Die helfende Hand

»Er war also auf dem Ball?«

»Ja, er war dort . . .«

»Er sprach mit Ihrem Vater?«

»Ja, und er erwähnte auch Ihren Namen . . .«

»Dann trafen Sie ihn im Gäßchen? . . .«

»Und er führte mich ins Restaurant . . .«

»Und nannte sich?«

»Morkowin . . .«

»Teufelsspuk!«

* * *

Als sich Alexander Iwanowitsch von dem Anblick der wehenden Blätter

losgerissen hatte und zur Wirklichkeit zurückgekehrt war, merkte er, daß

Nikolai Apollonowitsch mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit, sogar ein paar

Schritte vorauseilend, redete; er gestikulierte; senkte das Profil mit dem

unangenehmen, langgezogenen Mund; er erinnerte an eine tragische antike

Maske, die mit der Beweglichkeit einer Eidechse kein einheitliches Ganzes

darzustellen vermochte: kurz, er sah aus wie ein Heupferdchen mit

starr-unbeweglichem Antlitz.

Alexander Iwanowitsch machte nur hier und da eine Bemerkung:

»Und dabei sprach _er_ von der Polizei?«

»Ja, er drohte mit der Polizei . . .«

»Und behauptete, eine solche Drohung wäre im Sinne der Partei, und die

Partei billige so etwas? . . .«

»Na ja, sie billige es . . .« Nikolai Apollonowitsch sagte es etwas gereizt

und versuchte einzuwenden:

»Sie werden sich erinnern, daß auch Sie seinerzeit sagten, die Vorurteile

der Partei . . .«

»Was hab' ich gesagt?« rief lebhaft und streng Dudkin.

»Soweit ich mich erinnere, meinten Sie, die Vorurteile der unteren

Parteischichten werden von den oberen nicht geteilt . . .«

»Unsinn!« Dudkins ganzer Körper zuckte, und er beschleunigte den Schritt.

Nikolai Apollonowitsch suchte seine Hand aufzufangen; er antwortete wie ein

Schuljunge auf Dudkins Fragen und lächelte unnatürlich. Dann fuhr er fort

zu erzählen, was alles in dieser Nacht geschehen war: von dem Ball, von den

Masken, von der Flucht aus dem Ballsaal, von der Begegnung am Tor, von dem

Zettel und endlich von dem stinkenden Restaurant.

Es waren vollständige Fieberphantasien.

Der Teufelsspuk hat alles durcheinander gebracht; alle wären sie schon

längst wahnsinnig geworden, wenn dasjenige, was rettungslos zugrunde

richtet, wirklich existierte.

* * *

Schwarze Menschenschwärme wälzten sich ihnen entgegen: Hunderte von

schwarzen Hüten hoben und senkten sich wie Wellen. Ihnen entgegen schoben

sich lackierte Zylinder; wie Dampferschornsteine erhoben sie sich über den

Wellen; eine Straußfeder schäumte vor ihnen auf; Tellermützen lächelten sie

an: blaue, gelbe und rote Mützen.

Von überall her lugten zudringliche Nasen.

Nasen schoben sich in Mengen daher: Adlernasen, Hahn-, Enten- und

Hühnernasen; und so weiter, und so weiter; dort wieder eine auf die Seite

gebogene Nase; dann wiederum eine, die nicht gebogen war: grünliche, grüne,

blasse, weiße und rote Nasen.

All das wälzte sich ihnen entgegen auf der Straße: sinnlos, eilend,

massenhaft.

Nikolai Apollonowitsch, der mit bittenden Gesten Dudkin folgte, kaum

imstande, ihn einzuholen, konnte sich noch immer nicht entschließen, mit

der Hauptfrage hervorzutreten, die sich aus der Tatsache: der Schreiber des

schrecklichen Briefes konnte unmöglich im Auftrage der Partei gehandelt

haben, ergab; das war es aber, was ihn jetzt ausschließlich beschäftigte:

diese Frage war ja für ihn von äußerster Wichtigkeit -- seiner praktischen

Konsequenzen wegen; und sie füllte sein ganzes Hirn aus.

»Sie glauben also -- Sie glauben also, es hat sich in das Ganze ein Irrtum

eingeschlichen?«

Nachdem er diesen zögernden Versuch gemacht hatte, an die ihn

beschäftigende Frage heranzugehen, fühlte Nikolai Apollonowitsch, wie

brennende Ameisen über seinen Körper zu kriechen begannen: wie, wenn das

alles nur ein Verstellungsspiel war? dachte er, und die Angst packte ihn

von neuem.

»Sie sprechen von dem Brief?« hob Alexander Iwanowitsch die Augen, nachdem

er sich von dem Strom von Köpfen, Hüten, Schnurrbärten losgerissen hatte.

»Selbstverständlich -- nicht nur ein Irrtum . . . Es ist nicht nur ein

Irrtum: es ist ein niederträchtiger Schwindel in der ganzen Sache. Das

Unsinnige ist tadellos durchgeführt und verrät ein sicher gestecktes Ziel:

sich in die Beziehungen zweier eng miteinander verknüpften Menschen zu

drängen, sie verwirrt zu machen und so in einem Chaos die Parteiaktion zu

ertränken.«

»Dann helfen Sie mir aus der . . .«

»Eine unglaubliche Verhöhnung,« unterbrach ihn Dudkin, »ein Hineinziehen

von Klatsch und Schauermärchen . . .«

»Dann flehe ich Sie an, raten Sie mir . . .«

»Und zu all dem mengte sich Verrat; es riecht nach Verhängnis, nach

Grauenhaftem . . .«

»Ich weiß nicht . . . Ich bin ganz verwirrt . . . Ich . . . ich habe diese

Nacht nicht geschlafen . . .«

»All das ist ein Schauermärchen . . .«

Von Mitleid übermannt, streckte Alexander Iwanowitsch Ableuchow die Hand

entgegen; dabei merkte er, daß Nikolai Apollonowitsch viel kleiner war als

er (Nikolai Apollonowitsch war eben nicht mit Größe gesegnet).

»Versuchen Sie Ihre ganze Kaltblütigkeit zu bewahren . . .«

»Mein Gott! Sie haben leicht von Kaltblütigkeit reden; ich habe diese Nacht

nicht geschlafen . . . ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll . . .«

»Warten Sie . . .«

»Werden Sie zu mir kommen?«

»Ich sage Ihnen: warten Sie; ich werde Ihnen aus der Sache heraushelfen.«

Er sagte es so überzeugt und sicher, ja, fast feierlich, daß sich Ableuchow

sofort beruhigte; aber die Wahrheit gesagt, überschätzte Alexander

Iwanowitsch in seiner Aufwallung von Mitleid, die Möglichkeit für ihn zu

helfen, in hohem Grade . . . In der Tat: in welcher Weise konnte er helfen?

Er war ein Einsamer, durch die konspirative Stellung von der Außenwelt

Abgesonderter; die Konspiration schnitt ihm den Weg selbst zur

Parteitätigkeit ab; dem Komitee selbst aber hat er nie angehört, obschon er

Ableuchow großsprecherisch vom Stabsquartier erzählt hatte; das einzige,

was er tun konnte, war -- mit Lipantschenko Rücksprache zu nehmen. Vor

allem jedoch hieß es, den bis zum Äußersten erschütterten Ableuchow zu

beruhigen.

Und er tat es.

»Ich hoffe, daß es mir gelingen dürfte, die verworrenen Fäden wieder zu

ordnen; ich werde heute noch die nötigen Erkundigungen einziehen und

. . .«

Er stockte; die nötigen Aufklärungen konnte ihm nur Lipantschenko geben;

sonst niemand; wie aber, wenn dieser nicht in der Stadt war?

»Und . . .?«

»Und werde Ihnen morgen Antwort geben.«

»Ich danke Ihnen, ich danke.« Und Nikolai Apollonowitsch begann ihm in

überschwenglicher Rührung die Hände zu drücken; das machte Alexander

Iwanowitsch etwas verlegen; alles hing ja doch davon ab, ob Lipantschenko

in der Stadt war und über welches Material dieser verfügte.

»Lassen Sie es nur: wir sind ja an der Sache alle gleich interessiert.«

Doch Nikolai Apollonowitsch, der bis zu diesem Augenblick nur Grauen

empfunden hatte, vermochte jedes Hilfe versprechende Wort entweder ganz

apathisch oder begeistert aufzunehmen.

Und Nikolai Apollonowitsch reagierte mit Begeisterung.

Alexander Iwanowitsch versank inzwischen wieder in seine Gedanken; eine

kleine Tatsache beschäftigte ihn: Ableuchow versicherte ihm ja, daß der

furchtbare Auftrag von einem Anonymus ausging; dieser Anonymus hatte

Ableuchow wiederholt geschrieben; es war nun klar: dieser Anonymus war eben

ein Provokator.

Weiter . . .

Aus den verworrenen Reden Ableuchows waren immerhin einige Folgerungen

möglich: es haben zwischen ihm und der Partei besondere Beziehungen

bestanden; aus diesen Sonderbeziehungen wucherte das Gemeine hervor;

Alexander Iwanowitsch suchte sich noch etwas zu erklären, doch vergeblich:

die Fülle der an ihnen vorbeiziehenden Nasen, Schnurrbärte, Schultern

lenkte seine Gedanken von der gegebenen Richtung ab.

Petersburg · 第 74 / 112 题