Nikolai Apollonowitsch befand sich in einem dunklen Traum, im dunkelsten
Naßkalt der Straße, in das die Laterne hartnäckig einen rötlichen Fleck
hineinzuleuchten bemüht war.
Nach ein paar Schritten bemerkte Nikolai Apollonowitsch mit Gleichmut, daß
ihm die Beine fehlten; unordentlich patschten durch den Schmutz weiche
Körperteile; vergeblich bemühte er sich, diese weichen Körperteile in
gewünschter Richtung zu bewegen; sie weigerten sich, ihm zu gehorchen; sie
hatten wohl äußerlich die Form von Beinen: aber Beine waren es nicht;
unwillkürlich ließ sich Nikolai Apollonowitsch auf eine Stufe vor dem
Nachbarhause nieder; so saß er, gehüllt in seinen Wintermantel, wohl eine
Minute lang.
Das war ganz natürlich in seiner Lage (sein ganzes Benehmen war durchaus
natürlich); ebenso natürlich war es, daß er den Mantel aufschlug, in den
Taschen suchte und das Briefchen hervorzog; wieder und wieder las er es,
bemüht, darin eine Spur von Scherz oder Spott zu entdecken; aber nichts
davon gelang ihm . . .
»Eingedenk Ihres im Sommer gemachten Vorschlages teilen wir Ihnen mit, daß
der Würfel nun auf Sie fiel. Sie haben unverzüglich an die Sache zu gehen
-- und« . . . hier konnte Nikolai Apollonowitsch nicht lesen, denn da stand
der Name seines Vaters -- doch weiter: »Das nötige Material in der Gestalt
der Bombe mit dem Uhrmechanismus wurde Ihnen seinerzeit übergeben; Eile ist
geboten; es ist erwünscht, daß die Angelegenheit schon in den nächsten
Tagen erledigt ist . . .« Weiter folgte -- die Parole: Nikolai
Apollonowitsch kannte die Parole wie die Schrift gut. Es war die Schrift
des »Unbekannten«. Er hatte schon öfters Briefe von dem »Unbekannten«
erhalten.
Zweifel waren ausgeschlossen.
Nikolai Apollonowitsch bemühte sich, nicht zu denken, nicht zu verstehen:
denken, _verstehen_ . . . konnte man denn so etwas _verstehen_; das _kam_
einfach und zwang und würgte . . . darüber denken hieß sich ins Wasser
stürzen . . . Zu denken gab es da nichts, denn . . . das war . . . Na, wie
war es nur zu bezeichnen? . . .
Nein, niemand vermochte hier etwas zu denken.
Nikolai Apollonowitsch suchte sich an Äußeres zu klammern: da ist die
Karyatide an der Einfahrt; nichts weiter: eine Karyatide . . . Doch --
nein, nein! Gar keine Karyatide: er hatte eine solche noch nie gesehen: sie
hängt gerade über einer Flamme. Und dort ist -- ein Haus: nichts weiter --
ein Haus.
Nein, nein, nein!
Es ist kein einfaches Haus, wie alles andere nicht einfach ist: alles in
ihm hat sich verschoben, hat sich von den Wurzeln losgelöst, er selbst hat
sich von seinen eigenen Wurzeln losgelöst und sieht von irgendwoher (für
ihn ganz unbekannt), wo er noch nie gewesen, seine Umgebung.
Da sind nun auch Beine -- nichts weiter -- Beine . . . Nein, nein! Es sind
keine Beine, es sind ganz weiche, unnötig baumelnde Körperteile.
Nikolai Apollonowitsch erhob sich schwer von der Stufe. Nikolai
Apollonowitsch trat in ein leeres Gäßchen.
Das Gäßchen war leer, wie alles: wie dort oben die Ferne; so leer, wie die
menschliche Seele sein kann. Für einen Augenblick bemühte sich Nikolai
Apollonowitsch, an die transzendenten Dinge zu denken; daran, daß die
Geschehnisse dieser vergänglichen Welt nicht im geringsten das unsterbliche
Zentrum berühren und daß selbst das denkende Hirn nur ein
Bewußtseinsphänomen sei; daß, soweit er, Nikolai Apollonowitsch, in dieser
Welt handelte, er -- nicht er sei; sondern nur -- vergängliche Materie;
sein wirklicher, beschauender Geist kann ihm noch immer den Weg erleuchten;
erleuchten trotz _diesem_; beleuchten -- selbst . . . _dieses_ . . . Doch
_dieses_ umgab ihn, umgab ihn von allen Seiten wie ein Zaun; zu seinen
Füßen sah er nur eine Pfütze.
Und nichts leuchtete.
Das Bewußtsein Nikolai Apollonowitschs bemühte sich vergeblich zu leuchten;
es leuchtete nicht. Die furchtbare Dunkelheit blieb, wie sie war. Sich
ängstlich umsehend, erreichte er mit schleichenden Schritten den hellen
Laternenfleck. Er begann wieder zu lesen. Die Gedanken entflogen dem
Bewußtseinszentrum wie eine Schar betäubter, vom Sturm gepeitschter Vögel;
aber auch dieses Zentrum gab es nicht mehr: es gab nur noch ein düsteres
Loch, vor dem Nikolai Apollonowitsch verloren stand, wie vor einem tiefen
Brunnen. Wann und wo war er schon einmal so gestanden? Er suchte sich
dessen zu entsinnen, aber es gelang ihm nicht. Und wieder begann er:
»Eingedenk Ihres im Sommer gemachten Vorschlages«, las er und wollte einen
Punkt entdecken, den er beanstanden konnte; doch er fand keinen.
»Eingedenk Ihres im Sommer gemachten Vorschlages« . . . Er hatte in der Tat
den Vorschlag gemacht, aber er hatte ihn später vergessen; wohl fiel er ihm
nachträglich wieder ein, aber dann folgten die Ereignisse der allerletzten
Zeit, folgte der Domino; verwundert blickte Nikolai Apollonowitsch auf
diese Vergangenheit zurück; er fand sie einfach albern; eine Dame mit
hübschem Gesichtchen füllte sie aus; nichts weiter -- eine Dame, eine Dame,
eine Dame! . . .
»Wir teilen Ihnen mit, daß der Würfel auf Sie fiel«, las Nikolai
Apollonowitsch, als er hinter seinem Rücken Schritte vernahm; er wandte
sich um und ging dem Herannahenden entgegen; er erblickte Hut, Mantel,
Stock, ein kleines Vollbärtchen und eine Nase: das alles ging an ihm
vorbei, ohne ihn zu beachten (er hörte nur die Schritte und das sich
überschlagende Pochen des Herzens).
Er wandte sich wieder dem Brief zu.
»Das nötige Material in Gestalt einer mit Uhrmechanismus versehenen Bombe
ist Ihnen seinerzeit übergeben worden« . . . Es war ihm nichts übergeben
worden, nein, nichts! Es tauchte etwas wie eine Hoffnung in ihm auf, alles
wäre nur -- Spaß . . . Eine Bombe? Nein, er hatte keine Bombe! Ja, ja --
keine!!
* * *
Das Paket?!
* * *
Da erinnerte er sich: das Paket, der verdächtige Besucher, der
septemberliche Tag -- alles, alles. Nikolai Apollonowitsch erinnerte sich
deutlich, wie er das Paket nahm (es war naß) und in seinen Schreibtisch
verbarg.
Und zum erstenmal erfaßte ihn eine unaussprechliche Angst.
Das kleine Männchen, das hinter ihm herging (warte nur, hatte er es nicht
soeben gesehen?), blieb am Zaun, zwei Schritte von ihm entfernt -- eines
natürlichen Bedürfnisses wegen stehen; aber vor dem alten Zaun stehend,
drehte es das Gesicht Ableuchow zu, schnalzte in besonderer Art mit der
Zunge und lächelte kaum merklich:
»Vom Ball sicher?«
»Ja, vom Ball . . .«
»Ich weiß es wohl . . .«
»So--o . . . Und woher denn?«
»Aber unter Ihrem Mantel blickt ein . . . ein Zipfel vom Domino hervor.«
»Na, ja: ein Domino . . .«
»Neulich, da hat er auch herausgesehen . . .«
»Wie, neulich?«
»Ja, neulich, neben dem Kanal . . .«
»Herr!! . . .«
»Aber lassen Sie es nur gut sein: Sie sind ja der Domino?«
»Welcher Domino eigentlich . . .«
»Na, eben -- _derjenige_.«
»Ich verstehe Sie nicht; und überhaupt ist es seltsam, einen unbekannten
Menschen . . .«
»Unbekannt sind Sie durchaus nicht: Sie sind Nikolai Apollonowitsch
Ableuchow, und außerdem sind Sie der _rote Domino_, von dem die Zeitungen
schreiben . . .«
Nikolai Apollonowitsch wurde blaß wie der Tod.
»Hören Sie, hören Sie . . . Glauben Sie mir, das alles sind abscheuliche
Märchen . . .«
Mit seinem natürlichen Bedürfnis fertig geworden, verließ das Männchen den
Zaun, knöpfte seinen Mantel zu, schob familiär die Hand in die Tasche und
zwinkerte vieldeutig:
»Wo wollen Sie hin?«
»Auf die Wassiljewskij-Inseln.«
* * *
»Sie scheinen nicht genau zu wissen, wo Sie hinwollen,« sagte lächelnd das
kleine Herrchen; »dann machen wir doch zusammen einen Abstecher ins
Restaurant.«