-- rasch in die Unterhose schlüpfen (nein, was Unterhose: lieber so) --
oder sogar nur im bloßen Nachthemd, mit verzerrtem, ganz weißem, erstauntem
Gesicht --
-- ja, ja, ja! --
-- aus dem warmen Bett springen und mit nackten
Füßen in den geheimnisvollen Raum -- den dunklen
Korridor rennen, wie ein Blitz rennen, dorthin, von
wo der nie wiederkehrende Laut gekommen war,
die Diener umrennend weiterstolpern und die besonderen
Gerüche in sich aufnehmen, die Mischung von
Rauch, Gebranntem, Gas und . . . etwas, was noch
schrecklicher ist als Rauch und alles andere.
Übrigens, nein, riechen wird man wahrscheinlich überhaupt nichts.
In das raucherfüllte, qualmende Zimmer hineinrennen, um es, erstickend vor
Husten, sofort wieder zu verlassen und den Kopf durch das schwarze Loch in
der Wand zu stecken, das durch jene Explosion entstanden ist (in der Hand
wird inzwischen der Leuchter mit der in aller Eile angezündeten Kerze
tanzen).
Durch das Loch in der Wand wird die rotgelbe Flamme den Ort beleuchten, der
früher das Schlafzimmer geheißen hatte . . . Die rotgelbe Flamme wird etwas
höchst Unwesentliches beleuchten: den überall aufsteigenden Rauch.
Dann -- wird noch etwas beleuchtet sein . . . nein! Über dieses Bild wird
der Vorhang aus Rauch geworfen, aus Rauch! . . . Rauch und Rauch, nichts
weiter!
Aber doch . . .
Einen kurzen Augenblick unter diesen Vorhang blicken und ah, ah! Die Hälfte
der Wand ganz rot: dieses Rot fließt; die Wand ist also naß; also auch --
klebrig, klebrig . . . Das alles wird der erste Eindruck vom Zimmer sein;
zugleich aber auch der letzte. Zwischendurch wird sich anderes einprägen:
die mit Stuck bedeckten Wände, die Holzsplitter vom Parkett, Fetzen vom
verbrannten Teppich; die Fetzen qualmen noch. Nein, lieber nicht weiter
. . . aber doch . . . der Schienbeinknochen?
Warum blieb gerade dieser Knochen unversehrt?
All das wird Sache eines kurzen Augenblicks sein; hinter seinem Rücken aber
-- ebenfalls kurze Augenblicke: ein blödes Stimmengewirr, ein Strampeln mit
den Füßen im Korridor, verzweifeltes Geheul der -- denken Sie sich nur! --
Abwaschfrau; das Rattern der Telephonglocke (wahrscheinlich wird die
Polizei verständigt). . .
Den Leuchter fallen lassen . . . . auf dem Boden kauernd zucken vor dem
kalten Oktoberwind, der durch das Loch in der Wand eindringt (bei jenem
Knall waren alle Fensterscheiben auseinandergestoben), zucken vor Kälte und
an dem Nachthemd zupfen, bis der mitleidige Diener sich nähert --
-- der Kammerdiener vielleicht, derselbe, auf den später die Schuld
abzuwälzen am leichtesten sein wird (auf ihn wird ja auch so zu allererst
der Schatten des Verdachtes fallen) -- bis der mitleidige Diener dich mit
Gewalt in das andere Zimmer zieht und mit Gewalt kaltes Wasser in den Mund
gießt . . .
Aber sich vom Fußboden erhebend erblicken: -- dir zu Füßen dieselbe
dunkelrote Klebrigkeit, die jener Knall hierher geschmissen hatte . . . er
schmiß sie durch das Loch in der Wand zugleich mit einem Stück Haut (von
welcher Stelle mag nur die sein?) herüber . . . Die Augen erheben und
sehen, wie an der Wand klebend . . .
Brrr! . . . Hier ohnmächtig werden.
* * *
Die Komödie bis zu Ende spielen.
Vierundzwanzig Stunden später vor dem fest geschlossenen Sarge (es gab ja
nichts, was in den Sarg zu legen gewesen wäre) mit deutlich klarer Stimme,
im eng anliegenden Studentenkittel über der Kerze gebeugt beten.
Zwei Tage später frisch rasiert, das marmorne, gottähnliche Gesicht in den
Pelz des Wintermantels vergraben mit dem Ausdruck eines unschuldigen Engels
hinter den Sarg auf die Straße treten; mit den weißbehandschuhten Händen
die Mütze drücken und, von einer Suite hoher Persönlichkeiten umgeben, bis
zum Friedhof hinter dem Blumenberg (dem Sarg) schreiten. Diesen Sarg werden
Greise mit goldbestickter, ordengeschmückter Brust, weißen Hosen und Säbeln
an der Seite auf ihren zitternden Händen die Treppe hinuntertragen.
Acht kahlköpfige Greise werden die Last tragen.
* * *
Und -- ja, ja!
Bei der Untersuchung so auszusagen, daß . . . auf irgend jemand (ohne
Vorbedacht) doch ein Schatten fallen muß; es muß auf irgend jemand ein
Schatten fallen, damit er nicht auf dich selbst fällt . . . Wie anders
machen?
Auf irgend jemand wird ein Schatten geworfen . . .
Auf irgend jemand wird ein Schatten fallen . . .
* * *
Kolenka, der dumme Tropf,
Hüpft und tanzet immer;
Mit der Mütze auf dem Kopf
Reitet er durchs Zimmer.
* * *
Ihm wurde es klar: in dem Augenblick, wo Nikolai Apollonowitsch im Namen
einer Idee (so glaubte er) es auf sich genommen hatte, Vollstrecker des
Todesurteils zu sein, im selben Augenblick -- nicht heute, wo er sich den
ganzen Morgen auf dem grauen Prospekt herumgetrieben hatte, war dieser
ganze Plan von ihm ausgeheckt worden; die Tat im Namen einer Idee, so sehr
erregend sie war, verband sich in ihm mit teuflischer, gleichmütiger
Verstellungskunst, mit der Fähigkeit zu verleumden: vollständig unschuldige
Menschen zu verleumden (am bequemsten -- den Kammerdiener; der wurde
zuweilen von einem Neffen oder so was, einem Schüler der Gewerbeschule,
besucht; wohl schien er von Parteien nichts gewußt zu haben, aber das macht
nichts . . .).
In jedem Falle rechnete er mit seiner Kaltblütigkeit. Zum Vatermord
gesellte sich Lüge, gesellte sich auch Feigheit, aber auch -- was die
Hauptsache war -- Gemeinheit.
* * *
Er ist -- ein Schuft . . .
* * *
Alles, was in diesen zwei Tagen geschehen war, waren Tatsachen gewesen von
denen jede ein Ungeheuer war; ein Haufen von Tatsachen, das heißt, ein
Schwarm von Ungeheuern; vor diesen zwei Tagen hatte es keine Tatsachen
gegeben; und die Ungetüme hatten nicht hinter ihm hergejagt; Nikolai
Apollonowitsch hatte gegessen, geschlafen, gelesen; er hatte Liebe
empfunden: zu Sofja Petrowna; mit einem Wort: alles hatte sich in
bestimmtem Rahmen bewegt.
Aber, und -- nochmals aber! . . .
Er hatte anders als alle anderen gegessen und hatte anders als alle anderen
geliebt; seine Träume waren schwer und dumpf gewesen; das Essen schien
geschmacklos, und selbst seine Liebe hatte nach der Episode an der Brücke
einen sonderbaren Charakter angenommen: den Charakter der Verhöhnung mit
Hilfe des Dominos; seinen Vater -- hatte er gehaßt; es gab also ein Etwas,
das sich hinter ihm herschlich, das auf all sein Tun ein besonderes Licht
warf (lag nicht darin auch der Grund, daß er fortwährend zusammenfuhr, daß
seine Arme wie unnötige Lappen herunterhingen, daß sein Gesicht ein
Froschlächeln aufwies?).
Was war dieses Etwas?
War es sein der Partei gegebenes Versprechen? Wohl hatte er das Versprechen
nicht zurückgenommen, aber er hatte auch an dieses nicht mehr gedacht;
gedacht haben andere für ihn (wie wir wissen -- Lipantschenko); er hatte
aber auch gegessen, geschlafen, geliebt, gehaßt in seiner besonderen,
seltsamen Weise; ebenso seltsam erschien seine kleine Figur auf der Straße,
wenn das Ende seines Überwurfs im Wind flatterte und er mit gekrümmtem
Rücken wie ein Buckliger dahinschritt . . .
Es lag also an dem Entschluß, den er dort, dort an der Brücke, gefaßt
hatte, als ein kalter Newawind geblasen und er vor sich einen Mann mit
steifem Hut, Stock, Schnurrbart erblickt hatte (die Bewohner Petersburgs
zeichnen sich durch -- hm -- hm! -- Eigenschaften aus! . . .).
Aber wiederum schon das Stehen auf der Brücke war ja nur eine Folge davon,
daß es ihn dahin getrieben hatte; die Liebe hatte ihn getrieben; doch hatte
er seine Leidenschaften in besonderer Weise erlebt, unschön -- kalt.
An der Kälte also lag es.
Diese Kälte war schon in der Kindheit in seine Seele gedrungen, als er,
Kolenka, nicht Kolenka, sondern -- Vaterbrut genannt wurde! Er hatte sich
geschämt. Später war ihm das Wort »Brut« ganz klar geworden (durch die
Beobachtung des schamlosen Treibens der Haustiere), und -- ja, er erinnerte
sich -- er hatte geweint; die Schmach seiner Entstehung hatte er dann auf
den Urheber übertragen -- den Vater.
Er war oft stundenlang vor dem Spiegel gestanden und beobachtete, wie seine
Ohren wuchsen: sie wuchsen in der Tat.
Da hatte Kolenka begriffen, daß alles, rein alles, was in der Welt lebte,
»Brut« war; daß es keine Menschen gab, sondern daß sie nur »Erzeugnisse«
waren; Apollon Apollonowitsch selbst war nur ein »Erzeugnis«, das heißt
eine unangenehme Summe von Blut, Haut und Fleisch; eine unangenehme, weil
die Haut -- schwitzte, das Fleisch verdarb durch Wärme, das Blut aber einen
Duft hatte, der nicht der Duft von Maiveilchen war.
So identifizierte sich die Temperatur seiner Seele mit den unabsehlichen
Eisregionen, etwa der antarktischen Zone; er aber -- ein Peery, ein Nansen,
ein Amundsen -- kreiste in diesen Eisregionen; oder auch: -- seine Seele
war zu blutigem Schlamm geworden (der Mensch ist bekanntlich nichts als in
einer Haut steckender Schlamm).
Eine eigentliche Seele existierte also nicht.
Er hatte sein eigenes Blut gehaßt und nach fremdem gelechzt. So hatte er
seit seiner frühesten Kindheit in sich die Keime der Ungetüme getragen; und
als sie reif wurden, schlüpften sie in vierundzwanzig Stunden hervor und
umstanden ihn als Tatsachen von ungeheuerstem Inhalt. Nikolai
Apollonowitsch wurde bei lebendigem Leibe aufgefressen; er war in die
Ungetüme übergeronnen.
Kurz, er war selbst ein Ungetüm geworden.
»Fröschlein!«
»Ungeheuer!«
»Roter Narr!«
Ja, eben: man hatte vor seinen Augen mit Blut gespielt, ihn »Brut« genannt;
jetzt lacht der Narr über sein eigenes Blut; nicht der Narr war eine Maske:
die Maske war Nikolai Apollonowitsch . . .
Sein Blut ist vorzeitig in Zersetzung übergegangen.
Es ist vorzeitig in Zersetzung übergegangen: das ist es wohl, warum er in
anderen zuweilen Ekel auslöste; das war der Grund, warum er auf der Straße
so sonderbar aussah.
Dieses morsche, armselige Gefäß mußte zerbrechen: und langsam geschah es.