Der Bürger

Weit dehnten sich und liefen die Gäßchen, Gassen, Straßen und vornehmen

Prospekte auseinander; aus dem Dunkel trat bald die hochragende Ecke eines

Hauses hervor, eines schweren Ziegelsteinbaus, zusammengesetzt aus lauter

Wuchtigkeiten; bald gähnte im Dunkel ein Portal, vor dem zwei steinerne

Ägypter den steinernen Vorsprung eines Balkons trugen. Mitten im

Petersburger Nebel, aus dem Dunkel in das Dunkel, schritt Apollon

Apollonowitsch weiter, an dem hochragenden Haus vorbei, an der steinernen

Ecke, an all den Hunderten zentnerschweren Wuchtigkeiten vorbei, er ging

und ging, alle Schwierigkeiten überwindend: nun erreichte er einen

niederen, grauen, ein wenig moderigen Bretterzaun.

Da ging plötzlich eine niedrige Tür auf, die dann offen stehen blieb;

weißer Dampf wälzte sich aus der Türöffnung, scheltende Stimmen, das

Klimpern einer armseligen Balalaika und Gesang drangen nach außen.

So ist also der Bürger? Apollon Apollonowitsch empfand plötzlich Interesse

für diesen Bürger, und es gab da einen Augenblick, wo ihn der Wunsch

packte, an die erste beste Tür zu pochen und den Bürger zu suchen; aber da

fiel ihm ein, daß eben dieser Bürger ihm einen schmachvollen Tod wünschte:

sein Zylinderhut rutschte auf die Seite, und die müden Schultern sanken:

-- Ja, ja, ja: sie hatten ihn in Stücke zerrissen; nicht ihn selbst, aber

seinen besten Freund, einen Freund, wie ihn das Schicksal einem Menschen

nur einmal im Leben sendet; einen Augenblick lang sah Apollon

Apollonowitsch deutlich vor sich einen grauen Schnurrbart, die grünliche

Tiefe der auf ihn gerichteten Augen, während sie beide über der Reichskarte

gebeugt dasaßen und ihr seltsam jugendhaftes Greisenalter sich in heißen

Träumen erging (das geschah gerade einen Tag, bevor . . .). Aber die Bürger

hatten auch diesen einzigen Freund zerfleischt, den ersten unter den ersten

. . . Man sagt, das dauert nur eine Sekunde, dann aber ist -- rein gar

nichts . . . Was ist nun zu machen? Ein Staatsmann ist nun einmal ein Held;

aber doch -- brr -- brr . . .

Apollon Apollonowitsch Ableuchow richtete den Zylinderhut zurecht, hob

wieder die Schultern hoch und schritt weiter durch den faulen Nebel und das

nicht weniger faule Leben des Bürgers dahin -- durch das Netz

schleimig-feuchter, modriger, halbeingesunkener Mauern, Tore, Bretterzäune

-- durch den ekligen, stinkenden, leeren, allgemeinen Abort. Und es schien

ihm auf einmal, als werde auch er von dem Haß jenes modrigen Zauns und

jener blinden Mauer verfolgt. Aus Erfahrung wußte Apollon Apollonowitsch,

daß _sie_ ihn haßten; doch wer waren diese _sie_? Ein armseliges, wie alles

andere stinkendes Häuflein? Das Gehirnspiel Apollon Apollonowitschs baute

vor seinem Blick neblige Flächen; die Riesenkarte Rußlands erschien ihm

winzig klein: War _das_ der Feind? Die ungeheure Zusammenhäufung von

Völkern, die auf dieser Fläche wohnen: _hundert Millionen_. Nein, mehr

. . .

Was? Er wird gehaßt? . . . Nein, Rußland liegt gedehnt vor ihm. Ihn selbst

aber . . . ihn will man . . . will man . . . Nein, brr -- brr . . . Müßiges

Spiel des Gehirns.

Mit wem sollte er nun durch das Leben gehen? Mit dem Sohn? Aber sein Sohn

ist ja ein ausgemachter Schuft. Mit dem Bürger? Aber der Bürger will ihn

. . . Apollon Apollonowitsch erinnerte sich, daß er einst vorhatte, mit

Anna Petrowna durchs Leben zu gehen; nach Beendigung seiner Laufbahn ein

Landhaus in Finnland zu beziehen . . . Aber nun -- Anna Petrowna hatte ihn

verlassen, ja, verlassen!

Apollon Apollonowitsch sah plötzlich ein, daß er keinen Lebenskameraden

besaß (bis zu diesem Augenblick hatte er darüber nie nachgedacht), und ein

Tod, der ihn auf dem Posten ereilt, erschien ihm als eine eigentliche

Verschönerung seines dahingegangenen Lebens. Und kindliche Trauer überkam

ihn und Ruhe und Behaglichkeit. Er hörte nur das Säuseln des

dahinfließenden Rinnenwassers, als betete jemand, betete immer um dasselbe,

um das eine: um das, was nie war, was aber auch nie sein wird . . .

Das Grauschwarz, das ihn die ganze Nacht bedrückt hatte, begann sich

langsam zu dehnen. Die Häusermauern verschmolzen matt mit der

entschwindenden Nacht. Die rotgelben Laternen, die soeben noch rotgelbe

Flammen von sich warfen, begannen gleichsam zu schwinden -- und

entschwanden allmählich vollständig. Die fiebernden Lichter auf den Mauern

erloschen. Die Laternen verwandelten sich schließlich in dunkle Punkte, die

verwundert in den trüben Nebel blinkten. Einen Augenblick lang schien es,

als wäre die graue Zusammenhäufung von Linien, Turmspitzen, Mauern mit den

huschenden Flächen der Schatten und der unendlich vielen Fenster -- daß das

alles keine Zusammenhäufung von Steinen, sondern ein in die Luft sich

erhebendes Spitzengeflecht von feinster Arbeit, durch dessen Muster die

Sonne zaghaft hervorblickte.

Plötzlich tauchte vor Apollon Apollonowitsch ein armgekleidetes, etwa

fünfzehn Jahre altes Mädchen mit einem Tuch auf dem Kopfe auf; hinter ihr

her zeichnete sich im nebligen Morgengrau die Gestalt eines Mannes; die

Gestalt schien mit niedrigen Vorschlägen an das Mädchen herangekommen zu

sein. Apollon Apollonowitsch hielt sich für einen Ritter; unerwartet für

sich selbst lüftete er den Zylinder.

»Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten und Sie nach Hause bringen? In dieser

späten Stunde ist es für junge Personen von Ihrem Geschlecht nicht

ungefährlich, allein durch die Straßen zu gehen.«

Sie gingen in tiefem Schweigen; alles erschien näher, als es in der

Wirklichkeit war; naß und alt schien sich alles in die Jahrhunderte zu

entfernen; all das hatte Apollon Apollonowitsch auch schon früher aus der

Ferne gesehen. Aber jetzt -- jetzt war es unmittelbar vor ihm: kleine

Häuschen, Mauern, niedrige Tore und an seinen Arm ängstlich gedrückt dieser

Backfisch, für den er, Apollon Apollonowitsch, kein Schuft, kein Senator

war, sondern einfach nur so ein unbekannter gütiger Greis.

Sie kamen bis zum grünen Häuschen mit schiefem Tor und morschen Stufen;

hier lüftete der Senator wieder den Zylinderhut und verabschiedete sich vom

Backfisch; als die Tür sich hinter dem Mädchen schloß, verzog sich traurig

der greisenhafte Mund; die toten Lippen begannen zu kauen; in diesem

Augenblick ertönten in der Ferne Laute wie von einem Violinbogen: es war

die Stimme des Petersburger Gockels, der etwas verkündete, das nicht

existierte, jemand weckte, der nicht vorhanden war.

Ende des vierten Kapitels.

Petersburg · 第 61 / 112 题