Rettungslos verloren

Mit ganz neuem, schuldbewußtem Lächeln zog Nikolai Apollonowitsch aus

seiner Seitentasche ein Notizbüchlein heraus.

»A--a--a--a--! Wollen Sie mir gefälligst dieses Büchlein . . . zur

Durchsicht geben . . .«

Nikolai Apollonowitsch wehrte nicht; er fuhr fort, mit demselben

schuldbewußten Lächeln dazusitzen.

Pawel Jakowlewitsch beugte sich über das Büchlein; sein über den Tischrand

sich erhebender Kopf schien nicht am Halse, sondern an den zwei Händen

befestigt zu sein; einen Augenblick lang sah er wie ein wirkliches Ungetüm

aus: Nikolai Apollonowitsch sah in diesem Augenblick vor sich einen

scheußlichen Kopf mit zwinkernden Äuglein, die Haare -- wie Wolle, die man

einem Hunde ausgekämmt hatte; mit widerlicher Lachmiene ließ er seine zehn

mit gelben Hautfalten überzogenen, hüpfenden Finger über die Blätter

laufen: wie ein riesenhaftes Insekt sahen sie aus, wie eine zehnbeinige

Spinne, deren Pfoten über knisterndes Papier liefen.

Pawel Jakowlewitsch wollte jedoch Ableuchow bloß erschrecken; es war nur

ein netter Scherz gewesen; mit demselben widerlichen Lachen warf er das

Büchlein Ableuchow über den Tisch zurück.

»Ich bitte; warum eigentlich diese übergroße Zuvorkommenheit . . . Ich habe

ja gar nicht vor, Sie etwa ins Verhör zu nehmen . . . Ängstigen Sie sich

doch nicht, Liebster: ich bin ja bei der Polizei -- in direktem Auftrage

der Partei tätig . . . Es war gar nicht nötig, daß Sie sich so aufregten,

Nikolai Apollonowitsch, wahrhaftig nicht . . . Wäre ich wirklich ein

Polizeibeamter, Sie wären jetzt sicher verhaftet; denn Ihre Geste, die war,

wissen Sie, sehr bemerkenswert; erst faßten Sie sich an die Brust mit so

erschrecktem Gesichtsausdruck, als befände sich bei Ihnen ein Dokument

. . . Wenn Sie in Zukunft auf einen Spitzel geraten, wiederholen Sie nicht

diese Geste, diese würde Sie verraten . . . Einverstanden? . . . Dann aber

erlaube ich mir, Sie auf einen anderen Fehler, den Sie begangen haben,

aufmerksam zu machen: Sie zogen ein harmloses Büchlein aus der Tasche

hervor in einem Augenblick, wo es von Ihnen noch gar nicht gewünscht wurde;

Sie nahmen das Büchlein heraus, um die Aufmerksamkeit von etwas anderem

abzulenken . . .«

* * *

»Was bedeutet diese Tortur? Wenn Sie wirklich _das_ sind, wofür Sie sich

ausgeben, -- He, Kellner, zahlen! -- ist Ihr ganzes Benehmen, sind alle

Ihre Grimassen -- unwürdig.«

Beide erhoben sich.

In den weißen, stinkenden Dampfwolken, die aus der Küche herüberdrangen,

stand Nikolai Apollonowitsch -- blaß, weiß und wutschnaubend, den roten

Mund ohne jegliches Lächeln weit auseinandergezogen, umgeben vom Kranz

seiner hell-hellen, flachsnebligen Haare; wie ein von Hunden müde gejagtes

Tier; die Zähne fletschend, wandte er sich verächtlich gegen Morkowin,

nachdem er dem Kellner ein Halbrubelstück zugeworfen hatte.

Das Orchestrion spielte nicht mehr; die Nachbartische waren schon längst

leer und das Zwittergeschlecht hatte sich in den Straßen der

Wassiljewskij-Insel verzogen; auf einmal wurde das elektrische Licht

überall ausgelöscht; das gelbrote Licht einer Kerze durchzog die tote

Leere; im Halbdunkel zerrannen die Wände; von einem Tischchen erhob sich

der fünfundvierzigjährige Seemann; einen Augenblick lang sprühten seine

Augen grüne Funken um sich; dann verschwand er im Dunkel.

Mit Zwischenpausen sagte Pawel Jakowlewitsch:

»Lassen Sie es nur sein: mir ist es genau so peinlich wie Ihnen.«

»Und wozu das Versteckenspiel, Genosse . . .«

»Ich kam hierher nicht der Scherze wegen . . .«

»Haben wir uns nicht verabreden wollen? . . .«

* * *

». . . nun ja: über den Tag, an dem Sie Ihr Versprechen einzulösen gedenken

. . .«

Mit ernstem Blick auf Ableuchow fügte er voll Würde hinzu:

»Die Partei erwartet Ihre unverzügliche Antwort, Nikolai Apollonowitsch.«

Nikolai Apollonowitsch stieg schweigend die Treppe hinunter.

Die Restauranttür schlug hinter ihm zu.

Die vieläugigen, hohen Laternen, vom Winde gezerrt, hüpften in seltsamen

Lichtgestalten, indem sie sich für die lange Petersburger Nacht bereit

hielten.

»Na, und wenn ich den Auftrag ablehne?«

»Dann verhafte ich Sie . . .«

»Sie? mich? verhaften?«

»Bitte nicht zu vergessen, daß ich . . .«

»Daß Sie ein Konspirator sind?«

»Daß ich Polizeibeamter bin; als Polizeibeamter verhafte ich Sie . . .«

»Was wird die Partei dazu sagen?«

»Die Partei wird mir recht geben.«

»Und wenn ich Sie anzeige?«

»Versuchen Sie es . . .«

Auf der großen eisernen Brücke sah sich Nikolai Apollonowitsch um: niemand,

nichts . . . die nasse Brüstung, das grünliche, von Bazillen wimmelnde

Wasser, die kalten, weinerlich summenden Newawinde; hier an dieser Stelle

hatte er vor zweieinhalb Monaten sein furchtbares Versprechen gegeben. Er

stand an der Newa und sah mit dumpfem Blick in das Grün der Tiefe -- oder

nein: sein Blick flog dorthin, wo ganz tief unten die Ufer kauerten; dann

ging er mit raschen, ungelenken Schritten weiter.

Ein phosphoreszierender Fleck sauste, vom Nebel umschleiert, in wildem Flug

dahin; mit phosphoreszierendem Leuchten breitete sich die Ferne über die

Newa dahin. Hinter der Newa erhoben sich jetzt die Riesenhäuser der Inseln,

die mit flimmernden Augen in den Nebel blickten. Oben in der Höhe spreizte

eine schattenhafte Gestalt wild ihre klumpigen Hände; eine Schar nach der

anderen.

Vollständig leer war der Kai.

Mit besonderer Neugierde starrte nun Nikolai Apollonowitsch die

Riesengestalt des kupfernen Reiters an.

Plötzlich teilten sich die Wolken, und ein grünlicher Rauchschleier überzog

sie im Mondlicht wie geschmolzenes Kupfer . . . Einen Augenblick lang stand

alles in Flammen: das Wasser, die Dächer, der Granit; das Gesicht des

Reiters blitzte auf, und sein kupferner Lorbeerkranz glänzte; und er

streckte befehlend die vielhundertzentnerschweren Hände direkt gegen

Nikolai Apollonowitsch.

Lachend lief Nikolai Apollonowitsch von dem kupfernen Reiter fort:

»Ja, ja, ja . . .«

»Ich weiß, ich weiß . . .«

»Unrettbar verloren . . .«

* * *

. . . Es hieß sofort etwas beginnen, ohne Zeit zu verlieren -- doch was?

War es nicht er, war es nicht er selbst, der von dem Wahnsinn des Mitleids

so oft gepredigt hatte? War es nicht er, der von seiner Verachtung gegen

die Adeligen, gegen die greisen adeligen Ohren, den vogelhaft langgezogenen

Hals . . .

Endlich stieß er auf eine verspätete Droschke: die vierstöckigen Häuser

fuhren -- sausten nun an ihm vorbei.

Das Admiralitätsgebäude schob seine achtsäulige Ecke vor; es schimmerte

eine Weile mit seiner rosigen Farbe und verschwand; ein weiß-schwarz

gestreiftes Schilderhäuschen lief nach links vorbei; in seinem grauen

Mantel schritt dort ein alter Pawlowscher Grenadier auf und ab.

Da sah plötzlich Nikolai Apollonowitsch eine kleine, ausgemergelte Gestalt,

die sich mit eiligen, verspäteten Schritten wie hüpfend auf dem Trottoir

bewegte; diese trockene, winzige Gestalt . . . in dieser trockenen Gestalt

. . . er erkannte diese trockene Gestalt: es war Apollon Apollonowitsch.

Apollon Apollonowitsch, der den Backfisch nach Hause gebracht hatte, eilte

jetzt zur Schwelle des gelben Hauses.

Apollon Apollonowitsch hörte hinter seinem Rücken das Poltern der Droschke;

der alte rasierte Kopf drehte sich in diese Richtung; als die Droschke den

Senator einholte, sah der Senator: dort auf dem Sitz lauerte gekrümmt ein

ältlich, krüppelhaft aussehender Jüngling, in unangenehmster Weise in

seinen Mantel vollständig gehüllt.

Und es schien ihm, daß sich die Augen des unangenehmen Jünglings bei seinem

Anblick zu weiten begannen . . . ja, ja, ja: sie hatten denselben Blick und

weiteten sich mit demselben Glanz; aber schon hatte ihn der Wagen überholt

und hüpfte mit zudringlichem Gepolter über die Steine dahin, während hinten

die weiße Nummer schimmerte: 1095.

Nikolai Apollonowitsch sprang aus der Droschke und lief eilig gegen das

Portal des gelben Hauses.

Nikolai Apollonowitsch zog aus aller Kraft an der Glocke; auf beiden Seiten

des Portals befanden sich Greife mit aufgerissenen Rachen, jetzt rosig von

der Morgenröte, mit ihren Krallen die Stange festhaltend, von der aus an

gewissen Kalendertagen die rotweißblaue Flagge über die Newa flatterte; und

unter den Greifen erblickte Nikolai Apollonowitsch das Wappen: einen

federgeschmückten Ritter mit Rokokolocken, von einem Einhorn durchbohrt.

Dieses alte Wappen gehörte den Ableuchows; aber auch er, Nikolai

Apollonowitsch, war durchbohrt -- doch von wem? Von wem?

Und dort, dort auf dem Trottoir sah er im Nebel -- jene kleine, trockene

Gestalt, in der . . . die . . . -- Apollon Apollonowitsch, der Vater, sah

aus -- wie der Tod in einem Zylinderhut.

Inzwischen kam die kleine Gestalt näher; Nikolai Apollonowitsch wurde, wie

immer, ganz verwirrt.

Apollon Apollonowitsch sah nun: sein Sohn, greisenhaft und sonderbar bös

aussehend, lief rasch die Stufen des Portals hinunter und kam eilig und

schuldbewußt, mit zwinkerndem, ausweichendem Blick dem Vater entgegen.

»Guten Morgen, Vater . . .«

Schweigen.

»So eine unerwartete Begegnung: ich komme nämlich von Zukatows.«

»So -- so: guten Morgen, Kolenka . . .«

Die Flügeltür flog auf, der ihnen wohlbekannte Geruch ihrer Wohnung schlug

den beiden Ableuchows entgegen.

Die eine Seite etwas vorschiebend, schritt jeder von ihnen rasch durch die

Tür.

Petersburg · 第 64 / 112 题