Die Straße!
Wie hat sie sich verändert! Wie haben diese rauhen Tage auch auf sie
eingewirkt!
Dort die gußeisernen Stäbe eines Gartengitters; die rostbraunen
Ahornblätter schlagen, vom Wind getrieben, an diese Gitterstäbe; die
rostbraunen Blätter haben schon den Baum verlassen; und nur die Äste --
vertrocknete Skelette -- erhoben sich krächzend in die Luft.
Im September war der Himmel blau und rein gewesen; jetzt ist aber alles
anders: schon vom frühen Morgen ergoß sich ein schwerer Bleistrom über den
Himmel; der September war zu Ende.
Sie rannten durch die Straße:
»Aber gestatten Sie, Nikolai Apollonowitsch,« fuhr erregt und beleidigt
Dudkin fort -- »Sie werden zugeben, daß wir nicht ohne eine Erklärung
Ihrerseits voneinander gehen können . . .«
»Wir haben nichts mehr miteinander zu sprechen«, rief trocken Nikolai
Apollonowitsch, den Hut burschikos auf die Seite geschoben.
»Aber erklären Sie doch vernünftig, um was es sich handelt«, drang
Alexander Iwanowitsch heftig in ihn ein.
In seinen hüpfenden Gesichtszügen malte sich Unruhe und Beleidigung; seine
Bestürzung -- fügen wir von uns hinzu -- war aufrichtig, so aufrichtig, daß
Nikolai Apollonowitsch trotz seines Zornes es merkte.
Er wandte sich um und begann schon ohne den früheren Zorn, vielmehr
weinerlich erbost, zu murmeln:
»Nein, nein, nein! . . . Worüber sollen wir noch miteinander sprechen?
. . . Sie können es nicht bestreiten . . . Eher habe ich das Recht,
Aufklärung zu verlangen . . . Ich leide ja, nicht Sie und nicht Ihre
Genossen . . .«
»Aber was? . . . Was ist denn eigentlich los? . . .«
»Mir ein Paket aufzudrängen . . .«
»Na, und?«
»Ohne vorher zu sagen, ohne zu erklären, ohne um Erlaubnis zu bitten
. . .«
Alexander Iwanowitsch errötete tief.
»Und dann verschwinden . . . Mir durch eine unterstellte Person mit der
Polizei zu drohen . . .«
Bei dieser unverdienten Beschuldigung wandte sich Alexander Iwanowitsch mit
nervösem Ruck Ableuchow zu:
»Halten Sie: welche Polizei?«
»Die Polizei eben . . .«
»Von welcher Polizei reden Sie? . . . Was ist das für eine Niedertracht?
. . . Was sind das für Anspielungen? . . . Ist einer von uns
unzurechnungsfähig?«
Aber Nikolai Apollonowitsch, dessen weinerliche Erbostheit wieder in Wut
umgeschlagen war, schrie ihm heiser ins Ohr:
»Ich würde Sie . . .« (sein Mund mit den fletschenden Zähnen lächelte; es
schien, als wollte er das Ohr des Begleiters beißen). »Ich hätte Sie
. . . da gleich -- an dieser Stelle . . . Ich hätte . . . ich . . . auf
offener Straße, zur Belehrung all dieser Leute da, mein lieber Alexander
Iwanowitsch . . .« (die Sprache verwirrte sich ihm). . .
Dort -- dort . . .
Dort hinter dem kleinen Fenster des blankgestrichenen Häuschens saß, immer
mit den Lippen kauend, an sommerlichen Juliabenden, bei untergehender Sonne
ein steinaltes Frauchen (-- »Ich hätte Sie!« . . . drang es von irgendwoher
zu Alexander Iwanowitsch herüber); im August war die Alte verschwunden, und
das Fenster blieb geschlossen; im September wurde aus dem Häuschen ein
geschmückter Sarg herausgetragen; dem Sarge folgte ein kleiner Haufen: ein
Herr mit abgeschabtem Mäntelchen und einer Beamtenmütze auf dem Kopf und --
sieben flachshaarige Jungen.
Der Sarg war zugenagelt gewesen.
(-- »Ja, Alexander Iwanowitsch, ja--a«, drang es von irgendwoher an Dudkins
Ohr.)
Dann sah man Männer mit einfachen Mützen aus und ein gehen: man sprach
davon, daß in dem Häuschen Bomben gefertigt wurden. Alexander Iwanowitsch
wußte, daß die Bombe, die seinerzeit ihm zur Aufbewahrung übergeben wurde,
aus diesem Häuschen gekommen war.
Da fuhr er unwillkürlich zusammen.
Wie seltsam: während Nikolai Apollonowitsch ihm seine Vorwürfe und
Beschuldigungen entgegenschleuderte, dachte er an das Häuschen. Jetzt roh
in die Wirklichkeit zurückgestoßen, begriff er aus all den verworrenen
Reden des Senatorsöhnchens nur das eine:
»Hören Sie,« sagte er, »das wenige, das ich aus Ihren Worten verstehe, ist:
daß es sich um das Paket handelt . . .«
»Es handelt sich um _sie_: Sie haben mir _sie_ persönlich zur Aufbewahrung
übergeben.«
Komisch: das Gespräch wurde vor demselben Häuschen geführt, in dem die
Bombe entstanden war: die Bombe, zu einem gedanklichen Wesen geworden, hat
einen geschlossenen Kreis beschrieben, und wo sie entstanden war, war jetzt
die Rede von ihr.
»Aber seien Sie doch nicht so laut, Nikolai Apollonowitsch; ich begreife
Ihre Aufregung nicht . . . Sie überschütten mich da mit Beleidigungen: Wo
finden Sie aber in meiner Handlungsweise etwas Verwerfliches?«
»Wieso -- wo?«
»Ja, warum ist das verwerflich, wenn die Partei« -- diese Worte sprach er
ganz im Flüsterton aus -- »Sie bat, einige Zeit das Paket bei sich
aufzubewahren? Sie selbst waren ja damit einverstanden? Es ist ja weiter
nichts dabei . . . Ist es Ihnen unangenehm, das Paket weiter bei sich zu
behalten, so hol' ich es gern ab . . .«
»Ach, lassen Sie es doch: diese Miene der Unschuld: als ob es sich nur um
das Aufbewahren des Pakets handelte . . .«
»Tsss! Leiser: es kann uns jemand hören . . .«
»Nicht darum allein handelt es sich: tun Sie nicht, als ob Sie mich nicht
verstünden.«
»Aber um was handelt es sich denn?«
»Um die Vergewaltigung.«
»Es war keine Vergewaltigung . . .«
»Um die planmäßige Verfolgung . . .«
»Ich wiederhole: es war keine Vergewaltigung -- das geben Sie mir selbst
zu. Was die Verfolgung betrifft, so muß ich . . .«
»Ich habe mich seinerzeit, im Sommer, bereit erklärt; ja, ich habe mich
sogar selbst angeboten und . . . ja, gewiß: ich habe es versprochen, doch
in der Voraussetzung, daß es dabei keinen Zwang gebe; daß es überhaupt
keinen Zwang in der Partei gebe; wenn man dennoch bei Ihnen gezwungen
werden kann, dann sind Sie einfach ein Häufchen verdächtiger Intriganten
. . . Jawohl, ich habe mein Wort gegeben -- aber was folgert daraus? Konnte
ich denn nicht der Ansicht sein, daß ich mein Wort auch zurücknehmen darf
. . .«
»Aber warten Sie . . .«
»Unterbrechen Sie mich nicht: konnte ich denn wissen, daß mein Versprechen
_so_ aufgefaßt werden würde? Daß man es in solcher Weise deuten würde
. . . daß man mir _dieses_ vorschlagen würde?«
»Nein, warten Sie, ich muß Sie doch unterbrechen . . . Von welchem
Versprechen reden Sie eigentlich? Drücken Sie sich bitte deutlicher aus
. . .«
Unklar dämmerte etwas in Alexander Iwanowitsch auf (wie er doch alles
vergaß!).
»Ach, Sie reden von _jenem_ Versprechen? . . .«
Es fiel ihm ein, daß ihm eine _gewisse Persönlichkeit_ einmal in dem
kleinen Restaurant mitgeteilt hatte (der Gedanke an diese gewisse
Persönlichkeit rief in ihm ein unangenehmes Gefühl hervor); diese gewisse
Persönlichkeit mit anderen Worten: Lipantschenko hatte ihm damals
mitgeteilt, Nikolai Apollonowitsch hätte sich bereit erklärt -- pfui! Er
mochte gar nicht daran denken . . . Und er sagte rasch:
»Aber ich rede ja gar nicht davon; es handelt sich ja gar nicht darum.«
»Doch, doch! Es handelt sich eben um das gegebene Versprechen: aber es
wurde als unwiderruflich angesehen und schuftig ausgelegt.«
»Nur ruhig, Nikolai Apollonowitsch, worin sehen Sie die Schuftigkeit?
Worin?«
»Ist das nicht eine Schuftigkeit?«
»Ja, ja, ja: wo? Die Partei bat Sie, einige Zeit bei sich das Paket
aufzubewahren . . . Das war alles . . .«
»Nur das, Ihrer Meinung nach, nur das?«
»Das war alles . . .«
»Wenn es sich nur um die Aufbewahrung des Paketes gehandelt hätte, würde
ich Sie verstehen, aber verzeihen Sie einmal . . .«
Er machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand.
»Wir haben wirklich nichts miteinander zu sprechen: sehen Sie denn nicht
ein, daß wir uns nur immer um die Sache herumdrehen und gar nicht an sie
herankommen? . . .«
»Ich merke das wohl . . . Aber: Sie reden da immerzu von einer
Vergewaltigung . . . Ich erinnere mich nun, einmal im Sommer gehört zu
haben . . .«
»Nun? . . .«
»Von einem terroristischen Akt, den Sie uns angeboten haben: dieser
Vorschlag ging also nicht von uns aus, sondern von Ihnen.«
Alexander Iwanowitsch erinnerte sich jetzt, daß ihm Lipantschenko (damals
im Restaurant, während er immer wieder sein Glas mit Likör füllte) gesagt
-- Nikolai Apollonowitsch Ableuchow hätte ihnen durch eine dritte Person
mitteilen lassen, er sei bereit, seinen eigenen Vater zu töten;
Lipantschenko hatte es mit einer widerwärtigen Ruhe mitgeteilt, doch
hinzugefügt, die Partei werde selbstredend das Anerbieten ablehnen; dieser
sonderbare Vorschlag, die Unnatürlichkeit, die sich in der Auswahl des
Opfers äußerte, der an Niedertracht grenzende Zynismus -- das alles hatte
in dem sensiblen Alexander Iwanowitsch das schärfste Ekelgefühl
hervorgerufen. Alexander Iwanowitsch hatte sich ja damals in einem
Rauschzustand befunden, und später erschien ihm das ganze Gespräch mit
Lipantschenko als ein Spiel seiner alkoholverdüsterten Gehirnmasse. Das
alles ging ihm aber jetzt durch den Kopf:
»Im Grunde genommen . . .«
»Von mir zu verlangen,« unterbrach ihn Ableuchow, »daß ich . . . daß ich
. . . meinen eigenen Vater . . .«
»Eben, eben . . .«
»Das ist widerlich!«
»Ja, das ist widerlich! Und ich habe es eigentlich auch damals schon nicht
geglaubt. Hätte ich es geglaubt, Sie würden in meinen Augen . . . sehr
gesunken sein . . .«
»Also auch Sie halten es für eine Gemeinheit?«
»Ja, verzeihen Sie: aber dafür halte ich es . . .«
»Na, sehen Sie! Sie selbst halten es für eine Gemeinheit und haben doch für
diese Gemeinheit Ihre Hand gegeben?«
Dudkin geriet in Erregung, sein zarter Hals streckte sich:
»Nein, hören Sie . . .«
Er ergriff mit der zitternden Hand den Knopf des italienischen Überwurfs,
seine Augen starrten seitlich auf einen unbestimmten Punkt:
»Reden Sie keinen Unsinn: wir schleudern da einander Beschuldigungen an den
Kopf, und dabei stimmen wir beide . . .« er richtete seinen Blick
verwundert auf Ableuchow -- »in der Bezeichnung der Tatsache überein
. . . Auch Sie nennen es eine Gemeinheit?«
Nikolai Apollonowitsch zuckte zusammen:
»Gewiß ist es eine Gemeinheit! . . .«
Sie schwiegen eine Weile . . .
»Sehen Sie, wir sind beide derselben Meinung . . .«
Nikolai Apollonowitsch zog sein Taschentuch hervor und fuhr sich damit über
die Stirn:
»Da wundere ich mich aber . . .«
»Ich auch . . .«
Verdutzt sahen sie einander in die Augen. Alexander Iwanowitsch (er vergaß
jetzt, daß er vom Fieber geschüttelt wurde) erfaßte wieder mit der Hand den
Rand des italienischen Überwurfs:
»Um diesen Knoten zu lösen, antworten Sie mir bitte auf folgende Frage:
Ging das Versprechen nicht direkt von Ihnen aus?«
»Nein doch! Nein!«
»_Diesen Mord_ haben Sie also nicht einmal in Gedanken gehabt? Verzeihen
Sie, ich frage so, weil ein Gedanke sich manchmal unwillkürlich, durch eine
Geste, durch den Tonfall, durch einen Blick, ja sogar durch das Beben der
Lippen äußert . . .«
»Aber nein doch, nein . . . das heißt . . .« Nikolai Apollonowitsch hielt
inne; und dabei merkte er, daß er innehielt, weil er einen verdächtigen
Gedankengang verbergen wollte; er errötete und begann von neuem:
»Das heißt, ich habe den Vater nie geliebt . . . Und ich glaube es oft
ausgesprochen zu haben . . . Aber, daß ich . . .? Nie und nimmer! . . .«
»Schön, ich glaube Ihnen.«
Aber tückischerweise errötete hier Nikolai Apollonowitsch bis zu den
Haarwurzeln; nun wollte er die Sache wieder erklären, doch Alexander
Iwanowitsch schüttelte abwehrend den Kopf, um eine gewisse, diskrete Nuance
eines ihnen beiden zu gleicher Zeit gekommenen Gedankens nicht zu berühren.
»Aber lassen Sie es . . . Ich -- glaube Ihnen . . . Ich spreche jetzt nicht
mehr davon, ich spreche von etwas anderem: Sagen Sie mir . . . Sagen Sie
mir ganz offen: Habe ich es -- veranlaßt?«
Nikolai Apollonowitsch sah verwundert zu seinem naiven Partner auf: er sah
ihn an, errötete und sagte hitzig mit forcierter Überzeugung, die er nun
brauchte, um einen gewissen Gedanken, der in ihm aufgeblitzt war, zu
verscheuchen:
»Ich glaube -- ja . . . Sie haben ihm geholfen . . .«
»Wem denn?«
»Dem Unbekannten . . .«
»?«
»Der Unbekannte wünschte . . .«
»?«
»Daß ich diese Gemeinheit begehe.«
»Wann hat er es gewünscht?«
»In seinem gemeinen Zettel . . .«
»Ich kenne keinen Unbekannten . . .«
»Der Unbekannte,« murmelte ratlos Nikolai Apollonowitsch, »Ihr
Parteigenosse . . . Warum wundern Sie sich so . . .?«
* * *
»Ich versichere Sie, einen _Unbekannten_ gibt es in der Partei nicht
. . .«
* * *
Jetzt war Nikolai Apollonowitsch an der Reihe, sich zu wundern:
»Was? In der Partei gibt es den Unbekannten nicht? . . .«
»Tsss, nicht so laut, bitte . . . Nein, einen solchen gibt es nicht . . .«
»Aber ich bekam drei Monate hindurch Briefe . . .«
»Von wem?«
»Von ihm . . .«
Sie schwiegen beide.
Beide atmeten sie schwer, und beide blieben mit fragendem Blick aneinander
hängen; aber während der eine, von einem Grauen überwältigt, den Kopf
sinken ließ, blitzte ein Hoffnungsstrahl in den Augen des andern auf.
* * *
Nikolai Apollonowitschs tiefste Empörung, die das Grauen besiegt hatte,
zeichnete zwei rote Flecken auf dem blassen Gesicht Alexander Iwanowitschs.
»Was?«
Aber Alexander Iwanowitsch vermochte nicht Atem zu holen; endlich hob er
die Augen, und in seinem Gesicht malte sich eine unaussprechliche
Traurigkeit, wie sie nur in Träumen vorkommt und die Worte überflüssig
macht.
»Was also? Quälen Sie mich nicht!«
Doch Alexander Iwanowitsch legte den Finger auf den Mund, schüttelte den
Kopf und schwieg: von seinem Gesicht von seinen erstarrten Fingern ergoß
sich unmerklich das Unaussprechliche, was man nur in Träumen versteht.
Endlich bezwang er sich und sagte:
»Ich versichere Sie auf Ehrenwort: ich habe mit dieser ganzen dunklen
Geschichte nichts zu tun . . .«
Nikolai Apollonowitsch glaubte erst nicht.
»Was haben Sie gesagt? Wiederholen Sie es, schweigen Sie nicht: begreifen
Sie doch meine Situation . . .«
»Ich habe damit nichts zu tun . . .«
»Was bedeutet es also?«
»Ich weiß es nicht . . .« -- Dann setzte er, rasch die einzelnen Worte
hervorstoßend, hinzu: »Nein, nein, nein: es ist Lüge; es ist Delirium, Hohn
. . .«
»Wie kann ich es aber wissen! . . .«
Nikolai Apollonowitsch richtete die nichtsehenden Augen auf Alexander
Iwanowitsch; dann blickte er die Straße an: wie sich die verändert hat!
»Weiß ich's denn? Mir ist damit nicht geholfen . . . Ich schlief diese
Nacht nicht . . .«
Eine Droschke mit aufgestelltem Dach sauste den Fahrdamm hinauf: wie sich
dieser verändert hat, wie haben die rauhen Tage auch ihn mitgenommen!
Ein Windstoß kam von der Bucht her: die letzten Blätter fielen herunter; es
wird keine mehr bis zum Mai geben; wie viele werden im Mai nicht mehr sein!
Diese heruntergefallenen Blätter sind, wahrlich -- die letzten. Alexander
Iwanowitsch wußte alles genau, was kommen wird: es werden blutige, ja
blutige, grauenvolle Tage kommen; dann wird alles versinken; zieht nur,
zieht hin, ihr letzten, unvergleichlichen Tage!
O, windet euch, weht durch die Luft, ihr letzten Blätter! Wieder ein
müßiger Gedanke . . .