Die Schere

»Herr, schlafen Sie?«

In seiner bleiernen Bewußtlosigkeit fühlte Alexander Iwanowitsch dumpf, daß

ihn wer rüttelte.

»Herr, he? . . . Herr!«

Endlich schlug er die Augen auf und versetzte sich in den düsteren Tag.

»Aber Herr! . . .«

Der Kopf neigte sich.

»Was ist los?«

Alexander Iwanowitsch merkte erst da, daß er auf der Pritsche lag.

»Die Polizei?!«

Vor seinem Blick erhob sich ein Zipfel des heißen Kissens.

»Welche Polizei denn . . .?«

Ein dunkelroter Fleck kroch auf dem Kissen dahin -- brr: in seinem

Bewußtsein blitzte es auf:

»Eine Wanze . . .«

Er wollte sich auf den Ellbogen stützen und sich erheben, verfiel aber

wieder in Bewußtlosigkeit . . .

»Herrgott, aber kommen Sie doch zu sich . . .«

Alexander Iwanowitsch stützte sich endlich auf den Ellbogen.

»Bist du es, Stjopka?«

Er erblickte ein aufsteigendes Dampfwölkchen; ein Dampfwölkchen aus einer

Teekanne; auf dem Tische sah er auch die Kanne und eine Tasse.

»Ah, das ist schön, Tee.«

»Was schön! Sie fiebern ja ganz, Herr . . .«

Mit Verwunderung sah Alexander Iwanowitsch, daß er angekleidet war; er war

ja sogar im Mantel dagelegen.

»Wieso bist du hier?«

»Ich bin zu Ihnen raufgekommen; es wird auf sehr vielen Fabriken gestreikt;

die Polizei überall, massenhaft. . . . Ich kam zu Ihnen rauf, hab' das

Gebetbuch mitgebracht.«

»Das Gebetbuch war aber schon bei mir.«

»Aber wo, Herr, das hat Ihnen nur geträumt . . .«

»Warst du nicht gestern hier gewesen?«

»Nein, Herr, Sie haben mich schon zwei Tage nicht gesehen.«

»Ich glaubte aber . . . Mir schien eben . . .«

Was schien ihm?

»Ich kam heute zu Ihnen rauf und sah Sie liegen; Sie stöhnten, fieberten

ganz, wie im Feuer lagen Sie da.«

»Ich bin aber gesund, Stjopka.«

»Aber wo denn, gesund! . . . Ich hab' da für Sie einen Tee gemacht; hier

ist auch Brot, ganz frisches; trinken Sie, vielleicht wird's doch besser.

Ja! So dazuliegen -- das ist doch nichts . . .«

(Er erinnerte sich: In der Nacht war durch seine Adern eine kochende

Metallbrühe geflossen.)

»Ja, ja, mein Lieber, in der Nacht habe ich ein ganz anständiges Fieber

gehabt . . .«

»Das glaub' ich schon . . .«

»Ein Fieber von hundert Grad.«

»Sie werden einmal im Alkohol zu Tode gesotten . . .«

»In der eigenen Brühe? Ha--ha--ha . . .«

»Was meinen Sie? Man erzählt: es hat einmal einen alkoholischen Menschen

gegeben, dem sind aus dem Mund weiße Dampfwolken aufgestiegen . . . und er

war dann totgesotten . . .«

Alexander Iwanowitsch lächelte ein böses, wehes Lächeln.

»Sie haben sich schon den Teufel auf den Hals getrunken . . .«

»Die Teufel waren schon da, das ist wahr . . . Deswegen habe ich dich auch

um das Gebetbuch gebeten: ich will sie verjagen.«

»Sie werden sich auch noch die grüne Schlange auf den Hals trinken . . .«

Alexander Iwanowitsch lächelte wieder schief:

»Ganz Rußland aber auch, mein Lieber . . .«

»Waas? . . . Trinkt sich die grüne Schlange . . .?«

Er dachte aber gleich:

»Solltest doch lieber deine Zunge hüten . . .«

»Das ist nicht wahr: Rußland steht unter Jesu Christi Schutz . . .«

»Du quatschst . . .«

»Sie quatschen selbst: Sie werden schon sehen . . . wenn Sie noch

weitertrinken, dann werden Sie einmal von _ihr_, von _ihr_ selbst geholt

. . .«

Alexander Iwanowitsch schrak heftig zusammen.

»Von wem?«

»Von . . . von . . . der _weißen Frau_.«

Daß das Delirium tremens, das Stjopka mit der »weißen Frau« meinte, auf den

Fersen war -- daran war nicht zu zweifeln.

»Ach, weißt du: wenn du doch in die Apotheke laufen . . . und mir ein

Chininpulverchen kaufen möchtest . . .«

»Das kann ich schon tun . . .«

»Aber nicht vergessen: salzsaures, kein schwefelsaures. Schwefelsaures

Chinin ist nur Verschwendung und hilft weiß Gott nichts . . .«

»Ach, Herr, am Chinin liegt es nicht . . .«

»Fort mit dir! . . .«

Stepan lief zur Tür und Alexander Iwanowitsch ihm nach.

»Vergiß auch nicht, Stjopuschka, mir bei dieser Gelegenheit auch etwas

Himbeersaft zum Tee zu kaufen.«

Er dachte:

»Himbeer ist ein gutes, schweißtreibendes Mittel.«

Mit raschen, fließenden Bewegungen trat er an die Wasserleitung; kaum hatte

er sich aber aus dem Hahn gewaschen, als in ihm wieder alles aufflammte,

die Grenze zwischen Delirium und Wirklichkeit verwischend.

Während er mit Stjopka gesprochen hatte, schien es ihm immerfort, hinter

der Tür lauere etwas: etwas ihm seit Ewigkeiten Bekanntes. Dort, hinter der

Tür? Und er lief hinaus; aber hinter der Tür sah er nur das Treppenhaus

sowie das Treppengeländer, das über dem Abgrund hing. Hier blieb Alexander

Iwanowitsch angelehnt stehen; er schnalzte mit der vollständig

ausgetrockneten Zunge, zitternd vor innerer Kälte. Ein Geschmacksgefühl

reizte ihn, ein Kupfergeschmack; im Mund und auf der Zungenspitze.

»Wahrscheinlich wartet es unten im Hofe . . .«

Petersburg · 第 83 / 112 题