Närrisch

Knacks -- knacks -- knacks: so knacksten die elektrischen Knöpfe, und die

Dunkelheit nahm einen unbeholfen langen Menschen auf, mit allzu scharfen

Gesten. Das war vielleicht gar nicht Leutnant Lichutin?

Nein, begreifen Sie doch seinen Zustand: sich so widerwärtig im Spiegel zu

erblicken, weil irgendein Domino sein ehrliches Haus entehrt hatte, weil,

seinem Offizierswort treu, er jetzt auch seine Frau nicht auf die Schwelle

lassen durfte. Nein, begreifen Sie doch seinen Zustand: es war eben

Leutnant Lichutin -- er selbst.

Knacks -- knacks -- knacks: im zweiten Zimmer knacksten die elektrischen

Knöpfe; ebenso im dritten. Dieser Laut beunruhigte Mawruscha, und als sie

mit schlürfendem Schritt aus der Küche ins Zimmer trat, erstaunte sie über

die völlige Dunkelheit.

Und sie brummte:

»Was ist das nun wieder?«

Aber in der Dunkelheit hüstelte jemand trocken.

»Gehen Sie fort . . .«

»Aber, gnädiger Herr . . .«

Aus der Ecke schrie jemand zornig mit pfeifender, befehlender Stimme:

»Gehen Sie fort . . .«

»Aber, gnädiger Herr, ich muß im Zimmer der gnädigen Frau Ordnung machen

. . .«

»Gehen Sie ganz fort . . .«

* * *

»Und dann sind auch, Sie wissen, die Betten nicht abgedeckt . . .«

* * *

»Hinaus! sagte ich.«

Kaum war sie in die Küche getreten, als der Herr ihr dahin folgte:

»Gehen Sie überhaupt weg aus dem Hause . . .«

»Aber warum nur, gnädiger Herr . . .?«

»Fort, gleich fort! . . .«

»Aber wohin soll ich?«

»Wohin Sie wollen: fort mit Ihnen . . .«

»Gnädiger Herr!! . . .«

»Fort mit Ihnen, daß Sie sich nicht zeigen bis morgen.«

»Aber gnäd . . .«

»Fort, fort! . . .«

Er steckte ihr ihren Mantel zu und schob sie aus der Tür hinaus; Mawruscha

brach in Tränen aus; sie erschrak -- tödlich: der Herr schien plötzlich

nicht ganz . . . Sie hätte zum Hausmeister und aufs Polizeirevier laufen

sollen, statt dessen lenkte sie ihre Schritte zu einer Freundin.

Ja, Mawruscha . . .

* * *

Wie schrecklich ist die Lage eines harmlosen, eines normalen Menschen: sein

Leben hängt an einer Anzahl gewöhnlicher Gebrauchswörter, an dem Faden ganz

durchsichtig klarer Handlungen, von diesen Handlungen geleitet, segelt er

in die Ferne, einem Fahrzeug gleich, wohl ausgerüstet mit absolut --

ausreichenden Worten und Gesten; läuft aber dieses Fahrzeug auf einen

verborgenen Felsen der Lebensunverständlichkeiten auf -- so zerschellt es,

und der einfältige Segler sinkt im Nu auf den Grund des Meeres . . . Beim

kleinsten Stoß des Lebens verlieren Normalmenschen die Fähigkeit des

Verstehens. Nein, kein Wahnsinniger kennt die Gefahren für das Hirn, die

für den Normalen bestehen: das Hirn der Abnormen ist vielleicht aus

leichterem Ätherstoff geschaffen. Für das normale Hirn gibt es völlig

undurchdringliche Dinge, die dem kranken Hirn ohne weiteres klar

erscheinen: dem normalen Hirn bleibt nichts übrig, als sich zu zerstören;

und es -- zerstört sich.

Seit dem gestrigen Abend empfand Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin die

schärfsten Schmerzen im Kopf, wie wenn er im Laufen mit der Stirn gegen

eine eiserne Mauer gestoßen wäre; und während er vor der Mauer stand, sah

er, daß es gar keine Mauer gab, daß sie nicht undurchdringlich war und daß

es dort, hinter ihr, ein unsichtbares Licht gab; daß es dort eigene Gesetze

des Sinnlosen gab; wie es hinter den Mauern einer Wohnung Licht gab . . .

Hier brummte Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin etwas und schüttelte den

Kopf; er fühlte ein intensives, ihm selbst verborgenes Arbeiten des Hirns

. . .

Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin brummte wieder etwas und dann wieder: er

schüttelte wieder und wieder den Kopf: seine Gedanken verwirrten sich

vollständig. Er hatte seine Betrachtungen mit der Analyse der Handlungen

seiner untreuen Gattin begonnen und endete damit, daß er sich selbst auf

Häßlichkeiten ertappte.

Was also nun? Seit dem gestrigen Abend begann _es_: es kroch heran,

zischte; was ist dieses _Es_? -- Warum kam es? Außer der Verkleidung

Nikolai Ableuchows gab es nichts, was zu beanstanden wäre . . .

Ssergeij Ssergeijewitsch, ein einfach gutmütiger Mensch, stieß mit dem Kopf

an die Mauer: aber durch sie sehen, hinter ihre spiegelnden Flächen -- das

vermochte er nicht: hatte er nicht, wenn auch nur vor seiner Frau -- das

ehrliche Offizierswort gegeben, sie nicht wieder ins Haus zu lassen, falls

sie zum Ball gehen würde?

Was also tun? Was tun?

Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin kam in Aufregung und begann, immer von

neuem, Streichhölzer zu reiben; rotbraune Flämmchen zuckten auf; rotbraune

Flämmchen beleuchteten das Gesicht eines Wahnsinnigen; voll Unruhe blickte

er auf die Uhr: zwei Stunden waren vergangen, seit Sofja Petrowna

fortgegangen war -- zwei Stunden, das heißt hundertundzwanzig Minuten;

jetzt begann er zu rechnen, wie viele Sekunden es waren.

»Sechzig multipliziert mit hundertzwanzig . . . Sechzig mal einhundert

. . .«

Ssergeij Ssergeijewitsch faßte sich an den Kopf:

»Sechzig mal einhundert . . . Nein, eine Sekunde mal einhundert . . .«

Seine Gedanken verwirrten sich: Ssergeij Ssergeijewitsch bewegte sich in

vollständiger Dunkelheit: ta -- ta -- ta -- tönten seine Schritte; Ssergeij

Ssergeijewitsch fuhr fort zu rechnen:

»Einmalhundert mal . . . Und zwei Nullen dazu -- macht zusammen

siebentausend zweihundert Sekunden. Ja.«

Erfreut über die Bewältigung dieser komplizierten geistigen Arbeit äußerte

er diese Freude in einer etwas überlauten Weise. Plötzlich fiel ihm ein:

sein Gesicht verfinsterte sich:

»Siebentausendzweihundert Sekunden -- seit ihrem Entfliehen:

zweihunderttausend Sekunden -- dann ist alles zu Ende!«

Nach den siebentausendzweihundert Sekunden führt die

siebentausendzweihundertunderste in den Zeitraum hinein, in dem sein

Offizierswort Geltung bekommt; siebentausendzweihundert Sekunden durchlebte

er gleich siebentausend Jahren; seit der Entstehung der Welt sind ja bis

zum heutigen Tage nicht mehr Jahre vergangen. Es schien Ssergeij

Ssergeijewitsch, als wäre er seit der Entstehung der Welt in diese

Finsternis eingeschlossen gewesen, mit seinen unerträglichen Kopfschmerzen;

den selbsttätigen Gedanken, der Autonomie des Gehirns, das die leidende

Person ausschließt. Ssergeij Ssergeijewitsch begann plötzlich fieberhaft in

einer Ecke zu suchen; er nahm aus einem Schrank einen Strick und versuchte

eine Schlinge zu machen: das wollte ihm aber nicht gelingen. Ganz

verzweifelt lief er in sein Zimmer, den Strick hinter sich herschleifend.

Was tat nun Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin? Suchte er seinem gegebenen

Offizierswort Geltung zu verschaffen? Ach -- wo! Er nahm bloß, weiß Gott

wozu, die Seife aus der Seifendose heraus, kauerte sich auf den Fußboden

nieder und begann über einem hingestellten Waschbecken den Strick mit Seife

einzureiben. Kaum war er damit fertig, als seine Handlungen einen wahrhaft

phantastischen Charakter annahmen; man konnte ruhig sagen, nie im Leben

hatte Ssergeij Ssergeijewitsch so originelle Dinge gemacht.

Denken Sie sich nur!

Er stieg, weiß Gott wozu, auf den Tisch (vorerst hatte er die Tischdecke

abgenommen); dann zog er vom Fußboden einen gebogenen Stuhl herauf, den er

ebenfalls auf den Tisch stellte; auf dem Stuhle stehend, nahm er die Lampe

vom Haken und legte sie sich vorsichtig vor die Füße; an Stelle der Lampe

aber befestigte Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin den von der Seife

glitschrigen Strick; dann schlug er ein Kreuz und blieb unbeweglich einen

Augenblick stehen; und langsam legte er mit beiden Händen die Schlinge über

seinen Kopf, wie jemand, der im Begriff ist, sich aufzuknüpfen.

Aber ein glänzender Gedanke ging dem Offizier jetzt durch den Kopf:

eigentlich mußte er sich doch die Haare vom Halse wegrasieren.

Mit diesem glänzenden Gedanken ging Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin in

sein Zimmer: dort begann er beim Schein einer abgebrannten Kerze sich die

Haare vom Hals zu rasieren.

Endlich war er fertig, zögern durfte er nicht mehr. Aber gerade in diesem

Augenblick ertönte im Vorzimmer die Hausglocke; geärgert schlenderte

Ssergeij Ssergeijewitsch, vor sich das mit Seife bedeckte Rasiermesser, sah

mit Bedauern auf die Uhr (wie viele Stunden doch dahingeflogen waren:) und

-- was tun? Was tun? Einen Augenblick lang dachte er daran, sein Vorhaben

zu verschieben; er konnte doch wahrhaftig nicht voraussehen, daß er

überrascht werden würde; zum zweitenmal ertönte inzwischen die Glocke und

verkündete ihm, daß er keine Zeit zu verlieren habe; er sprang also auf den

Tisch, um die Schlinge vom Haken zu lösen; aber der glitschrige Strick

gehorchte ihm nicht und entrutschte seinen Fingern. Eiligst stieg Ssergeij

Ssergeijewitsch wieder herunter und begann sich in das Vorzimmer zu

schleichen; und während er schlich, merkte er: langsam schmolz die

schwarzblaue Finsternis der Zimmer, die sich wie Tinte die ganze Nacht über

ihn ergossen hatte; langsam begann sich in die Tintenfinsternis Grau zu

mischen; und in dieser grauenden Finsternis zeichneten sich Gegenstände:

ein auf dem Tische stehender Stuhl, eine umgelegte Lampe; und über all

diesem -- eine nasse Schlinge.

Im Vorzimmer legte Ssergeij Ssergeijewitsch das Ohr an das Schlüsselloch

und blieb unbeweglich stehen; aber wohl infolge der Aufregung zeigte sich

bei ihm ein solcher Grad von Vergeßlichkeit, einer Vergeßlichkeit, bei der

die Durchführung eines Vorhabens undenkbar ist: Ssergeij Ssergeijewitsch

merkte nicht im geringsten, wie sehr er keuchte; und als er nun das

unruhige Rufen seiner Frau hinter der Tür hörte, begann er aus purer Angst

entsetzlich zu brüllen; jetzt sah er ein, daß alles verloren war, schnell

rannte er ins Zimmer zurück, um sein originelles Vorhaben rasch

durchzuführen: geschwind sprang er auf den Tisch, streckte den frisch

rasierten Hals und begann hurtig die Schlinge zuzuziehen, wobei er aber,

wer weiß wozu, zwei Finger zwischen Strick und Hals steckte.

Dann rief er, weiß Gott wozu:

»Wort und Tat!«

Er stieß mit den Füßen den Stuhl um, und der Tisch rollte auf seinen

Messingröllchen fort (diese Laute waren es eben, die Sofja Petrowna vor der

Tür hörte).

Petersburg · 第 59 / 112 题