Der weiße Domino

Es war höchste Zeit, das Haus zu verlassen. Einsam und aufgeregt schlich

sich Sofja Petrowna durch die fast leeren Säle. Plötzlich erblickte sie in

der Ferne einen weißen Domino, der jetzt gerade aufgetaucht zu sein schien,

und:

jemand, traurig und schlank, jemand, den sie unzählige

Male gesehen zu haben glaubte, auch vor kurzem,

auch heute -- jemand, traurig und schlank, ganz

in weißen Atlas gehüllt, schritt ihr durch die leeren

Säle entgegen; durch die Ausschnitte der Maske ergoß

sich auf sie das helle Licht seiner Augen; es schien ihr,

als strahlte trauriges Licht von seiner Gestalt, von

seinen knöchernen Fingern . . .

Und vertrauensvoll rief Sofja Petrowna dem lieben Domino zu:

»Ssergeij Ssergeijewitsch! . . . Ssergeij Ssergeijewitsch!«

Kein Zweifel, es war Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin; er hatte den

gestrigen Auftritt bereut; er kam -- um sie abzuholen.

Sofja Petrowna rief noch einmal dem lieben Domino zu -- dem Schlanken,

Traurigen:

»Sie sind es doch? Sie?«

Doch der Schlanke, Traurige schüttelte langsam den Kopf und legte die

Finger an den Mund, wie zum Schweigen auffordernd.

Vertrauensvoll streckte sie dem Kostümierten ihre Hand entgegen: wie

schimmerte doch der weiße Atlas, wie war er kühl! Ihr himmelblauer Arm

legte sich, willenlos, auf den weißen des Dominos.

Nie hatte sie Ssergeij Ssergeijewitsch so glänzend gesehen, während sie

flüsternd bat:

»Sie haben mir verziehen?«

Durch die Maske kam ein Seufzer als Antwort.

»Wir werden uns jetzt versöhnen?«

Aber der Schlanke, Traurige schüttelte langsam den Kopf.

»Warum schweigen Sie?«

Aber der Schlanke, Traurige, legte wieder den Finger an den Mund.

»Sind Sie es, Ssergeij Ssergeijewitsch?«

Aber der Schlanke, Traurige befahl ihr zu schweigen.

Sie traten bereits ins Vorzimmer hinaus; das Unaussprechliche umgab sie,

Unaussprechliches stand zwischen ihnen; Sofja Petrowna nahm ihre Maske ab

und versank im liebkosenden Pelz; der Schlanke, Traurige zog seinen

Wintermantel an, nahm aber die Maske nicht ab. Verwundert sah sie auf ihn:

ihm wurde kein Offiziersmantel gereicht, sondern ein schäbiges Mäntelchen,

aus dessen Ärmeln die schmalen Hände seltsam hervortraten, sie an Lilien

erinnernd. Unter den verwunderten Blicken der Diener schmiegte sie sich

nahe an ihn; das Unaussprechliche umgab sie, das Unaussprechliche stand

zwischen ihnen.

Aber auf der Schwelle schüttelte der Schlanke, Traurige mit dem Kopfe und

befahl ihr zu schweigen.

Der Himmel war schon gestern gegen Abend ganz schmutzig gewesen; über Nacht

ließ sich der Schmutz auf die Erde nieder; und der Nebel und alles

verwandelte sich dann in schwärzliche Dunkelheit, aus der schreiend grell

die braunroten Flecken der Laternen hervorstachen. Sofja Petrowna sah vor

sich die unklaren Abrisse der langen Gestalt, und flehend bat sie ihn:

»Ich möchte eine Droschke.«

Die lange Gestalt ihres unbekannten Begleiters, eine abgetragene Mütze über

den Kopf gestülpt, schwenkte den Arm gegen den Nebel, eine Droschke kam

langsam näher.

Sofja Petrowna verstand nun alles; die traurige Erscheinung hatte eine

wundervolle, kosende Stimme -- eine Stimme, die sie unzählige Male gehört;

erst vor kurzem, erst heute; ja, heute: im Traum; und sie hatte sie

vergessen, wie sie vergessen hatte -- den Traum selbst . . .

Er hatte eine wundervolle, kosende Stimme, aber . . . kein Zweifel; es war

nicht die Stimme Ssergeij Ssergeijewitschs. Sie aber hatte gehofft, sie

aber hatte gewünscht, dieser herrliche, freundliche, ihr fremde Mensch,

wäre ihr Gatte gewesen. Aber ihr Gatte war nicht gekommen, hatte sie nicht

aus der Hölle geholt; ein Fremder hatte es getan.

Wer mochte er sein? Wer?

Die unbekannte Gestalt erhob mehrmals die Stimme: die Stimme wuchs, wuchs

und wuchs, und es schien, als wachse jemand riesengroß unter der Maske.

»Wer sind Sie doch?«

»Ihr alle verleugnet mich; ich aber folge euch allen. Ihr verleugnet mich,

um dann nach mir zu rufen . . .«

Die lichte Erscheinung half ihr in die Droschke; als sie ihm aber flehend

die zitternden Hände entgegenstreckte, legte er wieder den Finger auf die

Lippen und befahl ihr zu schweigen.

Der Wagen bewegte sich bereits: o, wäre er doch stehengeblieben! Oder wäre

er doch, o, zurückgekehrt -- zu jener Stelle, wo soeben noch der Schlanke,

Traurige stand, wo jetzt aber niemand war und nur eine Laterne mit ihrem

grellen, trüben Auge in die Nacht blinkte.

Petersburg · 第 54 / 112 题