Alexander Iwanowitsch Dudkin vernahm einen seltsamen knallenden Laut; der
knallende Laut kam von unten; dann wiederholte er sich (begann er sich zu
wiederholen) auf der Treppe: ein Schlag folgte dem anderen, mit Pausen
dazwischen. Wie wenn jemand mit aller Wucht ein riesengroßes,
zentnerschweres Metallstück auf Stein warf; und diese auf Stein
niederfallenden Metallschläge stiegen immer höher, kamen immer näher.
Alexander Iwanowitsch begriff nun, daß ein Übeltäter die Treppenstufen
zerschlug. Er horchte, ob nicht aus irgendeiner Tür jemand herauskam, um
den nächtlichen Ruhestörer dingfest zu machen. Ist es aber auch wirklich
bloß ein nächtlicher Übeltäter?
Die Schläge auf der Treppe folgten einander; eine Steinstufe nach der
anderen wurde zermalmt; und die Steine flogen unter den wuchtigen Schritten
nach unten; dieses metallene, dröhnende Etwas näherte sich hartnäckig dem
dunkelgelben Dachzimmer; mit betäubendem Gepolter rollten jetzt
vielhundertzentnerschwere Steinmassen über die Stufen: zertrümmert sind
sie; und -- mit furchtbarem Knall löste sich auf einmal der Steinboden vor
der Tür:
Die Tür spaltete sich mit donnerndem Krachen und flog aus den Angeln; aus
der gähnenden Öffnung ergossen sich melancholische Düsterkeiten wie
rauchige, tiefgrüne Wolkenknäule in die Kammer; von dem Stiegenraum her
floß Mondferne herein, und die Dachkammer schloß sich an die
Unermeßlichkeit an; mitten aber an der Türschwelle, zwischen den
zerrissenen Wänden, durch die die grünliche Unermeßlichkeit hereinsickerte,
stand plötzlich, den gekrönten, grünumwobenen Kopf tief gesenkt, den
schweren, grünumsponnenen Arm vorgestreckt, eine mächtige,
phosphorleuchtende Gestalt.
Das war -- der kupferne Gast.
Der metallene, matt schimmernde Mantel glitt schwer von den metallisch
blinkenden Schultern über den geringelten Panzer; die aus Eisen gegossenen
Lippen bebten zweideutig, denn nun wiederholte sich das vergangene
Jahrhundert; jetzt, im selben Augenblick, in dem hinter der armseligen
Kammer die Wände des alten Gebäudes in die grünliche Unermeßlichkeit
stürzten; und ebenso klaffte seine eigene Vergangenheit vor Alexander
Iwanowitsch auf; er rief:
»Jetzt erinnere ich mich . . . Ich habe dich erwartet . . .«
Der Riese mit dem kupfernen Kopf war im Fluge durch alle Zeitepochen
gezogen und schloß so den eisernen Ring bis zu diesem Augenblick ab;
Vierteljahrhunderte zogen dahin; Nikolai stieg auf den Thron; die
verschiedenen Alexander stiegen auf den Thron; Alexander Iwanowitsch aber,
der Schatten, hatte sich vergeblich bemüht, den Ring zu überwinden: alle
Zeitepochen zu durchlaufen, indem er die einzelnen Tage, Jahre, Minuten
durchlief, indem er die feuchten Petersburger Prospekte durchwanderte --
träumend, wachend, sich in Sehnsucht verzehrend . . . Und hinter ihm her,
hinter allen anderen her klirrte das Metall, das die Existenzen zerschlug;
krachten die metallenen Schläge -- in leeren Fluten, in Dörfern, in den
Städten; donnerten unter den Haustoren, auf den öffentlichen Plätzen, auf
den Stufen der nächtlichen Haustreppen.
Es donnerten -- die Zeitepochen; ich habe dieses Donnern gehört. Und du --
hast auch du sie gehört?
Apollon Apollonowitsch Ableuchow ist -- ein Schlag auf Stein; Petersburg
ist -- ein Schlag auf Stein; die Karyatide dort vor dem Portal, die sich
bald lösen will -- ist wiederum derselbe Schlag auf Stein; unvermeidlich
ist die Verfolgung; und unvermeidlich sind -- die Schläge; du kannst dich
in deiner Dachkammer nicht verbergen; die Dachkammer ist Lipantschenkos
Werk; die Dachkammer ist eine Falle; einrennen mußt du sie, einrennen
. . . durch Schläge auf Lipantschenko!
Dann wird sich alles wenden; unter den Metallschlägen, die den Stein
zerbröckeln, muß Lipantschenko in Stücke zerfallen; dann zerfällt auch die
Dachkammer und zerfällt auch Petersburg selbst; die Karyatide wird zu Staub
werden, und der nackte Schädel Ableuchows wird durch die Schläge, die
Lipantschenko treffen, tödlich getroffen.
Alles, alles erhellte sich jetzt für ihn, als nach zehn Jahrzehnten der
kupferne Gast bei ihm erschien und mit laut tönender Stimme sagte:
»Ich grüße dich, mein Sohn!«
Drei Schritte nur: ein dreimaliges Knattern der Bretter unter den Füßen des
riesigen Gastes; mit seinem metallenen Hintern schlug der aus Metall
gegossene Kaiser laut klirrend auf den Stuhl auf; der grünumsponnene
Ellbogen, mit tönenden, glockenähnlichen Lauten sich vom Mantel befreiend,
fiel mit seiner ganzen kupfernen Schwere auf das billige Tischchen; und mit
langsamer, zerstreuter Bewegung griff der Kaiser vom Kopfe die kupfernen
Lorbeeren; klirrend fiel der kupferne Lorbeerkranz vom Haupt.
Klirrend und prasselnd zog die tausendzentnerschwere Hand die rotglühende
Pfeife hervor; und zwinkernd sprach er:
»Petro Primo Catherina Secunca . . .«
Er schob die Pfeife zwischen die starken Lippen, und der grüne Rauch des
geschmolzenen Kupfers stieg in den Mondschein auf.
Da erst begriff Alexander Iwanowitsch, daß er umsonst durch all die
Jahrzehnte gelaufen; daß die Schläge hinter ihm ohne jeden Zorn gedonnert
haben; jene Schläge in den Städten, Dörfern, unter den Toren, auf den
Treppen; er war ein seit Ewigkeit Begnadigter; und alles Gewesene -- ebenso
wie das Kommende -- war nur ein visionäres Durchwandern, bis zum
Trompetenruf der Erzengel.
Und -- er sank zu den Füßen des Gekommenen:
»Meister!«
In den kupfernen Gesichtsfalten des Gastes leuchtete kupferne Melancholie;
gutmütig legte sich auf seine Schulter die steinzermalmende Hand, und
weißglühend brach sie ihm das Schlüsselbein.
»Macht nichts: sterbe nur, dulde . . .«
Der metallene Gast, in tausendgradiger Hitze, im Mond glühend, saß jetzt
sengend vor ihm; ganz durchglüht, blendend weiß geworden, floß er über den
gebeugten Alexander Iwanowitsch wie ein geschmolzener Eisenstrom; in
vollständigem Wahn wand sich Alexander Iwanowitsch in der
tausendzentnerschweren Umarmung: der kupferne Reiter ergoß sich mit seinem
Metall in seine Adern.