Was weiter

Einen Augenblick . . .

Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin begann im Dunkeln mit den Beinen in der

Luft zu schleudern; deutlich sah er indessen den Widerschein der kleinen,

von der Straßenlaterne herstammenden Lichtreflexe am Ofen; deutlich hörte

er das Klopfen und Kratzen an der Tür; seine zwei Finger wurden ihm so fest

ans Kinn gedrückt, daß er sie nicht mehr herausziehen konnte; plötzlich

schien es ihm, als ersticke er; über seinem Kopfe hörte er einen Knall

(wahrscheinlich vom Platzen der Hirngefäße). Plötzlich begann sich oben an

der Decke etwas zu lösen, und auf einmal lag Ssergeij Ssergeijewitsch

vollständig tot am Boden; doch er erhob sich gleich wieder von den Toten,

nachdem er im Jenseits bloß einen ordentlichen Schupser bekommen hatte; er

kam zu sich und begriff, daß er nicht von den Toten auferstanden, sondern

daß er, mit Schmerzen im Rückgrat, auf dem Fußboden seines Zimmers lag und

zwei Finger zwischen Hals und Strick eingeklemmt hatte; und Ssergeij

Ssergeijewitsch begann an der Schlinge zu zerren, bis sie sich lockerte.

Jetzt wurde es ihm klar, daß er sich, beinahe, erhängt hätte: daß nicht

viel, nicht viel gefehlt -- und er wäre tot gewesen. Ssergeij

Ssergeijewitsch stieß einen Seufzer der Erleichterung aus.

Wir wollen jedoch einige Worte zugunsten Ssergeij Ssergeijewitschs sagen:

der Erleichterungsseufzer entrang sich ihm ganz unwillkürlich, wie etwa

unwillkürlich die Abwehrbewegungen der Ertrinkenden sind, bevor sie, ihrem

eigenen Willen entsprechend, in der kalt-grünen Tiefe untertauchen.

Ssergeij Ssergeijewitsch wollte, ganz im Ernst (lächeln Sie, bitte,

nicht!), seine Rechnung mit der Erde beschließen, und er hätte dieses

Vorhaben ohne jeden Zweifel zur Ausführung gebracht, wenn nicht die morsche

Zimmerdecke (woran der Erbauer des Hauses Schuld trägt) nachgegeben hätte;

den Erleichterungsseufzer stieß also nicht die Persönlichkeit Ssergeij

Ssergeijewitschs aus, sondern nur sein tierisch-fleischlicher,

unpersönlicher Körper. Wie dem auch sei, jetzt kauerte dieses Ich auf dem

Fußboden, und horchte auf alles mögliche (auf die tausend verschiedenen

Laute); sein Geist aber in der Tiefe der Hülle bewahrte völligen Gleichmut.

Im Nu wurden seine Gedanken klar, im Nu entstand vor seinem Bewußtsein das

Dilemma: Was also tun? Was tun? Den Revolver suchen -- das dauerte zu lange

. . . Das Rasiermesser? Mit dem Rasiermesser -- hu -- hu -- hu! Nein: das

Natürlichste war: hier auf dem Fußboden gestreckt liegenzubleiben und alles

andere dem Schicksal zu überlassen; ja, aber bei dieser natürlichen Lösung

wird Soja Petrowna (sie hat sicher das Fallen gehört) zum Hausmeister

laufen -- wenn sie nicht schon gelaufen ist --, man wird an die Polizei

telephonieren, es gibt einen Zusammenlauf, die Menge wird die Tür

aufbrechen, eindringen und ihn da auf dem Boden, mit einem Strick um den

Hals, liegen sehen.

Nein, nein, nein! Nie wird sich der Leutnant zu so was erniedrigen: die

Ehre seines Offiziersrocks ist ihm mehr wert als irgendein seiner Frau

gegebenes Wort. Es bleibt nur eines übrig: rasch die Tür aufzumachen und

sich mit der Frau zu versöhnen.

Rasch versteckte er den Strick unter das Sofa und lief in schmachvollster

Weise zur Tür, hinter der es jetzt ganz still war.

Mit demselben unwillkürlich keuchenden Atem öffnete er und blieb,

unschlüssig, auf der Schwelle stehen; brennende Scham überkam ihn, und der

Sturm, der in seiner Seele gewütet, legte sich, als hätte sich im

Augenblick, als sich der Deckenhaken löste, alles in ihm gelöst: der Zorn

gegen die Frau, die Empörung über das Benehmen Nikolai Ableuchows. Hatte er

doch selbst jetzt Unerhörtes begangen, eine mit nichts zu vergleichende

Schandtat: er wollte sich erhängen und -- zog statt dessen den Haken aus

der Decke heraus.

Einen Augenblick . . .

Niemand lief ins Zimmer, doch stand jemand dort (das sah er); endlich aber

flog Sofja Petrowna herein; sie flog; herein und brach in Weinen aus.

»Was ist das? Was ist das? Warum ist es dunkel?«

Ssergeij Ssergeijewitsch schwieg verlegen.

»Warum hörte ich hier ein Rumoren und Laute?«

Ssergeij Ssergeijewitsch drückte verlegen ihre kalten Fingerchen in seinen

Händen.

»Warum sind Ihre Hände voll Seife? . . . Ssergeij Ssergeijewitsch,

Liebster, sagen Sie, was das alles bedeutet?«

»Siehst du, Sonjuscha . . .«

Aber sie unterbrach ihn:

»Warum sind Sie heiser?«

»Ja, siehst du, Sonjuscha . . . ich . . . ich hatte das Fenster geöffnet

. . . Deswegen bin ich heiser . . . Aber darum handelt es sich nicht

. . .«

Er stockte.

»Nein, nicht, nicht!« -- rief Ssergeij Ssergeijewitsch, als seine Frau das

elektrische Licht aufdrehen wollte -- »nicht hier, komm ins andere Zimmer.«

Und er zog sie mit Gewalt in sein Zimmer.

Der Morgen begann bereits zu dämmern, und manchen Augenblick schien es

hier, als wären die Gegenstände des Zimmers: Stühle, Bilder, Vasen, Säbel,

Wände, die verstreut liegenden Rasierutensilien -- nur aus Luft gewobene

Spitzen, ein Spinngewebe; und durch diese feinen, feinen Spitzen spiegelte,

verschämt und zärtlich, der ins Fenster fallende morgendämmernde Himmel.

Von unklarer Angst getrieben, begann Sofja Petrowna sich in den Zimmern

umzusehen. Aus dem Nebengemach des Gatten rief eine heisere, weinerliche

Stimme ihr nach:

»Dort findest du Unordnung . . .«

»Weißt du, Liebling, ich habe die Zimmerdecke gerichtet . . .«

»Die Decke hat einen Riß gegeben . . .«

»Man mußte . . .«

Aber Sofja Petrowna hörte nichts: sie stand angstvoll vor dem Haufen der

auf den Teppich herabgefallenen Stuckdecke, in dem sich dunkel der Haken

abhob; der Tisch mit dem auf ihm befindlichen umgestürzten Stuhl war

beiseite geschoben; unter der weichen Chaiselongue -- auf der liegend Sofja

Petrowna noch vor kurzem Henry Besançon gelesen hatte -- unter dieser

weichen Chaiselongue lugte ein grauer Strick hervor. Sofja Petrowna

Lichutina zitterte; sie fühlte, wie der beginnende Tag sie anhauchte; sie

krümmte sich.

Hinter den Fenstern begannen plötzlich leichte Flammen zu sprühen, und

alles wurde durchleuchtet; ein rosa schimmerndes Netz aus

Perlmutterschuppen breitete sich dort, und durch die Lücken dieses Netzes

blickte ein zart-zartes Blau; ganz zart war das Blau, alles erfüllte sich

mit bebender Unsicherheit; alles erfüllte sich mit der verwunderten Frage:

»Aber wieso doch? Aber wieso doch? Scheine ich denn nicht mehr?« Durch

Sofja Petrownas Seele gingen plötzlich hauchend leichte Stimmen; und alles

leuchtete für sie auf, als ein blasser Strahl auf die Schlinge des Strickes

fiel. Ihr Herz erfüllte sich mit plötzlichem Schauer und mit der

verwunderten Frage: »Aber wieso doch? Aber wieso doch? Warum hab' ich

vergessen?«

Sofja Petrowna Lichutina neigte sich gegen den Boden und streckte die Hand

zum Stricke aus. Sofja Petrowna Lichutina küßte den Strick und begann leise

zu weinen: eine vergessene und, wieder aufgelebte Gestalt aus ihrer

Kindheit (die Gestalt war doch nicht völlig vergessen -- wo habe ich sie

nur gesehen: kürzlich erst, heute?). Diese Gestalt hob sich langsam, und

jetzt stand sie hinter ihrem Rücken. Als sie sich umwandte, sah sie: hinter

ihrem Rücken stand ihr Mann, Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin, schlank,

lang und traurig; er hielt seinen hellblauen, sanften Blick auf sie

gerichtet:

»Du mußt mir verzeihen, Sonjuscha!«

Sie fiel, weiß Gott warum, zu seinen Füßen, umarmte sie und weinte:

»Du Armer, Armer, Geliebter! . . .«

Was sie noch miteinander flüsterten -- weiß der Himmel: das blieb unter

ihnen; bei der Morgenröte aber sah man ihn seine mageren Arme über sie

breiten:

»Gott wird dir verzeihen . . . Gott wird dir verzeihen . . .«

Das rasierte Gesicht lachte glücklich: wer konnte auch jetzt nicht lachen,

angesichts des lachenden Himmels, an dem leichte, schimmernde Wölkchen

dahinflogen?

Petersburg · 第 60 / 112 题