Das Hohe Amt.
Irgend jemand hatte es geschaffen; seit dieser Zeit bestand es; bis dahin
hatte es nur eine Zeit gegeben, die man mit »dazumal« bezeichnet. So
berichtet uns das »Archiv«.
Das Hohe Amt.
Irgend jemand hatte es geschaffen, bis dahin gab es nur Dunkelheit, jemand
schwebte über dem Dunkel; und es entstand Licht -- ein Zirkular unter
Nummer eins; das Zirkular der letzten fünf Jahre trug die Unterschrift:
»Apollon Ableuchow«: im Jahre neunzehnhundertfünf war Apollon
Apollonowitsch Ableuchow die Seele aller Zirkulare.
Das Licht scheint im Dunkel; die Dunkelheit hat es nicht verschlungen.
* * *
Das Hohe Amt.
Und die bockbeinige Karyatide. Seit dem Tage, an dem der von zwei Rappen
gezogene schwarzlackierte Wagen zum erstenmal an das Portal herangesaust
war und sich von den Trauerkissen erhebend die Statue mit dem
Pergamentgesicht den Fuß auf den Granit gesetzt hatte, seit dem Tage, an
dem zum erstenmal die schwarzbehandschuhte Hand auf die vielen Verbeugungen
hin den Rand des Zylinders berührt hatte, seit diesem Tag waltete über dem
Hohen Amt, das seine feste Macht über ganz Rußland ausbreitete, ein noch
festerer Machtdruck.
Längst im Staub begrabene Paragraphen waren auferstanden.
Der Paragraph -- das ist ein Papierfresser, er ist die Papierreblaus; an
dem dunklen Abgrund der Willkür saugt sich wie ein Blutegel der Paragraph
fest; und wahrhaftig: es ist etwas Mystisches an dem Paragraphen: er ist:
das dreizehnte Zeichen des Zodiakus.
Über einem ungeheuren Teil Rußlands erhob sich der Paragraph als schwarzer
Gehrock ohne Kopf; durch die weißsäuligen, ungeheizten Säle, über die
rotbespannten Freitreppen zirkulierte der kopflose Paragraph, und über
diese Zirkulation waltete Apollon Apollonowitsch.
Apollon Apollonowitsch ist der populärste Beamte Rußlands, ausgenommen
. . . Konschin (dessen unveränderliches Autogramm ihr überall mit euren
Banknoten herumtragt).
Das Hohe Amt existiert. Und in ihm haust Apollon Apollonowitsch; vielmehr:
er hatte gehaust, denn er ist gestorben . . .
-- Ich war vor kurzem an seinem Grab: über einem
schweren, schwarzmarmornen Block erhebt sich ein
schwarzmarmornes, achteckiges Kreuz; unter dem
Kreuz ein deutliches Hautrelief, das einen Riesenkopf
darstellt, aus dessen tiefen Augenhöhlen zwei leere
Pupillen sich in den Beobachter bohren; ein dämonischer,
mephistophelischer Mund! Tiefer unten eine
Aufschrift mit Riesenlettern: »Apollon Apollonowitsch
Ableuchow, Senator« . . .
Geburtsjahr, Todesjahr . . . Ein einsam verlorenes
Grab! . . . --
-- Er existiert, Apollon Apollonowitsch: im Direktorzimmer:
täglich ist er da zu sehen, ausgenommen
die Hämorrhoidentage.
Es gibt außerdem im Hohen Amt Räume der . . . Nachdenklichkeit.
Und dann gibt es einfach Zimmer; am meisten aber Säle; in jedem Saal stehen
einige Tische. Vor den Tischen sitzen Schreiber: zwei vor jedem; jeder von
ihnen hat vor sich ein Tintenzeug, eine Feder und einen respektablen Stoß
mit Papier; die Feder in der Hand des Schreibers knarrt, die Papierblätter
knistern; so knarrt der faule, herbstliche Wind durch die Wälder, durch
Schluchten; so knistert der Sand -- in den Wüsten, in den salzigen Steppen
von Orenburg, Ssaratow, Ssamara; -- mit einem Wort: es existiert das Hohe
Amt.
* * *
Im Direktorzimmer sitzt täglich Apollon Apollonowitsch Ableuchow mit dick
geschwollener Ader an der Schläfe, die Beine übereinandergelegt, die
sehnige Hand hinter die Rockborte geschoben; im Kamin prasseln die
Holzscheite, der achtundsechzigjährige Greis atmet den Paragraphenbazillus
ein; und dieser Atem verbreitet sich dann über das ganze, ungeheure
Rußland: täglich wird ein zehnter Teil unserer Heimat von dem Flügelungetüm
dieser Wolke bedeckt. Von einem glücklichen Einfall erleuchtet sitzt
Apollon Apollonowitsch, die Beine übereinandergekreuzt, die Hand hinter die
Rockborte geschoben, und bläht (so ist nun einmal seine Gewohnheit) seine
Wangen ganz dick auf; es ist, als ob er blasen würde; ein kühler Wind zieht
dann durch die ungeheizten Säle; Wirbelstürme aus mannigfachen Papieren
erheben sich; in Petersburg erhebt sich der Wind, an irgendeinem entlegenen
Ende Rußlands verdichtet er sich zum Sturm.
Apollon Apollonowitsch sitzt in seinem Arbeitszimmer und . . . bläst.
Und die Rücken der Schreiber beugen sich tiefer über die Tische; und das
Papier knistert: so laufen die Winde durch die rauhen Wipfel der Fichten
. . . Dann zieht er seine Wangen wieder ein; und nun knistert alles: ein
trockener Papierschwarm, wie der unheimliche Blätterfall im Herbst, jagt
von Petersburg . . . bis zum Ochotskimeer.
Norden, du mein geliebter Norden! . . .
Apollon Apollonowitsch ist ein Städter par excellence und ein gut erzogener
Herr: er sitzt ruhig in seinem Arbeitssessel, während sein Schatten, den
Stein der Wände durchdringend . . . die Menschen auf den Landstraßen
überfällt: er zieht pfeifend wie ein lustiger Mordgeselle durch die weiten
Flächen von Ssamara, Tambow, Ssaratow -- durch die sandigen Gründe, das
Gestrüpp, den wilden Klee; er zerrt an den Getreidehaufen, facht ein
verdächtiges Feuerchen in den Ställen an; der rote Hahn in den Dörfern hat
in ihm seinen Urheber; er ist es, der die reinen Quellenbrunnen unsauber
macht; wenn er als schädlicher Tau über die Kornfelder fällt, dann verdirbt
die Saat; das Rind krankt hin . . .
Er vermehrt die Zahl der Gräber und macht sie tiefer.
Spaßvögel würden sagen: nicht Apollon Apollonowitsch, sondern -- Aquilon
Apollonowitsch.
* * *
Apollon Apollonowitsch ist einsam.
Er kommt nicht mehr nach. Der Pfeil seiner Zirkulare dringt nicht mehr in
die Provinzkreise: seine Spitze bricht schon vorher ab. Aus dem Palmyra:
Sankt Petersburg eröffnet Apollon Apollonowitsch immer von neuem seine
Papierkanonade, aber die Schüsse gehen (in der letzten Zeit) unheimlich oft
fehl.
Diese Kugeln und Pfeile hat der Staatsbürger schon seit langem --
Seifenblasen getauft.
Vergeblich sandte immer wieder der Gewaltige seine zackigen Apolloblitze;
das Blatt der Geschichte hat sich gewendet: der Glaube an alte Mythen ist
verschwunden; Apollon Apollonowitsch Ableuchow ist nicht mehr der Gott
Apollo: er ist einfach -- Apollon Apollonowitsch, ein Beamter in
Petersburg.
In den letzten Tagen war die Papierzirkulation geringer geworden: es wehte
ein ungünstiger Wind.
Zugleich zeigte sich in Petersburg selbst, auf dem Newskij-Prospekt, die
dunkle Provinz in Gestalt der mandschurischen Mütze; die Träger dieser
Mütze scharten sich zu einer Kompaktheit und zogen durch die Prospekte;
hier reizten sie die Vorübergehenden durch einen flatternden roten Fetzen
(so einen Tag hat es gegeben): an diesem Tag war auch kein Rauch aus den
Schloten des Fabrikringes hervorgestiegen.
Wie Sisyphus wälzte Apollon Apollonowitsch seit fünf Jahren das Rad des
Riesenmechanismus unaufhörlich hinauf den steilen Abhang der Geschichte;
die machtvollen Muskeln zerrissen; immer häufiger blickte hinter den
Machtmuskeln ein fremdes Skelett: Apollon Apollonowitsch Ableuchow,
wohnhaft am Englischen Kai.
Wahrhaftig, er fühlte sich als ein Skelett, von dem sich das Fleisch --
Rußland -- gelöst hatte.
Aufrichtig gesagt war Apollon Apollonowitsch schon vor dieser unheimlichen
Nacht manchem seiner hochbeamteten Beobachter wie von etwas angebohrt, wie
von einer verborgenen Krankheit befallen erschienen; mit einem
rabenschwarzen Mantel bekleidet, mit rabenschwarzem Zylinder auf dem Kopf
warf er sich täglich stöhnend in die Polster seines rabenschwarzen Wagens;
zwei rabenschwarze Rosse trugen den bleichen Pluto davon.
Über die Wellen des Phlegethon trugen sie ihn in den Tartarus: hier kämpfte
er mit den Wellen.
Endlich nach vielen kleinen Katastrophen schlugen die papiernen
Phlegethonwellen in das vom Senator getriebene Rad der großen Maschine ein:
das Hohe Amt zeigte eine Bresche; das Hohe Amt, deren es wahrhaftig wenige
in Rußland gibt.
Als dieser unvergleichliche Skandal ausgebrochen war, verließ -- wie man
später erzählte -- in vierundzwanzig Stunden der Genius die irdische Hülle
des Brillantenordenträgers; manche befürchteten sogar, er wäre um seinen
Verstand gekommen. In vierundzwanzig Stunden -- nein, eigentlich in zwölf
-- zwischen Mitternacht und Mitternacht -- ist Apollon Apollonowitsch
Ableuchow die Stufen seiner Beamtenkarriere hinuntergesaust.
Er ist in der Meinung vieler gefallen.
Später wurde behauptet, der Skandal mit seinem Sohn wäre die Ursache des
Sturzes gewesen; ja: auf dem Ball bei den Zukatows war noch ein Mann von
hoher staatlicher Bedeutung erschienen; als aber bekannt wurde, wie sein
Sohn aus dem Ballsaal geflüchtet war, da wurde auch plötzlich der Fehler
des Senators gedacht, angefangen von seinen Überzeugungen bis zu seiner
mehr als kleinen Figur; und als am frühen Morgen die druckfeuchten
Zeitungen erschienen waren und die Verkäufer mit dem Ruf: »_Das Geheimnis
des roten Dominos_« durch die Straßen rannten, da war jeder Zweifel
gewichen.
Apollon Apollonowitsch Ableuchow war endgültig aus der Liste der Kandidaten
für den äußerst wichtigen Staatsposten gestrichen worden.
Jene verhängnisvolle Zeitungsnotiz . . . Doch übrigens hier ihr Wortlaut:
»Der Geheimpolizei ist es gelungen, festzustellen, daß die in der letzten
Zeit vielfach aufgetauchten Gerüchte von einem roten Domino, der sich in
den Straßen Petersburgs herumtreibt, auf Tatsachen beruhen; es gelang, auf
die Spur des Mystifikators zu kommen: verdächtig ist der Sohn eines hohen
Beamten, der einen wichtigen administrativen Posten bekleidet; die Polizei
hat die nötigen Maßnahmen ergriffen.«
Mit diesem Tage begann der Untergang des Senators Ableuchow.
Apollon Apollonowitsch Ableuchow wurde im Jahre
achtzehnhundertsiebenunddreißig geboren (im Todesjahr Puschkins); seine
Kindheit war auf dem alten adligen Gut im Gouvernement Nischrod verflossen;
im Jahre achtzehnhundertachtundfünfzig hatte er seine Ausbildung als Hörer
der Rechte auf der Hochschule abgeschlossen; achtzehnhundertsiebzig wurde
er zum Professor für das Lehrfach F . . . P . . . an der Sankt Petersburger
Universität ernannt; seit achtzehnhundertfünfundachtzig war er Vizedirektor
und seit achtzehnhundertneunzig Direktor des N. N.-Departements; ein Jahr
darauf war er durch einen Allerhöchsten Ukas zum Mitglied des Regierenden
Senats befördert; seit dem Jahre neunzehnhundert stand er an der Spitze des
Hohen Amtes.
Das ist sein Curriculum vitae.
Ende des sechsten Kapitels.