,

Herr, unsere Sünden! -- kam das Niesen über ihn; und bei alledem noch die

verschiedensten Gedanken und, was dergleichen mehr ist:

»Aus Hischpanien kam sie, unser Mütterchen, Anna Petrowna, aus Hischpanien

. . .«

Und er erzählte sich selber:

»Ja--a . . . Ich mache also auf . . . Eine Dame steht da, eine unbekannte

. . . Eine unbekannte Dame, auf ausländische Art gekleidet . . . Sie aber

sagt also zu mir . . .«

»Aaaa . . .«

»Sie aber sagt zu mir . . .«

»Herr, vergib uns unsere Sünden! . . .«

Wieder das verdammte Gähnen.

Schon hat bereits die Teturinsche Fabrik ihre Sirene singen lassen; die

kleinen Dampfer an der Newa pfiffen; das elektrische Licht an der Brücke --

pfüit! -- weg ist es . . . Ssemjonytsch warf die Decke von sich und erhob

sich, seine große Zehe bohrte sich in das Geflecht des Bettvorlegers.

Er flüsterte mit sich selber.

»Ich sag' zu ihm: so und so, Exzellenz . . . Er aber -- ja, also . . .«

»Nicht das geringste Interesse . . .«

»Und auch der junge Herr . . . kaum den Windeln entwachsen . . . So ein --

Herr, verzeih uns unsere Sünden! -- so ein junger Hund; noch feucht hinter

den Ohren . . .«

»Es sind keine Herrschaften . . . Chamlete sind es . . .«

So brummte Ssemjonytsch vor sich hin; und -- steckte wieder den Kopf unter

das Kissen; langsam zogen die Stunden vorbei; blaßrosa Wölkchen, im

Sonnenschein reifend, liefen hoch über dem reif werdenden Glanz der Newa

. . . Durchwärmt von der Decke lag Ssemjonytsch und brummte vor sich hin

und flüsterte trauernd:

»Es sind keine Herrschaften . . . es sind -- einfach Chemiker . . .«

Ei, wie knackte auf einmal die Korridortür! Vielleicht Diebe!

Erst neulich waren Diebe beim Kaufmann Awdiew gewesen. Bestohlen haben sie

den Kaufmann Awdiew.

Auch Chacha, den Moldauer, hatte man einmal umbringen wollen.

Er warf die Decke ab und streckte den dunstgebadeten Kopf vor; rasch

schlüpfte er in die Unterhose und sprang mit ernstlich beleidigter Miene

und kauendem Unterkiefer aus dem durchwärmten Bett; barfüßig patschte er in

den von Geheimnissen erfüllten Raum: den dunkel gähnenden Korridor.

Und nun?

Der Riegel an der . . . Wasserklosettür knackte: Seine Exzellenz, Apollon

Apollonowitsch, der gnädige Herr, geruhte von dort in sein Schlafgemach

zurückzukehren.

Das Blau des dunklen Korridors wurde bereits von Grau durchzogen, die

Zimmer aber leuchteten im Hell; die Kristallanhängsel funkelten: halb acht;

die kleine Bulldogge kraute sich, strich, mit der Pfote kratzend, über das

Halsband und langte dann mit der Schnauze, der tigerähnlichen, nach dem

eigenen Rücken.

»Herrgott, Herrgott!«

»Awdiew, der Kaufmann, war bestohlen worden! . . . Awdiew, der Kaufmann,

war bestohlen worden! . . . Chacha, den Provisor, hat man umbringen wollen!

. . .«

* * *

Wild ausgelassen ergossen sich die Strahlen vom blauen, klingenden, vom

kristallblitzenden Himmel.

Mit ungelenken Bewegungen, über die himbeerfarbene Quastenschnur stolpernd,

zog Apollon Apollonowitsch seinen wattierten, ein wenig abgeschabten,

mausgrauen Schlafrock an; aus den grellhimbeerfarbenen Revers sah sein

unrasiertes Kinn hervor (das gestern übrigens noch glatt gewesen war), mit

nadelscharfen, dichten, ganz weißen Stoppeln wie frisch in der Nacht

gefallener Reif; das Dunkel der Augen- und Backenhöhlenknochen, die -- wie

wir von uns sagen können -- sich über Nacht bedeutend vertieft hatten,

zeichneten sich dabei besonders scharf.

Mit geöffnetem Mund und entblößter, behaarter Brust saß er auf seinem Bett,

zog langsam die Luft ein, die jedoch, von der Lunge nicht aufgenommen,

stoßweise rasch wieder herauskam; er tastete immerzu nach seinem Puls und

beobachtete die Uhr.

Ihn schien ein unausgelöstes Aufstoßenbedürfnis zu quälen.

Er dachte weder an die Serie alarmierender Depeschen, die ihn von allen

Seiten eilig zu erreichen suchten, noch an den wichtigen Staatsposten, der

ihm für immer zu entschlüpfen drohte, noch an -- an Anna Petrowna;

wahrscheinlich dachte er nur daran, woran man, vor einer offenen Schachtel

kohlensaurer Oblaten sitzend, zu denken pflegt.

Das heißt -- er dachte daran, daß das Aufstoßen, die unregelmäßigen

Herzschläge, der Luftmangel (der Luftdurst), auch diesmal wie immer von

Stichen und Kitzeln in den Handinnenflächen begleitet, bei ihm nicht vom

Herzen komme, sondern eine Folge der Entwicklung von Gasen sei.

An die ziehenden Schmerzen im linken Arm, an das schmerzhafte Zucken in der

linken Schulter bemühte er sich jetzt nicht zu denken.

»Wissen Sie -- das alles kommt einfach vom Magen!«

So hatte ihm eines Tages der achtzigjährige Kammerherr Ssaposchkow, der

kürzlich an einer Herz-Angina dahingegangen ist, all diese Beschwerden

klarzumachen gesucht.

»Die Gase, wissen Sie, drücken auf die Magenwände und verursachen ein

Zusammenziehen des Zwerchfells . . . Daher das Aufstoßen, die Herzschläge

. . . Es kommt alles von der Gasentwicklung . . .«

Vor kurzem wurde Apollon Apollonowitsch im Senat bei der Entgegennahme

eines Berichtes von einem Unwohlsein befallen; er wurde blau, begann zu

keuchen und mußte hinausgeführt werden; auf das dringende Zureden, einen

Arzt zu Rate zu ziehen, erklärte er den Anwesenden:

»Wissen Sie, es ist nichts als die Entwicklung von Gasen . . . daher die

Schläge . . .«

Die schwarzen trockenen Pastillen, die Gase absorbieren, pflegten ihm

zuweilen Erleichterung zu bringen; nicht immer übrigens.

* * *

»Ja, das sind die Gase« -- und er begab sich . . . Es war gegen halb neun.

Das war der Lärm, der Ssemjonytsch so beunruhigt hat.

Bald daraus knallte eine Tür im Korridor; Apollon Apollonowitsch nahm den

gestreiften Plaid von den frierenden Knien, erhob sich wieder, trat an die

Tür seines Schlafgemachs, öffnete diese und steckte sein schweißbedecktes

Gesicht vor, um -- auf ein ebensolches schweißbedecktes Gesicht zu stoßen.

»Sie sind's?«

»Jawohl -- ich, Exzellenz . . .«

»Was wollen Sie?«

»Ich habe nur so nachgesehen . . .«

»Ah, ja, ja . . . Warum so zeitig . . .?«

»Es muß überall nachgesehen werden . . .«

»?«

»Ein Laut . . .«

»Welcher Laut?«

»Es hat geklopft . . .«

»Ach, das da . . .«

Hier erfaßte Ssemjonytsch den Rand der viel zu weiten Unterhose und

schüttelte bedenklich den Kopf.

»Es wird nichts weiter sein . . .«

* * *

Die Sache war, daß zehn Minuten vorher Ssemjonytsch zu seiner großen

Verwunderung bemerkt hatte: aus der Zimmertür des jungen Herrn war der

hellblonde Kopf hervorgetaucht, hatte sich nach rechts, dann nach links

umgesehen und war wieder verschwunden.

Einen Augenblick darauf aber war der junge Herr wie ein Heupferdchen an die

Tür des alten gnädigen Herrn herangesprungen.

Da war er stehengeblieben, atmete, schüttelte den Kopf und drehte sich

wieder, ohne Ssemjonytsch, der in der Ecke stand, bemerkt zu haben; er

blieb wieder eine Weile stehen, atmete und drückte seinen Kopf an die

Türspalte, aus der ein Lichtschein kam; ja, so stand er, den Kopf fest an

die Türleibung gedrückt! Solche Neugierde bei einem jungen Herrn

vornehmster Art! . . . nein, das war nichts für einen jungen Herrn, der

nicht nur so einer war . . .

Hinter der Tür spähen? Nein, das ist kein würdiges Benehmen.

Wenn es wenigstens bei einem Fremden gewesen wäre -- aber der eigene Vater,

sein eigenes Fleisch und Blut; es wäre ja nichts dagegen zu sagen, wenn der

Sohn, um des Vaters Gesundheit besorgt, gespäht hätte; aber nein man fühlt

schon, daß es hier nicht um die kindliche Sorge geht, daß es einfach nur so

geschieht, aus müßiger Neugierde. Dafür gibt es nur ein Wort: ein

Tunichtgut.

Du bist doch nicht irgendein Lakai, sondern der Sohn eines Generals, hast

französische Erziehung genossen.

Hier begann Ssemjonytsch »hm -- hm« zu machen.

Ei, wie er zusammenfuhr, der junge Herr!

»Meinen Gehrock bitte rasch abzubürsten«, warf er dem Alten geärgert zu.

Und fort war er von Vaters Tür in das eigene Zimmer: ein wahrhaftiger

Tunichtgut.

»Zu Befehl!« brachte Ssemjonytsch mit kritischer Note durch die Zähne; bei

sich dachte er aber:

»Die Mutter ist zurückgekehrt -- und er in aller Herrgottsfrühe: >Putzen

Sie meinen Gehrock ab.<«

»Das ist kein schönes Benehmen, kein würdiges!«

»Chamlete sind es einfach . . . Gott steh uns bei . . . An der Tür horchen

. . .«

* * *

All das ging dem Alten durch den Kopf, während er, seine Unterhose

festhaltend, bedenklich den Schädel schüttelte und leise vor sich

hinbrummte:

»Aää? . . . Was das ist? . . . Geklopft hat es: das stimmt . . .«

»Was aber hat geklopft, wer?«

»Nichts Besonderes: der gnädige Herr braucht sich deswegen nicht zu

beunruhigen . . .«

»?«

»Es ist nur Nikolai Apollonowitsch . . .«

»Ha?«

»Der junge Herr hat die Tür zugeschlagen: er ist heute früh ausgegangen.«

Apollon Apollonowitsch sah Ssemjonytsch an und wollte dann etwas fragen,

aber er gab es auf und kaute nur greisenhaft mit dem Mund; er erinnerte

sich der kurz vorher stattgehabten verunglückten Auseinandersetzung mit dem

Sohn (es war ja der Morgen nach dem Ball bei Zukatows); mit dem Ausdruck

des Verletztseins senkten sich seine Mundwinkel und bildeten hängende

Hautsäckchen. Der zurückgebliebene Eindruck war für Apollon Apollonowitsch

peinlich genug, und er jagte ihn von sich.

Schüchtern, bittend sah er Ssemjonytsch an.

»Der Alte hat Anna Petrowna gesehen . . . Hat immerhin mit ihr gesprochen

. . .«

Zudringlich blieb dieser Gedanke haften.

»Verändert haben mochte sie sich schon, Anna Petrowna . . . Ist wohl mager

geworden, hat abgenommen; hat vielleicht auch graue Haare bekommen; auch

mehr Falten im Gesicht . . . Könntest ihn vorsichtig, auf Umwegen fragen

. . .«

»Doch -- nein, nein!«

Plötzlich zerfloß das Gesicht des achtundsechzigjährigen alten Herrn

unnatürlich in Falten, der fletschende Mund reichte bis zu den Ohren.

Und der Sechzigjährige war jetzt -- ein Tausendjähriger; und mit künstlich

erhobener Stimme, die fast wie ein Schreien klang, versuchte die

grauhaarige Ruine aus sich ein Anekdotchen herauszupressen.

»A . . . m--m--ä . . . Ssemjonytsch . . . Sie sind . . . m--m--mä . . .

barfuß.«

Der alte Diener fuhr beleidigt zusammen.

»Entschuldigen, Erzell . . .«

»Das . . . m--m--mä . . . meine ich gar nicht«, strengte sich Apollon

Apollonowitsch an, um zu seiner Anekdote zu gelangen.

Aber das Anekdotchen wollte ihm nicht gelingen, und er stand mit in die

Leere geheftetem Blick da; ganz flüchtig ließ er sich dann nieder und brach

mit dem Unsinn los:

»A . . . sagen Sie . . .«

»?«

»Sie haben gelbe Fersen?«

Ssemjonytsch war beleidigt.

»Ich habe keine gelben Fersen; das haben nur die langzöpfigen Chinesen

. . .«

»Hi -- hi -- hi . . . Dann vielleicht rosafarbige?«

»Mit Verlaub -- menschliche . . .«

»Nein -- gelbe, gelbe . . .«

Und Apollon Apollonowitsch, der Tausendjährige, Zitternde, Kleine, stampfte

mit dem Pantoffel auf den Boden auf.

»Auch Fersen, jawohl . . . Aber vor allem sind's die Hühneraugen, Exzellenz

. . . Sobald ich den Schuh angezogen habe, da beginnen sie zu brennen und

zu stechen, ja, Herr . . .«

Bei sich aber dachte er:

»Ach was -- Fersen? . . . Es handelt sich bei dir nicht um die Fersen

. . . Hast wohl auch, alter Pilz, die ganze Nacht kein Auge geschlossen

. . . Und die Gemahlin befindet sich in der nächsten Nähe, in erwartendem

Zustand . . . Und der Sohn, dieser Chamletist . . . Aber nein, der muß von

den Fersen reden! . . . Gelbe . . . Vielleicht hast du selbst gelbe Fersen

. . . Auch eine -- >Persönlichkeit<! . . .«

Und er fühlte sich ganz und gar beleidigt.

Aber wie immer zeigte Apollon Apollonowitsch (wenn es gerade über ihn kam)

in Anekdoten, in dummen Scherzen, in allerlei Späßchen eine geradezu

klettenhafte Zudringlichkeit: um sich selbst aufzumuntern, spielte der

Senator (der Wirkliche Geheime Rat, Professor und Träger der

Brillantenorden) den Springinsfeld, den Tunichtgut, den lustigen Bösewicht;

er war da für die anderen wie die Fliegen, die an gewitterschweren,

schwülen Tagen einem zudringlich bald in die Augen, bald in die Nase, bald

ans Ohr fliegen; wie die Fliegen, die man an gewitterschweren, schwülen

Tagen, wenn graurötliche Wolken schwer und tief über den Linden hängen, zu

Dutzenden auf den Händen, auf dem Schnurrbart umbringt.

»Das Fräulein aber -- hi--hi--hi . . . Das Fräulein . . .«

»Was meint der gnädige Herr?«

»Das Fräulein hat . . .«

So ein Tunichtgut!

»Was hat das Fräulein?«

»Rosige Fersen . . .«

»Das kann ich nicht wissen . . .«

»Da geben Sie nur acht . . .«

»Spaßig sind Sie, gnädiger Herr . . .«

»Das kommt von den Strümpfchen, wenn das Füßchen vom -- Schweiß . . .«

Und ohne den Satz zu vollenden, schritt Apollon Apollonowitsch Ableuchow --

der Wirkliche Geheime Rat, Professor, Haupt eines hohen Amtes -- mit den

Pantoffeln schlürfend, weiter, in sein Schlafzimmer; und -- knacks: die Tür

abgesperrt.

Drinnen hinter der Tür ließ er sich auf einen Stuhl nieder, wurde still,

weich.

Und er sah mit hilflosen Blicken um sich: ei, wie klein wurde er! Ei, wie

sich sein Rücken krümmte! Seine Schultern schienen ungleich hoch (als wäre

eine hinuntergeschlagen). Die Hand griff unwillkürlich nach der hüpfenden,

schmerzenden Seite.

* * *

Ja--a! . . .

Alarmierende Nachrichten aus der Provinz . . . Und, wissen Sie, der Sohn,

der Sohn! . . . Dem eigenen Vater solche Schmach zu bereiten . . . Eine

schreckliche Lage, wissen Sie . . .

Die alte Gans, Anna Petrowna, ausgeplündert: ein schuftiger Hohlkopf, mit

einem Schnurrbart wie bei einer Küchenschabe . . . Nun ist sie

zurückgekehrt . . .

Macht nichts! . . . Es wird schon irgendwie gehen! . . .

Aufruhr, Rußlands Untergang . . . Sie sammeln sich schon: Attentat!

Irgendein Abiturient mit Schnurrbärtchen erlaubt sich, in ein altadeliges,

geachtetes Haus . . .

Dann aber -- die Gase, die Gase! . . .

Hier schluckte er eine Oblate hinunter . . .

* * *

Die Feder verliert ihre Elastizität, wenn sie zu stark gespannt ist; es

gibt eine Grenze für die Elastizität; für den menschlichen Willen gibt es

auch eine Grenze; auch der eiserne Wille schmilzt; im Alter verdünnt sich

das menschliche Hirn. Heute kommt ein Frost, und der feste Schneehaufen

sprüht helleuchtende Funken; und du modellierst aus den frostigen

Schneesternchen eine funkelnde menschliche Gestalt.

Raunend und flüsternd zieht das Tauwetter daher, der Schneehaufen wird

unterwässert: er schrumpft zusammen, wird glitschrig und zerfällt.

Apollon Apollonowitsch Ableuchow hatte schon in der Kindheit gefroren: er

hatte gefroren und seine Kräfte gestählt; in der frostigen Petersburger

Nacht schien seine funkelnde Gestalt derber, fester, gewaltiger, diese

selbstleuchtende, funkelnde Gestalt, die in der nordischen Nacht gerade am

mächtigsten geragt, als der faule Wind eingesetzt hatte, der seinen Freund

vernichtete; dieser Wind, der jetzt zu einem Sturm ausgeartet ist.

Apollon Apollonowitsch Ableuchow hatte sich bis zum Losbrechen des Sturmes

noch immer auf der Höhe gehalten; ja, auch nachher.

Einsam und stolz, stand lange, vom Sturm umbraust, Apollon Apollonowitsch

Ableuchow -- selbstleuchtend froststeif und stark; aber es ist allem eine

Grenze gesetzt: schmilzt doch selbst Platina.

Über Nacht gab Apollon Apollonowitsch nach, über Nacht fiel er zusammen und

ließ seinen großen Kopf hängen; auch er, der federnd Elastische, knickte

zusammen. Früher aber? Es ist noch nicht lange her, da hatten in dem

faltenlosen Profil, das herausfordernd dem Himmel zugekehrt war, rote

Flämmchen gezuckt, die . . . ganz Rußland . . . in Flammen . . . versetzen

konnten . . .

Eine einzige Nacht lag dazwischen.

Und an Stelle des starken, goldwamsigen Mannes stand im feurigen Fond des

brennenden Rußlands -- ein an Hämorrhoiden leidender Greis, im Morgenrock

mit Quasten, mit kurz atmender, offener, haariger Brust, unrasiert,

schwitzend -- der konnte natürlich nicht den Lauf unseres ins Wanken

geratenen Staatsrades (über die holprigen, schlecht befahrbaren Wege)

leiten! . . .

Fortuna hat ihn verlassen.

Sicher sind es doch nicht die intimen privaten Ereignisse, nicht der

ausgemachte Schuft von einem Sohn, nicht die Angst, wie ein gemeiner

Krieger im Felde von einer Bombe getroffen zu werden, nicht das Erscheinen

Anna Petrownas, dieser wenig bedeutenden Person, die nirgends, rein

nirgends Glück hatte -- sicher war es nicht das Erscheinen dieser Anna

Petrowna (im schwarzen gestopften Kleid mit schwarzem Täschchen in der

Hand); sicher endlich war es auch nicht der rote Lappen auf der Straße, die

den Träger der brillantenen Orden in einen mürben Schneehaufen verwandelt

haben.

Nein -- die Zeit war es.

* * *

Haben Sie schon einmal berühmte, aber bereits in Kindheit verfallene Männer

gesehen, Greise, die ein halbes Jahrhundert jedem Anprall standhielten --

weißlockige (öfters noch kahlköpfige) mit dem Eisen des Kampfes gepanzerte

Führer?

Ich habe solche gesehen.

In Versammlungen, bei Sitzungen, bei Kongressen, stiegen sie in ihrer

blendend weißen Stärke, in tadellosen Fracks mit den ausgestopften

Schultern; rückengekrümmte Greise mit herunterhängenden Kiefern, falschen

Zähnen

-- ich sah sie --

wie sie, noch gewohnheitsmäßig sich auf der Tribüne

aufraffend, in alter Weise die Herzen zu erobern

versuchten und eroberten.

Und ich sah sie dann zu Hause.

Mit schwachsinniger Geschäftigkeit flüsterten sie mir kranke, schlechte

Witze ins Ohr; sie trippelten in ihr Arbeitszimmer und zeigten mit

schmatzendem Mund auf das Bücherfach mit den in Schweinsleder gebundenen

»gesammelten Werken«, die auch ich einst gelesen hatte, mit denen sie einst

mich und sich selbst bewirtet hatten.

Trauer überkommt mich!

* * *

Um zehn Uhr hat es an der Haustür geläutet; es war nicht Ssemjonytsch, der

aufgemacht hat; jemand kam, ging in das Zimmer des Nikolai Apollonowitsch,

saß dort, ließ einen Zettel zurück.

Petersburg · 第 93 / 112 题