Sofja Petrowna Lichutina vergaß das, was war. Ihre Zukunft verlor sich in
der schweren, dunklen Nacht. Das Nicht-mehr-gut-zu-Machende nahte sich ihr,
das Nicht-mehr-gut-zu-Machende erfaßte sie.
Mitsamt einem Stück ihrer nahen Vergangenheit löste sich der gestrige Tag
von ihrem Bewußtsein; Unannehmlichkeiten mit dem Gatten; Unannehmlichkeiten
mit Madame Farnoix: als sie tiefer gehen wollte und das Bewußtsein befragte
-- da löste sich der gestrige Tag los, wie sich ein Stück Erde manchmal
loslöst; er löste sich los und versank in einer dunklen Tiefe. Man hörte
einen Laut, als würden Steine zerschlagen.
Vor ihr erstand ihre Liebe von diesem unglücklichen Sommer; und auch die
Liebe dieses unglücklichen Sommers löste sich wie alles andere und versank
in einem dunklen Abgrund; und wieder hörte man einen Laut, als würden
Steine zerschlagen. Es erstanden vor ihr, um gleich wieder zu versinken,
ihre Gespräche mit Nikolai Ableuchow; es erstanden -- um wieder zu
versinken -- die Jahre ihrer Ehe, ihre Brauttage, ihre Hochzeit: eine Leere
verschlang diese Stücke ihrer Erinnerungen, und es tönten Laute, als
zerschlüge jemand Steine. Ihr ganzes Leben flog an ihr vorbei, und dieses
ganze Leben versank in einer Tiefe; als wäre es nie gewesen; als wäre sie
selbst -- ein noch nicht geborenes Seelenwesen. Hinter ihrem Rücken bereits
begann diese Leere (denn alles war dort versunken und sank in einen dunklen
Grund) und setzte sich in die Ewigkeit fort; und von den Ewigkeiten her
tönte ein Schlag nach dem anderen: dort löste sich ein Stück nach dem
anderen von ihrem Leben und fiel, laut aufschlagend, in einen dunklen
Abgrund . . .
Plötzlich kam Sofja Petrowna zu sich: die Droschke überholend raste ein
Feuerwehrwagen vorbei; ein Helm und eine brennende Fackel blitzten vor ihr
für kurze Augenblicke auf; gleich darauf raste, klappernd und rasselnd, ein
ganzer Feuerwehrzug vorbei.
»Brennt es irgendwo?« wandte sich Sofja Petrowna an den Kutscher.
»Ja, Herrin, wie es scheint, auf den Inseln.«
Das Gefährt hielt nun vor ihrem Hause.
Sofja Petrowna erinnerte sich da an alles: alles stand erschreckend
prosaisch vor ihr. Die Masken erschienen ihr als einfache Spaßmacher;
sicher waren es Bekannte, die auch ihr Haus öfters aufsuchten; der
Traurige, Schlanke war wohl einer von ihren revolutionären Freunden (wie
lieb es von ihm war, sie zur Droschke zu bringen). Geärgert biß sie sich
auf die Lippen: wie konnte sie so ungeschickt _ihn_ mit ihrem Gatten
verwechseln? Und ihm sinnlose Bekenntnisse ins Ohr flüstern über irgendeine
Schuld? Jetzt wird dieser unbekannte Bekannte allen Leuten den Unsinn
überbringen, wird die Meinung verbreiten, sie fürchte sich vor ihrem Manne.
Und dieser Klatsch läuft dann durch die ganze Stadt . . . Nein, Ssergeij
Ssergeijewitsch, Sie werden mir gleich für diese unnötige Schmach bezahlen!
. . .
Zornerfüllt stieß sie mit dem Füßchen gegen die Eingangstür; die Tür
klappte mit lautem Krachen hinter ihrem Rücken zu. Finsternis umfing sie,
das Unaussprechliche erfaßte sie wieder für einen Augenblick (so mußte es
wohl im ersten Augenblick nach dem Tode sein). Aber Sofja Petrowna dachte
nicht an den Tod, im Gegenteil, sie dachte an so einfache Dinge. Sie dachte
daran, wie sie Mawruscha gleich befehlen würde, den Samowar aufzutragen,
wie sie inzwischen ihrem Manne eine ordentliche Predigt halten würde (auf
so was verstand sie sich: vier Stunden konnte sie es, ohne Aufatmen,
fortsetzen), und wenn Mawruscha den Tee fertig serviert hatte -- dann würde
sie sich mit ihrem Manne versöhnen.
Sofja Petrowna klingelte. Gleich mußte sie den eiligen Schritt Mawruschas
hinter der Tür vernehmen; aber sie hörte diesen eiligen Schritt nicht.
Sofja Petrowna fühlte sich beleidigt und klingelte zum zweitenmal.
Mawruscha schläft natürlich; Sofja Petrowna braucht nur aus dem Hause zu
gehen, da wirft sich die dumme Gans sofort ins Bett . . . Aber auch der
Gatte, Ssergeij Ssergeijewitsch ist großartig: er wartete natürlich seit
Stunden voll Ungeduld auf ihr Kommen, hörte das Läuten und merkte, daß die
Bediente schlief. Und doch rührte er sich nicht! Der Herr ist beleidigt!
Na, warte nur!
Du bleibst ohne Versöhnung und ohne Tee! . . .
Sofja Petrowna begann heftig zu läuten, einmal nach dem anderen, die Glocke
prasselte nur so . . . Nichts, niemand! Sie neigte sich mit dem Ohr gegen
das Schlüsselloch; und wie sie ihr Ohr lauschend am Schlüsselloch hatte,
hörte sie hinter der Tür (in einem Werschok Entfernung) ganz deutlich: ein
keuchendes Atmen und ein Reiben von Zündhölzern an der Schachtel: Herrgott
Jesus Christus, wer mochte dort keuchen? Sofja Petrowna trat etwas zurück.
Mawruscha? Nein, sie war es nicht. Ssergeij Ssergeijewitsch? Ja, er war es.
Aber warum schwieg er? Warum machte er nicht auf? Warum stand er hinter der
Tür und keuchte?
Böses ahnend begann Sofja Petrowna, verzweifelt, an die filzbeschlagene Tür
zu hämmern; Böses ahnend rief Sofja Petrowna:
»So macht doch auf!«
Hinter der Tür fuhr jemand fort keuchend zu atmen, regelmäßig und hastig:
»Ssergeij Ssergeijewitsch, lassen Sie es doch! . . .«
Schweigen.
»Sind Sie es? Was haben Sie?«
Ta -- ta -- ta -- etwas wälzte sich von der Tür.
»Was ist denn los? Herrgott, ich fürchte mich, ich fürchte mich . . .
Machen Sie doch auf, Liebling!«
Etwas heulte auf hinter der Tür und lief eilig in die inneren Zimmer; man
hörte ein Rumoren, Stühle wurden geschoben; Sofja Petrowna glaubte die
Lampe im Salon klimpern zu hören, dann wurde wieder ein Tisch geschoben.
Einen Augenblick lang war dann alles ruhig.
Aber dann plötzlich hörte man ein furchtbares Krachen; wie wenn die Decke
eingestürzt wäre und der Schutt nach unten fiele; unter den verschiedenen
Tönen vernahm Sofja Petrownas Ohr mit Schrecken: das schwere Niederfallen
eines menschlichen Körpers.