Bleistiftpäckchen

Das Arbeitszimmer des Senators war äußerst einfach; in der Mitte erhob sich

natürlich ein Tisch; das war aber nicht das Wichtigste; viel wichtiger

waren die Schränke, die an allen Wänden standen; auf dem Tische aber vorn

lag ein Lehrbuch der Planimetrie.

Vor dem Schlafengehen schlug Apollon Apollonowitsch gewöhnlich dieses Buch

auf, um das ungefügige Leben dem Schlaf unterzuordnen und es im Kopfe zu

beruhigen durch Betrachtung der beseligenden Zeichnungen: der

Parallelepipede, Parallelogramme, der Konuse, Kuben und Pyramiden.

Apollon Apollonowitsch ließ sich in einen schwarzen Lehnstuhl nieder, und

hier saß er gerade gestreckt und wartete auf das Erscheinen seines

nichtsnutzigen Sohnes.

Ein ängstlicher Seufzer ertönte hinter seinem Rücken; er sah sich um und

erblickte den Diener Ssemjonytsch . . .

»Was ist los?!«

»Ich erlaube mir, es Ihnen vorzubringen: unsere gnädige Frau . . . Anna

Petrowna . . .«

Zornig kehrte Apollon Apollonowitsch dem Lakai sein riesiges Ohr zu . . .

»Was? Was ist los? . . . Sprechen Sie lauter, ich höre schlecht.«

Der zitternde Ssemjonytsch neigte sich ganz zum blaßgrünen Ohr des Senators

hin, der ihn wartend ansah.

»Die gnädige Frau . . . Anna Petrowna . . . sind zurückgekehrt . . .«

»?« . . .

»Aus Hispanien -- nach Petersburg . . .«

* * *

»So--o, so--o, sehr gut! . . .«

* * *

»Sie geruhten ein Briefchen durch den Boten zu schicken . . .«

»Sie sind im Hotel abgestiegen . . .«

* * *

Apollon Apollonowitsch legte eine Hand über die andere und saß vollständig

ruhig und unbeweglich; es schien, als bewegten sich auch keine Gedanken in

ihm: gleichgültig streiften seine Blicke über die Rücken der vielen Bücher,

auf denen es goldig schimmerte: »Gesetzbuch des Russischen Reiches. Erster

Band«. Dann weiter: »Zweiter Band«. Auf dem Tische lagen Papiere,

schimmerte ein vergoldetes Tintenfaß, lagen verstreut Federhalter; auch lag

dort ein Briefbeschwerer: ein Bäuerlein (der Untertan) mit einem

Schnapsglas in der gehobenen Hand. Vor all den Sachen, vor den

Federhaltern, vor den Papierhaufen saß Apollon Apollonowitsch mit

gekreuzten Armen ohne jegliche Bewegung, ohne Zittern . . .

* * *

Apollon Apollonowitsch sagte nichts, er öffnete nur eine der Schubladen und

nahm daraus ein Päckchen mit einem Dutzend Bleistiften heraus (sehr, sehr

billiger); einige davon zog er hervor -- und zwischen den Fingern des

Senators knackten die zerbrochenen Stäbchen. In dieser Weise pflegte

Apollon Apollonowitsch seine seelischen Schmerzen zu äußern: er brach

Bleistifte auseinander, die zu diesem Zweck von ihm in der Schublade unter

Buchstaben B sorgfältig aufbewahrt lagen.

»Gut, Sie können gehen . . .«

* * *

Trotz des Zerbrechens der Bleistifte gab er seine äußerliche Würde und Ruhe

nicht auf, und niemand hätte es geglaubt, daß dieser steife Würdenträger

kurz vorher, mühsam Atem holend und vor Rührung fast weinend, die Tochter

einer Köchin durch den Schmutz nach Hause geleitet hatte.

Nachdem Ssemjonytsch sich entfernt hatte, warf Apollon Apollonowitsch die

zerbrochenen Bleistifte in den Papierkorb und lehnte sich mit dem Kopf

gegen den Sitz des schwarzen ledernen Lehnstuhls: das Greisengesichtchen

verjüngte sich und er begann an seiner Krawatte zu zupfen, um sie in

tadellose Ordnung zu bringen; er sprang jählings auf und begann durchs

Zimmer zu schreiten: mit seiner kleinen Gestalt und den flatternden

Bewegungen erinnerte Apollon Apollonowitsch lebhaft an seinen Sohn, ganz

besonders an eine Photographie desselben von neunzehnhundertundvier.

Die Tür ging auf, an der Schwelle stand Nikolai Apollonowitsch, in der

Studentenuniform, doch in Hausschuhen.

»Da bin ich, Vater . . .«

Der kahle Kopf wandte sich der Sonne zu; nach dem passenden Worte suchend,

schnalzte er mit den Fingern:

»Siehst du, Kolenka . . .«, Apollon Apollonowitsch sprach jetzt nicht mehr

von dem Domino (ach was, Domino!), er sprach von etwas ganz anderem.

»Siehst du, Kolenka, ich habe mit dir über etwas zu sprechen, wovon du

sicher schon gehört haben wirst . . . Deine Mutter, Anna Petrowna, ist nun

zurückgekehrt . . .«

Erst jetzt wurde es Nikolai Apollonowitsch vollständig klar, daß seine

Mutter zurückgekehrt war.

»Anna Petrowna, mein Lieber, hat etwas begangen, was ich . . . was ich

. . . schwer mit der nötigen Ruhe zu qualifizieren in der Lage bin . . .

Kurz, was sie begangen hatte, ist dir, hoffe ich, bekannt; ich vermied es

bisher -- das hast du wohl gemerkt -- in deiner Gegenwart, mit Rücksicht

auf deine natürlichen Gefühle, darüber zu sprechen . . .«

»Ich danke Ihnen, Vater: ich verstehe Sie . . .«

»Selbstredend . . .« -- Apollon begann wieder in der Diagonalrichtung

durchs Zimmer auf und ab zu laufen, zwei Finger in die Westentasche

gesteckt: »Selbstredend: die Rückkehr deiner Mutter nach Petersburg ist für

dich eine Überraschung.«

(Apollon Apollonowitsch sah dem Sohn gerade ins Gesicht, wobei er sich ein

wenig auf die Zehenspitzen hob.)

»Eine vollständige . . .«

»Eine Überraschung für uns alle . . .«

»Wer hätte gedacht, daß Mama zurückkehrte . . .«

»Ich meine es auch: wer hätte es gedacht« -- Apollon Apollonowitsch

spreizte ratlos die Hände auseinander, hob die Achseln in die Höhe, machte

vor dem Fußboden eine Verbeugung -- »daß Anna Petrowna zurückkehren wird.«

Und er begann wieder auf und ab zu laufen: »Diese Überraschung kann -- wie

du dir leicht denken kannst -- mit einer Veränderung« (Apollon

Apollonowitsch hob vielsagend einen Finger in die Luft, und seine Stimme

dröhnte in tiefem Baß, als hielte er eine wuchtige Rede vor einer

Versammlung) »unseres ganzen häuslichen Status quo; oder aber« (er wandte

sich um): »alles bleibt beim alten.«

»Ja, ich denke es mir auch so . . .«

»Im ersten Falle: -- bitte, willkommen . . .«

Apollon Apollonowitsch machte eine Verbeugung vor der Tür.

»Im anderen Falle« -- Apollon Apollonowitsch begann ratlos mit den Augen zu

zwinkern: -- »wirst du sie selbstverständlich sehen, ich aber . . . ich

. . . ich . . .«

Und Apollon Apollonowitsch richtete seine Augen auf den Sohn; die Augen

waren traurig: die Augen eines zappelnden, gehetzten Rehs:

»Ich weiß wahrhaftig nicht, Kolenka, ich denke aber . . . Übrigens ist es

mir so schwer, dir das zu erklären, besonders, wenn ich deine natürlichen

Gefühle berücksichtige, die . . .«

Nikolai Apollonowitsch erbebte bei dem Blick, mit dem sich der Senator an

ihn wandte, und -- ganz merkwürdig: er fühlte plötzlich eine Aufwallung von

-- was glauben Sie? Liebe? -- ja, Liebe zu diesem alten Despoten, der

verurteilt war, in Stücke zerrissen zu werden.

Unter dem Einfluß dieses Gefühls machte er eine ruckhafte Bewegung in die

Richtung seines Vaters: einen Augenblick noch, und er wäre vor seinem Vater

niedergekniet, um ihm alles zu bekennen und ihn um Vergebung anzuflehen;

aber der Alte, als er die Bewegung des Sohnes wahrgenommen hatte, zog

wieder die Lippen fest zusammen, trippelte etwas eilig beiseite und begann

mit einer Miene des Ekels mit den Händen zu fuchteln:

»Nein, nein, nein! Ich bitte Sie, es zu unterlassen . . . Ich weiß, was Sie

wollen! . . . Sie haben mich gehört: bitte mich jetzt allein zu lassen.«

Zwei Finger klopften herrisch über den Tisch; die erhobene Hand zeigte auf

die Tür:

»Sie halten mich zum besten; mein Herr, Sie sind nicht mein Sohn, mein

Herr, Sie sind ein schrecklicher Schuft.«

Das alles sprach Apollon Apollonowitsch nicht, sondern schrie es heraus;

unerwartet für ihn selbst brach es aus ihm hervor.

Petersburg · 第 67 / 112 题