Sofja Petrowna lief gekränkt auf die andere Seite; gekränkt vergoß sie
Tränen in ihren Muff; an das schreckliche, für sie ewig schmachvolle
Geschehnis konnte sie nicht denken. Hätte Nikolai Apollonowitsch sie nur in
anderer Weise beleidigt, hätte er sie lieber geschlagen, hätte er sich in
seinem roten Domino übers Geländer gestürzt -- sie würde ihr ganzes
weiteres Leben mit grausigem Beben an ihn gedacht haben. Jetzt aber Rache,
Rache!
Wie ein Sturm lief Sofja Petrowna in ihre Wohnung. Im hellen Vorzimmer hing
ein Offiziersmantel mit Kappe: ihr Mann war also zu Hause. Ohne abzulegen,
flog Sofja Petrowna ins Zimmer des Gatten; sie riß mit derber, prosaischer
Geste die Tür auf, flog hinein: mit zerzauster Boa, weichem Muff und
flammendem, flammendem Gesichtchen, das so unschön geschwollen war: flog
hinein und blieb stehen.
Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin schien sich zum Schlafengehen
fertigzumachen; seine graue Joppe hing bescheiden auf dem Kleiderstock, er
selbst aber in schneeweißem Hemd und Hosenträgern -- lag auf den Knien,
einer regungslosen, wie gebrochenen Silhouette gleich; er hatte ein matt
glänzendes Heiligenbild vor sich, mit knisterndem Öllämpchen davor. Blaß
zeichnete sich im Halbdunkel des Öllämpchens das Gesicht des Offiziers mit
spitzem, blau erscheinendem Bärtchen und der zur Stirn gehobenen, blauen
Hand; Hand, Gesicht, Bart und weiße Brust schienen wie geschnitzt aus
festem, duftendem Holz; kaum merkbar bewegte Ssergeij Ssergeijewitsch die
Lippen, kaum merkbar neigte er seine Stirn gegen das blaue Lichtchen, und
kaum merkbar rührten sich die aneinandergepreßten blauen Finger an der
Stirn, das Kreuz schlagend.
Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin drückte erst die bläulichen Finger auf
die Brust und auf beide Schultern, verneigte und wandte sich dann wie gegen
seinen Willen um. Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin erschrak nicht, wurde
nicht verlegen; sich vom Fußboden erhebend begann er gewissenhaft
hängengebliebene Stäubchen von den Knien zu entfernen. Nach dieser etwas
langsam vollführten Handlung fragte er ruhig:
»Was hast du, Ssonjuschka?«
Die gleichmütige Ruhe des Gatten reizte und beleidigte sogar Sofja
Petrowna, ebenso wie das blaue Lichtchen dort in der Ecke. Mit einem
scharfen Ruck fiel sie auf einen Stuhl, ihr Gesicht mit dem Muff deckend,
und begann laut zu weinen.
»Aber Sonja . . . Nun beruhige dich doch . . . Beruhige dich doch, mein
Kind! Kindchen, Kindchen! . . .«
»Lassen Sie mich, lassen Sie mich! . . .«
»Was ist geschehen? Sag'! . . . Wir wollen uns beide ruhig darüber
beraten.«
»Nein, lassen Sie mich, lassen Sie mich! . . . Nichts . . . lassen Sie
mich! Sie scheinen kaltes . . . aaaa . . . Fischblut zu haben . . .«
Verletzt trat Ssergeij Ssergeijewitsch beiseite, blieb einen Augenblick
unschlüssig stehen und ließ sich dann ebenfalls in einen Sessel nieder.
»Aaaa . . . Seine Frau so im Stich zu lassen! . . . Er verwaltet irgendwo
dort den Proviant! . . . Geht fort! . . . Weiß nichts! . . .«
»Es ist nicht richtig, Ssonjuschka, wenn du glaubst, ich wüßte gar nichts
. . . Sieh mal . . .«
* * *
»Sieh mal, Liebling: seit der Zeit, wo ich . . . in dieses Zimmer
übersiedelte . . . Kurz, auch ich habe mein Selbstgefühl; dich aber will
ich in deiner Freiheit, das mußt du wissen, nicht stören . . . Noch mehr:
ich kann dich in deiner Freiheit nicht stören: ich verstehe dich; ich weiß,
Liebling, sehr gut, daß es dir nicht leicht ist . . . Ich lebe,
Ssonjuschka, in einer Hoffnung: vielleicht wird einmal wieder . . . Na,
nicht, nicht! Aber verstehe mich auch: meine Fremdheit, meine, wie soll ich
es nennen, Gleichgültigkeit kommt keinesfalls von Kälte . . . Nein, nicht,
nicht! . . .«
* * *
»Du möchtest vielleicht Nikolai Apollonowitsch Ableuchow sehen? Es ist
etwas zwischen euch vorgefallen, wie mir scheint! Erzähl' mit doch alles:
erzähle alles, ohne etwas zu verheimlichen: wir wollen dann beide über
deine Situation nachdenken.«
»Sie dürfen nicht von ihm sprechen! . . . Er ist ein Schuft, ein Schuft.
Ein anderer Mann würde ihn längst erschossen haben . . . Ihre Frau wird
verfolgt, verhöhnt . . . Und Sie? . . . Nein, lassen Sie mich.«
Und verworren, erregt, mit auf die Brust gesenktem Köpfchen erzählte sie
alles, alles.
Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin war ein einfacher Mensch. Einfache
Menschen sind aber von einer unverständlichen, sinnlosen Tat mehr
überrascht als von einer Gemeinheit, als von Mord und tierischer Bluttat.
Ein Mensch kann Verrat, Verbrechen und Schmach menschlich verstehen.
Verstehen aber heißt ja beinahe -- rechtfertigen; wie ist es aber zu
begreifen, wenn ein Mann aus guten Gesellschaftskreisen und, wie man
annehmen konnte, ein durchaus ehrlicher Mensch, auf den absurden, sinnlosen
Gedanken kommt, sich an der Schwelle eines Salons auf alle viere
hinzustellen und die Falten seines Fracks in der Luft zu bewegen? Dies
wäre, wie ich aussprechen muß, eine völlige Schufterei! Die
Unbegreiflichkeit, die Zwecklosigkeit einer solchen schuftigen
Handlungsweise kann keine Rechtfertigung finden, ebensowenig wie eine
Gotteslästerung, Kirchenschändung oder ähnliche sinnlose Bosheiten. Nein,
mag ein ehrlicher Mensch lieber straflos Staatsgelder veruntreuen, als sich
auf alle viere stellen, denn durch eine Handlung wie die letztere wird
alles geschändet.
Zornerfüllt stellte sich Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin deutlich vor,
wie der Harlekindomino im unbeleuchteten Stiegenhaus ausgesehen habe und
. . . Ssergeij Ssergeijewitsch begann zu erröten, bis er purpurn wurde: das
Blut stieg ihm zu Kopfe. Er hatte ja schon als Kind mit Nikolai Ableuchow
gespielt; später bewunderte er oft seine philosophischen Fähigkeiten;
edelmütig erlaubte er Nikolai Apollonowitsch, sich zwischen ihn und seine
Gattin zu stellen, weil er ihn für einen Mann aus guter Gesellschaft, für
einen ehrlichen Mann hielt, und nun . . . zornerfüllt stellte sich Ssergeij
Ssergeijewitsch den grimassierenden roten Domino im unbeleuchteten
Stiegenhaus vor. Er erhob sich und begann erregt durchs winzige Zimmer zu
schreiten; er ballte die Hand zu einer Faust und schwang sie bei den
scharfen Kurven wuterfüllt in die Luft; wenn Ssergeij Ssergeijewitsch außer
sich war (und das war zwei-, dreimal in seinem Leben geschehen), kam diese
Geste immer wieder zum Vorschein; Sofja Petrowna verstand wohl diese Geste;
sie fürchtete sich ein wenig: sie fürchtete sich immer -- nicht vor der
Geste, doch vor dem Schweigen, das die Geste ausdrückte.
»Was . . . was haben Sie?«
»Nichts . . . nichts weiter.«
Und Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin schritt durch das winzige Zimmer auf
und ab, die Hand zu einer Faust geballt.
Der rote Domino! . . . Ekel, Ekel, Ekel! Dort stand er hinter der
Eingangstür -- ha?! . . .
Leutnant Lichutin empfand Ekel und Grauen . . . Seinen Brief unbeachtet
lassen, ihn, den Offizier, durch eine harlekinische Missetat zu entehren,
durch eine giftige Grimasse seine geliebte Frau zu beleidigen!!! . . .
Ssergeij Ssergeijewitsch gab sich das ehrliche Offizierswort, diese
Schlange zu zertreten, zu zertreten; nach diesem Entschluß fuhr er fort,
auf und ab durchs Zimmer zu spazieren, mit krebsrotem Gesicht, die Hände zu
Fäusten geballt, den muskulösen Arm bei den scharfen Kurven in der Luft
schwingend; selbst Sofja Petrowna war ängstlich geworden: ebenfalls rot,
mit halb offenen Lippen, die ungetrockneten Tränen an den Wangen, verfolgte
sie aufmerksam die Bewegungen ihres Gatten.
»Was haben Sie?«
Rauh klang jetzt die Stimme Ssergeij Ssergeijewitschs. In ihr lag jetzt
Drohung und unterdrückte Wut.
»Nichts . . . nur so . . .«
Aufrichtig gesagt, Ssergeij Ssergeijewitsch empfand in diesem Augenblick
auch gegen seine geliebte Frau so etwas wie Ekel, als wäre auch sie an der
schmachvollen harlekinischen Tat des roten Dominos beteiligt.
»Geh in dein Zimmer: leg' dich schlafen . . . überlaß alles mir.«
Und Sofja Petrowna Lichutina erhob sich folgsam und suchte leise ihr Zimmer
auf.
Allein geblieben, spazierte Ssergeij Ssergeijewitsch noch lange auf und ab
und hüstelte. Von Zeit zu Zeit schwang er die eichene Faust über ein
Tischchen, und es schien, als müßte es in Stücke zerfallen.
Doch die Faust löste sich.
Endlich begann er sich rasch auszuziehen; dann kroch er unter seine Decke;
doch einen Augenblick später flog die Decke auf den Boden; Ssergeij
Ssergeijewitsch setzte sich auf, starrte in die Dunkelheit und sagte
vernehmlich flüsternd:
»Ah, Ah! Was sagen Sie dazu. Ich erschieße ihn wie einen Hund . . .«
Da ertönte hinter der Wand ein weinerliches, lautes Stimmchen.
»Was haben Sie?«
* * *
»Nichts . . . nur so . . .«
Ssergeij Ssergeijewitsch stieg wieder in sein Bett, zog die Decke über den
Kopf und seufzte, flüsterte, drohte . . .
* * *
Sofja Petrowna rief nicht nach dem Mädchen. Sie entkleidete sich selbst und
stand bald ganz in Weiß unter einer Fontäne von Kleidungsstücken, die sie
in drei, vier Minuten um sich zu bilden verstand; dann warf sie sich ins
Bett; jetzt saß sie, die Beine übereinandergeschlagen, das erboste
Gesichtchen mit den vorstehenden Lippen und dem deutlich gezeichneten
Schnurrbärtchen auf beide Arme gestützt.
Sofja Petrowna horchte auf die Laute hinter der Wand, dann horchte sie auf
das Klavierspiel, das heute wie allabendlich über ihrem Kopfe tönte; dort
wurde die Melodie einer Masurka gespielt; nach ihr hatte sie schon als
zweijähriges Kind lachend mit ihrer Mutter getanzt. Durch die alten,
ahnungslosen Töne legte sich Sofja Petrownas Zorn, verwandelte sich in
Müdigkeit, in Apathie; sie begann sich über den Mann zu ärgern, in dem sie
selbst die Eifersucht, wie sie es nannte, gegen den _Andern_ geweckt hatte.
Sofja Petrowna sah plötzlich ein, daß ihr Mann mit dem ganzen Vorfall
nichts zu tun hatte; dieser Vorfall sollte ein Geheimnis zwischen ihr und
dem _Andern_ bleiben. Die Hinzuziehung des Gatten gestaltete die
Angelegenheit in eine für sie beleidigende Form: Ssergeij Ssergeijewitsch
würde aus diesem Geschehnis sicher ganz unzutreffende Schlüsse ziehen; vor
allem würde er das Ganze keinesfalls verstehen: weder ihre süß-bangenden
Gefühle noch die Verkleidungskomödie des Andern. Sofja Petrowna horchte auf
die Töne der alten Masurka und auf das peinliche Geräusch hinter der Wand;
aus der Fülle der schwarzen Haare blickte geängstigt das perlenfarbige
Gesichtchen mit den dunkelblauen, jetzt matt schimmernden Augen.
Plötzlich fiel ihr Blick auf ihren Toilettenspiegel; dort lag der Brief,
den sie _ihm_ auf dem Ball übergeben sollte (sie hatte diesen Brief ganz
vergessen). Im ersten Augenblick beschloß Sofja Petrowna, das Schreiben am
nächsten Tag an Warwara Ewgrafowna zurückzusenden. Wie durfte man es wagen,
sie mit Aufträgen an ihn zu belästigen! Sie würde ihn ohne Zweifel
zurückschicken, wenn sich nicht ihr Mann in die Angelegenheit gemischt
hätte (wenn er doch endlich einschlafen würde!); jetzt ärgerte sie sich
über die Einmengung anderer, während sich in ihr ein Gefühl des Protestes
erhob: schließlich war es _ihre_ persönliche Angelegenheit, und sie hatte
auch das vollständige Recht, den Brief zu öffnen, um den Inhalt zu
erfahren; wie wagte er es überhaupt, Geheimnisse vor ihr zu haben?). Mit
einem Sätze war Sofja Petrowna am Tischchen; doch kaum hatte sie den Brief
in Händen, als sie ein wütendes Flüstern hinter der Wand vernahm.
»Was haben Sie?«
Hinter der Wand antwortete man ihr:
»Nichts . . . nur so . . .«
Das Bett krachte, dann wurde alles still. Mit zitternder Hand brach Sofja
Petrowna das Kuvert auf . . . und je weiter sie las, um so größer wurden
ihre Augen. Der matte Ausdruck verschwand aus ihnen und verwandelte sich in
schimmernden Glanz: das blasse Gesichtchen bekam erst das Rosa der
Apfelblätter, dann wurde es rosarot und schließlich, als sie mit dem Lesen
fertig war -- einfach purpurn.
Jetzt war Nikolai Apollonowitsch ganz in ihrer Hand; sie erbebte bei der
Vorstellung an den furchtbaren Schlag, den sie ihm jetzt für ihre
zweimonatige Qual versetzen konnte; von diesen, ihren Händchen würde er
diesen Schlag bekommen. Er hatte sie durch eine dumme Maskerade erschrecken
wollen; doch dieselbe mißlang ihm und wurde zu einer Reihe von
Blödigkeiten; nun sollte er jetzt das sühnen, was er in ihr hervorgerufen
hatte! Ja, ja, ja: sie würde sich rächen durch die einfache Übergabe des
geöffneten Briefes von so furchtbarem Inhalt. Einen Augenblick lang empfand
sie Schwindel vor dem Weg, den sie, verleitet durch den roten Domino,
betrat. Doch mag es geschehen: mag es der blutige Weg für den blutigen
Domino werden!
Die Tür knarrte: Sofja Petrowna hatte kaum Zeit, den Brief zu verbergen,
als sich auf der Schwelle ihr Gatte zeigte; er war ganz in Weiß: in weißem
Hemd und Unterhose. Das Erscheinen eines ihr völlig fremden Menschen in so
ungenierter Weise versetzte sie in Wut.
»Sie hätten sich doch wenigstens anziehen sollen.«
Ssergeij Ssergeijewitsch wurde verlegen und trat rasch aus dem Zimmer,
einen Augenblick später aber erschien er wieder, mit einem Schlafrock
bekleidet. Einfach, doch mit unangenehmer, bei ihm ungewohnten Schärfe
sagte er ihr:
»Sophie . . . Sie müssen mir versprechen, ich bitte Sie sehr darum, morgen
nicht zu den Zukatows zum Ball zu gehen . . .«
Schweigen.
»Ich hoffe, Sie versprechen mir das; die Vernunft wird es Ihnen selbst
sagen: ersparen Sie mir weitere Erklärungen.«
Schweigen.
»Ich möchte, daß Sie selbst die Unmöglichkeit einsehen, nach dem
Vorgefallenen diesen Ball zu besuchen.«
Schweigen.
»Wenigstens gab ich selbst für Sie das Offizierswort, daß Sie nicht auf dem
Ball sein werden.«
Schweigen.
»Ich werde sonst genötigt, es Ihnen einfach zu verbieten.«
»Ich werde auf dem Ball sein . . .«
»Nein, Sie werden nicht dort sein!!«
Sofja Petrowna war überrascht von der hölzernen Stimme, mit der er es
sagte.
»Nein, ich werde dort sein . . .«
Es entstand eine drückende Stille; man hörte nur ein seltsames Röcheln in
der Brust des Offiziers. Er griff sich nervös an den Hals und bewegte den
Kopf, wie bemüht, eine schwere Entscheidung abzuschütteln; mit
übermenschlicher Kraft unterdrückte er einen drohenden Ausbruch; er ließ
sich still auf einen Stuhl nieder und blieb stockgerade sitzen; mit
unnatürlich leiser Stimme begann er:
»Sehen Sie: ich habe Sie nicht mit Fragen belästigt. Sie selbst haben mich
zum Zeugen des Vorgefallenen gemacht.«
Ssergeij Ssergeijewitsch konnte das Wort »roter Domino« nicht aussprechen;
instinktiv fühlte er sich vor einem Lasterabgrund, dem seine Frau, auf
abschüssigem Wege, entgegenrannte; wo in diesem sinnlosen Treiben das
Lasterhafte lag, konnte sich Ssergeij Ssergeijewitsch nicht sagen, doch er
fühlte, daß es sich hier nicht um einen einfachen Roman, nicht um Untreue,
selbst nicht um einen Fall handelte. Nein, nein, nein; hier schwebte über
dem Ganzen das Aroma satanischer Erzesse, die wie Blausäure für immer die
Seele seiner Frau zu vergiften drohten, er wußte: wird seine Frau morgen
bei Zukatows erscheinen, wird sie dort den ekelhaften Domino sehen, dann
ist alles verloren: die Ehre der Frau, seine Ehre als Offizier, alles.
»Sehen Sie, nach all dem, was Sie mir sagten, muß es Ihnen klar sein, daß
Sie sich mit ihm nicht treffen dürfen, daß dies eine Schande, eine Schande
wäre; endlich gab ich das Wort, daß Sie nicht hingehen würden. Haben Sie
Erbarmen mit sich, Sophie, mit mir und auch . . . mit ihm, denn sonst
. . . ich, ich weiß nicht . . . ich bürge für nichts . . .«
Doch Sofja Petrowna empörte sich immer mehr über die freche Einmengung
dieses fremden Offiziers; eines Offiziers noch dazu, der es gewagt hatte,
in ihrem Schlafzimmer in einem so unanständigen Aufzug zu erscheinen: sie
hob irgendein Kleidungsstück vom Fußboden auf (sie hatte erst jetzt
bemerkt, daß sie selbst im vollständigen Neglige war) und warf es über
sich, darauf drückte sie sich in eine Ecke; und von dort aus dem Halbdunkel
sagte sie entschlossen, das Köpfchen bewegend:
»Vielleicht wäre ich auch nicht hingefahren, aber jetzt, nachdem Sie sich
so eingemengt haben, gehe ich hin, gehe ich gerade hin!«
»Nein, das werden Sie nicht!!!«
»Was ist es?« Es schien ihr, als krachte im Zimmer ein betäubender Schuß;
gleichzeitig tönte ein unmenschlicher Schrei: eine dünne, heisere
Fistelstimme schrie etwas Unverständliches; ein eichener Mann sprang in die
Höhe; ein Sessel fiel krachend um, und ein Faustschlag schlug das billige
Tischchen entzwei, dann flog krachend die Tür ins Schloß, und alles war
ruhig . . .
Die Masurka oben brach ab, Schritte und Stimmen wurden hörbar; schließlich
begann der beunruhigte Nachbar mit einem Besenstiel am Boden zu klopfen, um
damit von oben in gebildeter Weise seinem Protest Ausdruck zu geben.
Sofja Petrowna Lichutina saß zusammengekauert in der Ecke und weinte: zum
erstenmal im Leben stand sie vor solchem Wutausbruch; der Mensch, der
soeben vor ihr stand . . . das war kein Mensch, das war . . . nicht einmal
ein Tier. Vor ihr hatte soeben ein wütender, toller Hund geheult.