Alexander Iwanowitsch Dudkin warf einen Blick auf die Treppe, auf den
Hausknecht und die Weibsperson, die sich gerade mit einem neuen
Federunterbett aus der Tür schob; und -- merkwürdig: die alltägliche
Einfachheit der Treppe verwischte keinesfalls, was er diese Nacht hier
erlebt hatte; selbst jetzt bei Tageslicht, angesichts der Stufen mit den
herumliegenden Eierschalen, des Hausknechtes, der Weibsperson, der Katze,
die auf dem Fensterbrett das Eingeweide eines Huhns verzehrte, kehrte zu
ihm die überstandene Angst wieder: die Erlebnisse der vorigen Nacht waren
-- _Wirklichkeit_! Und in der bevorstehenden Nacht wird dieses Wirkliche
wiederkehren: die Treppe wird dunkelschattig und schauerlich sein; wieder
wird eine schwarze Gestalt sich an seine Fersen heften; hinter der Tür mit
der Visitenkarte »Sakatilin« wird er wieder hören, wie jemand schmatzend
seinen Speichel schluckt (vielleicht nicht Speichel, sondern Blut) . . .
-- Und er wird wieder das bekannte, unglaubliche Wort mit vollständiger
Deutlichkeit vernehmen:
»Ja -- ja -- ja . . . Ich bin es . . . Ich richte rettungslos zugrunde
. . .«
Wo hat er es gehört?
* * *
Fort von hier! Auf die Straße! . . .
Er müsse weiterschreiten, immerzu schreiten, weit weg von hier sein; er
müsse schreiten bis zur vollständigen Erschöpfung, bis zum vollständigen
Einschlafen des Gehirns; er müsse sich dann vor ein Tischchen in der
Schenke niederlassen und dort schlafen, damit ihn nicht die bösen Träume
aufsuchen. Dann müsse er das Ganze von neuem beginnen: quer und kreuz durch
Petersburg schreiten, sich im Schilf und im hängenden Dunst der Ufer
verbergen, in Erstarrung alles von sich werfen und erst dann zu sich
kommen, wenn in den Vororten die düsteren Lichter angezündet sind.
Alexander Iwanowitsch Dudkin war schon im Begriff, die steinerne Treppe
hinunterzugehen, als er plötzlich stehenblieb; er bemerkte einen Menschen
in schwarzem italienischen Überwurf mit phantastisch gebogenem Hut auf dem
Kopf, der, drei Stufen auf einmal nehmend, das Gesicht gegen den Boden
gerichtet einen schweren Stock in der Hand, mit dem er gewaltig fuchtelte,
ihm entgegenrannte.
Sein Rücken bildete einen Bogen.
Dieser seltsame Unbekannte mit dem schwarzen italienischen Überwurf lief in
seiner Eile direkt auf Alexander Iwanowitsch zu; beinahe hat er ihn mit dem
Kopf gegen die Brust gestoßen; als der Unbekannte aber endlich den Kopf
aufgerichtet hat, erblickte Alexander Iwanowitsch Dudkin direkt vor seiner
Nase die todblasse, mit Schweißtropfen bedeckte Stirn des -- denken Sie
nur! -- des Nikolai Apollonowitsch: er sah die Stirn mit der dicken,
pulsierenden Ader; nur an diesem charakteristischen Zeichen (der hüpfenden
Ader) erkannte Alexander Iwanowitsch Ableuchow; an den wild schielenden
Augen sowie der seltsamen, ausländischen Kleidung hätte er ihn sicher nicht
wiedererkannt.
»Guten Tag! Ich bin es; ich komme zu Ihnen.«
Nikolai Apollonowitsch stieß diese Worte rasch, rasch hervor; und -- was
das nur heißen sollte! -- er stieß sie in drohendem Flüstertone hervor. Ah
-- ah! Und wie er nach Luft schnappte! Ohne Alexander Iwanowitsch die Hand
zu reichen, sagte er eilig in drohendem Flüsterton:
»Ich muß Ihnen, Alexander Iwanowitsch, mitteilen, daß ich es -- _nicht tun
kann_.«
»?«
»Sie haben hoffentlich verstanden, was ich nicht tun kann: ich _kann nicht_
und ich _will nicht_; kurz -- _ich tu es nicht_.«
»!«
»Es ist eine Absage, eine unwiderrufliche. Das können Sie weiter
ausrichten. Und ich bitte, mich in Ruhe zu lassen . . .«
Auf dem Gesicht Alexander Iwanowitschs malte sich Verlegenheit, ja Angst.
Nikolai Apollonowitsch wandte sich um; seinen schweren Stock in der Hand
schwingend, begann er die Stufen hinunterzulaufen, als wolle er entfliehen.
»Aber warten Sie doch, warten Sie doch!« rief Alexander Iwanowitsch Dudkin,
ihm nacheilend, so daß die Stufen unter seinen Füßen knatternd nach oben
flogen.
»Nikolai Apollonowitsch!«
Im Flur erfaßte er Ableuchows Mantel, doch Nikolai Apollonowitsch riß sich
wieder los. Dann aber sah er sich um; mit leicht zitternder Hand schob er
seinen burschikos sitzenden Hut tiefer in die Stirn und stieß mit
gekünstelter Festigkeit halblaut hervor:
»Das ist sozusagen . . . ekelhaft! . . . Hören Sie?«
Und er rannte mit kleinen Schrittchen über den Hof weiter.
Alexander Iwanowitsch hielt sich einen Augenblick an der Tür fest.
Alexander Iwanowitsch wurde von einem Unruhegefühl erfaßt: er wurde ohne
jeglichen Grund beleidigt; einen Augenblick überlegte er, was er zu tun
habe; unwillkürlich zuckten seine Glieder; unwillkürlich streckte er seinen
feinen, weiblichen Hals vor; dann holte er mit zwei Sätzen den
Davoneilenden ein.
Er klammerte sich fest an den ihm entwichenen Überwurf; der Eigentümer des
Überwurfes machte verzweifelte Versuche, sich loszureißen; für einen
Augenblick lang war auf dem engen Raum zwischen zwei Holzstößen eine
Balgerei entstanden; etwas fiel dabei herunter, und auf dem Asphalt ertönte
ein metallischer Klang. Mit dem Stock fuchtelnd, voll Wut stieß Nikolai
Apollonowitsch einzelne sinnlose Worte von unglaublichem und vor allem
beleidigendem Inhalt hervor, beleidigend für Alexander Iwanowitsch.
»Das nennen Sie Aktionen, Parteiarbeit? Mich von Spionen zu umgeben . . .
Mich überall zu verfolgen . . . Selbst an nichts mehr glauben . . . Die
Offenbarung lesen . . . Zugleich aber spionieren . . . Mein Herr, Sie sind
. . . Sie sind . . . Sie sind . . .«
Endlich riß sich Nikolai Apollonowitsch wieder los: sie rannten durch die
Straße.