So, so, so: dort standen sie, als er in der Nacht nach Hause zurückkehrte.
_Sie_ warteten auf ihn. Wer _sie_ waren, dies zu sagen war nicht gut
möglich: zwei deutliche Gestalten. Ein toter Strahl fiel durchs Fenster des
dritten Stocks; er legte sich wie ein fahler Schein auf die grauen Stufen
der Treppe.
Und unheimlich ruhig lagen in der vollständigen Dunkelheit die fahlen
Lichtflecke -- ohne jeden Reflex.
In diesem fahlen Licht rankte auch das Treppengeländer; neben dem
Treppengeländer aber standen _sie_: zwei undeutliche Gestalten; sie ließen
Alexander Iwanowitsch passieren und blieben rechts und links von ihm
stehen; sie sagten nichts, rührten sich nicht, bebten nicht; man fühlte nur
in der Dunkelheit einen bösen, zusammengekniffenen, festen Blick.
Sollte er sich ihnen nicht nähern, sollten er ihnen nicht die in seiner
Erinnerung aufgetauchte Beschwörung zuflüstern?
Und unter diesem Blick in den fahlen Fleck treten zu müssen! Vom Mond
beschienen zu sein, während zwei spähende Augen auf ihn gerichtet sind;
dann hinter sich im Rücken die Augen zweier Späher zu fühlen, die jeden
Augenblick ihm etwas antun konnten; den Schritt nicht zu beschleunigen,
gleichgültig zu tun, zu hüsteln!
Denn -- würde er die Treppe rasch hinauflaufen, dann folgen ihm seine
Späher sofort.
Auf einmal wurden die weißfahlen Flecke grau und zerflossen harmonisch; sie
lösten sich vollständig in gänzliche Dunkelheit auf. (Ein schwarzer Knäuel
schien vor den Mond getreten zu sein.)
Alexander Iwanowitsch näherte sich jetzt ruhig der vorhin weißschimmernden
Stelle; er sah die Augen nicht mehr und folgerte daraus, daß auch er von
den Augen nicht gesehen wird (der Arme: er hoffte, ungesehen in seine
Dachstube zu schlüpfen). Er beschleunigte nicht seinen Schritt und begann
sogar -- an seinem Bärtchen zu zupfen; und . . .
. . . Alexander Iwanowitsch hielt nicht stand.
Pfeilschnell rannte er über die Stufen bis zum ersten Treppenabsatz (welche
Taktlosigkeit!). Als er den Treppenabsatz erreicht, tat er etwas, was ihn
völlig in den Augen der unten stehenden Gestalten herabsetzen mußte.
Er rieb ein Streichholz, beugte sich über das Treppengelandet und warf
einen erschreckten, verlorenen Blick in die Tiefe: die Eisenstäbe des
Geländers blitzten auf, und deutlich erblickte Alexander Iwanowitsch unten
die Silhouetten.
Wie groß war aber sein Erstaunen!
Eine der Silhouetten erwies sich einfach als der Tatare Machmudka, der im
Kellerraum des Hauses wohnte, und neben ihm stand ein ganz gewöhnlicher
Mensch mit steifem Hut auf dem Kopfe und einer gebogenen, orientalischen
Nase; der Mann mit der orientalischen Nase schien Machmudka um eine
Auskunft zu bitten, worauf dieser verneinend den Kopf schüttelte.
Dann erlosch das Streichholz, und Alexander Iwanowitsch konnte nichts
weiter sehen.
Doch verriet das brennende Zündholz seine Anwesenheit, und sofort ertönte
ein Scharren von Tritten auf den Stufen; und schon hörte Alexander
Iwanowitsch direkt vor seinem Ohr eine Stimme.
»Entschuldigen Sie, sind Sie nicht Andrej Andreitsch Gorelski?«
»Nein, ich bin Alexander Iwanowitsch Dudkin . . .«
»Ja, dem falschen Passe nach . . .«
Alexander Iwanowitsch fuhr zusammen, aber . . . er sah ein, daß jetzt ein
Leugnen nutzlos wäre.
»Schön. Und was wünschen Sie? . . .«
»Ich bitte um Entschuldigung: ich komme zu Ihnen zum erstenmal in so
ungewöhnlicher Stunde . . .«
»Bitte . . .«
»Diese Hintertreppe . . . Ihre Wohnung war geschlossen . . . Aber jemand
war drin . . . Ich beschloß, Sie beim Eingang zu erwarten . . . Diese
Treppe . . .«
»Wer ist in meinem Zimmer? . . .«
»Das weiß ich nicht; mir antwortete eine Bauernstimme . . .«
Stjopka! . . . Gott sei Dank, Stjopka ist dort . . .
»Und was wünschen Sie? . . .«
»Verzeihen Sie, ich hörte soviel von Ihnen: wir haben gemeinsame Freunde
. . . Nikolai Stepanowitsch Lipantschenko, in dessen Hause ich wie ein Sohn
aufgenommen bin . . . Ich wollte Sie schon längst kennenlernen . . . Ich
hörte, daß Sie ein Nachtschwärmer sind . . . Deswegen hab' ich mir erlaubt
. . . Ich wohne eigentlich in Helsingfors und komme nur hier und da
hierher; meine Heimat ist der Süden . . .«
Alexander Iwanowitsch leuchtete es sofort ein, daß sein Gast log, und zwar
in ganz unverschämter Weise, denn genau dieselbe Geschichte war ihm schon
einmal passiert (wo und wann -- das konnte er sich im Augenblick nicht
vergegenwärtigen).
Nein, nein, nein: die Sache ist keinesfalls harmlos; doch durfte er nicht
verraten, daß er das gemerkt hat; er sagte also in die Dunkelheit hinein:
»Mit wem hab' ich die Ehre zu sprechen?«
»Ich bin der Perser Schischnarfijew . . . Ich hab' Sie schon öfters gesehen
. . .«
»Schischnarfijew . . .«
»Wir waren heute zu gleicher Zeit dort, bei Lipantschenko. Ich saß dort
zwei Stunden und wartete, bis Sie mit Ihrer geschäftlichen Angelegenheit
fertig waren, aber ich mußte dann doch fortgehen, ehe Sie herauskamen
. . . Soja Sacharowna hatte mir vorher nichts von Ihrem Besuch gesagt. Ich
suchte schon längst eine Gelegenheit, Sie zu treffen . . . Ich suche Sie
schon längst . . .«
Die letzten Worte riefen wieder in Dudkin eine Erinnerung wach, eine
schwache Erinnerung, wie im Schlaf: er fühlte sich angewidert, gelangweilt,
angeödet . . .
»Haben wir uns schon früher getroffen?«
»Ja . . . erinnern Sie sich nicht? . . . In Helsingfors . . .«
Eine schon klarere Erinnerung tauchte jetzt in Dudkin auf; unerwartet für
sich selbst zündete er wieder ein Zündholz an und hielt es direkt vor
Schischnarfijews Gesicht: die Wände blitzten gelb auf, die Eisenstäbe des
Geländers schimmerten für einen Augenblick metallisch; im flatternden
gelben Licht erblickte Alexander Iwanowitsch gerade vor sich das Gesicht
des Persers; zugleich fiel es Alexander Iwanowitsch ein, daß er in der Tat
dieses Gesicht schon einmal in Helsingfors in einem Café gesehen habe; und
auch damals schon verfolgte ihn der Fremde mit seinem unverwandt auf ihn
gerichteten Blick der forschenden Augen.
»Erinnern Sie sich?«
Alexander Iwanowitsch erinnerte sich noch, daß gerade in Helsingfors -- ja
eben: gerade in Helsingfors hat seine Krankheit ihren Anfang genommen;
gerade in Helsingfors begann jenes müßige, in ihn gleichsam von außen
eingedrungene Gehirnspiel.
Er erinnerte sich nun, daß es gerade die Zeit gewesen war, in der er die
ganz paradoxe Idee vertreten hatte: die Kultur müsse beseitigt werden, da
die bestehende geschichtliche Periode: die des Humanismus -- zu Ende
angelangt sei, und was von ihr noch übrigblieb, sei nur ein verwitterter,
morscher Steinüberrest; es beginnt die Periode der gesunden Tierinstinkte,
die sich von unten in dem Huligan- und Apachenwesen, oben, bei der
Aristokratie, in der Rebellion der Künste gegen das Althergebrachte wie in
der Zuneigung zu primitiver Kultur, zu allem Erotischen anzeigt; ja, selbst
die Bourgeoisie trat in die neue Bahn ein, die die orientalischen Moden,
die Negertänze, der Cake-walk, der Two-step und dergleichen mehr zeitigte;
Alexander Iwanowitsch predigte in jener Zeit die Verbrennung der
Bibliotheken, der Universitäten, der Museen; er predigte auch noch die
Herbeirufung der Mongolen (doch später bekam er vor den Mongolen Angst).
Alle Erscheinungen des modernen Lebens hatte er damals in zwei Kategorien
eingeteilt: zu der einen gehörten die Erscheinungen, die von einer
absterbenden Kultur sprachen die andere war das gesunde Barbarentum, das
sich jetzt noch unter der Maske der äußersten Verfeinerung bergen mußte
(Nietzsche, Ibsen), um unter dieser Maske das Chaos in die Herzen zu
pflanzen, das schon, heimlich, aus allen Seelen ruft . . .
Alexander Iwanowitsch war dafür eingetreten, daß die Masken abgenommen und
dem Chaos freies Spiel gegeben werde.
Er erinnerte sich, damals im Café in Helsingfors gerade dieses gepredigt zu
haben; und als ihn jemand gefragt, wie er sich zum Satanischen stelle,
hatte er zur Antwort gegeben:
»Das Christentum ist überlebt: im Satanischen aber liegt ein großer
Fetischismus, das heißt gesundes Barbarentum.«
Gerade bei dieser Unterhaltung -- das erinnerte er sich jetzt -- hatte
abseits vor einem einsamen Tischchen Schischnarfijew gesessen und ihn
unverwandt angesehen.
Die Predigt des Barbarentums hatte ein sonderbares Ende gefunden (damals
schon, in Helsingfors): ja, es war ein vollständiger Alpdruck gewesen: er
war nämlich (ob im Traum oder im Einschlafen, das wußte er nicht) mit
rasender Schnelligkeit durch einen nicht zu definierenden, möglicherweise
zwischen den fernen Planeten sich befindenden Raum geschleift worden, wo an
ihm ein dort vielleicht üblicher, von unserem Standpunkte aber sicherlich
brutaler Akt vollführt worden war; es war sicher alles ein Traum gewesen
(unter uns: was ist eigentlich ein Traum?), aber es war ein häßlicher Traum
gewesen; der damals zum Abbrechen der Predigt geführt hatte; diesen Traum
hielt Alexander Iwanowitsch später für den Anfang seiner Krankheit, doch im
übrigen -- liebte er es nicht, daran erinnert zu werden.
Da war es gewesen, wo er heimlich die Offenbarung zu lesen begonnen hatte.
Jetzt an der Treppe war für ihn die Erinnerung an Helsingfors furchtbar.
Und er dachte:
»Das war es also, warum sich mir in den letzten vierzehn Tagen immerzu das
Wort Helsingfors aufdrängte.«
Schischnarfijew fuhr inzwischen fort:
»Erinnern Sie sich?«
Die Sache nahm eine häßliche Wendung: er hätte eigentlich unbedingt in sein
Zimmer flüchten müssen, so rasch als möglich, die steinernen Stufen hinauf;
er sollte die Dunkelheit ausnutzen, ehe das phosphoreszierende Licht wieder
seine fahlweißen Strahlen auf die Stufen wirft; doch von Grauen erfüllt,
zögerte Alexander Iwanowitsch.
Schischnarfijew aber sagte wieder:
»Sie werden mir also erlauben, zu Ihnen einzutreten? . . . Ich bin,
aufrichtig gesagt, etwas müde vom Warten . . . Ich hoffe, daß Sie mir
meinen mitternächtlichen Besuch nicht übelnehmen . . .«
In einem Anfall unbewußter Angst schrie Dudkin heraus:
»Bitte sehr! . . .«
Für sich aber dachte er:
»Dort ist ja Stjopka, er wird mir helfen . . .«
* * *
Alexander Iwanowitsch lief die Treppe voran; hinter ihm her lief
Schischnarfijew: die langen Reihen der Stufen schienen sie nicht bloß in
den fünften Stock zu tragen, sondern in eine unendliche Höhe; die Treppe
schien kein Ende zu haben; umkehren war nicht möglich: hinter ihm her lief
Schischnarfijew, und vor ihm schlug ein Lichtstrahl aus einem Türspalt.
Alexander Iwanowitsch dachte:
»Wie konnte Stjopka da hineingekommen sein: der Schlüssel ist ja bei mir?«
Durch einen Griff in die Taschen überzeugte er sich aber, daß er sich
geirrt hatte: statt des Türschlüssels hatte er den vom alten Reisekoffer
eingesteckt.