Beide wußten, daß ihnen ein Gespräch miteinander bevorstand; dieses
Gespräch war schon in all den vielen Jahren des Schweigens gereift; Apollon
Apollonowitsch übergab dem wartenden Lakai Zylinder, Mantel und Handschuhe,
doch hielt er sich sonderbarerweise mit den Gummischuhen lange auf; armer,
armer Senator: wußte er denn, daß es gerade sein Sohn, Nikolai
Apollonowitsch, war, der mit jenem Auftrage betraut war? Ebensowenig konnte
Nikolai Apollonowitsch vermuten, daß sein Vater die Geschichte mit dem
roten Domino genau kannte. Beide atmeten den wohlbekannten Geruch ihrer
Wohnung ein; der silberschimmernde weiche Biber fiel auf die Hände des
Dieners; in seinem Domino erschien nun Nikolai Apollonowitsch vor dem
Vater.
»Ah . . . ah . . . Ein roter Domino? . . . Sieh mal her!«
»Ich war maskiert . . .«
»So--o . . . Kolenka . . . so--o . . .«
Als er seinen Sohn erröten sah, wurde er selbst rosig, und um dies zu
verbergen lief er mit koketter Grazie die Treppe zum Vestibül zur Wohnung
hinauf.
Nikolai Apollonowitsch blieb allein auf den Stufen der samtbelegten Treppe
zurück, versunken in tiefes Nachdenken; doch die Stimme des Lakaien
unterbrach seinen Gedankengang.
»Väterchen! . . . Dieses schäbige Gedächtnis! . . . Gnädiger Herr, lieber
gnädiger Herr: es ist ja etwas vorgefallen! . . .«
»Was ist vorgefallen?«
»Etwas -- etwas . . . Ich wage es kaum zu sagen . . .«
Auf den Stufen der grauen, mit Samt belegten Treppe hielt nun Nikolai
Apollonowitsch inne; durch das Fenster drang purpurnes Licht herein und
bildete auf dem Boden ein Netz aus hellen Flecken.
»Es ist so etwas! Ja, also: unsere gnädige Frau . . .«
»Unsere gnädige Frau, Anna Petrowna . . .«
». . . ist zurückgekehrt!!«
* * *
»Wer ist zurückgekehrt?«
»Anna Petrowna! . . .«
»Wer ist denn das? . . .«
»Wieso -- wer? . . . Ihre Frau Mutter . . . Wie sprechen Sie doch nur,
lieber gnädiger Herr, als wären Sie ein Fremder: es ist doch Ihre Mutter
. . .«
»?«
»Die gnädige Frau ist aus Hispanien nach Petersburg zurückgekehrt . . .«
* * *
»Die gnädige Frau schickte erst einen Brief durch einen Boten: sie wäre in
einem Hotel abgestiegen . . . Denn das läßt sich denken . . . Die Lage der
gnädigen Frau ist eine solche . . .«
»?«
»Kaum waren Seine Exzellenz, Apollon Apollonowitsch, ausgefahren, als
plötzlich -- ein Bote, mit einem Brief . . . Na, den Brief legte ich auf
den Schreibtisch hin, und dem Boten gab ich ein Zwanzigkopekenstück . . .«
»Aber kaum war eine Stunde danach vergangen -- als . . . du meine Güte! Da
erscheint die gnädige Frau selbst . . . Sie hat jedenfalls ganz sicher
gewußt, daß niemand zu Hause war . . .«
* * *
»Es läutete also . . . Ich mach' die Tür auf . . . Vor mir steht eine
fremde Dame, eine sehr würdige Dame; nur einfach gekleidet und -- ganz in
Schwarz . . . Ich sage nun: >Sie wünschen, Gnädige?< Und die Dame zu mir:
>Aber erkennst du mich denn nicht, Mitri Ssemjonytsch?< -- Da habe ich
rasch ihr Händchen geküßt: >Mütterchen, Anna Petrowna . . .<«
* * *
»Und Anna Petrowna -- Gott schenk' ihr Gesundheit -- sah so, sah mich so an
. . . Sie sah mich an -- und brach in Tränen aus: >Ich will sehen, wie ihr
da ohne mich lebt< . . . Das Taschentüchlein hat sie aus dem Täschchen
gezogen . . .«
»Ich hatte allerdings strengen Auftrag bekommen, nichts reinzulassen
. . . Aber ich hab' unsere gnädige Frau doch reingelassen . . . Und sie
. . .«
Der Greis machte große Augen; mit weitgeöffnetem Munde blieb er stehen und
dachte bei sich, daß die Herrschaften im lackierten Haus wohl schon längst
den Verstand verloren hatten: statt Freude, Verwunderung oder Bedauern zu
äußern -- rannte Nikolai Apollonowitsch ganz einfach, ohne ein Wort zu
sagen, die Treppen hinauf, so daß die roten Atlasenden seines Dominos
wunderlich in der Luft flatterten.
* * *