In den Zimmern blitzte schon die Sonne; die Inkrustation an den Tischen
schoß ihre Strahlen in die Luft, und die Spiegel glänzten freudig; ja, sie
lachten, die Spiegel, denn aus dem ersten von ihnen, der im Salon hing, vom
Saal aber zu sehen war, blickte ein weißes, wie mit Mehl bestäubtes
Gesicht; das war Nikolai Apollonowitsch, der unbeabsichtigterweise in den
Salon hineinrannte, hier aber wie angewurzelt stehenblieb . . .
Nikolai Apollonowitsch sah nun, daß sein Vater ihn hier erwartete.
Statt des Sohnes erblickte Apollon Apollonowitsch im Spiegel eine einfache
rote Marionettenpuppe; beim Anblick dieser Marionettenpuppe ging ihm der
Atem aus; die rote Puppe aber blieb in der Mitte des Saals verlegen stehen
. . .
Da näherte sich Apollon Apollonowitsch, unerwartet für sich selbst, der Tür
und schloß sie; der Rückzug war abgeschnitten. Das Begonnene mußte erledigt
werden. Das Gespräch über das sonderbare Verhalten des Sohnes betrachtete
Apollon Apollonowitsch als einen schweren chirurgischen Eingriff. Wie der
Chirurg zum Tischchen eilt, auf dem die Messer, Zangen, Feilen
zurechtgelegt sind, so trat Apollon Apollonowitsch, sich die gelben Finger
reibend, dicht an Nikolai heran; er suchte den ausweichenden Blick
aufzufangen, nahm mechanisch das Brillenetui aus der Tasche, drehte es
zwischen den Fingern eine Weile und steckte es wieder ein; er hüstelte
behutsam, schwieg einen Augenblick und sagte:
»So -- so: ein Domino.«
Zugleich ging ihm durch den Kopf, daß dieser scheue Jüngling da, dessen
grinsender Mund bis zu den Ohren reichte, der es nicht zustande brachte,
einem gerade ins Gesicht zu sehen -- daß dieser scheue Jüngling und der
Petersburger Domino, von dem die judäische Presse voll war -- ein und
dieselbe Person war; daß er selbst, Apollon Apollonowitsch, die
erstklassige Persönlichkeit und Träger alten Adels, daß er selbst diesen
Jüngling gezeugt hatte; in demselben Augenblick sagte Nikolai
Apollonowitsch etwas verlegen:
»Ja . . . es waren eben viele in Masken . . . da hab' auch ich mir . . .
diesen Maskenanzug . . .«
Zugleich ging es Nikolai Apollonowitsch durch den Kopf, daß dieses zwei
Arschin lange Körperchen seines Vaters, mit einem Umfang von höchstens
zwölfeinhalb Werschok, das Zentrum und den Kreis eines unsterblichen
Zentrums bilde: des darin sitzenden »Ich«; daß aber ein Ziegelstein, der
sich irgendwo zufällig gelöst hatte, dieses Zentrum vernichten kann,
vollständig vernichten. Vielleicht unter dem Einfluß dieses sich auf ihn
übertragenen Gedankens lief Apollon Apollonowitsch eilig zum
allerentferntesten Tischchen und begann darauf mit zwei Fingern zu
trommeln. Inzwischen trat Nikolai Apollonowitsch mit schuldbewußtem Lächeln
näher:
»Es war, weißt du, sehr lustig . . . Wir tanzten, weißt du . . .«
Zugleich aber dachte er: Haut, Knochen und Blut, kein einziger Muskel; aber
dieses Hindernis -- Haut, Knochen und Blut -- muß durch den Willen des
Schicksals in Stücke zerrissen werden . . .
»Dann weißt du, haben wir Petit jeu gespielt.«
Apollon Apollonowitsch sah fest dem Sohn ins Gesicht und antwortete nichts
. . . Apollon Apollonowitsch erinnerte sich: einst war diese fremde
Marionettenpuppe ein kleines Körperchen; dieses Körperchen hatte er mit
väterlicher Zärtlichkeit auf den Armen getragen; der blonde kleine Knabe
hatte sich eine Papiermütze aufgesetzt und war ihm auf den Nacken
gestiegen. Apollon Apollonowitsch hatte mit etwas heiserer und zerrissener
Stimme gesungen:
»Kolenka, der dumme Tropf,
Hüpft und tanzet immer;
Mit der Mütze auf dem Kopf
Reitet er durchs Zimmer.«
Jetzt aber, jetzt? Nicht ein Körperchen sah Apollon Apollonowitsch vor
sich, sondern einen Körper, und dieser Körper -- war groß und fremd . . .
War er fremd? War er . . .?
Apollon Apollonowitsch, begann durchs Zimmer zu zirkulieren, auf und ab:
»Siehst du, Kolenka . . .«
Apollon Apollonowitsch ließ sich in einen weichen Lehnstuhl nieder.
»Ich muß, Kolenka . . . das heißt, nicht ich muß, sondern -- wie ich hoffe
-- wir müssen . . . miteinander sprechen: hast du jetzt die nötige Zeit
dazu? Die Sache, die mich aufregt, besteht darin . . .«
Apollon Apollonowitsch stockte, er lief wieder zum Spiegel (in diesem
Augenblick schlug die Turmuhr), und Nikolai Apollonowitsch erblickte im
Spiegel den Tod im Gehrock, sah einen vorwurfsvoll auf sich gerichteten
Blick, hörte, wie Finger trommelten; da sprang mit lautem Lachen der
Spiegel: wie ein Blitz durchschnitt ihn eine schräge Nadel mit lautem
Knistern und blieb für immer im Glas wie ein Silberzickzack stecken.
Apollon Apollonowitsch warf einen Blick auf den Spiegel, und der Spiegel
sprang; Abergläubische würden gesagt haben:
»Es ist ein böses, ein böses Zeichen . . .«
Geschehen, fertig: das Gespräch war nun unausbleiblich.
Mit allen Mitteln hatte Nikolai Apollonowitsch sich bemüht, die
Auseinandersetzung hinauszuschieben; und gerade jetzt erschien sie ihm
überhaupt überflüssig: alles hätte sich ja von selbst bald geklärt. Nikolai
Apollonowitsch bedauerte, daß er nicht rechtzeitig aus dem Salon entwichen
war (wie viele Stunden die Agonie schon dauerte: und unter dem Herzen
schwoll ihm etwas, schwoll, schwoll); doch zugleich mit dem Schrecken
empfand er eine seltsame Wollust: er konnte sich von seinem Vater nicht
losreißen.
»Ja, Vater, ich habe, aufrichtig gesagt, diese Auseinandersetzung
erwartet.«
»Ah, du hast sie erwartet?«
»Ja, ich habe sie erwartet.«
»Hast du jetzt Zeit?«
»Ja, ich bin frei.«
»Dann, Kolenka, geh in dein Zimmer und sammle erst deine Gedanken.
Entdeckst du in dir etwas, was wir zusammen besprechen können, dann komm in
mein Arbeitszimmer.«
»Jawohl, Vater . . .«
»Apropos: leg' diese Jahrmarktsfetzen ab . . . Aufrichtig gesagt, mir
mißfällt das alles in höchstem Grade . . .«
»?«
»Ja, es mißfällt mir sehr! Es mißfällt mir in höchstem Grade!«
Die Tür fiel ins Schloß.
* * *
Nikolai Apollonowitsch blieb neben dem Tischchen stehen; sein Blick hüpfte
über die Blätter der Bronze-Inkrustation, über die Nippsachen und die
kleinen Etageren an der Wand. Ja, hier hatte er gespielt: hier war er oft
lange gesessen -- in dem Lehnstuhl mit den kleinen Girlanden auf dem
blaßblauen Atlasbezug; und wie jetzt hing auch damals die Kopie vom Bilde
Davids: »Distribution des aigles par Napoléon premier«. Das Bild stellte
den großen Kaiser im Purpurmantel und mit einem Kranz auf dem Haupt dar,
wie er den Arm gegen die Marschallversammlung ausstreckte.
Was wird er seinem Vater sagen? Wieder in qualvoller Weise lügen? Lügen, wo
das Lügen schon nicht mehr nützt? Lügen, wo seine Situation jede Lüge
eigentlich ausschließt? Lügen . . . Nikolai Apollonowitsch erinnerte sich,
wie er in den fernen Kinderjahren gelogen hatte.
Da ist das Klavier, gelb, stilgemäß; es berührt kaum den Parkettboden mit
seinen feinen Rollbeinchen. Hier pflegte die Mutter, Anna Petrowna, zu
sitzen, die alten Beethoventöne erschütterten die Wände: das unendlich
Alte, das in Tönen rann, rief in seinem kindlichen Herzen dieselbe
Sehnsucht hervor wie der verblassende Mond, der erst rot auftauchend, immer
höher über die Stadt seine blaßgelbe Trauer trägt . . .
Muß er nicht schon gehn, um mit dem Vater zu sprechen?
In diesem Augenblick sah die Sonne in das Zimmer herein; die Sonne, die
leuchtende Sonne warf von oben ihre lanzenartigen Lichter; der goldene
tausendarmige Titan der uralten Zeiten überzog die Leere mit seinen
leuchtenden Vorhängen und beleuchtete die Turmspitzen, die Dächer, die
Wässer und die Steine und die an die Fensterscheibe gedrückte,
göttlich-blasse Sklerosestirn; der goldene tausendhändige Titan jammerte
dort still über seine Einsamkeit: »Kommt, kommt zu mir, zur alten Sonne!«
Ihm aber schien die Sonne eine riesige, tausendbeinige Tarantel, die in
wahnsinniger Leidenschaft die Erde überfällt . . .
Und unwillkürlich schloß Nikolai Apollonowitsch die Augen; da alles
plötzlich aufblitzte: der Lampenschirm blitzte auf; der Lampenzylinder
wurde von Amethysten übersät; Funken strahlten auf den Flügeln des goldenen
Amors; die Oberfläche des Spiegels blitzte auf -- ja, der Spiegel, der hat
einen Sprung bekommen.
Abergläubische würden gesagt haben:
»Ein böses Zeichen, ein böses Zeichen . . .«
In all dem Hellen und Blitzenden zeichnete sich plötzlich eine dunkle
Gestalt vor Nikolai Apollonowitsch; in all das Stumme hüpfte plötzlich ein
eindringliches Flüstern hinein:
»Und wie soll es nun . . . soll es nun . . .?«
Nikolai Apollonowitsch hob sein Antlitz . . .
»Wie soll es nun mit . . . der gnädigen Frau?«
Vor sich erblickte er den Diener Ssemjonytsch.
Alles Alte kehrt wieder zurück . . . Nein: das Alte kehrt nie wieder.
Alles, alles, alles: das Blitzen der Sonne, die Wände, der Körper, die
Seele -- alles wird verschwinden; schon jetzt schwindet alles; und dann:
ein Delirium, ein Abgrund, eine Bombe.
In der Kindheit hatte Kolenka oft phantasiert; nachts begann oft ein
elastisches Kügelchen vor ihm zu hüpfen; das Kügelchen schien bald aus
Gummi zu sein, bald aus einem Stoff aus anderen Welten; den Boden
berührend, gab es einen sonderbaren lackierten Laut von sich: »pépp --
pepépp« und wieder: »pépp -- pepépp«. Plötzlich blähte sich das Kügelchen
in erschreckender Weise auf und nahm deutlich die Gestalt eines kugeligen
dicken Herrn an; dieser dicke Herr, der zu einer langweiligen Kugel
geworden war, blähte sich immer mehr auf, immer mehr, immer mehr, so daß er
zu zerplatzen drohte.
Und während er sich dehnte und zu einer Kugel wurde, um dann zu
zerspringen, hüpfte er, wurde rot, sprang in die Luft und ließ einen leisen
lackierten Laut hören:
»Pépp . . .«
»Péppowitsch . . .«
»Pépp . . .«
Und er sprang auseinander.
Im vollständigen Delirium begann dann Nikolenka seltsame, sinnlose Dinge zu
schreien.
»Pépp, Péppowitsch, Pépp . . .«
»Was ist das? Fieberphantasien?«
Nikolai Apollonowitsch drückte seine kalten Finger an die Stirn: es wird --
ein Delirium, ein Abgrund, eine Bombe . . .