Nachdem sie den Brief übergeben hatte, schlich sich Sofja Petrowna von
ihrem Kavalier fort, kraftlos ließ sie sich auf ein weiches Taburett
nieder; ihre Arme und Beine versagten den Dienst.
Was hatte sie gemacht?
Sie sah, wie der rote Domino aus dem Tanzsaal in das Nebenzimmer lief, wie
er dort in einer Ecke das Briefchen entfaltete; um die kleine Schrift
besser zu lesen, schob er seine Maske auf die Stirn; die Spitzen des Bartes
legten sich wie schwarze, flatternde Flügel auf beide Seiten des Kopfes;
aus den flatternden Flügeln aber blickte ein wächsernes, unbewegliches
Gesicht mit vorstehenden Lippen; die Hand bebte, und auch der Brief, den
die Finger hielten, zitterte; kalter Schweiß perlte auf seiner Stirn.
Der rote Domino sah nicht Madame Pompadour, die ihn aus der Ecke
beobachtete; er ging vollends im Lesen des Briefes auf; da trat plötzlich
jemand herein; der Domino verbarg mit nervöser Bewegung das Billett in den
Atlasfalten; die Maske aber vergaß er herunterzuziehen. Und so stand er da,
mit auf die Stirn geschobener Larve, halboffenem Munde und nichtssehendem
Blick.
Vom Tanzen erhitzt, lief ein kleines Mädchen, Kühlung suchend, herein; sie
stieß beinahe in der Tür den liberalen Leiter der Kreisverwaltung um, eilte
dann zum Spiegel, richtete das Bändchen im Haar, schnürte das weiße,
seidene Schuhchen fester und begann mit ihrer Freundin Heimliches zu
flüstern.
Umsehend gewahrte sie den roten Domino mit offenem Gesicht und rief:
»Sie sind es also? Guten Abend, Nikolai Apollonowitsch. Wer hätte es nur
gedacht!«
Sofja Petrowna sah, wie schmerzhaft Nikolai Apollonowitsch dem Mädchen
zulächelte; dann verließ er mit scharfem Ruck seinen Platz und ging eilig
in den Saal.
An herumstehenden Masken; und tanzenden Paaren vorbei rannte Nikolai
Apollonowitsch mit zitternden Beinen immer weiter, und hinter ihm her
rauschte der karminrote Atlas, bei dessen Anblick man unwillkürlich an Blut
denken mußte.
Diese Flucht des roten Dominos mit nach oben geschobener Maske, unter der
das Gesicht Nikolai Apollonowitschs zu sehen war, gestaltete sich zu einem
wahren Skandal; die Tanzenden verließen ihre Plätze, die Damen sahen ihm
mit weit aufgerissenen Augen nach. Der Leibhusar Sporyschow ergriff den
laufenden Ableuchow an der Hand und fragte flehend: »Um Gottes willen,
Nikolai Apollonowitsch, was ist geschehen?« -- Doch wie ein gehetztes Tier
sah ihn dieser mit wahnsinnigem Gesichtsausdruck an, versuchte zu lächeln,
ohne daß daraus ein Lächeln wurde, und stürzte, sich losreißend, weiter.
Dieser Zwischenfall im Tanzsaal lenkte auch die Aufmerksamkeit des Salons
auf sich; die schwerfälligen Salonbesucher drängten sich, beschienen vom
bläulichen Lichte, in die Tür, neugierige Blicke in den Tanzsaal richtend.
Aus dieser Gruppe hob sich des Senators kleine, vertrocknete Gestalt mit
wie aus papiermachébleichem Gesicht, mit festeingezogenen Lippen und
grünlichen, abstehenden Ohren: genau so war er kürzlich auf dem Titelblatt
eines humoristischen Straßenblättchens dargestellt gewesen.
Wie aber wenn . . .?
Sofja Petrowna Lichutina blieb mitten im Saale stehen.
Erst jetzt wurde ihr ihre furchtbare Rache klar; erst jetzt verstand sie
deutlich den Inhalt des Briefchens: begriff, daß der Brief Nikolai
Apollonowitsch aufforderte, die mit einem Uhrmechanismus versehene Bombe,
die sich angeblich in seinem Schreibtisch befand, gegen -- dies war kaum
mißzuverstehen -- gegen _den Senator_ zu werfen (denn Apollon
Apollonowitsch wurde allgemein _der Senator_ genannt).
Sofja Petrowna stand verloren mit leicht zur Seite geneigter Taille unter
den Masken und bemühte sich, das Ganze zu begreifen; gewiß, es war ein
boshafter und gemeiner Scherz von jemand, und von ihrer Seite die Lust, ihn
durch diesen Scherz zu erschrecken: er war ja doch . . . der schuftige
Feigling. Wie aber, wenn . . . Nikolai Apollonowitsch wirklich in seinem
Tische einen so furchtbaren Gegenstand liegen hat? Und wenn man das
erfährt? Und ihn jetzt gleich festnehmen wird? . . . Verloren stand Sofja
Petrowna unter den Masken, mit himmelblauer Taille und silbergrauen,
üppigen Locken.
Überall hörte man ein Flüstern, ein Murmeln.
»Nein, haben Sie es gesehen? Verstehen Sie es? Was?«
»Ich habe es immer gesagt, ma chère: sein Sohn wird ein Schuft. Und auch
Tante Lise und Mimi und Niklas -- sie alle sagten es ebenfalls.«
»Arme Anna Petrowna: ich verstehe sie! . . .«
»Ach, wir verstehen sie alle.«
»Da kommt er selbst, da kommt er . . .«
»Er hat schreckliche Ohren . . .«
»Es heißt, er wird Minister . . .«
»Er wird das Land zugrunde richten . . .«
»Man muß es ihm sagen . . .«
* * *
Wie aber, wenn . . . wenn Nikolai Apollonowitsch in seinem Schreibtisch
eine Bombe liegen hat? Das kann ja bekannt werden; er kann ja auch selbst
einmal gegen den Tisch stoßen . . . Abends sitzt er vielleicht an diesem
Tische vor einem Buche. Eine Bombe -- das ist etwas Rundes, was nicht
berührt werden darf. Sofja Petrowna fuhr zusammen. Einen Augenblick lang
sah sie deutlich Nikolai Apollonowitsch vor sich, wie er bei ihr, sich die
Hände reibend, vor dem Teetisch sitzt; auf dem Tisch steht das Grammophon
und schleudert gegen sie leidenschaftliche, italienische Liebeslieder; ach,
warum mußten sie sich zanken! Wozu die alberne Geschichte mit dem Brief,
dem Domino und alles andere? . . .
Wie aber, wenn . . . der Brief kein Scherz war, wenn er . . . wirklich
verurteilt ist . . . Nein, nein, nein! Solche Schrecknisse gibt es nicht in
der Welt; nicht einmal unter Tieren fänden sich solche, die einen
wahnsinnigen Sohn zwingen würden, gegen den Vater die Hand zu erheben. Das
waren Albernheiten der Freunde. Wie dumm war sie doch -- vor einem
einfachen Spaß zu erschrecken! Aber: auch ihn erschreckte der Scherz der
Freunde; er war doch ganz einfach ein Feigling: auch damals, am Kanal, lief
er nicht vor dem Signal des Polizisten davon?
Er benahm sich damals nicht wie ein Held: er rutschte aus, fiel hin, und so
prosaisch lugte unter dem Atlas die gewöhnliche, graue Hose hervor . . .
Und auch jetzt: er lachte nicht über den naiven Scherz der revolutionären
Freunde, er erkannte die Überbringerin nicht; er rannte durch den Saal ohne
Maske, machte sich zum Lachobjekt aller Herren und Damen. Nein, Ssergeij
Ssergeijewitsch mußte diesem Feigling eine Lektion erteilen! Ssergeij
Ssergeijewitsch muß den Feigling herausfordern . . .
Der Leutnant! . . . Ssergeij Ssergeijewitsch! Der Leutnant Ssergeij
Ssergeijewitsch führte sich seit dem gestrigen Abend in unanständigster
Weise auf; er brummte sich etwas in den Bart und ballte die Faust; er wagte
es, in bloßer Unterhose zu ihr ins Schlafzimmer zu treten, und wagte es
dann, hinter ihrer Wand bis zum frühen Morgen auf und ab zu schreiten.
Undeutlich fiel ihr das gestrige wahnsinnige Schreien, fielen ihr die
blutangelaufenen Augen ein, die auf den Tisch donnernde Faust: ist Ssergeij
Ssergeijewitsch am Ende vom Wahnsinn befallen worden? Er schien ihr schon
seit langem verdächtig: verdächtig schien ihr seine Schweigsamkeit in den
letzten drei Monaten; verdächtig schien ihr dieser dienstliche Eifer. Ach,
sie war so einsam und arm: und jetzt brauchte sie so sehr eine feste
Stütze; wie wünschte sie, ihr Mann, Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin,
hätte sie wie ein Kind in seine Arme genommen und von hier weggetragen
. . .
Sofja Petrowna fuhr zusammen, da sie sich der Geste erinnerte, mit der er
ihr gestern den Abendmantel gereicht und die Tür devot geöffnet hatte. Wie
mochte er hinter ihrem Rücken dann gestanden haben! Wie verächtlich aber
hatte sie ihm ins Gesicht gelacht, und wie sie dann mit leicht gerafftem
Panierrock knicksend an ihm vorbeigegangen war (ach, warum hatte sie nicht
auch bei der Übergabe des Briefes vor Nikolai Apollonowitsch einen Knicks
gemacht: das Knicksen stand ihr doch sehr gut!), wie sie sich dann in der
Tür umgedreht und dem Offizier eine lange Nase gemacht hatte! Und jetzt:
sie ängstigte sich doch ein bißchen, nach Hause zurückzukehren . . .
Geärgert stampfte sie mit dem Füßchen.
»Na, warte, du sollst es schon sehen!«
Und doch war es ihr ängstlich zumute, nach Hause zurückzukehren.
Aber noch ängstlicher, hier noch länger zu verweilen; denn schon waren die
meisten der Gäste fort, der gutmütige Wirt trat, ein wenig niedergedrückt,
bald zu dem einen, bald zu dem anderen der übriggebliebenen Gäste und
erzählte irgendeine Anekdote; dann sah er sich verwaist in dem immer leerer
werdenden Saale um, sah die kleine Schar der noch anwesenden Harlekine und
Narren, und sein Blick bat unverhohlen, den Rest der Fröhlichkeit doch nun
aufzugeben.