Apollon Apollonowitsch Ableuchow haßte im Grunde genommen das unvermittelte
Sprechen, bei dem man in die Augen des Partners blicken mußte; das Sprechen
mittels der Telephondrähte beseitigte diese Nachteile. Apollon
Apollonowitsch horchte mit Vergnügen auf das Summen des Telephons.
Apollon Apollonowitsch ging zu Zukatows mit dem einzigen Vorhaben, dem
Leiter eines gewissen Amtes einen Schlag zu versetzen. Diesem Amt hatte es
in der letzten Zeit beliebt, mit einer radikalen Partei ein wenig zu
kokettieren. Apollon Apollonowitsch haßte Kompromisse; und er wollte dem
Parteileiter zeigen, wie er, einmal erst auf seinem hohen Posten, sich zum
besagten Amtsleiter stellen würde . . .
Deswegen blieb Apollon Apollonowitsch den ganzen Abend bei Zukatows, vor
sich das höchst widerliche Bild: konvulsivisch hüpfende Beine und blutrote,
unangenehm knisternde Stoffe: solche roten Fetzen sah er schon einmal: auf
dem Platze vor der Kathedrale: dort wurden diese Fetzen Fahnen geheißen.
Diese roten Fetzen hier, auf einem Tanzabend, bei dem das Haupt der
Verwaltung anwesend war -- schienen ihm ein unschicklicher, unwürdiger,
schmachvoller Scherz, und die konvulsivisch tanzenden Beine riefen in ihm
das Bild einer traurigen (aber unumgänglichen) Maßnahme hervor, durch die
Staatsverbrechen unmöglich wurden.
In offensichtlicher Langeweile, mit kaum zu überwindendem Widerwillen, saß
Apollon Apollonowitsch auf dem Stuhle, aufrecht wie ein Stock, ein kleines
Porzellantäßchen in den winzigen Händchen. Gegen den bunten, bucharischen
Teppich stemmten sich in perpendikulärer Richtung die dünnen Beinchen,
deren untere Teile mit den Schenkeln einen geraden Neunziggradwinkel
bildeten; perpendikulär zu der Brust streckten sich die dünnen Arme nach
dem Porzellantäßchen vor. Apollon Apollonowitsch Ableuchow, die
erstklassige Persönlichkeit, glich einer auf den Teppich gemalten
Ägypterfigur -- eckig, breitschulterig, jede anatomische Regel verleugnend.
Die Mitteilung des kleinen, unscheinbaren Herrchens wirkte auf Apollon
Apollonowitsch wie ein Schlag: der blutrote unangenehme Domino, der
hirnlose Narr, der ihm am meisten auf die Nerven fiel -- sein leiblicher
Sohn . . . Nein, nein -- nein, nein: der Domino sein leiblicher Sohn!
. . .
Ist er auch wirklich sein Sohn? Sein leiblicher Sohn kann ja einfach nur
der Sohn Anna Petrownas sein; durch Überwiegen in den Adern des
mütterlichen Blutes. Das mütterliche Blut hat das reine Ableuchowsche
Geschlecht verunreinigt, indem es dem berühmten Manne einen _unsauberen_
Sohn geschenkt hat. Nur ein _unsauberer_ Sohn, ein _Bastard_, konnte Dinge
treiben wie diese.
Am meisten empört war Apollon Apollonowitsch, daß der widerwärtige, dort
hüpfende Domino (Nikolai Apollonowitsch), wie ihm das kleine Herrchen
berichtete, bereits eine ebenso widerwärtige Vergangenheit hatte, daß über
sein Treiben die jüdische Presse bereits geschrieben hatte; Apollon
Apollonowitsch bedauerte, nicht in die »Tagesneuigkeiten« der Zeitungen
hineingesehen zu haben.
Mit rascher Bewegung erhob sich Apollon Apollonowitsch und lief in das
Nebenzimmer, um dort den Domino ausfindig zu machen; aber aus demselben kam
mit eiligen, eiligen Schritten ein kleiner, glattrasierter Gymnasiast im
Salonrock auf ihn zu, und Apollon Apollonowitsch war nahe daran, ihm aus
Zerstreutheit die Hand zu reichen; der glattrasierte Gymnasiast erwies sich
bei näherer Betrachtung als Senator Ableuchow selbst: in der Eile war der
Senator beinahe in den Spiegel hineingerannt.
Apollon Apollonowitsch wandte dem Spiegel den Rücken zu; und -- dort, dort:
im Zimmer, zwischen Saal und Salon, sah Apollon Apollonowitsch den
widerlichen Domino (den Bastard), der in das Lesen eines (sicher
widerlichen) Briefes (sicher unanständigen Inhalts) vertieft war. Apollon
Apollonowitsch hatte nicht den Mut, den Sohn zur Rede zu stellen.
Bald vernahm Apollon Apollonowitsch ein Murmeln und Flüstern und merkte da
und dort ein spöttisches Lächeln; er bemerkte auch, daß das konvulsivische
Tanzen plötzlich aufgehört hat; das beruhigte für einen Augenblick sein
aufgewühltes Gemüt. Aber dann ging es wieder mit erschreckender Klarheit
durch seinen Kopf: sein Sohn sei ein ganz miserabler Kerl; denn nur ein
ganz miserabler Kerl konnte sich in so abscheulicher Weise aufführen:
einige Tage hintereinander einen roten Domino anziehen, einige Tage
hintereinander eine Maske vors Gesicht binden; einige Tage hintereinander
die jüdische Presse in Aufregung halten . . .
Apollon Apollonowitsch gedachte jetzt auf seinen Posten verzichten zu
müssen: er konnte den Posten nicht annehmen, ehe er die Schmach
weggewaschen hatte, die seinem Geschlecht durch das Benehmen des Sohnes
(immerhin ein Ableuchow) zugefügt wurde . . .
Mit diesen trüben Gedanken reichte er den Anwesenden seinen Finger und
lief, von Wirt und Wirtin geleitet, aus dem Salon. Und als er in seinem
Lauf durch den Tanzsaal angsterfüllt gegen die Wände blickte -- dabei fand
er den hellerleuchteten Saal viel zu groß --, sah er deutlich, wie ein
Häufchen grauer Matronen miteinander tuschelte.
An Apollon Apollonowitschs Ohr gelangte nur das Wort -- Hühnchen.
Apollon Apollonowitsch haßte die Hühnchen, die mit weggeschnittenen Köpfen
in den Basaren verkauft werden.